Chapter 22.7

Bao Tian stand einsam vor der Tür des Heiler's. Aus der Ferne schlichen sich immer mal wieder neugierige Schüler und Cultivator des Clan's an. Sie hatten von den Neuigkeiten gehört und waren vorbei gekommen, in der Hoffnung einen Blick erhaschen zu können. Doch Bao Tian schickte sie alle höflich fort und sorgte für Ruhe und Ordnung vor dem Pavillon.
Während er immer wieder in Gedanken versunken vor der Tür auf und ab schritt hörte er plötzlich jemanden aus der Ferne seinen Namen rufen. Geschwind blickte er auf und sah wie Lan Xichen und Lan Wangji, herangeführt von Wei Wuxian auf ihn zueilten.

Es war natürlich niemand anderes als Lan Xichen gewesen, welcher Bao Tian's Namen gerufen hatte und ihn auch gleich schon mit weit aufgerissenen Augen entgegen kam.
Wie ein Wirbelwind, schlugen die Drei auf der Veranda ein und Lan Xichen war so überstürzt und außergewöhnlich hektisch die paar Stufen hinaufgeeilt, dass er kurz ins Straucheln kam und Bao Tian direkt in die Arme stolperte.

„Tian!"
Sagte Lan Xichen aufgebracht, seine Peinlichkeit des Stolperns außer Acht lassend, als er auch schon von Bao Tian's starken Armen einladend empfangen wurde.

„Hoppla!"
Sagte Bao Tian überrascht, als Lan Xichen etwas abrupt in seinen Armen ausgebremst wurde.
„Nur langsam mit den Herrschaften, so schnell kommt kein Kind auf die Welt. Also kein Grund mir so überstürzt in die Arme zu fallen."

Doch Lan Xichen hatte keine Zeit für Bao Tian´s Sprüche, als er ihm auch gleich direkt ins Wort fiel. Er blickte Bao Tian an, als er besorgt sagte:
„Wie geht es ihr? Wo ist sie?"

Doch Bao Tian atmete einmal tief ein, berührte Lan Xichen an den Schultern und drückte ihn langsam wieder von sich weg. So aufgebracht kannte er seinen Huan fast gar nicht und auch wenn er seine Besorgnis um Jinan Liang verstehen konnte, verspürte er bei dessen fürsorglichen Worten tief in seinem Herzen doch ein wenig Eifersucht.
„Sie ist drinnen beim Heiler. Madame Mao und Luan Han sind bei ihr. Ich denke sie ist somit in guten Händen und wir können erstmal nichts machen als hier zu warten."

Lan Xichen atmete nun ebenfalls einmal erleichtert tief ein. Er wusste, er musste sich wieder etwas beruhigen. Denn auch wenn es nur Wei Wuxian, Bao Tian und Lan Wangji waren, die ihn so außergewöhnlich aufgebracht sahen, war es ihm doch ein wenig unangenehm so die Ruhe zu verlieren. Doch er machte sich große Sorgen um Jinan Liang und um die Kinder und er hoffte inständig, dass trotz ihrer fortschreitenden, schweren Erkrankung alles gut gehen würde.

Wei Wuxian blickte sich derweil um und sah wie sich immer wieder Clanmitglieder langsam dem Pavillon näherten. Die Nachricht, dass Jinan Liang gebären würde, hatte sich wie ein Lauffeuer in der Cloud Recesses ausgebreitet und lockte immer mehr neugierige Gesichter an. Doch nun war es nicht mehr nötig, dass Bao Tian sie wegschicken musste. Nun reichte die alleinige Anwesenheit von Lan Xichen und Lan Wangji aus und aus Respekt traute sich niemand mehr näher als auf einige Meter an den Pavillon heran.
Außer ein paar höher gestellte Cultivators des Clan's und ein paar Clanältesten, die von den Neuigkeiten gehört hatten und vorbei kamen um ihre Glückwünsche auszusprechen, wurden ausnahmslos alle zurückgewiesen.

Bao Tian und Wei Wuxian nutzten die Zeit und berichteten derweil den beiden Jade-Brüdern von den Geschehnissen und Lan Xichen's Augenbrauen zogen sich bei jedem Satz immer enger zusammen. Es stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben, dass er sich scheinbar Sorgen machte nicht dabei gewesen zu sein um Jinan Liang zu helfen, aber Bao Tian fand sanfte, wenn auch deutliche Worte, dass Lan Xichen sowieso nichts hätte ausrichten können. Denn dies war eine Sache, die Jinan Liang alleine bewältigen musste und der Heiler gemeinsam mit seinen Gehilfen waren Menschen genug, die wussten was zu tun war.

Während die Vier also draußen vor der Tür ausharrten kamen plötzlich Gao Lee und Zhao Ran die Veranda entlang geeilt und hielten zwei große Schalen mit dampfendem Wasser in den Händen. Sie begrüßten die Herren respektvoll und nickten ihnen einmal zu, als die Männer ihnen auch schon schnell Platz machten und ihnen die Tür aufhielten. Die beiden jungen Frauen verschwanden genau so schnell wieder hinter der Tür wie sie hergekommen waren und schlagartig waren die Vier auf der Veranda wieder unter sich.

