Chapter 20.13

Bao Tian stolperte die Veranda zu Lan Xichen's Pavillon hinauf, als er mit weit ausgestrecktem Arm an den Griff der großen Eingangstür fasste.
„Huan!" Rief er klar und deutlich aus, als er mit einem gewaltigen Ruck die Tür aufstieß.

Es schepperte laut, als die Türflügel nachgaben und sich weit öffneten.
Doch im Inneren des Pavillon´s war es dunkel und leer und sein lauter Ausruf wurde von niemandem gehört.

„Tssss..!" Zischte er mit seiner Zunge, als er sich furios umdrehte und seinen Weg fortsetzte. Er rannte die Veranda entlang und steuerte direkt in Richtung Thronsaal. Denn wenn Lan Xichen nicht in seinen privaten Gemächern war, dann musste er seinen Pflichten als Sect Leader nachgehen und irgendwo in Arbeit oder Gesprächen versunken sein.

Bao Tian rannte wie ein gehetztes Tier durch die Cloud Recesses und jeden den er passierte blickte ihn mit großen, fragenden Augen an und ging ihm schnell aus dem Weg um ihm und seinem Zorn Platz zu machen. Zwar wurde hinter vorgehaltener Hand getuschelt und gemunkelt, jedoch war es keine Seltenheit Bao Tian beim Brechen einiger Clan Regeln zu erwischen.

Als Bao Tian gerade wie der Sturm über eine kleine Brücke rannte entdeckte er, nicht weit von sich entfernt, plötzlich das Ziel seiner eifrigen Suche.

Lan Xichen stand draußen vor einem der großen Pavillons und unterhielt sich gerade mit zwei Cultivators des Tai Jinan Clan´s als Bao Tian ungebremst und ohne über die Konsequenzen nachdenkend, die Zusammenkunft zersprengte.
Mit großen, ungebremsten Schritten fiel er in die Versammlung ein.
„Huan!" Sagte er forsch und laut und alle drehten sich plötzlich erschrocken zu ihm um, als Bao Tian schon zwischen ihnen stand und Lan Xichen grob am Handgelenk ergriff.

„Was?" Sagte Lan Xichen erschrocken, während er fassungslos in Bao Tian's aufgewühltes Gesicht blickte.
Doch dieser wendete sich nur zu den zwei erstaunten Männern und sagte in einem ziemlichen Befehlston:
„Verzeihen Sie die werten Herren des Tai Jinan Clan's, aber dieser Sect Leader muss leider unverzüglich dieses Gespräch beenden!"
Zum Verwundern aller und über die Empörung dieser Dreistigkeit wendete sich dann Bao Tian auch noch an Lan Xichen, zog ihn ruckartig an sich heran und sagte dann mit scharfem Ton:
DU kommst mit mir!"

Lan Xichen's Augen weiteten sich, als er auch schon spürte wie Bao Tian ihn kräftig am Arm zog und ihn dann hinter sich herschliff.
„Tian!" Sagte Lan Xichen verärgert und fassungslos.
„Warte, lass mich los!" Er versuchte sich aus Bao Tian's Klammergriff zu befreien, doch dieser hatte einen Griff wie aus Stahl und lies ihn nicht gehen.

Bao Tian setzte unbeirrt seinen Weg fort, zog Lan Xichen, ohne sich darum zu scheren was er da eigentlich gerade tat, hinter sich her und entführte unter den Augen aller entsetzten Beobachter den Sect Leader des Gusu Lan Clan's mitten aus seinem Gespräch.
Um die Männer etwas zu beruhigen und diese peinliche Situation zu erklären wank Lan Xichen schließlich höflich gestikulierend mit seiner Hand in der Luft umher, als er atemlos zurückrief:
„Verzeihen Sie uns bitte für einen kurzen Moment. Es scheint etwas wichtiges vorgefallen zu sein, daher keinen Grund zur Beunruhigung. Ich werde das klären!"

Jeder der nah bei stand und das Spektakel mit eigenen Augen zusehen bekam, blickte den beiden entsetzt hinterher und es dauerte nicht lange, bis das Getuschel los ging. So eine respektlose Dreistigkeit ward in der Cloud Recesses bisher noch nicht gesehen.

Bao Tian stampfte los, er zog Lan Xichen wie einen Straftäter hinter sich her und schritt einmal über die Veranda um das Gebäude herum.
Lan Xichen, der mehrmals versuchte ein schlichtendes Gespräch zu beginnen, wurde jedoch von Bao Tian eiskalt ignoriert und auch seine spärlichen Versuche sich zu befreien schienen ins Leere zu laufen.
Schließlich steuerte Bao Tian auf die erstbeste Tür zu, die er finden konnte und mit einem gewaltigen Ruck stieß er diese auf und fiel mit Lan Xichen in den Raum ein.

Es war einer der Studienräume für die Schüler des Gusu Lan Clan's und eine Handvoll junger Männer, welche gerade dabei waren sich in der Kunst der Kalligrafie zu üben, schraken verwundert auf.
Manch einer lies sogar vor Verwunderung seinen Pinsel fallen, als sie plötzlich Bao Tian und ihren Sect Leader erblickten, welche wie vom Teufel geritten in den Raum einfielen.

Alle raus!"
Donnerte Bao Tian los und die Schüler waren mit der Situation so überfordert, dass sie tatsächlich sofort reißausnahmen und fluchtartig die Räumlichkeiten verließen.
Als die Tür hinter den Schülern wieder ins Schloss fiel versuchte Lan Xichen sich erneut aus Bao Tian's Klammergriff zu befreien, als er zornig sagte:
„Wie kannst du es nur wagen? Was ist nur in dich gefahren? Tian, lass mich auf der Stelle los!"

Bao Tian, der nur auf den Moment gewartet hatte, dass die beiden endlich unter sich waren kam Lan Xichen's Wunsch nun nach, als er ein letztes Mal kräftig an dessen Arm zog und ihn dann in den Raum schleuderte.

Lan Xichen strauchelte ein paar Schritte nach vorne, schaffte es noch zu verhindern über einen Tisch zu stürzen, als er beinahe mit einer runden Säule kollidiert wäre. Er streckte seine Arme schützend nach vorne aus und fing sich gerade noch ab.
Doch im selben Moment packte Bao Tian ihn schon an den Schulten, drehte ihn um und presste ihn kraftvoll gegen die Säule.
Ihre Blicke trafen sich und Lan Xichen schuate in Bao Tian's erzürntes Gesicht, als dieser aufgebracht und atemlos sprach:
„Sag es mir! Genau jetzt will ich es von dir hören!
Sieh mir in die Augen und sag mir was für ein Übereinkommen du mit Jinan Liang geschlossen hast!
Was ist euer Geheimnis und welchem Zweck dient diese Scheinehe?"

