Chapter 27
4 Jahre später
Die Luft war noch kühl und frisch von der Nacht. Der zarte Duft der erwachenden Natur lag in der Luft und die Blätter der Bäume sangen ihr Lied in einem lauen Morgenwind. Das Grün der Bäume war frisch und kräftig und die Gräser erwachten aus ihrem nächtlichen Schlaf. Die Blumen öffneten ihre kleinen Köpfe und blickten hoffnungsvoll mit ihren zarten Gesichtern gen Himmel und erwarteten die ersten Morgenstrahlen des hereinbrechenden Tages.
Das laute Rufen eines Greifvogels erschallte am weiten Himmel, welcher Geschwind mit seinen Flügeln durch die Lüfte gleitete.
Die Cloud Recesses lag in friedlicher Stille und so auch ihre Natur und Bewohner.
Es war Jinan Liang's fünfter Todestag.
Ein Tag voller Erinnerungen, an welchem nicht nur an traurige Zeiten, sondern vor allem auch an die kostbaren und schönen Momente des Lebens gedacht wurde. Es war ein Tag, welcher bis heute eine große Lücke in den Herzen der Hinterbliebenen zurückließ, aber zeitgleich sie auch mit Kraft, Weisheit und Zuversicht füllte.
Zwischen den alten Bäumen und den hohen Gräsern des hinteren Endes der Cloud Recesses bewegte sich leise ein Cultivator von männlicher Gestalt. Seine Schritte waren weit und auch wenn sie schwer wirkten, so berührten seine Füße dennoch nahezu geräuschlos den feuchten Boden. Seine Robe wehte leicht im Wind auf und sein dunkles, welliges Haar reflektierte die ersten Sonnenstrahlen der aufgehenden Sonne. Auf seinen Stiefeln legte sich der leichte Morgentau nieder, benässte das raue Material und tränkte dieses in eine dunklere Farbe.
Seine tief braunen Augen hatten einen warmen und liebevolle Ausdruck und wirkten so überaus geheimnisvoll in Kombination zu dem leicht dunkleren Hautteint. Auf der kräftigen Schulter des Mannes hing ein kleiner geflochtener Zopf, verwoben mit einem hellen Band und schwang bei jedem seiner Schritte anmutig mit.
Es war, als könnte der Zahn der Zeit den talentierten Männern der Cultivation nichts anhaben und selbst wenn einige Jahre ins Land zogen, so wirkten sie noch immer jung und attraktiv.
Bao Tian war keine Ausnahme. Ganz im Gegenteil sogar. Mit jedem Jahr welches verstrich und seine Culitvation weiter voranschritt, schien auch seine Männlichkeit immer weiter zu reifen. Gepaart mit dem stet's verschmitzten Lächeln auf seinen Lippen war er eine exotische Schönheit und wo immer ihn seine Füße auch hintrugen, verdrehten die Damen ihre Köpfe nach ihm. Sprachlos schauten sie ihm nach und ihre Herzen begannen wie wild zu flattern, wann immer sie ihn auf den Straßen erblickten.
Doch in den letzten Jahren war dieser begehrte Cultivator, welcher heimliche, erotische Fantasien nach dem "prickelndem Unbekannten" bei Frauen und Männern gleichermaßen auslöste, nur noch selten alleine anzutreffen.
Nahezu untrennbar ward er nur noch an der Seite seines berühmten Herren und Sect Leader's Lan Xichen's zu begutachten und immer öfter war er in Begleitung von zwei entzückenden kleinen Kindern.
Er schien für die Singlewelt somit verloren und unerreichbar und die Gerüchteküche brodelte, sahen ihm die Kinder schließlich alles andere als ähnlich. Lan Xichen dagegen genoss schon immer einen hohen Respekt und Abstand der Menschen. Er war einfach zu schön und zu göttlich an Erscheinung, niemand wagte es auch nur darüber nachzudenken seine Fühler nach ihm auszustrecken. Selbst für die, welche nur auf seine helle und zarte Erscheinung ein Auge geworfen hatten, war es schwer auch nur einen etwas längeren Blick von ihm zu erhaschen, geschweige denn in den Genuss ein paar lieblicher Worte über seine Lippen zu kommen. Denn wann immer Lan Xichen irgendwo auftauchte, folgte ihm ein dunkler Schatten, welcher mäjestätisch und bedrohlich hinter ihm zu thronen schien und seine schützenden Hände über ihn hielt. Er war wie ein loyaler Hund aus den dunklen Schatten, welcher knurrend und zähnefletschend sein Revier zu verteidigen schien.
