Chapter 20.9

Es war der nächste Morgen und Lan Xichen öffnete langsam seine schweren Augenlieder. Er blinzelte ein paar Mal, ehe er unter das dunkle Holz seiner Zimmerdecke blickte. Er spürte den frischen Wind um seine Nase, welcher durch das Fenster herein kam und er hörte das zarte Singen der Vögel.
Lan Xichen drehte seinen Kopf leicht zur Seite, als er plötzlich in ein bekanntes Gesicht blickte.

„Heiler...!"
Sagte Lan Xichen etwas verwundert, als er in das faltige Gesicht des Heiler's des Gusu Lan Clan blickte. Dieser saß auf einem Stuhl neben seinem Bett und blickte ihn kritisch an. Eine leichte, angespannte Falte lag zwischen seinen Augenbrauen, während er mehrmals mit einer ruhigen Handbewegung über seinen langen, grauen Bart strich.
„Lan Xichen, ihr seid wach, das ist gut. Wie fühlt ihr euch?" Seine Stimme war sanft und leise.

Lan Xichen blickte den Heiler erst noch etwas irritiert an.
-Wie er sich fühlte? Wieso was war geschehen?-

Doch genau in diesem Moment holten Lan Xichen die Erinnerungen der vergangenen Nacht wieder ein. Ein Schock schoss durch seine Knochen und er zuckte zusammen, als ihm die traurigen Geschehnisse der vergangenen Nacht wieder klar vor Augen erschienen. Die vielen Bilder prasselten auf ihn ein und sein Herz machte einen Sprung, als er plötzlich in die Senkrechte schnellte. Doch noch im selben Moment vernahm er einen stechenden Schmerz in seiner Hüfte und ein leiser Ausruf des Schmerzes verließ seine Kehle.

Der Heiler stand sofort auf, lehnte sich sachte über Lan Xichen herüber und berührte seine Schultern. Behutsam drückte er ihn wieder zurück auf das Bett, als er ruhig sprach:
„Bewegt euch noch nicht. Bleibt ruhig liegen, es könnte sonst sein, dass die Wunden sich wieder öffnen."

Lan Xichen Augen weiteten sich. Das der Heiler hier war und von Wunden sprach und ihn verarztet hatte, musste bedeutet, das ihn auch jemand hergerufen hatte.
Etwas erschrocken fragte Lan Xichen vorsichtig nach:
„Warum seid ihr hier, wer hat euch gerufen?"

Der Heiler setzte sich wieder hin, nahm eine kleine Schale von dem Tisch neben dem Bett und begann eine würzig riechende Tinktur umzurühren.
„Seid ganz unbesorgt. Es weiß niemand warum ich hier bin. Ich habe Lan Qiren ausrichten lassen, dass ihr euch heute Morgen etwas unwohl gefühlt habt und ich mich um euch kümmern werde."

Lan Xichen wurde etwas nervös. Das Letzte woran er sich erinnern konnte war, dass er geweint hatte und Bao Tian über ihm thronte, während er sich versuchte bei ihm zu entschuldigen. Danach konnte er sich an nichts mehr erinnern.
Lan Xichen bewegte sich leicht im Bett um seinen Körper einmal zu erfühlen. Er spürte ein Brennen an seinen Handgelenken, einen beißenden Schmerz an seinem Unterarm und ein stechen und Prickeln an seinem Hals und Brust. Doch als er seine Hüfte leicht kippte spürte er eine feuchte und zähe Flüssigkeit zwischen seinen Pobacken. Lan Xichen zuckte einmal leicht angewidert zusammen.
In seinem Gesicht war seine Unsicherheit deutlich zu erkennen und für den Heiler war es ein Leichtes, aufgrund der Situation zu erahnen, was in Lan Xichen's Kopf vor sich ging.

Etwas zögernd und mit leiser stimme fragte Lan Xichen schließlich nach.
„Hat er...euch gerufen?"

Der Heiler atmete einmal kurz tief ein und schloss für einen Moment seine Augen.
„Ja. Er hat mich gerufen. Es war mitten in der Nacht. Ich kam so schnell ich konnte."

Lan Xichen schluckte schwer. Er wusste, dass der Heiler aufgrund seiner Verletzungen erkannt haben musste was geschehn war. Etwas peinlich berührt und verlegen blickte Lan Xichen zur Seite und vermied den direkten Augenkontakt.

Der Heiler seufzte einmal laut auf.
„Lan Xichen. Ich will es einmal aussprechen, nur damit wir uns einig sind. Ich bin seid vielen Jahren Heiler. Ich erkenne anhand eines Körpers was geschehen ist."

Lan Xichen zuckte zusammen und seine Augen weiteten sich. Seine Befürchtungen bewahrheiteten sich.

Doch der Heiler fuhr fort:
„Es steht mir nicht zu an dieser Stelle über das was geschehn ist zu urteilen. Aber wenn ihr es von mir verlangt, dann werde ich über diese Sache Stillschweigen bewahren. Ich denke dem Clan, euch und vor allem eurem Ansehen würde dies zugutekommen."

Lan Xichen atmete einmal schwer ein. Er blickte zum Heiler herüber, der wieder kerzengerade neben ihm auf einem Stuhl saß. Etwas vorsichtig und verlegen nickte Lan Xichen ihm einmal bestätigend zu.

Der Heiler atmete erneut tief ein, denn es war die Antwort mit der er schon gerechnet hatte.
„Dann werde ich diesem Wunsch nachkommen." Sagte er mit tiefer, ruhiger Stimme.