Lan Xichen's Augen weiteten sich, als sich sein Mund erschrocken öffnete.
„Woher weißt du von dem Übereinkommen?" Fragte er fassungslos.

Doch Bao Tian schloss für einen Moment schmerzerfüllt seine Augen, seine Hände krallten sich tiefer in Lan Xichen's Schultern, als er mit verzweifelter Stimme hauchte:
„Also doch! Hatte sie also doch Recht!"

Lan Xichen verstand nicht. Schockiert schüttelte er seinen Kopf, als er sagte:
„Wer, wer hatte Recht? Und womit?"

Bao Tian öffnete wieder seine Augen und blickte Lan Xichen an, als er enttäuscht sagte:
„Jinan Liang...sie hat es mir gesagt...!"

Lan Xichen's Augen wurden immer größer.
„Sie hat es dir gesagt?" Hauchte er schockiert.
„Alles...hat sie dir alles erzählt?"

Doch Bao Tian schüttelte seinen Kopf verneinend hin und her.
Er knirschte mit seinen Zähnen, als er einmal tief Luft holte:
„Sie sagte sie kann es mir nicht erzählen. Ich solle dich fragen. Ihr habt euch ein Versprechen gegeben. Aber sie war mehr als erschrocken darüber, dass scheinbar nicht einmal ich die Wahrheit wissen würde.
Also Huan, hier stehe ich nun. Sag mir endlich die Wahrheit!"
Bao Tian's tief dunkle Augen wurden leicht feucht und seine Hände zitterten auf Lan Xichen's Schultern, als dieser mit trauriger und bebender Stimme antwortete:
„Das kann ich leider nicht...Ich habe es ihr versprochen!"

Doch in diesem Moment ging die Tür auf einmal mit einem lauten Knacken auf und die beiden zuckten erschrocken zusammen.
Es war Jinan Liang, gefolgt von Lan Wangji und Wei Wuxian, welche auf einmal mitten in der offenen Tür standen.

Lan Xichen und Bao Tian blickten erschrocken zu ihnen herüber, als Jinan Liang sie mit einem schmerzerfüllten Gesicht anblickte. Ihre Mundwinkel waren kraus nach unten gezogen und in ihrem Gesicht stand ihr Kummer. Sie trat vorsichtig in den Raum hinein, als sie mutig sagte:
„Es ist richtig, ihr habt mir euer Versprechen gegeben!
Aber niemals...niemals hätte ich geahnt, dass ihr es nicht einmal ihm erzählt!
Ihm, der wichtigste Mensch an eurer Seite und euer Preis für unser Abkommen!"

Wei Wuxian, Lan Wangji und Bao Tian's Augen wurden immer größer.

„Preis?" Hauchte Bao Tian fassungslos. Er blickte erst zu Jinan Liang herüber, dann wieder erschrocken in Lan Xichen's Gesicht.
„Wovon sprecht ihr?" Fragte er schockiert, als er langsam von Lan Xichen wieder abließ.

Wei Wuxian schloss schnell die Tür hinter sich und zog sich dann mit Lan Wangji etwas an den Rand zurück.
Es war offensichtlich, dass sich Lan Xichen und Bao Tian gerade fragen mussten, warum die beiden plötzlich mit Jinan Liang in der Tür standen, woher sie kamen, warum sie gemeinsam gekommen sind und wie sie, sie überhaupt hier gefunden hatten. Doch für diese Fragen war gerade keine Zeit.

Jinan Liang starrte derweil den Tränen nahe zu Boden. Sie spielte unruhig mit ihren schlanken Fingern umher und knibbelte dabei an ihren Fingernägeln, als plötzlich perlengroße Tränen über ihre Wangen kullerten.

Lan Xichen blickte in ihr gequältes Gesicht, schüttelte dann seinen Kopf verneinend hin und her, als er aufopferungsvoll sagte:
„Ihr müsst es ihnen nicht sagen, Liang!
Ich hatte Euch mein Versprechen gegeben, ich hätte alles getan euer Geheimnis zu wahren und euch euren sehnlichsten Wunsch zu erfüllen!"

Doch Jinan Liang begann bitterlich zu weinen. Die vielen Tränen kullerten zu Boden und benässten die dunklen Holzdielen. Sie hob ihren Blick langsam wieder an, sah mit schuldigem Ausdruck in ihren Augen zu Bao Tian herüber und blickte dann wieder in Lan Xichen's Gesicht. Ihre Lippen bebten und ihre Stimme war weinerlich und voller Traurigkeit:
„Wie kann ich es ihnen an diesem Punkt nicht erzählen?
Wie kann ich mir nur von Euch meine Liebe retten lassen, wenn ihr aber im Gegenzug dafür bereit seid, eure eigene herzugeben?"
Jinan Liang schüttelte ihren Kopf.
„So war nicht der Plan Lan Xichen, wie könnte ich mit dieser Schuld nur an eurer Seite bleiben?
Wie könnte ich mit dieser Schuld nur selber glücklich sein, wenn euer trauriges Gesicht mich jeden Tag daran erinnern würde, was ihr dafür aufgeben musstet?"

Lan Xichen's Gesicht verzog sich fürchterlich. Seine Mund-, und Augenwinkel fielen ab, schimmernde Feuchte sammelte sich in seinem traurigen Blick, als er geschlagen zu Boden sah und dann für einen Moment seine Augen akzeptierend schloss.

Jinan Liang ging plötzlich langsam auf ihre Knie nieder. Sie strich ihre edle Robe einmal glatt und setzte sich dann, zum Erstaunen aller, auf den nackten Holzfußboden.
Sie strich sich die dicken Tränen von ihren Wangen, nickte Lan Xichen noch einmal zu und atmete dann einmal tief ein:
„Ich werde sie euch erzählen!
Meine Geschichte! Von Anfang an!
Und ich hoffe, damit nun endlich alle Missverständnisse aus dem Weg räumen zu können, auch wenn ich nun damit Gefahr laufe, vielleicht den Zorn jedes Einzelnen auf mich zu ziehen."

Plötzlich wurde es andächtig still in dem Raum. Wei Wuxian und Lan Wangji warfen sich einen flüchtigen Blick zu, blieben aber in der Nähe der Tür an der Wand stehen.
Bao Tian dagegen war nun bereit die volle Wahrheit zu erfahren und so setzte er sich ebenfalls auf den Fußboden und blickte Jinan Liang mit großen Augen an.
Lan Xichen, der sich nun geschlagen gab, sackte ebenfalls in sich zusammen und setzte sich dazu. Er war bereit alle Konsequenzen, die die Enthüllung ihres Geheimnisses mit sich brachten, zu tragen.

