Chapter 20.7

Er schaute zu Boden, auf seinen Lippen ein leichtes Schmunzeln, welches er zu unterdrücken versuchte. Aufgeregt schritt er in seinem Zimmer auf und ab und strich dabei immer wieder mit seinen Fingern durch sein Haar.
Er seufzte laut auf und räusperte sich einmal, als er schließlich vor dem offenen Fenster stehen blieb und nach draußen schaute.

Bao Tian's Gesicht wurde durch die warmen Sonnenstrahlen der Abendsonne angeleuchtet und seine dunklen Augen schimmerten in einem warmen Nusston, während sein schwarzes Haar gesund und kräftig im Licht schimmerte. Ein leichter Windzug kam durch das Fenster herein und brachte seinen kleinen geflochtenen Zopf auf seiner Schulter zum tanzen. Das weiße Band des Gusu Lan Clan's, welches um das Ende seines Zopfes gebunden war flatterte ebenfalls auf und nahm die Bewegung des Windes auf.

Er holte einmal tief Luft, als er versuchte seine Gedanken und Emotionen noch einmal zu sortieren.
Das Gespräch mit Jinan Liang hatte ihn mächtig verwirrt und ohne Zweifel ihm viel zu Denken gegeben. Er war beeindruckt und interessiert zu gleich von ihrer Art und das Gespäch hallte noch lange wie ein Echo in seinen Ohren nach. Ebenfalls musste er sich eingestehen, sie als Mensch vollkommen anders eingeschätzt zu haben und das er seine Meinung ihr gegenüber nun grundlegend ändern musste. Zeitgleich machten ihre Worte ihn aber auch etwas skeptisch und er kam ins Grübeln, welche Rolle genau sie eigentlich noch zu spielen hatte. Während seine Gedanken sich hin und herwanden und er aus dem Grübeln nicht mehr heraus kam, gab es jedoch eine Sache in ihrem Gespräch, welche noch viel mehr sein Interesse geweckt hatte.
Etwas, das ihn noch viel mehr bewegte, Emotional berührte und sein Herz ins Wanken gebracht hatte. Und das waren ihre Worte über Lan Xichen.
„[...]Er spricht viel von euch![...]"
Dieser Satz, ausgesprochen mit ihrer lieblichen, warmen Stimme hallte seitdem immer wieder durch seinen Kopf. Wann immer er sich an diesen Satz erinnerte spürte er seinen kräftigen Herzschlag, welcher einmal kurz aufflackerte. Es war wie ein warmes Kribbeln, welches bis in seine Fingerspitzen schoss und Bao Tian spürte, neben der alles zerfressenden Eifersucht, welche die vergangenen Tage vorrangig sein Herz erfüllt hatte, wieder das sehnsüchtige Verlangen nach seinem Herren. Sein Herz schrie nach Lan Xichen, er sehnte sich nach ihm und ihre Trennung war nur schwer für ihn zu ertragen. Er vermisste seinen lieblichen Körperduft, welcher bei jeder seiner Bewegung in seine Nase stieg, seine warme Körpernähe, wenn sie sich berührten und das sanfte Lächeln, welches er ihm schenkte, wann immer ihre Blicke sich trafen.
Sein Körper sehnte sich nach Lan Xichen und dessen Berührungen, ebenso wie seine Ohren den Klang seiner zarten Stimme vermissten und sein Herz ihre alles erfüllende Zweisamkeit.

Es war dieser Moment, indem Bao Tian zum ersten Mal darüber nachdachte, dass es vielleicht ja doch die kleine Hoffnung gab, dass auch Lan Xichen genauso wie er empfand und auch er unter ihrer Trennung litt.
Vielleicht war Lan Xichen das Herz genauso schwer und auch er wartete sehnsüchtig auf ihre Wiedervereinigung. Vielleicht traute sich nur niemand den ersten Schritt zu wagen und jeder wartete darauf, dass der andere ihn tuen würde.

Es waren diese Gedanken, welche Bao Tian aus seinem tiefen, emotionalen Loch wieder herausholten und sein Geist regte sich wieder und die Zuversicht und Liebe erwachten wieder in seinem Herzen. Er gab sich seinem aufkommenden Verlangen hin und es kam ihm fast unmöglich vor, dieser Versuchung jetzt nicht nachzugehen.
Es gab für ihn in diesem Moment nur noch diesen einen Wunsch und das war Lan Xichen wiederzusehen und fest in seine Arme zu schließen.

