Chapter 20.11
Die Vögel sangen den Morgen herbei und eine frische, klare Luft kam durch das große, runde Fenster herein.
Bao Tian brummte das erste Mal leise auf und drehte sich im Bett auf die andere Seite herum, als er plötzlich bemerkte, dass etwas sehr wichtiges an seiner Seite fehlte.
Er öffnete seine müden Augenlieder, als er in Lan Xichen's bekanntes Zimmer blickte.
Er schaute sich mehrfach schweigend im Raum um. Vor den Fenstern war es noch dunkel und als er niemand anderes mit im Raum bemerkte, drehte er sich noch einmal auf die andere Seite und schaute über das leere Bett. Dabei bemerkte er, dass das Bettlaken, Kopfkissen und die Bettdecke ebenfalls fehlten und er splitterfasernackt und ungeschützt alleine im großen Bett lag. Er runzelte seine Stirn, als er versuchte die Geschehnisse der vergangenen Nacht noch einmal revue passieren zu lassen. Seine dunklen Haare standen ihm wirr zu Berge und er machte einen etwas unbeholfenen Eindruck.
Er war noch immer nicht ganz wach und als er gerade dabei war sich zu fangen, hörte er plötzlich ein paar schnelle Schritte die näher kamen. Lan Xichen tauchte plötzlich in seinem Sichtfeld auf und lief schon frisch gebadet und mit offenem, nassem Haar quer durch das Zimmer, direkt an dem Bett vorbei.
Als Lan Xichen in seinem Augenwinkel Bao Tian's noch etwas verträumtes Gesicht entdeckte, kam er zum Bett herüber und setzte sich auf die Bettkante. Er strich behutsam über Bao Tian's Kopf und küsste auf seine Stirn.
„Guten Morgen.
Komm steh auf. Es ist Zeit."
Bao Tian blickte in Lan Xichen's liebliches Gesicht und er vernahm den zarten und angenehmen Duft von milder Seife.
„Wie späht ist es?" Brummte er mit tiefer Morgenstimme.
„5 Uhr." Sagte Lan Xichen.
„Ich muss jetzt gehen. Wir sehen uns dann später."
Bao Tian kam langsam in die Aufrichtung und setzte sich hin. Er gähnte laut und strich sich durch die zerzausten Haare, als er irritiert fragte:
„Wo ist die Bettdecke hin...und das Kissen?"
„...gewaschen...!" Sagte Lan Xichen fast ein wenig nuschelnd, während er seinen Blick etwas verlegen abwendete.
Er stand wieder von der Bettkante auf, begab sich zu einem der Regale an der nahegelegenen Zimmerwand und packte ein paar Sachen zusammen.
Bao Tian streckte derweil seine nackten Füße aus dem Bett und stand langsam auf. Etwas suchend blickte er sich nach seinen Kleidern um, als er vorsichtig fragte:
„Und wo sind meine Kleider?"
„...Auch gewaschen...!"
Kam es von ein paar Metern weiter rechts, als Lan Xichen ihm schon ein Handtuch und eine frische Robe aus dem Regal zog und ihm zur Seite legte.
Bao Tian patschte mit seinen nackten Füßen über die dunklen Holzdielen und griff nach der Robe. Schwungvoll warf er diese über seine Schultern, als er zu Lan Xichen herüber blickte.
Dieser trug einen leicht angespannten Gesichtsausdruck und seine Hände wirkten fast ein wenig zittrig, wie er hektisch seine Sachen zusammensuchte. Es war genau diese angespannte und alles erdrückende Atmosphäre, welche Bao Tian brutal in das Hier und Jetzt zurückholte und ihn ungeschont daran erinnerte, welcher Tag heute war.
Er atmete einmal tief ein, als er sich das Handtuch ebenfalls über seine Schulter schmiss und dann Richtung Tür ging.
„Ich gehe zum Badehaus." Sagte er beiläufig.
Als er seine Hand auf den geschwungenen Türgriff legte und die Tür kraftvoll öffnete, blickte er sich noch einmal um.
Lan Xichen stand schweigend neben dem Regal und ihre Blicke trafen sich.
Ein frischer Windzug, kam durch die Tür herein und ein kurzer, fröstelnder Schleier, zog sich über Bao Tian's Haut, als seine Robe und sein dunkles Haar kurz aufwehten.
Ein kurzer Moment des Schweigens verging und außer dem leisen Singen der Morgenvögel war nichts zu hören. Keiner von beiden sagte ein Wort.
Bao Tian fasste schließlich mit seiner linken Hand einmal an seinen kleinen geflochtenen Zopf und drehte diesen zwischen seinen Fingern hin und her. Das eingeflochtene Band seines Herren war deutlich zu spüren. Bao Tian wendete seinen Blick ab und sagte leise:
„Bis später."
Mit diesem Satz drehte er sich um, verließ den Pavillon und schloss hinter sich die Tür.
Es war kurz vor der Trauung, als Bao Tian über die Veranda von einem der Gästehäuser entlangschritt.
Eine markante, nachdenkliche Sorgenfalte grub sich tief in seine Stirn, während sein Geist sich in einem nahezu gelähmten Zustand befand. Er schaute hinunter zu Boden, die dunklen Holzdielen der Veranda zogen an seinem Sichtfeld vorbei, als plötzlich vor ihm zwei Füße auftauchten.
