Chapter 20.20
Die alte Dame äugte noch etwas misstrauisch in das kleine Zimmer, dann nickte sie den vier Männern noch einmal zu, als sie sagte:
„Wohl dann. Ich wünsche den jungen Herren eine angenehme Nacht."
Dann schwang sie ihre kleine Laterne in der Hand, drehte sich um und verließ den Raum. Der Riegel der kleinen Holztür fiel ins Schloß und Lan Wangji, Wei Wuxian, Sun Yan und Luan Han standen in einem dunklen, kleinen Zimmer mit nur einem winzigen Fenster, genau unter dem Dach.
Lan Wangji entzündete sogleich ein paar Kerzen und erhellte den kleinen schäbigen Raum, als der Rest der Drei sich einmal kritisch umsah. Sun Yan wischte mürrisch mit seinen Fingern über die Kommoden und Fensterbänke und Wei Wuxian versuchte das kleine Fenster zu öffnen, während Luan Han mit funkelden Augen den Luxus des Raumes genoss.
Schließlich kam Sun Yan an dem alten Doppelbett vorbei, verschränkte seine Arme vor der Brust, als er unzufrieden sagte:
„Und? Wer schläft nun im klapprigen Bett und wer auf dem harten Boden?"
Luan Han legte sein kurzes Schwert, Mantel und seinen kleinen Beutel auf einem Tisch ab, als er sofort seine Hand hob und sagte:
„Ich kann auf dem Boden schlafen. Das ist kein Problem für mich."
Lan Wangji blickte sich ebenfalls im Raum nach einem geeignetem Plätzchen um, als Wei Wuxian plötzlich neben Sun Yan auftauchte, auf das Bett starrte und dominant sagte:
„Auf gar keinen Fall. Hier schläft niemand heute Nacht auf dem kalten, harten Fußboden. Wir sind alle durchnässt und müde, nicht, dass hier noch einer krank wird."
Sun Yan zog eine Augenbraue kritisch nach oben und blickte Wei Wuxian fragend an.
„Und was stellst du dir dann vor? Es ist nicht so als würden wir alle Vier Platz in diesem Doppelbett finden."
Doch Wei Wuxian legte ein verschmitztes Grinsen auf, tippte mit seinem rechten Zeigefinger dreimal gegen seine Stirn und sagte dann:
„Längs vielleicht nicht, aber wie sieht es mit quer aus?"
Und mit diesem Satz schmiss er sich auch schon quer auf das Doppelbett und streckte seine Glieder aus. Dabei baumelten seine Füße noch auf dem Fußboden und Sun Yan grunzte entgeistert.
„Niemals. Wie soll man denn so schlafen? Entweder hängt der Kopf oder die Füße ja noch aus dem Bett. Das ist ja wie die Wahl zwischen Pest und Cholera. In eine Seite des Körpers fließt einem das ganze Blut, während die andere Hälfte über Nacht leise weinend abstirbt."
Doch Wei Wuxian reckte und streckte sich und lies es sich auf dem doch recht gemütlichen Bett gut gehen, als er augenzwinkernd sagte:
„Dass lasst uns hoffen, dass es die Füße sein werden."
Sun Yan, Lan Wangji und Luan Han blickten zunächst noch etwas skeptisch auf Wei Wuxian, welcher sich vergnügt quer im Bett rumaaste.
Doch plötzlich zuckte Luan Han mit seinen Schultern, begann seine Schuhe auszuziehen, und hing seinen durchnässten Umhang über einen der Stühle, als er einwilligend sagte.
„Ich finde, das ist gar nicht so eine schlechte Idee. Quer sollten wir alle genug Platz finden und wen stört es schon wenn die Füße etwas in der Lüft hängen? Alles immer noch besser, als draußen im Regen zu stehen oder auf dem kalten Fußboden zu schlafen. Ganz zu schweigen von der Nacht, wenn wir in meiner Hütte geschlafen hätten. Da wären absterbende Füße auf dem kalten Fußboden das kleinste Problem gewesen."
Und mit diesem Satz begann er auch schon sich von dem Rest seiner nassen Lleider zu entledigen und verteilte diese großzügig auf dem spärlichen Mobiliar.
