Chapter 20.6

Bao Tian's braune Augen weiteten sich und in der Tiefe seines Blickes spiegelte sich Jinan Liang's schönes Gesicht wieder.
Ein Stich fuhr durch sein Herz und sein Körper wurde von einem kurzen Beben heimgesucht, als er für einen Moment das Gefühl hatte das Gleichgewicht zu verlieren.
Alles um ihn herum begann zu verschwimmen und wie in Trance sah er die hübsche, junge Frau vor sich wie sie mit Lan Xichen und Lan Qiren in´s Gespräch vertieft war.

Sie war schön, wunderschön und er selbst musste sich eingestehen, dass obwohl sie auf den ersten Blick in seinen Augen noch ein Kind zu sein schien, sie von einer unwiderstehlichen Lieblichkeit begleitet wurde.

Es war Jahre her, dass Bao Tian Jinan Liang das letzte Mal gesehen hatte und das auch nur eher flüchtig. Damals war sie noch zu jung für politische Zusammenkünfte und die Männer bekamen sie nur selten zu Gesicht.
Doch jetzt kamen Zweifel in Bao Tian auf und sein Herz wurde rastlos.
Wie sollte ein Mann dieser Schönheit, mit dem Lächeln eines Engels, nur widerstehen?
Er holte einmal ruckartig Luft und legte seine Hand auf sein schmerzendes Herz, welches nervös in seiner Brust zu flattern begann.
Seine Zuversicht kam in's Schwanken, als er sich eingestehen musste, wie harmonisch und natürlich der Anblick von Jinan Liang an Lan Xichen's Seite war.

Die Partnerschaft zwischen Mann und Frau barg eine unumstrittene, immerwährende Befriedigung für die Gesellschaft mit sich, welche Bao Tian als Mann niemals imstande wäre zu erfüllen. In diesem Moment, wo er die beiden zusammen sah und die glücklichen Gesichter ihres Vaters Jinan Yi und Lan Qiren's erblickte, wurde ihm diese schmerzhafte Realität bewusst und der bloße Gedanke daran, Lan Xichen vielleicht nicht glücklich machen zu können, raubte ihm fast den Verstand.

Bao Tian's blick fiel zu Boden, als seine Atmung plötzlich rau und unruhig wurde. Ihm wurde leicht schwarz vor Augen und kalter Schweiß perlte auf seiner Stirn.

Lan Wangji blickte dezent zur Seite, als er plötzlich Bao Tian in seiner schlechten Verfassung bemerkte. Gerade als er seine Hand vorsichtig nach ihm ausstrecken wollte und ihn leise ansprechen wollte, riss dieser plötzlich den Kopf hoch, machte auf dem Absatz kehrt und verließ die Versammlung.
Alle sahen sich überrascht um, als sie Bao Tian's fluchtartiges Verschwinden bemerkten.

Lan Xichen wurde ebenfalls aufmerksam und schaute ihm etwas besorgt nach. Seine Mundwinkel spannten sich kurz an und seine Finger zuckten auf, als er der Versuchung nachgehen wollte ihm zu folgen. Doch Lan Qiren stellte sich unauffällig vor Lan Xichen und blockte ihn ab, schnell ergriff dieser das Wort:
„Entschuldigt sein Verhalten. Ich bin mir sicher es ist nicht euch geschuldet. Aber er war schon immer eher ein Freigeist, keiner weiß was in seinen Gedanken manchmal vor sich geht. Lan Xichen wird ihn sicher später desswegen noch belangen."

Jinan Yi lächelte freundlich, als er wohlwollend nickte.
„Sicher, keine Ursache. Ich denke Lan Xichen wird am Besten wissen wie er mit seinen Untertanen verfahren soll. Ich vertraue dort auf sein Urteil, wobei es an mir nicht liegen soll. Mir ist durchaus bewusst, dass Bao Tian ein hohes Ansehen hier im Gusu Lan Clan genießt und es nicht immer einfach ist, Freigeister wie ihn, zu händeln."

