Chapter 20.15
Lan Xichen's Kehle schnürte sich zu. Er spürte einen dicken Kloß, welcher sich in seinem Hals bildete und allmählich zu einem gigantischen Fremdkörper anschwoll. Seine Hände wurden heiß und schwitzig und er spürte seinen aufbrausenden Herzschlag, welcher langsam in seiner Brust anstieg.
Ihm wurde übel.
Er wusste ganz genau, welche Höllenqualen auch nur ein einziger Schlag dieser Peitsche auslösen wurde und sein Herz erfüllte sich mit blanker Furcht, als ihm bewusst wurde, welches Schicksal er auf sich selbst heraufbeschworen hatte.
Langsam lies er seinen Kopf zu Boden sinken, die Atmung unruhig, seine Gedanken in Aufruhe, als er langsam seine Arme weit nach vorne ausstreckte und sich dann tief verneigte, der Bestrafung seines Onkels somit zustimmend.
Lan Wangji stand am Rand, seine Augen waren weit aufgerissen, als er fassungslos zu seinem Bruder hinüber starrte.
Sein Herz setzte für einen Moment aus und sein Körper zuckte unter dem enormen Schock zusammen.
Denn er war es schließlich, der als Einziger von allen Anwesenden am eigenen Leib die Wucht der Disziplinpeitsche des Gusu Lan Clan's erfahren hatte.
Er wusste, welcher brennender Schmerz von jedem Hieb ausging, wie der Schlag einem förmlich die Haut von den Knochen pellte und das die Narben niemals verheilen würde.
Das nun ausgerechnet sein älterer Bruder, der von jeher durch seine Tadellosigkeit glänzte und damit auch noch der Sect Leader des Gusu Lan Clan's war, durch die Hand ihres eigenen Onkels damit bestraft werden sollte, wirkte irreal.
Es herrschte betretenes Entsetzen.
Bao Tian stand wie versteinert auf seinem Fleck, rührte sich kein Stück, seine Augen fest auf Lan Xichen gerichtet.
Er schüttelte langsam seinen Kopf hin und her, als er noch immer nicht fassen konnte was er gehört hatte. Seine Hände begannne zu zittern, als sich seine Gedanken überschlugen und Angst und Entsetzen sein Herz erfüllten.
-Wie konnte es nur wahr sein was Lan Qiren da nur sprach?-
Lan Xichen sollte vor den Augen aller bestraft werden und dann auch noch zehn Schläge durch die Disziplinpeitsche des Gusu Lan Clan's erhalten.
Dem enormen Schmerz und der Pein ausgesetzt und das alles nur, weil er seine Liebe zu Bao Tian gestanden hatte und diese nun für sich beanspruchte.
Bao Tian übermannten die Gefühle, als er plötzlich ungebremst nach vorne losstolperte und zu Lan Qiren lief.
Seine Stimme war laut und aufgebracht, als er rief:
„Halt! Wartet!"
Alle zuckten durch den plötzlichen Klang seiner Stimme erschrocken zusammen, als Bao Tian sich direkt neben Lan Xichen auf den kalten Fußboden fallen lies.
Es schepperte laut, als seine Knie auf den harten Boden aufschlugen.
Er streckte seine Arme weit nach vorne aus und verneigte sich so tief, bis seine Stirn den Fußboden berührte.
Lan Xichen und Lan Qiren blickten ihn erschrocken und mit weit aufgerissenen Augen an, als dieser laut fortfuhr:
„Lan Qiren, wartet, haltet ein!
Es ist alles meine Schuld,
mein Fehler,
meine Sünde!
Ich bin der Beweggrund warum Huan sich zu alledem hat hinreißen lassen!
Ich bitte euch, verschont ihn!
Er ist euer Neffe und der Sect Leader eures Clan's!"
Lan Xichen's Pupillen waren weit geöffnet und wie vor Schock erstarrt blickte er auf den Mann neben sich, welcher sich so tief und auf allen Vieren kauernd vor seinem Onkel verneigte und um Gnade bettelte.
Lan Qiren zog die Luft angestrengt durch seine Nase, als er Bao Tian einen zornigen und beschuldigenden Blick zuwarf.
Dieser Blick war abwertend nach unten gerichtet, seine Oberlippe zuckte dabei leicht auf.
In seiner rechten Hand, in der sich noch immer die Peitsche befand, spannte sich angestrengt an und das Blut pochte durch seinen Körper, während sich auf seinem Handrücken ein paar Adern abzeichneten.
Bao Tian drückte seine Stirn noch weiter nach unten auf den kalten Fußboden und flehte ihn weiter mit bittender Stimme an:
Ich bitte euch, Lan Qiren,
bitte, lasst mich seine Bestrafung tragen!
Nehmt mich, für ihn!"
Ein Raunen ging durch den Pavillon und alle blickten erschrocken auf Bao Tian, welcher so ungewöhnlich reumütig auf dem Boden kauerte.
Madame Mao schloss ihre Augen und schüttelte sachte ihren Kopf hin und her.
Lan Xichen konnte es ebenfalls nicht fassen und ohne nachzudenken kam es auch schon aus seinem Mund:
„Nein!" Sagte er fassungslos, während er Bao Tian verzweifelt neben sich anblickte.
„Das kannst du nicht tun! Was sagst du nur da?"
Seine Stimme war aufgebracht und überschlug sich förmlich.
Doch Lan Qiren zischte dazwischen:
„Ruhe!" Sagte er laut und befehlend und warf Lan Xichen einen ermahnenden Blick zu.
Doch Lan Xichen schüttelte nur seinen Kopf verneinend hin und her, die Aufforderung seines Onkels missachtend.
„Nein..." Wiederholte er in einer gequälten Tonlage, während er mit traurigem Blick seinen Onkel anflehte.
„Onkel, bitte, das könnt ihr nicht tun!"
Doch Lan Qiren's Stimme polterte erneut laut los:
„Schweig, jetzt!"
Lan Xichen zuckte zusammen, während die lauten Worte durch den Raum hallten und auch alle anderen wichen lieber, vor Lan Qirens befehlender und forscher Stimme, einen Schritt zurück.
„Habe ich dich dazu erzogen zu widersprechen?"
Lan Qiren machte einen Schritt auf Lan Xichen zu und blickte dominant nach unten vor seine Füße.
Lan Xichen zog seine Schultern zusammen und senkte andächtig wieder seinen Kopf, als er es nicht wagte auch nur noch mit einem einzigen Wort zu widersprechen.
