Chapter 25
Es war der Morgen nach Jinan Liang's erstem Todestag.
Die Sonne war gerade erst aufgegangen, doch wurde sie von einer dicken Wolkendecke verhangen. Der feuchte Tau der Nacht lag noch auf den Gräsern und feiner Regen kündigte sich an. Die Natur war still und unbelebt an diesem wolkenverhangenen Tag. Nur das leise Rauschen des Windes in den Baumkronen war zu hören und der zarte Gesang des feinen Regens auf den Dächern.
Lan Xichen hatte offiziell nach den gestrigen Feierlichkeiten und Trauerzeremonien zu einer Andachtswoche ausgerufen, in der die gesamte Cloud Recesses eine Woche lang an Jinan Liang gedenken sollte und somit jegliche Arbeit niedergelegt wurde.
Es war daher nicht verwunderlich, dass an diesem Morgen noch niemand außerhalb seines Pavillon's gesehen wurde und nur der helle Kerzenschein in den Fenstern verriet, dass die Menschen schon aufgestanden waren.
Lan Xichen saß noch in seiner schlichten Morgenrobe an dem niedrigen Schreibtisch in seinem Pavillon. Sein Haar war schon gekämmt und fiel offen und seidig über seinen Rücken. Allgemein war sein Erscheinungsbild schon adrett hergemacht, außer dass seine Kleidung deutlich schlichter und einfcher ausfiel als sonst. Er war komplett in ein reines weiß eingehüllt, ohne Stickereien oder sonstige Veredlungen und selbst seine Stirn wirkte noch leer und natürlich, denn er hatte sein Kopfband noch nicht umgebunden. Um es präziser auszudrücken, sein Ersatzkopfband. Denn sein ursprüngliches, welches er viele Jahre gehegt und gepflegt hatte, war seit geraumer Zeit in dem kleinen Zopf in Bao Tian's Haar fest eingeflochten und hatte bis heute, diesen Ort auch nicht wieder verlassen.
Lan Xichen saß im Lotussitz, sein Rücken kerzengerade wie eine Pinie, als er nachdenklich einen Brief schrieb. Seine rechte Hand führte anmutig den Pinsel auf und ab, während seine linke Hand den langen, weißen Ärmel elegant zurückhielt. Das warme Kerzenlicht auf seinem Tisch erhellte seine Silhouette und er wirkte wie das Ebenbild einer unsterblichen Schönheit, welche hingebungsvoll weltlichen Dingen nachging und dabei so überaus attraktiv und sinnlich wirkte.
Im Hintergrund diesen Stilllebens vernahm man leises Gelächter, denn trotz der allgemein bedrückenden Stimmung schien zumindestens eine Person zu versuchen, die Welt von zwei kleinen Menschen etwas fröhlicher zu gestalten.
Bao Tian lag mit Lan Ning Ziyi und Lan Sheng Jin zusammen im Bett und er erzählte den beiden Kindern viele aufregende Geschichten, untermalte diese mit aufregenden Gestiken und Mimiken und versuchte in ihre betrübten Gesichter ein Lächeln zu zaubern. Und dieses mit zunehmendem Erfolg. Lan Ning Ziyi und Lan Sheng Jin waren mittlerweile vier Jahre alt und es verging fast kein Tag an denen Bao Tian es nicht schaffte sie zum Lachen zu bringen. Er ging in seiner Rolle als Zweitvater vollends auf und er erklärte ihnen spielerisch die Welt und überhäufte sie mit der reinsten und fürsorglichsten Liebe. Er war wie ein Vater für sie geworden und in dem letzten vergangenem Jahr hatte er es nicht, um auch nur einen Tag verfehlt, seinem Versprechen an Jinan Liang und Lan Xichen nachzukommen, die Kinder wie seine eigenen großzuziehen und Lan Xichen dabei zu helfen, ihnen ein guter Vater zu sein.
Sie waren eine Familie geworden. Auch wenn niemals jemand versuchte Jinan Liang ersetzen zu wollen, doch selbst an den grauesten Tagen und in den dunkelsten Stunden hielten sie zusammen und nur selten übergab Lan Xichen seine Kinder komplett in die Obhut einer Amme. Bis zum heutigen Tag schliefen die Kinder sogar bei ihm mit im Pavillon und sie teilten fortan das Bett zu Viert. Bis auf einige, wenige Ausnahmen, in denen Bao Tian Lan Xichen's ungeteilte Aufmerksamkeit auch in der Nacht für sich allein beanspruchte.
Der Pavillon befand sich also im Zwiespalt zwischen meditativer Ruhe am Schreibtisch und ausgelassener Stimmung im Bett und bewies somit eindrucksvoll den Verlauf des Lebens.
Bao Tian lag auf seinem Rücken, wie immer, mehr ausgezogen als angezogen, als er jeweils mit seiner linken und rechten Hand die Kinder gleichzeitig in die Luft stemmte. Lan Ning Ziyi und Lan Sheng Jin kreischten und lachten in Freude, während Bao Tian seine Kraft beeindruckend unter Beweis stellte und die Kinder durch die Luft wirbelte, bis ihnen irgendwann bei so viel Geschunkel das Lachen im Hals stecken blieb.
Lan Xichen seufzte einmal erleichtert auf und er wendete seinen Blick von dem Papier ab und blickte über seine Schulter nach hinten zum Bett. Als er die Drei hinter dem Raumteiler in ausgelassener Stimmung sah und das zauberhafte Lachen der Kinder den Pavillon erfüllte, huschte ein Lächeln über seine Lippen und sein Herz wurde von einer angenehmen Wärme heimgesucht, als er darüber nachdachte, wie überaus gesegnet er sei, diese Menschen an seiner Seite zu wissen.
Er schaute Bao Tian an und aus seinem Blick sprach nichts außer die bedingungsloste und ehrlichste Liebe, als das lachende Gesicht diesen Mannes schon ausreichte, dass er sich geborgen und zu Hause fühlte.