Lan Xichen dankte dem Heiler, als er auf seine verbundene Handgelenke blickte und sich in Gedanken verlor.
„Wo...ist er?" Fragte er schließlich etwas zögerlich.

Der Heiler stand auf, drehte sich um und holte aus einem Regal ein weißes Handtuch.
„Er hat bis zum Morgengrauen an eurer Seite gewacht. Dann ist er verschwunden. Er hat aber einen Brief für euch dagelassen."
Mit einem leisen nnackende Geräusch setzte er sich wieder auf den Holzstuhl, fasste in seinen Ärmel und legte den besagten Brief auf dem Tisch ab. Dann tauchte er das Handtuch in eine Schale mit warmen Wasser ein.
„Ich habe eure Wunden behandelt und verbunden. Heute Abend werde ich die Verbände abnehmen und noch einmal alles mit einem Sud einreiben. Die Verletzungen sind nicht tief, aber sie werden etwas brauchen um vollständig zu verheilen. Um die unerwünschten Blicke anderer zu vermeiden solltet ihr sie stet´s bedeckt halten."
Der Heiler warf einen kurzen, verurteilenden Blick auf Lan Xichen´s wunde Handgelenke und auf seinen Hals, welcher deutliche rote Spuren aufwies.

Lan Xichen nickte akzeptierend, als der Heiler begann mit dem nassen Handtuch einmal seine Stirn abzutupfen.
Dabei zog der Heiler eine bekümmerte Miene, als er in Lan Xichen's besorgtes Gesicht blickte.
„Lan Xichen, ich kenne euch seid ihr ein kleiner Junge wart. Euer Wohlergehen war mit stet´s eine Herzensangelegenheit. Es steht mir nicht zu in eure persönlichen Belange einzugreifen, aber ich denke nicht, dass es ratsam ist, diesen Mann wieder an eurer Seite zu dulden. Auch wenn ihr über eine harte Bestrafung absehen werdet und sich über die Geschehnisse der Schleier des Schweigens legt, so habt ihr doch die wahre Natur seines Wesens kennengelernt. Dies ist nicht akzeptabel und in keiner Weise zu entschuldigen. Ich bitte euch noch einmal zu überdenken ob es nicht doch ratsam wäre ihn..."

Doch der Heiler kam nicht mehr dazu seinen Satz ganz auszusprechen, als Lan Xichen seine Hand anhob.
Der Heiler verstummte jäh und blickte Lan Xichen mit großen Augen an, als dieser leise, aber unmissverständlich sagte:
„Ich kann eurer Bitte leider nicht nachkommen. Verzeiht mir."

Der Heiler setzte sich wieder hin und legte das nasse Handtuch zur Seite, als sich seine Augen angespannt zusammenkniffen.
„Was hält euch davon ab?"

Lan Xichen richtete sich vorsichtig auf, kam in die Aufrichtung und setzte sich hin. Die Bettdecke zog er sorgfältig wieder bis zu seinem Schoß und legte dann seine Hände adrett gefaltet übereinander. Er atmete tief ein, blickte nach unten auf seine Hände und horchte dann in sich hinein.
Er nahm einen tiefen Atemzug, als er den Heiler mit klaren und ehrlich Augen ablickte und dann sagte:
„...Weil...ich diesen Mann liebe!"

Die Augen des Heiler's weiteten sich und in seinen großen, dunklen Augen spiegelte sich Lan Xichen's Antlitz wieder. Es verging ein Moment des Schweigens, indem die beiden einfach nur still nebeneinander saßen.

Schließlich holte der Heiler ebenfalls tief Luft, schloss wieder für einen Moment seine Augen und seufzte dann laut auf.
„Dann, soll es wohl so sein!
Nur für euch, Lan Xichen,
werde ich vergessen was ich gesehen und gehört habe!"

„Ich danke euch!" Sagte Lan Xichen aus tiefstem Herzen, als er seine Arme nach vorne ausstreckte und sich so gut es ging dankend vor ihm verneigte.

Der Heiler stand auf, verneigte sich ebenfalls einmal tief vor seinem Sect Leader, als er schweigend und in Gedanken versunken den Pavillon wieder verließ.

Die Tür fiel mit einem leisen Klicken wieder ins Schloss.
Lan Xichen war nun wieder alleine und er blickte auf den kleinen Tisch neben seinem Bett. Er sah den Brief, streckte seine Hand danach aus und rollte ihn auseinander. Fast schon etwas hastig begann er die schwungvollen Zeilen zu lesen:

„Es gibt keine Worte auf dieser Welt,
die meinen Schmerz in meinem Herzen beschreiben könnten
und es gibt keine Entschuldigung mit der ich wieder gutmachen könnte,
was ich getan habe.

Das Kostbarste auf der Welt habe ich mit meinen eigenen Händen verletzt,
ich selbst werde mir für dieses Vergehen niemals verzeihen können.

Es tut mir aufrichtig Leid und ich wünschte ich könnte es ungeschehen machen.
Aber das kann ich leider nicht.

Ich liebe dich Huan.
Doch es ist genau dieses Gefühl, welches ich nicht mehr ertrage und es macht etwas mit mir, was ich selbst nicht mehr unter Kontrolle haben.

Vergib mir!

Tian"

Lan Xichen atmete einmal tief ein und blickte dann hinaus aus dem Fenster. Sein Herz war ihm schwer und zu all seinen Sorgen und Kummer gesellte sich an diesem Morgen wieder eine neue Last dazu.
Seine Augen wurden glasig, als er leise mit gebrochener Stimme zu sich selbst nuschelte:
„Ich würde dir alles verzeihen Tian, solange du nur bei mir bleibst...
Wo bist du nur Tian?
Ich brauche dich jetzt an meiner Seite..."