Wei Wuxian lachte vergnügt, als er es Luan Han gleichtat und sich Stiefel und die obersten Schichten seiner Robe auszog um sie dann unelegant über eine Kommode zu schmeißen.
„Schlechter Zeitpunkt für schamhaftes Verhalten. Wir sind nur unter uns, eine Nacht im selben Bett bringt schon keinen von uns um."
Sun Yan und Lan Wangji standen noch etwas unsicher daneben und zwischen Sun Yan's Augen legte sich eine nachdenkliche Falte, als Wei Wuxian ihn plötzlich angrinste und sagte:
„Nimm es nicht so schwer Sun Yan. Es wäre nicht das erste Mal, dass du dir mit Lan Zhan und mir ein Bett teilst, ganz im Gegenteil sogar. In der Cloud Recesses haben wie nächtelang in dem selben Bett geschlafen und niemand von uns ist aus der Nummer schwanger heraus ge..."
Doch Wei Wuxian kam nicht mehr dazu noch weitere Details auszusprechen, als Sun Yan sich auch schon geschlagen gab und ihn mittem im Satz unterbrach, um weitere Details zu verhindern.
„STOP, STOP! GENUG INFORMATIONEN!"
Sagte er energisch und und hielt seine Hände Einhalt gebietend weit nach vorne ausgestreckt.
„Ist ja gut, ist ja gut! Sei bloß still und sag kein Wort mehr. Ich habe schon verstanden, du brauchst nichts weiter zu erwähnen!"
Wei Wuxian kicherte vergnügt auf, als er sich in dem Triumph über Sun Yan aalte und seine scheuen Gesten genoss. Mit einem entspannten und zufriedenem Gesichtsausdruck lehnte er sich nach hinten, legte seine rechte Hand unter seinen Kopf, während er mit der linken auf die Matratze klopfte und mit ironischem Unterton sagte:
„Also die Herren, nur nicht so zimperlich. Kommt mit zu mir ins Bett, hier ist noch genug Platz für alle, ich garantiere, hier wirds kuschelig!
Sun Yan verdrehte genervt seine Augen, ging zum Bett herüber und setzte sich kopfschüttelnd so weit es ging von Wei Wuxian weg wie er nur konnte. Damit landete er am Fuße des Bettes und kauerte sich auf die Matratze zusammen, während er leise nuschelte:
„Ohne deine Witze wäre nichts dabei gewesen aber jetzt komme ich mir ziemlich verboten vor..."
Luan Han stand derweil nun doch etwas perplexed noch vor dem Doppelbett und setzte ein ebenfalls leicht verlegenes Lächeln auf, als er versuchte die wirren Gedanken in seinem Kopf wieder zu vertreiben.
Wei Wuxian blickte zu Lan Wangji herüber, welcher noch immer etwas regungslos im Raum stand und mit der derzeitigen Situation sichtlich unzufrieden war.
Doch Wei Wuxian zog einen Mundwinkel verschmitzt nach oben, klopfte abermals neben sich auf das Bett, als er sagte:
„Lan Zhan, kommst du? Oder willst du die ganze Nacht dort wie angewurzelt stehen bleiben und Trübsal blasen? Hier neben mir ist noch Platz."
Lan Wangji warf Wei Wuxian einen kurzen, scharfen Blick zu, dann wendete er sich ab, atmete einmal tief ein und schloss seine Augen, als er gefasst sagte:
„Ich werde auf dem Boden meditieren. Ich brauche keinen Schlaf. Nehmt ruhig das Bett für euch alleine."
Wei Wuxian zog beide Augenbrauen nach oben, machte eine desinteressierte Handbewegung in der Luft, als er mit gestellt unbekümmerten Ton sagte:
„Achso, also dann werde ich mit den zwei Männern hier wohl alleine das Bett genießen müssen..."
Lan Wangji's eine Augenbraue begann unruhig zu zucken und seine Fingerspitzen spannten sich leicht an.
Plötzlich vernahm man ein kurzes Würgegeräusch von Sun Yan, der sich am Fuße des Bettes wie eine Schnecke eingerollt hatte. Danach hörte man ein leises Verschlucken, gefolgt von einem Husten, als er mit leicht gequälter Stimme sagte:
„Sag so etwas doch nicht. Wenn es aus deinem Mund kommt, bin ich mir nicht mehr so sicher, dass es alles nur ein Witz sein soll!"