Lan Qiren atmete erneut einmal tief ein und während er noch einen Moment vor Lan Xichen verharrte und ihn prüfend anblickte, schweifte sein Blick plötzlich zu Bao Tian herüber.
Er ging zwei Schritte weiter und blieb direkt vor Bao Tian stehen. Seine Stimme war tief und seine Worte langsam und deutlich gesprochen:
„Wie kommst du nur auf die Idee, du könntest Xichen's Platz einnehmen?
Glaubst du etwa, er würde auch nur für einen Funken für seine Sünden selber büßen, wenn du für ihn die Bürde trägst?"
Betretenes Schweigen verharrte im Pavillon und ein Moment der Stille verging, ehe Lan Qiren fort fuhr:
„Sieh mich an, Bao Tian!"
Bao Tian's Augen weiteten sich und er hob langsam seinen Kopf an und kam wieder in die Aufrichtung. Er kniete weiter vor Lan Qiren auf dem Fußboden, aber blickte ihn nun furchtlos mit seinen großen, braunen Augen an.
Lan Qiren schüttelte entteuscht seinen Kopf.
„Trotz deines aufbrausenden und temperamentvollen Geistes, genießt du großes Ansehen in unserem Clan! Gegen meinen Willen hatte Xichen dich damals in unseren Clan geschleppt und dich zu seinem engsten Vertrauten auserkoren.
All meine Versuche es ihm auszureden waren gescheitert und es blieb mir letzten Endes nichts anderes übrig als dieses zu akzeptieren.
Du warst für uns fremd, an Gestalt und Wesen und wer konnte schon ahnen, was deine wahren Absichten waren?
Aber letzten Endes, hast du uns unzählige Male bewiesen, dass du ein vertrauenswürdiger und talentierter Cultivator bist und du hast seit jeher loyal an der Seite unsrer Clan's gekämpft.
Daher bist du für mich ein vollwertiges Mitglied diesen Clan's und ich habe dir stet's vertraut und es bis heute nicht bereut. Ich wusste immer, dass solange du an Xichen´s Seite bist, ich mir keine Sorgen über sein Wohlergehen machen brauchte.
Das aber jetzt ausgerechnet du, der Grund dafür sein solltest, dass Xichen vom rechten Weg abgekommen ist, ist wohl Fügung des Schicksals und entzieht sich meiner Macht!"
Lan Qiren blickte Bao Tian tief in die Augen und dieser erwiderte seinen Blick kühn und unerschrocken.
„Ich weiß..." Fuhr Lan Qiren fort.
„Du würdest alles für Xichen tun und ich weiß, du würdest ihn vor jeder Gefahr beschützen.
Aber dieses eine Mal, kannst du die Last nicht für ihn tragen!"
Bao Tian blickte nach oben, seinen tollkühnen Blick in Lan Qiren's verbittertes Gesicht geheftet, als er entschlossen sagte:
„Wenn ich sie nicht für ihn tragen kann, dann lasst sie mich wenigstens mit ihm tragen!
10 Schläge auch für mich, denn mich trifft genauso die Schuld!"
Bao Tian verneigte sich erneut vor Lan Qiren, als Lan Xichen neben ihm fassungslos zu ihm herüber blickte.
„Nein...!" Jammerte er über seine Lippen, als er seine Hand nach Bao Tian ausstreckte.
„Du musst das nicht tun! Wieso wirfst du dich freiweillig mit ins Feuer? Tian?"
Doch über Bao Tian's Lippen huschte nur ein zartes Lächeln, als er langsam wieder in die Aufrichtung kam und zu Lan Xichen ansah.
Seine großen braunen Augen waren leicht glasig und sein Blick sagte mehr als tausend Worte.
Er streckte seine Hände aus und berührte Lan Xichen´s zittrige, nach ihm ausgestreckte Hand. Er umfasste sie liebevoll, streichelte sie und führte sie dann hoch zu seinen Lippen und platzierte dann einen zarten Kuss auf dessen sanften Handrücken, als er leise hauchte:
„Dein Schmerz, ist mein Schmerz!
Bis in die weitesten tiefen der Hölle würde ich für dich gehen, Huan!
Und wenn ich dieses eine Mal nicht für dich einstehen kann, dann lass mich wenigstens deine Last mit dir teilen!"
Lan Xichen's Lippen begannen zu beben und seine Augen wurden glasig, als er auf seine zittrige Hand blickte, welche liebevoll von Bao Tian festgehalten wurde.
Lan Qiren räusperte sich, als er laut verkündete:
„So soll es denn sein! Als vollwertiges Mitglied unseres Clan's, steht es mir zu, dich nach unseren Gesetzen und Regeln zu bestrafen.
10 Schläge ebenfalls für dich, Bao Tian, mit der Disziplinpeitsche des Gusu Lan Clan's!"
Wei Wuxian's und Lan Wangji's Augen weiteten sich und für eine Sekunde blickten sie sich erschrocken an, so als würden sie darauf warten, dass endlich jemand etwas unternahm, als plötzlich ausgerechnet Jinan Liang nach vorne stolperte.
„Wartet!" Rief sie laut aus.
Madame Mao zuckte zusammen und streckte ihren Arm noch nach ihr aus um sie aufzuhalten, doch sie entwischte ihr um haaresbreite.
Sie lief nach vorne und warf sich ebenfalls neben Lan Xichen und Bao Tian mit auf die Knie. Ihre Stimme war aufgebracht und atemlos:
„Dann...dann...müsst ihr mich ebenfalls bestrafen! Mich trifft genauso die Schuld! Es war von Anfang an alles meine Idee gewesen!"
Alle blickten erschrocken zu Jinan Liang herüber, welche sich nun ebenfalls heroisch aufopfern wollte und Lan Qirens's Augen weitete sich verblüfft, als er sagte:
„Verzeiht Jinan Liang, aber ihr seid erst frisch durch eine Vermählung in unserem Hause aufgenommen worden. Es steht mir an dieser Stelle nicht zu eine Bestrafung über euch auszusprechen! Diese Entscheidung obliegt eurem Vater und Sect Leader, des Tai Jinan Clan's. Vorausgesetzt natürlich, er erfährt von dieser Angelegenheit und was sich hier heute zugetragen hat."