1 Monat später

Die vielen hellen Lichter leuchteten in den kleinen Fenstern und der Staub auf den Straßen hatte sich durch den herabfallenden, anhaltenden Regen zu einem braunen Schlammteppich verwandelt. Es war dunkel geworden und Lan Wangji und Wei Wuxian schlenderten noch durch die Straßen der Stadt. Sie gingen Seite an Seite, während Lan Wangji einen großen Seidenregenschirm trug, welcher die beiden sicher vor dem Regenguss schüzte.

Wei Wuxian trug einen mehr als erzürnten und angenervten Gesichtsausdruck, als er laut zu fluchen begann:
„Ich hasse Männer mit Liebeskummer. Die sind so verdammt nochmal anstrengend und stur. Seit einem gottverdammten Monat sind wir nun auf der Suche nach ihm. Erst heißt es ich solle mich nicht einmischen. Jetzt hat Zewu-Jun höchstpersönlich uns darum gebeten nach ihm zu suchen.
Die beiden machen mich noch wahnsinnig, nein vergiss es, die beiden sind wahnsinnig. Wer soll so ein Drama noch verstehen?"
Wei Wuxian schüttelte mit Unverständnis den Kopf, während er mit seinem Fuß ein paar kleine Steine auf der Straße wegtrat.

Lan Wangji ging derweil schweigend neben ihm her. Er kannte das Gefluche und Genöle mittlerweile und er konnte es fast auswendig mitsprechen. Denn seit einem gottverdammten Monat ging das nun schon so. Zuerst fluchte und mäckerte Wei Wuxian was das Zeugs hielt um dann später im Bett wieder nur die ganze Nacht davon zu plappern was er sich für Sorgen mache und wie es mit Bao Tian und Lan Xichen nur weitergehen solle.

-„Die Zukunft des gesamten Clan's steht auf dem Spiel!"-
Sagte Wei Wuxian dann immer abschließend, während er die Zukunft prophezeiend seinen Zeigefinger in die Luft streckte und dabei einen beeindruckenden Ausdruck in seiner Stimme trug.

Lan Wangji holte einmal tief Luft, als er kurz seine Augen schloss und sich selbst dabei erwischte wie tatsächlich ein kleiner eifersüchtiger Geistesblitz seine Gedanken durchkreuzte. Denn während Wei Wuxian voll und ganz mit Bao Tian und Lan Xichen beschäftigt war, blieb ihre eigene Zweisamkeit ein wenig auf der Strecke und Lan Wangji wünschte sich, dass Wei Wuxian wieder etwas mehr an ihn denken würde, als immer nur an das Liebesdrama seines älteren Bruders.

Wei Wuxian verfiel derweil in einen fluchenden Mononlog und während er nuschelnd vor sich herschritt, hörten sie auf einmal ein lautes Poltern und eine polternde Männerstimme.

Die beiden horchten interessiert auf und blieben plötzlich mitten auf der großen Hauptstraße stehen. Der Lärm schien aus einer Seitengasse zu kommen und Wei Wuxian blickte genau zu ihrer rechten an der Gebäudenaußenfassade empor, als er das große Aushängeschild einer Gaststätte sah.

Wei Wuxian runzelte seine Stirn.
„Es scheint aus dem Hinterhof zu kommen. Lass uns lieber mal nachsehen!" Sagte er neugierig, als er Lan Wangji einen auffordernden Blick zuwarf. Die beiden bogen sofort in die kleine Seitenstraße ein und liefen einmal um das Gebäude, als sie auch schon den Urspung des Lärms ausfindig machen konnten.

Die beiden blieben etwas im Schatten des Gebäudes stehen, als sie sahen wie ein Mann, der offensichtlich der Wirt der Gaststätte war, in der offenen Tür zum Hinterhof stand. Es war ein großer Mann von beachtlicher Größe, mit breiten Schultern und er trug eine Lederschürze vor seiner Brust. Mit verschränkten Armen stand er in der offenen Tür und sah hinunter auf den matschigen Boden. Erst in diesem Moment entdeckten Lan Wangji und Wei Wuxian im fahlen Licht, welches durch die offene Tür hinaus auf den Hof schien, wie ein weiterer Mann im nassen Dreck lag. Er lag auf dem Rücke, halb in einer großen Pfütze. Seine Arme lagen weit zu seinen Seiten ausgebreitet auf der Erde und sein eines Bein war angewinkelt, während er sich etwas orientierungslos auf dem Boden hin und herbewegte.

Der Wirt der Gaststätte donnerte mit lauter Stimme los:
„Raus endlich mit dir!
Ich habe dir mehrfach gesagt, dies ist das letzte Mal, dass du hier Alkohol bekommst!
Du vergraulst mir noch die Gäste! Sieh dich nur an du versoffener Bettler!
Scher dich endlich weg und verschwinde! Deine Visage will ich hier nie mehr sehen!"
Mit diesem Satz drehte sich der Wirt noch einmal um und griff nach einem Schwert in der Tür und schmiss dieses ebenfalls noch dem Mann hinterher. Das Metall schepperte und klirrte, als das Schwert in seiner edlen Schwertscheide ebenfalls neben dem Mann mit in den Dreck flog.

Dann knallte es noch einmal laut, als der Wirt die Tür wieder aggressiv hinter sich zuschlug.

