Chapter 18.6
(Wer möchte der kann jetzt auf youtube gehen und das folgende Lied dazu hören: Epic Chinese battle music - the Forbidden City 04:10)
Sun Yan und Wei Wuxian dachten keine Sekunde mehr weiter darüber nach, als sie sich schon mit ins Kampfgetümmel schmissen.
Während Sun Yan sein Schwert zog und mithilfe seiner spirituellen Energie sein Schwert lossausen lies, suchte Wei Wuxian etwas Schutz im Dickicht und holte seine Bambusflöte heraus. Auch ihm war die dunkle Energie, welche den Drachen umkreiste aufgefallen und sogleich versuchte er sich diese zu Nutzen zu machen.
Lan Wangji hörte derweil den hohen Ton einer Bambusflöte und sofort suchten seine Augen den Boden, nach einer bestimmten Person ab. Als er Wei Wuxian hinter einem Baum entdeckte, sprang er sofort los und stellte sich schützend vor ihn.
Doch der Drache hatte in diesem Kamp die Überhand. Geschickt wehrte er einen Angriff nach dem nächsten ab und sein Schuppenkleid war eisernd wie aus Stahl.
„Wei Ying!" Sagte Lan Wangji zu Wei Wuxian herüber.
„Es wäre eine Schande solch ein edles Tier einfach zu töten."
Wei Wuxian nickte ihm zu, als er kurz sein Flötenspiel unterbrach.
„Ich weiß, es wird einen Grund für diese schwarze Energie geben. Lass ihn uns gemeinsam heraus finden!"
Lan Wangji holte seine Guqin heraus und im Einklang mit Wei Wuxian's Flötenspiel kombinierten sie ihre Melodien.
Sun Yan gab sich derweil allergrößte Mühe trotz seiner Verletzungen dem Drachen stand zu halten. Er ging an seine Grenzen in disem Kampf und er verbrauchte viel spirituelle Energie, bei dem Versuch, den Drachen in Schach zu halten.
Langsam begann Wei Wuxian's und Lan Wangji's Melodie Wirkung zu zeigen, doch der Drache wehrte sich vehement gegen die betäubende Wirkung des Stückes. Er schrie und wand sich hin und her. Es wurde unkontrolliert und Wei Wuxian, Lan Wangji und Sun Yan mussten stet's auf der Hut sein und ihren Standpunkt mehrmals verlassen.
Die schwarze Energie des Drachen wurde in seiner Rage immer mehr und langsam begann sie wie in einem Windsturm um den Drachen herumzutanzen. Ein Sturm kam auf und brachte die umliegenden Baumkronen zum Schwanken. Der Wind rauschte durch die Blätter, Laub wirbelte auf und Staub und Dreck in der Luft nahm einem die Sicht.
Wei Wuxian veränderte sein Stück und seine Melodie wurde forscher und lauter. Lan Wangji folgte seiner Führung und gemeinsam brachten sie die Luft zum Beben.
Der Drache schien unter Schmerzen zu leiden. Er schrie mit seiner ohrenbetäubenden Stimme und wand sich auf dem Boden hin und her. Die schwarze Energie verließ langsam seinen Körper und bündelte sich zu einem schwarzen Strudel. Sun Yan versuchte derweil mit seiner spirituellen Energie alle Angriffe des zuckenden Drachen abzublocken, denn sein kräftiger Schwanz fegte unkontrolliert durch die Lüfte, doch er wurde mehr und mehr zurück gedrängt.
Als der Drache plötzlich seine Kräfte noch einmal bündelte und sich aus der Betäubung befreien wollte, schrie er laut auf und machte einen gewaltigen Satz nach vorne.
Lan Wangji, Wei Wuxian und Sun Yan mussten schlagartig reagieren und dadurch ihre Position verlassen. Sie sprangen hektisch zur Zeite, unterbrachen dadurch ihr Lied und der Drache geriet wieder erneut außer Kontrolle. Die drei stürzten zwischen ein paar umher liegenden Bäumen, als der Drache zum Angriff ansetzte und mit weit geöffnetem Maul auf sie zugerast kam.
Lan Wangji schaffte es gerade noch an sein Schwert zu fassen und mit einem gewaltigen Wurf, schmiss er sein Schwert Bichen dem Drachen entgegen.
Das Schwert raste umringt von einem blauen Licht los und rammte sich ungebremst in die herausgestreckte, lange Zunge des Drachen.