Lan Xichen verlor sich in diesem Anblick und er bewegte sich nicht mehr, als er mit seinem Blick die angenehme Wärme förmlich in sich aufsog und voller Hingabe den Dreien zu sah.
Eine ganze Weile spielte Bao Tian noch mit den beiden, als er schließlich im Augenwinkel Lan Xichen's tiefschürfenden Blick bemerkte. Er drehte seinen Kopf auf der Matratze zur Seite und linste zum Schreibtisch herüber, als er Lan Xichen dabei beobachtete, wie dieser ohne zu blinzeln ihn anstarrte. Lan Xichen's Mundwinkel waren seicht nach oben gebogen und seine Augenwinkel wiesen leichte Lachfältchen auf, als Bao Tian's Augen sich bei diesem Anblick weiteten. Langsam nahm er seine Arme wieder herunter und legte Lan Ning Ziyi und Lan Sheng Jin nebeneinander auf seiner breiten Brust ab, als er mit sanftem Ton sagte:
„Ich glaube euer Vater fühlt sich da hinten etwas einsam und würde lieber bei uns mitmachen."
Die Kinder blickten sofort zu Lan Xichen herüber und ihre kleinen Augen weiteten sich, als Lan Sheng Jin vertraut herüber rief:
„Vati, Vati, komm schnell. Du brauchst nicht traurig sein. Du kannst mitspielen. Tian ist so stark, er kann dich auch hochstemmen wenn du möchtest."
In diesem Moment erwachte Lan Xichen wie aus einem Traum und erst in dieser Sekunde war ihm bewusst geworden, dass er geträumt hatte und scheinbar etwas in die Leere gestarrt hatte. Als er sich kurz sortierte was geschehen war, erblickte er auch schon die erwartungsvollen Blicke seiner Kinder, welche ihn so fröhlich anfunkelten und auf eine Reaktion von ihm warteten.
Bao Tian schmunzelte bei diesem überaus verwirrten Anblick Lan Xichen's und fand diesen überaus niedlich und charmant. Ohne zu zögern sagte in einem zweideutigem Ton, welcher für die Kinder noch nicht erkennbar war:
„Vati kann ich noch ein andern Mal „in die Luft stemmen"...Aber vielleicht möchte er trotzdem gerne etwas herkommen?"
Er streckte seinen rechten Arm über die Matratzte und hielt seine Hand einladend Lan Xichen entgegen, dabei blickte er ihn mit seinen braunen Augen warmherzig an.
Lan Xichen räusperte sich kurz und hielt seine Faust vor seinen Mund, Bao Tian's zweideutige Anspielung vor den Kindern überspielend, als er der Einladung nachkam und seinen Pinsel zur Seite legte.
Er atmete kurz ein, als er sagte:
„Ausnahmsweise. Heute Morgen muss ja keiner von uns früh los."
Über Bao Tian's Gesicht huschte ein zufriedenes Lächeln, als die Kinder in seinen Armen schon vor Freude zu zappeln begannen.
Lan Xichen stand auf und kam mit langsamen Schritten zum Bett herüber. Er konnte sich ein Schmunzeln seinerseits nicht verkneifen, als Bao Tian nun seinen Arm anhob und seine Hand weiterhin einladend ihm entgegenstreckte.
Als Lan Xichen vor dem Bett angekommen war, legte er seine schlanke Hand in Bao Tian's, als er sagte:
„Und jetzt, ihr Drei nehmt schon so viel Platz ein, da reicht es für mich gerade noch mich mit auf die Bettkante niederzulassen."
Doch Bao Tian lachte auf, als er verschmitzt sagte:
„Pappelapapp. Wenns in die Breite nicht mehr passt, passt es aber immernoch in die Höhe."
Mit diesem Satz schob Bao Tian auch schon die Kinder behutsam zur Seite und zog lustige Grimassen, während er den Jungen und das Mädchen quer übers Bett purzeln ließ. Unter dem Gekreische und dem Gelächter der beiden, rollten sie sich auf die linke Seite neben Bao Tian, als dieser plötzlich kräftig an Lan Xichen's Hand zog.
Lan Xichen's Augen weiteten sich in Schock, als er plötzlich das Gleichgewicht verlor und direkt vornüber auf Bao Tian fiel. Dieser packte sofort beherzt zu und stemmte ihn direkt auf sich drauf, sodass Lan Xichen nun der Länge nach auf seinem Bauch zum Liegen kam. Dicht eingeschlossen in Bao Tian's starken Armen lagen sie nun direkt übereinander und ihre beiden Nasenspitzen waren nur einen Zentimeter von einander entfernt. Die Kinder verknoteten sich derweil neben ihnen auf der Matratze und geierten und lachten, während das Bett unter dem plötzlichen Stellungswechsel zu wackeln begann.
Lan Xichen lief derweil krebsrot im Gesicht an und wollte sich sofort etwas nach oben drücken, um etwas mehr Abstand zu bekommen, doch Bao Tian konnte scheinbar seine Gedanken lesen und er spreizte sofort seine eigenen Beine, sodass Lan Xichen's Unterkörper zwischen seine Schenkel rutschte. Zu allem Überfluss überkreuzte Bao Tian dann noch seine Unterschenkel über Lan Xichen´s Hüfte und umklammerte ihn somit wie ein Äffchen, als jeglicher Ausbruchsversuch damit sofort im Keim erstickt wurde.
Lan Xichen blickte peinlich berührt drein, als er untypischerweise sogar haspelte:
„Tian…nicht vor den Kindern."
Doch Bao Tian lachte nur auf, während Lan Ning Ziyi und Lan Sheng Jin unbeeindruckt schon begannen neben ihnen eine Kissenschlacht im Bett zu beginnen, sagte er nur grinsend:
„Ein Schelm der sich böses dabei denkt. Es sind Kinder, in ihren Augen gibt es noch keine Anrüchigkeit. Ihre Gedanken und Gefühle sind noch rein und unbefleckt. Es gibt also nichts, außer deine eigenen Gedanken, wofür du dich jetzt schämen müsstest."