Wei Wuxian lachte belustigt auf, als er nach einem der zwei Kopfkissen griff und es lieblos nach Sun Yan Warf.
„Rotzbengel! Das ich dich noch einmal Pucker." Sagte er scharf aber mit freundschaftlichem Unterton.
„Mach doch die gute Stimmung hier kurz vorm Schlafen gehen nicht kaputt. Was soll Luan Han jetzt nur von mir denken?"
Das Kissen traf sein Ziel und mit einem dumpfen Ton schlug es auf Sun Yan's Rücken ein.
Dieser ergriff sofort, ohne sich auch nur umzudrehen und Wei Wuxian eines Blickes zu würdigen, nach dem Kissen und stopfte es demonstrativ unter seinen Kopf, als er zischte:
„Die Wahrheit!"
Wei Wuxian blickte zu Luan Han herüber, welcher noch immer etwas irritiert vor dem Bett stand, zuckte ahnungslos mit den Achseln, drehte sich auf die Seite und stützte dann seinen Kopf lässig in seiner Hand ab.
„Hör nicht auf ihn. Er schmollt nur, weil er doch zu lange von Jiang Cheng getrennt ist und langsam Heimweh bekommt. Denn im Vergleich zu ihm bin ich vollkommen harmlos."
„Tzzz...Heimweh..." zischte es über Sun Yan's Lippen und Luan Han blickte abwechselnd zu Wei Wuxian's Bettseite und dann zu Sun Yan's Bettseite herüber.
„Haha..." Lachte er etwas unsicher auf und kratzte sich kurz am Kopf, als er sich fragte wie viel Glauben man diesen scharfen Wortwechseln schenken sollte?
Er räusperte sich kurz, als er etwas kleinlaut fragte:
„Und wo genau, darf ich nun liegen?"
Wei Wuxian deutete mit seinem Zeigefinger demonstrativ in die Mitte des Bettes, als er mit einem breitem Grinsen sagte:
„Genau hier, in der Mitte!"
Luan Han stutzte erst, doch dann zögerte er nicht lange, setzte sich in die Mitte zwischen Wei Wuxian und Sun Yan, eine Lücke für Lan Wangji noch bedenkend und legte sich dann zu Bette nieder.
Als ein kurzer Moment, der noch unangenehmen Stille verging und Luan Han nachdenklich unter die dunkle Zimmerdecke blickte, fragte er plötzlich, nichts Gutes erahnend:
„Warum eigentlich genau, soll ich in der Mitte schlafen?"
Wei Wuxian's Stimme ertönte unverschämt ehrlich von seiner Rechten:
„Ach, nur aus Sicherheitsgründen...du bist schließlich der Einzige von uns der „normal" ist."
Luan Han's Augen weiten sich und seine Stimme klang plötzlich etwas höher als sonst:
„...Normal"? Was genau meinst du, mit „normal"?
Doch Wei Wuxian drehte nur seinen Rücken zu Luan Han und klopfte mit seiner Hand hinter sich auf die Matratze:
„HanGuang-Jun, kommst du jetzt?"
Ein leises Knacken war zu hören, als Lan Wangji Richtung Bett schritt. Mit einer eleganten Handbewegung erlosch er die Kerzen und es wurde plötzlich stockdunkel in dem kleinen Raum.
Das Rascheln von Stoff war zu hören und Lan Wangji entledigte sich seiner nassen, äußeren Robe und seiner Stiefel, bevor er sich mit in das Bett legte, direkt hinter Wei Wuxian.
Luan Han zuckte plötzlich einmal kurz auf, als ein leichtes Kribbeln von seinen Fußsohlen, welche hilflos in der Luft baumelten, bis in seine Haarspitzen schoss. Seine Nackenhaare stellten sich auf, als er mit weit aufgerissenen Augen unter die dunklen Deckenbalken blickte und eine leichte Gänsehaut über sein Gesicht fuhr.