Lan Qiren nickte mehrfach und lächelte über die Situation hinweg, während Lan Xichen einmal beherrscht tief einatmete. Es störte ihn, wann immer jemand Bao Tian einen Freigeist nannte und es so ausgelegt wurde, als wäre er nur ein ungezähmter Untertan, welcher sich nicht benehmen konnte.
Bao Tian's markantere Erscheinung, mit dem etwas dunkleren Hautteint und den leicht gewellten Haaren, gab sein übriges dazu und so mangelte es den meisten Außenstehenden, konservativen Cultivator´s daran ihn auf Augenhöhe zu betrachten.

Lan Qiren, dem durchaus die Missgunst in Lan Xichen's Gesichtsausdruck auffiel überspielte schnell die Situation mit einem anderem Thema und lenkte die Aufmerksamkeit geschickt um, indem er seine Gäste einlud sich nun in ihrer Unterkunft niederzulassen.

Jinan Liang dagegen stand noch etwas wie erstarrt auf ihrem Fleck und schaute Bao Tian mit einem tiefgründigen und bekümmerten Blick nach, welcher jedoch zu diesem Zeitpunkt für noch niemanden an Bedeutung gewann, da seine Herrkunft noch ungewiss war.

Wei Wuxian, dem kein Detail entging und aus sicherer Entfernung aufmerksam alles aufgesaugt hatte, was er zu sehen und zu hören bekam, blickte noch kurz Bao Tian hinterher, ehe er einen kurzen Blick zu Lan Wangji herüber warf. Dieser entgegnete seinen Blickkontakt und die beiden verstanden sich ohne miteinander sprechen zu müssen.

Die Versammlung löste sich schließlich langsam wieder auf und die Gäste wurden in ihren Quartieren für die Zeit ihres Besuches untergebacht. Der Alltag in der Cloud Recesses lief langsam wieder an und jeder ging wieder seinen eigenen Aufgaben und Pflichten nach. Jeder, bis auf einen Mann, welcher wieder einmal für den Rest des Tages nicht mehr gesichtet wurde und somit seinem Ruf als Freigeist dieses mal alle Ehre machte.

Jedoch gab es mittlerweile in der Cloud Recesses einen weiteren Freigeist, der durch und durch gerissen und durchtrieben war und dem es ein Leichtes war, den vermissten Mann ausfindig zu machen.


Es war Abend geworden und das gemeinsame Abendessen im großen Pavillon war beendet. Lan Xichen hatte von nun an alle Hände voll zu tun und Lan Qiren und Jinan Yi nutzten jede Gelegenheit um Jinan Liang und Lan Xichen zusammen zu bringen. Natürlich war sich Lan Xichen seiner Pflichten bewusst und er war ein guter Gastgeber und ein ehrenvoller Mann und stand zu seinem Wort, sodass er sich auch tatsächlich Jinan Liang mit voller Hingabe widmete und versuchte für die Zeit ihres Besuches die Auseinandersetzung mit Bao Tian zu vergessen.

Wei Wuxian dagegen sprang in windeseile vom Esstisch auf, stopfte sich noch die letzten Reiskörner in die vollen Backen und meldete sich dann ordnungsgemäß bei Lan Wangji ab. Danach suchte er augenblicklich das Weite und bog schnell in die große Küche ein und packte sich etwas Essen zusammen und verstaute dieses in einem Tuch, welches er sich um den Rücken band.
Dann rauschte er durch die Cloud Recesses und verschwand ungesehen im Dickicht.

Wei Wuxian wusste ganz genau wo er nach Bao Tian suchte musste. Er wusste, das er soweit gehen würde um seinen nötigen Abstand zu gewinnen aber gleichzeitig so nah in Rufweite bleiben würde, dass er Lan Xichen nicht aus den Augen verlieren würde.

Nachdem Wei Wuxian ein wenig durchs Unterholz gekrochen war und einen kleinen Berg im hinteren Teil zu den Grenzen der Cloud Recesses erklommen hatte, gelang er an einen kleinen See mit einem großen Baum auf einer Lichtung. Und genau dort, fand er auch Bao Tian, welcher unter dem großen, schattigen Baum am Ufer saß und am Schnitzen war.