„Nun gut!" Sagte Jinan Liang noch mit etwas schwermütiger Stimme.
„Wie ihr wisst, gehören mein Vater und ich dem Tai Jinan Clan an. Dieser Clan selbst, so wie man ihn heute kennt, schaut jedoch auf noch keine lange Historie zurück, auch wenn er heutzutage einiges an Größe und Bekanntheit besitzt, denn er hatte sich erst gebildet, nachdem der Qishan Wen Clan damals in der Sunshot Campaign gefallen waren.
Damals noch gehörten mein Vater, meine Mutter, mein jüngerer Bruder und ich zu einem kleineren Clan, welcher seid langer Generation von unserer Familie geführt wurde.
Doch wie so viele andere kleinere Clan's, so ereilte auch uns damals das Schicksal und der Qishan Wen Clan fiel eines Nachts bei uns ein.
Es gab kaum überlebende, sie haben geplündert, geraubt, gemordet und vergewaltigt.
Es war Wen Xu, Wen Ruohan's ältester Sohn der der Angriff anführte und er war es auch, der in jener Nacht meinem Bruder und meiner Mutter das Leben nahm.
Sie haben meinen kleinen Bruder enthauptet, um meinen Vater zur Kapitulation zu zwingen und um dafür zu sorgen, dass es aus unserer Blutlinie keinen Nachfolger mehr gäbe.
Meine Mutter, welche versuchte meinen Bruder noch zu beschützen kam dabei selbst ums Leben.
Wen Xu´s Männer durchbohrten ihren Körper ohne jegliche Gnade.
Es grenzte an ein Wunder, dass mein Vater und ich diesen Überfall überhaupt überlebt haben. Die Vertrauten meines Vaters verhalfen uns zur Flucht und mussten meinen Vater fesseln und förmlich entführen, sonst wäre er niemals mitgekommen.
Es ging damals alles so schnell und ich war zudem noch ein Kind. Doch die Bilder von jener Nacht brannten sich tief in mein Herz und verfolgen mich noch bis heute.
Mein Vater war nach dieser Nacht wie ausgewechselt. Er ist nie über den Verlust meiner Mutter und meines kleinen Bruders hinweggekommen und nur unter größter Anstrengung hatte er es damals geschafft danach wieder auf die Beine zu kommen und auf der Suche nach Hilfe und Vergeltung Gleichgesinnte zu finden.
Nachdem der Qishan Wen Clan durch die Sunshot Campaign schließlich gefallen war, trat wieder eine Zeit des Friedens für uns ein.
Die letzten Überlebenden meines Clan's hatten sich mit anderen gefallenen Clan's zusammengeschlossen und so entstand schließlich der Tai Jinan Clan. Mein Vater wurde als Sect Leader auserkoren und wir fanden eine neue Heimat.
Es begann eine friedliche Zeit und wir konnten uns darauf konzentrieren zu wachsen und schafften uns langsam einen Namen in der Welt der Cultivators. Der Gusu Lan Clan war uns in dieser Zeit ein wichtiger Verbündeter und es waren Lan Xichen und Lan Qiren welche meinen Vater seid jeher unterstützten.
Mein Vater, der von Natur aus ein fröhlicher und lebensfroher Mann gewesen war, strahlte dies auch bald wieder nach Außen aus, doch wusste ich, dass er tief in seinem Inneren noch immer trauerte. Er hasste die Wen's mehr als alles andere auf der Welt und nur zu gerne, wäre er es selbst gewesen, der Wen Xu während der Sunshot Campaign enthauptet hätte.
Er vermisste meine Mutter mehr als alles andere auf der Welt und er weinte oft bis spät in die Nacht hinein. Ich wusste, sein Herz war gebrochen und so begann er bald alle Liebe die er aufbringen konnte in mich zu stecken. Ich wuchs wohlbehütet auf und wurde von meinem Vater geliebt und behandelt wie ein Schatz.
Doch vor drei Jahren dann, passierte etwas, womit ich selbst nicht gerechnet hatte. Es war wohl Fügung oder Schicksal.
Bei einem Besuch in einer Stadt lernte ich einen jungen Mann kennen. Er war Anfang 20 und damit nur 4 Jahre älter als ich.
Sein Name war Luan Han.
Er war freundlich, hilfsbereit, zuvorkommend und ein schöner junger Mann, mit tief, dunkel braunen Augen.
Und wie so oft, wurde aus Freundschaft irgendwann Liebe.
Doch umso näher wir uns kennenlernten, bemerkte ich bald, dass etwas nicht stimmte. Doch unsere Liebe war stark und somit vertraute er mir eines Abends sein gut behütetes Geheimnis an.
Sein wahrer Name war nämlich gar nicht Luan Han sondern Wen Han.
Luan Han war in Wirklichkeit einer der überlebenden der Sunshot Campaign.
Er war ein Wen.
In diesem Moment brach eine Welt für mich zusammen. Der Mann in den ich mich verliebt hatte war ein eheamaliger Wen.
Er hätte eigentlich mein Feind sein müssen und ich hätte ihn aus tiefstem Herzen hassen müssen.
Doch Luan Han ist damals bei dem Überfall auf meinen Clan und bei den anderen Gräueltaten des Qishan Wen Clan's selbst noch ein Kind gewesen. Ihn selbst traf also keine Schuld und man konnte ihn nicht für die Vergehen seines Clan´s verantwortlich machen.
Aber nun, da ich seine Vergangenheit kannte, konnte ich meinem Vater nichts von dieser Liebe erzählen. Es hätte ihn nicht gekümmert ob er schuldig oder unschuldig sei, der bloße Gedanke, dass er ein Wen war hätte ausgereicht das mein Vater ihn hätte enthaupten lassen. Aus Angst um seine Sicherheit hielt ich also meine Liebe vor meinem Vater geheim und lies die Dienstmädchen ständig für mich lügen um ihn doch noch sehen zu können.
Es war ein furchtbarer Umstand und die Gewissensbisse und die Schuld meinem Vater gegenüber fraßen mich innerlich auf.
Doch Luan Han´s und meine Liebe war stark, so stark, dass ich mir nicht vorstellen konnte zu Gunsten meines Vaters auf sie verzichten zu können, nur weil er ein Wen war!"

