Chapter 20.12
Die Sonne war schon untergegangen, die Krähen riefen die dunkle Nacht herbei und die Luft wurde langsam kühler. Feiner Nebel legte sich auf die langen Gräser und in den Bachläufen plätscherte leise das glasklare Wasser.
Die Hochzeitsfeier neigte sich langsam dem Ende zu und die Verabschiedung des Brautpaares stand bevor. Dem frisch vermählten Paar sollte nun der nötige Abstand gewährt werden, damit sie Zweisamkeit für die bevorstehende Hochzeitsnacht fanden.
Jinan Liang wurde als Erstes von mehreren festlich gekleideten Damen zu Lan Xichen's Pavillon begleitet und dort noch einmal frisch gemacht, während dieser noch ein wenig bei den Feierlichkeiten verweilte.
Lan Wangji und Wei Wuxian bereiteten sich ebenfalls langsam auf die Nacht vor und schlugen Bao Tian vor, doch die Nacht bei ihnen zu verbringen. Doch dieser lehnte dankend ab und meinte er hätte schon noch ein Quartier für die Nacht. Natürlich war es mehr als offensichtlich, welche Sorgen und Bedenken Bao Tian durch den Kopf, bezüglich der Hochzeitsnacht, schossen und Wei Wuxian und Lan Wangji gaben sich aller größte Mühe ihren Freund davon zu überzeugen, dass er sich gewiss keine Sorge machen müsste.
Doch so wirklich zufriedenstellende Erleichterung brachten ihre Worte nicht und sogar Wei Wuxian's Aussage, dass an dieser Hochzeit nach wie vor etwas faul sei und Lan Xichen natürlich niemals in dieser Nacht mit Jinan Liang das Bett teilen würde, stießen bei Bao Tian eher auf Granit.
Somit ging die große Hochzeitsfeier des Gusu Lan Clan´s und des Tai Jinan Clan´s zu Ende und Lan Xichen wurde von mehreren Männern zu seinem Pavillon begleitet.
Seine Anspannung war in seinem Gesicht deutlich zu erkennen, aber talentiert wie er war, versuchte er dies mit seinem sanften Lächeln gekonnt zu überspielen.
Als seine Begleitung sich schließlich respektvoll von ihm wieder verabschiedete, stand er nun alleine vor der geschlossenen Tür seines Pavillons und starrte auf den großen eisernen Türgriff.
Er atmete einmal tief ein und legte dann langsam seine Hände auf den Griff.
Er verspürte eine leichte Nervosität in seinen Gliedern und er schluckte einmal schwer und befeuchtete mehrfach nervös seine Lippen.
Dann schloss er seine Augen und murmelte noch etwas zu sich selbst, als er schließlich vorsichtig anklopfte und dann die große Tür mit einem Ruck öffnete.
Sein Pavillon war festlich hergerichtet und auch diese Räumlichkeiten erstrahlten in einem warmen Rot. Mehrere edle Tücher und Banner hingen in Schals von der Decke herab und auf den Tischen standen prunkvolle Blumengestecke. Die vielen flackernden Kerzen spendeten ein gemütliches und angenehmes Licht, als Lan Xichen noch etwas zögerlich einen Fuß vor den anderen setzte.
„Jinan...Jinan Liang?" Fragte er vorsichtig, als er am Ende des Raumes das große Bett entdeckte.
„Ich bin hier!"
Vernahm er eine zarte Stimme.
In der Mitte seines Bettes auf der vorderen Bettkannte saß seine Braut. Adrett hatte sie ihre Hände auf ihrem Schoß gefaltet und sie trug eine rot-goldene Robe, die sich von ihrer vorherigen in aufwendigen Details unterschied. Sie war aus weniger Lagen Stoff und wirkte dadurch leichter und angenehmer zu tragen. Außerdem waren die Ärmel etwas kürzer geschnitten und auch der Rock an sich, war etwas weniger ausladend. Inmitten ihres hübschen Gesichtes hing eine goldene, verzierte Schmuckkette, dessen feine Glieder zu einem dünnen Vorhang verarbeitet waren und ihr Gesicht abseits der Augen verdeckte.
Dazu trug sie auf ihrem Kopf einen roten Schleier, welcher mit goldenen Ornamenten ein Stück auf ihre Stirn herausragte und somit ihr langes, dunkles Haar vollständig verdeckte.
Mit großen, erwartungsvollen Augen saß sie regungslos dort, traute sich kaum zu atmen und blickte leicht verlegen zur Seite.
Lan Xichen kam etwas näher und blieb dann kurz vor ihr stehen.
Ein bedrückendes Schweigen setzte ein und sie konnten beide nur noch das Knistern der Kerzen und ihren eigenen aufgeregten Herzschlag hören.
Lan Xichen blieb eine ganze Weile wie versteinert vor ihr stehen und schaute sie schweigend an, auf seiner Zunge noch nach den passenden Worten suchend, während Jinan Liang zwar selbstbewusst und kühn auf dem Bett saß, aber auch ein wenig beschämt den Sichtkontakt mied.
Lan Xichen's Hände ballten sich einmal kurz zu einer angestrengten Faust, doch dann atmete er den Sauerstoff einmal tief in seine Lungen, lockerte wieder seine Hände und ging dann die letzten Schritte auf sie zu.
Jinan Liang hob ihren Kopf an und schaute etwas unsicher zu Lan Xichen herüber, welcher neben ihr auf der Bettkante Platz nahm. Sie saßen nun dicht beianeinander und Lan Xichen streckt behutsam seine Hand aus und legt sie auf ihre gefalteten Hände.
Jinan Liang zuckte innerlich einmal kurz zusammen, als sie auf die gepflegten und schlanken Finger Lan Xichen's blickte, welche respektvoll und ohne ihr zu nahe treten zu wollen, in ihrem Schoß ruhten. Seine Hände waren angenehm warm und seine Haut ungewöhnlich zart für einen Mann.