Wei Wuxian kam langsam aus dem Dickicht hervor und ging mit leisen Schritten auf Bao Tian zu. Dieser bemerkte ihn sofort und nachdem er kurz aufschreckte, lies er zügig seine Schultern wieder entspannt fallen, als er erkannte, dass es sich nur um Wei Wuxian handelte.

Neben Bao Tian lag im hohen Gras seine Liuqin und als Wei Wuxian schließlich direkt neben ihm zum Stehen kam erkannte er, dass Bao Tian eine kleine Holzfigur geschnitzt hatte. Und die sogar ziemlich gut und Wei Wuxian ging in die Hocke und bestaunte das Kunstwerk.
„Wow, nicht schlecht. Ich wusste gar nicht, dass du so gut schnitzen kannst. Und dann noch eine kleine Eule. Wieso kannst du das?"

Bao Tian, der erst jetzt Wei Wuxian eines ersten Blickes würdigte hörte auf zu Schnitzen und drehte die kleine Holzfigur ein paar Mal in seinen Händen hin und her. Es verging ein kurzer Moment, als er schließlich mit tiefer Stimme ruhig antwortete:
„Meine Kinder...früher habe ich viel für sie geschnitzt..."

Wei Wuxian's Mundwinkel zogen sich kurz kraus zusammen. Es kam nicht oft vor, aber in diesem Moment fehlten ihm die passenden Worte und so hüllte er sich in Schweigen und hielt kurz Inne.

Bao Tian atmete einmal tief ein, als er das Messer zur Seite legte und die Eule vor sich ins Gras fallen lies.
„Und..." Sagte er ruhig.
„Wie hast du mich gefunden?" Dabei warf er Wei Wuxian einen nekischen Blick zur Seite herüber und für einen kurzen Moment leuchtete seine sonst so unbefangene Art wieder auf.

Über Wei Wuxian's Lippen flog ein leichtes Schmunzeln.
„Ich habe dich nicht gefunden, denn ich musste erst gar nicht suchen. Es war offensichtlich wo du dich vor der Arbeit drücken würdest." Sagte Wei Wuxian salopp, während er seine Ellenbogen auf seinen Knien anszützte und dann sein Kinn in seine Hände fallen lies.

Bao Tian wühlte mit seiner Hand im Gras umher, ergriff einen kleinen Stock und warf diesen mit einer lockeren Armbewegung in den See.
„Huan hat mich nie gefunden..." Sagte er feststellend.

Wei Wuxian schnaufte durch seine Nase, während er ein Auge frech schloss.
„Lan Xichen ist auch ein "Lan". Ich bin ein "Wei", das kann man nicht miteinander vergleichen. Freigeister wissen halt wo sich andere Freigeister befinden."

„Hmp" Schnaufte Bao Tian über seine Lippen.
„Ich bin kein Freigeist. Ich bin einfach nur keine leblose, konservativer Hülle die ohne Verstand am Leben vorbei zieht und bedingungslos tut was man von ihr verlangt."

„Siehst du, und das ist ein Freigeist." Sagte Wei Wuxian, während er seinen rechten Zeigefinger aufmerksam nach oben in die Luft streckte.
„Und genau dafür habe ich dir zu Danken. Denn es scheint, dass du in den Jahren meiner Abwesenheit die Welt der Cultivator´s auch ganz gut alleine auf Trab gehalten hast."

Bao Tian lachte leise auf.
„Steck mich nicht mit dir in einen Sack. Der Fall "Wei Wuxian" ist eine ganz andere Hausnummer. Komm mir bloß nicht zu nahe hier, deine Grenzenlosigkeit färbt noch auf mich ab." Mit diesem Satz wedelte er leicht abweisend mit seiner Hand in der Luft herum.

„Tsss" Schnallste Wei Wuxian mit seiner Zunge.
„Da will man mal einmal nett sein...Wie noch immer... Aufjedenfall hast du gelacht. Dein dummes Grinsen steht dir nämlich deutlich besser, als diese niedergeschlagene Theatralik. Wo ist nur dein Spirit geblieben?"

