Chapter 26.2

Lan Xichen spürte den kalten Wind auf seiner Haut, welcher durch seine dunklen Haare blies und seine langen Ärmel zum Flattern brachte.

Das helle Licht des Mondes schien auf sie herunter und er strauchelte etwas atemlos und aufgeregt durch die Cloud Recesses. Der Mann vor ihm, welcher so fest seine Hand hielt, lief so überaus gut gelaunt vorweg und er spürte die Wärme seiner Hand und hörte dessen glückliches, leises Lachen. Es war nahezu so, als könnte er ihre aufgebrachten Herzschläge durch ihre Hände spüren.

Die rote Farbe ihrer Kleider und die goldenen Ornamente und Bestickungen schmeichelten ihren Konturen und Lan Xichen blickte Bao Tian vor sich mit fasziniertem Blick an, als er den breiten Rücken des Mannes sah, welcher ihn so zielstrebig durch die Nacht führte.

Sie huschten durch die Cloud Recesses, im Schutz der Nacht und versteckt zwischen den dunklen Schatten, doch beobachtet und verraten durch das helle Licht des Mondes in dieser Nacht.

Lan Xichen war vor lauter Aufregung etwas außer Atem und leise jappste er:
„Tian, nicht so schnell. Ich sehe nicht wo ich hintrete."

Doch Bao Tian trug ein breites Grinsen in seinem charmanten Gesicht, seine braunen Augen funkelten voller Wärme und Glückseeligkeit, als er sich lachend nach hinten drehte.
„Halt dich gut fest, wir sind gleich da. Ich kann dich leider nicht tragen, denn diese Schritte müssen wir gemeinsam gehen!"

Lan Xichen's Augen wurden immer größer und als er diese Worte hörte, untermalt von Bao Tian's zauberhaftem Lächeln, tauchten sich seine Wangen in ein zartes Rosé, als er nur zaghaft nickte und ein leises:
„En." Seine Lippen verließ.

Als Bao Tian wieder nach vorne blickte und ihn euphorisch weiter mit sich zog, bogen sich Lan Xichen's beide Mundwinkel ebenfalls unkontrollierbar nach oben und ein schmeichelndes, verliebtes Lächeln, noch wertvoller als das einer holden Maid in ihrem ersten Frühling, huschte über seine Lippen.

Nach einer Weile kamen sie schließlich im hintersten Teil der Cloud Recesses an und Bao Tian führte ihn sicher und zielstrebig durch die dichter werdende Natur. Er hatte einen guten Orientierungssinn und selbst im Dunkeln kam er gut zurecht. Er verfehlte nicht einen seiner Schritte. Doch um nicht gesehen zu werden, verzichteten sie auf zusätzliches Licht und so blieben ihnen nur der helle Mond als Wegweiser, um ihr Ziel sicher zu erreichen.

Es dauerte nicht lange und beide blieben vor dem Eingang einer großen Höhle stehen. Lan Xichen hätte sich dabei fast die Nase gestoßen, denn er lief prompt von hinten in Bao Tian hinein.

„Hoppla!"
Sagte Bao Tian grinsend, als er Lan Xichen wie eine Knautschzone abfing und ihn schnell an den Schultern auffing.

„Sind wir schon da?"
Fragte Lan Xichen verwundert, während er an Bao Tian vorbei linste und in die tiefe Dunkelheit spähte. In diesem Teil der Cloud Recesses war es viel dunkler und das Mondlicht schaffte es nicht mehr durch die dichten Baumkronen nach unten auf die Erde zu scheinen.

„Ich denke, hier können wir es wagen nun etwas Licht zu machen."
Bao Tian streckte seine Linke Hand aus und auf der Spitze seines Zeigefingers entstand eine Lichtquelle, geformt aus seiner spirituellen Energie.
Die kleine Flamme gab ein helles, aber angenehmes Licht und erhellte den Zugang der Höhle. Dennoch kniffen sich ihre Augen zunächst von dem plötzlichen Lichteinfall etwas zusammen und die beiden brauchten einen Moment, bis sie sich an ihre neue Umgebung gewöhnt hatten.