Das Letzte was er noch hörte bevor er endlich in einen unruhigen Schlaf fiel, war das leise Getuschel von Wei Wuxian und Lan Wangji und Sun Yan's unzufriedene Stimme, welche mürrisch und in selbstmitleid leise vor sich hin murmelte.
Das Geschirr auf dem Tablett klapperte leise und die Holzdielen der Veranda knarrten sachte bei jedem ihrer Schritte.
Ein frischer Windzug kam auf und brachte ihre farbenfrohe Robe zum Tanzen, als Jinan Liang mit einem gefüllten Tablett auf Lan Qiren's Pavillon zuschritt. Ihre Lippen waren in einem anmutigendem Rot und ihr langes, schwarzes Haar war weiblich und künstlerisch hochgesteckt. Hinter ihr liefen zwei ihrer Dienstmädchen, welche ebenfalls jeweils ein Tablett in den Händen trugen. Sie brachten Speis und Trank, ein paar weiße Handtücher und ein paar frische Kleider.
Als die Drei schließlich vor der großen Tür vor Lan Qiren's Pavillon ankamen, brauchte sie gar nicht mehr anzuklopfen, denn sie wurden schon sehnsüchtig erwartet.
Madame Mao öffnete schwungvoll die große Tür, lächelte sie an und bat die drei Frauen freundlich herein.
Ein erfreuliches Lächeln stand in ihrem Gesicht, als sie Jinan Liang liebevoll an der Schulter berührte und sagte:
„Kommt rein, kommt rein. Ich fühle mich schon richtig schlecht, dass du mir so viel hilfst Liang. Dies sind eigentich keine Aufgaben, die die Gatting des Sect Leader's übernehmen sollte. Aber ich selbst weiß schon manchmal nicht mehr wo mir der Kopf steht."
Doch Jinan Liang lächelte Madame Mao nur freundlich an und wies die Dienstmädchen an die Sachen auf einem niedrigen Tisch in der Mitte des Pavillon's abzustellen.
Sie lächelte verschmitzt über ihre roten Lippen, als sie Madame Mao einmal zuzwinkerte.
„Aber Madame Mao, das ist doch selbstverständlich. Wenn die Männer meinen in Selbstjustiz sich alle zu Krüppeln zu verarbeiten, dann müssen die Frauen eben ihr Bestes geben und zusammenhalten."
Madame Mao lachte leise auf, hielt sich diskret etwas ihre schlanke Hand vor den Mund und nickte mehrfach.
„Damit hast du wohl Recht, Liebes."
Als auch Jinan Liang ihr Tablett auf dem Tisch abgestellt hatte, schaute sie herüber zum anderen Ende das Pavillon's auf einen großen Raumteiler. Die Luft roch nach strengen Kräutern und milden Räucherstäbchen, als sie besorgt fragte:
„Lan Qiren, wie geht es ihm?
Ich habe ihn noch nicht einmal wiedergesehen und Lan Xichen und Bao Tian verlassen schon langsam wieder das Bett."
Sie starrte weiterhin auf den Raumteiler und eine besorgte Falte legte sich zwischen ihre Augen.
Doch Madame Mao wedelte mit einer beschwichtigenden Geste mit ihrer Hand in der Luft umher, als sie sagte:
„Ihm geht es den Umständen entsprechend schon recht gut. Nur hat er, so voreilig wie er war, wohl vergessen, das er nicht mehr so jung ist wie Xichen und Tian. Für diese Unachtsamkeit wird er wohl nun noch etwas länger an das Bett gefesselt sein."
Doch Jinan Liang hob nur mäßig ihre Mundwinkel an und ihr Lächeln wirkte deutlich gestellt, als sie etwas besorgt zu Boden blickte.
Madame Mao erkannte sofort diesen besorgten Blick und schnell kam sie einen Schritt auf sie zu, streckte ihre rechte Hand aus und berührte dann fürsorglich ihre zarte Wange.
Liebevoll und mütterlich sprach sie und ihre Berührungen waren wohltuend und angenehm, als sie sagte:
„Liang, sei nicht so hart zu dir selbst. Ich bin mir sicher, dass dir jeder schon versichert hat, dass dies alles nicht deine Schuld ist. Und Xichen gewiss ganz besonders. Er hat dich lieb gewonnen und schätzt dich, bereite ihm keine zusätzlichen Sorgen. Die Männer sind schließlich alle ausgewachsen, sie tragen für sich selbst ihre Verantwortung. Das müssen nicht deine schmalen Schultern für sie erledigen. Du trägst schon genug."