Seine Stimme klang sanft und war voller Geborgenheit, als er vorsichtig sagte:
„Liang...wir müssen dies nicht tun, wenn du nicht möchtest."
Doch Jinan Liang's Augen weiteten sich und sie drehte ihren Kopf ruckartig zur Seite und blickte direkt in Lan Xichen's sanften Blick.
„Nein!" Sagte sie hastig und entschlossen.
„Das ist es nicht!" Sie schaute ihn an und betrachtete für einen Moment Lan Xichen's weichen Gesichtszüge. Er war ein wunderschöner Mann in ihren Augen und in seiner feinen Stimme und in seinem fürsorglichen Blick spiegelten sich seine Sanftmütigkeit wieder.
Jinan Liang holte einmal tief Luft als sie sagte:
„Es ist genau das, was ich wünsche! Wie könnte ich einen so großzügigen, ehrvollen und attraktiven Mann wie euch nur abweisen? Ich hätte mir nichts anders wünschen können. Mein Glück euch heiraten zu dürfen ist unumstritten, ich stehe tief in eurer Schuld und werde eure Großzügigkelt niemals vergessen."
Über Lan Xichen's schmale Lippen flog ein akzeptierendes Lächeln, wenn auch in seinen Augen eine gewisse Wehmut zu erkennen war.
„Ich kann diese Worte an euch nur zurückgeben. Ihr seid eine bewundernswerte, starke, junge Frau und ihr seid meine Retterin in der Not geworden. Ich bin euch dankbar, dass ihr zu uns in die Cloud Recesses gekommen seid. Keine Worte der Welt könnten beschreiben von welcher Größe eure Aufopferung und eure Willenssträrke ist. Ich stehe ebenfalls tief in eurer Schuld."
Jinan Liang schloss ihre Augen, die gesagten Worte beruhigten ihr nervöses Herz, bestätigten ihre Entscheidung und hatten eine tiefe Wirkung auf ihre Seele. Ihre Augen wurden leicht feucht, als sie Lan Xichen scheu in die Augen sah und ihm dann ein zartes Lächeln schenkte.
„Dann gebt bitte auf mich acht." Flüsterte sie leise.
Lan Xichen´s Augenbrauen zuckten einmal auf.
„Das werde ich." Antwortet er mit liebevoller und führsorglicher Stimme.
Er hob langsam seine Hände an, fasste vorsichtig an den roten Schleier in ihrer Stirn und strich diesen nach hinten über ihren Kopf hinweg. Ihr langes, schwarzes Haar kam zum Vorschein und schimmerte anmutig im Kerzenschein.
Lan Xichen lehnte sich langsam nach vorne und platzierte einen behutsamen Kuss auf ihre Stirn.
Sie schloss für einen kurzen Moment ihre Augen, als sie spürte wie Lan Xichen vorsichtig den goldenen Schmuck vor ihrem Gesicht entfernte. Es klimperte leise und ihr Herz begann nervös in ihrer Brust zu flattern, während sich ihre schlanken Finger leicht anspannten.
Als sie ihre großen, dunklen Augen wieder öffnete und direkt in Lan Xichen's Gesicht blickte, hielt sie plötzlich ruckartig die Luft an.
„Könntet ihr..." Stammelte sie plötzlich leise und etwas verlegen.
„Könntet ihr...eure Augen schließen...?" Fragte sie vorsichtig und mit zarter Stimme, während ihre Wangen sich in ein leichtes Roseé tauchten.
Lan Xichen, der sie erst etwas überrascht anblickte, verstand aber dann bei ihrem Anblick sehr schnell. Um ihr die Angst und Unsicherheit zu nehmen, kam er ihrer Bitte nach und schloss langsam seine Augen und nickte ihr zu, als er sagte:
„Ich werde sie schließen und sie die ganze Zeit über geschlossen halten. Ihr braucht euch für nichts schämen und euer Anblick bleibt euch bewahrt."
"Hm.." Summte Jinan Liang einwilligend über ihre Lippen und mit diesen Worten fasste Lan Xichen schließlich behutsam an ihre schmalen Schultern und drückte sie nach hinten auf das Bett.
Die Kerzen flackerten im Raum einmal hell auf und warfen große Schatten an die Wände.
Das raue Rascheln von Stoff war zu hören und nur die beiden selbst wussten, was in dieser Nacht geschehen war.
Es war der nächste Tag, die Sonne stand schon hoch am Himmel und die klare Luft zog durch die raschelnden Baumkronen. Die Cloud Recesses befand sich noch immer in voller Hochzeitsstimmung und die vielen Gäste wurden eingeladen, noch ein Paar Tage länger zu verweilen und je nach Belieben ihren Aufenthalt im Gusu Lan Clan zu verlängern.
Bao Tian hatte sich von dem ganzen Trubel etwas zurückgezogen und saß einsam an einem idyllischen See an den Grenzen der Cloud Recesses. Dabei war er ganz in Gedanken versunken und zupfte lieblos an den Seiten seiner Liuqin. Er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen und dunkle Augenringe zierten sein Gesicht. Ein unaufhörliches Gedankenkarussell drehte sich in seinem Kopf und er musste immer wieder an Wei Wuxian's Worte denken und dass er sich keine Sorgen über eine mögliche Hochzeitsnacht machen musste.
Doch Bao Tian´s Gedanken waren nur bei Lan Xichen und Jinan Liang und wie viel Zeit wohl noch vergehen würde, bis endlich Licht ins Dunkle kommen würde. Seine Geduld und sein Vertrauen wurden auf eine harte Probe gestellt.
Während er dort seufzend im hohen Gras saß, vernahm er plötzlich neben seinem emotionslosen Gezupfe auch noch ein Paar leise Schritte, welche sich ihm vorsichtig näherten. Er drehte sich rasch um versuchte noch sich zu ducken, doch es war schon zu spät.
Es war nämlich Lan Xichen, welcher plötzlich zwischen den Bäumen auftauchte und ihn sofort ins Auge gefasst hatte und dannn zielstrebig auf ihn zukam.