Jinan Liang schüttelte einmal ihren Kopf. Sie atmete tief und lang ein. Die Erinnerungen an vergangene Tage schienen schwer auf ihren schmalen Schultern zu lasten und aus ihrer Stimme hörte man deutlich ihren Kummer heraus.
Sie blickte einmal in die Runde, doch alle schauten sie schweigend und mit großen Augen an. Die Stimmung war drückend und jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Es war eines dieser Schicksale, die es zuhauf nach der Sunshot Campaign gegeben hatte, aber es war ebenso eine dieser Geschichten, die jeden der sie hörte berührte.
Jinan Liang fuhr fort:
„Es war genau zur selben Zeit, als ich zum ersten Mal bemerkte, dass etwas gesundheitlich mit mir nicht stimmte.
Eines Tages, als ich mich mit Luan Han heimlich traf wurde mir plötzlich ganz schwindelig, mir wurde schwarz vor Augen, ich musste mich übergeben und er brachte mich sofort wieder nach Hause. Damals tat ich es als Zufall ab und wollte den Vorfall schnell wieder vergessen. Es vergingen auch ein paar Monate in denen nichts weiter geschah und ich mich gesund und fit fühlte, doch eines Nachmittags ereilte es mich wieder.
Meinem Vater hatte ich davon nichts erzählt. Ich wusste, dass er krank vor Sorge werden würde und so behielt ich es für mich und tat es immer als unbedeutend ab.
Doch Luan Han machte sich langsam große Sorgen um meine Gesundheit, da die Abstände der Anfälle immer kürzer wurden.
Letztes Jahr erzählte ich zum ersten Mal unserem Heiler im Clan davon und bat ihn darum meinem Vater nichts davon zu erzählen. Er untersuchte mich eingehend und teilte mir schweren Herzens mit, dass ich an einer unheilbaren Krankheit leiden würden. Die Abstände der Anfälle würden immer kürzen werden, mein Körper würde immer schwächer werden und eines Tages, würde ich auch daran sterben.
Er sagte es sei etwas in meinem Kopf, was sich seiner Heilkräfte entziehen würde und langsam größer werde.
Er sagte, ich hätte nicht mehr viele Jahre zu leben!
Zum zweiten Mal in meinem Leben bekam ich große Angst zu sterben und ich weinte bitterlich. Es gab keinen Trost für mich und für Wochen machte plötzlich alles in meinem Leben keinen Sinn mehr.
Doch was mir noch viel mehr Angst machte als der Tod selbst, war der Gedanke daran, das mein Vater letzten Endes auch noch mich verlieren würde und ganz alleine zurück bleiben würde.
Ich flehte den Heiler daraufhin an, meinem Vater nichts davon zu erzählen. Bis heute hat er sein Versprechen gehalten und mein Vater weiß nichts davon.
Doch Luan Han hat es das Herz gebrochen. Ich hatte es ihm erzählt und nun, da ich wusste, dass ich nicht mehr alt werden würde, keine Kinder zur Welt bringen würde und später keinen Enkeln Geschichten von meiner Jugend erzählen könnte, wollte ich die letzten Jahre meines Lebens mit der Person verbringen die ich neben meinem Vater am meisten liebte und das war Luan Han.
Ich war so verzweifelt und wusste nicht was ich tun sollte, als ich vor ein paar Monaten zufällig auf einer Städtereise eine außergewöhnliche Frau kennenlernte.
Sie hörte mir zu, leistete mir Beistand, sprach mir gut zu, hielt meine Hand und war festentschlossen mir zu helfen.
Es war verrückt, obwohl ich diese Frau noch gar nicht lange kannte kam sie mehr so vertraut vor. Sie erinnerte mich an meine Mutter, gab mir Halt und Liebe und ich suchte sie immer öfter auf und erzählte ihr von meinem Kummer.
Es war eines dieser letzten Treffen mit ihr, als sie mich plötzlich fragte ob ich den Gusu Lan Clan und dessen Sect Leader, Lan Xichen kennen würde.
Natürlich kannte ich den Clan, denn mein Vater hegte ja seit Jahren gute Beziehungen. Doch hatte ich persönlich zu Lan Xichen und den anderen Clan Mitgliedern keine direkte Verbindungen. Ich war schließlich jung und dazu noch eine Frau.
Sie erzählte mir daraufhin, dass es hier in der Cloud Recesses eine Zusammenkunft von ein paar außergewöhnlichen Männern geben würde, die auch den größten Hürden des Schicksals trotzdem würden, die mutig genug seien, ihren eigenen Herzen zu folgen und manch einer von ihnen selbst noch geduldig auf ein kleines Wunder warten würden.
Sie sagte ich würde hier ein offenes Ohr und gewiss Hilfe erfahren und so säte sie den ersten Keim, welcher den Gedanken zu einer möglichen Vereinigung unserer Clan´s, überhaupt erst zuließ.
Alles war genau durchdacht und geplant und mein Herz überschlug sich vor Nervosität, als ich dann tatsächlich das erste Mal vor Lan Xichen stand. So richtig wusste ich gar nicht, wo ich anfangen sollte und was eigentlich meine genauen Vorstellungen waren, aber als wir ins Gespräch kamen lief plötzlich alles ganz von alleine.
Lan Xichen und ich waren uns sofort sympathisch und ich fasste schnell Vertrauen und so erzählte ich ihm bald von meinem Schicksal. Ich erzählte ihm von meiner unheilbaren Krankheit, dass ich sterben würde und von meiner geheimen Liebe. Ich schüttete ihm mein ganzes Herz aus und erzählte ihm von meiner Verzweiflung.
Ich war im Verlauf des Gesprächs ganz überrascht, dass auch ein edler, angesehener und gebildeter Cultivator und Sect Leader wie Lan Xichen, ebenfalls seine ganz eigenen Geheimnisse und Sorgen mit sich rumtrug.
Lan Xichen fragte mich darauf hin, was mein größter Wunsch wäre. Unabhängig davon, ob er erfüllbar sei oder nicht.
Ich brauchte nicht lange nachzudenken und erzählte ihm, dass ich mir wünschen würde, bis zu meinem letzten Atemzug für meinen Vater da sein zu können. Das er noch miterleben sollte, wie ich heirate, Kinder bekomme würde und in seinen Augen die Frau eines angesehene Cultivators werden würde. Denn ich wusste, dass dies sein größter Wunsch gewesen wäre, zu sehen wie ich heranwachse, eine Familie gründe und ihm als Tochter eines großen Cultivator Clan´s alle Ehre machen würde. Er wäre stolz auf mich gewesen, da war ich mir sicher.
Doch zeitgleich wünschte ich mir auch, die wenige Zeit die mir noch übrig blieb, mit dem Mann zu verbringen den ich wirklich über alles liebte und mit ihm glücklich zu sein. Ich wollte beides, jedoch bemerkte ich beim Aussprechen selbst schon, dass dies ein so unrealistischer Wunsch war, welcher unmöglich zu erfüllen sei.
Doch manchmal passieren die Dinge eben anders als erwartet.
Lan Xichen lächelte mich daraufhin an und erzählte mir, dass auch er unter dem Zwang stünde andere glücklich zu machen. Das auch er als Sect Leader seinen Verpflichtungen gerecht werden müsste, dass man auch von ihm eine vorzeige Ehe und Nachkommen erwarten würden.
Doch zeitgleich hoffte auch er still und heimlich auf sein persönliches Glück. Denn auch ihn plagte das schlechte Gewissen, denn er selbst war auch einer Liebe verfallen die nicht sein durfte!"

Jinan Liang hörte kurz auf zu sprechen.
Eine tiefgründige und andächtige Stille hielt im Raum an.