Bao Tian streckte sich einmal, machte sich groß und klatschte sich einmal mit seinen flachen Handinnenflächen auf die Wangen.
Dann fuhr er sich noch einmal mit seiner Hand durch sein dunkles, welliges Haar, als er plötzlich auf dem Absatz kehrt machte und los ging. Er wollte Lan Xichen sehen und mit ihm sprechen und das jetzt und sofort. Sein Herz lenkte seine Füße zielstrebig voran und er ging aus seinem Zimmer, hinaus auf den langen Flur. Mit großen Schritten durchquerte er das Gästehaus, als er hoffnungsvoll nach vorne blickte und sich auf den Weg zu Lan Xichen's Pavillon machte.

Er lief flotten Schrittes durch die Cloud Recesses und eilte über die vielen schmalen Wege und Veranden, als er Lan Xichen's Pavillon schon fest in sein Auge fasste.
Er bog geschwind um eine Hausecke und als er gerade fest entschlossen und voller Hoffnung nur so strotztend seinem Ziel entgegenfieberte, wurde er plötzlich jäh ausgebremst. Er sah plötzlich Lan Xichen, welcher nur wenige Meter entfernt vor ihm auftauchte. Er stand vor der Eingangstür seines Pavillon's und blickte mit verklärtem Blick in die Ferne.

Bao Tian wusste nicht genau wieso, aber wie aus Reflex machte er plötzlich einen Schritt zurück und versteckte sich hinter der Hauswand. Vorsichtig linste er um die Hausecke, als er plötzlich seinen aufbrausenden Herzschlag vernahm.

Bum Bum Bum

Flatterte sein Herz in seiner Brust wie ein junger Vogel. Er starrte Lan Xichen an, beobachtete ihn aus der Ferne und er spürte eine alles versengende Hitze, welche plötzlich in seinem Körper aufstieg.
„Warum verstecke ich mich nur..." Nuschelte er zu sich selbst, als er sein eigenes Verhalten kaum erklären konnte. Eben noch strotzte er nur so vor Selbstsicherheit und nun versteckte er sich hinter einer Hauswand, so als hätte er plötzlich kalte Füße bekommen.

Bao Tian schüttelte seinen Kopf hin und her, als er sein eigenes Verhalten nicht fassen konnte.
-Hatte ihn etwa plötzlich der Mut verlassen, jetzt wo Lan Xichen nun zum Greifen nahe vor ihm stand?-
Er schnaufte ironisch durch seine Nase, als sein Verhalten ihn an die Unsicherheit eines Kindes erinnerte.

Bao Tian wurde unruhig und kam kurzzeitig ins Zögern. Doch dann atmete er einmal tief ein, streckte seine Hand nach vorne aus und kam mit einem mutigen Schritt hinter der Hauswand hervor. Doch als er sich gerade einen Ruck gab und seine Lippen sich öffneten um Lan Xichen's Namen zu rufen, tauchte plötzlich Jinan Liang auf.
Wie aus dem Nichts erschien sie plötzlich auf der Spielfläche und Bao Tian zuckte sofort zusammen und machte wieder einen Schritt zurück. Er drückte sich mit seinem Rücken zurück an die Hauswand, als er langsam sich wieder hinter der Hausecke versteckte.

Es polterte laut in seinem Herzen und ein stechender Schmerz schoss durch seine Brust, als die Entteuschung ihn einholte.
Vorsichtig beobachtete er die beiden hinter der Hauswand hervor und er konnte sehen, wie Jinan Liang Lan Xichen einlud ihm zu folgen.
Ihr Gesichtsausdruck war etwas anders als sonst und es schien sich ein Schleier über ihr sonst so fröhliches Gesicht gelegt zu haben, als sie Lan Xichen scheinbar für ein ernstes Gespräch aufgesucht hatte.

Eine tiefe nachdenkliche Falte legte sich zwischen Bao Tian's Augen, als er skeptisch den beiden hinterher sah wie sie gemeinsam in der Ferne verschwanden.