Lan Xichen zog ein peinlich berührtes Gesicht. Es fiel ihm schwer vor den Kindern in zu intimen Körperkontakt zu treten, aus Angst sie eventuell für das weitere Leben falsch zu prägen. Doch Bao Tian sah die Dinge ganz locker und war selbst vor den Kindern immer ehrlich zu sich selbst.
Denn was half es Dinge aus übertriebener Rücksicht vor Scham und Richtung zu verstecken? Früher oder später würden sie es eh erfahren und es war leichter mit Dingen aufzuwachsen und sie von Kind auf an für selbstverständlich zu halten, anstatt sich die auferlegte Etikett und Moral der älteren Generation anzupassen.
Mit dieser Einstellung in Gedanken, festigte Bao Tian also erstrecht noch seine Umarmung und er zwang ihre Körper dicht aufeinander, als er plötzlich in Lan Xichen's Nacken griff und ihn zu sich herunter zog.
Ein kurzes empörtes Schnaufen kam noch über Lan Xichen's Lippen, als sich seine Augen weiteten und Bao Tian ihn plötzlich in einen Kuss verwickelte.
Seine Augenbrauen zogen sich stark zusammen, seine langen, dunklen Wimpern flatterten aufgeregt auf, als sein Körper augenblicklich stocksteif wurde.
Doch Bao Tian kümmerte dies alles nicht. Während neben ihm die Kinder das Bett in ein offenes Schlachtfeld verwandelten und Lan Xichen in seinen Armen vor Schock und Scham gänzlich aussteifte, presste er seine Zunge zwischen die zwei zarten Lippen und vereinnamte schamlos nach was es ihm an diesem Morgen verlangte.
Lan Xichen schnaufte mehrfach ruckartig durch seine Nase und stemmte seine Hände gegen Bao Tian's Brust, doch es war vergebens. Während seine Hüfte immer tiefer zwischen Bao Tian´s Schritt rutschte und ihre Körperwärme sich durch die dünnen Kleider drückte, spürte er seinen eigenen Herzschlag, welcher langsam anzusteigen drohte.
Bao Tian's Zunge fegte wie ein heißes Feuer durch seine Mundhöhle, stimulierte ihn intensiv bis zum Äußersten und verführte ihn mit Geschick und Technik.
Die großen, warmen Hände auf seinem Rücken, hielten ebenfalls nicht still und strichen zunächst über seine Schulterblätter, bis sie schließlich langsam an seiner Taille und Rückenlinie nach unten wanderten und dann zärtlich über die zwei runden Pobacken streichelten.
Lan Xichen wäre fast das Herz aus seiner Brust gesprungen. Solch ein schamhafter Akt vor den Augen der Kinder ging für ihn zu weit und sein Gesicht wurde so rot, dass sogar seine Ohrläppchen und Nacken rot anliefen.
Doch Bao Tian hatte seine eigene Schamgrenze noch lange nicht erreicht, als er plötzlich beherzt an Lan Xichen's Hintern griff und mit einem Mal dessen Hüfte kraftvoll an sich heranzog.
Lan Xichen spürte den starken Druck an seinem Becken und wie sich sein bestes Stück geradewegs zwischen die gespreizten Beine Bao Tian's presste.
Ihm blieb der Atem der Empörung nahezu im Hals stecken, als er spüren konnte wie ihre Genitalien sich aneinander drückten. Lan Xichen war auf diesen schamlosen Akt nicht vorbereitet gewesen und besonders nicht auf diesen plötzlichen Stellungswechsel.
Seine Atmung geriet schließlich ins Stolpern.
Leise Geräusche der Abwehrhaltung kamen erstickt aus Lan Xichen's Kehle und er versuchte abermals ihren Körperkontakt zu unterbinden.
Bao Tian spürte Lan Xichen's Unbehagen und als er der Meinung war, er hätte ihn nun genug schikaniert, entließ er endlich dessen Lippen und zog seine feuchte Zunge aus der warmen Mundhöhle wieder heraus.
Lan Xichen schnappte ruckartig nach Luft und während sein Kopf hochrot glühte zog er einen gequälten Gewichtsausdruck, als er sofort tadelte:
„Tian, hast du den Verstand verloren? Wie kannst du es nur wagen...Die...die Kinder...!"
Doch Bao Tian lachte ihn nur an, das beschämte Verhalten Lan Xichen's scheinbar in vollen Zügen genießend. Er puckerte dessen Hintern sogar erneut, als er beschwichtigend sagte:
„Die kriegen doch nichts mit, sind sie doch gerade im vollen Gange dabei das Bett auseinander zu nehmen."
Doch in diesem Moment fiel ihnen beide ein durchaus berunruhigendes Detail auf.
War es bis eben noch laut neben ihn gewesen und das Gekreische und Gelache hatte den Pavillon erfüllt, so war es plötzlich mucksmäuschenstill.
Bao Tian und Lan Xichen beschlich ein ungutes Gefühl und sie blickten sich mit großen Augen an, als sie plötzlich Lan Ning Ziyi´s zarte Stimme vernahmen:
„Vati...was machst du da auf Tian?"
Lan Xichen's Augen wurden panisch immer größer, als er zeitgleich mit Bao Tian ganz langsam seinen Kopf zur Seite drehte.
Lan Ning Ziyi und Lan Sheng Jin lagen beide neben ihnen im Bett, die Kissenschlacht scheinbar schon lange erfolgreich beendet, als sie ihre Ellenbogen auf der Matratze aufgestemmt hatten und ihre Kinne jeweils in ihren Händen abstützten. Interessiert und wissensdurstig schauten die beiden sie mit großen Augen an, als Lan Sheng Jin antwortete:
„Sie knutschen, sie knutschen!"
Sagte er belustigt und verzog dabei angewidert sein Gesicht und machte Lan Xichen und Bao Tian sogar nach, indem er einen Kussmund mit seinen Lippen formte und aufgeregt Küsse in der Luft verteilte.