Bao Tian zuckte zusammen, als er langsam seinen Blick anhob.
Vor ihm stand Wei Wuxian, herausgeputzt bis ins Äußerste. Er trug eine lange, elegante dunkle Robe mit vielen aufwendigen roten und goldenen Details. Seine Haare waren adrett gekämmt und zu seinem typischen hohen Zopf gebunden, während er seine Arm verschränkt vor seiner Brust trug. Er stand auf der Veranda wie ein Fels in der Brandung.
Seine rechte Augenbraue kam ins Zucken, als er mit leicht ironischem Ton sagte:
„Guten Morgen, der Herr.
Wie ich sehe, musste ich nicht kommen um dich zu holen!"
Bao Tian's Augen weiteten sich, als er einmal tief Luft holte. Er schnaufte durch seine Nase, wendete kurz seinen Blick ab und sagte dann:
„Du siehst gut aus, besser als erwartet."
Wei Wuxian zog eine Augenbraue nach oben und lehnte sich dann mit seinem Rücken an die Hauswand. Er musterte Bao Tian einmal von der Fußspitze bis zum Haaransatz, als er ein Auge zukniff und salopp sagte:
„Damit wäre ich dir in einer Sache was voraus, denn im Gegensatz siehst du noch etwas verbesserungswürdig aus. Aber ich will mich mal nicht beschweren."
Wei Wuxian rümpfte seine Nase in die Höhe und gestikulierte überheblich mit seiner Hand in der Luft herum.
„Immerhin, hatte ich fast gar nicht mehr damit gerechnet, dass du überhaupt noch kommst."
Wei Wuxian linste unter seinem zugekniffenem Augenlied hervor, als er sah wie Bao Tian plötzlich wieder nachdenklich zu Boden schaute.
Dieser schnaufte erneut durch seine Nase, als er leise sagte:
„In der Tat, kurzzeitig war ich mir auch nicht mehr so sicher, ob ich es noch hierhin zurück schaffe."
Wei Wuxian blickte in die Ferne, den vielen Menschen bei den letzten Vorbereitungen für die große Hochzeit zusehend, als er sich plötzlich von der Wand abdrückte und motiviert sagte:
„Aber du bist gekommen!
Also, wofür hast du dich entschieden?"
Wei Wuxian machte einen Schritt auf Bao Tian zu und blickte ihn mit großen, fragenden Augen an.
Bao Tian erwiderte diesen Blick, welcher gefüllt voller Beistand und Freundschaft ihm entgegen funkelte.
„...Ich..." Begann er etwas zu stammeln.
„Ich habe mich entschieden bei ihm zu bleiben und ihm zu vertrauen. Ich schäme mich, kurzzeitig den rechten Weg verlassen zu haben."
Bao Tian's Hände ballten sich zu zwei angestrengten Fäusten, welche symbolisch die Entschlossenheit in seiner Stimme noch untermalten.
Wei Wuxian's Mundwinkel bogen sich nach oben, als er leise kicherte.
„Nun gut." Sagte er zufrieden.
„Wie ich sehe, hast du deine Wahl getroffen. Aber magst du nicht vielleicht noch einmal darüber nachdenken?
Ich meine...ich hätte dir geholfen, mit aller Macht die ich habe und mit allem was mir zur Verfügung steht!"
Wei Wuxian zog verschmitzt eine Augenbraue nach oben und warf Bao Tian einen spitzbübischen Blick zu.
Dieser stutzte und fragte etwas irritiert nach:
„Was genau meinst du damit?"
Wei Wuxian holte einmal tief Luft.
„Na du weißt schon...wir sind doch Freunde! Und Freunde helfen aneinander...
Ich hätte es getan!
Ich hätte mit dir diese Hochzeit hochgehen lassen!
Sie platzen lassen...
sogar dir Braut entführt...
euch bei der Flucht geholfen,
mich der ganzen Welt der Cultivator´s entgegengestellt oder als Alternative hätte ich auch Zewu-Jun´s Platz eingenommen und auf immer und ewig den verheirateten Sect Leader gemimt!"
Bao Tian's braune Augen wurden vor Staunen immer größer.
Wei Wuxian wirkte plötzlich auf ihn wie ein Messias, ein Retter in der Not, welcher aufopferungsvoll alles für seine Freunde tun würde.
Doch während seine Bewunderung noch währte, durchkreuzte ein skeptischer Gedanke seinen inneren Geist und er fragte sich, ob die Worte des Mannes, welcher mit einem augenscheinlich sympathischen Lächeln vorm ihm stand, nun zum Teil mir Ironie gefüllt waren, oder ob diese doch eine ernstere und tiefgreifendere Bedeutung hatten, als man es anfänglich vermuten würde?
Bao Tian's rechte Gesichtshälfte begann leicht unsicher zu zucken, als ihm seine innere Intuition sagte, das dieser durchtriebene Kautz, mit einem angeborenen, losen Mundwerk, aber mit dem Herz am richtigen Fleck, einiges zuzutrauen sei.
Bao Tian schnaufte durch seine Nase, als er Wei Wuxian einen anerkennenden Blick zuwarf und mit tiefer Stimme fragte:
„Du bist wirklich der Yiling Patriarch oder?"