„Erwischt!"
Klang es plötzlich in diesem Moment laut von hinten und Bao Tian flog zusammen, als wäre man einer Katze auf ihren Schwanz getreten.
Er fiel nach hinten und presste sich mit seinem Rücken an die Hauswand, während er seine rechte Hand vor Schock auf seine Brust legte. Seine Augen waren weit aufgerissen, als er in die erstaunten Gesichter von Wei Wuxian und Lan Wangji starrte.
„Nicht schon wieder!" Sagte er leicht außer Atem, als er einmal tief Luft holte um seinen Puls wieder zu beruhigen.

Doch Wei Wuxian grinste von einem Ohr über das andere, als er sich plötzlich an Bao Tian vorbeidrängelte und ebenfalls leicht gebückt und geheimnisvoll um die Hausecke linste.
„Was heißt hier, nicht schon wieder?" Fragte er leise im Flüsterton.
„Letztes Mal bist du in uns hereingelaufen, wenn ich mich recht erinnere."
Wei Wuxian spähte in die Ferne und versuchte ausfindig zu machen, wonach Bao Tian geschaut haben musste. Doch er sah nichts ungewöhnliches.

Lan Wangji nickte derweil Bao Tian freundlich zu, so als wollte er sich schon fast für Wei Wuxian's rüpelhaftes Verhalten entschuldigen.

Bao Tian strich sich einmal mit seiner Hand durch sein Gesicht, als Wei Wuxian unzufrieden schnaufte:
„Hmpf...ich sehe nichts. Was genau hast du hier gemacht?" Fragte er interessiert, während er sich noch ein paar Mal umsah.

Bao Tian, der nun wusste, dass er die beiden jetzt nicht mehr so schnell los werden würde, versucht erst in seinen Gedanken nach einer ausflüchtigen Lüge zu suchen, als Lan Wangji schon ruhig antworte:
„Mein Bruder und Jinan Liang."

„Wo?" Fragte Wei Wuxian hastig, als er erneut sich angespannt umsah.

Bao Tian seufzte auf, denn jetzt war eh alles schon zu spät.

„Ich sehe sie nicht, wo?" Flüsterte Wei Wuxian nocheinmal nach hinten, als Lan Wangji schließlich einen Schritt auf ihn zu machte, ihn am Kragen packte und hinter der Hauswand wieder hervorzog.
„Sie sind schon weg. Keinen Grund mehr zu flüstern." Sagte Lan Wangji ruhig.

Wei Wuxian blickte Lan Wangji etwas irritiert an, als er achselzuckend fragte:
„Wieso hast du du sie vor mir gesehen?"

Lan Wangji löste wieder seine Hand aus Wei Wuxian's Kragen, als er seine Augen schloss und ruhig sagte:
„Deine Augen waren zu sehr auf Bao Tian fixiert, sodass du das Drumherum nicht wahrgenommen hast."

„Hmpf" Schnaufte Wei Wuxian unzufrieden über seine Lippen, als ihm bewuss wurde, dass er nun der Einzige war, der die beiden nicht gesehen hatte.
„Und?" Fragte Wei Wuxian schließlich mit hohem Ton. Er lehnte sich lässig mit seinem Rücken an die Hauswand und klopfte sich seine Hände aneinander ab, nachdem er seinen Kragen wieder gerichtet hatte.
„Warum genau hat es sich gelohnt ausgerechnet jetzt die beiden heimlich zu beobachten? Schließlich hingen sie die ganze Woche schon wie zwei Kletten aufeinander."

Lan Wangji warf Wei Wuxian einen kurzen verwarnenden Blick zu, als Bao Tian sich schon räusperte.
Er lehnte ebenfalls mit seinem Rücken an der Hauswand. Die Arme hatte er vor der Brust verschränkt, den Kopf nach hinten angelehnt, während er seinen Blick abgewendet hatte und noch immer in die Richting ihres Verschwindens blickte.
Seine Stimme war tief aber hatte etwas zartes und gebrechliches an sich.
„Sie hat ihn zu einem Gepsräch gebeten. Ihr Gesichtsausdruck war mehr als ernst."

Wei Wuxian's Augen weiteten sich, als er zu Bao Tian herüber blickte. Lan Wangji lehnte sich nun ebenfalls dezent mit dem Rücken an die Hauswand und so standen die drei in einvernehmlicher Pose auf der Veranda.

„Ihr Gesichtsausdruck war ernst?" Fragte Wei Wuxian noch einmal sichtlich interessiert nach.
„Meint ihr etwa..."