Niemand wagte es daher Lan Xichen zu nahe zutreten und Bao Tian schirmte ihn, ob nun bewusst oder unbewusst, nur durch seine blanke Anwesenheit ab. Ein Umstand, der sich in all den vielen Jahren in denen sie nun schon gemeinsam durch die Welt der Cultivation wanderten, nie verändert hatte.
Wenn dann zu allem Überfluss auch noch Lan Wangji und Wei Wuxian sie auf ihren Reisen begleiteten, war der Anblick ihrer Truppe kaum mehr noch zu ertragen.
Während die berühmten Kinder, die Lan Zwillinge oft freudig voran liefen und da hinter der exotische Bao Tian, gefolgt vom gefürchteten Yiling Patriarch Wei Wuxian und dann noch die zwei Jade-Brüder den Schluss bildeten, lief ihnen ihr Ruf weit voraus.
In jeglicher Hinsicht, hatte sich die Cloud Recesses und der Gusu Lan Clan in den vergangenen Jahren stark verändert. Sein Ruf nach einem verstaubten und überaus strengen Clan hatte sich komplett verändert und ein Gerücht hielt sich in den Herzen der Menschen besonders hartnäckig. Es war eher ein Wunschgedanke und eine Metapher, die mit diesem Clan oft in Verbindung gebracht wurde.
Hinter vorgehaltener Hand und hinter verschlossenen Türen hieß es oft: „Kennt ihr die Cloud Recesses? Den Gusu Lan Clan unter der Führung von Lan Xichen? Es heißt, nur auserwählte Talente und Cultivators würden dort aufgenommen, denn an diesem Ort fände man das wahre Glück des Lebens!"
Das Gerücht verbreitete sich bald wie ein Lauffeuer im ganzen Land und viele motivierte und junge Menschen suchten daher die Cloud Recesses auf um ihr Glück zu versuchen, in den besagten Reihen aufgenommen zu werden.
Einer dieser besagten Menschen, welcher tatsächlich in der Cloud Recesses erneut das wahre Glück seines Lebens gefunden hatte, blieb nun zwischen dem feuchten Gras stehen. Er blickte hinaus in die Natur und legte seine Hände an seinen Mund. Seine tiefe, klare Stimme schallte laut hinaus:
„A-Ning! A-Sheng! Wo seid ihr?"
Bao Tian's Stirn legte sich kraus. Denn außer dem Echo seiner eigenen Stimme vernahm er nichts weiter.
Er schüttelte den Kopf und nuschelte zu sich selbst:
„Wo sind die Kinder nur schon wieder? Sie sollen hier doch nicht spielen."
Bao Tian holte noch einmal tief Luft und erneut rief er aus:
„Lan Ning Ziyi und Lan Sheng Jin. Ich zähle bis drei und dann..."
Doch in diesem Moment wurde er schon unterbrochen, als er ein lautes:
„Hier, hier! Wir sind hier!" aus dem Dickicht vernahm.
In diesem Moment rannten die zwei gesuchten Kinder ihm schon freudestrahlend entgegen. Lan Xichen's und Jinan Liang's Tochter und Sohn hatten sich prächtig entwickelt. Sie waren mittlerweile acht Jahre alt und waren der ganze Stolz der Cloud Recesses. Sie waren gewissenhaft, fürsorglich und vor allen Dingen waren sie lebensfroh. In der Cultivation zeigten sie sich als äußerst gelehrig und talentiert und beide begannen bereits ihren goldenen Core zu formen. Sie waren untrennbar, schon von Geburt an und wo immer man den Einen fand, war der Andere nicht weit.