Wei Wuxian schnaufte nun ebenfalls durch seine Nase, als sich seine Augen zu kleinen Schlitzen formten. Mit einem leicht unheimlichen Schmunzeln auf den Lippen sagte er:
„Hast du jemals daran gezweifelt?"
Bao Tian stand wie versteinert einen Moment da, als er in Wei Wuxian's Augen ein mysteriöses Funkeln wahrnahm. Er blinzelte ein Paar mal und fand keine passenden Worte um darauf zu antworten, als Wei Wuxian plötzlich seine Hand ergriff und ihn die Veranda entlang schliff.
„Komm jetzt, wir haben noch was vor!"
Sagte er mit euphorischer Stimme, untermalt von einem belustigten Kichern.
Bao Tian blickte erstaunt auf Wei Wuxian's Hand, welche gerade im Begriff war ihn davon zu schleifen.
„Wo bringst du mich hin?" Fragte er verdutzt, während er hinter Wei Wuxian hinterher strauchelte.
„Zuerst ins Badehaus und danach in Lan Zhan's Jingshi. Dort wartet eine Robe auf dich. Madame Mao hat sie höchstpersönlich vorbei gebracht, in der Annahme, du würdest doch noch rechtzeitig zurückkehren. Und sie sollte Recht behalten!"
Sagte Wei Wuxian, während er seinen linken Zeigefinger dramatisch prophezeiend in die Luft streckte. Die beiden verschwanden in der Ferne und ihre Schritte verstummten langsam in der Luft.
Lan Wangji saß währenddessen in seinem Jingshi und bereitete sich auf die Hochzeit vor. Auch er hatte eine Robe von Madame Mao erhalten, welche an handwerklichem Geschick und Schneiders Kunst kaum zu übertreffen war. Er war ganz naturgetreu in weiß gekleidet und nur ein paar edle rote Stickereien setzten anmutigende Akzente, welche sich schmeichelnd an den breiten roten Gürtel in seiner Taille anschmiegten.
Er stand vor dem kleinen Spiegel, welcher auf der Kommode stand und band sich noch einmal sein Kopfband neu um, als plötzlich mit einen Klappern und Rappeln die Tür aufflogt.
Wei Wuxian und Bao Tian stürzten herein und noch bevor Lan Wangji auch nur ein Wort sagen konnte, scheuchte Wei Wuxian ihn auch schon zur Seite, positionierte Bao Tian direkt vor dem Spiegel und sagte dann hastig:
„Lan Zhan, hilf mir!
Wir müssen ihn vernünftig ankleiden und frisieren! So lasse ich ihn nicht zu der Hochzeit meines Schwagers."
Zwischen Bao Tian's Augen legte sich eine unzufriedene Falte, während Lan Wangji nur einmal, sich selbst beruhigend, tief einatmete.
„Wei Ying..." Sagte Lan Wangji ruhig, aber mit einem ermahnenden Unterton.
„Was ist?" Antwortete Wei Wuxian Schultern zuckend, während er auch schon los lief und die Robe aus dem Regal holte.
„Verzeih aber keine Zeit für´s Anklopfen gehabt, Begrüßungen, Erklärungen und Co. Wir müssen uns beeilen. Sonst fängt die Zeremonie noch ohne uns an.
Bao Tian ist nun da und das ist alles was zählt oder? Dagegen sind gerade jawohl ein paar Regeln von gutem Anstand null und nichtig oder?"
Bao Tian blickte derweil zu Lan Wangji herüber und machte eine freundliche Geste zur Begrüßung. Dabei nickte er ihm einmal zu, verdrehte kurz die Augen mit einem schiefen Blick zu Wei Wuxian herüber und zuckte dann unschuldig mit seinen Schultern.
Lan Wangji schloss kurz seine Augen und atmete noch einmal tief ein. Er war noch nie der Mann der großen Worte gewesen und da sie sich auch augenscheinlich mit kleinsten Gesten verstanden, war hier auch jetzt kein Platz für große Aussprachen. Somit ging er einfach nur schweigend zur Kommode herüber und nahm die dunkle Haarbürste zur Hand. Er drehte sich zu Bao Tian, als er mit tiefer, aber freundlicher Stimme sagte:
„Nun gut, da du nun den Weg wieder zu uns zurückgefunden hast, packen wir es nun auch bis zum Ende gemeinsam an oder?"
Wei Wuxian grinste breit über sein ganze Gesicht, als er von hinten seine Hände plötzlich schwer auf Bao Tian's Schultern legte.
„Du sagst es. Recht hat er unser HanGuang-Jun oder?"
Wei Wuxian schüttelte kurz Bao Tian an seinen Schultern hin und her, als er belustigt kicherte.
„Also runter mit den Klamotten!"
Bao Tian's Augen weiteten sich vor Schock.
„Wartet!" Sagte er noch leicht überrumpelt. Doch in diesem Moment spürte er schon wie seine Kleider unter ausgelassenem Gelächter von seinen Schultern gestriffen wurden.
Das laute Spektakel und die geringfügige Uneinigkeit unter den drei Herren war noch weit über die Außenwände des Jingshi´s hinaus zu hören und veranlasste den ein oder anderen Zuhörer zu einer schamhaften Flucht.
Wei Wuxian, Bao Tian und Lan Wangji folgten den Menschenmassen und tummelten sich mit den vielen Gästen vor dem Eingang des großen Pavillon's.