Doch noch bevor Wei Wuxian seinen Satz aussprechen konnte, räusperte sich plötzlich Lan Wangji laut und unterbrach ihn:
„Wir wissen nichts. Raten und erahnen bringt einen nicht weiter, sondern streut nur Gerüchte."

Wei Wuxian schloss schnell weider seinen Mund, als er erneut einen flüchtigen Blick zu Bao Tian herüber warf. Dieser lehnte noch immer regungslos an der Hauswand und Wei Wuxian tat sich schwer die Emotionen in seinem nachdenklichen Gesicht zu deuten.

Ein Moment der Stille verging und keiner der drei wagte es ein Wort zu sprechen. Die Atmosphäre war mehr als bedrückend aber Wei Wuxian war natürlich wieder der Erste, der diese unerträgliche Stille schnellstens wieder unterbrach:
„Und jetzt...was machen wir jetzt?" Fragte er vorsichtig, mit leicht entteuschtem Unterton in seiner Stimme.

„Schweigen und Warten!" Sagte Bao Tian tief, seinen Blick aus der Ferne nicht abwendend.

Wei Wuxian zuckte zusammen, denn Seine Antwort hatte so eine rechtsprechende Tiefe, dass niemand mehr darauf etwas erwiderte und sie tatsächlich in ein jähes Schweigen verfielen und nichts taten, außer still zu warten.

Dabei fragte sich Wei Wuxian immer wieder, warum Bao Tian sie eigentlich nicht wegschickte, sondern ihre Anwesenheit still erduldete. Aber vielleicht war es auch genau einer dieser Momente im Leben, in denen man froh war, nicht alleine auf den Ausgang einer Situation warten zu müssen.

Eine ganze Stunde voller Ungewissheit und innerlich zerreißenden Spekulationen verging, in der die drei still an der Hauswand verharrten, bis schließlich Lan Xichen in der Ferne wieder auftauchte.

Bao Tian's Augen weiteten sich und er nahm seine Arme wieder vor seiner Brust herunter, als er sich leicht von der Wand abdrückte.

Auch Lan Wangji und Wei Wuxian beobachteten neugierig Lan Xichen's Rückkehr.

Doch umso weiter er sich ihnen näherte, umso deutlicher wurde der Zustand in dem er sich befand. Denn sein Gesichtsausdruck, war mehr als besorgniserregend. Lan Xichen trug einen starren Ausdruck in seinen Augen, fast ein wenig abwesend. Dabei war er ziemlich blass im Gesicht und es war klar zu erkennen, dass es eine Nachricht gegeben haben musste, welche ihn emotional sehr aufwühlte.

Nun drückten sich auch Wei Wuxian und Lan Wangji von der Hauswand ab und ein leichter Schock fuhr durch ihre Glieder.

Bao Tian's Augen weiteten sich immer mehr, als er Lan Xichen starr fixierte und sein Körper spannte sich förmlich an, als die Emotionen überhand nahmen.

„Wo ist Jinan Liang?" Flüsterte Wei Wuxian noch leise, als er auch schon sah wie Bao Tian sich von der Wand kraftvoll abdrückte und plötzlich los lief.
„Warte!" Rief Wei Wuxian aus und er machte einen Satz nach vorne um Bao Tian noch am Arm zu greifen, doch in diesem Moment packte Lan Wangji ihn von hinten und zog ihn an sich heran.

„Nicht!" Sagte Lan Wangji in Wei Wuxian's Ohr, als er ihn fest an seine Brust drückte und ihn daran hinderte Bao Tian festzuhalten.
„Lass ihn gehen. Wir sollten uns nicht einmischen."

„Aber...!" Sagte Wei Wuxian noch erschrocken, als er Bao Tian schon dabei zusah wie er sich von ihnen entfernte.

„Komm! Wir gehen! Hier ist kein Platz für uns!" Sagte Lan Wangji, als er begann Wei Wuxian auch schon an die Seite zu schaffen.

Bao Tian rannte los, sein Herz schlug ihm bis zum Hals.
-Was war nur geschehen, wo war Jinan Liang und warum bereitete ihm Lan Xichen's Gesichtsausdruck nur solche Sorgen?-

Bao Tian stürzte die Veranda hinunter und rannte die letzten paar Meter übers Gras, bis er schließlich kurz vor Lan Xichen zum Stehen kam.
Er war vor Aufregung leicht außer Atem und sein Herz schlug wie wild in seiner Brust, als er Lan Xichen erschrocken anblickte.
„Huan...!" Kam es plötzlich stockend und atemlos über seine Lippen.