Bao Tian hielt noch immer ganz fest Lan Xichen's Hand und er atmete einmal tief ein. Lan Xichen blickte ihn von hinten fragend an und wollte gerade etwas sagen, als dieser plötzlich etwas atemlos sprach:
„Ich bin ganz nervös."

Das angenehme Licht reflektierte sich in Lan Xichen's dunklen Pupillen, als seine Augen immer größer wurden. Noch nie zuvor hatte er von Bao Tian den Satz gehört: Er sei nervös.
Lan Xichen konnte gar nicht anders, als das sein eigenes Herz nun ebenfalls noch schneller zu schlagen begann und sein Gesicht plötzlich von einer durchdringenden Hitze heimgesucht wurde. Er blickte leicht nach unten und als er Bao Tian's Hand einmal fest drückte sagte er leise:
„Ja…ich auch!"

Bao Tian drehte sich um und blickte nach hinten über seine Schulter.
Als er Lan Xichen's schüchternen Gesichtsausdruck und dessen gesunde Gesichtsfarbe bemerkte, musste er lachen.
„Das ist gut! Dann sind wir es ja beide!" Sagte er freudig.
„Komm!"

Dann zog er an Lan Xichen's Hand und die beide betraten die heilige Grabstätte der Lan Familie. Sie passierten mit Hilfe von Lan Xichen's Familien-Siegel die spirituelle Barriere ohne Probleme und die Höhle nahm sie ungehindert in Empfang. Da der Eingang nun zunächst schmaler wurde und somit noch weniger natürliches Licht eindringen konnte, ließ Bao Tian die Flamme in seiner Hand noch größer anschwillen. Während er seine erhellte Hand vorstreckte und ihnen den Weg leuchtete, hielt er mit seiner anderen Hand Lan Xichen ganz nah bei sich und führte ihn sicheren Schrittes durch die dunklen Gänge.

Es war still in der Höhle und außer dem leichten Wind, welcher durch die steinigen Ritzen heulte, war zunächst nichts zu hören. Nur das leise tapsen ihrer Schritte und ihre nervöse Atmung hallte die steinigen Gänge, bis sie schließlich zu einer großen Halle innerhalb der Höhle kamen.

Bao Tian blieb stehen, als er seine Hand mit der spirituellen Flamme hoch anhob und sagte:
„Warte, ich mache nun noch mehr Licht!"

Die spirituelle Energie in seiner Hand loderte auf und begann in einem rasanten Tempo an den Außenwänden der Höhle einmal entlangzufahren. Dabei entzündete sie die erkalteten Kerzenleuchter an den hohen Wänden und innerhalb eines Augenblickes wurde die gesamte Höhle mit einem schummrigen, warmen Licht ausgeleuchtet.

Bao Tian und Lan Xichen blieben einen Moment noch stehen und genossen den herrschaftlichen Anblick. Die Halle war groß und kegelförmig ausgebaut. Die hohe Decke lief spitz zusammen und das Licht reflektierte sich in den glatten und schimmernden Steinwänden. Sie beide waren natürlich nicht zum ersten Mal an diesem Ort, aber tatsächlich das erste Mal mitten in der Nacht. Als die Halle nun in dem Kerzenschein der vielen Lichter erstrahlte und bis unter die steinerne Kuppe ausgeleuchtet wurde, füllte sich die Luft mit einer andächtigen Atmosphäre und obwohl die beiden ohnehin schon leise gesprochen hatten, sprachen sie nun nur noch im Flüsterton.

Bao Tian staunte.
„Die Halle war schon immer beeindruckend, aber jetzt in dem Kerzenschein wirkt sie noch majestätischer."

Lan Xichen nickte und gab ein bestätigendes „Hm" von sich.
Er blickte sich um und sah die vielen edlen Holztische, welche wie kleine Schreine angeordnet in einer runden Anreihung entlang der Steinwände standen. Auf ihnen ruhten die vielen Ahnentafeln der Lan Familie in Reih und Glied und sie waren zusätzlich noch geschmückt und verziert mit jeder menge Räucherschalen und weitere Gaben.
Die Höhle war seit jeher die Ruhestätte von Lan Xichen's Vorfahren gewesen und demnach eine Gruft, in welcher die Toten aufgebahrt und gedacht wurde. Nur die direkten Familienangehörigen der Lan Familie hatten Zutritt und konnten anhand ihres Familien-Siegels die magische Barriere draußen vor der Höhle passieren.