Bao Tian seufzte einmal erleichtert auf, wurde er doch extra losgeschickt die Kinder schleunigst wieder einzusammeln.
Als der Junge und das Mädchen sein bekanntes Gesicht erblickten rannten sie direkt auf ihn zu und Lan Sheng Jin rief ihm schon aufgeregt entgegen:
„Tian, Tian! Er war wieder da! Er war wieder da!"
Bao Tian zog überrascht seine Augenbrauen hoch. Er streckte seine Arme schon mal vorsichtshalber nach vorne aus um die beiden Energiebündel abzufangen, sollten sie in ihrer Euphorie das Bremsen vergessen.
Und in der Tat die beiden rauschten ungebremst in seine Arme und fielen mit ihren schlanken Armen mit einem Aufprall um seine Hüfte.
„Hoppla!"
Sagte Bao Tian, als er die beiden ausbremste und abfing. Er beugte sich zu ihnen herunter und fragte überrascht:
„Wer war da?"
Die Zwillinge blickten zu ihm hinauf und mit funkelnden Augen sagten sie nahezu synchron:
„Na er war wieder da. Es lagen wieder Blumen bei Mami. Wie jedes Jahr zu ihrem Geburtstag und Todestag."
Bao Tian streichelte jeweils über ihre kleinen Köpfe, als er mit sanfter Stimme sagte:
„Ihr meint Onkel Luan? Habt ihr etwa schon wieder seinen Namen vergessen?"
Lang Ning Ziyi nickte mehrfach:
„Genau, Onkel Luan." Sagte sie mit zarter Stimme.
Doch der Junge blickte etwas verärgert drein, als er sich zu unrecht kritisiert fühlte:
„Warum schon wieder seinen Namen vergessen? Es ist nicht so...als wüssten wir genau wer er ist."
Schmollte er leicht, während er Bao Tian's linke Hüfte dabei fest umklammerte.
Bao Tian seufzte kurz auf. Seine Stimme war sanft und entschuldigend.
„Stimmt, verzeiht. Als Onkel Luan die Cloud Recesses verlassen hat, wart ihr mal gerade vier Jahre halt. Es ist nicht sonderlich ungewöhnlich, dass ihr nicht so viele Erinnerungen an ihn habt."
Nun legte Lan Ning Ziyi auch ihre Stirn etwas kraus, als sie leise sagte:
„Genau wie Mami. Ich kann mich kaum mehr an ihr Gesicht erinnern."
Nun hockte sich Bao Tian hin und kam den Kindern somit auf Augenhöhe, er blickte in das Gesicht der zwei Kinder und legte seine starken Hände auf dessen Schultern.
„Stimmt." Sagte er etwas wehmütig.
„Genau wie eure Mutter. Sie ist viel zu früh von uns gegangen und außer die paar Gemälde die wir von ihr haben, könnt ihr euch bestimmt nicht mehr an ihr Gesicht erinnern. Ihr wart damals einfach noch zu jung."
Doch in diesem Moment bekam Lan Sheng Jin dennoch ein bedeutendes Strahlen in seinen Augen, als er plötzlich sagte:
„Onkel Wei hat immer gesagt, Erinnerungen tragen wir in unseren Herzen. Daher ist es nicht wichtig was wir mit dem Auge sehen. Es ist wichtig, was wir fühlen!"
„Oh!"
Sagte Bao Tian erstaunt und er blickte den kleinen Mann überrascht an.
„Das hat Onkel Wei gesagt?" Plötzlich lachte er erstaunt auf.
„Scheinbar wird auch Onkel Wei langsam weise und erwachsen. Welch ein schöner Satz, glaubt an ihn und tragt ihn in euren Herzen."
Damit strobelte er aufmunternd über die Köpfe der beiden Zwillinge und lächelte sie breit an.
Die beiden schüttelten ihre Köpfe und versuchten sich aus Bao Tian's Neckerei zu befreien, als das kleine Mädchen sich fragte:
„Woher wissen wir nochmal, dass es Onkel Luan ist, der die Blumen jedes Jahr bringt? Ich meine, er hat uns noch nie besucht. Vielleicht ist es auch wer anderes?"