Lan Xichen schloss seine Augen und holte etwas ruckartig Luft. Seine rechte Hand krallte sich in den hellen Stoff seiner Robe. Er wusste, dass nun der Teil kam, indem alles an´s Licht käme. Es half nun nicht mehr sich zu verstecken. Die ganze Wahrheit würde nun unverblümt an die Oberfläche kommen, mit all ihrem Frevel und unmoralischer Verwerflichkeit.

Bao Tian's Augen weiteten sich und er starrte kurz zu Lan Xichen herüber, als Lan Wangji und Wei Wuxian nun ebenfalls angespannt auf die ausgesprochene Wahrheit warteten.

Jinan Liang räusperte sich kurz, als sie schließlich fortfuhr:
„Es vergingen fünf Tage in denen Lan Xichen und ich damit verbrachten darüber nachzudenken wie wir uns gegenseitig helfen konnten.
Fünf ganze Tage voller quälender Gedanken.
Doch wir hatten beide eine Idee. Doch diese Idee war so unkeusch, unmoralisch, über alle Maße respektlos und mit absolut keinem Anstand und Regel vertretbar. Es fiel uns schon schwer, alleine diese Gedanken zu hegen, ganz zu schweigen davon, sie überhaupt auszusprechen.
Doch wir haben es dennoch getan.
Denn wisst ihr, die Liebe ist das stärkste und schönste Gefühl auf Erden und für sie sind wir bereit alles hinter uns zu lassen und Dinge zu tun, die zunächst für uns unmöglich erscheinen.
Ich bat also Lan Xichen mich zu heiraten.
Damit würde ich den Wunsch meines Vaters und meines Clans gerecht werden und sie mit Stolz erfüllen.
Zeitgleich bat ich ihn aber auch darum Luan Han in Sicherheit zu bringen und mir zu ermöglichen, unter dem Schein einer perfekten Ehe, weiterhin mit meinem Geliebten zusammen sein zu können bis ich sterbe.
Als Gegenleistung...bot ich Lan Xichen an ihm einen Nachfolger zu gebären, ihm als vorzeige Ehefrau zu dienen und somit auch seinen Clan zufriedenzustellen.
Mit Erfüllung dieser Bedingungen wäre der Weg geebnet, sodass auch er weiterhin mit seiner großen Liebe zusammen sein könnte, ohne eine Trennung fürchten zu müssen.
Und wenn ich denn dann eines Tages sterben würde, so hätte die Lüge der Ehe ein Ende, er würde als Witwer mit Kind zurückbleiben, hätte aber somit seiner Pflicht als Sect Leader Folge geleistet!"

Ein fassungslosen Raunen ging durch den Raum. Und alle starrten mit weit aufgerissenen Augen auf Jinan Liang und Lan Xichen.
Eine ganze Weile sprach niemand ein Wort und die volle Geschichte ihres Abkommens raubte zunächst allen den Atem.

Bao Tian war der Erste, der es wagte sich zu rühren und er lies sich plötzlich mit seinem Oberkörper erschöpft nach vorne fallen, als er mit seiner rechten Faust auf den Fußboden schlug.
„Ich kann es nicht fassen.
Warum...Warum nur hast du mir nur von alledem nichts erzählt?
Kam eine bebende Stimme über seine Lippen.

Lan Xichen schluckte schwer. Er hatte seine Augen fest zusammengekniffen und atmete einmal tief ein, als er schuldig sagte:
„Ich hatte es ihr Versprochen,
ihr Geheimnis,
unser Geheimnis, niemandem Preis zu geben.
Ich dachte ich würde es irgendwie alleine schaffen alles zusammenhalten zu können, es irgendwie durchzustehen und unseren Plan bis zum Schluss zu vollenden.
Denn weißt du Tian...ich..."
Lan Xichen's Stimme hatte einen gewissen Unterton, so als wäre er nun im Begriff etwas sehr wichtiges zu sagen.

Bao Tian hob langsam seinen Kopf und Oberkörper wieder an und drehte sich zu Lan Xichen, als er ihn erwartungsvoll anblickte.

Wei Wuxian krallte sich währenddessen in den Ärmel von Lan Wangji's Robe, seine Augen gespannt auf Lan Xichen und Bao Tian gerichtet, wissend, dass jetzt etwas unvergessenes passieren würde.

Lan Xichen robbte auf seinen Knien zu Bao Tian herüber. Seine Augen füllten sich mit Tränen, als er langsam seine zittrigen Hände ausstreckte und die flachen Handinnenflächen auf Bao Tian´s Wangen legte. Sie blickten sich tief in die Augen.
Seine Stimme war dünn und wie seine Finger leicht am beben:
„Ich liebe dich Tian!
Mehr als alles andere auf dieser Welt!
Ich würde alles für dich tun und alles ertragen nur um mit dir zusammen sein zu können! Kein Weg ist mir zu steil und keine Hürde zu hoch, um dich an meiner Seite halten zu können!"

Bao Tian's Augen weiteten sich ins Unermessliche, als plötzlich eine dicke Träne über Lan Xichen's Wange kullerte. Lan Xichen lehnte sich schließlich ganz langsam mit seinem Oberkörper nach vorne um dann, vor den erstaunten Augen aller, Bao Tian zu küssen.
Ihre zarten Lippen berührten sich und während Lan Xichen seine Augen geschlossen hatte, waren Bao Tian's noch immer vor emotionalem Schock weit geöffnet. Er konnte es kaum glauben und sein Körper erstarrte in seiner Bewegung.

Jinan Liang blickte mit leicht geröteten Wangen verlegen zur Seite und bedeckte mit ihrer zierlichen Hand etwas ihr Sichtfeld, als ein peinlich berührtes Lächeln über ihre Lippen huschte.

Lan Wangji blickte ebenfalls etwas diskret zur Seite, ganz im Gegenteil zu Wei Wuxian, welcher mit weit aufgerissenen Augen und hochgezogenen Augenbrauen die beiden anstarrte. Ein leises, verblüfftes Pfeifen kam über seine Lippen, als er von Lan Xichen's kühnem Verhalten vollkommen beeindruckt war.

Schließlich lies Lan Xichen von Bao Tian wieder ab und noch vollkommen überrumpelt versuchte dieser noch immer seine verwirrten Gedanken zu sortieren. Jetzt, wo er endlich die Wahrheit erfahren hatte und verstand, dass Lan Xichen dies alles nur aus Liebe zu ihm getan hatte, lies er die vergangenen Wochen noch einmal in einem anderen Licht Revue passieren.
Er schämte sich plötzlich für die vielen forschen Worte die er gesagt hatte, für die vielen Ungerechtigkeiten dir er von sich gegeben hatte und für die ein oder anderen aufbrausenden Taten, welche nun alle null und nichtig waren.
Bao Tian drehte sich plötzlich ruckartig zu Jinan Liang, streckte seine Arme weit nach vorne aus und begann sich plötzlich vor ihr tief auf dem Fußboden zu verneigen.
„Verzeiht mir!" Sagte er mit schuldiger Stimme, sein Gesicht fast komplett nach unten auf den kalten Fußboden drückend.
„Mein Verhalten war unakzeptabel und ich schäme mich nun für das was ich gesagt und getan habe!
Könnt ihr mir jemals verzeihen?
Meine Zunge war schneller als mein Verstand. Es war der Zorn und die Eifersucht die aus mir sprachen!"