Der Drache schrie auf und brach seinen Angriff sofort ab. Dunkles, dickes Blut tropfte zwischen seinen spitzen Zähnen heraus, befleckte den Boden und spritzte durch die Luft. Er bäumte sich zu seiner voller Größe auf und schrie in den schrillsten Tönen. Dabei fuhr er seine Krallen weit heraus und sauste dann mit seinem Oberkörper wieder auf die Erde hinab um die drei, die am Boden lagen, unter seinen Füßen zu zerquetschen.
Ihre Augen weiteten sich, als sie gen Himmel blickten, die scharfen Krallen des Drachen ihnen entgegenstachen und begannen auf sie herab zu rasen.
Lan Wangji's bernsteinfarbenden Augen weiteten sich, als er wie aus Reflex an Wei Wuxian's Arm fasste. Denn für einen kraftvollen Gegenangriff war es zu spät.
In diesem Moment hörten sie plötzlich den hohen Ton einer Liuqin, welcher den Himmel in zwei teilte, ein Blitz zog über ihren Köpfen hinweg und ein gigantisches blaues Pentagramm entstand am Himmel.
Der Drache erstarrte wie paralysiert in seiner Bewegung, als das große Pentagramm plötzlich auf ihn niederging.
Die schwarze Energie seines Körpers wurde gedeckelt, seine Kräfte betäubt und unter dem enormen Druck des Pentagramms beugte sich der Drache und wurde nach unten auf die Erde gebunden.
Diese Chance nutzten die drei und sie befreiten sich zwischen den Bäumen und sprangen schnell aus ihrem Engpass wieder heraus.
Wei Wuxian blickte hastig in den Himmel, als er über ihren Küpfen, zwei Personen auf ihren Schwertern in der Luft erblickte.
„Lan Zhan, sieh!" Sagte Wei Wuxian, als er mit seinem Finger in den Himmel deutete.
Doch Lan Wangji hatte erstmal nur Augen für den Drachen, der gerade regungslos am Boden lag und er fasste Wei Wuxian am Arm, um erstmal ihre Distanz schnell zu vergößern. Sun Yan folgte ihnen und als sie auf einem sicheren Abstand zu dem Tier waren, beäugten sie die zwei Gestalten die sich ihnen vom Himmel aus näherten.
Als sie plötzlich eine vertraute Stimme vernahmen, die ihnen entgegenrief, weiteten sich ihre Augen.
„Wangji, Wangji geht es euch gut?" Erklang eine zarte, aber besorgte Stimme.
Als die zwei schwebenden Personen näher kamen, erkannten die drei, dass es sich um Lan Xichen und Bao Tian handelte, die ihnen zu Hilfe eilten.
Ein allgemeines, erleichtertes Aufzeufzen ging durch die Reihe, als Lan Xichen und Bao Tian vor ihnen auf dem Boden landeten.
Lan Xichen machte ein mehr als besorgtes Gesicht.
„Wangji, sind wir zu spät, geht es euch gut? Wir haben die Schreie und die Schneise der Verwüstung gesehen und sind sofort hierher geeilt."
„Bruder..!" Verneigte sich Lan Wangji höflich vor seinem Bruder. Auch die anderen begrüßten sich, trotz der hektischen Lage in der sie sich gerade befanden.
„Wie habt ihr uns gefunden und wo kommt ihr her?" Fragte Lan Wangji interessiert, der immer wieder etwas skeptisch zu dem Drachen herüber blickte.
Lan Xichen lächelte seinen Bruder an.
„Wangji, keine Zeit für Erklärungen. Lasst uns erst gemeinsam etwas gegen diese dunkle Energie tun und versuchen den Drachen von seinem Wahn zu befreien. Ich erkläre euch danach die Situation. Tian?"
Lan Xichen nickte Bao Tian auffordernt zu und dann wendete er sich wieder zu den anderen.
„Ich brauche eure Hilfe."
Alle nickten einvernehmlich, als Lan Xichen schon seine Flöte heraus holte. Bao Tian hatte seine Liuqin schon griffbereit in seinen Händen und auch Wei Wuxian und Lan Wangji griffen nach ihren Instrumenten.
Sun Yan ging lieber einen Schritt zurück und überlies respektvoll den Älteren den Vortritt. Denn nun war Zeit für ihn zu lernen, denn die Aufgabe überstieg sein Können. Alle gemeinsam näherten sich vorsichtig dem Drachen, welcher immer noch unter der Macht des Pentagrammes gefesselt war.
Lan Xichen legte seine schmalen Lippen an die Flöte an und ein klarer, sanfter Ton setzte sich frei. Bao Tian stieg sogleich in das Spiel seines Herren mit ein und auch Lan Wangji und Wei Wuxian zögerten nicht lange um mit vereinten Kräften gegen den Drachen anzutreten.