Doch es dauerte nicht lange bis einer der Schüler des Heiler´s, gefolgt von zwei Dienstmädchen, aus dem Pavillon wieder heraustraten und die vier Herren draußen respektvoll begrüßten.
Lan Xichen hatte natürlich viele Fragen und auch die anderen waren nicht weniger interessiert. Ruhig und freundlich wurden ihnen daher alle Fragen zu Jinan Liang's Gesundheitszustand beantwortet, aber was sollten sie den Männern schon groß erzählen? Jinan Liang lag in den Wehen. Die Fruchtblase war schon geplatzt aber niemand konnte nun genau sagen wie lange es noch dauern würde, bis die Kinder tatsächlich auf die Welt kamen.

Es war daher also ungewiss, wie lange Lan Xichen mit seinem Gefolge vor der Tür noch warten musste. Im schlimmsten Fall würden es Stunden bis tief in die Nacht hinein werden.
Da der Gusu Lan Clan dies aber seinem Sect Leader nicht zumuten konnte so lange draußen vor der Tür zu warten, wurden sie daher eingeladen in einem benachbarten Pavillon einzukehren und ihnen dort Speis und Trank zu servieren. Doch Lan Xichen lehnte vehement ab und beharrte darauf genau hier vor der Tür zu warten.
Etwas widerwillig wurde nach einigen vergeblichen Bemühungen des Umstimmens schließlich eingewilligt und so wurde ein Lager direkt vor der Tür des Heiler´s eingerichtet. Es wurden Stühle, Tische, Decken und Speis und Trank vor die Tür gebracht und die Herren kampierten stoisch in der Kälte.

Nach einiger Zeit des Wartens tauchte schließlich auch Lan Qiren in der Ferne auf und es war an seinem Gesichtsausdruck schon von weitem zu erkennen, dass er diese Art des „Geburt-Campens" nicht gut hieß.
Während er mit mürrischer Miene und beißenden Worten der Sittlichkeit eintrudelte, stellte sich aber dennoch nach seinem anfänglichem Unmut schnell starkes Interesse an Jinan Liang's Wohlergehen ein. Denn immerhin, wurde er Großvater.
Welchen noch so mürrischen, älteren Herren würde dies vollkommen kalt lassen? Und abgesehen davon, war Jinan Liang mittlerweile jedem im Clan an's Herz gewachsen. Wer würde sich da nicht um sie Sorgen?

Nachdem sie ein paar Worte miteinander ausgetauscht hatten und sich alle auf den neusten Stand gebracht hatten, blickte sich Lan Qiren plötzlich etwas suchend um, als er sagte:
„Wo ist eigentlich meine Frau?"

Bao Tian nutzte die Gelegenheit und hob locker seinen Arm. Mit einer lässigen Handbewegung zeigte er hinter sich auf den Pavillon, als er sagte:
„Sie bringt gerade zwei Wunder mit auf die Welt. Ich denke sie hat vorerst keine Zeit mehr für ihren Mann um ihm als Balsam für seine vereinsamte Seele zu dienen."

Lan Qiren's Augenbrauen zogen sich angespannt zusammen. Er hatte sich längst an Bao Tian's flappsige Art und seine teils rüpelhaften Kommentare gewöhnt. Es machte für ihn also keinen Unterschied mehr ob er nur in dieser Situation darauf einging oder nicht. Es machte eh keinen Sinn und die meisten Bestrafungen fielen ins Leere aus, stellte sich Lan Xichen doch jedes Mal beschützend dazwischen und drückte für Bao Tian unentwegt ein Auge zu. Man könnte nahezu behaupte, der Mann hatte von Anfang an Narrenfreiheit im Clan, ganz zu Lan Qiren´s Ärgernis. Sein erzürnter Gesichtsausdruck alleine reichte also völlig aus um Lan Qiren´s Unzufriedenheit über die Partnerwahl seines Enkels auszudrücken, als er Lan Xichen einen grämenden Blick zuwarf.

Doch Lan Xichen lächelte dies schnell weg, als er schlichtend seine Hände hob und wieder mit seiner ruhigen und sanften Art argumentierte:
„Lasst uns doch nicht streiten. Dies ist schließlich ein besonderer Anlass. Die Anwesenden im Pavillon geben schließlich gerade ihr Bestes. Wir sollten ihren Einsatz und ihre Aufopferung in Ehren halten und geduldig und still hier draußen warten."

Über Wei Wuxian's Lippen flog plötzlich ein belustigtes Schmunzeln, als er schnell sein Gesicht hinter seiner Teeschale verschwinden lies. Er fragte sich ernsthaft, ob Lan Xichen's „Aufopferung" wohl Jinan Liang, als gebärende Mutter galt oder vielleicht eher Luan Han, welcher die ganze Zeit daneben saß und ihre Hände dabei hielt? Aber letzten Endes war es eigentlich auch unwichtig, auf wen genau es gemünzt war. Wei Wuxian hatte einfach noch nie den Begriff „Aufopferung" mit einer Geburt in Zusammenhang gebracht und es trieb ihm das Grinsen ins Gesicht, als dies nur wieder einmal bewies, wie unerfahren Lan Xichen in diesem Bereich noch war. Aber immerhin wurde er nun das Erste mal in seinem Leben Vater und es sei auch den ruhigsten und beherrschten Menschen gegönnt, hier und dort eine Schwachstelle aufzuweisen und vielleicht ein wenig die Contenance zu verlieren.