Doch in diesem Moment schaltete sich ihr Bruder ein und erklärte seiner Schwester weise und gewissenhaft:
„Wegen dem Siegel, weißt du nicht mehr?"
Lan Sheng Jin kramte in seiner Robe herum und holte das Familien-Siegel der Lan's hervor. Es schimmerte in dem Sonnelicht und seine kleinen Hände hielten es ganz fest.
„Vati hatte Onkel Luan zum Abschied ein Familien-Siegel mitgegeben, damit er jederzeit zurückkehren kann. Somit, kann es nur Onkel Luan sein, wer sonst könnte die Höhle betreten?"
Der kleine Junge blickte Bao Tian ins Gesicht, sich rückversichernd, dass er richtig gesprochen hatte.
Und in der Tat, Bao Tian nickte sachte mit seinem Kopf und klopfte dem Jungen einmal auf die Schulter. Dann wendete er sich wieder an Lan Ning Ziyi:
„Genau richtig. Was dein Bruder sagt, ist das, woran wir alle glauben. Es kann nur Onkel Luan sein. Niemand sonst außerhalb der Cloud Recesses trägt das Familien-Siegel der Lan's."
Lan Ning Ziyi blinzelte ein paar Mal und schaute dann nachdenklich drein. Ihre Stimme war noch jung und zart, als sie fragte:
„Aber wenn Onkel Luan zur Familie gehört und jedes Jahr zurückkehrt, warum kommt er dann nicht zu uns wieder? Vermisst er uns denn gar nicht?"
Bao Tian seufzte einmal tief auf. Er wusste, dass umso älter die Kinder werden würden, auch immer mehr Fragen zu beantworten seien. Es wäre irgendwann unaufhaltsam und es würde der Tag kommen, an dem die Kinder die Reife erreicht hätten, an denen man ihnen die gesamte Geschichte in all ihrer Fülle erzählen müsste.
Doch dieser Tag war nicht heute und Bao Tian schüttelte kurz seinen Kopf. Er lächelte sanft, als er sagte:
„Doch, ich glaube schon, dass Onkel Luan uns genauso sehr vermisst wie wir ihn. Aber wisst ihr, es gibt manmchal Dinge im Leben die man nicht so einfach vergessen kann. Es fällt einem schwer danach weiter zu machen und seinen Schmerz zu vergessen. Onkel Luan konnte den Tod eurer Mutter nur schwer verkraften, wisst ihr? Er war noch ein junger Mann und er hatte eure Mutter sehr, sehr lieb.
Es brach ihm das Herz sie gehen zu lassen. Und ich bin mir sicher, dass es ihm auch das Herz brach euch zurückzulassen. Ihr wart für ihn wie seine eigenen Kinder und er hat euch die ersten vier Jahre eures Leben's mit groß gezogen. So als wärt ihr sein eigen Fleisch und Blut.
Ich bin mir daher ganz sicher, dass er viel an euch denkt und uns alle sehr vermisst. Aber manchmal muss man sich im Leben von geliebten Dingen trennen und vorerst andere Wege einschlagen, so schwer es einem auch fällt. Er hat sich das sicher gut überlegt und tat das, was er für richtig hielt. Es gab wohl noch Dinge, die er da draußen in der weiten Welt erledigen musste. Antworten nach denen er suchte und welche er hier in der Cloud Recesses nicht finden konnte. Ich bin mir aber sicher, dass er eines Tages den Weg zurück zu uns nach Hause findet."
Die Zwillinge blickten in Bao Tian's große, braunen Augen und für einen Moment herrschte bedrückte Stille, als die zwei Kinder versuchten zu verstehen und zu begreifen, was sie gerade gehört hatten.
Lan Sheng Jin schaute in Bao Tian's Gesicht, so als würde er noch nach weiteren Antworten suchen, als sein junges, unwissendes Herz seine Zunge leitete:
„Hmm, das heißt aber, dass wenn Onkel Luan seine Antworten endlich gefunden hat, dass er dann wieder zurückkommt?"