Alle drei waren nun fein herausgeputzt und auch der verstörte Gesichtsausdruck in Bao Tian's Gesicht über die vergangene halbe Stunde lies langsam wieder nach.
Seine Haare waren adrett hergerichtet und auch er trug eine edle rot-braune Robe aus feinsten Stoffen, welche Madame Mao extra passend für ihn zusammengestellt hatte.
Die Zeremonie sollte bald stattfinden und sie standen mit in der Schlange an, um ihren zugehörigen Platz im Pavillon einzunehmen.
Wei Wuxian drehte sich ein paar mal unsicher um, während er sich mit seiner rechten Hand an Lan Wangji's Ärmel krallte. Dabei kam er Lan Wangji sehr nah, so als wollte er fast auf seinen Arm kriechen und ging in einer eher geduckten Haltung hinter ihm her.
Lan Wangji warf einen skeptischen Blick nach hinten über seine Schulter, als er leise fragte:
„Was ist? Warum versteckst du dich hinter mir?"
Wei Wuxian krallte sich nun noch tiefer in Lan Wangji's Ärmel, als er sich nervös umblickte und leise flüsterte:
„Jiang Cheng, er ist hier. Irgendwo. Die letzten Tage bin ich schon mit Vorsicht umher gewandert aber jetzt hier in diesem Getümmel befürchte ich noch gleich mit ihm zusammenzustoßen. Ich bin da jetzt nicht bereit für, du musst mich abschirmen Lan Zhan."
Lan Wangji blickte sich nun ebenfalls um.
Sein Blick schweifte einmal durch die Menschenmassen, als er leise nach hinten flüsterte:
„Ich denke, du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich sehe ihn noch nicht und selbst wenn, dann hat er glaube ich zur Zeit sein Interesse auf jemand ganz anderes gelenkt."
„Hmm?" Stutzte Wei Wuxian, als er hinter Lan Wangji die große Eingangstür passierte und in den Pavillon eintrat.
„Was meinst du damit, er hat seinen Interesse auf wen anderes gelenkt?"
Lan Wangji ging weiter durch den großen Pavillon und zog Wei Wuxian hinter sich her. Ihre Plätze, als direkte Anverwandte waren ganz vorne und so lenkte er sie behutsam an den Menschen vorbei.
„Ich meine damit, dass du vorerst nicht mehr im Zentrum seines Interesses stehen solltest." Sagte er ruhig, keine einzige Miene dabei verziehend.
„Ha?" Kam ein langgezogener, fragender Ton aus Wei Wuxian's Kehle. Er wurde nun neugierig und fragte hastig nach.
„Woher weißt du das? Wer ist es?"
Lan Wangji schnaufte durch seine Nase.
„Ich habe sie gesehen. Gerade heute Morgen erst wieder. Die Blicke sprachen Bände."
„Wen, wen hast du gesehen?" Fragte Wei Wuxian vor Neugierde fast platzend.
Doch in diesem Moment erreichten sie ihre Plätze und auch Bao Tian tauchte zu ihrer Rechten wieder auf. Eine laute Klingel war zu vernehmen und alle begannen zu Schweigen und suchten nun hektisch ihre Plätze auf, welche ihnen zugetragen waren.
„Psssst!" Zischte ein Cultivator des Gusu Lan Clan´s über seine Lippen, als er seinen Zeigefinger symbolisch auf seine Lippen legte. Wei Wuxian zog eine Schnippe, als er stirnrunzelnd seinen Mund schloss und nun gezwungen war seine Neugierde zu unterdrücken.
Der Pavillon füllte sich langsam bis auf die letzten Plätze und Wei Wuxian's Blick schweifte durch die Ränge und er erkannte viele bekannte Gesichter.
Sie waren wirklich alle versammelt und für die Vermählung Lan Xichen's erschienen.
Madame Mao mit ihren Mädchen Gao Lee und Zhao Ran, der Yunmeng Jiang Clan mit Jiang Cheng, Sun Yan und Feng Ling und verschiedenste repräsentative Cultivator´s oder Sect Leader der großen und sogar der kleineren Clan´s. Ein Großteil des Tai Jinan Clan´s war ebenfalls da und warteten gespannt auf die Vermählung ihrer hübschen Jinan Liang.
Sie alle waren der Einladung gefolgt und starrten nun gespannt nach vorne.
Lan Qiren hatte Platz ganz vorne auf einem Stuhl gefunden und fungierte neben Jinan Yi, dem Sect Leader des Tai Jinan Clan's und somit auch Jinan Liang's Vater, als ersatzmäßiger Elternteil.
Die beiden Männer wirkten mehr als zufrieden und sie blickten stolz und zufrieden in die Runde, während alle gespannt auf das Brautpaar warteten.
Der Pavillon erstrahlte, gefüllt mit seinen vielen feierlich gekleideten Gästen in seinem festlichen rot und nur noch ein leises Gemurmel und Getuschel war zu hören, als die letzten Minuten des Wartens verstrichen.
Schließlich wurden Lan Xichen und Jinan Liang angekündigt und alle blickten nun gespannt zur großen Eingangstür.
Es war eine Augenweide, als die beiden den Pavillon betraten und ein jähes Schweigen und Staunen setzte ein.