Lan Xichen blickte erschrocken zu Bao Tian herüber, in seinem Kopf sich das schlimmst möglichste Szenario gerade ausmalend.

Doch Jinan Liang blickte ebenfalls überrascht zu Bao Tian, welcher nun direkt vor ihr mit dem Gesicht fast auf dem Fußboden kauerte.
Schnell wedelte sie mit ihrer Hand in der Luft umher, um zu symbolisieren, dass er sofort wieder in die Aufrichtung kommen sollte.
„Aber, aber..." Sagte sie hastig.
„Ihr braucht euch für nichts zu entschuldigen. Ihr wusstet schließlich nichts von unseren wahren Absichten. Ich hätte sicher das Selbe getan und mit allen Mitteln um meine Liebe gekämpft und versucht diese zu beschützen."

„Dennoch!" Sagte Bao Tian mit dem Gesicht noch immer nach unten.
„Schäme ich mich nun für meine Worte!
Und..."
Er kam langsam wieder in die Aufrichtung und blickte dann erneut zu Lan Xichen herüber.
„Und ebenfalls schäme ich mich, dass ich nicht das Durchhaltevermögen hatte dir zu vertrauen! Ich hätte schweigen sollen und geduldig warten, so wie du mich drum gebeten hattest!"

Doch Lan Xichen schüttelte nur seinen Kopf, als er ein zartes Lächeln auf die Lippen legte und dann seine rechte Hand nach Bao Tian ausstreckte. Er berührte den kleinen geflochtenen Zopf auf Bao Tian's Schulter und lies ihn einmal durch seine Finger gleiten.
Seine Stimme war sanft und wohlgesonnen.
„Tian, ich denke wir alle sind in der Schuld. Auch ich muss mich bei dir entschuldigen. Ich habe viel von dir abverlangt und durch meine undurchsichtigen Taten deine Verzweiflung nur noch weiter geschürt. Ich hätte es dir sagen sollen, dies ist mir jetzt bewusst geworden. Alleine war ich dieser Sache nicht gewachsen, ich hätte euch alle eher mit einbeziehen sollen.
Aber Lasst uns nun über die vergangenen Wochen hinwegsehen und jetzt, wo wir alle eingeweiht sind noch einmal neu beginnen."

Bao Tian und Jinan Liang nickten akzeptierend, als sie plötzlich ein lautes aufseufzen aus der Raumecke vernahmen.
Wei Wuxian stieß sich von der Wand ab und raufte sich einmal durch das dunkle Haar.
„Du meine Güte!" Sagte er noch immer etwas überwältigt.
„Was für eine Geschichte!
Ich muss zwar zugeben, dass es mir die ganze Zeit schon in den Fingern juckte und ich von Anfang an mir sicher war, dass hier etwas nicht stimmt!
Aber mit so einer Wahrheit habe selbst ich nicht gerechnet!"

Alle drehte sich um und blickten aufmerksam zu Wei Wuxian, welcher nervös ein paar Schritte durch den Raum ging. Es war offensichtlich, dass er seiner Anspannung durch Bewegung etwas Luft machen musste.
Er rieb sich mit seinem Zeigefinger mehrmals über seine Nasenspitze, als er schließlich anerkennend sagte:
„Euer Schicksal, euer Mut und eure Entschlossenheit berühren und beeindrucken einen zutiefst Jinan Liang und nun, wo wir alle eure Geschichte kennen, seid ihr zu mindestens in meinen Augen um einiges gewachsen.
Ihr verdient meinen vollen Respekt und Hochachtung und das in eurem noch so zarten Alter. Auch Zewu-Jun hat mich hier heute sprachlos gemacht und ich denke ich kann auch für Lan Zhan sprechen, wenn ich sage, dass wir noch einmal eine ganz neue Seite von unserem Sect Leader und Bruder hier erfahren haben.
Die Ehrlichkeit mit der hier heute aufgeräumt wurde, von allen Seiten, ist bemerkenswert und gewiss keine Selbstverständlichkeit.
Aber..."
Wei Wuxian´s Augen formten sich plötzlich zu zwei kleinen, nachdenklichen Schlitzen, während er mit seinem Zeigefinger dreimal auf seine Nasenspitze tippte. Er drehte sich schließlich schwungvoll zu Jinan Liang um:
„Eine winzig kleine Frage hätte ich da doch!
Wer ist die Frau, von der ihr gesprochen habt? Welche euch erzählte, dass ihr in der Cloud Recesses Hilfe erfahren würdet und euch unterstützte ein Treffen mit Zewu-Jun einzufädeln?"

Alle Anwesenden blickten neugierig zu Jinan Liang herüber, doch in diesem Moment ging auch schon plötzlich die große Tür des Pavillons ein weiteres Mal schwungvoll auf.
Ein kräftiger Windzug blies in den Raum hinein und eine klare Frauenstimme kündigte sich an.
„Ich war das!"

Alle zuckten überrascht zusammen und blickten erstaunt zur großen Tür, als eine elegante, ältere Dame plötzlich den Raum betrat.
Ihre edle, farbenfrohe Robe wehte im Windzug einmal auf und ihre weibliche und prunkvolle Erscheinung versetzte alle Anwesenden in Staunen.

„Madame Mao!"
Ertönte es wie aus einem Chor und alle blickten erstaunt in ihr vertrautes Gesicht.

Und da stand sie nun,
die Puppenspielerin,
welche selbstbewusst und entschlossen die Fäden in ihren Händen hielt und schenkte allen ein freundliches Lächeln.
Hinter ihr standen Gao Lee und Zhao Ran, welche einen noch eher etwas zögerlichen Blick in die Runde warfen. Schließlich wusste zumindestens nun Bao Tian, wie Madame Mao sie gefunden hatte.

Doch Madame Mao strich sich mit einer eleganten Handbewegung ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, als sie salopp in die Runde sagte:
„Warum die vielen verwunderten Blicke? Habt ihr etwa jemand anderes erwartet?"
Mit dieser Aussage wank sie Gao Lee und Zhao Ran herein und forderte sie auf die Tür hinter sich zu schließen.
Doch Gao Lee blickte zunächst etwas verängstigt zu Bao Tian herüber. Ihren misstrauischen Blick wahrnehmend, schaute Madame Mao nun ebenfalls in die Richtung ihres Blickes, als sie eine Augenbraue anhob, Bao Tian von unten nach oben musterte und dann mit abwertendem, aber ironischen Ton sagt:
„Keine Sorge Liebes,
Hunde die bellen, beißen nicht.
Und dieses Exemplar hier, kläfft manchmal besonders laut."