Die beiden schritten weiter durch die Halle und kamen zu dem Tisch, welcher mittig in der Runde und am weitesten vorgezogen stand. Auf ihm standen die Namenstafeln von Lan Xichen's Eltern und direkt davor in jüngster Reihe ruhte die Tafel von Jinan Liang.

Die beiden blickten sich kurz an und nickten sich zu. Denn bevor sie irgendetwas anderes taten, stand an vorderster Stelle ihren Respekt zu zollen und kurz den Toten zu gedenken.
Vor dem Tisch lagen zwei Sitzkissen, welche scheinbar schon lange dort lagen und die beiden knieten sich auf ihnen nieder.
Sie entzündeten ein paar Räucherstäbchen, verneigten sich langsam und bedacht mit ihnen in der Hanf und steckten diese dann in die vorgesehenen Gefäße. Alles geschah mit einer andächtigen Stille und besonders Jinan Liang, wurde mit viel Zeit und Ruhe gedacht.
Jeder tat dies für sich in Stille, seine eigenen Worte in seinen Gedanken fassend.

Als Lan Xichen die rauchenden Stäbchen in die Räucherschale steckte seufzte er einmal leise auf, aber direkt danach folgte auch schon wieder ein zartes Lächeln, als er die Namenstafel von Jinan Liang noch einmal betrachtete. Er versank kurz in Gedanken und nur er selbst wusste, was ihn in diesem Moment beschäftigte.

Bao Tian hatte währenddessen unter dem Tisch ein Tablett hervorgezaubert auf dem alle wichtigen Utensilien zu finden waren, welche man für eine offizielle Hochzeitszeremonie benötigte.
Es war dieser Teil, der ganzen Verschwörungstheorie bei der Madame Mao ganze Arbeit geleistet hatte. Sie war es, die von Bao Tian in den Plan mit eingeweiht wurde und sie war es auch die half alle nötigen Vorkehrungen zu treffen. Sie war außer sich vor Freude und grinste verstohlen, als Bao Tian ihr davon berichtete, dass er trotz aller Umstände mit Lan Xichen heimlich in den Bund der Ehe eintreten wollte.
Zwar lag selbst nach über einem Jahr noch immer der bedrückende Schleier von Jinan Liang's Tod über der Cloud Recesses, aber Madame Mao wäre nicht Madame Mao, wenn sie nicht die Herzen dieser zwei Männer bestens verstehen würde. Sie trauerte zwar noch immer über den Verlust von Jinan Liang, aber sie wünschte ihnen dennoch alles Gute, freute sich für sie mit und zog voller Stolz im Hintergrund die Fäden.
Denn sie war es, die die zwei edlen Roben für diesen Abend heimlich angefertigt hatte und sie war es auch, die Lan Qiren voller Hingabe ablenkte, damit er bloß keinen Verdacht schöpfen würde. Ebenso war sie es auch, die im Vorfeld die Höhle mit dem nötigsten hergerichtet hatte und die Kinder sogar bei Lan Wangji und Wei Wuxian höchstpersönlich abgeliefert hatte.
Mit Hilfe des Siegels der Lan-Familie, welches Lan Qiren ihr beim Eintritt in den Bund der Ehe überreicht hatte, konnte sie sich frei bewegen und unterstützte Bao Tian's und Lan Xichen's Vorhaben so gut sie konnte.
Sie war eine herzensgute Frau und auf sie konnte man sich immer verlassen.
Bao Tian wusste ganz genau, warum sie trotz allem liebevollen Gezanke seit so vielen Jahren eine innige und familiäre Beziehung hegten.
Da er selbst zwar schon mit den Festlichkeiten einer Ehezeremonie vertraut war, fühlte er sich aber dennoch etwas erleichtert, als Madame Mao ihm ihre Hilfe zugesagt hatte.
Schließlich erfuhr Lan Xichen selbst erst kurz zuvor was Bao Tian eigentlich genau vor hatte und auch wenn dieser Wunsch schon lange in ihm gereift war, so kam es doch für ihn sehr überraschend und sein Herz sprang auf wie ein junger Teenager in seinem ersten Frühling.