Bao Tian nickte und streichelte sanft mit seinem Zeigefinger über den Nasenrücken des kleinen Jungen.
„Davon bin ich fest überzeugt! Und wenn er irgendwann wieder kommt, feiern wir alle ein großes Banquet!"
Lan Ning Ziyi jubelte plötzlich auf und freute sich riesig über das bevorstehende, große Banquet und ihre Augen begannen zu funkeln.
Doch Lan Sheng Jin schien noch immer etwas zu beschäftigen. Trotz des Jubels seiner Schwester über das große Fest und dem bevorstehenden Wiedersehens eines fast vergessenen Onkels, sagte der Junge plötzlich nachdenklich:
„Tian, wenn Onkel Luan aber, obwohl er seine Antworten noch nicht gefunden hat dennoch zweimal im Jahr zurückkehrt um Mami Blumen zu bringen, dass heißt dann, dass er sie von allen hier am meisten lieb hatte? Warum sollte er sonst nur ihr etwas schenken?"
Bao Tian stutzte kurz.
Intelligenz von Kindern war Fluch und Segen zugleich. Für eine Sekunde dachte er nach, was er nun sagen sollte, als er sich entschied kurz zu lächeln und sagte:
„Das kann man so schwer beantworten. Liebe ist sehr unterschiedlich wisst ihr und jeder fühlt sie anders. Aber ja, ich denke Onkel Luan hatte eure Mutter am meisten lieb."
Nun dachte auch Lan Ning Ziyi kurz nach. Sie kratzte sich mit ihren kleinen Fingern, den Erwachsenen nachahmend, an der Schläfe und sagte:
„Also hatte Onkel Luan Mami sehr, sehr lieb?"
Bao Tian schnaufte kurz durch seine Nase. Geduldig stand er Rede und Antwort.
„Ja er hatte eure Mutter sehr, sehr lieb!"
Lan Sheng Lings's kleine Augen funkelten plötzlich auf. Er war der Meinung nun eine neue Erkenntnis gewonnen zu haben und sagte euphorisch:
„Genauso lieb wie du Vati hast? Das gleiche Lieb?"
Bao Tian verschluckte sich kurz und räusperte sich plötzlich. Er blickte überrascht in die funkelnden Augen der Zwillinge, als er etwas zurückhaltend sagte:
„Ähm...nein...also ich meine ja! Also wisst ihr...das ist..."
Doch in dem Moment blickte das kleine Mädchen ihren Bruder an und brabbelte aufgeregt dazwischen:
„Also genau so lieb wie Großmutter und Großvater sich haben, Onkel Wei und Onkel Wangji, Onkel Jiang und Onkel Sun und Onkel Feng und Tante Sun? Also, dass gleiche Lieb?"
Bao Tian blickte etwas entrüstet drein und bremste die Kinder aus:
„Mo...Moment. Ihr könnt nicht Feng Ling und Sun Lien Onkel und Tante nennen. Ihr seid gar nicht mit ihnen verwandt. Das gehört sich nicht."
Doch die Kinder blickten Bao Tian irritiert an, als Lan Ning Ziyi sagte:
„Aber mit Onkel Jiang und Onkel Sun sind wir auch nicht verwandt und nennen sie beide Onkel. Sun Lien ist Onkel Sun´s Schwester.
Also nennen wir sie auch Tante und da sie sich mit Feng Ling lieb hat, ist er halt auch Onkel Feng."
Lan Sheng Jin fügte nun ebenfalls noch besserwisserisch hinzu:
„Und mit Onkel Wei sind wir auch nicht verwandt und nennen ihn Onkel!"
Bao Tian war plötzlich etwas sprachlos von so viel Gerissenheit der Kinder. Im schwamm plötzlich der Kopf vor lauter Verwandschaftsgraden, als er plötzlich hastig sagte:
„Wie dem auch sei, ihr könnt auf jedenfalls nicht jeden Onkel und Tante nennen nur weil sie nett zu euch sind und euch Süßigkeiten geben."