Es war plötzlich stockdunkel geworden, denn der Lichtkegel aus der Gaststätte, welcher durch die Hintertür den Hof erleuchtete, war verschwunden. Nur das leichte, schummrige Licht aus den kleinen Fenstern der Gaststätte schien noch in den Hinterhof.

Wei Wuxian ging langsam los um nach dem Mann zu sehen, doch Lan Wangji hielt ihn behutsam am Ärmel fest.
„Sei vorsichtig, wir wissen nicht wer es ist."

Doch Wei Wuxian warf Lan Wangji einen gutmütigen Blick zu, als er hilfsbereit sagte:
„Egal wer es ist, in dieser Verfassung sieht er nicht aus als könnte er uns etwas anhaben. Wir sollten nachsehen, nicht dass der Gute noch in der Pfütze ertrinkt. Es wäre nämlich Schade um das schöne Schwert, wenn es seinen Herren auf diese tragische Weise verlieren sollte."

Lan Wangji gab schließlich sein Einverständnis. Denn auch er wollte es nicht auf dem Gewissen haben, wenn nachher ein einfacher Bürger eines eher sinnlosen Totes starb, nur weil er ignorant weggesehen hatte.

Vorsichtig näherten sich die beiden dem Mann, welcher noch immer regungslos am Boden lag. Wei Wuxian hockte sich hin, während Lan Wangji groß hinter ihm stehen blieb und den Seidenschirm schützend über sie hielt.

Der Mann am Boden war von dem Regen schon vollkommen durchnässt und seine Kleider waren voller Schlamm. Zudem verdeckte das nasse, dunkle Haar das Gesicht des Mannes und so konnten sie beide noch nicht viel erkennen.

Wei Wuxian räusperte sich, als er den Mann freundlich ansprach.
„Entschuldigung. Gehts ihnen gut oder brauchen Sie Hilfe?"

Doch der Mann am Boden stöhnte nur kurz auf, als er einmal tief einatmete. Seine rechte Hand zuckte im Schlamm auf.
„Sehe ich etwa so aus, als bräuchte ich Hilfe? Kümmert euch um eure eigenen Belange! Schert euch weg!"
Kam es plötzlich tief aber etwas schwer und benommen aus dem Mund des Mannes.

Wei Wuxian blickte etwas irritiert drein. Er hatte gar nicht mit so viel Antwort und Widerstand gerechnet, wenn er bedachte, in welch erbärmlichen Zustand sich der Mann gerade befand.
Wei Wuxian wedelte leicht angewidert mit seiner Hand vor seiner Nase herum um sich Luft zu verschaffen, als plötzlich der strenge Geruch von Alkohol in seine Nase stieg. Zudem schien der Mann sich schon länger nicht mehr gewaschen zu haben und so zog ein zusätzlicher, muffiger Geruch in die Luft, welcher von dem Moder des feuchten Schlamms noch verstärkt wurde.

Wei Wuxian drehte sich angewidert weg, als er sich mit seiner Hand die Nase zu hielt und nach oben zu Lan Wangji blickte.
„Tot ist er noch nicht, aber er riecht schon so!"

Lan Wangji blickte Wei Wuxian mit großen Augen an. Der Regen prasselte im Takt auf den Seidenschirm und in kleinen Rinnsalen lief dieser dann an den Kanten hinunter und tropfte dann zu Boden.
„Und was machen wir jetzt mit ihm?" Fragte Lan Wangji.

Wei Wuxian zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung, begraben? So wie der riecht nehme ich den auf jedenfall nirgendswo mit hin."

Doch Lan Wangji blickte etwas skeptisch auf den Mann am Boden, der doch ziemlich offensichtlich ihrer Hilfe benötigte. Der Mann stöhnte ein paar Mal schwer und bewegte sich im Schlamm leicht hin und her. Dabei fiel Lan Wangji plötzlich etwas Helles ins Auge, welches sich unter der Schulter des Mannes befand. Obwohl es im Schlamm lag und vollkommen nass und dreckig war, sah es etwas wie ein Band aus.
Lan Wangji's Augen weiteten sich plötzlich.
„Wei Ying. Sieh nur, das Band." Lan Wangji deutete mit seiner freien Hand auf Höhe der Schulter des Mannes.

Wei Wuxian blickte in die Richtung, in die der schlanke Finger zeigte und in der Tat, zwischen dem dunklen, nassen Haar, umringt von Schlamm, blitzte das Ende eines hellen Bandes hervor.

Blitzschnell beugte sich Wei Wuxian über den Mann, streckte seine rechte Hand aus und strich dann das nasse, zerzauste Haar aus dem Gesicht des Mannes.

Wei Wuxian und Lan Wangji zuckten am ganzen Körper zusammen und ihre Augen weiteten sich, als sie hinter dem ungepflegten und von Kummer und Leid gezeichnetem Gesicht, schließlich ihren Freund Bao Tian erkannten.

„Tian!"
Riefen die beiden synchron aus, als Wei Wuxian auch schon an dessen Schultern griff um ihn etwas aus dem Schlamm anzuheben.

Bao Tian blinzelte ein paar Mal, als er langsam seine schweren Augenlieder öffnete und nach oben in Wei Wuxian's besorgtes Gesicht blickte.
Ein fast schon belustigtes Schnaufen kam durch seine Nase, als er langsam und mit betrunkener Stimme sagte:
„Warum sehe ich eigentlich...jedes mal wenn es mir so richtig beschissen geht...ausgerechnet deine Fratze?"

Wei Wuxian schüttelte fassungslos seinen Kopf.
„Was ist nur geschehn? Sieh dich nur an. Du stinkst bis zum Himmel, bist ungepflegt und unrasiert und dazu noch sturzbetrunken. Wo warst du nur den vergangenen Monat, was hast du gemacht?"