Nachdem Bao Tian die schlichten Sitzkissen auf dem steinernden Boden ausgetauscht hatte und die Karaffe mit Wein auf dem Tisch platzierte, richtete er sich noch einmal etwas zurecht.
Lan Xichen sah ihm bei jedem dieser Schritte genaustens zu und seine Augen begannen bei diesem Anblick plötzlich immer größer zu werden.

Die ganze Zeit war er so mit Adrenalin und Nervosität vollgepumpt gewesen, dass er gar nicht imstande gewesen war, dieses Vorhaben eigentlich so richtig zu genießen. Erst jetzt schaute er einmal genauer hin und begann zu erkennen, was eigentlich schon die ganze Zeit genau neben ihm gewesen war.

Bao Tian war in seiner festlichen Robe, hergerichtet und eingekleidet von Madame Mao, eine wahre Augenweide.
Das kräftige Rot mit den goldenen Ornamenten auf dem edlen, dicken Stoff schmeichelte seinem natürlichen dunklen Erscheinungsbild. Sein schwarzes, welliges Haar war ordentlich gekämmt und hing anmutig hinunter auf seine breiten Schultern. In seinem dichten Deckhaar, welches zu einem Haarknoten zusammengebunden war, steckte sogar ein goldener Haarstab mit aufwendiger Quaste, welche elegant bei jeder Bewegung seines Kopfes mitschwang. In seinen tief braunen Augen spiegelte sich das warme Kerzenlicht und der überaus schmeichelnde Geruch von frischer Seife strömte aus jeder seiner Poren.

Lan Xichen blickte ihn an und während sein Herz mit jeder Sekunde die verging immer nervöser in seiner Brust zu schlagen begann, drehte sich Bao Tian plötzlich zu ihm und ihre Blicke trafen sich.
Schlagartig tauchten sich Lan Xichen's Wangen in ein zartes Rosé und Bao Tian's große Reh-Augen weiteten sich, als er Lan Xichen's bewunderden Blick bemerkte.

Er lächelte verschmitzt, als er neckisch sagte:
„Sehe ich gut aus?"

Lan Xichen zuckte zusammen und senkte etwas peinlich berührt seinen Blick. Er hielt sich seine Hand etwas verschämt vor den Mund, als er leise nuschelte:
„Ein wenig...vielleicht..."

Doch Bao Tian lachte nur vergnügt, als er plötzlich seine Arme um Lan Xichen's Taille schwang und ihre Körper aneinander drückte.
„Nur ein wenig?" Fragte er noch einmal ungläubig nach.

Lan Xichen, überrascht von dieser plötzlichen Zusammenkunft blickte Bao Tian nun mit noch größeren Augen an, als aus dessem Gesicht plötzlich das nekische Grinsen wieder verschwand und der Mann vor ihm einen ernsten und tiefgreifende Ausdruck in den Augen bekam. Bao Tian senkte leicht seinen Kopf, als er seine rechte Hand langsam nach oben führte und einmal zärtlich Lan Xichen's Wange streichelte. Dabei trug er einen so intensiven Blick, dass Lan Xichen schlagartig bemerkte wie seine Beine nahezu etwas zittrig wurden und die aufsteigende Nervosität zunehmend durch seine Glieder kroch.

Bao Tian's Stimme war unglaublich sanft und von einer faszinierenden Lieblichkeit begleitet, als er leise hauchte:
„Aber du, Huan, du bist schön...
Nicht nur ein wenig...
Auch nicht nur vielleicht...
Sondern du bist wunderschön...
Du bist so bezaubernd, wie könnte ich da jemals wieder meine Augen von dir abwenden?"
Er streichelte noch mehrmals sanft über Lan Xichen heiße Wange und berührte ihn zärtlich, als er diesen wunderbaren Anblick auf sich wirken ließ.