Sie waren beide an Anmut und Schönheit nicht zu übertreffen und versetzten den Pavillon in Staunen und Bewunderung.
Beide waren ganz in rot und gold gekleidet und Lan Xichen wirkte wie ein stolzer und ehrenvoller Sect Leader und lies zugleich durch seine Eleganz und Schönheit die Herzen der Damenwelt höher schlagen. Um seinen Kopf trug er ein rotes Kopfband mit goldenen Wolken und sein langes, seidiges Haar hing an seinen Schultern hinunter.
Jinan Liang trug eine wunderschöne rote Robe die ihre Schönheit noch unterstrich und über ihren prunkvoll hochgesteckten Haaren hing ein roter, durchsichtiger Schleier, welcher ihr Gesicht zunächst noch vor den neugierigen Blicken der Gäste bewahrte.
Doch es war unverkennbar, was sie für eine wunderschöne junge Frau war. Ihr rot geschminkter Mund leuchtete unter dem dünnen Stoff hervor und Seite an Seite schritten die beiden durch den Pavillon nach vorne.
Es wurde eine traditionell chinesische Zeremonie abgehalten, welche jedes Mal ihren Zuschauern Blicke der Bewunderung entlockte.
Wei Wuxian versank bei diesem sinnlichen Anblick in Gedanken. Er konnte sich nicht helfen, aber so sehr auch Jinan Liang und Lan Xichen gemeinsam harmonierten und das Abbild einer perfekten Ehe darboten, so durchkreuzte immer wieder das Bild seine Gedanken, dass es Bao Tian sein sollte, welcher jetzt an Lan Xichen's Seite stehen sollte.
Er seufzte einmal leise auf, als er einen flüchtigen Blick zu seinem Freund herüber warf.
Doch dieser stand stocksteif und förmlich angespannt neben ihm, seine Augen starr nach vorne auf Lan Xichen gerichtet, ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln.
Wei Wuxian's Blick fuhr an Bao Tian's Statur herunter, als er plötzlich am Ende des langen Ärmels eine zittrige Hand erblickte, welche sich zu einer Faust zusammengeballt hatte und förmlich bebte.
Erneut entfachte das Verlangen in Wei Wuxian´s Brust diese Hochzeit augenblicklich platzen zu lassen, sie zu verhindern solange es noch eine Chance gab. Doch er erinnerte sich an Bao Tian's Entschlossenheit es durchzuziehen, an Lan Xichen´s Seite zu bleiben, über ihn zu wachen und ihm zu vertrauen. Wei Wuxian kam ins Hadern mit sich selbst. Er blickte gespannt auf Bao Tian's zittrige Hand, als die Gedanken sich in seinem Kopf zu überschlagen begannen. Sein Herz klopfte nervös in seiner Brust, seine Kehle schnürte sich zu, als er versuchte die richtige Entscheidung zu treffen.
Doch in dem Moment, als die Worte schon auf seiner Zunge lagen und er gerade den Mund weit öffnen wollte, spürte er plötzlich eine warme Berührung an seiner Hand. Jemand streichelte seine Finger, umschloss diese und hielt seine Hand dann ganz fest. Die Körperwärme übertrug sich und augenblicklich beruhigte sich sein aufgebrachter Herzschlag. Wei Wuxian's Augen weiteten sich, als er langsam zu seiner Linken schaute. Es war Lan Wangji, der fest ihre Hände umschlossen hielt, als ob ihr Leben daran hängen würde. Vorsichtig blickte dieser ebenfalls zur Seite und ihre Blicke trafen sich.
Lan Wangji's Blick hatte eine unglaubliche Tiefe und hatte zeitgleich eine beruhigende Wirkung. Es gab ihm ein Gefühl von Halt und das er mit seinen Gedanken nicht alleine war.
Lan Wangji schien großes Vertrauen in seinen Bruder zu haben und genauso akzeptierte er mit Respekt Bao Tian's Entscheidung.
Wei Wuxian atmete einmal tief ein, als Lan Wangji ihm bewusst machte, wie viel Glück sie eigentlich hatten zusammen sein zu können, hier Seite an Seite zu stehen und keine Trennung fürchten zu müssen.
Wei Wuxian erwiderte den Händedruck und während er noch einmal ganz fest nachfasste und immer stärker die Wärme ihrer Hände spürte, umso mehr fühlte er die einsame Kälte, welche von Bao Tian direkt neben ihm ausging.
Es war wie eine Kluft, die sich zwischen ihnen auftat. Wie ein ungerechter, bodenlosen Abgrund der sie in Zwei teilte.
Die Zeremonie kam ohne Zwischenfälle zu einem Ende und die Vermählung wurde bindend.
Es ging zu den Feierlichkeiten über und bald befand sich die Cloud Recesses in ausgelassener Stimmung und es wurden Speis und Trank gebracht.
Wei Wuxian saß mit Lan Wangji an einem der vielen Tische und war am Essen, als er plötzlich eine freudige und bekannte Stimme vernahm die durch die Räumlichkeiten schallte.
Wei Wuxian zuckte zusammen und blickte gespannt auf, als er zwischen den vielen Gesichtern plötzlich Sun Yan erblickte, welcher freudestrahlend auf sie zugerannt kam. Hinter ihm tauchte Feng Ling auf, welcher ebenfalls auf sie zukam.