Doch Bao Tian begann nur mit hustenden und gurgelnden Geräuschen zu kichern, als er Wei Wuxian's Arme von sich wegdrückte und wieder nach hinten in den Schlamm fiel.
„Siehst du doch. Ich hänge so rum."

Wei Wuxian schnaufte empört durch seine Nase, als er Lan Wangji einen entrüsteten Blick zuwarf. Doch auch dieser war mehr als überrascht und sprachlos darüber, Bao Tian in so einer Verfassung vorzufinden.

„Los steh auf, du kommst mit uns!" Sagte Wei Wuxian schließlich energisch und zog ein paar Mal an Bao Tian's Arm. Doch dieser half kein Stück mit, sondern blieb regungslos wie ein nasser Sack am Boden liegen.
„Geht und lasst mich hier liegen!" Sagte er mit tiefer, leicht lallender Stimme.

Wei Wuxian's Augen weiteten sich.
„Was redest du da? Du erfrierst oder ertrinkst noch, wenn wir dich hier liegen lassen. Ich habe dich nicht einen Monat gesucht um dir dann beim Sterben zuzusehn.
Lan Zhan los, hilf mir!"
Plötzlich begann Wei Wuxian mit aller Kraft an Bao Tian zu ziehen, doch all seine Anstrengung verursachten nur, dass er selbst ins Schnaufen geriet, während Bao Tian's massiver Körper sich keinen Zentimeter von der Erde bewegte.

Bao Tian blickte währenddessen mit leerem Blick nach oben in den regnerischen Himmel und rührte sich kein Stück. Seine Stimme war tief und leblos.
„Ob ich nun aufstehe und weiter dahin vegetiere oder hier liegen bleibe und im Dreck verrecke, was macht das für einen Unterschied?"

Wei Wuxian und Lan Wangji waren sprachlos. Es tat ihnen in der Seele weh, ihren Freund so zu sehen und es war ein Schock für sie nun festzustellen, wie sehr sich ein Mensch in nur einem Monat verändern konnte. Von dem ehemaligen, lustigen und lebensfrohen Bao Tian war nichts mehr übrig geblieben. Nur noch eine leere Hülle, ein Schatten seiner selbst, welcher nun ohne jeglichen Lebenswillen im Schlamm lag.

Doch Wei Wuxian wollte nicht aufgeben. Er konnte ihn nicht aufgeben.
„Wie kannst du nur so etwas sagen? Wir brauchen dich, der Gusu Lan Clan braucht dich und Lan Xichen, er braucht dich mehr als wir alle zusammen."

Plötzlich regte sich etwas in Bao Tian und seine Augen weiteten sich für einen Moment, als er plötzlich schwer Luft holte.
„Huan...Er braucht mich nicht mehr." Seine Stimme wurde plötzlich ganz schwach und in seinem gezeichnetem Gesicht stand das Leid der Welt.

„Natürlich braucht er dich! Warum sonst sollte er uns auf die Suche nach dir geschickt haben? Er braucht dich, er macht sich große Sorgen um dich! Wieso sagst du so etwas?" Sagte Wei Wuxian hastig, in der Hoffnung den Lebenswillen in Bao Tian wiederzuerwecken.

Doch diese Worte machten es nur schlimmer und Bao Tian's Gesicht verzog sich plötzlich fürchterlich. Seine Lippen begannen zu zittern, sein ganzer Körper bebte und mit schriller Stimme wimmerte er:
„Er hasst mich!"

Wei Wuxian´s und Lan Wangji's Augen weiteten sich und in ihren Gesichtern stand der Schock.

Plötzlich füllten sich Bao Tian's traurige Augen mit Tränen und er fing vor ihnen jämmerlich an zu weinen, als er seine nassen und schmutzigen Hände vor sein Gesicht hielt.
In seiner Stimme spiegelte sich sein Leid wieder und sein Herz konnte den Kummer und den Schmerz nicht mehr ertragen, als er sich ihnen offenbarte.
„Ich habe ihm schreckliches angetan!
Niemals wollte ich ihm weh tun aber ich war zu schwach!
Ich konnte es nicht mehr ertragen!
Ich bin durchgedreht, war nicht mehr ich selbst! Ich hatte meine Wut und Eifersucht nicht mehr unter Kontrolle!
Ich bin ein widerlicher Mann!
Ich habe mir mit Gewalt genommen was ich begehrt habe!
Ich habe mich an ihm vergangen...ihn gezwungen und ihm dabei schrecklich weh getan!
Mit meinen eigenen Händen habe ich ihn gepeinigt...bis er ohnmächtig wurde..."

Wei Wuxian und Lan Wangji stockte der Atem und sie konnten sich beide für einen Moment nicht mehr rühren. Ein dicker Kloß schnürte ihre Kehlen zu.
Der Anblick Bao Tian's, die Emotionen in seiner Stimme und der Inhalt seine Worte waren so furchtbar, dass die beiden sich für einen Moment nicht mehr wussten was sie tun sollten.

Die Zeit stand förmlich still und das Prasseln des Regens auf den leichten Seidenschirm klang plötzlich wie ein lautes Rauschen.
Rinnsale hatten sich mittlerweile überall auf der Erde gebildet und flossen an ihnen vorbei, während die Pfützen zu ihren Füßen immer größer wurden.