Doch in diesem Moment kam auch schon Madame Mao nach vorne und packte Jinan Liang schnell an den Schultern:
„Komm Liebes..." Sagte sie hastig, während sie Jinan Liang wieder vom Fußboden nach oben zog.
„Lasst dies die Männer des Lan Clan's untereinander ausmachen. Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für uns Frauen sich da einzumischen."
Doch Jinan Liang war widersässig und wollte sich nicht so recht von Madame Mao entfernen lassen.
„Aber.." Sagte sie besorgt und mit Unverständnis in ihrer Stimme.
„Wie kann ich mich da raus halten, wenn es doch ealles erst meine Schuld ist? Mich sollte die gleiche Bestrafung ereilen, dies wäre nur gerecht!"
Noch während Madame Mao noch versuchte Jinan Liang davon zu überzeugen sich lieber wieder zu entfernen, blickte plötzlich Lan Xichen zu ihr herüber.
Er schenkte ihr ein sanftes Lächeln und nickte ihr bestätigend zu, als er zu ihr sagte:
„Liang, Madame Mao hat Recht. Dies ist nicht der richtige Zeitpunkt für deine Sünden zu büßen. Dies ist die Angelegenheit des Gusu Lan Clan's. Überlass dies hier uns, es wird schon noch alles gut werden."
Jinan Liang's Augen kniffen sich fürchterlich zusammen und die Schuld und Gewissensbisse zerrissen ihr Herz, als Madame Mao sie zurück zur Tür begleitete.
Ihre Hände ballten sich zu zwei angestrengten Fäusten, als ihre Lippen vor Zorn bebten und sie versuchte diese Ungerechtigkeit zu akzeptieren. Sie fühlte sich plötzlich ausgegrenzt und nicht ernstgenommen und ihre Zähne knirschten lautstark aufeinander. Sie wusste nur zu gut, dass sie in manchen Augen nur eine Frau war und selbst zu diesen glorreichen Zeiten der Cultivation, noch immer damit von Geburt an den Männern auf Ewig in eins nachstehen würde.
Lan Qiren schritt derweil ein paar Schritte vor Lan Xichen und Bao Tia auf und ab, als er befehlend sagte:
„Dreht euch um und macht eure Oberkörper frei.
Die Bestrafung findet gleich hier und jetzt statt!"
Wei Wuxian's linke Augenbraue zuckte plötzlich auf und er verspührte ein aufbrausendes Gefühl in seiner Brust, welches er die ganze Zeit schon versuchte zu unterdrücken. Immer wieder blickte er kritisch zu Lan Wangji herüber und obwohl er wusste, dass er nicht in der Position war hier zu sprechen oder sich gar einzumischen, so gab es doch etwas, was ihm auf dem Herzen lag und danach flehte, sich endlich Luft zu verschaffen.
Lan Xichen und Bao Tian taten derweil wie ihnen befohlen wurde und sie drehten sich beide langsam um und knieten nun mit dem Rücken zu Lan Qiren.
Sie fassten an ihre breiten Gürtel in der Mitte ihrer Taille und begannen diesen langsam zu lösen. Die Stoffe begannen sich an ihren Schultern zu lockern und
Stück für Stück entpellten sich sich aus ihren Ärmeln und klappten die vielen Lagen Stoff ab ihrer Taille nach unten herunter.
Ihre nackten Oberkörper kamen nun zum Vorschein und so im direkten Vergleich nebeneinander, ergaben die beiden ein eher sehr ungleiches Paar.
Lan Xichen's reine Haut war hell wie das Mondlicht und sein Körper wies anmutigende und ästehtische Formen auf. Obwohl seine Haut so zart wie die Blüten einer Blume wirkten, so waren seine Konturen doch männlich und muskulös und ließen erahnen, wie auch der Rest seines Körpers gebaut sein musste.
Er fasste sich behutsam an seinen Nacken und griff in sein langes, dunkles Haar. Er striff es behutsam über seine linke Schulter und legte damit seinen Rücken komplett frei, ehe er danach wieder seine Hände flach auf seine Oberschenkel ablegte und dabei schweigend zu Boden blickte.
Bao Tian dagegen wirkte wie sein dunkler Gegenpart.
Die beiden direkt nebeneinander zu sehen war wie der Anblick der menschlichen Verkörperung von Ying und Yang.
Bao Tian's Schultern und sein Rücken waren um einiges breiter als Lan Xichen's und auch der Rest seines Körpers war wuchtiger und mit mehr Muskelmasse bestückt.
Sein leicht gewelltes, schulterlanges Haar hing ihm etwas zerzaust im Gesicht und sein kleiner geflochtener Zopf lag nach vorne über seine nackte Schulter.
Seine braunen, warmen Augen wurden von seinem leicht dunkleren Hautteint noch unterstrichen und so wirkte er wie der dunkle, mysteriöse Schatten von Lan Xichen's hellem und warmen Licht.
Lan Qiren fasste die Peitsche in seiner Hand noch einmal nach und während er noch mit starrem Blick auf die nackten und schutzlosen Rücken vor sich blickte, schien die Zeit plötzlich für einen Moment still zu stehen.
Niemand sprach ein Wort und die Anspannung im Pavillon war unerträglich. Lan Xichen schloss seine Augen und Bao Tian atmete noch einmal tief ein, ehe er sich fest auf seine Bakcenzähne biss.
Madame Mao und Jinan Liang wendeten deweil ihre Blicke leicht ab, als Lan Qiren plötzlich seinen Arm hoch in die Luft hob. Der Peitschenschlag löste sich von der Erde und wurde hoch in die Luft geschleudert.
Das schnelle Sausen durch die Luft war deutlich zu hören und zischte in den Ohren wieder, als Lan Xichen und Bao Tian sich bereit machten den unerträglichen Schmerz, welcher nun auf sie zukommen würde, zu ertragen.
Lan Wangjis Augen weiten sich und in seinen großen, bernsteinfarbenden Augen spiegelte sich der schmale Peitschenschlag wieder.
Sein Atem setzte für einen Moment aus, als ein heißes Prickeln durch seinen Körper schoss und sein Unterbwusstsein ihn an die höllischen Schmerzen aus vergangenen Tagen erinnerte.
Es war dieser Augenblick, als er plötzlich im Augenwinkel vernahm, wie Wei Wuxian neben ihm nach vorne trat. Lan Wangji versuchte ihn noch zu stoppen, doch es war schon zu spät.
Seine Stimme war laut und klar und zerriss die Anspannung im Pavillon in Zwei.