Unter Bao Tian's verwundertem Gesichtsausdruck trat nun auch Gao Lee mit in den Raum hinein und die große Tür wurde wieder hinter ihnen geschlossen.

Wei Wuxian war der Erste, welcher sich von der Überraschung wieder gefangen hatte und dann belustigt zu kichern begann.
Er schüttelte den Kopf hin und her, als er amüsiert durch seine Nase schnaubte:
„Madame Mao, Madame Mao, wir hätten es wissen müssen. Ihr seid immer wieder für eine Überraschung gut!"

Nun schaltete sich auch Bao Tian ein, welcher gerade dabei war wieder aufzustehen und Lan Xichen ebenfalls nach oben half.
Mit einem ironischen Unterton sagte er:
„Ihr seid der Teufel in Person. Überall habt ihr eure Finger mit im Spiel. Ich hätte es damals schon wissen sollen, dass man sich lieber nicht auf euch einlässt!"

„Ach, Papperlapapp, Tian!" Sagte Madame Mao, während sie mit ihrer Hand in der Luft abwank.
„Ich lenke lediglich ab und an das Spiel zu Gunsten seiner Spielfiguren. Erzähl mir jetzt nicht, dass in all den Jahren in denen wir uns kennen, jemals jemand dadurch ernsthaft zu Schaden gekommen sei? Und was heißt hier überhaupt Teufel, spricht man etwa so mit einer älteren Dame? Das einzige was an dir in den letzten Jahren noch größer geworden ist, ist dein freches Mundwerk. Ich glaube Lan Xichen ist zu nachsichtig mit dir!"
Madame Mao steuerte auf Jinan Liang zu und schenkte ihr ein mütterliches Lächeln, als sie auch ihr wieder behutsam hoch half.

Bao Tian verdrehte neckisch seine Augen, als er sich entschied lieber aufzugeben. Er hätte gegen diese Frau sowieso keine Chance gehabt und so hüllte er sich nun lieber wieder in Schweigen.

Madame Mao dagegen warf ihm einen scharfen Blick zu, als sie ermahnend sagte:
„Das habe ich gesehen, Tian. So alt sind meine Augen noch nicht!"
Dann ging sie einmal reihum und begrüßte jeden einmal liebevoll und auf ganz individuelle und persönliche Weise. Besonders Lan Wangji tätschelte sie wieder mit besonderer Hingabe, denn seit jeher hatte er ein Stein bei ihr im Brett.
„So!" Sagte sie plötzlich laut, klatschte sich in die Hände und blickte in die vielen erwartungsvollen Gesichter.
„Da es, wie es scheint, nun endlich alle in das Geheimnis eingeweiht sind wird es nun Zeit zu Taten zu schreiten. Die Uhr tickt meine Lieben! Die Vermählung hat längst stattgefunden, nun folgt der nächste Schritt!"

Noch etwas emotional aufgewühlt schauten alle Madame Mao etwas überrumpelt an, als diese Jinan Liang´s Hand liebevoll nahm und dann sagte:
„Wir haben eine Mission zu erfüllen. Lan Xichen hat Luan Han´s Sicherheit versprochen. Also, wie ist der Plan für unser weiteres Vorgehen?"

Plötzlich blickten alle erwartungsvoll zu Lan Xichen herüber, als dieser sich einmal räusperte und dann versuchte schnell seine Gedanken wieder zu sortieren.
„Es gibt einen Pavillon in der Cloud Recesses, etwas Abseits und abgeschottet von den anderen.
Wangji's und meine Mutter hat früher dort gelebt. Er steht seitdem leer. Ich dachte wir könnten Luan Han zu uns in die Cloud Recesses holen und wenn er es und Jinan Liang so wünschen, könnten sie sich dort gemeinsam niederlassen."

„Hmm.." Brummte plötzlich unerwartet Lan Wangji's Stimme.
„Wir könnten tatsächlich Luan Han als Gast dauerhaft in der Cloud Recesses aufnehmen. Allerdings müsste er auch hier weiterhin unter dem Namen Luan bekannt bleiben, denn auch hier in der Cloud Recesses ist der Name Wen nicht gerne gesehen.
Niemand geht in die Nähe des Pavillon´s unserer verstorbenen Mutter. Dieser Bereich ist den anderen Clan Mitgliedern verwehrt. Man könnte es schaffen, wenn man gewissenhaft ein Paar Regeln befolgt, sie beide dort, ohne Verdacht zu schöpfen, unterzubekommen.
Zudem..."
Sagte er mit etwas gesenkter und diskreter Stimme, während er einen kurzen Blick zu seinem Bruder und Jinan Liang herüberwarf.
„...wäre es nicht sonderlich ungewöhnlich wenn ein verheiratetes Paar nicht die selben Räumlichkeiten bezieht."

„Sehr gut!" Sagte Madame Mao laut, während sie mit ihrem Zeigefinger einmal auf Lan Wangji zeigte und ihn lobte wie einen Schüler, der gerade die richtige Antwort gegeben hatte.

„Aber wo befindet sich Luan Han zur Zeit? Weiß er etwas von diesem Plan?"
Warf Bao Tian plötzlich gerechtfertigt ein.

Ein zartes Räuspern war von Jinan Liang zu vernehmen, als sie in dieser Sache das Wort ergriff.
„Er lebt untergetaucht in einer kleinen Stadt nahe von Yunmeng. Selbst ich weiß nicht genau wo, denn wir haben uns nie bei ihm getroffen. Er weiß, in einem gewissen Rahmen, was ich vor hatte. Denn ohne seine Einwilligung hätte ich sonst diese Schritte nicht eingeleitet. Aber wenn dies wirklich möglich wäre und man uns diese Chance gewährt, dann würde ich unverzüglich einen Brief schreiben, wo für ihn alles drinnen erklärt steht. Ein paar Zeilen von mir sollten ausreichen um ihn zu überzeugen."
Jinan Liang wandte sich mit großen, bittenden Augen an Lan Xichen, als dieser ihr bestätigend zunickte.
„So soll es sein!" Sagte er mit einem zarten Lächeln auf den Lippen. Seine Stimme war wohlwollend und von einem entschlossenem Klang begleitet, als er nach Jinan Liang's Händen griff und diese einmal sanft drückte.

Jinan Liang's Hände begannen förmlich zu zittern. Die Vorstellung, dass jetzt alles ins Laufen geriet und Luan Han tatsächlich zu ihr in die Cloud Recesses ziehen dürfte, erfüllte ihr Herz mit Vorfreude und Ekstase.

„Nun gut!" Sagte plötzlich Wei Wuxian, welcher erneut ein paar andächtige Schritte durch den Raum ging.
„So langsam nimmt dies alles hier Gestalt an. Aber wer wird losziehen und ihn herbringen?"