Eine ganze Weile weinte Bao Tian jämmerlich und Wei Wuxian und Lan Wangji standen an seiner Seite und konnten nichts tun, außer den Tränen seiner Schuld zuzuhören.
Schließlich streckte Wei Wuxian vorsichtig seine Hand nach Bao Tian aus und berührte seine Schulter. Seine Stimme war ernst aber hatte einen wohlwollenden Unterton.
„Tian, auch wenn wir das was geschehen ist nicht ungeschehen machen können und wir eine tiefe Schuld in unseren Herzen tragen und eine grausame Last uns zu erdrücken scheint...
So können wir aber trotzdem vergeben. Und ich bin mir ganz sicher, dass Zewu-Jun dir vergeben hat.
Ansonsten hätte er uns niemals auf die Suche nach dir geschickt. Ich bin mir ganz sicher, das er genauso wie du leidet und er sich nichts sehnlicher wünscht, als das du wieder an seine Seite zurückkehrst!"

Bao Tian schluckte und wischte sich die feuchten Tränen aus dem dreckigen Gesicht.
„Als könnte er jemals so eine Tat vergeben...wer will mich noch an seiner Seite haben? Seht mich nur an!
Ich bin ein Monster und ganz unten angekommen. Lasst mich einfach hier liegen und verschwindet."

„Hmpf" Rümpfte Wei Wuxian seine Nase.
Er wusste, dass es nicht leicht werden würde Bao Tian's zerrütete Seele wieder zusammenzupuzzeln, aber er wusste, dass zumindestens jemand den Anfang machen musste, wenn Bao Tian es aus eigener Kraft nicht schaffen würde.
Plötzlich stand Wei Wuxian auf, streckte sich einmal und machte sich groß. Lan Wangji blickte ihn dabei mit großen Augen an, als dieser seine geballten Fäuste aneinander drückte und dann einmal einzeln an seinen Fingern zog, bis diese laut knackten.
Lan Wangji hielt dabei vehement den Seidenschirm über Wei Wuxian, als er ihn leicht verwundert anblickte. Er war sich ziemlich sicher, dass jetzt etwas passieren würde.

Wei Wuxian räusperte sich auffällig und er blickte plötzlich mit einem provozierenden Blick nach unten zu Bao Tian in den Dreck, als er mit energischer Stimme sagte:
„So, jetzt hör mir mal gut zu!
Ich bin nicht einen ganzenverschissenen Monat wie ein Idiot quer durchs ganze Land gereist und habe mir förmlich den Arsch aufgerissen um dich zu finden, nur um dich dann stockbesoffen in einem abgewrackten Zustand vorzufinden und mir dann dieses Geheule von dir anzuhören.
Du hast mir schon zu viele schlaflose Nächte bereitet und dieses Drama mit dir und Zewu-Jun ist mir echt unter die Haut gegangen.
Habt ihr eigentlich eine Ahnung wie euer Theater auch andere beeinflusst und ihr sie mit in euren theatralischen Abgrund reißt?
Es wird langsam mal Zeit, dass ihr die Verantwortung für euer Handeln tragt und mir zurückgebt was ihr mir und anderen an kostbarer Lebenszeit die letzten Wochen geraubt habt. Es gibt schließlich noch andere Menschen da draußen die sich um euch Sorgen und denen ihr wichtig seid. Bildet euch nicht ein eure Geschichte würde nur euch zwei betreffen, denn dies ist ein Trugschluss.
Was glaubt ihr eigentlich wer ich bin?
Ich bin Wei Wuxian, der Yiling Patriarch und ich lasse mir von euch zwei kleinen Hirngespinsten nicht vormachen wie das wahre Drama des Lebens funktioniert.
Ich bin schon einmal gestorben und durch den Tod gegangen. Ich habe die tiefsten Abgründe dieser Welt mit eigenen Augen gesehn!
Also reißt euch Herr Gott nochmal am Riemen, sprecht endlich vernünftig miteinander wie zwei erwachsene Männer und sagt euch was ihr wirklich fühlt.
Und wenn ich dir sage, Tian,
dass Zewu-Jun dich braucht, dann ist das ein unumstrittener Fakt. Komm mir hier nicht mit so einem Mist, wie er würde dich hassen, denn das zieht an dieser Stelle nicht mehr.
Also sieh jetzt endlich zu, dass du deinen erbärmlichen Hintern hier aus diesem Dreck pulst und endlich Rückrad beweist in dieser Angelegeheit und dich wie ein echter Mann verhälst.
Kämpfe fair und vernünftig für deine Liebe und wenn du sie dennoch nicht haben kannst, dann sei trotzdem für sie da und bleib gefälligst an ihrer Seite!"

Lan Wangji machte große Augen. So eine Ansprache hatte er von Wei Wuxian noch nie gehört und er fühlte sich plötzlich selber ganz klein und stand schweigend und kerzengerade dort mit seinem Seidenschirm und hoffte nicht auch noch selbst zwischen die Fronten zu geraten.

Bao Tian lag regungslos auf dem Rücken, den starren Blick nach oben gerichtet.
Ohne Frage, Wei Wuxian's Worte hatten etwas in ihm bewegt und er selbst musste ersteinmal inne hallten und das Gesagte auf sich wirken lassen.

Wei Wuxian stand währendessen schnaufend neben ihm und rang erstmal nach Luft, während er sich selbst noch abreagieren musste.
Nachdem er eine ganze Weile tief durchgeatmet hatte, warf er plötzlich Lan Wangji einen befehlenden Blick zu.
„Lan Zhan, wir gehen. Ich bin fertig hier!"