Wei Wuxian und Lan Wangji standen sofort auf um ihn zu begrüßen, als Sun Yan auch schon förmlich Anlauf nahm und Wei Wuxian um den Hals fiel.
„Lass dich drücken, wir haben uns so lange nicht mehr gesehen!" Sagte Sun Yan euphorisch, während er Wei Wuxian einmal in die Arme schloss.
Dieser zuckte jedoch erst etwas überrascht zusammen und machte große Augen, als der Junge ihn auch schon liebevoll an sich drückte.
Etwas überrumpelt aber mit freundlicher Stimme sagte Wei Wuxian:
„Sun Yan, Sun Yan...was soll da einer zu sagen? Kaum lässt man den kleinen Bengel mit dem traurigen Gesicht kurz aus den Augen und schon fällt er einem beim nächsten Treffen quicklebendig um den Hals. Man könnte meinen, dir sei etwas Gutes widerfahren."
„Haha!" Lachte Sun Yan auf.
„Trauriges Gesicht? Was für ein trauriges Gesicht?" Lachte er belustigt, während er Wei Wuxian ein paar Mal auf die Schultern klopfte und sich dann Lan Wangji zuwandte und auch ihn freudig, wenn auch etwas gehemmter und respektvoller begrüßte.
Wei Wuxian zog skeptisch eine Augenbraue nach oben, während er seine Arme vor der Brust verschränkte. Seine Stimme hatte einen leicht ironischen Unterton.
„In der Tat, welches traurige Gesicht...! Hmmm, daraus schließe ich wohl, dass du nachdem sich unsere Wege im Berg von Changnan getrennt hatten, du Jiang Cheng wiedergefunden hast und er dir offensichtlich nicht die Beine gebrochen hat?"
Sun Yan lachte erneut etwas verlegen, auf als er sich kurz an der linken Schläfe kratzte.
„Haha...Was sagst du denn da? Natürlich hat er das nicht."
„Natürlich hat er das nicht...sagt er...!" Wiederholte Wei Wuxian noch etwas misstrauisch, während er Lan Wangji einen anspielenden Blick zuwarf. Es war mehr als offensichtlich, dass Sun Yan den Grund für sein überglückliches Strahlen noch etwas geheimhalten wollte, aber so leicht lies sich Wei Wuxian nicht abschütteln.
Denn dieser lächelte über das ganz Gesicht, als er mit aufgesetzt freundlichem Ton sagte:
„Na dann gehe ich mal davon aus, dass es anstatt einer Bestrafung, letzten Endes etwas anderes...mehr erfreulicheres gab? Los spucks aus, gibt es etwas das wir wissen sollten?"
Sun Yan's Gesicht bekam plötzlich eine leicht gesündere Gesichtsfarbe und seine Schultern wurden plötzlich ganz steif, als er leicht ins Stottern geriet.
Lan Wangji räusperte sich daraufhin einmal laut um den Druck aus der Situation herauszunehmen und Wei Wuxian Einhalt zu gebieten, während Feng Ling die ganze Zeit mit einem eher mürrischen Gesichtsausdruck sich das bunte Treiben mit ansah.
Wei Wuxian, dessen kritischen Augen nichts entging, nickte einmal zu Feng Ling herüber.
„Sun Yan, du hast uns noch gar nicht vorgestellt. Wer ist der Mann, welcher dir wie ein Schatten folgt?"
Sun Yan zuckte leicht hektisch zusammen, als er sofort wieder ein freundliches Lächeln auf den Lippen trug.
„Ah stimmt! Fast vergessen!" Sagte er etwas peinlich berührt. Schnell drehte er sich zu Feng Ling herüber und schob ihn an seiner Schulter etwas nach vorne.
„Dies ist Feng Ling! Er gehört ebenfalls zum Yunmeng Jiang Clan. Er genießt hohes Ansehen als gebildeter Cultivator im Clan und wir sind quasi zufällig gute Freunde geworden."
Feng Ling verneigte sich sofort höflich vor Lan Wangji und Wei Wuxian und da er noch nie ein Mann der großen Worte gewesen war, beließ er es auch gleich dabei.
Doch Lan Wangji und Wei Wuxian erwiderten sofort seine freundliche Begrüßung und Wei Wuxian hieß ihn auch gleich herzlich in der Cloud Recesses Willkommen.
Durch Lan Wangji's Mimik und Gestik erkannte man jedoch, dass die beiden sich schon zuvor getroffen haben musste und Wei Wuxian's Augen formten sich zu zwei kleinen Schlitzen, als er das Gefühl bekam, etwas wichtiges verpasst zu haben.
In diesem Moment drehte Sun Yan, der direkt neben Wei Wuxian stand, seinen Kopf leicht zur Seite, wobei sein langes Haar etwas zur Seite flog. Dabei wurde die rechte Seite seines Halses sichtbar und zwischen den dunklen Haarsträhnen, auf einer hellen, reinen Haut, entdeckte Wei Wuxian plötzlich einen roten, anstößigen Fleck.
Wei Wuxian's Augen weiteten sich, als er eindeutig einen roten Knutschfleck an Sun Yan´s Hals erblickte.
Sein verwunderter Blick fiel daraufhin sofort zu Feng Ling herüber, welcher mit einem scharfen Blick ebenfalls Wei Wuxian in´s Auge gefasst hatte.