Bao Tian spürte für einen Moment seinen aufbrausenden Herzschlag und das Gefühl in seiner Brust, am liebsten jeden Moment aus dieser Situation zu fliehen, war unglaublich stark und er wäre am liebsten diesem Drang gefolgt.
Doch er blieb übermannt von seinem eigenen Stolz im hohen Gras sitzen und schaute ertappt zur Seite.
Lan Xichen stand neben ihm, nun wieder ganz in weiß gekleidet. Sein Anblick war wieder so vertraut wie zuvor, so wie Bao Tian ihn in Erinnerung hatte. Er wirkte durch und durch wie Lan Xichen, sein Sect Leader, sein Huan. Doch tief in seinem Inneren wusset, dass nichts mehr wie vorher war.
„Du hast mich gefunden." Sagte Bao Tian mit tiefer, ruhiger Stimme.
Lan Xichen lächelte ihn freundlich an.
„Wei Wuxian hat mir gesagt wo ich dich finde." Seine Stimme war sanft und zuvorkommend.
Bao Tian schnaufte lässig durch seine Nase, als er leise auflachte und den Kopf schüttelte.
„Verräterischer, kleiner Kautz. Dem entgeht auch nichts."
Lan Xichen blickte zu Bao Tian herunter. Er sah die Liuqin in seinen Händen, welche jäh verstummt war und sein müdes Gesicht, welches sich nicht zu verbergen lies.
Lan Xichen schaute zu Boden, die richtigen Worte noch auf seiner Zunge suchend. Er wusste, dass es nicht leicht werden würde, gerade jetzt und nach dem gestrigen Tag wieder dort anzuknüpfen, wo sie aufgehört hatten.
Er öffnete gerade seine Lippen und holte tief Luft um etwas sagen zu wollen, als genau in diesem Moment Bao Tian plötzlich seine Liquin zur Seite legte und leicht vorwurfsvoll sagte:
„Was machst du überhaupt hier? Du bist nun ein frisch vermählter Mann. Solltest du nicht bei deinen Gästen und bei deiner Frau sein?"
Eigentlich wollte er es nicht. Und nachdem seine forschen Worte, welche durchtränkt von seiner verzweifelten Eifersucht waren, schon seine Lippen verlassen hatten, bereute er schon, sie ausgesprochen zu haben. Aber er konnte es dennoch nicht lassen und die negativen Gefühle in seiner Brust und die erdrückenden Sorgen mussten sich etwas Luft verschaffen.
„Ich.." Begann Lan Xichen langsam, während er noch versuchte auf diese provokante Frage die richtige Antwort zu finden.
Doch in diesem Moment hob Bao Tian schon seine flache, ausgestreckte Hand hoch in die Luft und bremste Lan Xichen damit aus. Er und schüttelte seinen Kopf verneinend hin und her.
„Vezeih!" Sagte er schnell.
„Das wollte ich nicht. Ich wollte dir keine Vorwürfe machen oder Streit suchen. Ich hatte versprochen dir zu vertrauen, aber ich hätte nie gedacht, das es so verdammt schwer sein würde. Dich gestern neben einer Frau zu sehen und wie du genau vor meinen Augen mit ihr in den Bund der Ehe eintrittst, hat mich noch härter getroffen als ich es erwartet hatte. Weißt du Huan, die Eifersucht ist eine ziemlich häßliche Sache. Sie zerfrisst jeglichen guten Vorsatz und verdirbt jeden noch so guten Menschen."
Mit diesen Worten blickte Bao Tian nach oben, in Lan Xichen's Gesicht.
Dieser stand wie versteinert neben ihm und blickte schwermütig auf ihn herab. Zwischen seine Augen legte sich eine leicht bekümmerte Falte, als er vorsichtig sagte:
„Verzeih mir, ich weiß, es ist viel was ich von dir verlange."
Mit diesen Worten strich Lan Xichen einmal seine Robe glatt und setzte sich neben Bao Tian in das weiche Gras.
Doch Bao Tian schüttelte seinen Kopf.
„Schon gut, wie gesagt ich hatte versprochen dir zu vertrauen. Auch wenn deine wahren Absichten mir noch schleierhaft sind und ich sehnsüchtig auf den Tag warte, an dem du mich in dein Geheimnis einweihst, wird mir wohl bis dahin nichts anderes übrig bleiben, als Trübsal zu blasen und zu hoffen, dass bis dahin noch nicht alles verloren ist."
Bao Tian blickte hinauf in den Himmel, als er in Selbstironie leise kicherte.
„Sieh mich nur an, ich bin müde und abgeschlagen und ich konnte die ganze Nacht kein Auge zutun. Verrückt habe ich mich gemacht, die ganze Nacht und war in Gedanken nur bei dir. Alleine die Vorstellung, dass du mit einer Frau das Bett teilen könntest hat mich verrückt gemacht. Vollkommen absurd und wahrscheinlich wie all meine Bedenken in letzter Zeit unbegründet. Sogar Wei Wuxian musste mir gut zureden und hat mir versichert, dass ich mir vor dieser Hochzeitsnacht keine Sorgen machen müsste."
Bao Tian erzwang ein Lächeln über seine Lippen und lachte gestellt über seine Worte und deren wahren Sorgen hinweg. Er erwartet, dass Lan Xichen jede Sekunde ihn bestätigen würde, ihm sagen würde, dass all seine Sorge natürlich vollkommen unbegründet seien und wie lächerlich diese Mutmaßung doch wäre.
Doch es kam nichts.
Stattdessen blieb es still neben ihm und er wartete vergebens auf Lan Xichen's beruhigende Worte, welche aber nicht kamen.
Bao Tian hörte schließlich auf zu lachen und sein Gesicht bekam einen starren Ausdruck, als er seinen Kopf langsam zur Seite drehte.
Er blickte zu Lan Xichen herüber, welcher schweigend neben ihm im Gras saß. Sein Blick war nach unten gerichtet und er knibbelte, absolut untypisch für ihn, an seinen Fingernägeln herum.