Das Musikstück wurde immer kräftiger und die Luft begann unter der strömenden, spirituellen Energie zu beben. Der Drache wand sich hin und her und die dunkle Energie begann aus seinem Körper herauszutreten.
Wei Wuxian zögerte nicht lange und er heizte das Stück zusätzlich an. Er übernahm die Führungsrolle und bediente sich an seinem großen Wissensschatz in der demonischen Cultivation. Die anderen folgten seinem Beispiel und mit vereinten Kräften gelang es, mit großem Geschick, die gesamte dunkle Energie zu läutern. Lan Wangji blickte dabei immer wieder zu Wei Wuxian herüber um ihn einerseits nicht aus den Augen zu verlieren und um andererseits seine Guqin harmonisch an Wei Wuxian's Spiel anzupassen. Die Läuterung des Drachen erforderte eine hohe Konzentration und die Männer gingen als Cultivator's an ihre eigenen Grenzen.
Der Blick des Drachen veränderte sich schließlich. Seine Gegenwehr legte sich langsam und seine Augen bekamen wieder einen friedlichen und sanften Ausdruck.
Die vier beendeten ihr Stück und alle blickten gespannt auf das praktvolle Tier, welches nun zahm und ruhig unter dem Schimmer des Pentagramms am Boden lag.
„Was für ein Wesen!" Sagte Wei Wuxian, als er seine Bambusflöte wieder in seinen Gürtel steckte.
„Man fühlt sich fast magisch zu ihm hingezogen."
Wie aus Reflex machte Wei Wuxian einen Schritt auf den Drachen zu, doch Lan Wangji packte ihn schnell am Arm und hielt ihn fest.
„Geh nicht. Auch wenn er durch das Pentagramm gebunden wird, so ist es doch ein wildes Tier."
Lan Xichen nickte bestätigend.
„Wangji hat recht. Wir dürfen ihn nicht unterschätzen. Sollte jetzt das Pentagramm seine Kraft verlieren, könnte dies übel für uns ausgehen."
„Und was machen wir jetzt mit ihm?" Fragte Bao Tian während er lässig seine Liuqin über seine Schulter warf.
Lan Xiche lächelte in die Runde.
„Ich werde ihn nun schlafen legen. In der Zeit können wir Verstärkung holen und uns um die vielen Verletzten kümmern. Wenn wir uns alle wieder aus dem Berg zurück gezogen haben, kann der Drache wieder aufwachen und sich entfernen, wohin es ihn beliebt. Somit ist die Night Hunt beendet."
Alle nickten einvernehmlich, als sie plötzlich im Augenwinkel sahen wie Sun Yan sich hinter ihnen auf den Drachen zugeschlichen hatte.
Seine grünen Augen funkelten wissensdurstig und mit einem staunenden Gesicht betrachtete er das majestische Tier, welches vor ihm am Boden lag.
Fast wie in einer Trance streckte er langsam seine Hand nach der Schnauze des Tieres aus.
Doch gerade als seine Fingerkuppen fast das blaue Schuppenkleid berührten, zog der Drache plötzlich die Luft durch seine Nase ein und nahm die Fährte auf.
„NICHT!" Rief Bao Tian aus, der Sun Yan am nächsten stand. In windeseile machte er einen großen Satz auf Sun Yan zu, umfasste ihn von hinten und zog ihn in letzter Sekunde zurück.
In diesem Moment riss der Drache sein Maul weit auf und schnappte nach vorne in die Luft. Seine Zähne, so spitz wie Rasierklingen und dicht aneinander gereiht, schnappte nur um haaresbreite daneben und Bao Tian und Sun Yan fielen nach hinten in das Gras.
Alle Schreckten auf, als Sun Yan mit weit geöffneten Augen zwischen Bao Tian's Schoß landete und wie aus einem Traum gerissen, in das weit aufgesperrte Maul des Drachen starrte.
„BIST DU VERRÜCKT!" Donnerte Bao Tian los, dem vor Schock fast das Herz stehen geblieben war.
Alle Schnauften erleichtert auf, als sie sahen, dass den beiden nichts passiert war.
Bao Tian schüttelte Sun Yan von hinten an den Schultern.
„Bist du wahnsinnig? Das hätte deine Hand sein können. Nein was rede ich da, es hätte dein ganzer Arm sein können. Hatte Huan nicht gerade gesagt wir sollen nicht an den Drachen rangehen? Herr Gott nochmal, hast du mir einen Schrecken eingejagt." Bao Tian schüttelte seinen Kopf, als er sich erstmal Luft machte.