Lan Xichen hob seinen zerstreuten Blick an und erst in diesem Moment nahm er Bao Tian überhaupt vor sich wahr.
„Tian..?" Sagte er selbst etwas sprachlos, als sich seine leicht glasigen Augen weiteten.
„Was machst du hier?" Fragte er sichtlich überrumpelt.

Doch Bao Tian schüttelte nur fassungslos seinen Kopf. Ihm wurde bewusst wie verwirrt Lan Xichen in diesem Moment sein musste, wenn dies die erste Frage an ihn war, nach fast einer Woche Trennung.
Er machte einen weiteren Schritt auf Lan Xichen zu und er streckte vorsichtig seine Hand nach ihm aus, als er versuchte ihn zu berühren.
„Was ist geschehn?" Fragte er besorgt, doch Lan Xichen schreckte wie ein scheues Tier auf, schlug Bao Tian's Hand zur Seite und machte einen Schritt nach hinten.

„Fass mich nicht an!" Kam es plötzlich kurz und hektisch über seine Lippen. Dabei trug er einen verstörten Gesichtsausdruck, so als wollte man ihm an sein leibliches Wohlergehen.

Bao Tian's braune Augen weiteten sich in's Unermessliche. Seine Hand hing regungslos in der Luft und er spürte das leichte Brennen auf seiner Haut von Lan Xichen's abweisendem Schlag.
Sein Mund stand leicht offen, als er nicht glauben konnte, was er da sah und hörte. Ein stechender Schmerz schoss ihm durch sein Herz, während ein unerträgliches Gefühl seine Kehle zudrückte.
Ein kurzer Moment verging indem keiner von beiden sich bewegte und sie sich einfach nur fassungslos anstarrten. Bao Tian konnte nicht glauben was geschehn war und Lan Xichen begann seine fluchtartige Reaktion zu bereuen und seine Augen wurden nur noch glasiger, während seine Lippen zu beben begannen.
„Bitte..." Hauchte er plötzlich leise über seine Lippen.
„Bitte sieh mich jetzt nicht so an..." Seine Stimme war dünn und begann zu brechen.

Doch Bao Tian, wie gelähmt von Lan Xichen's Auftreten und seiner schrillen Stimme, machte wieder eine leichte Bewegung auf Lan Xichen zu und versuchte erneut ihn zu erreichen.
Doch dieses Mal drehte sich Lan Xichen leicht schützend ein, seine Augen schmerzerfüllt geschlossen als er leise wimmerte:
„Bitte, fass mich jetzt auch nicht an...bitte, geh...Lass mich alleine."

Bao Tian's Körper und Geist erstarrten und froren in ihrer Bewegung ein. Es war als hätte jemand die Zeit angehalten und Bao Tian's Körper füllte sich mit einer unglaublichen Kälte und Leere. Die Person in seinem Leben, die er am meisten liebte und für die er am meisten dasein wollte, wies ihn ab. Und das ohne, ihm einen Grund zu nennen.

„Warum?" Kam es fassungslos und schmerzerfüllt über Bao Tian's Lippen.

Doch Lan Xichen schüttelte nur seinen Kopf. Seine Lippen bebten so fürchterlich und sein ganzer Körper schien in Aufruhe zu sein und etwas gewaltvoll zu unterdrücken.
„Ich bitte dich einfach nur darum..." Sagte Lan Xichen zittrig.
„Ich kann jetzt nicht! Nicht jetzt...bitte lass mich gehen...und komm mir nicht nach."

Es war wie ein alles betäubender Hammerschlag, welchen diese Worte in Bao Tian's Herzen auslösten und fassungslos erstarrte er an und Ort und Stelle, als seine ausgestreckte Hand kraftlos nach unten sackte.

In diesem Moment hielt Lan Xichen seine linke Hand verdeckend vor sein Gesicht, als er plötzlich an Bao Tian vorbei rannte und weglief.

Es war nur das Rauschen des Windes in den Baumkronen zu hören, welches zurückblieb und der milde Körperduft Lan Xichen's, welcher in der Luft hängen geblieben war, als er an Bao Tian vorbei lief. Eine einzelne Träne perlte von der zarten, hellen Wange und schlug noch ungesehen neben Bao Tian ins hohe Gras ein, als der Sect Leader des Gusu Lan Clan's seinen treusten Begleiter abwies und zurücklies.