Bao Tian's Augen weiteten sich und erspürte plötzlich seinen aufkommenden, nervösen Herzschlag, als er fast etwas ängstlich sagte:
„Du...hast doch nicht mit ihr das Bett geteilt...oder?"
Lan Xichen holte einmal ruckartig Luft, sein Blick noch immer steif nach unten gerichtet. Er schluckte schwer, als er es nicht wagte Bao Tian in diesem Moment in die Augen zu sehen.
Stattdessen wurden Bao Tian's Augen immer größer, umso länger das beunruhigende Schweigen neben ihm anhielt. Es war eine Eiseskälte, die plötzlich durch seine Glieder schoss und er spürte einen dicken Kloß, welcher sich begann in seinem Hals festzusetzen.
Bao Tian stand plötzlich entsetzt auf und blickte nun auf Lan Xichen hinunter. Seine Stimme wurde nervös und seine Worte überschlugen sich fast.
„Huan, sag mir, dass das nicht wahr ist..."
Er zog die Luft angestrengt durch seine Nase und seine Worte wurden lauter und forscher:
„Sag mir..dass du nicht mit ihr geschlafen hast!"
Lan Xichen's schmale Lippen begannen plötzlich zu beben und seine Augenbrauen zogen sich kraus zusammen. Seine Finger spannten sich an und er krallte sich in den hellen Stoff seiner Robe auf seinen Oberschenkeln.
Bao Tian konnte es nicht fassen. Sein Herz überschlug sich, eine Wucht aus Eifersucht und Zorn überrannte ihn und brachte seine Seele in den Ausnahmezustand.
Wütend und fassungslos donnerte er los:
„Sieh mich an Huan, sieh mir in die Augen und sag mir, dass es nicht wahr ist!"
Doch Lan Xichen's Gesicht verzog sich fürchterlich. Die Schuld welche er spürte und die Angst Bao Tian jeden Moment verlieren zu können, brachte seine Entscheidung schwer ins Schwanken. Er war schon so weit gekommen, stet's der Überzeugung das Richtige getan zu haben, doch in diesem Moment rammte es ihm einen Keil in sein Herz und der Schmerz raubte ihm fast den Verstand.
Er blickte langsam hinauf in Bao Tian's schmerzerfülltes Gesicht. Seine Stimme war dünn und etwas schrill und kurz vorm Brechen, als er zittrig sagte.
„...Das kann ich leider nicht...!"
Bao Tian gab plötzlich wie aus Reflex einen tiefen und kurzen Schrei von sich, als er zeitgleich mit voller Wucht mit seiner rechten Hand gegen den Stamm eines nahegelegenden Baumes schlug.
Lan Xichen zuckte durch diesen beängstigenden, zornigen Ausruf und der Wucht des Aufpralls zusammen
Rotes Blut begann augenblicklich an Bao Tian's Hand herunter zu laufen und tropfte dann in das grüne Gras und befleckte die Erde.
Lan Xichen sprang auf, voller Sorge, als er zaghaft seine Hände nach Bao Tian ausstreckte.
„Ich kann das erklären, ich kann das alles irgendwann erklären, Tian." Sagte er hastig.
Doch Bao Tian schlug seine sich annähernden Hände nur zur Seite, wendete sich von ihm ab und sagte tief getroffen:
„Ich kann das nicht mehr
Ich kann das einfach nicht mehr!"
Mit diesen Worten rannte Bao Tian plötzlich los und lies Lan Xichen alleine zurück.
Dieser streckte noch seine Hand nach ihm aus um ihn festzuhalten und strauchelte ein paar Meter hinterher, als er ihm nur noch verzweifelt nachrief:
„Warte...warte!
Tian, wo willst du hin?"
Doch Bao Tian hörte nicht auf ihn, sondern verschwand in windeseile im Dickicht zwischen den Bäumen.
Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Der letzte Funken Hoffnung wurde gänzlich erstinkt und das letzte Gramm Vertrauen und Selbstdisziplin waren verbraucht. Bao Tian kam sich verraten und hintergangen vor und erneut riss es sein Herz in Zwei.
Er verstand die Welt nicht mehr und es verlangte ihn nach einer Antwort auf all seine aufgestauten Fragen.
Er rannte den Berg hinab, zurück zur Cloud Recesses und fegte wie ein wildgewordener Dämon durch den Clan.
Mit großen Schritten und dem Gesichtausdruck, als wollte er jede Sekunde jemanden töten, steuerte er genau auf Lan Xichen's Pavillon zu, als er plötzlich fast in Gao Lee und Zhao Ran gestoßen wäre, welche gerade um die Hausecke bogen.
Die beiden Mädchen erschraken sich ungemein vor Bao Tian's ungebremsten Auftreten und seiner ungezügelten, negativen Aura, welche ihn umgab.
„Wo ist Jinan Liang? Ist sie im Pavillon?" Poltere er plötzlich ungehalten los.
Gao Lee und Zhao Ran wussten gar nicht so schnell wie ihnen geschah, als sie beide eingeschüchtert den Kopf verneinend hin und her schüttelten.
„Ich glaube sie ist in der Bibliothek." Sagte Gao Lee verängstigt und zeigt mit ihrem Zeigefinger in die richtige Richtung.
Abrupt drehte sich Bao Tian auf dem Absatz um und machte sofort wieder kehrt. Ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen oder sie auch nur noch eines Blickes zu würdigen schrammte er wieder davon.
Gao Lee und Zhao Ran sahen sich entgeistert an, als sie Bao Tian noch nachblickten, wie er in der Ferne wutentbrannt wieder verschwand.
Es war genau zur selben Zeit, als Wei Wuxian und Lan Wangji gerade ebenfalls auf dem Weg zur Bibliothek waren.
Gut gelaunt trippelte Wei Wuxian voran, schlenderte wie die Ruhe selbst über die Veranda und summte dabei eine leise Melodie vor sich hin. Sie waren schon auf der Rückseite ddes Gebäudes angekommen und gingen dicht hintereinander her.