Wei Wuxian der die ganze Situation mitverfolgte musste trotz der Situation plötzlich schmunzeln, als er die Standpauke von Bao Tian hörte. Sun Yan saß fast wie ein kleiner eingeschüchterter Junge, der gerade von seinem Vater zurecht gewiesen wurde, im Gras und sein unschuldiger Blick und seine flüchtigen Ausreden machten die Situation fast ein wenig komisch und liebreizend.
Schließlich klatschte Wei Wuxian in seine Hände.
„Tian, Tian. Sei nicht so forsch mit ihm. So ist die Jugend schließlich. Waren wir besser? Ist doch nichts passiert. Beim nächsten mal, passen Wangji und ich auf unseren Kleinen hier besser auf."
Sun Yan's Stirn zog sich kraus.
„Ich bin nicht klein. Und aufpassen muss auf mich erst recht keiner." Sagte er aufmüpfig, nachdem der erste Schock wieder verdaut war.
Bao Tian lachte laut auf, als er aufstand und Sun Yan am Arm mit nach oben zog.
„Ach komm, lass Wei Wuxian die Freude. Er plustert sich jetzt hier einmal groß auf, weil mal einmal nicht er der Tölpel war, der mit offenen Armen sich in eine missliche Lage katapultiert hat. Es sei ihm gegönnt, dass er sich auch mal groß aufspielen darf und wen anderes als „Kleinen" bezeichnen kann, wo doch normalerweise ihm der Titel vorbehalten ist."
Wei Wuxian stutzte.
„Bitte? Tian wovon redest du. Alte Männer wie du..."
Doch plötzlich wurde Wei Wuxian mitten im Satz unterbrochen, als Lan Wangji mit einer regungslosen Miene seine Hand vor Wei Wuxian´s Mund hielt. Man hörte nur noch sein lautes Nuscheln und seine Augenbrauen zogen sich angestrengt zusammen, als Lan Wangji ihn festhielt und ihn zum Schweigen brachte.
Bao Tian's Augen weiteten sich, als er sich groß machte und gerade einen empörten Schritt auf Wei Wuxian zumachen wollte.
„Was hast du gerade gesagt?"
Doch Lan Xichen trat mit einem Schritt davor, bremste Bao Tian ab, räusperte sich und sagte schlichtend.
„Schluss die Herren. Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt euer aufgestautes Testosteron hier unaufgerfordert durch die Luft zu blasen. Wir sollten uns erst um den Drachen kümmern, danach könnt ihr weiterspielen."
Lan Wangji blickte seinen Bruder irrietiert an, als er sich verwundert fragte, ob sein Bruder gerade tatsächlich diese ausgeschmückte Formulierung ausgesprochen hatte.
Nachdem Wei Wuxian in seinem Arm endlich aufhörte sich zu wehren und nicht mehr mit unzufriedenem, lautem Genuschel hinter seiner Hand hervorsummte, lies er Wei Wuxian schließlich los.
Wei Wuxian atmete einmal tief ein, als sein Mund endlich wieder freigegeben wurde.
Sun Yan mischte sich schließlich wieder interessiert in die lebhafte Runde mit ein.
„Und wer legt den Drachen nun schlafen?" Fragte er vorsichtig, während er noch einmal zu dem Tier herüber blickte.
Bao Tian zeigte lässig auf Lan Xichen.
„Huan wird das machen. Lasst uns ein Stück an die Seite gehen."
Wei Wuxian, Lan Wangji, Bao Tian und Sun Yan machten einen Schritt nach hinten, als Lan Xichen sich wieder den wichtigeren Dingen zuwandte.
Langsam schritt er an ihnen vorbei und nähert sich vorsichtig dem Drachen. Er griff in seinen Kragen und zog einen Talisman heraus. Sein Zeigefinger und Daumen strichen über das dünne Papier und über seine Lippen flüsterte er leise Worte.
Ein helles Licht schimmerte kurz von dem Talisman auf, als Lan Xichen seine Hand aussttreckte und der Talisman sich auf die Stirn des Drachen legte.
Augenblicklich schloss der Drache seine Augen, es wurde ganz still, die Atmung des Tieres wurde flach und gleichmäßig und schließlich rührte er sich nicht mehr.
Lan Xichen näherte sich nun mit Vorsicht dem Tier und als es so schien, dass keine Gefahr mehr von ihm ausging, berührte Lan Xichen mit seiner Flachen Hand den Nasenrücken des Tieres.
Er schloss seine Augen, während er mit seiner andereren Hand etwas in die Luft schrieb. Seine spirituelle Energie leuchtete auf und die Schrift flackerte in einem hellen blau. Dazu sprach Lan Xichen leise Worte, als ein heller Lichtschimmer von Lan Xichen's Hand in den Drachen fuhr.