Es stellte sich später heraus, dass Jinan Liang wohlauf war und nur einen Tag später es zu Gesprächen zwischen Lan Qiren, Lan Xichen, Jinan Yi und Jinan Liang kam. Niemand sonst war zu den Gesprächen eingeladen und so manch einer in der Cloud Recesses wurde Neugierig, was denn nun der einwöchige Besuch des Tai Jinan Clan´s hervorgebracht hatte.

Bao Tian hatte sich nach dem Vorfall mit Lan Xichen in seinem Zimmer im Gästehaus eingeschlossen und weder Lan Wangji noch Wei Wuxian schafften es ihn zum Aufschließen zu bewegen.

Auch die Bemühungen Lan Wangji's, das vertraute Gespräch mit seinem Bruder zu suchen, ergaben keine zufriedenstellenden Ergebnisse und so tappten weiterhin alle im Dunkeln was an jenem Tag geschehn war.

Es rückte der Tag des Abschiedes näher und der Besuch des Tai Jinan Clan's neigte sich dem Ende zu.
Es war der Morgen ihrer Abreise und das großen gemeinsame Frühstück im großen Pavillon war gerade beendet, als plötzlich eine Klingel leutete.

Alle blickten sich überrascht um, denn sie wussten, was dies zu bedeuten hatte.
Eine Ankündigung stand bevor und der gesamte Gusu Lan Clan versammelte sich erneut im großen Pavillon.

Bao Tian, welcher dem gemeinsamen Frühstück ferngeblieben war, hörte jedoch das Klingeln aus der Ferne und er schoss plötzlich von seiner Matratze direkt in die Senkrechte. Erschocken sah er sich um und blickte aus seinem Fenster in Richtung Pavillon. Er wusste, dass dieses Leuten in der Frühe zur momentanen Situation nichts Gutes bedeuten konnte. Er sprang hastig aus dem Bett, strich sich sein wildes Haar aus dem Gesicht, schloss die Zimmertür auf und rannte den langen Flur hinunter.

Wei Wuxian und Lan Wangji saßen noch an ihren Tischen vom Frühstück und sahen sich suchend um.
„Tian, ob er das Leuten gehört hat? Ich befürchte das Schlimmste!" Fragte sich Wei Wuxian, als es plötzlich im Pavillon wieder lauter wurde und ein Raunen und Getuschel durch die Ränge ging.

Lan Wangji nickte.
„Gewiss und gewiss wird er kommen."

Es hatten sich alle im großen Pavillon wieder eingefunden und das Getuschel war nun noch lauter und aufgebrachter wie vor einer Woche.

Lan Qiren, Lan Xichen, Jinan Yi und Jinan Liang befanden sich schon im vorderen Bereich und stellten sich willkommend vor die unruhige Menschenmasse.

Wei Wuxian spürte wie sein Herzschlag langsam schneller schlug. Ein ungutes Drücken machte sich in seiner Magengegend breit, als er sich noch ein paar Mal suchend nach Bao Tian umsah.
„Uff ich bin wirklich aufgeregt. Irgendwas sagt mir, dass gleich etwas passieren wird. Aber ob gut oder schlecht, mag ich noch nicht so ganz erahnen." Sagte Wei Wuxian mit einer besorgten Miene.

Doch Lan Wangji legte zärtlich seine Hand auf seine, als er leise sprach:
„Hab vertrauen, alles wird gut!"
Lan Wangji's tiefe und ruhige Stimme hatte tatsächlich etwas beruhigendes und Wei Wuxian atmete einmal tief ein, als er plötzlich im Augenwinkel sah, wie ein Schatten sich der großen Eingangstür näherte.
Rasch blickte er noch zur Seite, als in diesem Moment Lan Qiren seine Hand flach nach vorne ausstreckte und den Clan zum Schweigen aufforderte.