Lan Xichen war schließlich genau wie er in einer wunderschönen roten Hochzeitsrobe gekleidet, welche seiner Silhouette unglaublich schmeichelte. Sein langes Haar war in bester Handwerkskunst frisiert und hergerichtet und sein Kopf zierte edelster Brautschmuck. Die vielen goldenen Haarstäbe, Quasten und Haarkämme mit Perlen und Ornamenten geschmückt schwangen edel bei jeder kleinsten Bewegung mit, klimperten leise wie zarte Glocken und unterstrichen Lan Xichen's natürliche Schönheit.
Mit ein wenig Schminke wäre er vielleicht von einer Frau kaum zu unterscheiden gewesen, aber außer ein wenig Puder durfte Madame Mao nichts an ihm aufbringen.

Eine Schande, dachte sich Bao Tian insgeheim, dachte er doch darüber nach, dass dieses Gesicht für das Tragen von etwas Rouge und Lippenstift wie gemacht sei.
Mit ein wenig Wehmut ließ er daher seinen Blick noch einmal über Lan Xichen's bezauberndes Gesicht wandern, als er plötzlich darüber nachdachte, dass er doch ein wenig den roten Brautschleier vermisste. Zu einer richtigen Zeremonie gehörte er einfach dazu, aber aus Respekt hatte er es nicht gewagt Lan Xichen danach zu fragen.
Schließlich war Lan Xichen ein gestandener Mann von Ruhm und Ehre durch und durch. Ein Cultivator und Sect Leader noch dazu.
Ihn nach dem Tragen des Brautschleiers zu fragen hätte bedeutet ihm die Rolle der Frau zuzuweisen, was Bao Tian daher aus Rücksicht auf dessen Stolz als Mann nicht wagte.

Doch er schob diese Gedanken wieder beiseite und atmete einmal tief ein, als er sich in Gedanken sagte, es sei alles gut so wie es sei und um einiges mehr, als er jemals gewagt hätte von zu träumen.
Er entließ daher Lan Xichen wieder aus ihrer Umarmung, als er sanft sagte:
„Wollen wir anfangen?"

„Hm."
Summte Lan Xichen einwilligend über seine schmalen Lippen. So schüchtern und zurückhaltend hatte Bao Tian ihn noch nie erlebt, aber er wollte sich auch nicht beschweren. Fand er es doch unglaublich niedlich und schmeichelhaft fürs Auge.

Die Zeremonie begann und die beiden knieten sich auf die neuen, roten Sitzkissen nieder.
Sie streckten ihre Arme weit nach vorne aus, umfassten ihre eigenen Hände und verbeugten sich dann voller Respekt und Demut.

Die erste Verbeugung galt dem Himmel und der Erde...
Die zweite Verbeugung galt den Eltern...
Mit der dritten und letzten Verbeugung verbeugten sich voreinander...

Als die beiden langsam wieder in die Aufrichtung kamen entsprang ein bedeutendes Funkeln aus ihren Augen und Bao Tian goss langsam aus der Karaffe den roten Wein in zwei kleine Trinkschalen und bot eine davon Lan Xichen an.
Die schlanken Finger umschlossen die edel verzierte Trinkschale und die beiden überkreuzten ihre Arme und tranken vorsichtig den Wein.
Der würzige, saure Geschmack von dem roten Tropfen lief sofort die Kehle hinunter und erwärmte ihrer beiden Herzen.

Nachdem sie die Trinkschalen wieder auf dem Tisch abgesetzt hatten war die offizielle Zeremonie zu Ende und Bao Tian blickte Lan Xichen mit seinen großen, braunen Augen an.
Doch dieser zuckte bei diesem Anblick leicht zusammen, als er im Schimmer der vielen Kerzen plötzlich einen feuchten Film in Bao Tian's dunklen Augen bemerkte. Lan Xichen's Augen weiteten sich und in dieser Sekunde spürte er seinen kräftigen Herzschlag, welcher nun noch lauter zu klopfen begann. Vorsichtig streckte er seine Hand aus, berührte Bao Tian's Wange und strich mit seinem Daumen durch dessen Augenwinkel, als er die salzige Feuchtigkeit hinfort wischte.