Alle schauten gespannt auf Lan Xichen und den Drachen und seine grazilen und klaren Bewegungen waren beruhigend anzusehen.
Die Nüstern des Drachen blähten sich noch einmal groß auf, als er tief Luft holte und dann langsam in das Reich der Träume gleitete.
Lan Xichen entfernte mit einer geschickten Handbewegung wieder den Talisman von der Stirn des Drachen und strich nocheinmal über den schuppigen Nasenrücken des schlafenden Tieres.
Dann drehte er sich wieder um und lächelte die anderen vier an.
„So, er sollte nun eine Weile freidlich schlafen. Das Pentagramm, welches ihn am Boden bindet, werde ich noch so lange aufrecht erhalten, bis wir den Berg wieder alle sicher verlassen haben. Nur um sicher zu gehen."
Alle nickten einvernehmlich und betrachteten noch einen kurzen Moment den schlafenden Drachen.
Sun Yan zögerte erst, doch dann fragte er vorsichtig.
„Kann ich wohl jetzt den Drachen einmal anfassen?"
Alle Blicke schwenkten zu Sun Yan herüber, dann zurück zu dem Drachen und dann zu Lan Xichen herüber.
Wei Wuxian unterbrach die Stille und fing plötzlich an vergnügt zu Kichern. Er ging auf Sun Yan zu, schwang seinen Arm brüderlich über seine Schulter und schliff ihn dann mit sich mit.
„Sun Yan, Sun Yan. Es gibt eine Regel im Leben und die lautet: Wir betatschen niemals, nichts und niemandem im Schlaf. Auch wenn wir das gerne möchten und unsere Neugierde uns in den Wahnsinn treibt!"
Seine Stimme hatte einen belustigten Klang und während die anderen etwas bemitleidenswert zu Sun Yan herüber blickten, setzten sich alle in Bewegung und gingen ihren Weg wieder den Berg hinab.
Sun Yan schaute Wei Wuxian grimmig an und versuchte sich ihn etwas vom Hals zu halten.
„So wie du es beschreibst klingt es unanständig. Steck mich nicht mit dir zusammen in die gleiche Schublade."
Bao Tian lachte, als sie alle den beiden hinterher schritten.
„Gerade diese Lebensweisheit von Wei Wuxian zu hören. Er ist gewiss nicht das beste Vorbild dir diesen Anstand beizubringen. Wahrscheinlich spricht er eher aus schlechter Erfahrung...haha."
Wei Wuxian machte eine abweisende Handbewegung nach hinten zu Bao Tian, als er dann zu Sun Yan sagte:
„Hör nicht auf ihn. Glaub mir, von meinen Erfahrungen kannst du nur profitieren. Und außerdem..."
Wei Wuxian streckte seinen Zeigefinger aus und berührte vorsichtig eine Kratzspur auf Sun Yan's Nase.
„Und außerdem...steht uns die gleiche Schublade ganz gut, meinst du nicht?" Wei Wuxian grinste Sun Yan breit an.
„Sei still...!" Zischte Sun Yan, während er mürrisch in Wei Wuxian's Klammergriff den Weg entlang geschliffen wurde.
Lan Wangji blickte Wei Wuxian und Sun Yan noch kopfschüttelnd nach, als er sich derweilen seinem Bruder etwas annäherte. Schließlich ergriff er das Wort:
„Bruder, du hast uns noch gar nicht berichtet, wieso du und Bao Tian hier seid?"
„Du hast recht. Nun haben wir Zeit und die Ruhe. Ich werde es euch erzählen." Sagte Lan Xichen mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen.
Alle hörten gespannt zu, als Lan Xichen zu erzählen begann:
„Tian und ich sind zunächst zum Tai Yan Clan am Fuße des Berges gereist. Ihr Sect Leader war es auch, der die offene Night Hunt ausgesprochen hatte. Ich hatte mich zunächst mit ihrem Sect Leader unterhalten, denn es kam mir doch äußerst seltsam vor, dass ein Wasserdrache plötzlich Menschendörfer angriff. Zumal der Berg von Changnan schon seit vielen tausend Jahren Wasserdrachen beherbergte und es gibt kaum sichere Quellen die von Übergriffen dieser Tiere berichteten.
Nach einer Weile räumte der Tai Yan Sect Leader auch ein, dass es auch in der Stadt Changnan zu seltsamen Vorkommnissen gekommen war. Überfälle und Morde suchten wohl die Stadt heim.