Während Wei Wuxian also etwas belustigt an seinem Tee nippte, fiel sein Blick zufällig zu Bao Tian herüber, welcher zu seiner Überraschung nicht weniger amüsiert drein schaute. Ihre Blicke trafen sich zufällig für einen Moment und sie mussten beide nicht weiter darüber sprechen um zu verstehen, dass jeweils der Andere wohl den selben Gedankengang hatte. Diese unerfahrene und fast schon kindliche Dramatisierung der Situation von Lan Xichen ließ ihn jedoch als durchaus liebenswürdig erscheinen und Bao Tian und Wei Wuxian konnten nicht anders, als in Stille und im Einvernehmen darüber zu schmunzeln.
Lan Xichen war in der Hinsicht schließlich genau so wie sein jüngerer Bruder Lan Wangji:
In vielen ganz weltlichen Dingen eben noch eine unerfahrene Jungfrau durch und durch, was diese beiden Jade-Brüder aber so ausgesprochen liebenswürdig und kostbar machte.
Menschen wie Bao Tian und Wei Wuxian, die von Grund auf einen durchtriebenen Charakter aufwiesen, konnten daher gar nicht anders, als sich zu ihnen hingezogen zu fühlen und sie mit ihrem neckischen Charme und Witz immer wieder aus ihrer Defensive hervorzulocken und sie ein wenig mit ihrem Einfluss zu „beschmutzen".

Die Stunden verstrichen und der Tag neigte sich langsam dem Ende zu. Noch Bis tief in die Nacht hinein harrten die Männer draußen vor der Tür aus. Abwechselnd fiel immer mal wieder einer in einen Dämmerschlaf und Lan Qiren hatte sich ab einem gewissen Punkt zügig wieder zurückgezogen. Mit der Begründung, dass nicht alle Verantwortlichen des Clan's sich die Freiheit herausnehmen könnten draußen vor einer Tür wie bei einem Klassenausflug zu campen, stapfte er von dannen und ging seinen geliebten Pflichten und Aufgaben nach. Dennoch lies er es sich nicht nehmen, alle paar Stunden sich Nachrichten einzuholen ob schon etwas passiert sei und er schickte in regelmäßigen Abständen Dienstmädchen zum Pavillon des Heiler´s um für das leibliche Wohl der Gebärenden, sowie für die campende Brut draußen vor der Tür zu sorgen.
Lan Qiren war und blieb einfach Lan Qiren und auch wenn Madame Mao ihn schon um einiges weicher bearbeitet hatte, so musste man ihn dennoch einfach so nehmen wie er war. Denn manche Dinge veränderten sich einfach nicht mehr und blieben selbst bis ins Hohe Alter bestehen.

Die Luft zog an und die Dunkelheit hatte die Cloud Recesses fest im Griff. Wei Wuxian war etwas eingenickt und lehnte mit seinem Kopf an Lan Wangji's Schulter an. Die Gespräche waren mittlerweile verstummt und ein paar Kerzen brannten noch auf dem Tisch in der Mitte ihrer Runde, als es plötzlich im Pavillon des Heiler´s zunehmend etwas lauter wurde.

Wei Wuxian schreckte plötzlich aus seinem Dämmerschlaf auf und blickte sich noch etwas irritiert um, als er schließlich deutlich Jinan Liang's Stimme vernahm.
„Was ist passiert?"
Sagte er noch etwas müde, als er sogleich mit seinem Kopf hochschnellte. Doch Lan Wangji berührte ihn beruhigend am Unterarm, als alle mit kritischem Blick zur Tür des Pavillon´s blickten.

Die Geburt schien in vollem Gange zu sein und die Männer zuckten zusammen, bei den Geräuschen, welche sie durch die Tür vernahmen.
Zwischen Jinan Liang's schmerzerfüllten Schreien hörte man immer wieder Madame Mao's klare Stimme, welche ihr scheinbar Mut zusprach und sie unterstützte wo sie nur konnte.

Wei Wuxian's Augen weiteten sich in Ehrfurcht vor der Bürde einer Geburt, welche den Frauen alleine vorbestimmt war zu tragen.
Die sonst so zarte und sanfte Stimme klang nun so schmerzerfüllt und sie klingelte in seinen Ohren. Seine Augenbrauen zogen sich kraus und Wei Wuxian seufzte einmal auf, als er bemerkte, dass die Anderen nicht weniger besorgt drein schauten.

Noch eine ganze Weile hielt dieses unangenehme ausharren vor der Tür an, bis man schließlich endlich das erste Babygeschrei vernahm. Die Männer auf der Veranda horchten sofort auf und der dunkle Schleier auf Lan Xichen's Gesicht lichtete sich sofort ein wenig. Hoffnung und Zuversicht sprach aus seinen müden Augen.

„Das erste ist da!"
Sagte Bao Tian kommentierend und auch er konnte nicht anders, als auch ihn die Freude übermannte und er tätschelte behutsam Lan Xichen's Hände, als dieser ihm ebenfalls einen erleichterten Blick zu warf.

Nach dem ersten Babygeschrei folgte bald auch ein zweiter und die Männer wurden mit jedem Moment der verstrich immer ungeduldiger.
Lan Xichen schickte schließlich eine der Wachen los um Lan Qiren zu berichten, sollte dieser noch wach sein und wünschen vorbei zu kommen.
Der junge Mann lief sofort wie ihm befohlen wurde los, hinaus in die Dunkelheit um die frohe Botschaft zu verkünden.

Aus dem Innern des Pavillon's vernahm man nun viele Stimmen, welche wild durcheinander sprachen und dabei zusätzlich von dem klarem Geschrei zweier Neugeborener untermalt wurden.