Mit diesem Satz wollte Bao Tian aus seiner Hocke wieder aufstehen, als Lan Sheng Jin ihn plötzlich am Ärmel fest hielt und ihn mit seinen kleinen Augen groß anguckte:
„Also..." Sagte er erwartungsvoll.
„Ist es nun das gleiche Lieb?"
Bao Tian befand sich nun in einer Zwickmühle. Wer konnte nur damit rechnen, dass die Kinder mit acht Jahren schon so penetrant seien? Nachdem er also ein paar verschluckte Laute von sich gab, sagte er schließlich:
„Ja, es ist wohl alles das gleiche Lieb. Aber nun genug geplaudert. Lasst uns jetzt endlich gehen."
Doch nun hielt auch Lan Ning Ziyi Bao Tian am Ärmel fest. So schnell ließen sich die beiden nämlich nicht abschütteln, als sie nun erst recht fragte:
„Aber haben nicht Vati und Mami sich lieb gehabt? Warum hat Onkel Luan Mami auch lieb gehabt?"
Bao Tian wurde langsam weiß im Gesicht und ihm gingen die schlauen, kindgerechten Erklärungen aus. Er hatte das Gefühl nun unbewusst ein bodenloses Fass geöffnet zu haben und es graute ihm schon davor was passieren würde, wenn Lan Xichen davon Wind mit bekäme, dass er seinen acht Jahre alten Kindern gerade die komplizierte Liebesgeschichte ihrer Vierecksbeziehung erklärte.
Er kam daher leicht ins Stottern, als er erklärte:
„Ja, die haben sich auch sehr lieb gehabt. Aber wisst ihr, dass ist alles nicht so einfach zu erklären. Einigen wir uns drauf, dass es etwas kompliziert ist mit der Liebe. Wenn ihr älter seid, werdet ihr es sicher verstehen und euer Vati wird es euch gewiss irgendwann erklären."
Mit diesem Satz befreite er sich aus dem Klammergriff der zwei Kinder und stand langsam auf. Seine Beine und Füße waren schon ganz taub von dem vielen Hocken geworden und seine Gliedmaßen begannen bei jeder Bewegung zu kribbeln.
Doch Lan Ning Ziyi und Lan Sheng Jin waren mit dieser Abfuhr nicht ganz zufrieden und ärgerten sich, wie schon tausende Generationen vor ihnen, über die Erklärung: -Wenn ihr älter seid, werdet ihr es sicher verstehen!-
Das Totschlagargument der Erwachsenen schlechthin nur um sich daraus zu winden, Kindern etwas kompliziertes erklären zu müssen.
Doch Bao Tian blieb standhaft, aus Angst vor dem Chaos welches er anrichten könnte. Und außerdem fand er, dass die Kinder schon genug mit vielfältigen zwischenmenschlichen Beziehungen in ihrem jungen Alter in Berührung kamen. Er wollte jetzt nicht noch mehr Verwirrung stiften.
Er fasst daher dem Jungen und dem Mädchen an ihre kleinen Patschhände und bewegte sie zum Mitkommen, als sie erst noch etwas widerwillig und mit Schmollgesicht ihm folgten.
Doch dann, nach nur ein paar kurzen Schritten, als die Kinder die Wärme von Bao Tian's großen Händen spürten und sie an dem dunklen Mann hinauf blickten, welcher sie so unglaublich sicher und voller Geborgenheit durch das Dickicht führte, sagte Lan Sheng Jing plötzlich:
„Tian?"
„Hmm?"
Brummte es tief neben dem Jungen.
„Ich habe dich auch sehr, sehr lieb!"
...
Bao Tian blieb plötzlich stehen und seine Augen weiteten sich. Er blickte seitlich an sich herunter und schaute dem Jungen ins Gesicht, als dieser ihn plötzlich liebevoll anlächelte. Bao Tian ging das Herz auf und er spürte nun noch intensiver die kleinen, zarten Kinderhände in seinen großen Handinnenflächen.
„Was hast du gerade gesagt?" Fragte er überrascht nach.
Natürlich hatte er das Kind akustisch verstanden, aber es war, als würde sein Unterbewusstsein es noch einmal hören wollen, nur um sicher zu gehen, dass er sich nicht verhört hatte. Denn die zarten Worte waren einfach zu kostbar, um sie nur einmal zu hören.