Daraufhin beschlossen Tian und ich zunächst einmal die Stadt zu besuchen. Es war gar nicht so einfach ein paar glaubwürdige Informationen herauszufinden, da die Menschen in Changnan Fremden gegenüber sehr skeptisch waren und gerade die Welt der Cultivation, ist den normalen Menschen nicht ganz geheuer.
Ein junges Mädchen erzählte uns schließlich von einer großen Gruppe Banditen, die sich wohl irgendwo in Changnan niedergelassen hatten und nun in dem Umkreis ihr Unwesen treibten.
Scheinbar war es ein lohnenswertes Geschäft, zumal die heißen Quellen am Fuße des Berges für den durchgängigen Tourismus sehr beliebt waren.
Tian und ich brachen also zum Berg auf und suchten nach der Banditen Gruppe. Ich hatte so eine leichte Vermutung und so bestiegen wir direkt die Spitze des Berges und suchten zunächst nach dem Nest des Drachen.
Es dauerte auch nicht lange bis wir es fanden, denn schon auf Entfernung verströmte es eine große Menge dunkle Energie. Die Atmosphäre war bedrückend.
Der Drache hauste in einer großen Höhle, die so tief in den Berg hineinging, dass sich in der Mitte eine große heiße Quelle befand. Diese Höhle war ohne Zweifel das Nest des Drachen und als wir sie betraten war uns erst das volle Ausmaß bekannt.
Die Banditen hatten die Höhle des Drachen zu ihrem Versteck auserkoren und sich dort niedergelassen. Nach der scheuen Natur der Wasserdrachen zu beurteilen, hat sich dieser wahrscheinlich erst tiefer in die Höhle zurückgezogen und sich sicher versteckt. Jedoch haben die Banditen ihre Beute von den Streifzügen, aber auch Männer, Frauen und Kinder dorthin geschleppt. Ihr könnt euch vorstellen, wie es den Gefangenen ergangen haben musste. In der heißen Quelle entdeckten Tian und ich unzählige Leichen. Die Banditen mussten ihre Körper, nach dem sie mit ihnen fertig waren in der heißen Quelle entsorgt haben. Ihr könnt euch vorstellen, dass es nicht lange dauerte bis das Wasser trüb wurde, umkippte und dunkle Energie sich ausbreitete. Ich weiß nicht wie lange der Drache dort verharrt hatte aber irgendwann muss die dunkle Energie zu stark gewesen sein und er hatte zu viel aufgenommen. Er geriet in einen Wahn und war nicht mehr er selbst..."
Lan Xichen hörte für einen Moment auf zu sprechen. Als er die Geschichte erzählte, hörte man in seiner Stimme eine deutliche Traurigkeit und er schüttelte leicht den Kopf hin und her, als er über die schicksalhaften Zusammenhänge nachdachte.
Sun Yan schaute nachdenklich kurz in den Himmel als er neugierig fragte:
„Und was ist nun aus den Banditen geworden?"
Lan Xichen lächelte über Sun Yan's fortschreitende Neugierde.
„Die Banditen hatte ihr Schicksal ereilt und wahrscheinlich genau jenes, welches sie selbst heraufbeschworen hatten. Als der Wahn in den Drachen gefahren war und er der dunklen Energie nicht mehr standhalten konnte, ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit wütend über sie hergefallen und hat sie übel zugerichtete. Die Leichen der Banditen lagen überall verteilt. Ich denke es hat niemand überlebt.
Ich habe daraufhin Tian zurück zum Tai Yan Clan geschickt um Verstärkung zu holen. Wir haben angefangen die Leichen alle zu Bergen und begonnen die Höhle und die heiße Quelle wieder spirituell zu reinigen. Es war in jenen Augenblicken, als wir den Drachen laut schreien hörten und Tian und ich euch schleunigst zu Hilfe geeilt sind."
Bao Tian nickte bestätigend mit dem Kopf, während er sich selbst auf die Schulter klopfte.
„Seht ihr, was Huan und ich schon alles auf die Beine gestellt haben in der Zeit wo ihr ein wenig Stöckchen mit dem Drachen gespielt habt?"
„Tsss!" Schnallste Wei Wuxian mit seiner Zunge.
„Ein wenig sagt er! Gib nicht so an, Tian. Nur weil Lan Xichen hinter dir steht...Alleine hätte die Geschichte bestimmt einen andern Verlauf genommen." Warf Wei Wuxian frech herüber, als er seine Zunge zu Bao Tian herausstreckte.
Lan Wangji räusperte sich, ergriff das Wort und sorgte wieder für Ordnung und einem wichtigeren Gesprächsthema.