Doch seine Zwillingsschwester blickte nachdenklich drein, als sie fragte:
„Dann haben sich Tian und Vati also lieb? Bekommen wir dann noch ein Geschwisterchen?"
Der Junge verzog sein Gesicht.
„Hä? Wie soll das gehen?" Fragte er, sich über die Unwissenheit seiner Schwester lustig machend.
„Für Kinder braucht man Mann und Frau. Tian kann also von Vati keine Kinder bekommen, weil sie beides Männer sind."
Nun verzog auch Lan Ning Ziyi ihr junges Gesicht und ihre kleine Stirn legte sich in nachdenkliche Falten.
„Warum Tian von Vati?"
Lan Sheng Jin verdrehte ausgelassen die Augen, als er besserwisserisch sagte:
„Weil Vati oben liegt. Das weiß ich von Onkel Wei."
In diesem Moment weiteten sich die unschuldigen Augen des kleinen Mädchen´s, so als hätte sie gerade eine völlig neue Erkenntnis des Lebens gewonnen. Ihre Augen begannen zu funkelten und sie warf Bao Tian und Lan Xichen einen bedeutenden Blick zu, voller Stolz und Freude ihres nun erweiterten Horizonts.
Lan Xichen war unfähig etwas zu sagen. Wenn die Situation nicht ohnehin schon schlimm genug gewesen wäre, nein, jetzt war er auch noch der Lustmolch der scheinbar über Bao Tian herfiel und ihn schwängern wollte. Alles begann ein völliges Durcheinander und Chaos zu werden und Lan Xichen bemerkte einen stechenden Schmerz in seiner Schläfe.
-Wie sollte er jemals aus diesem Schlamassel wieder herauskommen und den Kindern erklären, dass dies alles nicht so war wie sie glaubten?-
Und davon mal ganz abgesehen, was hieß hier: [...] „das weiß ich von Onkel Wei?" [...]
Lan Xichen schloss verzweifelt seine Augen und ergab sich seinen stechenden Kopfschmerzen, als er in Gedanken nach Jinan Liang's Anwesenheit und Unterstützung bettelte.
-Was sollte aus diesen Kindern nur vernünftiges werden, wenn sie von einem Haufen testosteron gesteurten Männern großgezogen wurden?-
Doch über Bao Tian's Gesicht huschte nur ein belustigtes Lächeln. Lan Xichen's bemitleidensweter Anblick erweichte schließlich sein Herz und er entließ ihn endlich aus seinem Klammergriff. Lan Xichen richtete sich sofort auf und war noch immer etwas sprachlos, als Lan Ning Ziyi plötzlich an seinen Ärmel fasste und etwas traurig sagte:
„Aber hatte Vati nicht Mami lieb?"
Lan Xichen zuckte zusammen. Diese Frage traf einen wunden Punkt und er drehte sich zur Seite und blickte seine Tochter an, als plötzlich Bao Tian sich ebenfalls aufrichtete und beide Kinder mit seinem linken Arm umklammerte. Er küsste jeweils väterlich auf ihre Stirnen und griff danach mit seinem rechten Arm um Lan Xichen's Taille und surrte sie alle Vier in einer innigen Umarmung zusammen.
Noch bevor Lan Xichen etwas sagen konnte, flüsterte er leise:
„Natürlich hatte euer Vati eure Mutter lieb. Genauso wie ich. Wir alle hatten eure Mutter sehr, sehr lieb. Aber es gibt verschiedene Arten von Liebe versteht ihr? Jede ist kostbar und auf ihre eigene Art einzigartig und wertvoll. Ich habe euch und euen Vati nämlich auch sehr, sehr lieb."
Lan Xichen's und Bao Tian's Blicke trafen sich, als Lan Ning Ziyi und Lan Sheng Jin sie beide ebenfalls fest in die Arme nahmen.
Der Junge sagte schnell:
„Ich habe dich und Vati auch sehr, sehr lieb, Tian."
Lan Ning Ziyi stieg ebenfalls schnell mit ein, in Rede und Antwort ihrem Bruder in nichts nachstehend wollend:
„Ich auch, ich auch. Ich habe euch auch sehr, sehr lieb. Genau wie Onkel Wei, Onkel Wangji, Onkel Luan und Onkel Sun."
Sie rieb ihren Kopf an Bao Tian's Brust und ihre kleinen Lippen drückten sich dabei wie ein Entenschnabel zusammen.
„Und Großvater Qiren und Großmutter Mao auch. Sie alle.
Lan Xichen stutzte leicht, war ihm doch aufgefallen, dass in der Aufzählung jemand fehlte.
„Und was ist mit Onkel Jiang?"
Lan Ning Ziyi verzog verängstigt ihr Gesicht.
„Onkel Jiang...ist manchmal etwas gruselig. Immer so schlechte Laune und gemein. Und er hat immer diese tiefe Falte zwischen seinen Augen."
Sie machte ein grimmiges Gesicht und deutete mit ihrem Zeigefinger zwischen ihre Augenbrauen.
Lan Xichen´s Augen weiteten sich und er musste sich ein leichtes Schmunzeln verkneifen.
„Das lass ihn aber lieber nicht hören, nachher ist er noch traurig. Wobei Onkel Jiang eigentlich doch immer ganz nett ist, wenn Onkel Sun mit dabei ist. Oder nicht?"
Lan Ning Ziyi dachte kurz nach. Ihr kleines Köpfchen tatsächlich über diesen Fakt brütend, als Lan Sheng Jin plötzlich dazwischenwarf:
„Wenn Onkel Jiang mit Onkel Sun alleine ist, dann ist er immer besonders nett. Onkel Sun schreit dann zwar immer, dass er aufhören soll, aber Onkel Wei und Tian haben mir gesagt, dass sei halt ihr Ausdruck von Liebe. Ich..."
Während Lan Xichen´s Augen sich in´s unermessliche weiteten, hielt Bao Tian plötzlich schnell den Mund des kleinen Plappermauls zu und lachte überspielend.