Wei Wuxian konnte langsam seine Neugierde nicht mehr zurückhalten, als er schließlich aufstand und zur Tür ging. Vorsichtig lehnte er sein rechtes Ohr an und begann zu lauschen. Gerade als er darüber nachdachte, wie unanständig sein Verhalten eigentlich sei und sich dieses vor den Augen des Sect Leader´s und Vater´s nicht gerade schickte, stand aber plötzlich Lan Xichen höchst persönlich hinter ihm und versuchte ebenfalls ein paar Worte zu erhaschen.
Mit besorgter Miene flüsterte er Wei Wuxian zu:
„Kannst du Jinan Liang's Stimme hören? Ich mache mir Sorgen, geht es ihr wol gut?"

Wei Wuxian's Augen weiten sich überrascht, gerade mit Lan Xichen im Nacken hatte er nicht gerechnet und er war für einen Moment etwas überrumpelt. Doch als er gerade sein Ohr noch einmal dichter an die Tür drücken wollte um noch einmal nachzuhorchen, Lan Xichen´s warmen Atem direkt in seinem Nacken, ging plötzlich und unerwartet mit einem Rück die große Tür auf.

„Huch!"
Rief Wei Wuxian noch aus, aber es war schon zu spät.
Er verlor sofort das Gleichgewicht und da Lan Xichen auch noch von hinten mit an ihm dran lehnte und zusätzlichen Druck ausübte, kippten nun die beiden unaufhaltsam nach vorne und fielen prompt in die offene Tür hinein.

Lan Wangji und Bao Tian sprangen noch ruckartig auf, als sich das unaufhaltsame Ereignis vor ihren Augen aber schon abspielte. Es war bereits schon zu spät, die Peinlichkeit noch verhindern zu wollen. Mit etwas Gerappel fielen Wei Wuxian und Lan Xichen übereinander und purzelten direkt in den Pavillon hinein. Sie fingen sich ab, stießen sich gegenseitig die Knochen an und blickten dann etwas peinlich berührt nach oben. Vor ihnen stand Zhao Ran, welche mit fassungslosen Augen auf die zwei Männer vor ihren Füßen starrte. Sie hielt sich ihre Hand vor Schock leicht vor den Mund und das Einzige was über ihre Lippen kam war nur ein:
„Meine Herren...was?"
Aber dann erklang aus dem Hintergrund auch schon Madame Mao´s gnadenlose Stimme:
„Ich fasse es nicht. Das der Tag kommt, wo Wei Wuxian mir mal vor die Füße purzelt, das kann ich ja noch nachvollziehen, aber Xichen, dass du nun auch noch mit am Boden liegst, das hätte ich nicht von dir erwartet! Wieso liegt Tian nicht an deiner Stelle in der Türschwelle? Wäre das nicht eher sein Job gewesen? Es hätte besser zu ihm gepasst, wobei er sich farblich definitiv nicht so gut von den dunklen Holzdielen abgehoben hätte wie du!"
Madame Mao schüttelte ihren Kopf hin und her.
„Euch Männer kann man nicht mal für ein paar Minuten aus den Augen lassen und schon benehmt ihr euch wie eine Gruppe wild gewordener Teenager."

Wei Wuxian konnte über die scharfen Worte Madame Mao's nur schmunzeln, während sie Lan Xichen eher hart trafen.
Belustigt schaute Wei Wuxian nach oben, sein sympathischtes Lächeln auflegend, als er sagte:
„Aber Madame Mao, dies waren ja auch nicht nur ein paar Minuten. Sondern Stunden! Es waren Stunden die wir hier draußen in der Kälte ausgeharrt haben. Wie könnt ihr es uns also übel nehmen mit der Zeit etwas die Geduld verloren zu haben und unsere Neugierde stillen zu wollen? Scheinbar ist uns der Frost zu Kopfe gestiegen."

Mit diesem abschließenden Satz half endlich Lan Wangji Wei Wuxian wieder vom Boden auf und auch Bao Tian sammelte Lan Xichen schnell wieder von den Holzdielen ab. Nachdem sie ihre Roben wieder gerichtet hatten und sich ordnungsgemäß für diesen Fauxpas entschuldigt hatten, trat Madame Mao mit einem „Hmpf" über die Türschwelle.

Doch sobald sie heraus zu den Männern trat, war aller Groll und Peinlichkeit schon wieder vergessen, denn in ihren Armen hielt sie ein Neugeborenes, welches eingewickelt in einem edlen, weißen Seidentuch war.
Sofort weiteten sich die erstaunten Augen der Männer mit einem faszinierendem Funkeln, als das Gesicht dieses kleinen, niedlichen Geschöpfes unter dem edlen Seidentuch hervorlinste. Sofort trat eine andächtige Stille ein, als Madame Mao überglücklich und voller Stolz das Kind präsentierte.
Sie funkelte Lan Xichen an, als sie sagte:
„Xichen, hier ist dein Sohn!"

Lan Xichen's Augen weiteten sich und er konnte es noch gar nicht richtig glauben, als er dieses kleine Kind vor sich sah. Es hatte eine niedliche kleine Stupsnase, die Augen fest geschlossen und ein paar dunkle Haare bedeckten sein kleines Köpfchen.
Lan Xichen schluckte einmal schwer, als seine Augen mit einer unglaublichen Tiefe zu funkeln und strahlen begannen. Fast etwas steif, fast noch etwas unbeholfen stand er da und brachte zunächst kein Wort über seine Lippen. Seine Augen waren fest auf das Kind geheftet und er wagte es kaum zu blinzeln. Doch Bao Tian half ihm schließlich etwas nach, legte seine Hand sanft auf Lan Xichen's Rücken und drückte ihn dann behutsam auf Madame Mao zu.
Seine Stimme war tief aber von einer unglaublichen Sanftheit begleitet:
„Sieh nur, du bist jetzt Vater."