Lan Wangji war an hinterer Position und blickte nach vorne auf Wei Wuxian's langes, seidiges Haar, welches sich schwungvoll bei jeder Bewegung hin und her bewegte.
Doch dieser blieb auf einmal Mal abrupt stehen, schaute verdächtig einmal schnell zu seiner Linken und Rechten und drehte sich dann schwungvoll um. Er blickte in Lan Wangji's überraschest Gesicht, kam einen Schritt auf ihn zu und schenkte ihm dann ein verruchtes Lächeln.
Wei Wuxian holte plötzlich weit aus und schwang dann seine Arme um Lan Wangji's Hals und zog ihn an sich heran. Lan Wangji's Augen weiteten sich erst vor Verwunderung, doch dann legten sich seine Arme ebenfalls behutsam um Wei Wuxian's Taille und pressten ihre Körper zart aneinander.
Sie strauchelten einen Meter nach hinten, bis Wei Wuxian mit seinem Rücken gegen die Außenwand des Pavillon's stieß.
„Ah." Stöhnte er leise durch den etwas harten Aufprall auf. Er blickte in Lan Wangji's bernsteinfarbende Augen und dann weiter nach unten auf seine schmalen Lippen, als er belustigt flüsterte:
„Hab ich euch, HanGuang-Jun. Schnell, schenkt mir einen Kuss bevor uns jemand entdeckt."
Lan Wangji, der wie ein Unschuldiger in diesem Moment gefangen war, verfiehl schon nach kurzer Zeit der süßen Verführung und lehnte sich langsam näher heran. Seine Arme surrten sich fest um Wei Wuxian's Taille und dieser zog Lan Wangji ebenfalls am Nacken zu sich nach unten.
Ihre sehnsüchtigen Lippen berührten sich und Wei Wuxian schloss genüsslich seine Augen, während er die liebevolle Berührung von Lan Wangji's Lippen spürte. Er hielt ganz still und fast wie in Zeitlupe liebkoste Lan Wangji seine schmalen Lippen und nippte zärtlich an ihren herum.
Wei Wuxian öffnete langsam wieder seine Augen und seine langen, schwarzen Wimpern zitterten auf wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Er warf Lan Wangji einen verführerischen Blick zu, als er leise hauchte:
„Vielleicht sollten wir doch nicht in die Bibliothek gehen, sondern eher zurück in deinen Jingshi?"
Lan Wangji hielt einmal ruckartig die Luft an, als er in Wei Wuxian's viel versprechende Augen blickte. In seinem eigenen Gesicht war der Zwiespalt seiner Gedanken zu erkennen, als Wei Wuxian einmal keck aus seiner Nase schnaubte und dann seinen rechten Arm hinter Lan Wangji's Nacken zurückzog um dann einmal beherzt in dessen Schritt zu greifen.
„Hm" Brummte Lan Wangji einmal stoßartig über seine Lippen, als sich sein Körper überrascht zusammenzog. Doch Wei Wuxian trug ein verschmitztes Grinsen auf seinen Lippen, als er sich wieder nach vorne lehnte und Lan Wangji auf einen weiteren Kuss einlud.
Dieser nahm die Einladung auch sofort an und ihre Lippen berührten sich erneut. Doch dieses Mal übernahm Wei Wuxian die Führung und schob schon bald seine feuchte Zunge in Lan Wangji's Mundhöhle hinein. Ihr Kuss wurde langsam feucht und leidenschaftlich und Lan Wangji begann Wei Wuxian gegen die Wand zu stemmen. Doch dieser blieb nicht weniger Aktiv und so begann er mit seiner rechten Hand mit gefühlvollen, kreisenden Bewegungen Lan Wangji's Schritt zu massieren. Während sie sich ihrer prickelnden Zweisamkeit hingaben, war es Bao Tian, welcher nun zielgerichtet auf die Bibliothek zusteuerte und sein Tempo erst wieder rausnahm, als er vor der großen Tür angekommen war.
Mit einem gewaltigen Ruck stieß er die große zweiflügelige Tür auf, bis die Türflügel jeweils mit einem lauten Scheppern gegen die Außenwände des Pavillonßs schlugen.
Ein starker Windzug fegte in die Bibliothek herein, stieß von draußen ein wenig Laub in den Raum wild umher und lies dann Bao Tian's dunklen Haare einmal kurz aufwirbeln. Er sah aus wie ein erzürnter Krieger frisch vom Feldzug und in seinem Gesicht stand der Zorn Gottes.
Lan Wangji und Wei Wuxian wurden durch das laute Scheppern und das Beben der Außenwände sofort aus ihrem beginnenden Vorspiel gerissen, als beide gleichzeitig ihre Augen weit aufrissen und sofort auseinander sprangen.
„Was war das? Ich dachte schon die Bestrafung Lan Qiren´s würde über uns hereinfallen!" Sagte Wei Wuxian erschrocken, als Lan Wangji ihn schon am Handgelenk packte und ihn zum Schutze hinter sich beförderte.
„Wir sollten nachsehen!" Sagte Lan Wangji entschlossen, als die beiden auch schon über die Veranda um den Pavillon herumliefen.
Sie kamen bis zu einem der großen Fenster, als Wei Wuxian plötzlich abrupt abbremste und Lan Wangji schnell gegen die Außenwand drückte. Er hielt seinen Zeigefinger versiegelnd auf seine Lippen.
„Pssst" zischte er, als er sich vorsichtig und mit geduckter Körperhaltung nebem dem Fenster positionierte. Er fuchtelte wild mit seiner Hand in der Luft herum um Lan Wangji mitzuteilen, sich ebenfalls in Deckung zu bringen. Beide linsten vorsichtig durch das Fenster in die Bibliothek hinein, bereit sich jede Sekunde in einen Kampf zu begeben, sollte es sich um eine ausgehende Gefahr handeln.
In der Bibliothek befanden sich jedoch gerade vier junge Damen vom Gusu Lan Clan, welche ängstlich alle zur großen Tür starrten. In der Mltte an einem Tisch saß Jinan Liang, welche ebenfalls durch Bao Tian's forsches Auftreten überrascht wurde.