„Wartet!"
Erschallte es aus der Ecke und Wei Wuxian trat in die Mitte des Pavillon's.
Lan Qiren stockte in seiner Bewegung, seinen Arm noch weit nach oben in die Luft ausgestreckt. Er hatte weit Schwung geholt, doch die Peitsche gehorchte ihm auf's Wort und der Peitschenschlag fiel wieder kraftlos zu Boden.
„Wartet, wartet, Lan Qiren!" Sagte Wei Wuxian, während er seine Hände beschwichtigend nach vorne ausstreckte.
„Habt ihr nicht noch etwas wichtiges vergessen?"
Lan Xichen und Bao Tian blickten verwundert auf und sahen Wei Wuxian, wie er leichtfüßig auf sie zukam und über ihre Köpfe hinweg sich nun Lan Qiren entgegenstellte.
Sein Blick war fast etwas spielerisch, nekisch, während er seine Hände vor seiner Brust verschränkte und leichtfüßig auf und ab ging.
In Lan Qiren's Gesicht legte sich eine tiefe Zornesfalte nieder, als er Wei Wuxian empört anstarrte.
„Und was bitte, solle ich wichtiges vergessen haben? Es sollte schon wichtig genug sein, dass du es wagst dich einzumischen!"
Fragte Lan Qiren fast schon etwas sarkastisch in den Raum, so als hätte er es fast schon geahnt, dass Wei Wuxian noch für Ärger sorgen würde.
Wei Wuxian schritt ein paar Mal auf und ab, während er mit seinem rechten Zeigefinger dreimal seine Nase anstupste und dabei nachdenklich drein schaute.
Er blickte sich einmal im Raum um, sah jeden einmal direkt an und blickte dann wieder zu Lan Qiren herüber.
Seine Stimme war klar und deutlich und er sprach mit einer unglaublichen Ruhe und Selbstsicherheit.
„Wenn ich mich hier so umsehe, so blicke ich in lauter Gesichter, die den Mut hatten vollkommen ehrlich zu sein. Ehrlich zu sich selbst, ehrlich zu ihren Gefühlen und ehrlich zu ihren Wünschen.
Ich sehe hier Männer und Frauen die allen Gefahren getrotzt haben, allem Anstand und Ehre verzagt haben und selbst die Regeln ihres eigenes Clan's missachtet haben um für das zu kämpfen, was sie in diesem Leben am meisten bewegt.
Ich sehe Menschen, die den Mut hatten etwas für sich zu beanspruchen, obwohl sie wussten, welche Konsequenzen es mit sich tragen würde. Aber dennoch, haben sie es getan, denn keiner von ihnen, konnte weiterhin mit einer Lüge leben."
Alle im Raum blickten sich an und jeder für sich ging seinen ganz eigenen Gedanken nach. Es war offensichtlich, wovon Wei Wuxian sprach, denn niemand von ihnen war ohne Schuld. War es nun Lan Wangji mit seiner jahrelangen, einseitigen und moralisch verwerflichen Liebe zu Wei Wuxian, welche letzten Endes sich durch sein Durchhaltevermögen sogar ins Glück gekehrt hatte.
Oder Wei Wuxian selbst, welcher als ehemaliger Yiling Patriarch nun an der Seite von Lan Wangji im Gusu Lan Clan lebte.
Selbst Lan Xichen, welcher nun ebenfalls in eine skandalöse Liebesaffaire zu seinem Untertan verwickelt war.
Sogar die hübsche und junge Jinan Liang, hatte etwas unverzeiliches mit ihrer Scheinehe zu Lan Xichen getan und den Packt, welchen sie gemeinsam geschlossen hatten, war an Dreiszigkeit und Frevel kaum mehr zu übertreffen.
Sie alle fühlten sich angesprochen und blickten gespannt zu Wei Wuxian herüber, als er ein paar Mal mit seinem Fuß auf den Boden tippte.
„Ich sehe aber auch einen Menschen in diesem Raum, der noch immer nicht zur Einsicht hekommen ist, an verstaubten Riten festhält und das Glück des Clan's noch immer über sein eigenes stellt. Jemand, dem es noch immer schwer fällt über seinen eigenen Schatten zu springen und selbst jetzt, wo wir alle soweit gekommen sind und die Moral und Ethik des Gusu Lan Clan's mehrfach in Schutt und Asche gelegt wurde, noch immer engstirnig wie ein kleines Kind auf seine Lehren pocht, ohne auch nur ein einziges Mal den Mut bewiesen zu haben, etwas für sich selbst zu beanspruchen!"
Wei Wuxian stellte sich herausfordernd vor Lan Qiren und streckte seinen rechten Arm provokant nach vorne aus. Er zeigte geradewegs mit seinem Zeigefinger über Lan Xichen's und Bao Tian's Köpfen hinweg, direkt auf Lan Qiren.
„Und das seid ihr, Lan Qiren!"
Lan Qiren's Augen weiteten sich und sein Gesicht verzog sich fürchterlich, als die Wut und Rage in ihm hoch kochte.
„Unverschämt!" Zischte er laut.
Alle blickten sich entgeistert um, doch Wei Wuxian fuhr unbeirrt fort:
„Sehr richtig, Lan Qiren, ihr seid es! Und ihr wisst es ganz genau.
Denn wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.
Aber nun, wo ihr hier nur unter Gleichgesinnten seid, wo wir hier nun alle die Karten offen auf den Tisch gelegt haben, würde es denn soviel mehr abverlangen, nun auch eure Karten offen darzulegen?"
„Schweig, Wei Wuxian!" Polterte Lan Qiren verärgert los.
„Wer hat dir überhaupt erlaubt hier zu sprechen und dich einzumischen? Du bist was du bleibst und überall sähst du Ärger und Verwirrung und hast deine Finger mit im Spiel! Deine Zunge ist schneller als dein Verstand, du sprichst wirres Zeug!"
Wei Wuxian zog eine Augenbraue nach oben und schnallste mit seiner Zunge.
„So kann man das hier aber nicht nennen. Ich gebe vielleicht zu, so manches Mal die Dinge etwas auf den Kopf gestellt zu haben, aber dieses Mal sind meine Absichten absolut rein und wohlgesonnen."
Wei Wuxian hob seinen linken Zeigefinger dezent in die Luft und warf Lan Qiren einen verschmitzten Blick zu.
„Ich möchte nur helfen. Denn habt nicht auch ihr, nach so vielen Jahren ein wenig Glück verdient?"