„Hahaha...Die Kinder von heute sind aber auch auf Zack nicht wahr?"
Lan Xichen warf Bao Tian einen fassungslosen Blick zu, als dieser ihn schnell ignorierte und einfach erneut alle Drei in seinem Arm fest drückte, dass alte Thema so schnell wie möglich wieder auflebend lassend.
„Also seht ihr." Sagte er schnell.
„Wir alle haben uns ganz, ganz doll und ganz, ganz unterschiedlich lieb."
Er drückte dabei noch einmal fest nach und lachte dabei auf, während er mit dieser Geste den Kindern wieder ein herzerwärmendes Lachen in´s Gesicht zauberte.
Lan Xichen war erst noch etwas sprachlos und kurz davor wütend zu werden, aber bei dem Anblick der Drei konnt er nicht anders, als das, dass pure Glück plötzlich seinen Körper flutete. Er schloss beschwichtigend seine Augen und küsste zunächst seinen Kindern auf das Haar, als er leise hauchte:
„Ja, Tian hat recht, wir alle haben uns sehr, sehr lieb!"
Dann lehnte er sich auch zu Bao Tian herüber und nachdem er ihm noch einen kurzen, tadelnden Blick zuwarf, welcher eindeutig besagte: „Wir zwei sprechen uns dazu noch später!", küsste er auch ihm liebevoll auf die Stirn.
Bao Tian schloss seine Augen, den Moment genießend und die Wärme ihrer Körper spürend. Er öffnete langsam wieder seine braunen, Augen und als er Lan Xichen anblickte, sagte er plötzlich leise:
„Huan...erinnerst du dich noch an das Versprechen, welches wir uns gegeben hatten?"
Lan Xichen's Augen weiteten sich, als er Bao Tian´s Blick erwiderte. Er fragte sich, warum er ausgerechnet jetzt davon sprach, als er ein kurzes Kribbeln bis in seine Fingerspitzen verspürte.
Bao Tian fuhr fort:
„Wenn es für dich noch zu früh ist, dann kann ich das verstehen aber ich..."
Doch Bao Tian kam nicht mehr dazu seinen Satz ganz auszusprechen, als es plötzlich an der Pavillontür klopfte.
Klopf Klopf Klopf
Die Vier zuckten zusammen und Bao Tian und Lan Xichen blickten sich an.
„Ich gehe schon."
Sagte Lan Xichen schnell, als er sich aus ihrer innigen Umarmung löste und aufstand.
In diesem Moment hörten sie schon eine vertraute Stimme von der Veranda, welche dumpf durch die zue Tür zu ihnen nach innen drang.
Es war Luan Han:
„Lan Xichen, Bao Tian? Verzeiht die Störung, ich bin es Luan Han."
Lan Xichen ging schnellen Schrittes zur Tür und öffnete diese, als er Luan direkt freundlich begrüßte:
„Luan Han, welch eine Überraschung."
Die kalte Morgenluft strömte in den Pavillon hinein und brachte die Banner unter der Zimmerdecke zum Schwanken. Es war noch still draußen und nur der leise Regen plätscherte auf die Dächer. Ein feiner Sprühnebel legte sich auf Lan Xichen´s Gesicht, als ein kurzer Winzug aufkam und ihm entgegen blies.
Luan Han verneigte sich schnell und streckte seine Hände zur Begrüßung weit nach vorne aus. Er linste vorsichtig an Lan Xichen vorbei und erblickte Bao Tian zusammen mit den Kindern, welche noch immer hinter dem Raumteiler im Bett saßen und zur Tür herüber blickten.
Er begrüßte auch sie freundlich und wank den Kindern einmal freudig zu, als er Lan Xichen schließlich wieder anblickte.
Er atmete einmal tief ein. Er wirkte etwas unsicher und es schien ihn etwas zu bedrücken, als er mit gedämpfter Stimme sagte:
„Verzeih die Störung am Morgen, aber ich wollte, mit dir über etwas sprechen..."
Lan Xichen musterte den jungen Mann vor sich eindringlich. Er erkannte sofort, dass es sich um etwas wichtiges zu handeln schien und es Luan Han sicher nicht leicht gefallen war ihn aufzusuchen.
Er atmete daher ebenfalls einmal tief ein, schloss für einen Moment seine Augen und nickte dann:
„Ich wusste, dass du eines Tages kommen würdest."
Luan Han's Augen weiteten sich, als er überrascht in Lan Xichen's sanften Blick schuaute.
In diesem Moment jedoch räusperte sich Bao Tian plötzlich im Bett und stand auf, als er laut sagte:
„Kommt Kinder, wir gehen uns waschen und suchen uns danach etwas zu essen. Wer weiß, wann die Küche heute erst warm wird."
Er packte plötzlich den Jungen und das Mädchen und schmiss beide über jeweils eine seiner Schultern, als diese schon über die kurze Flugstunde freudig aufquiekten.
„Aber Onkel Luan ist doch jetzt da."
Jammerte Lan Sheng Jin derweil unzufrieden auf.
„Das ist richtig." Sagte Bao Tian kurz und knapp.
„Aber Vati muss mit Onkel Luan einmal unter vier Augen sprechen. Später kommt er gewiss nochmal wieder und holt euch zum Spielen ab. Also seit bis dahin schön artig und kommt mit mir mit."
Lan Ning Ziyi und Lan Sheng Jin grummelten kurz, doch dann freuten sie sich auf das Versprechen, dass Onkel Luan sie später wieder zum Spielen abholen würde und sie ließen sich nun bereitwillig von Bao Tisn wie zwei nasse Säcke davon tragen.
Bao Tian schmiss sich noch schnell beim Rausgehen ein paar frische Kleider über den Arm und als er hinaus zur Tür schritt, sagte Luan Han etwas verlegen:
„Ich wollte euch jetzt nicht vertreiben."
Doch Bao Tian grinste nur.