Lan Xichen spürte eine unglaubliche Wärme, welche von seinem Herzen ausging und seine Lippen öffneten sich leicht, als er seine Handinnenfläche flach auf Bao Tian's Wange legte. Er wollte etwas sagen, doch war er von dem Anblick so berührt und verzaubert, dass er es nicht schaffte die richtigen Worte zu finden.

Der Mann vor ihm, so vertraut und geliebt zugleich, welcher so stolz und maskulin wirkte, schloss seine Augen, als sich die restliche Feuchtigkeit in seinen Wimpern auffing und wie feine Perlen in den tiefschwarzen Haaren verweilte.

Selten, hatte Lan Xichen in den vielen Jahren in denen dieser Mann an seiner Seite war ihn tatsächlich weinen sehen.
Aber wenn, dann waren es Tränen der Trauer gewesen und von großem Kummer und Leid begleitet.
Noch nie zuvor hatte Lan Xichen die Tränen der Freude an ihm gesehen und am liebsten hätte er sie aufgefangen und auf ewig wie einen Schatz behütet, so kostbar wirkten sie in seinen Augen.

Bao Tian legte seine linke Hand ebenfalls auf seine eigene Wange und umschloss damit Lan Xichen's Hand. Die Berührung war so unglaublich zart und sanft, so als hätte er Angst Lan Xichen's schlanken Finger könnten jede Sekunde unter seiner Zuneigung zerbrechen.
Er atmete ein paar Mal tief ein und öffnete dann langsam seine Augen. Seine Stimme war so bedeutend tief, voller Liebe aber genauso war sie auch zart und leise zugleich:
„Niemals hätte ich es gewagt auch nur davon zu träumen deine Hand einmal in dem Bund der Ehe zu erhalten.
Huan womit habe ich dieses Glück nur verdient? Es ist so kostbar für mich, dass vor lauter Liebe mich zeitgleich auch die Angst zerfrisst vielleicht eines Tages diese Hand nicht mehr halten zu können."

Es verging ein kurzer Moment der Stille und Lan Xichen's Augenbrauen zogen sich berührt zusammen. Er strich mit seinem Daumen vorsichtig über Bao Tian's Wange, als dieser plötzlich seine Hand nahm und die helle Handinnenfläche zu seinen Lippen führte. Während er Lan Xichen's Hand vorsichtig fest hielt, berührte er mit seinen Lippen die angenehm warme Haut und küsste die schlanke Hand.
Lan Xichen sah Bao Tian dabei zu und er spürte die warmen Lippen Bao Tian´s in seiner Handinnenfläche, als er mit seiner sanften und klaren Stimme antwortete:
„Dann halt sie fest und lass sie niemals los."

Bao Tian stockte für eine Sekunde in seiner Bewegung. Seine dunklen Augen weiteten sich, als er ganz langsam seinen Blick anhob. Die feuchten Tränen in seinen Augenwinkeln waren verdunstet und er blickte Lan Xichen mit großen Augen an. In den tiefen der dunklen Pupillen schimmerte ein unstillbares Feuer, voller Mut und Hoffnung. Leidenschaft und Liebe füllte sich in ihnen an und die Zuversichtt auf eine glückliche Zukunft.

Ein Lächeln huschte schließlich über Bao Tian's Lippen, als er plötzlich Lan Xichen's Hand fest umschloss, sich etwas nach vorne lehnte und dann mit seiner anderen Hand hinter Lan Xichen´s Ohr fasste. Er legte seine Finger um das Ohrläppchen herum und umschloss den schlanken Nacken.
Als er ihre Köpfe plötzlich kraftvoll zueinander zog hauchte er tief:
„Wie du es dir wünscht! Nun wirst du mich nie mehr los! Ich lasse dich nie mehr gehen, Huan.
Jetzt gehörst du ganz und gar mir!"