Ihre Augen weiteten sich, als sie in Bao Tian's aufgebrachtes Gesicht blickte. Sie atmete einmal kurz ein und machte sich dann bereit zu sprechen, so als hätte sie schon geahnt, dass eines Tages dieser Moment vielleicht kommen würde.
Sie stand langsam auf, strich ihre Robe vom Sitzen wieder glatt und schaute dann zu den Damen. Sie nickte ihnen zu und sagte dann mit ruhiger Stimme:
„Ihr könnt gehen, bitte lasst uns alleine!"
Die vier Damen taten sofort wie ihnen befohlen wurde und sofort verließen sie leicht hektisch den Raum und schlossen die große Tür wieder hinter sich.
Bao Tian wartete ab und kam dann mit forschen und schnellen Schritten auf Jinan Liang zu. Seine Füße donnerten über die dunklen Holzdielen und zertraten das frische Laub, welches gerade zur Tür herein geweht war und überall auf dem Fußboden verteilt lag.
Seine Stimme war aufgebracht und erzürnt, als er ungehalten und mit verletzter Stimme sprach:
„Ihr habt mich belogen!
Ihr habt mich die ganze Zeit über belogen und wahrscheinlich hinter meinem Rücken auch noch über mich gelacht!"
Jinan Liang spürte, dass sich Bao Tian gerade in einem Ausnahmezustand befand und sie machte eingeschüchtert ein paar Schritte zurück, bis sie plötzlich mit ihrem Rücken gegen eine Wand stieß.
Ihr Körper zuckte ängstlich zusammen, als sie mit großen Augen Bao Tian anblickte, welcher ihre Distanz überraschend schnell verkleinerte und auf sie zu kam.
Bao Tian nutzte die Gelegenheit und er streckte seine Arme weit nach vorne aus und donnerte seine Handinnenflächen kraftvoll gegen die Wand, genau beidseitig neben Jinan Liang's Kopf. Er hatte sie damit eingekesselt und drückte sie mit seiner enormen Präsenz gegen die Wand.
Die frische Wunde an seiner Hand hatte sich durch die enorme Wucht wieder geöffnet und frisches, rotes Blut begann an seinem Unterarm hinunter zu laufen und tropfte auf den dunklen Fußboden.
Jinan Liang blickte erschrocken zur Seite, als sie im Augenwinkel das rote Blut entdeckte.
Wei Wuxian und Lan Wangji, die das Ganze von draußen mit ansahen, zuckten plötzlich beunruhigt auf. Lan Wangji setzte sich sofort in Bewegung um Jinan Liang zu Hilfe zu eilen. Er wollte gerade in die Situation hineinstürmen, als Wei Wuxian ihn schon am Arm festhielt und ihn dann wieder zurück neben das Fenster zerrte.
Lan Wangji taumelte zurück, mit dem Rücken wieder gegen die Hauswand, als Wei Wuxian ihn mit weit aufgerissen Augen anstarrte und seinen Kopf verneinend hin und her schüttelte.
Lan Wangji zögerte erst noch für einen Moment, doch Wei Wuxian blickte ihn besänftigend an. Er hatte abermals mit seinem Zeigefinger symbolisch seine Lippen versiegelt, während er seinen Kopf verneinend hin und her schüttelte. Die Botschaft an Lan Wangji war klar. Er sollte sich zurücknehmen, abwarten und erst noch die Situation weiter beobachten. Lan Wangji haderte noch für einen Moment, doch dann lies er sich darauf ein, er vertraute Wei Wuxian und er entspannte sich wieder. Damit nahmen sie beide wieder ihre versteckte Postition am Fenster ein und linsten vorsichtig in die Bibliothek hinein.
Bao Tian, der Jinan Liang nun vor sich in die Enge getrieben hatte, lehnte sich mit seinem Gesicht näher heran und blickte ihr direkt in die Augen, als er fast atemlos sagte:
„Ihr seid falsch und eine Verräterin und ich habe mich tatsächlich von diesem hübschen, unschuldigen Gesicht blenden lassen und euch blind mein Vertrauen geschenkt."
Jinan Liang bekam etwas Sorge um ihr körperliches Wohlergehen und ihre Augen weiteten sich ängstlich, als sie nach oben blickte, direkt in Bao Tian's aufgebrachtes Gesicht. Er war deutlich größer und um einiges stärker als sie und dazu noch ein Mann, seine Hände waren um ein vielfaches kräftiger als der ihren und es wäre ein Leichtes für ihn, sie zu überwältigen.
Hinzu kam, dass Bao Tian gerade im Begriff war die ihm zustehenden Grenzen zu überschreiten, da er offensichtlich von seinen eigenen Emotionen übermannt wurde.
Jinan Liang wusste, dass dies alles keine guten Voraussetzungen waren und sie sich nun vorsehen musste.
Sie wendete daher ihren Kopf verschreckt zur Seite ab und versuchte sich dann unter Bao Tians's Armen hinwegzuducken, als sie mit nervöser Stimme sagte:
„Lasst mich bitte gehn."
Doch Bao Tian, der ihren Fluchtversucht frühzeitig bemerkte, löste geschwind seine rechte Hand von der Wand und umfasste seitlich ihre Hüfte. Er stieß ihr Becken kraftvoll zurück gegen die Wand und rammte dann gleichzeitig sein linkes Bein nach vorne zwischen ihre Oberschenkel. Er zog sein Knie dabei nach oben, bis er ihren Schritt berührte und machte sie damit nun in alle Richtungen bewegungsunfähig. Respektlos, entehrend und unzumutbar war sein Verhalten, aber er fixierte sie somit an mehreren Stellen und machte ihr damit einen weiteren Fluchtversuch unmöglich.