„Alles gut, es war höchte Zeit, dass ich mit den beiden Rabauken mal das Nest verlasse. Lasst euch also Zeit, wir sind dann erst einmal weg."
Luan Han lächelte die Kinder an, als Bao Tian an ihnen vorbei schritt und beide hoben ihre kleinen Köpfe noch einmal nach oben und wunken noch einmal freudestrahlend.
„Bis später Onkel Luan!" Sagte Lan Ning Ziyi noch freudig.
Lan Xichen lächelte ebenfalls, als die Drei das Weite suchten und schnurstrackts durch das graue Wetter Richtung Badehaus maschierten.
Die beiden Männer blickten ihnen noch lange nach, als sich Luan Han plötzlich räusperte und fast ein wenig verträumt nuschelte:
„Sie werden so schnell groß...!"
Lan Xichen gab ein zustimmendes, zartes Brummen von sich:
„In der Tat. Und in Ziyi´s Gesicht erkenne ich von Tag zu Tag immer mehr ihre Mutter. Sie ist ihr sehr ähnlich."
Luan Han atmete einmal tief ein, doch lächelte er, als er Lan Xichen anblickte und dieser sich dann zur Seite drehte, Platz machte und ihn freundlich herein bot.
Luan Han seufzte einmal laut auf, ehe er über die Türschwelle trat.
-In Gedanken fragte er sich, ob Lan Xichen und Bao Tian wohl wussten, warum er an diesem Morgen vor ihrem Pavillon stand?-
Lan Xichen geleitete seinen Gast bis in die Mitte des Pavillons und wies ihm einen Platz an dem einladenden Tisch zu.
„Bitte, setz dich!" Forderte er höflich auf, während er mit seiner Hand auf eines der Sitzkissen am Boden deutete.
Luan Han nickte dankend und ließ sich nieder, während Lan Xichen direkt gegenüber von ihm Platz nahm.
„Möchtest du Tee? Ich kann welchen aufgießen. Madame Mao hatte erst kürzlich eine herausragende Mischung vorbei gebracht."
Doch Luan Han schüttelte ablehnend den Kopf, hob sachte seine Hand und wies höflich ab.
„Vielen Dank, nur keine Umstände. Ich hatte gerade eben erst etwas getrunken."
Lan Xichen nickte verstehend und er legte seine Hände dann ruhig auf seinen Beinen ab. Kerzengerade saß er da und blickte dem jungen Mann vor sich direkt in´s Gesicht. Es war deutlich zu erkennen, dass Luan Han scheinbar unsicher war und es ihm noch schwer fiel die richtigen Worte zu finden. Es verging ein Moment der Stille in der beide nichts sagten und nur das Rauschen des Windes an den Fenstern zu hören war.
Lan Xichen hatte keine Eile und gab seinem Gast die Zeit die er brauchte um sich zu sortieren, während Luan Han damit beschäftigt war die schweren Worte auf seiner Zunge zu sortieren.
Sein Blick war leicht nach unten gerichtet und seine Stirn legte sich in Falten, als er plötzlich erneut tief Luft holte. Seine Schultern hoben sich einmal kräftig an und ließen sich dann wieder sachte fallen. Die blauen Perlen vorne in seinem Haar kamen leicht ins Schwingen und pendelten durch die Bewegung vor und zurück. Schließlich blickte er auf, direkt in Lan Xichen's Gesicht, als er schwermütig sagte:
„Huan...ich, möchte die Cloud Recesses gerne verlassen!"
Lan Xichen zuckte kurz zusammen. Die intime und persönliche Anrede mit seinem direkten Vornamen, war ungewohnt für ihn und außer Bao Tian, nutzte ihn fast niemand ohne das Anhängen einer respektvollen Anrede. In diesem Zusammemhang brachte es ein alarmierendes Gefühl mit sich, denn es war einerseits Ausdruck ihrer mittlerweile brüderlichen und familiären Beziehung zueinander, aber zeitgleich wies es auch eine gewisse Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit auf. Luan Han's Stimmfarbe war zudem von einer gewissen Schwere untermalt, was dieses Gefühl noch verstärkte.
Lan Xichen's Augen weiteten sich für einen kurzen Moment. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Luan Han direkt zum Punkt kommen würde. Er atmete einmal tief ein, doch dann legte sich wieder ein sanfter Ausdruck auf sein Gesicht und er schenkte Luan Han ein zartes Lächeln. Denn tief in seinem Inneren, hatte er schon länger gewusst, dass dieser Tag eines Tages kommen würde. Er hatte nur nicht gewusst, wann dies genau sein sollte.
Er schloss daher für einen kurzen Moment seine Augen, doch dann öffnete er sie wieder. Er blickte den jungen Mann vor sich an, welcher scheinbar vor Nervosität seine Hände auf seinen Beinen fest angespannt hatte und den Stoff seiner Robe zusammenknüllte.
Mit sanfter Stimme sprach er:
„Ich weiß!"
Luan Han's Augen weiteten sich und er blickte Lan Xichen überrascht an. Sein Mund öffnete sich, als er nahezu ungläubig sagte:
„Du hast es gewusst? Woher?"
Doch Lan Xichen schnaufte nur kurz aus seiner Nase und lächelte verständnisvoll.
„Oft hatte ich dir in den vergangenen Jahren angeboten ein offizielles Mitglied unseres Clan's zu werden. Nicht nur, um dir in der Cultivation zu helfen und dich weiter auszubildenen, sondern auch um dich als vollwertiges Mitglied in unsere Reihen aufzunehmen. Doch du hast immer wieder dankend abgelehnt. Nach Jinan Liang's Tod, beschlich mich immer öfter das Gefühl, dass dein Geist abwesend ist und deine Gedanken scheinbar in der Ferne verweilen. Du wirktes rastlos und unruhig. Ich nehme daher an, dass es noch etwas gibt, das du außerhalb dieser Mauern noch tun musst, welches dich nicht zur Ruhe kommen lässt?"