Lan Xichen kam einen zögerlichen Schritt vor. Ein noch befremdliches Gefühl flutete seinen Körper, aber ein überglückliches Lächeln huschte über seine Lippen und er blickte Bao Tian fast etwas verlegen an.
Doch Bao Tian zwinkerte ihm zu und sagte liebevoll:
„Na los doch, nimm ihn auf den Arm."

Lan Xichen's Augen wurden immer größer, als Madame Mao ihm vorsichtig das Kind entgegenstreckte.

Mit einer unglaublichen Demut und Kostbarkeit nahm Lan Xichen das Kind in seine Arme und hielt es vor seiner Brust. Behutsam schwenkte er es wie aus Reflex leicht hin und her, als zeitgleich mit dieser Berührung plötzlich eine unglaubliche Wärme in seinem Herzen ausströmte. Voller Staunen betrachtete er seinen Sohn in seinen Armen, während Bao Tian dicht hinter ihm stand. Er berührte ermutigend Lan Xichen´s linken Oberarm und betrachtete dann über dessen Schulter hinweg ebenfalls das schlafende Kind. Liebevoll fasste er an Lan Xichen vorbei und berührte die kleine Nase, als sogleich auch über seine Lippen ein warmherziges Lächeln huschte.
Er schmunzelte, als er sagte:
„Ganz der Vater."

Nun huschte auch ein Lachen über Wei Wuxian's Gesicht und auch Lan Wangji kam immer näher um das neugeborene Kind zu betrachten.

„Sieh nur Lan Zhan. Jetzt sind wir wirklich Onkel geworden."
Sagte Wei Wuxian begeistert und auch Lan Wangji´s Gesicht trug eine gewisse Sanftheit.
Die Männer zogen einen engen Kreis und als sie alle Vier so erstaunt und verzückt zugleich sich um das Kind scharrten, konnte Madame Mao und Zhao Ran gar nicht anders als leise zu lachen. Der Anblick war einfach zu niedlich, wie sich diese vier erwachsenen Männer so verzaubert um das kleine Kind tummelten.

Madame Mao hielt sich ihre Hand dezent vor den Mund, als sie belustigt sagte:
„So wie ihr da alle steht, frage ich mich, wer hier eigentlich alles Vater geworden ist? Ich sehe schon, die Erziehung wird in diesem Fall wohl stark männlich geprägt sein."

Während die Männer alle noch schwer beschäftigt waren dieses Wunder zu erfassen und zu begreifen, gingen Madame Mao und Zhao Ran schon wieder rein, als Lan Xichen schließlich aufblickte und besorgt nachfragte:
„Wie geht es Liang? Und was ist mit dem anderen Kind? Könne wir zu ihnen?"

Madame Mao machte eine einladende Handbewegung:
„Kommt rein. Liang geht es gut, sie und deine Tochter warten schon auf euch alle!"

Eine Tochter?"
Kam es plötzlich im Kanon über die Lippen der vier Männer.

„Ja!"
Lachte Madame Mao verzückt.
„Ist das nicht großartig? Jinan Liang hat einen gesunden Sohn und eine gesunde Tochter zur Welt gebracht. Was für ein entzückendes Zwillingspaar."

Die Freude aller war überschwänglich, als sie schließlich ganz gespannt in den Pavillon traten.
Als die große Tür sich hinter ihnen wieder schloss wurden erst einmal dankende und beglückwünschende Worte unter allen Anwesenden ausgetauscht und der Heiler wechselte zunächst ein paar Worte mit ihnen, ehe er sie weiter in den Pavillon herein bat.

Lan Xichen gab gerade seinen Sohn behutsam in Bao Tian's Arme ab, als Luan Han plötzlich hinter dem Raumteiler hervortrat.

„Xichen!"
Sagte er freudestrahlend. Er verneigte sich kurz und beglückwünschte ihn dann von Herzen zu seiner Vaterschaft.

Für einen Außenstehenden, der die Umstände kannte, mag es ein skurriler Anblick gewesen sein, diese zwei Männer nun freundlich und von jeglichem Groll zueinander losgelöst sich unterhalten zu sehen. Aber für Lan Xichen und Luan Han gab es zwischen ihnen keine Missverständnisse, die Beziehungen lagen klar und offen dar und jeder empfand für sein Gegenüber tiefe Dankbarkeit und Respekt. Sie waren sich beide bewusst, dass dies mehr als außergewöhnliche Umstände waren, aber sie waren sich auch beide im klaren darüber, dass es dies gewesen ist, was sie wollten.

Luan Han sah trotz seiner Freude jedoch etwas müde und geschafft aus, aber dennoch stand auch in seinem Gesicht ein freudiges Lächeln, als er sagte:
„Xichen, du musst unbedingt deine Tochter sehen. Sie ist so unglaublich hübsch und niedlich. Liang hat auch schon mehrfach nach dir gefragt und erwartet dich schon.
Schnell geh zu ihr."

Lan Xichen konnte nicht anders, als sich bei Luan Han zu bedanken, für seine Tatkräftige Unterstützung während der Geburt und er konnte nicht an sich halten, Luan Han einmal familiär über die Schulter zu streichen. Luan Han erwiderte diese kurze Geste und auch er legte kurz seine Hand auf Lan Xichen's Schulter ab. Es war ein dankbarer und anerkennender Akt zwischen diesen beiden Männern, welcher einen Hauch von Brüderlichkeit versprühte.