Plötzlich wurde es mucksmäuschenstill in der Halle, als Wei Wuxian Bao Tian schließlich am Eingang entdeckte. Dieser lehnte sich eher etwas passiv neben dem Türrahmen an die Hauswand und stand eher außerhalb des Gebäudes, als innerhalb. Sein Blick war nach unten gerichtet und ein paar Strähnen seines dunklen Haares verdeckten sein Gesicht, während er seine Arme vor seiner Brust verschränkt hatte. Wei Wuxian buffte Lan Wangji vorsichtig mit dem Ellenbogen in die Seite, als er mit seinem Kopf zur großen Eingangstür deutete.
Auch Lan Wangji entdeckte nun Bao Tian und leicht besorgt blickte er nach vorne, als Lan Xichen einen Schritt weiter auf sie zu machte und das Wort erhob:
„Ich freue mich wieder einmal in euer aller Gesichter blicken zu können und das ihr alle gesund und wohlauf seid."
Lan Xichen verneigte sich vor seinem Clan und sogleich taten es ihm alle gleich und alle verneigten sich respektvoll vor ihrem Sect Leader. Ein Moment der Stille verging in dem Lan Xichen nur so da stand und in die vielen neugierigen Gesichter schaute, welche ihn alle erwartungsvoll zugewandt waren.

Er lächelte, wenn auch etwas unnatürlicher als sonst, als er sich leicht zu Jinan Yi und Jinan Liang zuwandt.
„Der Besuch des Tai Jinan Clan's hat sich nun dem Ende zugeneigt und wir schauen auf eine Woche voller neu geknüpfter Beziehung und alt gefestigter Freundschaften zurück."

Jinan Yi der Sect Leader des Tai Jinan Clan's, strahlte über sein ganzes Gesicht und er wirkte wirklich mehr als zufrieden und glücklich, als er Lan Xichen's Ansprache lauschte. Neben ihm stand seine Tochter Jinan Liang und auch sie stand etwas angespannt und gebannt da, als sie aufrichtig und kerzengerade in die vielen Gesichter blickte.
Es fiel auf, dass Lan Xichen ein wenig schwierigkeiten mit seiner Formulierung hatte und das er nur recht langsam und sperrlich mit den Informationen herausrückte. Daher gab es erst ein wenig beweihräuchernde Danksagung zwischen den Sect Leadern und Lan Qiren und Jinan Yi nickten sich mehrfach hochzufrieden und stolz zu.
Doch auch Lan Xichen wollte sein Gesicht vor allen Anwesenden wahren und so räusperte er sich noch einmal, ehe er endlich zum Punkt seiner Ansage kam. Seine Stimme wies dabei eine gewisse Tiefe und Schwere auf und sein Blick blieb eher starr nach vorne gerichtet, so als wollte er den direkten Blickkontakt mit gewissen Personen lieben vermeiden.

Wei Wuxian und Lan Wangji starrten wie gespannt auf Lan Xichen und hielten fast vor Anspannung den Atem an, als dieser schließlich erneut das Wort ergriff und ruhig und deutlich verkündete:
„Kommen wir aber nun zu dem wahren Grund unserer Versammlung. Der Gusu Lan Clan und auch der Tai Jinan Clan freuen sich sehr über die erfreuliche Nachricht, dass wir zu der Übereinkunft gekommen sind, dass es zwischen unserer beiden Clan's zu einer Vermählung kommen wird. Jinan Liang und ich werden gegen Ende des Monats in den Bund der Ehe eintreten."
Lan Xichen hatte den Satz gerade so vollendet, als plötzlich ein lautes Raunen durch die Reihen ging. Für einen Moment erstarrten alle förmlich, rissen ihre Augen weit auf und hielten den Atem an, als kurz danach plötzlich ein erfreuliches und lautes Gerede durch die Reihen ging.
Es wurde gejubet und geklatscht und Jinan Liang und Lan Xichen warfen sich ein kurzes, bestätigendes Nicken zu, als Lan Qiren und Jinan Yi freudestrahlend sich der Masse zuwanden.

Wei Wuxian dagegen fiel die Kinnlade auf den Tisch und auch Lan Wangji saß mehr als schockiert neben seinem Wei Ying.
„Das ist ein schlechter Scherz oder?" Nuschelte Wei Wuxian noch im Selbstgespräch, während er seine Augen kaum von Lan Xichen und Jinan Liang abwenden konnte.
Auch in Lan Wangji's Gesichtsausdruck konnte man eine leichte besorgte Falte entdecken, während er regungslos an dem Tisch saß und das laute und aufgeregte Treiben der Massen zwischen ihnen nur so niederprasselte.