Bao Tian legte seinen Kopf zur Seite und blickte Wei Wuxian an.
„Anstatt hier große Reden und schlaue Sprüche zu klopfen...möchtest du mir nicht lieber das geben, wesswegen du eigentlich hier bist?"
Bao Tian streckte Wei Wuxian seine flache, rechte Hand auffordernd entgegen.

Wei Wuxian's Augen weiteten sich.
„Hmm?" Stutzte er.
„Falls es dir noch nicht aufgefallen ist, bin ich genau desswegen hier. Um dich mit meinen guten Ratschlägen und einfühlsamen Worten aufzumuntern. Was gefällt dir an meinen großen Reden und schlauen Sprüchen denn nicht? Mit nichts sind die Leute von Heute zufrieden. " Mäckerte Wei Wuxian, während er in der Luft mit seinen Händen wild hin und her gestikulierte.

Bao Tian zog die Stirn leicht kraus, als er plötzlich mit seinem Zeigefinger auf Wei Wuxian's Rücken deutete. Ruhig und bestimmt sagte er:
„Essen! Ich rieche es bis hier hin. Hast du es nicht für mich mitgebracht?"

„Hmm?" Stutzte Wei Wuxian erneut.
Und tatsächlich, erst in diesem Moment fiel ihm das Abendessen aus der Küche wieder ein, welches er in der Tat in weiser Voraussicht für Bao Tian eingepackt hatte.
Verlegen lachte er auf und rieb sich mit seinem Zeigefinger kurz an der Nasenspitze.
„Ach verdammt. Ich wusste doch die ganze Zeit da war noch etwas."
Er öffnete flink den Knoten des Tuches und breitete es vor ihnen aus. Der liebliche Duft von gekochtem Reis stieg in die Luft und Wei Wuxian öffnete zwei kleine Schalen.
„Ich dachte du hättest vielleicht Hunger, da du ja auch zum Essen nicht erschienen bist. Also habe ich dir ein wenig eingepackt."

Bao Tian's braune Augen begannen zu funkeln, als er die zwei kleinen Schalen gefüllt mit Essen sah.
Und in der Tat, er hatte tatsächlich Hunger und sein Magen knurrte schon seit einer ganzen Weile.

Wei Wuxian zog noch ein paar Esstäbchen aus dem Tuch hervor und rammte diese dann unanständig und provokant in die eine Reisschale.
„Du kannst mir später für meine Großzügigkeit danken." Sagte er selbstlobend, als er sich neben Bao Tian nach hinten ins hohe Gras fallen lies, entspannt überschlug er seine Füße und seine Arme verschränkte er lässig hinter seinem Kopf. Er steckte sich locker einen Grashalm in seinen linken Mundwinkel und kaute auf diesem herum, als er im Hintergrund das leise Klappern der Schalen hörte und danach ein leises aber ehrliches: „Danke!"

Wei Wuxian schloss entspannt seine Augen und atmete einmal tief ein, als er das Rauschen des Windes vernahm und das leise Schmatzen von Bao Tian.
Vergnügt streckte er seinen linken Arm zur Seite aus und tätschelte einmal Bao Tian's Schulter.
„Na, ist es nicht schön Freunde zu haben?" Sagte er neckisch.

Bao Tian zog seine Schulter ruckartig weg, als er mit vollem Mund trocken nuschelte: „Denk an die Grenzenlosigkeit...Also tatsch mich nicht an..."

Wei Wuxian kicherte leise, als er seine Hand zurück zog und dann leise aufschnaufte:
„Achja...es ist schön.."