Die anderen gewährten Lan Xichen nun den Vorrang und hielten sich erst noch zurück um dem frischen Elternpaar kurz etwas Zeit für sich zu geben.

Vollkommen gespannt trat Lan Xichen hinter dem Raumteiler hervor, als er Jinan Liang schon aufrecht im Bett sitzen sah. In ihren Armen hielt sie ihre Tochter und obwohl Jinan Liang deutlich ausgelaugt und müde aussah, so erstrahlte sie doch in der Schönheit einer frisch gewordenen Mutter. Ihre Haare hingen offen an ihren Schultern herunter und ihre Wangen wiesen eine gewisse frische Röte auf. Ihre Lippen waren etwas blass aber ihre Augen strahlten mit einer unglaublichen Ausdrucksstärke.
Als sie Lan Xichen hinter dem Raumteiler erblickte weiteten sich Ihre Augen und ihre Blicke trafen sich.

„Huan!"
Sagte sie mit zarter Stimme, als sie ihm ein Lächeln schenkte.

Lan Xichen kam sofort zu ihr ans Bett, setzte sich auf die Bettkannte und strich zunächst zärtlich über ihre etwas heiße Wange:
„Wie geht es dir? Ist alles in Ordnung? Wenn du etwas brauchst sag sofort bescheid."
Seine Stimme klang fürsorglich aber auch ein wenig besorgt.

Doch Jinan Liang strahlte ihn nur von einem Ohr über das Andere an.
„Mir geht es gut. Sieh nur unsere Tochter. Ist sie nicht zauberhaft?"
Lan Xichen bestaunte das Kind in Jinan Liang's Armen und in der Tat, ihre Tochter war zauberhaft. So unglaublich klein, so unglaublich zart und so unglaublich kostbar.

Lan Xichen streichelte vorsichtig über das kleine Köpfchen und die beiden frisch gewordenen Eltern, betrachteten noch eine ganze Weile das kleine Geschöpf, als Lan Xichen schließlich Jinan Liang's Blick aufsuchte. Es war ein Blick von ihm, so unglaublich warmherzig, voller Respekt und Ehrfrucht, als er plötzlich langsam seine Hand erneut ausstreckte und Jinan Liang's Wange berührte. Dann schloss er seine Augen, berührte mit seinen Fingerspitzen ihr Kinn und lehnte sich nach vorne um auf ihre Stirn zu küssen.
Seine Stimme war leise und zart aber so unglaublich bedeutend:
„Danke Liang!
Ich danke dir von Herzen!
Für alles!"

Jinan Liang schloss für einen Moment genießend ihre Augen. Doch dann öffnete sie sie wieder um dann sofort seine Geste zu erwidern. Sie berührte mit einer Hand Lan Xichen am Hinterkopf und zog ihn vorsichtig zu sich herunter. Sie küsste ebenfalls auf seine Stirn, aber auch auf jede seiner Wangen einmal.
„Ich habe dir zu Danken, Lan Huan.
Niemals werde ich vergessen was du für mich und Luan Han getan hast!"

Die beiden schauten sich an und schenkten sich ihr schönstes Lächeln, als man plötzlich laut Wei Wuxian's Stimme hinter dem Raumteiler hervortönen hörte:
„Seid ihr endlich fertig mit dieser tiefschürfenden Zweisamkeit? Hier hinter dem Raumteiler erhitzen sich langsam die Gemüter der Eifersucht...Hier gibt es schließlich auch noch andere die vor Neugierde platzen und die Damen des Hauses endlich sehen möchten!"

Jinan Liang lachte bei diesen Worten belustigt auf und auch Lan Xichen, konnte sich ein verlegenes Lächeln nicht verkneifen.
„Aber sicher Onkel, Wei.
Na dann los, kommt alle rum!" Sagte Jinan Liang.

Das ließen sich die Männer nicht zwei mal sagen und in kurzer Hand kamen sie alle zu Jinan Liang ans Bett herangetreten. In Reih und Glied standen sie nun da und bewunderten den neuen Zuwachs des Clan´s. Hinter dem Raumteiler wurde es nun ziemlich eng und die Stimmung hob sich sichtlich an.
Luan Han, Wei Wuxian, Lan Wangji, Bao Tian, Lan Xichen, Madame Mao, Gao Lee, Zhao Ran und der Heiler mit seinen Schülern, sie alle waren versammelt und die Stimmung hätte nicht glücklicher sein können. Doch gerade als die überschwänglichen Gespräche überhand nehmen wollten, klopfte es plötzlich laut an der Tür.

Sie alle zuckten auf, die Gespräche verstummten und eines der Dienstmädchen öffnete vorsichtig die Tür und spähte hinaus in die dunkle Nacht.
Es war niemand anders als Lan Qiren, welcher in seiner Nachtrobe vor der Tür stand und ein belustigtes Raunen ging durch die lebhafte Runde, als dieser sich nun ebenfalls noch mit hinter dem Raumteiler einfand.