„Ein guter Freund...sagtest du, nicht wahr?" Wiederholte Wei Wuxian mit leicht erhöhter Tonlage noch einmal Sun Yan's Worte. Dabei warf er Feng Ling einen verwarnenden Blick zu.
„Ich hoffe, dass gute Freunde, sich stet´s ihres Platzes bewusst sind, welcher ihnen zusteht. Besonders wenn ihre Blicke Bände sprechen."
Die Luft begann leicht zu schwingen und Sun Yan schaute etwas erstaunt zu den beiden herüber, als Lan Wangji auch schon Wei Wuxian am Arm berührte.
„Wei Ying.." Sagte er ihn bremsend.
Doch Wei Wuxian schaute Lan Wangji vorwurfsvoll an, zog ihn etwas zur Seite und zischte:
„Was? Man kann jawohl mal klarstellen, was klargestellt werden sollte. Ich teile mir nicht wieder Tagelang zu dritt unser Bett nur weil wieder absolutes Gefühlschaos herrscht und unser Kleiner hier unseren seelischen Beistand braucht. Hast du das Gesicht dieses Feng Ling's gesehen? Der schaut eher wie ein bissiger Pitbull aus wenn du mich fragst, als wie ein guter Freund und in Gedanken ist der mir fast an die Gurgel gesprungen, als er gesehen hat wie Sun Yan mich umarmt hat. Glaube mir, ich habe da ein Gespür für. Der Typ ist mir nicht ganz geheuer, da ist was im Busch. Ich wette der Knutschfleck ist von ihm und er hat sich über den kleinen, wehrlosen Sun Yan hergemacht als dieser wieder im Liebeskummer zu Jiang Cheng zu versinken drohte. Ah, das gibt´s doch nicht. Kann man die nicht mal für eine Sekunde aus den Augen lassen. Das die aber auch immer noch nichts auf die Reihe bekommen haben."
Feng Ling und Sun Yan standen derweil etwas perplexed vor ihnen und starrten die beiden Tuschelnden irritiert an, als Lan Wangji seinen Kopf schüttelte und leise zu Wei Wuxian flüsterte:
„Du liegst falsch. Es ist nicht so wie du denkst. Es ist denke ich genau das Ge..."
Doch in diesem Moment vernahm Wei Wuxian plötzlich eine sehr bekannte Stimme, bei dessen Klang alleine, ihm schon ein kalter Schauer über den Rücken lief.
„Sun Yan, Sun Yan?" Rief eine klare, tragende Stimme durch die Menschenmenge.
Wei Wuxian erstarrte augenblicklich zu einer Eissäule, als er sich sofort leicht duckte. Leise zischte er zu Lan Wangji herüber:
„Wenn man vom Teufel spricht! Lan Zhan, schlechte Nachrichten. Ich glaube die grimmige Gottheit in Person tritt gerade auf den Plan und sammelt ihre Schäfchen wieder ein. Wie viel Zeit haben wir noch?"
Lan Wangji schaute über die Köpfe der vielen Gäste hinfort, als er plötzlich Jiang Cheng erblickte, welcher scheinbar leicht nervös Sun Yan suchte.
„Nicht mehr lang!" Sagte Lan Wangji ruhig.
Wei Wuxian biss sich auf die Backenzähne und griff nach Lan Wangji's Ärmel.
„Hat er uns schon gesehn?"
Lan Wangji blickte noch einmal vorsichtig durch die Menschenmassen.
Doch in diesem Moment erblickte Jiang Cheng schon die vier und als er Wei Wuxian unmittelbar neben Sun Yan stehen sah, wurde sein Blick plötzlich leicht zornig und er kam schnellen Schrittes auf sie zu.
Lan Wangji wendete sich schnell wieder zu Wei Wuxian.
„Er hat uns gesehn. Er kommt hierher. Und...er sieht nicht besonders erfreut aus!" Sagte Lan Wangji trocken.
Wei Wuxian drehte sich blitzschnell geduckt zu Feng Ling und Sun Yan herüber, warf ihnen schnell noch ein paar Worte des freundlichen Abschiedes zu, lächelte ein paar mal und verneigte sich mehrmals und wimmelte die beiden dann eiskalt ab. Er packte Lan Wangji am Arm und begann sich dann schleunigst mit ihm aus dem Staub zu machen und unter die Menschenmasse zu mischen.
Sun Yan und Feng Ling standen nun etwas wie bestellt und nicht abgeholt noch da und blickten den beiden nach, als plötzlich Jiang Cheng's große Hand Sun Yan von hinten bei der Schulter packte und ihn hastig umdrehte.
„Sun Yan, warum antwortet ihr beiden denn nicht wenn ich rufe?
War er das? Was wollte er von dir?"
Doch Sun Yan drehte sich ruhig zu Jiang Cheng, schenkte ihm sein schönstes und charmantestes Lächeln, als er Unwissenheit vortäuschend sagte:
„Wer? Wen meinst du?"
Feng Ling´s Augen weiteten sich, als er irritiert die beiden ansah und sich ernsthaft fragte, wer dieser ominöse Mann war, der ihn so mit skeptischen Blicken gelöchert hatte und dann urplötzlich vor Jiang Cheng die Flucht ergriffen hatte.