Lan Wangji zuckte zusammen und blickte erst Bao Tian und dann einmal Wei Wuxian fragend an.
Als Wei Wuxian sich langsam von Bao Tian abwendete blieb er plötzlich noch einmal ruckartig stehen und drehte sich um.
Provokant zeigte er mit seinem Zeigefinger auf Bao Tian und sagte dann mit dominater Stimme:
„Achso, fast hätte ich es vergessen.
In drei Tagen ist die Hochzeit.
Sieh zu, dass du bis dahin wieder im Clan bist,
dich bis dahin wieder grunderneuert hast...und...
mit deiner Anwesenheit glänzt.
Wenn nicht..."

Plötzlich bekam Wei Wuxian's Stimme eine unglaubliche Tiefe und die Luft begann förmlich zu schwingen, während ein rötliches Licht in seiner Aura aufflackerte:
„...komme ich persönlich und hole dich!"

Mit diesem Satz hakte sich Wei Wuxian plötzlich bei Lan Wangji im Arm ein und schliff ihn davon. Noch ohne das Lan Wangji auch nur ein Wort sagen konnte, wurde er von Wei Wuxian stürmisch davon geschleppt und die beiden verschwanden mit ihrem Seidenschirm in der Dunkelheit der Nacht.

Bao Tian lag nun ungeschützt im vollen Regen, seinen Blick nach oben in den dunklen Himmel gerichtet.
Der kalte, nasse Regen prasselte ungebremst in sein Gesicht und sein Körper spürte die eindringende Kälte der Erde.
Er schluckte mehrfach und seine Augenlieder blinzelten bei jedem Tropfen der auf seine Wimpern fiel.

Die Worte Wei Wuxian's hallten durch seinen Kopf und er spürte plötzlich einen kleinen Funken Hoffnung, ganz tief in seinem Herzen versteckt, welcher langsam wieder zu keimen begann.
Sein rechter Arm war durch den kalten Regen schon ganz steif geworden und langsam und etwas hakelig hob er ihn langsam an und streckte ihn hoch in die Luft. Seine Finger spreitzten sich weit auseinander und er griff nach den Sternen, als er leise sagte:
„Meiming...Pass bitte weiterhin gut da oben auf unsere Kinder auf.
Scheinbar kann ich doch noch nicht zu euch kommen, denn es gibt noch etwas auf dieser Welt, was mich noch hier hält."

Bao Tian atmete einmal tief ein, als erneut seine Lippen zu beben begannen und eine einzelne Träne über seine Wange lief und dann zur Erde tropfte. Sie vermischte sich mit dem dunklen Schlamm und wurde dann vom Fluss des Regens davon gespült.
Seine Stimme war dünn und kraftlos:
„Niemals werd ich euch vergessen, ihr werdet immer in meinem Herzen sein und ich werde euch immer lieben.
Aber er ist einfach meine zweite große Liebe.
Meiming, verzeih mir aber ich liebe ihn einfach so sehr...
Ich will es noch einmal wagen mein Glück zu finden.
Ich will es noch einmal versuchen in diesem Leben glücklich zu sein...
Bitte vergib mir für diesen letzten, egoistischen Wunsch."

Mit einem Mal hörte der Regen langsam auf und Bao Tian blickte mit seinen weit aufgerissenen Augen gen Himmel. Seine ausgestreckte Hand zog sich plötzlich geschwind zusammen, so als würden seine Finger nach etwas greifen.

Er stand langsam auf und erhob sich aus dem Schlamm. In voller Größe richtete er sich auf und strich sich die nassen Haare und den dreckigen Schlick aus dem Gesicht. Er hob sein Schwert auf und hielt es sicher und stolz in seiner Hand.

Er verließ schließlich mit zielstrebigen Schritten die kleine Gasse und sein Körperabruck im Matsch verblasste durch die kleinen Rinnsale des Regens nach und nach und bald war von der Spur des Mannes, der ganz unten am Boden lag, nichts mehr zu sehen.


Die verbleibenden drei Tage bis zur Hochzeit vergingen nun wie im Flug. Die Cloud Recesses befand sich in heller Aufregung und alles wurde geschmückt und bereit für dir große, anstehende Feier gemacht. Der sonst eher stille und farblich schlichte Gusu Lan Clan erwachte förmlich zu neuem Leben und alles tauchte sich in ein kräftiges, dunkles Rot und wurde prunkvoll und festlich hergerichtet.
Andere Sect Leader und dessen Cultivators reisten schaarenweise an und die Gästehäuser füllten sich mit Leben.

Auch Jiang Cheng, Sun Yan, Feng Ling und sogar Madame Mao mit ihren zwei Mädchen Shao Ran und Gao Lee eilten herbei um der großen Hochzeitsfeier beizuwohnen.

Lan Xichen wurde dagegen mit jedem weiteren Tag der verstrich immer rastloser und eine innnere Unruhe bereitete sich in ihm aus. Lan Wangji und Wei Wuxian hatten ihm zwar davon berichtet, dass sie Bao Tian ausfindig machen konnten, jedoch war es ungewiss ob er tatsächlich wieder in der Cloud Recesses auftauchen würde. Die Zweifel in Lan Xichen's Herzem wurden immer größer und immer wieder fragte er sich, ob er tatsächlich die richtigen Entscheidungen getroffen hatte.