Lan Qiren's Gesicht wechselte abwechselnd die Farben, zwischen feurigrot und kreideweiß, während er innerlich kurz vorm Ausrasten war, aber zeitgleich auch etwas Sorge vor Wei Wuxian´s weiteren Worten hatte.
Seine Oberlippe und seine linke Augenbraue zuckten nervös auf, als er plötzlich kopflos sagte:
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst!"
Doch Wei Wuxian lachte plötzlich belustigt auf, als er Lan Qiren ein freundliches Lächeln schenkte.
„Oh, dann ist es einfach. Da kann ich euch sicher etwas nachhelfen."
Er machte einen elganten und leichtfüßigen Schritt zur Seite und wendete sich dann dezent mit seinem Körper in die Richtung, in der Madame Mao und Jinan Liang standen.
Seine Stimme war freundlich gesonnen, wenn auch vielleicht mit einem leichten Hang zum Sarkasmus unterlegt.
„Die meisten Geheimnisse bleiben nämlich meistens...nicht sehr lange geheim!
Ich denke, fast jeder hier im Raum weiß es schon, aber wird aus Anstand darüber geschwiegen und niemand würde es je wagen es auszusprechen. Daher lasst mich nun diesen Part übernehmen!"
Wei Wuxian räusperte sich.
„Ihr wollt zwei Männer vor euch bestrafen die eigentlich nur eines wollten: Glücklich sein und die, die sie lieben, ebenfalls glücklich zu sehen!
Eigentlich eine ehrenvolle Aufgabe und wie könnte man es ihnen verdenken, schließlich treibt sie die Liebe voran, dass Gefühl welches unser aller Herzen höher schlagen lässt.
Denn wer will schon die Qualen erleiden, niemals in seinen Händen seine große Liebe halten zu dürfen und sich von diesem, alles beflügelnden Gefühl, niemals davon tragen zu lassen?
Jahrelang nur dort zu sitzen, auf Ewig unglücklich zu sein und einer Liebe hinterher zu trauern, welche man sein eigen hätte nennen können, wenn man nur den Mut gehabt hätte, einmal seine Hand danach auszustrecken.
Manchmal ist es zum Greifen nahe, man müsste sich nur trauen den Mund aufzumachen und die Worte zu sagen, welche einem schon so lange in der Kehle stecken und einem in jeder einsamen Nacht den Atem rauben."
Wei Wuxian pausierte für einen Moment. Im Augenwinkel sah er, dass seine Worte einen ganz bestimmten wunden Punkt bei Lan Qiren getroffen hatten und er sah, wie sich dessen Gesicht immer mehr anspannte.
Lan Qiren's Hand, in welcher sich noch immer die Disziplinpeitsche des Gusu Lan Clan's befand, begann leicht zu zittern.
Ein kaum erkennbares Schmunzeln huschte über Wei Wuxian's Lippen, als er selbstsicher fortfuhr:
„Was für eine tragische Geschichte. Die jahrelange, einseitige Liebe zu ertragen, Tag für Tag von einem Leben zu träumen, welches sich niemals erfüllen würde und dabei mit verbissener Loyalität immer nur auf die Philosophie des eigenen Clan's zu schauen.
Aber wen kümmert es schon, wer wir sind? Woher wir gekommen sind, was unsere Taten im Leben waren und was einst unser Leben bestimmt hatte?
Denn ist es nicht wichtig, wer wir jetzt sind und was wir jetzt fühlen? Ist es nicht wichtig, im Hier und Jetzt zu leben?
Denn nicht was wir sind, ist's was uns ehrt. Wie wir sind, bestimmt den Wert! So heißt es doch oder?"
Wei Wuxian blieb stehen und machte schließlich einen anspielenden Blick zu Madame Mao herüber.
Alle blickten ebenfalls erwartungsvoll zu ihnen herüber, als Lan Qiren's Oberlippe sich immer krauser zog und er am ganzen Körper zu zittern begann. Er zog die Luft angestrengt durch seine Nase, als er fast verzweifelt hauchte:
„Schweig jetzt!"
Doch Wei Wuxian zog nur erwartungsvoll seine Augenbrauen nach oben, noch etwas abschätzend, wie weit er noch gehen konnte, als er schließlich sich förmlich an Madame Mao heranschlich:
„Lan Qiren!" Sagte er auffordernd.
„Ist es nicht auch für euch an der Zeit, endlich ehrlich zu sein? Wir alle haben es schon längst gesehen, die Blicke mit welchen ihr Madame Mao folgt, eure Stimmfarbe, die sich minimal verändert, wenn ihr mit ihr sprecht und eure angehobene Laune, wann immer sie zu Besuch in der Cloud Recess war.
Seht sie euch an!"
Zur Verwunderung Madame Mao´s, hüpfte Wei Wuxian plötzlich zu ihr herüber, fasste sie behutsam bei der Hand und zog sie ebenfalls mit in die Mitte des Pavillons. Geschwind ging er hinter sie, legte seine Hände auf ihre Schultern und schaute dann an ihrem Kopf vorbei, direkt in Lan Qiren's Augen.
„Ist sie nicht eine Augenweide? Ein sinnbild einer Frau? Wer könnte es euch verdenken sie zu lieben? Welche Frau hat mehr Charme, Charisma und Lebensfreude zu bieten als Madame Mao? Wen reißt sie nicht mit in ihren Bann und verzaubert einen?"
Wei Wuxian pausierte wieder kurz für einen Moment, mit seinen Augen genau beobachtend, was sich in Lan Qiren´s Gesicht regte.
Dann fuhr er langsam fort:
"Und dann, brennt auch noch die selbe Leidenschaft in ihrem Herzen für euch.
Ist es denn so schwer die Vergangenheit loszulassen und ein klein wenig an seinen moralischen Vorstellungen zu rütteln?
Sie ist doch nun zum Greifen nahe und es würden nur ein paar Worte von euch genügen und ihr könntet für immer zusammen sein!
Wen kümmert es da noch, woher sie einst gekommen ist?"
Lan Qiren's Gesicht verzog sich fürchterlich. Wei Wuxian hatte ihn hart getroffen und er kam mit den aufbrausenden Gefühlen, welche sich in seinem Herzen gerade auftaten nicht zurecht.
Er war überfordert, sah die vielen großen Augen auf sich gerichtet und ein Chaos der Gefühle brach in ihm aus.