Jinan Liang blickte auf und ihr trauriger Blick suchte in Madame Mao's warmen Augen Halt und Zuflucht. Sie schloss ihre Augen und legte ihre Hand auf Madame Mao's, als sie leise sagte:
„Ich weiß. Danke"
„Es wird schon alles seinen richtigen Weg finden. Hab vertrauen."
Sagte Madame Mao liebevoll und sie plätzierte einen zarten Kuss auf Jinan Liang's Stirn.
Dann strich sie über das dunkle, seidige Haar, lächelte sie an und sagte:
„Und wegen Luan Han. Ich bin mir sicher, dass sie ihn schon längst gefunden haben und auf der Heimreise sind. Du wirst ihn sicher bald wohlbehalten in deine Arme schließen können. Ich freue mich schon darauf, wenn er hier ist und meiner Liang endlich wieder ein Lächeln in ihr hübsches Gesicht zaubert."
Jinan Liang erzwang ein weiteres Lächeln, als sie dennoch besorgt flüsterte:
„Aber wie können wir uns da so sicher sein? Wir haben noch nichts von ihnen gehört."
Doch Madame Mao wirkte selbstbewusst und sich ihrer Worte ziemlich sicher, als sie sagte:
„Nichts zu hören muss nicht zwangsweise etwas schlechtes bedeuten, weißt du? Ich bin mir sicher, dass sie einfach ein bisschen die frische Luft da draußen genießen und mit Luan Han schon enge Bunde schmieden. Sie sind bestimmt schon lange auf der Heimreise und haben dabei so viel Spaß, dass sie uns besorgte Frauen hier zu Hause ganz vergessen haben. So ist das mit den Männern, Liebes, schmeiß sie zu mehreren zusammen und sie werden niemals erwachsen."
„Hmm..." Summte Jinan Liang noch etwas unzufrieden über ihre Lippen, als Madame Mao plötzlich eine Idee kam.
Sie riss ihre Augen weit auf, nahm plötzlich Jinan Liang's Hand zwischen ihre und tätschelte sie ein wenig, als sie euphorisch sagte:
„Ich habe eine Idee, um dich aufzumuntern und dich zu beruhigen."
Sie drückte noch einmal sachte Jinan Liang´s zarte Hand, dann lies sie sie wieder los, drehte sich um und begann in einer Kommode etwas zu suchen.
Jinan Liang schaute ihr interessiert zu, als Madame Mao zu sich selbst nuschelte:
„Irgendwo habe ich sie hier versteckt. Wo ist sie nur?"
Nachdem sie noch ein wenig im Schrank herumwühlte und alles durcheinander brachte, zog sie plötzlich eine kleine Schatulle aus einer der Schubladen hervor.
„Da ist sie ja!" Sagte sie vergnügt und sogleich drehte sie sich um und kam wieder auf Jinan Liang zu, welche mit erstaunten Augen auf die kleine verzierte Holzschatulle starrte.
„Was ist da drinnen!" Fragte sie interessiert.
Madame Mao lächelte sie an, als sie langsam die kleine Schatulle öffnete und sagte:
„Mein kleiner Freund."
Jinan Liang's Augen weiteten sich, als sie gespannt in die kleine Schatulle herein blickte. Doch sie sah nur ein kleines, zusammengefaltetes Stück Papier und sie stutzte misstrauisch.
Doch Madame Mao fasste behutsam hinein und nahm das Stück Papier in ihre flache Hand. Sie streichelte dreimal vorsichtig über den Kopf des Vogels und plötzlich begann das helle Stück Papier in blauer, spiritueller Energie hell aufzuleuchten. Es faltete sich wie aus Geisterhand aus dem tristen Stück Papier ein kleiner anmutigender Vogel, welcher nun aufgeweckt in ihrer Hand saß und mit seinen kleinen Flügeln flatterte.
Jinan Liang staunte nicht schlecht und sie war sofort entzückt, von dem kleinen hellen Vogel.