„Das heißt, der Fall um die seltsamen Morde des Drachen sind aufgeklärt. Die Banditen haben sich durch ihre Tat selbst zu ihrem Ende verholfen, die Höhle des Drachen ist wieder gereinigt und auch der Drache konnte erfolgreich wieder beruhigt und geläutert werden.
Bleibt uns nur noch den Verletzten zu helfen."
Lan Xichen nickte bestätigend.
„So sieht es aus. Bis jetzt ist alles gut verlaufen. Ich hoffe auch der Rest wird reibungslos funktionieren. Aber wärst du, Wangji und Wei Wuxian nicht gewesen, und natürlich auch du Sun Yan, weiß ich nicht ob wir dem Drachen alleine hätten retten können. Es war eine große Aufgabe und Drachen sind wahrlich mächtige Wesen."
„Hm." Stimmte Lan Wangji seinem Bruder zu, als Lan Xichen's Blick erneut zu Sun Yan herüber fiel.
„Da fällt mir ein, Sun Yan, Tian und ich haben Sect Leader Jiang Cheng alleine im Berg gesehen gesehen, als wir hierher geeilt sind. Warum seid ihr nicht zusammen?"
Wei Wuxian zuckte plötzlich zusammen, als er den Namen seines Bruder's hörte. Vor lauter Aufregung um den Drachen hatte er gar nicht mehr darüber nachgedacht, dass sie Jiang Cheng den Rücken zugekehrt hatten und Lan Wangji zu Hilfe geeilt waren. Wei Wuxian's Blick fuhr hektisch zu Sun Yan herüber, als er in ein trauriges Gesicht blickte.
In Sun Yan's Gesicht stand groß geschrieben, dass er auf keinen Fall Jiang Cheng vergessen hatte. Eine tiefe Falte legte sich zwischen seine Augenbrauen und er blickte besorgt drein. Leise sagte er:
„Ja ihr habt recht. Ich sollte mich bald auf den Weg machen und zu ihm zurückkehren, bevor er schon zu weit weg ist."
Plötzlich blieben alle stehen und schauten auf Sun Yan, der gerade eher wie ein ausgesetzter Welpe wirkte, anstatt wie jemand der freiwillig seinen Herren im Stich gelassen hatte.
Lan Xichen schnaufte leise aus seiner Nase, als er ein freundliches Lächeln auflegte.
„Sun Yan, ich denke in diesem Fall, solltest du zusehen, dass du zu deinem Herren wieder zurückkehrst. Er macht sich bestimmt schon Sorgen. Und außerdem, sollten deine Wunden versorgt werden."
Sun Yan blickte Lan Xichen unentschlossen an.
„Aber... Was ist mit den Verletzten?" Fragte er pflichtbewusst.
Lan Xichen schloss für einen kurzen Moment seine Augen, als er ihm wohlgesonnen zunickte.
„Überlass diese Aufgabe ruhig uns. Ich denke Männer vom Tai Yan Clan werden schon lange da sein und ihr bestes tun. Wir werden gleich dazu stoßen und sehen was wir noch tun können. Ich denke, dass werden wir gut alleine schaffen, kehre du lieber zu Jiang Cheng zurück."
Sun Yan blickte unschlüssig zum Boden, als Wei Wuxian ihn an der Schulter anstupste:
„Lan Xichen hat recht. So wie ich Jiang Cheng kenne, schmollt der irgendwo in einer Ecke, aber innerlich macht er sich Sorgen und hofft, dass du ihn Suchen gehst.
Hm? Na los! Geh schon zu ihm!" Wei Wuxian schüttelte Sun Yan leicht an der Schulter um ihn zum Bewegen aufzufordern.
Nach einem kurzen Moment des Schweigens blickte Sun Yan wieder auf.
„Ja, ich denke es ist das Beste wenn ich ihn suchen gehe und mich bei ihm entschuldige."
Wei Wuxian zog die Stirn kraus und schaute ihn mit Unverständnis an.
„Wozu um alles in der Welt willst du dich bei ihm entschuldigen? Er war im Unrecht, nicht wir. Es war die einzig richtige Entscheidung die jeder gefällt hätte. Mitten wärend eines Kämpfes eine alte Diskussion zu starten...pfffft." Wei Wuxian verschränkte seine Arme vor seiner Brust und tippte mit seinem Zeigefinger unruhig auf und ab.
Sun Yan nickte mit einem erzwungenem Lächeln.
„Ich denke du hast recht. Aber trotzdem...so wie ich Jiang Cheng kenne..." Sagte Sun Yan nachdenklich, während er sich innerlich schon die größten Szenarien ausmalte wie Jiang Cheng wohl toben wird, wenn er wieder zu ihm zurückkehrt.