Jeder einzelne Satz der Wei Wuxian's Lippen verlassen hatte, sagte die Wahrheit und Lan Qiren wusste nur zu gut, dass das eigentliche Problem er selbst war.
Denn er selbst war es, der sich immer wieder ein "Nein" ausgesprochen hatte und jeglichen Gedanken daran tabuisiert hatte.
Er stand wie versteinert an seinem Fleck und blickte direkt in Madame Mao's große Augen, welche ihm erwartungsvoll entgegen funkeltet. Ein Moment des Schweigens verging und es war so still, dass sich kaum jemand traute auch nur zu atmen.
Madame Mao war selbst wie versteinert und sie wagte es nicht, ihren feuchten Blick von Lan Qiren abzuwenden. Es kam selten vor, dass sie um eine Antwort verlegen war, was nur noch mehr unterstrich, was dies für ein empfindliches Thema für diese beiden sein musste. Wei Wuxian´s Worte hatten auch sie vollkommen unerwartet getroffen und in ihrem Herzen brach ein Feuerwerk der Gefühle aus.
Sie liebten sich, seit Jahren schon. Dies stand außer Frage.
Doch war Madame Mao eine ehemalige Konkubine und war damals zunächst der Liebe zu Lan Qiren's Bruder verfallen. Doch selbst in der Zeit, als sie einsehen musste, dass diese Liebe zum scheitern verurteilt war und ihr ersehntes Leben ihr durch die Finger glitt, gab es trotz alledem noch immer einen Mann, der sie mehr als alles andere auf dieser Welt liebte und stet´s aus den Schatten heraus, ein wachsames Auge auf sie hatte.
Madame Mao schluckte schwer, als sie in Lan Qiren's Gesicht sah und seinen verzweifelten Blick erwiderte.
Sie sprach kein Wort, doch sie kannte Lan Qiren genau und sie wusste nur zu gut, wie er mit sich selbst nun am ringen war.
Er war am kämpfen, innerlich zerriss es ihn in Zwei und die Situation verlangte viel von ihm ab.
Doch Madame Mao spürte, dass nun ein wichtiger Moment gekommen war und vielleicht sollte es tatsächlich so sein, dass nun gerade Wei Wuxian einen weiteren Stein ins Rollen gebracht hatte.
Wei Wuxian spähte über Madame Mao's Schulter nach vorne zu Lan Qiren und beobachtete haargenau jede seiner Reaktionen. Er wusste genau, dass jetzt auch nur ein einziges falsches Wort die Siuation kippen lassen könnte und er fortan daran Schuld wäre, einen sehr entscheidenden und besonderen Moment vermasselt zu haben.
Vorsichtig erhob er noch einmal das Wort, als er verständnisvoll und einfühlsam sagte:
„Warum sagt ihr sie nicht?
Die Worte, welche schon so lange auf eurer Zunge liegen?
Welche ihr schon so lange mit euch herum tragt und nur darauf warten endlich preisgeben zu werden?
Die Worte, welche ihr bei jedem Abschied ihr noch sagen wolltet und nach welchen sie sich ebenfalls so sehnt."
Wei Wuxian schüttelte Madame Mao einmal behutsam an ihren Schultern, um die Dringlichkeit seiner Worte noch zu unterstreichen.
Dann wendete er sich schließlich langsam ab, lehnte sich zurück und lies den Keim den er gesät hatte gedeihen.
Lan Qiren's Lippen bebten, seine Hände zitterten, als er sich in den traurigen und erwartungsvollen Blick von Madame Mao verlor.
Er liebte sie,
schon immer,
jeden einzelnen Zentimeter an ihr liebte er und die vielen Jahre des Unterdrückens, haben tiefe Wunden hinterlassen.
Er atmete ein paar Mal tief ein, als er plötzlich langsam seine Lippen öffnete. Seine Stimme war plötzlich ganz und gar nicht mehr laut und befehlend, sondern gebrechlich dünn und fast schon ein wenig zittrig.
„Yue-lian...
Ich liebe dich...!"
Madame Mao's Augen weiteten sich kurz, ihre Hände spannten sich an und ihre Schultern zogen sich etwas hoch. Doch dann schenkte sie Lan Qiren ein warmes, zartes Lächeln und ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich weiß...!" Hauchte sie liebevoll aber mit dünner Stimme.
Lan Qiren fuhr leise fort, aber sein Blick war noch immer starr auf Madame Mao gerichtet.
„Schon immer. Schon immer habe ich nur dich geliebt."
„Ich weiß...!" Hauchte sie erneut liebevoll als Antwort. Die ersten großen Tränen begannen still und leise über ihre Wangen zu kullern und ihre roten Lippen bebten.
„Möchtest du..."
Lan Qiren stockte noch einmal in seinen Worten. Es war, als hätte er plötzlich alles um sich herum vergessen und er hatte nur noch Augen für Madame Mao. Es war, als würde plötzlich sein tiefstes Unterbewusst endlich aussprechen, wonach er sich so lange gesehnt hatte. Die Gefühle übermannten ihn und seine, über die vielen Jahre aufgebaute Mauer, stürzte plötzlich in sich zusammen.
Seine Augen wurden ebenfalls leicht glasig, als er zögerlich sprach:
„Yue-Lian, möchtest du zu mir in die Cloud Recesses kommen und für immer an meiner Seite bleiben?"
Die Tränen, welche über Madame Mao's Wangen kullerten ließen sich nun nicht mehr aufhalten. Weinend, aber ohne einen Ton von sich zu geben stand sie kühn und würdevoll vor ihm und gab ihm Antwort auf jede seiner Fragen.
„Ja, ich möchte!"
„Und möchtest du..." Fuhr Lan Qiren fort.
„Mich heiraten und meine Frau werden? Den Rest deines Lebens an meiner Seite verbringen?"
Wei Wuxian's Augen flogen weit auf und auch durch all die anderen Zuschauer fuhr ein kurzer Schock durch die Glieder.
Wei Wuxian hatte zwar eine Vorahnung gehabt und das Gespräch gezielt in eine bestimmte Richtung gelenkt, aber mit dieser Offennbahrung hatte selbst er nicht gerechnet.
Madame Mao versuchte derweil die vielen Tränen von ihren Wangen wegzuwischen, trug aber dabei in ihrem Gesicht ein herzallerliebstes, glückliches Lachen. Ihre Stimme piepste und überschlug sich etwas, als sie sagte:
„Ja, das möchte ich, nichts lieber als das!"