Madame Mao stupste liebevoll den kleinen Vogel mit ihrer Nasenspitze an, als sie vertraut sagte:
„Ich habe ihn Wangji getauft. Er ist mein treuer Gefährte und ein Botenvogel. Xichen hatte ihn mir einst geschenkt, damit ich immer mit der Cloud Recesses in Kontakt bleiben kann."
Jinan Liang war absolut verzaubert und betrachtete mit Interesse den kleinen, quirligen Vogel in Madame Mao's Hand, welcher bei jedem Flügelschlag ein hübsches blaues Licht von sich gab.
„Darf ich ihn mal anfassen?" Fragte sie euphorisch.
„Aber sicher, nur zu."
Sagte Madame Mao und sie streckte ihre Hand etwas weiter zu Jinan Liang herüber.
„Ich werde ihn gleich los schicken zu unserem echten Wangji. Er fliegt unglaublich schnell und findet immer sein Ziel. Noch nie hat er mich entteuscht."
Jinan Liang war ganz begeistert und tätschelte vorsichtig mit ihrem Zeigefinger über den Kopf des kleinen Vogels, als sie dann doch etwas verwundert fragte:
„Wieso habt ihr ihn gerade Wangji getauft?"
Fragte sie etwas skeptisch, hinter dem Namen ein großes Geheimnis vermutend, während sie den kleinen weißen Vogel immer wieder behutsam berührte.
Doch Madame Mao lächelte nur verschmitzt und zwinkerte ihr zu.
„Weil ich ihn mag. Unseren Wangji. Er ist ein schöner Mann nicht wahr?"
Jinan Liang zuckte plötzlich auf und blickte Madame Mao entsetzt an. Ihre Frage stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben und sie brauchte sie schon gar nicht mehr auszusprechen, als Madame Mao auch schon lachte und spielerisch sagte:
„Nicht so wie du denkst. Aber er erinnert mich an jemanden. Und schöne Erinnerungen sollten wir doch stet´s in der Nähe unseres Herzens bewahren oder nicht?"
Mit diesem Satz streckte Madame Mao plötzlich Jinan Liang den kleinen Vogel entgegen und setzte ihn auf ihrer Schulter ab, als sie selbst die Schatulle nahm und zurück zur Kommode ging.
„Warte kurz, ich schreibe ein paar Zeilen. Achte so lange gut auf den Kleinen."
Sie nahm ein Stück Papier zur Hand und holte einen Pinsel und Tinte, als sie auch sogleich anfing einen kurzen Brief zu schreiben. Jinan Liang war in der Zwischenzeit mit dem kleinen Wangji beschäftigt und die zwei Dienstmädchen, welche immer noch schweigend mit im Raum standen blickten ebenfalls ganz entzückt auf den kleinen Vogel, welcher bei jedem Flügelschlag bläuliche, spirituelle Energie versprühte.
Madame Mao kam schnell wieder zurück und als der Vogel sie sah erhob er sich auch schon und flog von Jinan Liang's Schulter wieder zurück in ihre flache Hand. Den Brief, welchen sie geschrieben hatte, löste sich ebenfalls in spirituelle Energie auf und verschwand rückstandslos in dem kleinen Vogel und verschmolz förmlich mit ihm.
In Jinan Liang's erstaunten Augen spiegelte sich das helle, blaue Licht wieder als sie plötzlich etwas bekümmert fragte:
„Aber was ist, wenn dem kleinen Vogel auf der Reise etwas passiert? Er wirkt so zart und zerbrechlich."
Doch Madame Mao nickte ihr nur zu, als sie stolz sagte:
„Keine Sorge. Dieser kleine Flattermann ist ganz schön zäh. Und selbst wenn ihm etwas passieren sollte, so erwacht er gleich wieder zu neuem Leben. Er is wie der Phönix aus der Asche. Unzertörbar sozusagen."
Jinan Liang zog die Augenbrauen begeistert nach oben.
„Was für ein starker Zauber. Wie ist das möglich? Ich wusste gar nicht, dass ihr zu so etwas in der Lage seid. Ich habe euch unterschätzt Madame Mao."
Doch Madame Mao lachte plötzlich nur vergnügt auf und wunk mit ihrer Hand in der Luft ab.