Luan Han war überwältigt. Ihm war stehts bewusst gewesen, dass Lan Xichen ein weiser und vorausschauender Mann war, aber ihm war nicht bewusst gewesen, wie aufmerksam er auch ihn beobachtet hatte und so präzise den Nagel auf den Kopf traf.
Er runzelte die Stirn und wirkte nahezu ein wenig ertappt, als er nur darüber schmunzeln konnte, scheinbar in Lan Xichen´s Augen so durchsichtig wie Glas zu sein.
„In der Tat, Zewu-Jun liegt wie immer genau richtig und beweist mal wieder, wie würdig er ist, nicht nur ein Sect Leader eines bekannten Clan´s, sondern auch das Oberhaupt einer großen Familie zu sein."
Lan Xichen lächelte, bei diesem respektvollen Kompliment und sagte nichts, als Luan Han fortfuhr:
„Es ist in der Tat wie du es sagst. Liang war mein Lebensinhalt. Sie hat mir einen Sinn gegeben in einer Zeit, in der ich mich nur noch umringt von Dunkelheit gesehen hatte. Sie hat mich gerettet, mich beflügelt und mir gezeigt wie schön das Leben doch sein kann. Sie war Freundin, Geliebte und Familie zugleich. Was sie mir gegeben hat war so unendlich kostbar und unersetzlich zugleich.
Dennoch habe ich stet´s gewusst, dass dieses Glück nicht ewig währen würde. Umso intensiver habe ich jeden Moment genossen und gelebt. An ihrer Seite war ich der glücklichste Mann auf Erden. Mehr hätte ich mir für mein Leben nicht wünsche können.
Was du für uns getan hast, Lan Xichen, steht somit außer Frage und niemals werde ich in meinem Leben wohl fähig sein dies mit gleichem Wert wieder zurückzahlen zu können. Daher, versteh mich und mein Ablehnen deines Angebotes bitte nicht falsch, aber eben weil ich wusste, dass sie eines Tages sterben würde, eben desswegen hatte ich so eine Angst vor der Zeit danach.
Ich bin ein ehemaliger Wen. Daran kann niemand auf dieser Welt etwas ändern. Was mein Clan dir und deinen Brüdern und so vielen anderen angetan hat ist unverzeihlich und mit nichts zu entschuldigen oder wieder gutzumachen. Als ehemaliger Wen in der Cloud Recesses zu leben und diesem Clan beizutreten, als wäre nie etwas gewesen, dieser Gedanke hat oft Schuldgefühle in mir ausgelöst und schürte die Angst vor Missgunst und Ablehnung.
Ebenso fragte ich mich oft, was meine Daseinsberechtigung an diesem Ort sein würde, wenn Jinan Liang eines Tages nicht mehr da sein sollte. Dieser Gedanke hat mir oft schlaflose Nächte beschwert und mich innerlich sehr gequält."
Luan Han machte schließlich eine längere Pause.
Sein Blick war traurig und nachdenklich zugleich nach unten auf den Tisch gerichtet. Seine Brust schnürte sich langsam zu, als dieses beklemmende Gefühl in seinem Herzen langsam an Macht gewann.
Lan Xichen hörte ihm aufmerksam und ruhig zu. Doch die Worte, die er als nächstes zu sprach, stellten alles in den Schatten und waren ganz und gar nicht jene, welche Luan Han erwartet hatte. Ganz im Gegenteil sogar.
Lan Xichen streckte seine rechte Hand nach Luan Han aus und legte diese sachte auf dem Tisch ab. Diese Geste hatte etwas anteilnehmendes, verständnisvolles aber beruhigendes zugleich, als er sanft sprach:
„Luan Han, sieh dich um!
Die Menschen die sich in meinem Clan angesammelt haben und eine Familie gegründet haben, könnten unterschiedlicher nicht sein!
Bao Tian stammt aus einem fremden Clan aus weiter Ferne. Nicht nur seine auffallende Optik ist für uns ungewohnt, sondern auch seine Persönlichkeit kollidiert stark mit den Werten und Regeln des Gusu Lan Clan's. Dennoch ist er seit Jahren an meiner Seite und für mich dort auch nicht mehr wegzudenken. Madame Mao ist eine ehamalige Konkubine aus Changnan und war später weitreichend mit dem Rotlichtmilieu verbandelt. Nicht nur, dass sie eine Frau ist und nicht mal aus der Welt der Cultivation stammt, nein, sie ist sogar jetzt mit meinem Onkel verheiratet und seine legitime Frau. Selbst mein Bruder, die Hoffnung des Clan's, Musterschüler keines gleichen verlor sein Herz an einen Mann der sich gegen die gesamte Welt der Cultivation gestellt hatte. Nicht nur, dass er wegen ihm wiederholt gegen die Regeln des Clan´s verstoßen hatte, nein, er hat ihn sogar nach seiner Rückker unter die Lebenden zurück in meinen Clan gebracht. Selbst der gefürchtete und verachtete Yiling Patriarch lebt nun unter meinem Dach und ist Teil der Familie geworden.
Also, sieh dich um Luan Han!
Die Menschen die sich hier gefunden und versammelt haben sind nicht hier wegen dem was sie sind oder woher sie kamen, sondern wegen den Gefühlen in ihren Herzen. Es sind ihre inneren Werte, die ihnen hier eine Daseinsberechtigung geben, nicht ihr Name, ihre Herkunft, oder ihre Hautfarbe.
Du bist also hier Luan Han, weil uns das Schicksal zusammengeführt hat und du darfst bleiben, weil wir dich als Mensch lieben und schätzen gelernt haben."
Luan Han's Augen weiteten sich.
In seinen Augenwinkeln sammelte sich Tränenflüssigkeit, als diese Worte ihn tief berührten. Er fühlte sich nun fast etwas schlecht, so oberflächlige Worte gesagt zu haben und das seine Gedanken scheinbar von so belanglosen Gründen gefüllt waren. Seine Hände ballten sich zu zwei angestrengten Fäusten, seine Finger krallten sich so unglaublich stark zusammen, so als wollte er den Schmerz in seinem Herzen erdrücken. Er streckte plötzlich ruckartig seine rechte Hand aus und legte seine auf Lan Xichen's, als er behutsam aber bestimmt zudrückte.