Lan Qiren konnte nun selbst nicht mehr an sich halten. Während seine Augenwinkel sich ebenfalls leicht mit Tränen füllten, zeigte sein Gesicht zum ersten Mal eine Emotion, welche man bis dato noch nicht bei ihm gesehen hatte. Es war ein Lächeln, so rein und ehrlich wie das Lachen eines Kindes. Er strahlte plötzlich von Innen und es war nicht zu übersehen, wie plötzlich der dunkle Schleier der ewigen Sehnsucht von ihm abfiel.
Durch den Pavillon ging ein berechtigtes Raunen und weder Lan Xichen, Bao Tian, noch Lan Wangji kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus.
-Wer hätte gedacht, dass ihr Zusammenkommen noch so eine Wendung nehmen würde?
Doch letzen Endes, ist alles so geschehen, wie Wei Wuxian es schon vor einiger Zeit angekündigt hatte:
„Es ist ein Stein ins Rollen gekommen, einer der schon lange überfällig war."-
Es dauerte einen Moment bis alle sich wieder gefangen hatten und begreifen konnten was gerade geschehen war.
Mit Lan Qiren's Geständnis hatte nun auch der Letzte von ihnen seine Sünden offenbart und sich dazu überwunden, für seine Träume und Wünsche einzustehen.
Es war ein nahezu absurder Zufall, zu dem sich die vielen verschiedenen Schicksale miteinander verbunden hatten und wer hätte gedacht, dass gerade im Gusu Lan Clan solch Geschichten gerschrieben werden würde ?
Doch noch während sich Erleichterung in den Reihen breit gemacht hatte und alle sich nun einig darüber waren, dass sie fortan an einem gemeinsamen Strang ziehen würden, räusperte sich plötzlich Lan Qiren. Seine Stimme war wieder klarer und gefasster, als er plötzlich zum Erschrecken aller sagte:
„Nun gut, ich denke, es wurde nun alles gesagt, was noch unausgesprochen war! Damit sollte dieses Gespräch nun beendet sein!
Yue-Lian, tritt bitte wieder zurück, ich muss beenden, was ich angefangen habe."
Madame Mao's Augen weiteten sich, als sie sah, dass Lan Qiren noch immer starrsinnig die Peitsche in seiner rechten Hand hielt und auch keine Anstalten machte, von ihr abzulassen.
Sie schüttelte verneinend ihren Kopf hin und her.
„Du willst noch immer?" Fragte sie mit Unverständnis.
Lan Qiren zog seine Stirn kraus. Seine Stimme war tief und ernst.
„Sünde bleibt Sünde! Solange ich Teil diesen Clan's bin, werde ich auch seiner Philosophie folgen! Ich kann was hier hinter verschlossenen Türen sich zugetragen hat nicht ungestraft lassen!"
Wei Wuxian lief plötzlich schnell zu Madame Mao herüber und packte sie am Arm. Vorsichtig zog er sie ein paar Schritte zurück und holte sie aus dem Gefahrenbereich, als er sofort den Blickkontakt zu Lan Wangji suchte.
Doch dieser schüttelte nur sachte den Kopf hin und her und gab ihm unmissverständlich zu verstehen, dass es ganz ohne Opfer wohl nicht gehen würde.
Wei Wuxian war entstetzt, doch er wusste nur zu gut, dass der Stolz und die Ehre der Cultivators nicht so einfach zu brechen sei.
Lan Xichen und Bao Tian blickten derweil mit weit aufgerissenen Augen nach vorne direkt in die Gesichter ihrer Zuschauer. Sie hatten noch immer mit nacktem Oberkörper vor Lan Qiren gekniet und hatten schon beinahe damit gerechnet von ab zu sein.
Doch nun holten sie beide tief Luft und bissen sich auf ihre Backenzähne, bereit jede Sekunde den ersten Schlag der Peitsche auf ihrer Haut zu spüren.
Lan Qiren war fest entschlossen. Er hob seinen Arm hoch in die Luft und der Peitschenschlag wirbelte erneut auf.
Jinan Liang und Madame Mao wendete ihren Blick wieder dezent ab, während der Rest der Anwesenden mit weit aufgerissenen Augen dem Weg des Peitschenschlags folgten.
Lan Qiren blickte auf die zwei knienden Männer vor sich, als er unerwartet von hinten flüsterte: „Ich werde euch folgen!"
Doch noch bevor Lan Xichen oder Bao Tian eine Regung auf dessen Worte zeigen konnten, sauste auch schon der erste Peitschenschlag nieder und traf Lan Xichen's nackten Rücken mit voller Wucht.
Ein gleißender und brennender Schmerz zugleich versenkte seine Haut und schoss wie ein alles vernichtender Hammerschlag durch seinen Körper.
Seine Augen waren weit aufgerissen und seine Zähne schmerzerfüllt aufeinander gebissen, als er versuchte durch seine Nase nach Luft zu ringen.
Die Wucht und der Schmerz waren noch stärker, als er vermutet hatte und seine Finger krallten sich krampfhaft zusammen, als er hinunter auf den dunklen Fußboden starrte und sich bereit machte, noch neun weitere Schläge zu ertragen.
Doch Lan Qiren schwang die Peitsche gnadenlos und ohne Pause und so traf der nächste Schlag direkt Bao Tian.
Auch er war überwältigt von der Wucht und dem Schmerz des Schlags und seine Reaktion war nicht weniger gering, als die von Lan Xichen.
In seinen dunklen, großen Augen spiegelten sich die höllischen Schmerzen wieder und es dauerte nicht lange, bis sich leichter Schweiß auf seiner Stirn bildete.
Es war unerträglich fürs Auge, wie die beiden nebeneinander auf dem Boden kauerten und versuchten ihre Schmerzensschreie zu ersticken.
Lan Xichen biss sich immer stärker auf seine Unterlippe, sodass bald etwas Blut an seinem Kinn hinunter lief. Dabei versuchte er mit Stolz seine Bestrafung zu ertragen und versuchte jeden Ton, der auch nur seine Kehle verlassen wollte, zu unterdrücken.
Die Disziplinpeitsche des Gusu Lan Clan's begann langsam die Haut von ihren Rücken zu pellen und blutig unterlaufende Striemen malten sich bald auf ihren blanken Rücken ab.