„Ach um Himmels Willen, nein. Dies ist nicht mein Zauber. Ich sagte doch, er war ein Geschenk von Xichen. Es ist sein Zauber.
Er hat quasi einen Teil seiner spirituellen Energie abgezweigt und diesem Stück Papier damit Leben eingehaucht. Solange Xichen am Leben ist, lebt auch dieser Vogel. Ihr Schicksal ist quasi miteinander verbunden."
Jinan Liang war sprachlos.
„Was für ein edles und wertvolles Geschenk. Ich wusste gar nicht, dass ihr so in der Gunst von Lan Xichen steht. Euch muss ein sehr starkes Band verbinden."
Ihre Augen wurden nun immer größer und ihr Respekt dem kleinen Vogel gegenüber stieg mit jeder Sekunde weiter an.
„Naja..." Sagte Madame Mao etwas verlegen.
„Sagen wir so, hätte ich schon früher die Chance gehabt, ich hätte Xichen und Wangji geliebt wie meine eigenen Söhne. Aber manchmal wirft das Leben uns Steine in den Weg und nicht alles was wir begehren findet auch den Weg in unsere Hände...
Aber genug von der Vergangenheit gesprochen jetzt. Los, lass uns zum Fenster gehen und den Kleinen endlich auf seine Reise schicken."
Madame Mao lenkte das Gespräch schließlich zügig ab und sie fasste Jinan Liang an der Hand und die beiden gingen herüber zu einem großen, runden Fenster. Geschwind öffneten sie es und Madame Mao streckte ihre Hand weit nach vorne und der kleine weiße Vogel schlug kräftig mit den Flügeln und erhob sich anmutig in die Luft.
Mit einem sausenden, blauen Lichtschein flog er davon, erhellte die dunkle Nacht und verschwand schon bald aus ihrem Sichtfeld. Sie blickten ihm noch etwas verträumt nach und ein frischer Windzug blies ihnen in´s Gesicht, als Madame Mao zuversichtlich sagte:
„Er wird gewiss rasch zurück kommen. Ich sage dir bescheid, sobald wird Nachricht von unseren Männern erhalten."
Sie schlossen wieder das Fenster und Madame Mao geleitete Jinan Liang langsam wieder zurück zur Tür, als diese plötzlich vor ihr stehen blieb, eine verlegene Handgeste machte und dann mit einem Schmunzeln auf den Lippen sagte:
„Aber bald, werdet ihr die Dienste eures kleinen Wangji's vielleicht nur noch selten in Anspruch nehmen müssen...dann...wenn ihr erstmal aus Zhou Yong in die Cloud Recesses gezogen seid. Dann könnt ihr so viel persönlich mit den Herren des Clan´s sprechen wie es euch beliebt."
Nun machte Madame Mao große Augen und in der Tat, bei dem ganzen Tumult der letzten Tage hatte sie fast das Wichtigste ganz vergessen. Nämlich das Lan Qiren um ihre Hand angehalten hatte und sie bat zu ihm in die Cloud Recesses zu ziehen.
Über ihre Lippen huschte nun ein freudiges und ehrliches Lächeln, als sie sagte:
„Da hast du vielleicht Recht. Ich habe mein Glück, welches ich jetzt noch erfahren darf, fast schon ganz verdrängt in den letzten Tagen. Aber wenn Alle wieder hier sind und Ruhe eingekehrt ist, dann werde ich Gao Lee und Zhao Ran fragen, ob sie mit mir und unserer Schneiderei gemeinsam in die Cloud Recesses ziehen wollen. Denn um meine Arbeit lasse ich mich nicht bringen. Und wer sonst sollte schon in Zukunft die ganzen Roben nähen, welche ihr alle hier tragt, wenn nicht ich, mit meinen zwei Mädchen?"
Jinan Liang kicherte vergnügt und strich sich einmal durch ihr dunkles Haar, als sie Madame Mao anblickte.
„Ich freue mich wirklich sehr für euch. Es ist so schön zu sehen, dass nach so vielen Jahren ihr doch noch zueinander gefunden habt."
Madame Mao streckte ihre Hand aus und strich mütterlich mit ihrem Zeigefinger einmal über Jinan Liang's Nasenrücken.