Diese Aussage blieb so unkommentiert im Raum stehen und es wurde schließlich still, bis Bao Tian aufgegessen hatte. Die beiden verbrachten den Rest des Abends noch bis es dunkel wurde gemeinsam oben auf dem Berg. Es wurde ein wenig geplaudert, ein wenig geneckt, den Freigeist ausgelebt und musiziert. Denn obwohl keiner von beiden es aussprach warum genau Wei Wuxian Bao Tian aufgesucht hatte und was er mit seinem Besuch bezwecken wollte, so wussten sie beide es doch ganz genau worum es ging und schweigend genossen sie die Zweisamkeit und das Gefühl, mit ihren Sorgen nicht alleine zu sein.
Denn dafür, waren Freunde schließlich da.


In den darauffolgenden Tagen ging jeder in der Cloud Recesses seinen ganz eigenen Absichten nach. Es war warm geworden, der Sommerregen hatte nachgelassen und die Luft klarte auf.

Zwischen Lan Xichen und Bao Tian hatte sich in den vergangenen Tagen jedoch ein Keil gerammt und Jinan Liang spaltete die Lager in Zwei.

Lan Xichen kam mit voller Fürsorge seiner Pflichten nach indem er sich tatsächlich die ganze Woche Zeit nahm und Jinan Liang fast von Morgens bis Abends begleitete. Aus einer anfänglichen eher distanzierten Zusammenkunft entwickelte sich langsam eine angenehme Vertrautheit. Es stellte sich nämlich heraus, dass Jinan Liang trotz ihres noch sehr junges Alters eine gebildete und reife junge Frau war. Sie hatte eine gute Bildung genossen, war redegewand und mutig. Dabei achtete sie aber stet's auf die Etikette und wusste wann es angebracht war zu sprechen oder wann es ratsam war eher zu schweigen.
Sie war ein angenehmer Zeitgenosse, wissbegierig und interessiert und mit ihrem freudigen Lachen erhellte sie die Gemüter. Sie hatte einen lebhaften Geist und erwies sich als ein unglaublich charakterstarker Mensch.
Sie war im wahrsten Sinne des Wortes zu ihrer Zeit eine moderne Frau und die Männer hatten alle Hände voll mit ihr zu tun.
Ihre Stimme war zudem glasklar und während sie gut musizieren und tanzen konnte, hatte sie sogar eine Singstimme und verzauberte die Bewohner der Cloud Recesses mit ihren Künsten.
Ihre hübsche und liebevolle Erscheinung war demnach also nicht nur Zierde und so vereinte sie alle guten Eigenschaften die sie als Mensch, als Cultivator und als Frau nur hervorbringen konnte.
Mit ihrer offenen und lebhaften Art schaffte sie es problemlos Anschluss in der Cloud Recesses zu finden und selbst Wei Wuxian und Lan Wangji wurden irgendwann neugierig und konnte nicht anders, als von ihrer angenehmen Art in den Bann gezogen zu werden.

Während die Tage voller heiterem Gelächter und interessanten Gesprächen gefüllt waren zog sich Bao Tian immer mehr zurück.
Er konnte es nicht ertragen Lan Xichen so losgelöst und heiter mit einer Frau an seiner Seite zu sehen und während er anfänglich ihnen nur Tagsüber aus dem Weg ging, so kam er bald auch Abends nicht mehr in Lan Xichen's Pavillon, sondern verbrachte die Nächte in einem der Gästezimmer.
Dort gab er sich oft stundenlang seinen verdunkelten Gedanken hin und sein Herz wurde ihm mit jedem Tag immer schwerer.
Was ihm jedoch am meisten zusetzte, war der Fakt, dass Jinan Liang tatsächlich ein wunderbarer Mensch war und obwohl sie keine Schuld traf und ihm nichts einfiel was er an ihr hätte kritisieren können, so begann er doch im tiefsten seines Herzen sie zu verfluchen, denn seine Seele wurde von der Eifersucht nur so zerfressen.
Berechtigt machte er sich große Sorgen ob er Lan Xichen's Worten vertrauen schenken konnte und ob er gegen so eine wunderbare Frau überhaupt bestehen konnte.

Während er sich in den weiteren Tagen immer mehr abkapselte, verschlechterte sich auch zunehmend seine Stimmung und es dauerte nicht mehr lange bis ihn kaum noch jemand zu Gesicht bekam.