Madame Mao lachte verschmitzt, als sie sagte:
„Da ist er ja endlich, der Großvater. Besser spät als nie würde ich sagen."
Elegant schwang sie sich zu ihm herüber und während sich auf seiner Stirn eine mürrische Falte abzeichnete, grämte er sich innerlich über solch eine Begrüßung seiner eigenen Frau. Doch Madame Mao wäre nicht Madame Mao, wenn dies nicht nur der Anfang ihrer Neckereien gewesen wäre. Sie huschte daher an ihm vorbei, strich über seine Schultern und über seinen Rücken und schmiegte sich dicht an ihn an. Sie küsste ihn zärtlich, vor den Augen aller auf seine Wange und lies den alten Lan Qiren schell seinen Groll wieder vergessen.
Sein Gesichtsausdruck war jetzt zwar auch nicht deutlich entspannter als vorher, aber immerhin kamen alle nun einmal in den Genuss einen leicht verlegenen Lan Qiren zu Gesicht zu bekommen. Er räusperte sich daher hastig, die Situation überspielend und sagte mit einer leichten Nachsicht in seinem Tonfall:
„Zu dieser späten Stunde und alle sind sie hier versammelt. Wie soll sich eine frisch gewordene Mutter da nur von den Strapazen einer Geburt erholen? Morgen Früh wird der Clan noch im Chaos versinken und die Schüler werden noch ihre gewohnte Routine vermissen, wenn die Verantwortlichen nicht selbst die Nachtruhe einhalten!"

Doch Madame Mao klopfte ihm nur besänftigend auf die Schulter.
„Besondere Ereignisse erfordern eben besondere Ausnahmen. Drücken wir alle einfach mal ein Auge zu und vergessen für einen Moment alle selbst auferlegten Pflichten. Das Leben lässt sich eben nicht immer planen. Lassen wir uns doch einfach ab und an mal vom Schicksal leiten und ein Stückchen mitnehmen."

Alle nickten einvernehmlich, als Jinan Liang den Moment nutzte und Lan Qiren höflich zu sich ans Bett herüber wank. Lan Qiren folgte ihrer Einladung und als ihm alle etwas Platz machten, schaute sie ihn freundlich an, als sie sagte:
„Seht nur, eure Enkelin."
Jinan Liang reichte Lan Qiren das kleine Mädchen auf den Arm und sofort waren Lan Qiren's mürrische Stirnfalten gänzlich verschwunden. Voller Bewunderung und noch etwas sprachlos blickte er nun ebenfalls auf das kleine Geschöpf in seinen Armen, als Bao Tian neben ihn trat, noch immer den Jungen in seinen Armen haltend.
„Ihr habt nun eine Enkelin und noch einen Enkel." Fügte er hinzu.

Lan Qiren's Augen wanderten voller Bewunderung zwischen den beiden Kindern hin und her und er erinnerte sich schlagartig wieder an die Geburt von seinen Neffen Lan Xichen und Lan Wangji. In Erinnerungen schwelgend huschte ein zartes Lächeln über seine Lippen, als auch er voller Achtung und Zuspruch sagte:
„Ja, sie sehen wahrhaftig gesund und kräftig aus. Ihre Eltern, können stolz auf sie sein."

Ein Lächeln ging durch die Runde und Madame Mao trat hinter Lan Qiren und massierte liebevoll seine Schultern, als Wei Wuxian schließlich die Frage aller Fragen in den Raum warf:
„Und, wie heißen nun die Beiden? Zwei so entzückende Kinder, brauchen schließlich auch zwei entzückende Namen.

Plötzlich trat allgemeine Stille in dem Pavillon ein und in der Tat, die wichtigste Frage war noch gar nicht geklärt.
Doch es war dieser Moment, als Jinan Liang plötzlich den Blickkontakt zu Lan Xichen aufsuchte. Die beiden tauschten einen bedeutenden Blick aus und Lan Xichen nickte Jinan Liang zustimmend zu.

Dann fing sie an zu sprechen und alle hörten ihr gespannt zu:
„Xichen und ich haben uns im Vorfeld schon Gedanken zu den Namen gemacht. Egal welche Geschlechter es nun auch werden würden, haben wir Jungen und Mächen Namen ausgesucht. Für den Fall, dass es aber ein Junge und ein Mädchen wird, habe ich Lan Xichen um einen Gefallen meinerseits gebeten."

Plötzlich wurde es ganz still in dem Pavillon und alle blickten einmal abwechselnd zu Lan Xichen und dann wieder zurück zu Jinan Liang herüber. Die Spannung stieg leicht an und alle lauschten gespannt auf, als Jinan Liang fortfuhr:
„...Denn Für den Fall, dass es ein Junge und ein Mädchen wird wollte ich dich, Bao Tian fragen…"

Überrascht schauten nun alle zu Bao Tian herüber und dieser zuckte bei dem Klang seines Namens zusammen und blickte ruckartig auf. Er hielt noch immer den kleinen Jungen in seinen Armen, sein rechter Zeigefinger fest umschlossen von der kleinen Kinderfaust, als er verblüfft Jinan Liang anblickte.
„Ich?"
Fragte er etwas verwundert und suchte sofort etwas hilflos den Blickkontakt zu Lan Xichen.
Doch dieser lächelte ihn nur an und nickte ihm einmal bestätigend zu, als Jinan Liang mutig fortfuhr:
„Richtig, es ist mein selbstsüchtiger Wunsch gewesen und ich hatte zunächst Xichen gefragt, ob dies in Ordnung sei überhaupt zu verlangen..
Aber ich wollte dich fragen Bao Tian,
auch wenn ich weiß,
dass nichts und niemand auf der Welt dir jemals deine Kinder ersetzen kann und dies auch gewiss nicht meine Absicht ist...
Aber so wollte ich dich dennoch fragen,
ob du dir vorstellen könntest,
als Erinnerung und zu Ehren deiner verstorbenen Kinder,
wir als Zweitnamen ihre Namen an unsere Kinder weitergeben dürfen?"