Bao Tian lehnte derweil noch immer draußen mit seinem Rücken an der Hauswand. Seine braunen Augen waren weit aufgerissen und sein Gesicht war kreideweiß. Regungslos stand er da und konnte nicht glauben was seine Ohren gehört hatten. Es war ein tiefer Schock, gefolgt von einem unerträglichen Schmerz der durch seinen gesamten Körper fuhr und ihn unfähig machte sich zu bewegen. Sein Geist verfiel in eine Schockstarre, sein Herz teilte sich in zwei, während seine Seele in viele tausend Scherben zerbarst.
Hinter ihm drang das Gelächter und die Ausrufe der Freude aus dem Pavillon und verhallten in der Ferne der Cloud Recesses, während es im Gegenzug um ihn herum plötzlich ganz seltsam still wurde. Er hörte nichts mehr, sah nichts mehr und spürte nichts mehr.

Bao Tian drückte sich langsam von der Hauswand ab und wie in Trance schritt er langsam Richtung Ausgang und verließ die Cloud Recesses.

Wei Wuxian sah sich um. In windeseile fiel sein Blick hinaus zur Tür, als er nur noch einen Gedanken fassen konnte: -Tian!-
Er sprang auf, kämpfte sich durch die Menschenmenge und rannte nach draußen. Hektisch sah er sich um, doch von Bao Tian war weit und breit nichts mehr zu sehen. Leicht in Panik begann er nach ihm zu rufen, als plötzlich Lan Wangji hinter ihm auftauchte und dieser ihn an der Schulter berührte.
„Nicht, es hat keinen Zweck. Lass ihn gehen."

„Gehen?" Sagte Wei Wuxian aufgebracht.
„Wohin? Weißt du was jetzt in seinem Kopf vorgeht? Wie können wir ihn einfach ziehen lassen? Wer weiß was er vor hat?"

Doch Lan Wangji hielt Wei Wuxian an der Schulter fest, als er versuchte beruhigend auf ihn einzureden:
„Wir können jetzt in diesem Moment nichts tun. Er braucht das was wir jetzt alle brauchen und das ist Zeit die Sache zu überdenken und sich damit abzufinden. Wir können ihm nicht helfen. Was glaubst du könntest du jetzt für ihn tun?"

"Ich bin nicht wie du Lan Zhan. Ich kann nicht einfach nur alles schweigend beobachten und darauf vertrauen das die Menschen schon die richtigen Entscheidungen treffen und alles gut wird." Sagte Wei Wuxian aufgebracht, als er sich plötzlich los riss. Er raufte sich mit seinen Händen durch seine Haare und taumelte ein paar Schritte bis zur Hauswand. Dann ballte er seine rechte Hand zu einer Faust und schlug einmal kraftvoll gegen das Mauerwerk.
Er knirschte mit den Zähnen, während seine Stirn sich kraus zog. Er schloss seine Augen, als er den Blick gen Boden richtete und leise flüsterte:
„Wieso nur, wieso Zewu-Jun?...Das ist nicht fair."

Lan Wangji atmete einmal tief ein, als er seine Schultern schlaff hängen lies und dann seinen Kopf langsam nach hinten in seinen Nacken streckte und nach oben in den Himmel blickte.

Im großen Pavillon hingehen war weiterhin eine ausgelassene Stimmung und die ersten Trinkschalen wurden zum Anstoßen gefüllt und Lan Xichen und Jinan Liang konnten sich vor lauter Beglückwünschungen nicht mehr retten.

Lan Qiren und Jinan Yi begannen schon die Hochzeit und die weitere Zukunft ihrer Clan's zu planen, als Lan Xichen sich für einen kurzen Moment zur großen Eingangstür drehte. Sein Blick fiel hinaus zur Tür, als er einmal schwer schluckte, wobei sich sein Adamsapfel einmal deutlich sichtbar hervordrückte. Obwohl er keine Miene verzog und auf seinen Lippen sein immer freundliches Lächeln lag, schien sein Geist kurzzeitig von etwas anderem abgelenkt worden zu sein. Denn was unter seiner kühnen und gut geschauspielerten Fassade niemand erkannte, war, dass sein Herz in Wirklichkeit nervös und unkontrolliert in seiner Brust schlug, während sich ein immer dicker werdender Kloß in seinem Hals bildete und seine rechte Hand sich unter dem langen Stoff seines Ärmels zu einer angespannten, zittrigen Faust geballt hatte.