Lan Xichen's Augen weiteten sich noch, doch dann verdeckte plötzlich ein dunkler Schatten seine Sicht.
Bao Tian drückte ihre Lippen aufeinander, das zarte Fleisch berührte sich und wurde sofort liebkost und verführt.

„Hn...!"
Kam ein leiser Schnaufer aus Lan Xichen's Nase, als er Bao Tian's feurige Zunge spürte, welche sich auch schon rüpelhaft zwischen seine Zähne schob. Sein Handgelenk wurde fest umschlossen und hielt ihn an Ort und Stelle, während die Hand an seinem schlanken Nacken ihre Köpfe immer weiter zusammen drückte.

Lan Xichen's Kopfhaut begann zu Kribbeln, als Bao Tian so überaus sinnlich seine schmalen Lippen küsste. Die feuchte Zunge spielte in seiner Mundhöhle umher, neckte und tritzte so überaus zerschmetternd seinen Anstand und löste bald ein beschämendes Gefühl in ihm aus.
Sie waren schließlich in der Halle seiner Vorfahren, in einer heiligen Ruhestätte und sie saßen genau vor den Namenstafeln seiner Eltern und Jinan Liang.

Es war ein respektloser Akt genau an solch einem Ort so überaus frivolen Dingen nachzugehen und zwischen Lan Xichen's Augenbrauen legte sich plötzlich eine Falte der Entrüstung.
Nach dem ersten Schock schloss er etwas angespannt seine Augen und als die saugenden und feuchten Geräusche immer offensichtlicher wurden, vernahm er auch noch Bao Tian's erotisches Schnaufen, welches er unweigerlich in seiner Ekstase von sich Preis gab.

Lan Xichen klammerte sich währenddessen mit seiner freien Hand an Bao Tian's Ellenbogen. Er umfasste diesen und krallte seine Fingerspitzen tief in die edle Robe. Doch bei dem Versuch diesen massiven Mann von sich wieder wegzudrücken versagte seine Kraft kläglich und er spürte wie ihm die Schamesröte nur so ins Gesicht stieg.

„Hnn..."
Gab er einen kurzen, abweisenden Ton von sich und als Bao Tian seine Abwehrhaltung bemerkte zog er seine Zunge aus der warmen Mundhöhle wieder heraus und starrte etwas atemlos auf Lan Xichen's Lippen. Sie waren leicht geschwollen. Von dem vielen Saugen, pumpte sich frisches, rotes Blut unter der dünnen Haut entlang und ein nasser, glänzender Film war auf ihrer Oberfläche zu sehen.

Bao Tian bemerkte Lan Xichen's zornigen und beschämten Gesichtsausdruck, doch er schloss einfach erneut seine Augen und küsste zärtlich Lan Xichen's Wange. Er liebte Lan Xichen´s zornigen Gesichtsausdruck genauso wie seinen beschämten. Und besonders mochte er es, wenn Lan Xichen so tat als wollte er es nicht, nur um zu verstecken, dass er Bao Tian´s anzügliche Annäherungen in Wahrheit eigentlich begrüßte.
Bao Tian küsste daher zufrieden erst die eine Wange und dann die andere. Dann weiter platzierte er einen Kuss auf dessen Stirn und Nasenrücken. Er konnte auf seinen Lippen sogar Lan Xichen´s überaus angestiegene Körperwärme wahrnehmen. Er neigte seinen Kopf leicht zur Seite, vergrub seinen Kopf in Lan Xichen´s Nacken und platzierte dann noch einen überaus zärtlichen Kuss hinter dessen Ohrläppchen.

Lan Xichen zuckte zusammen und hauchte etwas atemlos:
„...Nicht hier..."

Bao Tian verweilte mit seinen Lippen an dem zarten Hals. Er konnte selbst in dieser kalten, stickigen Höhle Lan Xichen's sinnlichen Körpergeruch wahrnehmen und er berührte mit seiner Nasenspitze das samtig, schwarze Haar.
„Was nicht?" Flüsterte er tief in Lan Xichen's Ohr.

Doch es kam zunächst keine Antwort.