Natürlich war es Lan Xichen aufgefallen, dass Bao Tian sich immer mehr zurückzog und auch ihm war das Herz schwer. Doch er war fest entschlossen diese Woche durchzustehen und sich selbst gegenüber treu zu bleiben und nicht auch zuletzt als Sect Leader, seinen Verpflichtungen ehrenvoll nachzukommen.
Er überlies also Bao Tian sich selbst, denn er wusste, dass er nur Öl ins Feuer gießen würde, wenn er jetzt das Gespräch suchen würde. Die Woche also abzuwarten und ersteinmal Abstand zu wahren, schien für ihn die weiseste Entscheidung.


Es war eines spätern Nachmittags, als Bao Tian den langen Flur durch eines der Gästehäuser schritt. Sein Blick war zu Boden gerichtet und seine Schritte waren kraftlos und ziellos.
Ein paar Vögel flogen aufbrausend an einem der offenen Fenster vorbei und ein leichter Windzug strömte durch das Gebäude und lies die hellblauen Stoffe und Banner unter der Decke aufwirbeln.

Bao Tian's einsame Schritte hallten durch den Flur, als er plötzlich neben seinen eigenen noch ein paar weitere Schritte vernahm. Diese waren jedoch leiser und von kürzeren Abständen. Als er seinen Blick nach vorne richtete und den Flur entlang blickte blieb er plötzlich abrupt stehen.

Seine braunen Augen weiteten sich, als am Ende des Flures plötzlich Jinan Liang vor ihm stand. Alleine und regungslos stand sie dort und blickte ihm direkt in die Augen, als sie sich schließlich höflich verneigte.

Bao Tian's Wimpern flatterten auf und er spürte wie er selbst für einen Moment seinen Atem angespannt anhielt. Der bloße Anblick dieser jungen Frau löste in ihm schon Unbehagen aus und wäre er seinen Emotionen gefolgt, so wäre er am liebsten umgedreht und wäre damit einem direkten Kontakt sofort aus dem Weg gegangen.
Doch auch Bao Tian hatte Anstand und Ehre und so riss er sich zusammen und erwiderte ihre Begrüßung respektvoll. Mit tragender Stimme rief er ihr entgegen.
„Jinan Liang wie kann ich euch helfen? Dies ist eines der Gästehäuser. Wenn ihr Lan Xichen sucht, dieser ist nicht hier."

Doch auf Jinan Liang's roten Lippen legte sich ein sanftes Lächeln, als sie Bao Tian bestätigend zunickte und dann mit ruhiger aber selbstbewusster Stimme antwortete:
„Bao Tian, Ich danke euch für eure Fürsorge. Jedoch ist es nicht Lan Xichen welchen ich hier zu treffen verhoffte, sondern ihr seid es, den ich beabsichtigte anzutreffen."

Bao Tian spürte einmal seinen kräftigen Herzschlag und ein kurzes Zucken lief durch seine Glieder. Seine Finger rollten sich angespannt zusammen und seine Kopfhaut begann zu kribbeln. Erstaunt und überrascht blickte er sie mit großen Augen an, während Jinan Liang plötzlich einen Fuß vor den anderen setzte und langsam auf ihn zukam.
Wie versteinert, stand Bao Tian dort und fragte sich mehrmals in Gedanken ob er sich verhört hätte.

Doch Jinan Liang schritt selbstbewusst den Flur hinunter. Direkt auf ihn zu und blieb schließlich vor ihm angekommen stehen. Noch immer trug sie ein ehrliches Lächeln auf den Lippen, als sie zu Bao Tian hinaufschaute.
Ihre Blicke trafen sich und Bao Tian stand fast wie versteinert vor ihr und blickte sie skeptisch an.
„Ihr sucht mich?" Sagte er schließlich etwas ungläublich.