Bao Tian's Augen weiteten sich ins Unermessliche und aus Schock hätte er fast im ersten Moment das kleine Geschöpf in seinen Armen fallen gelassen.
Eine unglaublich andächtige Stille trat im Pavillon ein und alle blickten gespannt und mit Wehmut auf Bao Tian, welcher zunächst noch regungslos da stand.
Sie alle kannten mittlerweile seine Vergangenheit und sie alle waren zutiefst berührt von dem Schicksal, welches ihn einst ereilt hatte und tiefe, unheilbare Wunden in seinem Herzen hinterlassen hatte.

Es dauerte einen Moment, bis er verarbeitet hatte, was genau Jinan Liang ihn da eigentlich gefragt hatte, als er schließlich langsam seinen Blick wieder senkte und das Kind in seinen Armen betrachtete. Es war so klein und hilflos, auf der Suche nach so viel Liebe und Geborgenheit, als es fest mit seinen kleinen blassen Fingern Bao Tian´s großen Zeigefinger umschloss. Die Berührung war so willensstark, aber so warm und zärtlich zugleich.

Ihr unterschiedlicher Hautteint zeichnete einen deutlichen Kontrast zueinander ab und die Berührung dieser beider Menschen, welche unterschiedlicher nicht hätten sein können, war so fremd und doch so vertraut zugleich.
Der eine groß und stark, der andere klein und schwach und doch durch den Kreis des Lebens untrennbar miteinander verbunden.

Bao Tian's kleiner geflochtener Zopf, verwoben mit Lan Xichen´s Kopfband, rutschte über seine Schulter nach vorne und striff das Gesicht des Kindes, als er plötzlich in vergangenen Erinnerungen schwelgte. Seine großen, braunen Augen wurden leicht glasig, als die vielen schönen und traurigen Erinnerungen an seine Familie durch seine Gedanken wanderten. Er sah die lachenden Gesichter seiner Kinder vor sich, das wunderschöne Gesicht seiner Frau und sein Herz wurde ihm so unglaublich schwer, als er an den schmerzlichsten Verlusst seines Lebens erinnert wurde.

Jinan Liang machte sich kurzzeitig Sorgen, mit ihrer Frage eine Grenze überschritten zu haben und so blickte sie unsicher zu Bao Tian herüber, welcher noch immer schweigend da stand.
Eine ganze Weile rührte sich niemand und die Stille im Pavillon wurde so unglaublich erdrückend.

Doch dann, als die Feuchtigkeit in Bao Tian's Augen sich langsam zu einer einzelnen Träne anreicherte, welche aus seinem Augenwinkel über seine Wange perlte und dann von seinem Kinn herunter tropfte und die kleine Hand des Kindes benetzte, sprach er schließlich mit tiefer aber leiser Stimme:
„...Meine Tochter hieß Ziyi und mein Sohn hieß Jin...Bao Ziyi und Bao Jin waren ihre Namen.
Gerne würde ich ihre Namen euren Kindern schenken, auf das sie ihnen Kraft schenken mögen und durch sie weiter leben dürfen."

Jinan Liang's Augen weiten sich überglücklich und auch Lan Xichen schaute überwältigt drein. Ein allgemein fröhliche und gutheißende Resonanz ging durch die Reihen und Lan Xichen legte seinen Arm um Bao Tian's Schulter, berührte mit seiner Hand dessen Hinterkopf und drückte ihre Köpfe dann behutsam aneinander. Ein Lächeln flog über Bao Tian's Lippen und ein von Herzen kommendes „Danke" kam über seine etwas zittrigen Lippen, als er Jinan Liang mit seinen großen, brauen Augen dankend anblickte. Lan Xichen drückte ihre Körper fest aneinander und küsste einmal Bao Tian´s Schläfe.
Sie wirkten in diesem Moment so unglaublich glücklich und Bao Tian's Seele heilte langsam Stück für Stück, als das Kind in seinen Namen lag, ihn scheinbar niemals wieder gehen lassen wollte und Lan Xichen ihn so liebevoll umarmte.

Sie alle fühlten mit ihnen, denn sie alle wussten von Bao Tian´s Schmerz und seinem Verlusst. Jinan Liang's Idee fand daher großen Anklang und nachdem die Zweitnamen nun beschlossen waren, fragte Wei Wuxian neugierig:
„Und welche Namen habt ihr euch als Erstnamen überlegt?"

Jinan Liang lächelte in die Runde:
„Luan Han und ich haben uns die Mädchennamen überlegt. Sie soll daher Ning heißen, die Friedliche.
Xichen und Wangji haben die Jungen Namen ausgesucht. Daher soll unser Sohn nun den Namen Sheng tragen, was für Sieg und Erfolg steht.

„Oh." Sagte Wei Wuxian.
„Also sind es dann Lan Ning Ziyi und Lan Sheng Jin. Was für wunderschöne und vielversprechende Namen, von zwei wundervollen und vielversprechenden Eltern."

Lan Xichen und Jinan Liang dankten Wei Wuxian für seine lieben Worte und niemand konnte ihm da widersprechen.
Alle gemeinsam waren sich daher mehr als einig und sie alle hießen die Kinder noch einmal mit ihren vollen Namen Willkommen.

Mit diesen beiden Namen, getränkt voller Erinnerungen und gefüllt mit so viel Liebe, gegeben von einer Familie die hinter ihnen stand und sie groß zog, konnten sie nur behütet und beschützt aufwachsen und somit auf eine glorreiche und glückliche Zukunft schauen.