Jinan Liang und ihr Vater Jinan Yi waren derweil guter Dinge, wenn auch ihnen langsam anzusehen war, wie die Nervosität zunehmend anstieg.
Der Gusu Lan Clan gehörte schließ mich zu einem der größten Clan's in der Welt der Cultivtors und dieser wollte sich in nichts nachstehem, der heißersehnten Vermählung ihres Sect Leader's zu einem unvergesslichen und geschichtlich bedeutendem Ereignis heranwachsen zu lassen.
Bis weit über die Landesgrenzen hinaus wurde darüber gemunkelt und die Botschaft verbeiteten sich bald wie ein Lauffeuer, dass einer der Jade Twins nun mit einer wunderschönen, jungen Frau aus dem Tai Jinan Clan in den Bund der Ehe eintreten würde.

Es war der Abend vor der Hochzeit und plötzlich wurde es merkwürdig still in der Cloud Recesses. Es war wie die Ruhe vor dem großen Sturm und jeder schien sich selbst und seinen eigenen Gedanken nachzugehen.

Es stand außer Frage, dass jeder sich seinen eigenen Teil zu dieser Vermählung dachte und so manch einer runzelte vielleicht die Stirn, in der Hoffnung doch noch Licht in die Sache bringen zu können.

Lan Xichen hatte Jinan Liang seit dem Morgen nicht mehr gesehen. Sie befand sich schon den ganzen Tag in den Vorbereitungen für die Hochzeit und sie wurde rundum versorgt und es wurde sich mit voller Hingabe darum gekümmert, dass sie die schönste Braut werden würde, die die Welt der Cultivator´s jemals zu Gesicht bekäme. Immerhin wollte der Tai Jinan Clan dem Gusu Lan Clan eine gebürtige Braut übergeben und dessen Ansprüchen voll und ganz gerecht werden.

Es war sogar Madame Mao selbst, welche extra aus Changnan angereist war, denn sie wurde für die Hochzeitroben höchstpersönlich beauftragt und einen ganzen Monat lang hatte sie mit ihren zwei Mädchen an den Stoffen gearbeitet.
Mehr als stolz und zufrieden war sie mit ihrer Arbeit und sie hatte all ihr Herzblut und Können in diese Roben gesteckt, wenn nun auch ihre Vorfreude etwas getrübt war, wo sie nun mittlerweile auch erfahren hatte, dass Bao Tian den Gusu Lan Clan verlassen hatte. Doch sie hatte vertrauen in ihre Jungs und sie wusste, dass auch diese Hürde noch zu schaffen sei, wenn sie auch etwas mehr Courage von allen abverlangen würde.


Es war dunkel geworden und alle gingen früh zu Bett um am nächsten Morgen ausgeruht und erholt zu sein.

Lan Xichen befand sich in seinem Pavillon. Er war gerade aus dem Badehaus zurückgekehrt und zog sich um, als er still und regungslos wie ein heller Geist in den dunklen Schatten seines Zimmers stand.

Doch für einen Mann, der am nächsten Tag seine schöne Braut empfangen sollte, war sein Gesichtsausdruck alles andere als glücklich.
Etwas niedergeschlagen und betrübt blickte er zu Boden, als er gerade den Gürtel seiner Nachtrobe zuband.

Er seufzte laut auf, als er sich schlapp und kraftlos auf die Kante seines Bettes niederlies. Seine Mundwinkel zogen sich traurig nach unten und seine Augen wurden leicht glasig, als er bekümmert den Kopf schüttelte. Seine Lippen öffneten sich zaghaft, als er leise zu sich selbst nuschelte:
„...Vielleicht habe ich doch einen Fehler gemacht...
Tian wo bist du nur...?...
Wenn du nicht zu mir zurückkommst...
war dies alles vergebens...!"


Er atmete tief ein. Die kalte Luft presste sich durch seine Lungen und strömte durch jede Zelle seines Körpers.
Seinen kühnen und entschlossenen Blick nach vorne in die Dunkelheit gerichtet. Seine braune Augen, welche wieder ihre Klarheit und Vernunft besaßen, schimmerten im fahlen Mondlicht.

Bao Tian strich seinen kleinen Zopf mit dem weißen Band des Gusu Lan Clan's nach hinten über seine Schulter, als er sich groß aufrichtete und seine vom Mond angestrahlte Silhouette, mit der Kraft eines Kriegers erstrahlte.
Entschlossen setzte er einen Fuß vor den anderen, während er geschwind durch die Dunkelheit huschte. Er kannte jeden Zentimeter diesen Landstriches, jeden Baum und selbst mit verbundenen Augen hätte er den Weg zurück gefunden, wohin sein Herz ihm so akribisch den Weg wies.

Er sprang über ein niedriges Geländer und huschte leise wie eine Katze über die dunkle Holzveranda, als er schließlich vor einer großen Tür mit prunkvollen Beschlägen stehen blieb. Er streckte seine linke Hand aus und legte seine Fingerknochen behutsam an die Tür, bereit jede Sekunde anzuklopfen. Doch jetzt wo er an seinem Ziel angekommen war, geriet sein Puls in Aufruhe und ein wenig Nervosität pumpte sich durch seine Adern.
Doch er hatte sich entschieden, er wusste was er wollte und er war bereit nun diesen Weg zu gehen, mit all seinen Konsequenzen.

Er atmete noch einmal tief ein, als er mit seiner linken Hand leise an die Tür anklopfte.

Der helle Mond schien mit einem mystischen Licht auf die Cloud Recesses hinunter und in der Dunkelheit seiner kalten Schatten erkannte man Bao Tian's rechte Hand, wie sie etwas langes, dünnes, aufgerollt zu mehreren Schlaufen fest umschloss.
Das lange Ende hing zu Boden und seine Hand ballte sich angestrengt zu einer Faust, als durch die Kraftanstrengung das leise Knatschen von Leder zu hören.