Doch Jinan Liang nickte nur und lächelte ihn an.
„Richtig ich wollte zu euch. In den letzten Tagen bekam ich euch immer weniger zu Gesicht. Soweit ich weiß, seid ihr Lan Xichen's ergebenster Begleiter, Freund und engster Vertrauter. Doch dieser Platz an Lan Xichen's Seite blieb die letzten Tage leer und ihr ward nicht mehr aufzufinden. Ich bekam das Gefühl, dass es vielleicht etwas mit mir zu tun haben könnte und das ihr mir aus den Weg gehen würdet."

Bao Tian's Augen wurden immer größer. Mit so viel Ehrlichkeit von einer so jungen Frau hatte er nicht gerechnet und für einen Moment fehlten ihm die Worte.
Er blinzelte mehrfach, als er schließlich sagte:
„Aber nein, ihr irrt euch. Ich bin nur die letzten Tage zu viel beschäftigt. Ich fand also keine Zeit dazuzustoßen und außerdem wollte ich den Anstand wahren und eure gemeinsame Zeit nicht stehlen."

Jinan Liang legte den Kopf leicht schief, als sie Bao Tian noch intensiver in die Augen blickte. Kühn und entschlossen schaute sie ihn direkt an als sie sagte:
„Verletzt die Menschen lieber mit der Wahrheit, anstatt sie mit einer Lüge glücklich zu machen.
Für mich müsst ihr mit keinem falschen Anstand eine Fassade aufrecht erhalten. Ich weiß, dass ich mit meinem Erscheinen wahrscheinlich vorerst einen Keil zwischen euch getrieben habe. Verzeiht mir, dies war nicht meine Absicht, aber auch ich, habe meine eigenen Beweggründe."

Bao Tian kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Zum ersten Mal machte ihn jemand vollkommen sprachlos und er begann diese junge Frau plötzlich mit anderen Augen zu sehen.
Fast schon leicht verlegen kratzte er sich am Hinterkopf, als er einmal durch seine Nase schnaufte.
„Wie ich sehe, habe ich euch unterschätzt. Ihr seid kühner und aufrichtiger als die meisten Männer.
Eine Frau mit solch einem Temperament sieht man nicht alle Tage, ich sollte mich in Acht nehmen."

Jinan Liang schmunzelte leicht, als sie Bao Tian mit einem erfrischendem Lächeln anlachte.
„Erzählt dies aber bloß nicht vor meinem Vater. Er schlägt jetzt immer schon die Hände über dem Kopf zusammen und sagt ich solle mich mehr wie eine Dame meines Alters benehmen. Dabei ist doch nichts falsch daran offen und ehrlich seinem Gegenüber auf Augenhöhe entgegenzutreten. Oder was meint ihr?"

Bao Tian nickte, als er noch immer perplexed von Jinan Liang's feschem Auftreten vor ihr stand.
„Nein, ihr habt vollkommen recht." Sagte er noch etwas überrumpelt.

Jinan Liang strich sich mit einer elganten Handbewegung eine Haarsträhne ihres dunklen Haares aus dem Gesicht, als sie freundlich sagte:
„Nun gut, da wir uns einig sind mache ich gleich weiter mit der Ehrlichkeit. Ich wollte euch nämlich unbedingt einmal näher kennenlernen. Denn wisst ihr, Lan Xichen spricht so viel von euch, aber ihr seid uns stetig ausgewichen wie ein Schatten und so habe ich meine Chance verpasst."

In Bao Tian's geweiteten Augen spiegelte sich ihr Antlitz wieder. Sein Herz machte einen kleinen Sprung und fast ein wenig stotternd sagte er leise:
„Er spricht viel von mir?"

Jinan Liang nickte.
„Hm." Summte sie bestätigend über ihre Lippen.
„Ihr müsst ihm sehr viel bedeutet und vielleicht hat er euch die letzten Tage auch ein wenig vermisst? Auf jeden Fall müsst ihr eine sehr enge Bindung zurinander haben. Denn immer wenn er von euch sprach, funkelten seine Augen und seine Stimme bekam einen angenehmen, lebhaften Unterton."

Bao Tian staunte nicht schlecht und es war ihm fast ein wenig unangenehm vor ihr, als er mit einer leicht verlegenen Handgeste durch sein dunkles, welliges Haar fuhr.
Er lachte leise auf.
„Wenn ihr das so aussprecht, ist mir das ja fast ein wenig unangenehm." Sagte mit einem verlegenen Schmunzeln auf den Lippen.