Bao Tian stand etwas Abseits und lehnte mit seinem Rücken an einer runden Säule.
Das viele laute Lachen, die ausgelassene Stimmung und die festliche Musik rauschten wie in Trance an ihm vorbei.
Er hatte seine Arme vor seiner Brust verschränkt, seine Füße überkreuzt und sein Blick war nachdenklich nach unten gerichtet.
Doch plötzlich bemerkte er wie in seinem linken Augenwinkel eine Person in seinem Sichtfeld auftauchte, dicht gefolgt von einem süßlichen, weiblichen Duft, welcher ihm in die Nase stieg.
Plötzlich erklang eine altvertraute Stimme in seinen Ohren.
„Ich habe heimlich etwas an die Seite geschafft! Du siehst aus, als könntest du etwas vertragen!"
Bao Tian hob seinen Kopf an und blickte zur Seite, als er in Madame Mao´s vertrautes Gesicht blickte. Ihr roter Mund, mit den Mundwinkeln zu einem zarten Lächeln nach oben gebogen, leuchtete in einem kunstvoll geschminkten Gesicht ihm entgegen. Sie hatte ihre Hand nach vorne ausgestreckt und hielt ihm mit ihren schlanken Fingern eine Trinkschale entgegen, welche offensichtlich mit Alkohol gefüllt war. Der süßlich-herbe Duft stieg in Bao Tian's Nase und kitzelte seine Sinne, als er auf die schwingende Oberfläche des kühlen Nass starrte.
Er atmete einmal tief ein, als er kurz seine Augen schloss, seinen Kopf abwendete und dann seine Handinnenfläche abweisend zu ihr richtete.
„Nein Danke, ich trinke nicht mehr!"
Madame Mao's Augen weiteten sich und sie starrte überrascht in Bao Tian's abweisendes Gesicht.
Sie kannte diesen Mann, schon seit vielen Jahren und sie sah genau, dass großer Kummer, dieses einst so fröhliche Gesicht zeichnete.
Sie stellte die Trinkschale an die Seite und kam dann noch ein paar Schritte näher. Sie stellte sich direkt vor Bao Tian, blickte ihn an und streckte dann vorsichtig ihre Hände aus. Sie berührte seine Wangen mit ihren zarten Handinnenflächen und schaute ihm tief in die Augen. Bao Tian erwiderte diesen eindringlichen Blick und ein kurzer Moment des Schweigens verging, indem die beiden sich einfach nur still betrachteten.
Über Madame Mao´s Gesicht legte sich ein bekümmerter Schleier, als ihre Augen zu funkeln begannen und sie leise sprach:
„Tian, mein schöner, starker und mutiger Tian.
Sieh dich nur an!"
Sie strich behutsam mit ihren langen Fingern durch ein paar Strähnen von seinem dunklem, gewellten Haar und und fuhr dann weiter über seine Schultern.
„Wie ansehnlich sie dich herausgeputzt haben. Ich wusste, dass dir diese Robe sehr gut stehen würde! Ich hatte gehofft, du würdest sie heute tragen."
Doch Bao Tian verzog keine Miene und in seinen großen, dunklen Augen spiegelte sich sein Kummer und seine Sorgen wieder.
Madame Mao seufzte einmal auf, als sie mit ihrer rechten Hand den kleinen Zopf auf Bao Tian's Schulter nach hinten strich und dann zärtlich ihre Finger an seinem Nacken verweilen lies.
„Als unser kleiner, quirliger Wei Wuxian und Wangji mir erzählt hatten, dass du die Cloud Recesses verlassen hattest, bin ich fast umgekommen vor Sorge.
Aber ich hatte Vertrauen in dich und habe gehofft, dass du wieder zurückkehren würdest. Und wie es ausschaut, hat mein Bauchgefühl mich nicht getrügt."
Madame Mao tätschelte weiterhin behutsam Bao Tian's Schulter und Nacken und strich mehrmals mit ihren Händen über den edlen Stoff der Robe. Doch umso länger Bao Tian einfach nur schwieg und umso länger sie ihn betrachtete, schien sie langsam zu verstehen.
Bao Tian nickte ihr einmal dankend zu, als er leise sagte:
„Sie sind wunderschön, die Roben welche ihr für uns ge..."
Doch plötzlich legte Madame Mao ihren schlanken Zeigefinger auf Bao Tian's Lippen und versiegelte seine Worte, ehe er seinen Satz zu Ende aussprechen konnte.
Er verstummte und blickte sie überrascht an.
Doch Madame Mao schüttelte ihren Kopf verneinend hin und her und sagte leise:
„Du musst nichts sagen. Es ist in Ordnung. Ich kenne dich Tian, ich sehe was dich quält.
Geduldig zu warten und blind zu vertrauen ist eine unserer größten Prüfungen. Aber verliere nicht den Mut. Bleibe stark und glaube an das, was du liebst."
Sie griff mit beiden Händen in Bao Tian's Nacken und senkte seinen Kopf leicht hinunter.
Er schloss akzeptierend seine Augen und lies die zarten Berührungen zu.
Sie ging auf ihre Zehenspitzen und platzierte einen mütterlichen Kuss auf seine Stirn, als sie mit liebevoller Stimme sagte:
„Alles wird wieder Gut.
Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende!"