„Und das habe ich einzig und alleine dir zu verdanken. Ohne dich, wäre es sicher nie so weit gekommen. Kein Wort der Welt könnte meine Dankbarkeit in Worten beschreiben."
Jinan Liang schloss kurz ihre Augen, als sie glücklich lächelte und sagte:
„Ich freue mich schon sehr auf die Hochzeit. Sie muss groß, prunkvoll und schön werden, so wie ihr beiden es verdient habt."
Madame Mao lächelte, als sie Jinan Liang einen kleinen Schubser Richtung Tür gab.
„Das wird sie. Aber nun los, es ist schon spät. Du solltest schnell wieder rüber in Xichen's Pavillon gehen."
Jinan Liang lachte vergnügt auf, als sie sich noch einmal umdrehte und die beiden Dienstmädchen schon die große Tür für sie öffneten.
„Das mache ich. Aber so ganz alleine ist es dort auch immer ein wenig einsam. Ich werde vorher noch einmal kurz beim Pavillon des Heiler´s vorbei sehen. Ich will noch kurz anchschauen wie es Lan Xichen und Bao Tian geht und ihnen eine gute Nacht wünschen."
„Mach das Liebes, aber beeil dich. Die beiden möchten bestimmt auch bald zu Bette gehen und da störst du wahrscheinlich nur." Sagte Madame Mao mit einem freundlichen aber zweideutigen Unterton.
Jinan Liang drehte sich noch einmal um und hielt sich etwas beschämt die Hand vor den kleinen, roten Mund, als sie mit einem mädchenhaftem Kichern, ihrem Altern entsprechend, abdrehte
„Das habt ihr jetzt gesagt!" Sagte sie noch im Spaße, als sie sich leichtfüßig umdrehte und die Veranda herunterschreiten wollte.
Doch weit kam sie nicht, als ihr plötzlich ganz schwindelig wurde.
Sie blieb auf einmal ruckartig stehen, ihre Sicht schwand vor ihren Füßen und ihre Sinne spielten ihr plötzlich einen Streich. Sie taumelte ein paar Schritte zur Seite, als ihr augenblicklich ganz heiß wurde, ihr wurde übel und plötzlich wurde ihr schwarz vor Augen.
Vor den Augen Madame Mao's und der zwei Dienstmädchen krallte sie sich noch an einer Stütze der Veranda fest, doch dann brach sie in sich zusammen.
„LIANG!" Rief Madame Mao erschrocken aus, sie eilte die paar Schritte los, streckte ihre Arme weit nach vorne aus und packte Jinan Liang gerade noch so unter die Arme und fing sie auf, bevor sie nach hinten auf die Veranda geschlagen wäre.
Die Dienstmädchen erschraken ebenfalls und sahen alles besorgt mit an, als Madame Mao schon am Boden kauerte und Jinan Liang in ihren Armen hielt.
„LIANG, LIANG! Liang hörst du mich?" Rief Madame Mao verzweifelt, doch Jinan Liang war bewusstlos geworden und hatte ihre Augen fest geschlossen.
Madame Mao berührte mehrfach vorsichtig ihre Wange, doch alles Rütteln und Rufen half nichts. Jinan Liang blieb weiterhin regungslos in ihren Armen liegen, ihre Atmung war flach und schwerfällig.
„Schnell!" Sagte Madame Mao hektisch.
„Holt den Heiler, SOFORT!"
Die Dienstmädchen, noch den Schock in den Gliedern, stürzten sofort los, die Veranda herunter um den Heiler zu holen.
Währenddessen kauerte Madame Mao verzweifelt am Boden, sie hielt Jinan Liang fest in ihren Armen und streichelte dabei immer wieder über dessen Kopf und Wange, als sie mit aufgebrachter und besorgter Stimme flüsterte:
„Halt durch Liang, er ist gleich da, der Heiler ist gleich da!"
Sie lehnte sich zu ihr herunter und platzierte einen zärtlichen Kuss auf die schwitzige Stirn der jungen Frau.
Jinan Liang's Gesicht war blass geworden und trotz des leuchtenden Lippenstiftes, zog sich die rote Farbe aus ihren Lippen langsam zurück.