Plötzlich schnaufte Bao Tian auf, welcher interessiert das Gespräch zwischen Wei Wuxian und Sun Yan verfolgt hatte.
„Ich denke wie wir alle Jiang Cheng kennen, wird sein Temperament nicht besser werden mit jeder Minute die du hier noch länger rumtrödelst. Ich würde jetzt meine Sachen packen und mit meinem kleinen Hintern zügig zusehen, dass ich ihn wieder finde. Denn wenn ich mir deinen Rücken so ansehe, war er ohnehin heute schon nicht so gut drauf. Oder liege ich damit falsch?"
Sun Yan zuckte zusammen und als er die Blicke aller sah, die prüfend auf ihn gerichtete waren, sagte er leise:
"Da kann er nichts für...es war meine Schuld...erwollte nicht..."
Schließlich unterbrach Lan Xichen das Gespräch, indem er auf Sun Yan zuging. Er berührte ihn an der Schulter und sagte freundlich.
„Sun Yan, lass dich nicht von Tian in eine Ecke drängen. Er liebt es nur seine Späße mit einem zu Treiben, selbst wenn sie unangebracht sein sollten.
Wenn du Hilfe brauchst, kannst du dich stet's an den Gusu Lan Clan wenden. Unsere Türen stehen dir jederzeit offen."
Ein zartes Lächeln flog über Sun Yan's Lippen und er verneigte sich respektvoll vor Lan Xichen und dankte ihm.
Er nahm sich die Zeit sich bei jedem noch einmal zu verabschieden und besonders mit Wei Wuxian und Lan Wangji tauschte er noch kurz ein paar Worte aus, ehe er mit einem Lächeln auf dem Gesicht im Dickicht verschwand und ihnen zuwunk.
Alle setzten sich wieder in Bewegung, während Wei Wuxian noch einen kurzen Moment verweilte und Sun Yan besorgt hinterher blickte.
„Meint ihr, es ist wirklich eine gute Idee ihn alleine zurück gehen zu lassen?"
Lan Wangji schritt an Wei Wuxian vorbei und zog ihn behutsam am Arm mit sich mit und sagte mit ruhiger Stimme:
„Ich bin mir sicher, dass Jiang Cheng die ganze Zeit in der Nähe war und über ihn gewacht hat. Sie werden sicher bald aufeinander treffen."
Mit diesem Satz lies sich Wei Wuxian bereitwillig abschleppen und die vier stießen bald auf die anderen Cultivator's, welche schon dabei waren sich um die Verletzten im Berg von Changnan zu kümmern.
Sogleich machten sich sich mit an die Arbeit und halfen den anderen sich um die Verletzten zu kümmern, sie zu versorgen und bereit für den Transport hinunter in die Stadt zu machen.
Sun Yan schritt währenddessen nachdenklich durch den Wald.
-War Jiang Cheng wirklich in der Nähe? Hatten die anderen Recht und er machte sich wirklich Sorgen um ihn?-
Seine Gedanken kamen ins Rotieren.
Sun Yan schritt mit einem mulmigen Gefühl im Bauch weiter den Berg hinab. Seine Gedanken wanden sich weiter ihren Weg durch die Ungewissheit.
-Wo sollte er Jiang Cheng suchen? Oder hatte er vielleicht schon ohne ihn den Wald wieder verlassen? War er nun alleine?-
Sein Kopf füllte sich mit dunklen Gedanken, als er reumütig nach seinem Herren ausschau hielt und durch das Unterholz kletterte.
Doch Plötzlich spürte er eine rasant nähernde Präsens hinter sich und ein leises Knacken durchbrach die einsame Stille. Eine Hand streckte sich blitzschnell von hinten nach ihm aus und legte sich grob auf seinen Mund.
Sun Yan riss vor Schock seine Augen weit auf, als er losschreien wollte, doch die Hand erstickte jeden Ton in seiner Kehle.
Eine zweite Hand griff ihn sofort fest an der Schulter, zog grob an ihm und schleuderte ihn mit seinem Rücken gegen einen Baum.
Sun Yan's Mund öffnete sich weit vor Schmerz, als er mit seinem verletzten Rücken gegen die harte Rinde des Baumes stieß. Gerade als er seine Hände schützend nach vorne ausstrecken wollte, ergriff eine Hand seine Kehle und drückte ihn fest gegen den Baum.
Sun Yan würgte und hustete leicht, als seine Kehle gewaltsam zusammengedrückt wurde. Als er seinen Blick erschrocken nach vorne richtete, spiegelte sich die Kontur einer Person in seinen weit aufgerissenen, grünen Augen wieder.