Die zwanzig Male, die die Peitsche in die Luft geschleudert wurde und gnadenlos auf ihre Opfer hinuntersauste, kamen einem wie eine Ewigkeit vor und Lan Wangji zerriss es förmlich das Herz, seinem geliebten Bruder dabei zuzusehen, wie er die selben Schmerzen wie er einst ertragen musste.
Ein letztes Mal schlug Lan Qiren schließlich zu und traf Bao Tian's breiten, blutigen Rücken.
Dann war es endlich vorbei und die grauenvolle Geräusche verstummten wieder.
Bao Tian und Lan Xichen holten tief Luft, während sie atemlos nach unten auf den Fußboden starrten. Sie stützten sich nach vorne auf ihren Händen ab und waren unfähig sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen. Der gesamte Körper brannte wie gerade aus einem Höllenfeuer entkommen und ihre Rücken waren förmlich taub geworden, von dem gleißenden Schmerz.
Madame Mao und Jinan Liang atmeten erleichtert und schockiert auf, in der Hoffnung, das es endlich vorbei war.
Wei Wuxian und Lan Wangji dagegen standen noch etwas sprachlos am Rand und waren noch unfähig das Geschehne zu begreifen, als Lan Qiren plötzlich tief einatmete und mit entsetztem Blick auf Lan Xichen's und Bao Tian's Rücken blickte.
Überall war Blut und leise weinend tropfte es aus den wunden Peitschenstriemen heraus und lief an ihren Rücken herunter.
Lan Qiren's Hand zitterte leicht, als er sich plötzlich zum Erstaunen aller ebenfalls auf die Knie fallen lies.
Er lies die Peitsche endlich los und diese fiel zunächst mit einem dumpfen Ton neben ihm zu Boden.
In seinem Gesicht stand der Terror und der Wahnsinn seiner Tat und es war für jeden offensichtlich, dass es ihm in seinem tiefsten Innern widerstrebte, jene zu verletzen die ihm eigentlich lieb und teuer waren.
Doch Lan Qiren fasste plötzlich an seinen eigenen, breiten Gürtel in der Mitte seiner Taillie und lockerte diesen.
Alle zuckten auf und stellten mit Entsetzen fest, dass Lan Qiren begann nun ebenfalls seinen Oberkörper frei zu machen.
„Onkel!" Sagte Lan Wangji atemlos und auch Lan Xichen und Bao Tian blickten überrascht hinter sich und glaubten nicht, was sie dort sahen.
„Was hast du vor?" Fragte Madame Mao fassunglos, während sie sich ihre schmale Hand vor ihren Mund hielt.
Doch Lan Qiren schloss nur für einen Moment seine Augen, atmete tief ein und sagte dann:
„Gleiche Bestrafung für alle!"
Wei Wuxian konnte es nicht glauben. Obwohl sich ihm vorhin noch der Gedanke aufgedrängt hatte, dass es ungerecht sei, dass Lan Qiren an seiner Bestrafung festhielt, obwohl er selbst nun ein Tabu gebrochen hatte, so hätte selbst er nicht damit gerechnet, dass Lan Qiren nun zu solchen Mitteln greifen würde.
Doch Lan Qiren nahm die Peitsche erneut zur Hand. Er strich mit seiner anderen Hand sein langes, leicht ergrautes Haar über seine Schulter zur Seite, als er sich bereit machte, sich selbst mit der Peitsche zu bestrafen.
Madame Mao's Gesicht verzog sich fürchterlich, als sie traurig und fassungslos sagte:
„Ist es dies denn alles Wert? Zum Teufel mit diesen Bestrafungen! Wie könnt ihr Cultivator's nur so engstirnig sein?"
Doch Lan Qiren blickte sie mit einem warmen und liebevollen Blick an als er sagte:
„Den Weg der Cultivation gehen zu können ist uns eine Ehre.
Unserem Clan zu dienen erfüllt uns mit Stolz.
Und für unsere Sünden zu büßen, macht uns zu besseren Menschen!"
Mit diesen Worten holte Lan Qiren weit aus und der Schlag der Peitsche erhob sich erneut in die Luft.
Unter den entsetzten Augen aller, begann er sich selbst zu bestrafen und schlug sich die Peitsche kraftvoll auf den Rücken.
Es war in dieser Position schwieriger die Peitsche präzise zu führen, wenn man versuchte seinen eigenen Rücken zu treffen, doch die Peitsche kannte ihren Weg und traf auch dieses Mal zielsicher.
Madame Mao drehte sich plötzlich um, schloss ihre Augen und hielt sich ihre Ohren zu. Sie konnte es nicht mehr ertragen, denn es war offensichtlich, dass Lan Qiren nicht mehr der Jüngste war und ihm die Schläge schlimmer zusetzten, als Lan Xichen und Bao Tian.
Als er langsam immer mehr am ganzen Körper zu zittern begann und Blut sogar begann aus seinem linken Mundwinkel zu tropfen, waren sich alle einig:
Genug war genug.
Lan Wangji machte schließlich einen Satz nach vorne und schaffte es gerade noch Lan Qiren's Hand aufzuhalten, als dieser gerade zum sechsten Schlag ausholen wollte.
„Genug, Onkel!" Sagte Lan Wangji und seine Augen waren auf den blutig hingerichteten Rücken seines Onkels gerichtet.
„Genug...!" Sagte er erneut, denn Lan Qiren's Hand lies noch immer nicht die Peitsche los.
Lan Qiren, drehte seinen Kopf zur Seite und blickte schmerzerfüllt seinem geliebten Neffen ins Gesicht.
Dieser nickte ihm schließlich zu und Lan Wangji sagte mit tiefer Stimme:
„Fünf Schläge, sind für eure Sünde Buße genug!"
Lan Qiren's Augen weiteten sich und während er sich noch einmal im Pavillon umsah und das Chaos, welches er angerichtet hatte vor seinem Sichtfeld langsam verschwomm, lösten sich auch wieder die verkrampften Finger seiner rechten Hand und die Peitsche fiel mit einem lauten Scheppern zu Boden.
Plötzlich hörte er nur noch alles ganz dumpf und wie verzerrt und während ihm langsam seine Sinne schwanden, war das Letzte was er noch sah Madame Mao's besorgtes Gesicht, als sie panisch auf ihn zugerannt kam und mehrfach seinen Namen rief.
Dann kippte er nach vorne und wurde bewusstlos, noch bevor ihn mehrere, rettende Hände behutsam auffingen.