Jinan Liang atmete einmal ruckartig ein, währned sie einen mehr als schockierten, leisen Ton von sich gab. Sie blickte erschrocken in Bao Tian's Gesicht, welches ihr langsam immer näher kam. Sie blickte in die großen braunen Augen, welche in einem Gesicht, geprägt von einem etwas dunkleren Hautteint ihr kalt entgegen stachen. Sein pechschwarzes, gewelltes Haar, welches ihm zerzaust im Gesicht hing, verstärkte zusätzlich sein ungebändigtes und eher fremdes Erscheinungsbild. Zum ersten Mal, empfand Jinan Liang Bao Tian´s Aussehen als bedrohlich und sie spürte ihren aufgebrachten Herzschlag, welcher wie wild in ihrer Brust schlug.
Bao Tian starrte sie intensiv an. Seine Stimme war tief und rau aber auch deutlich vom Klang der Verzweiflung geprägt.
„Seht mich an, Jinan Liang!
Ihr hattet mir zugesagt, dass ich mir keine Sorgen machen brauche!
Ihr hattet gesagt, dass ihr nicht hier seid um mir etwas wegzunehmen!
Ihr habt mich betrogen!"
Jinan Liang schüttelte verneinend ihren Kopf hin und her. Ihre roten, schmalen Lippen waren leicht geöffnet und sie atmete nervös durch den Mund.
Sie versuchte Mut zu fassen, doch ihre dünne Stimme wurde förmlich von der Luft davon getragen.
„Ich habe nicht gelogen. Es ist die Wahrheit!"
Bao Tian stieß Luft ruckartig aus seiner Nase. Er schüttelte seinen Kopf, als über seine Lippen fast ein bösartiges Lächeln huschte.
„Die Wahrheit?
Soll ich euch erzählen was die Wahrheit ist?
Die Wahrheit ist, dass euch hier niemand gebraucht hätte!
Ich nicht, die Cloud Recesses nicht und Lan Xichen auch nicht!
Ohne euch war unsere kleine Welt in Ordnung. Aber von einen Tag auf den anderen taucht ihr hier plötzlich auf und nehmt mir alles was mir lieb und teuer ist!
Erst wiegt ihr mich in Sicherheit um dann egoistisch an euch zu reißen was ihr begehrt.
Ihr hattet kein Recht dazu, ihr habt alles zerstört und ruiniert! "
Jinan Liang schüttelte erneut ihren Kopf.
Bao Tian's Worte trafen genau dort wo es am meisten weh tat und sie spürte einen stechenden Schmerz in ihrem Herzen, welcher fast noch grausamer als die Angst vor Bao Tian selbst war.
„Nein, so ist es nicht! Lasst es mich erklären...Bitte.." Bettelte sie.
Doch Bao Tian unterbrach sie. Seine Stimme war laut und klar und getränkt von Entteuschung und Wut.
„Erklären?
Was wollt ihr mir erklären?
Wollt ihr mir etwa, in eurem zarten Alter, davon berichten was die Waffen einer Frau sind?
Und wie ihr es immer und immer wieder schafft euren Körper in das Bett des Mannes zu befördern, bei dem der meiste Profit für euch herausspringt?
Was für Lügen habt ihr nur mit listiger Zunge Huan eingetrichtert, damit er dieser absurden Hochzeit zugestimmt hat?
Ich war ja so dumm und blind es nicht eher zu erkennen.
Aber jetzt, wo ich euch hier habe, ist es fast spielend einfach!"
Bao Tian blickte an Jinan Liang's schlanken Hals hinab, hinunter bis zu ihrem Ausschnitt, starrte dann auf die Ansätze ihrer zarten Schlüsselbeine und dann weiter auf ihre schmalen Schultern.
Er schnaufte erneut durch seine Nase, seine Stimme hatte einen unangenehmen tiefgreifenden, Unterton.
„Ihr seid eine junge Frau, fast noch ein Kind in meinen Augen und ich bin ein ausgewachsener Mann. Dazu noch ein talentierter Cultivator.
Was hätte ihr nur für eine Chance gegen mich?"
Mit diesen Worten löste Bao Tian seine Hand wieder von ihrer Hüfte und legte seine Finger dann langsam, Stück für Stück um ihren schlanken Hals. Ein Finger nach dem anderen umschlossen ihre Kehle und drückte dann vorsichtig etwas zu.
Jinan Liang´s Augen wurden immer größer, als sie einmal schwer schluckte.
Bao Tian starrte sie mit den Augen eines Raubtieres an, jede noch so kleine Mimik und Gestik in ihrem verängstigten Gesicht genau deutend.
„Ihr seid so zierlich, so zart und körperlich so schwach. Wenn all der Glanz, der Ruhm und die Ehre plötzlich abfallen, nur noch ein hilfloses Geschöpf in meinen Händen.
Es wäre mir ein Leichtes hier und jetzt mir mit Gewalt zu nehmen was ich begehre.
Es wäre so leicht dies alles jetzt zu beenden und mir zurückzuholen was mein ist!"
Jinan Liang's Augen weiteten sich ins Unermessliche.
In diesem Moment traute sie Bao Tian alles zu und sie schluckte einmal schwer, als die Todesangst ihr in die Glieder kroch.
„Bitte, das wollt ihr nicht wirklich oder?" Stammelte sie leise und kraftlos.
Bao Tian's braune Augen weiteten sich ebenfalls. Ihr verschrecktes Antlitz spiegelte sich in ihnen wie auf dem Grund eines großen, tiefen See´s wieder .
Er blickte in Jinan Liang's hübsches, weibliches Gesicht. Ihre malerisch rot geschminkten Lippen, welche leicht zu beben begannen, ihre glasigen Augen in denen die Furcht Platz gefunden hatte und ihre reine Haut, so zart und frisch wie ein junger Pfirsich. Bao Tian holte tief Luft und er vernahm ihren süßlich, milden Körperduft, welcher sich mit dem angenehmen Geruch von milder Seife vermischte.
Langsam löster er wieder den Griff an ihrem schlankwn Hals und zog seine Hand wieder zurück, als sich seine Gesichtszüge wieder lockerten und weicher wurden.