Jinan Liang begann plötzlich über ihr ganzes Gesicht wohlwollend zu strahlen.
„Ihr habt gelacht. Das ist schön. Euer symphatisches Lachen steht euch nämlich viel besser."

Bao Tian zuckte zusammen und er wusste kaum noch wo er hinsehen sollte. Er konnte sich nicht erinnern, wann er einmal in seinem Leben von einer Frau so keck überrumpelt und eiskalt erwischt wurde. Er bekam das Gefühl, dass Jinan Liang eine vage Ahnung hatte, wie es ihm gerade gehen musste und er war überrascht, gerade von ihr aufmunternde Fürsorge zu erfahren.

Doch in diesem Moment hörten die beiden plötzlich eine zarte Stimme und eine junge Frau rief vorsichtig den Flur entlang.
„Liang, Jinan Liang!"

Bao Tian und Jinan Liang drehten sich um und sie erblickten am Ende des Flures die junge Frau, welche mit Jinan Liang angereist war. Respektvoll verneigte sich die junge Dame, als sie zögerlich sagte:
„Verzeiht die Störung aber wir müssten dann los. Die Herren warten schon."

Jiana Liang nickte ihr zu.
„Ich komme sofort." Erklang ihre Stimme lieblich.
Dann drehte sie sich wieder zu Bao Tian und verneigte sich zum Abschied noch einmal respektvoll vor ihm.
„Bao Tian, es war mir eine Ehre euch nun doch einmal persönlich kennenzulernen. Lan Xichen hatte mich auf euch neugierig gemacht und ihr habt mich nicht entteuscht."

Bao Tian zuckte zusammen und erwiderte sofort ihre respektvolle Geste.
„Es war mir ebenfalls ein Vergnügen." Sagte er mit sanfter Stimme, als er sich tief verneigte.

Jinan Liang nickte ihm noch einmal zu, als sie sich langsam umdrehte und dann den langen Flur entlang Schritt.

Bao Tian sah ihr noch nach, als er plötzlich wie aus Reflex noch einen Schritt nach vorne machte, als wollte er sie festhalten. Doch seine Hand erstarrte in der Luft, als er ihr schließlich hinterher rief:
„Jinan Liang. Was ist der wirkliche Grund, warum ihr mich aufgesucht habt?"

Jinan Liang blieb stehen. Langsam drehte sie sich noch einmal um. Ihre Augen formten sich zu kleinen Schlitzen und in ihrem Gesicht erstreckte sich ein zufriedenstellendes Lächeln.
Ihre roten Lippen öffneten sich erneut, als sie ihm antwortete:
„Wir alle können den Menschen immer nur vor den Kopf schauen. Ihre wahren Beweggründe und Absichten verstecken sich oft im Verborgenen und sind fürs uns schleierhaft.
Vielleicht habe ich euch aufgesucht um euch einfach nur mitzuteilen, dass ich keine schlechten Absichten hege. Vielleicht aber auch nur weil ich interesse an euch habe und euch gerne persönlich kennenlernen wollte...
Natürlich handele auch ich in meinem eigenen Interesse und meine Beweggründe sind meine eigenen.
Aber Bao Tian, ich versichere euch, ich bin nicht hier um euch etwas wegzunehmen!"
Mit diesem Satz schenkte sie ihm noch einmal ein bezauberndes Lächeln, als sie ihm verabschiedend zunickte und sich dann wieder langsam umdrehte.

Sie setzte ihren Weg fort, schritt den langen Flur entlang und Bao Tian wurde sprachlos zurückgelassen. Er blickte ihr noch nach und sah ihren zierlichen Rücken und ihre schmalen Schultern, welche sich langsam entfernten.
Jedoch erschienen diese ihm plötzlich mit einer unglaublichen Größe und Kraft und die junge Frau, welche sie mit Stolz trug, schritt selbstbewusst von dannen.