Bao Tian konnte nur Lan Xichen's aufgebrachten Herzschlag bis in dessen Handgelenk spüren, welches er noch immer fest umschlossen hatte. Die Atmung seines Gegenübers schien unruhig und rau zu werden und er lehnte sich wieder etwas zurück und blickte in Lan Xichen's Augen.
Sie hatten diesen einen peinlich berührten Ausdruck und in dessen Pupillen erkannte Bao Tian ein Zögern.

Lan Xichen senkte zurückhaltend seinen Blick, als er nahezu im Flüsterton etwas stotterte:
„Dies hier ist eine Grabstätte. Ein...ein heiliger Ort...Vor meinen Eltern und Jinan Liang...solch ein unanständiger Akt...Wir können nicht vor den Augen aller..."
Er stockte plötzlich mitten in seinem Satz und sprach ihn nicht einmal ganz aus. Alleine es in Worte zu fassen schien ihm an diesem Ort als unangebracht und er versiegelte lieber wieder schnell seine Lippen, so als könnte ihn hier jemand anderes außer Bao Tian tatsächlich hören.

Doch über Bao Tian's Gesicht huschte nur ein zufriedenes Grinsen. Als er Lan Xichen so vor sich sitzen sah, mit diesen roten Wangen und diesem entzückend beschämten Gesichtsausdruck, gekleidet in seiner edlen Hochzeitsrobe und dem anmutigen Schmuck in seinem Haar, konnte er nicht anders als sich von diesen Anblick davon tragen zu lassen.
Er ließ daher seinen Daumen über Lan Xichen's Unterlippe fahren, als er mit seiner Zunge neckisch schnallste:
„Tsk...tsk...
Huan, woran denkst du nur? Ich habe dich lediglich nur geküsst um unsere Eheschließung zu besiegeln. Aber deine Gedanken scheinen schon ganz wo anders zu sein. Wie unanständig von dir. Was für lustvolle Fantasien hegst du nur vor all deinen Vorfahren? Was würde sie nur dazu sagen wenn sie wüssten zu welch frivolem Mann du herangewachsen ist?"

Lan Xichen verzog plötzlich sein Gesicht fürchterlich und Scham und Unsicherheit reflektierten sich zeitgleich in seinen Augen. Sein Gesicht lief nun noch roter an und er kam leicht ins Haspeln, als er versuchte sich zu verteidigen.
„Nein...ich...das meinte ich nicht...ich..."

Doch es wurde nur immer schlimmer und das Grinsen in Bao Tian's Gesicht wurde immer breiter, als dieser voller Schadenfreude Lan Xichen's aufgelösteste Gestik und Mimik betrachtete.
Er lehnte sich plötzlich wieder näher heran, ihre Nasenspitzen sich fast berührend, als er Lan Xichen tief in die Augen blickte und sagte:
„Aber du hast Recht Huan. Solch ein überaus frivoler Akt vor den Augen aller ist wirklich über alle Maße schamhaft. Wobei...ist es nicht eigentlich genau dieser Akt, dem sie alle einmal nachgegangen sind und aus dem sie selbst sogar entstanden sind?
Ich denke sie hätten alle Verständnis dafür, meinst du nicht?"

Lan Xichen holte einmal ruckartig Luft, seine Augen weiteten sich, als er sich etwas nach hinten lehnte und fast etwas schrill piepste:
„Tian, was hast du vor?"

Doch Bao Tian's Augen füllten sich voller Leidenschaft, seine Körperwärme schien sogar immer hitziger anzusteigen, als er diabolisch hauchte:
„Zum Abschluss einer vollständigen Hochzeitszeremonie fehlt noch etwas. Etwas ganz entscheidendes sogar. Meinst du nicht?"

Lan Xichen sagte etwas verunsichert, den aufdringlichen Ehemann sogar leicht auf Abstand haltend:
„Was genau meinst du?"

Doch die Stimme in seinem Ohr war in diesem Moment so unglaublich tief, erregend dominierend und gnadenlos eindringend zugleich, als zwei Wörter ein Beben in seinem Körper verursachten.

Die Hochzeitsnacht!"