Jinan Liang schluckte mehrfach und holte dann tief Luft. Ihr Brustkorb hob sich einmal deutlich sichtbar an und wieder ab.
Bao Tian schloss für einen Moment seine Augen und senkte dann den Kopf. Er ballte seine rechte Hand zu einer Faust und pumpte durch die Anspannung so das Blut durch die Adern, dass erneut einige Tropfen aus seiner Wunde zu Boden fielen.
„Nein..." Sagte er mit gedämpfter stimme.
„Obwohl es so leicht wäre, so kann ich es dennoch nicht tun."
Er öffnete wieder seine traurigen Augen und schaute Jinan Liang an. Sein Gesicht bekam einen bekümmerten Ausdruck, als er mit schmerzerfüllter Stimme sagte:
„Ich könnte es nicht, auch wenn es mir als die einzige Möglichkeit erscheinen würde, mich von diesen Qualen zu befreien.
Das Einzige an was ich mich klammere, ist der letzte Funke Hoffnung, dass ich irgendwann die Wahrheit erfahre und einer von euch beiden endlich sein Schweigen bricht.
Ihr habt ja keine Ahnung wie sehr es mich zerreißt."
Jinan Liang hielt für einen Moment den Atem an und blickte dann Bao Tian mit großen Augen an. Sie war nicht dumm und spürte das Bao Tian's Zorn und Wut einem furchtbaren Schmerz vorausgegangen sein musste. In ihrem Kopf überschlugen sich plötzlich die Ereignisse, als sie begann die vergangenen Wochen Revue passieren zu lassen, auf der Suche nach Antworten um das Puzzle der Missverständnisse in ihren Gedanken zu vervollständigen.
Sie schüttelte plötzlich fassungslos den Kopf hin und her, als sie leise und etwas stotternd sagte:
„Lan Xichen...hat er euch denn gar nichts davon erzählt?"
Bao Tian zuckte zusammen und schaute sie schockiert an. Es war eine der Andeutungen, welche ihn am meisten verunsicherten. Erneut schlug er mit seiner rechten Handinnenfläche gegen die Wand, dem Geheimnis endlich auf die Schliche kommend.
„Was erzählt?" Fragte er forsch nach.
Jinan Liang konnte es nicht fassen und plötzlich ergab alles für sie einen Sinn.
„Euch erzählt von mir, von Lan Xichen´s und meinem Übereinkommen und von dieser ganzen Hochzeit.
Hat er euch denn gar nichts gesagt?"
Sagte sie mit Vorsichtig, sich im klaren darüber, wahrscheinlich gerade ein gut behütetes Geheimnis preiszugeben.
Bao Tian holte schnappend Luft. Er fasste mit seiner linken Hand an Jinan Liang's Schulter und schüttelte sie leicht. Seine Stimme war aufgebracht und ungeduldig.
„Bitte, ihr müsst es mir sagen!
Was wisst ihr?
Von was für einem Übereinkommen sprecht ihr
War dies etwa alles nur inszeniert?"
Doch Jinan Liang hielt ihre rechte Hand schockiert vor ihren Mund, als sie ihr Gesicht von Bao Tian abwendete.
„Ich dachte die ganze Zeit über ihr würdet es wissen. Aber jetzt macht das alles erst einen Sinn.
Aber wenn er nicht mal euch etwas gesagt hat, dann will ich nicht diejenige sein die seine Entscheidung hintergeht.
Bitte fragt ihn selbst! Es steht mir nicht zu, jemandem davon zu berichten, ich hatte ihm mein Versprechen gegeben!"
Bao Tian schlug mit seiner rechten Hand noch einmal gegen die Wand, ehe er endlich von Jinan Liang wieder ablies.
"Huan..." Hauchte er zähneknirschend über seine Lippen.
Er gab einen beängstigenden Ton von sich, als er sich von der Wand abdrückte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sofort reiß aus nahm und die Bibliothek genauso stürmisch wieder verließ, wie er dort aufgeschlagen war.
Er war der Wahrheit nun zum Greifen nahe und nichts und niemand könnte ihn jetzt davon abhalten, sich endlich die Antworten zu holen, auf welche er schon so lange geduldig wartet.
Jinan Liang, ebenfalls Emotional sehr aufgebracht, lief ihm noch ein paar Schritte hinterher, als sie ihm noch nachrief:
„Wartet, Bao Tian wartet!"
Doch Bao Tian kümmerte sich nicht mehr um sie und lief die Veranda entlang, bis er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war.
Jinan Liang stand nun alleine in der offenen, großen Tür und blickte ihm besorgt hinterher, als plötzlich Wei Wuxian und auch Lan Wangji um die Ecke kamen.
Alle drei schauten sich besorgt an, als Lan Wangji sie sofort von oben bis unten einmal musterte und fragte:
„Geht es euch gut?"
Jinan Liang nickte, sich unsicher, wie viel die beiden von ihrem Gespräch mitbekommen hatten. Ihre Augen wurden leicht glasig, als sie leise murmelte:
„Was habe ich nur getan, vielleicht war es doch ein Fehler es ihm zu sagen?...Vielleicht habe ich jetzt alles zerstört, aber ich wollte nicht das es mal so endet. Ich wusste nicht, dass er ihm nichts davon erzählt hat. Lan Xichen wird außer sich vor Zorn sein."
Doch Wei Wuxian blickte in ihr aufgelöstet Gesicht, als er mit seiner Hand brüderlich über ihre Schulter strich. Behutsam tätschelte er sie ein wenig, als er beruhigend sagte:
„Ich glaube nicht, dass dies ein Fehler war. Dieser Schritt war zwingend notwendig!
Notwendig, wahrscheinlich sogar für uns alle!
Es kommt lediglich dadurch gerade ein Stein ins Rollen, ein Stein welcher schon lange überfällig war!"
Wei Wuxian und Lan Wangji schauten sich an, ein einziger Blick sagte mehr als tausend Worte, als sie sich einvernehmlich zunickten, Jinan Liang bei der Hand nahmen und dann zu dritt Bao Tian hinterher liefen.