Ein Moment der Stille trat ein und alle blickten sich einmal suchend im Raum um.

„Du!"
Ertönte plötzlich eine klare Frauenstimme.

Alle drehten sich verwundert zu Madame Mao, welche provokant mit ihrem Zeigefinger auf Wei Wuxian zeigte.

„Ich?" Fragte Wei Wuxian einmal irritiert nach.

„Richtig!" Erwiderte daraufhin entschlossen Madame Mao.
„Sie sagte, er lebt in den Grenzgebieten zu Yunmeng. Ich denke in dieser Hinsicht bist du unser Ass im Ärmel. Es sollte dir von uns allen am besten gelingen ihn aufzuspüren, ihm den Brief zu überreichen, deinen Charme walten zu lassen und ihn ohne Zwischenfälle hierher zu bringen. Außerdem machen dir Ausflüge und Abenteuer doch besonders viel Spaß."

„Hmmm..." Summte Wei Wuxian einmal nachdenklich über seine Lippen.
„Yunmeng..." Nuschelte er einmal vor sich her, während er sich einmal nachdenklich über das Kinn strich.

Und in der Tat, unter diesem Aspekt hatte Madame Mao ihr gutes Recht diese Aufgabe Wei Wuxian zuzuweisen.
Dennoch hatte Wei Wuxian noch einen Einwand, zu seiner neu auferlegten Aufgabe.
„Gehe ich alleine?" Fragte er nicht ganz uneigennützig nach, aus Angst der aufregende Ausflug könnte in einem einsamen und langweiligen Unterfangen enden.

„Natürlich nicht." Sprach Madame Mao, während sie mit ihrer Hand eine belustigte Geste in der Luft machte.
„Wenn du gehst, geht Wangji selbstverständlich auch mit, als wäre es möglich euch beide zu trennen.
Und wenn ihr beiden schon geht, dann muss auf jeden Fall noch jemand mitgehen, nur um sicher zu gehen, dass ihr auf halbem Weg nicht vergesst warum ihr überhaupt losgezogen seid und noch die Zeit mit anderen Dingen vertrödelt.
Daher...
Tian, du gehst auch noch mit!"

Wei Wuxian, Lan Wangji und Bao Tian blickten sich alle drei verwundert an. Doch noch bevor einer der drei auch nur einen weiteren Einwand geben konnte, räusperte sich plötzlich Jinan Liang und hob vorsichtig ihre Hand.
„Was ist mit mir...ich könnte au..."

Doch sie kam nicht mehr dazu ihren Satz ganz auszusprechen, als Madame Mao schon anfing herzhaft zu lachen und sich ihre Hand diskret vor den Mund hielt. Sie unterbrach Jinan Liang mitten im Satz, als sie belustigt sagte:
„Ach du meine Güte, Liebes, nein. Du bleibst schön hier. Glaub mir, mit den drei Herren möchtest du nicht gemeinsam losziehen, das Trauma könnte schreckliche Folgen für deine weitere Entwicklung mit sich ziehen."

Noch etwas sprachlos und empört blickten sich alle im Raum an, als jeder für sich versuchte die Bedeutung ihrer Worte aufzuschlüsseln.
Wobei es insgeheim Wei Wuxian, Lan Wangji und Bao Tian am leichtesten fallen sollte, den Wink mit dem Zaunpfahl zu verstehen.
Daher wurde lieber schnell über die Sache hinweggegangen, als plötzlich Lan Wangji einen Schritt nach vorne machte. Seine Stimme war wie immer ruhig und angenehm aber sie war dennoch von einer gewissen Ernsthaftigkeit begleitet.
„Ein sehr wichtiger Aspekt wurde noch nicht genannt.
Was ist mit unserem Onkel?
Wir können dies unmöglich vor Lan Qiren geheim halten."

Plötzlich trat betretenes Schweigen ein und für einen kurzen Moment wurde die Euphorie um das Gelingen des Plans geschmälert.
Lan Wangji´s Einwand war durchaus gerechtfertigt und stellte die Gruppe vor eine schwierige Aufgabe, welche unbedingt mit bedacht werden musste.

Doch es war Lan Xichen, der sich räusperte und nun das Wort ergriff. Er ging einen Schritt nach vorne, legte seinen rechten Arm nach hinten in seine Lenden, als er andächtig sprach:
„Darum werde ich mich kümmern. Wir können es nicht vor ihm geheim halten, dies ist unmöglich und auch nicht das, was ich mir wünsche.
Es wird eine meiner härtesten Prüfungen werden, aber ich werde ihm von allem erzählen müssen, versuchen ihn von meinen Absichten zu überzeugen und wenn möglich, mir sein Einverständnis einzuholen."

Alle atmeten einmal tief ein, denn sie wussten, dass dies von allen Hürden die sie noch nehmen mussten, definitiv die Schwierigste sein würde.

Bao Tian griff nach Lan Xichen's Arm, hielt in behutsam fest, als er besorgt sagte:
„Er wird toben vor Zorn. Lass mich mit dir gehen."

Doch Lan Xichen schüttelte seinen Kopf verneinend hin und her.
„Nein, dies ist meine Prüfung, welcher ich mich nun stellen muss, wenn ich für das einstehen will was ich begehre. Ich werde alleine gehen."

Doch plötzlich machte Lan Wangji einen Schritt auf seinen Bruder zu, schwang seine langen Ärmel nach hinten und streckte dann seine Arme weit nach vorne aus. Er verneigte sich tief, als er frei heraus sagte:
„Ich werde mit dir gehen!
Bis jetzt war ich stet's nur stiller Beobachter. Aber nun ist es Zeit, dass ich zurückgebe, was ich in den all den Jahren an Zuspruch, Unterstützung und Güte erhalten haben. Dies ist das Mindeste, was ich für dich, als dein Bruder, tun kann!
Lass mich mit dir gehen!"

Es war ein Anblick von bewegender Brüderlichkeit und familiärer Nächstenliebe, der sich den Anwesenden bot und nun, wo alles gesagt war und jeder wusste, was er zu tun hatte, begann das Rad sich langsam zu drehen.

Lan Xichen trug ein gerührtes Lächeln auf den Lippen, als er Lan Wangji anblickte. Behutsam berührte er seine Arme und löste seine Verbeugung wieder auf.
„Nun gut!" Sagte er einwilligend.
„Dann lass uns gemeinsam gehen, mein Bruder und zwar jetzt sofort!"

„Hm!" Nickte Lan Wangji bestätigend und somit zogen die zwei Jade-Brüder gemeinsam los um vor ihrem Onkel für das einzustehen, was sie beide am meisten in diesem Leben begehrten.
Nämlich das Glück zu erfahren, mit der Liebe ihres Lebens zusammen sein zu dürfen.