Über seine fast zittrigen Lippen hauchte er ein paar Worte:
„Dankeschön...ich Danke dir!"
Seine Augen füllten sich nun gänzlich mit Tränen, doch hielten sie sich zurück und perlten nicht als solche an seinen Wangen hinunter.
Lan Xichen schloss kurz seine Augen. Er spürte Luan Han's warme aber zittriger Hand auf seiner, als er schließlich beherzt zugriff, Luan Han's Hand ebenfalls umfasste und sie ein paar Mal zustimmend, aber ermutigend zusammendrückte. Dann entließ er die Hand des jungen Mannes wieder und sprach:
„Möchtest du, immer noch gehen?"
Luan Han holte einmal tief Luft, als er langsam nickte.
„Ja!
Es ist jetzt ein Jahr nach Liang's Tod, aber ich kann sie einfach nicht vergessen. Alles hier erinnert mich an sie und ich muss nun für mich selber herausfinden, was ich mit meinem Leben noch anfangen möchte. Ich muss gehen um eine Antwort auf meine Fragen zu finden und um meinen Schmerz verarbeitet zu können. Ich habe lange darüber nachgedacht, aber ich bin mir sicher, dass dies die richtige Entscheidung ist. Ich muss es tun, für mich!
Aber jetzt wo ich mit dir darüber gesprochen habe, weiß ich ja, egal wohin meine Füße mich auch tragen werden und egal wie lange ich fortbleibe, es gibt einen Ort an dem ich willkommen bin und zu dem ich zurückkehren kann! Ein zu Hause!"
Er lächelte Lan Xichen schließlich an und die Feuchtigkeit in seinen Augen verschwand langsam wieder und gab ihnen wieder einen klaren und entschlossenen Ausdruck.
Lan Xichen stimmte nickend zu. Die beiden lächelten sich aus tiefstem Herzen an.
Es waren nicht viele Worte von nöten, die beiden verstanden sich einfach so, ihre Herzen und Gedanken waren im Einklang.
Es war ein bedeutender Moment und die beiden genossen ihn.
Doch dann durchbrach Lan Xichen die kurze Stille wieder und fragte Luan Han:
„Was ist mit Lan Ning Ziyi und Lan Sheng Jin?"
Etwas Wehmut machte sich bei dieser Frage in Luan Han's Gesicht erkennbar.
„Sie sind die Kinder von dir und Liang. Auch wenn ich sie über alles liebe und wie mein eigen Fleisch und Blut behandle, so bin ich doch nicht mit ihnen verwandt und nicht ihr Vater. Ich weiß, dass sie es hier gut haben und auch ohne mich bestens versorgt sind. Auch wenn es mir schwer fällt mich auch von ihnen zu trennen, so hoffe ich, dass dieser Abschied nicht für immer sein wird."
„Das wird es nicht!
Ganz sicher. Unsere Tore stehen für dich jeder Zeit offen. Du kannst zurückkehren, wann immer es dir beliebt!"
Sagte Lan Xichen klar und mit tiefer Bedeutung.
„Wann genau gedenkst du abzureisen?"
Luan Han dachte kurz nach.
„Ich habe hier noch ein paar Dinge zu erledigen. Ich denke, ich werde noch einige Tage bleiben und mich auf meine Abreise vorbereiten. Auch von allen verbaschieden möchte ich mich noch persönlich. So lange, werde ich noch bleiben."
„Ist gut." Sagte Lan Xichen zustimmend.
„Auch wenn es uns schwer fällt dich gehen zu lassen, so werden wir dich natürlich nicht aufhalten."
Luan Han rutschte plötzlich auf seinen Beinen nach hinten und rückte vom Tisch etwas ab.
Dann verneigte er sich tief, die Arme weit nach vorne streckend und die Nase fast bis auf den Fußboden drückend.
„Vielen Dank!
Vielen, vielen Dank! Dich kennenlernen zu dürfen, ist mir mit die größte Ehre in meinem Lebens. Deine Güte und Großzügigkeit nicht in Worte zu fassen."
Lan Xichen blickte erst etwas überrascht und fühlte sich mehr als geschmeichelt. Doch dann haute er sachte auf den Tisch und stand plötzlich auf. Auf seinen Lippen lag ein zartes Lächeln, als er fast etwas peinlich berührt sagte:
„Na, nu steh aber auf. Nicht so förmlich Luan Han, wir sind doch eine Familie."
Luan Han richtete sich langsam wieder auf. Er blickte demütig hinauf zu Lan Xichen und betrachtete voller Aufmerksamkeit diesen Mann vor sich. Welcher genau in dieser Sekunde vor seinen Augen förmlich immer mehr zu wachsen schien. Seine Schönheit und Herrlichkeit erstrahlte in einem völlig neuen Licht und seine Weisheit und Güte sprach aus seinen sanften Augen.
Luan Han war plötzlich in diesem Anblick gefangen und verzaubert, als er plötzlich in Gedanken wie zu sich selbst sagte:
-„Ja, das ist er! Dies ist der eine Herr, dem ich blind vertrauen und auf ewig meine Treue schwören würde! Ihm würde ich folgen, selbst bis in die tiefsten Abgründe der Hölle!"-
Seine klaren Augen füllten sich voller Anerkennung und Bewunderung, als sich dieser Moment tief in sein Herz einbrannte.
Nur eine Woche später verließ Luan Han die Cloud Recesses.
Zu seinem Abschied wurde noch ein großes Banquet abgehalten und obwohl alle Traurig darüber waren, dass er den Clan verließ, so konnten sie seine Beweggründe doch verstehen.
Sie wünschten ihm für seine Reise alle nur das Beste und hofften inständig, dass er eines Tages heile und unversehrt zu ihnen zurückkehren würde und das die Familie somit, wieder um eine Person reicher wäre.