Lan Sheng Jin blickte Bao Tian an und er sagte noch einmal, mit dem reinen Lächeln eines Kindes:
„Ich habe dich auch sehr, sehr lieb, Tian!"
Lan Ning Ziyi blickte ihren Zwillingsbruder ebenfalls mit großen Augen an und sie stieg sofort mit ein um nicht außen vorgelassen zu werden, als sie schnell hinzufügte:
„Ich auch, ich auch. Ich habe Tian auch sehr, sehr lieb. Genau wie Vati. Du bist wie ein zweiter Vater für uns!"
„Genau!"
Sagte Lan Sheng Jin, seiner Schwester zustimmend.
„Tian ist wie ein zweiter Vater. Auch wenn Mami nicht mehr da ist, haben wir aber trotzdem nun zwei Vatis.
Tian, wir haben dich sehr, sehr lieb!"
Die Kinder grinsten über ihr ganzes Gesicht und nickten sich zustimmend zu, ehe sie Bao Tian ihr schönstes Lachen schenkten. Das freudige Gelächter der Kinder erfüllte die Luft und drang tief in die Seele eines Jeden, der in den Genuss dieser Freude kamen.
Bao Tian spürte seinen kräftigen Herzschlag.
Bum Bum Bum
Es pochte so unglaublich stark in seiner Brust und das Blut rauschte lebendig und voller Kraft durch seinen Körper. Ihm wurde plötzlich ganz warm und sein Magen wurde von einem unglaublich glückseeligem Gefühl heimgesucht.
Er spürte eine leichte Feuchte in seinen braunen Augen und für eine Sekunde war er um eine Antwort ganz verlegen.
-Wer hätte Gedacht, dass es ausgerechnet einmal diese Kinder sein würden, mit ihrer reinen und unschuldige Liebe, welche diesen selbstbewussten und starken Cultivator einmal sprachlos machen würde?-
Bao Tian atmete einmal tief ein und dann bückte er sich nach unten und schloss beide Kinder einmal fest in seine Arme. Ihre zierlichen und schwachen Körper drückten sich gegen seine starke Brust und lehnten sich gegen seine vernarbte Seele voller trauriger Erinnerungen aus der Vergangenheit und schienen mit nur ein paar Worten allen Schmerz von ihm zu nehmen. Es war, als würden sie mit ihrer reinen Liebe die alten Wunden heilen und dieser große Mann fühlte sich plötzlich ganz schwach in den zarten Armen dieser kleinen Geschöpfe.
Er schloss kurz seine Augen, genoss den Moment und spürte nur ihre Körperwärme, welche durch den Stoff ihrer Kleider zu ihm durchdrang.
Dann seufzte er einmal auf und schaute die Zwillinge an. Er schenkte ihnen sein schönstes Lächeln, als er über ihre kleinen Köpfe liebevoll streichelte und sagte:
„Und ich habe euch auch sehr, sehr lieb. Als wärt ihr mein eigen Fleisch und Blut, als wärt ihr meine leiblichen Kinder. Ihr seid für mich meine Familie und mit eurem Vati zusammen, macht ihr mich zu dem glücklichsten Menschen auf dieser Welt!"
Mit diesen Worten drückte er die Kinder noch einmal ganz fest an sich und flüstete leise:
„Ich werde immer für euch da sein...
Ich werde euch lieben, euch beschützen und euch großziehen...
Ich habe es eurer Mutter und eurem Vater versprochen...
Ihr könnt immer auf mich zählen...
Ich lasse euch niemals alleine, niemals!"
In diesem Moment überlappte sich für Bao Tian die Realität mit der Vergangenheit und für eine Sekunde kam es ihm so vor, als würde er wieder in seinem alten Haus stehen und seine leiblichen Kinder Bao Ziyi und Bao Jin in die Arme schließen. Seine geliebte Frau Meiming stand neben ihnen und sie alle blickten sich voller Liebe an und spürten das Gefühl einer sich bedinungslos liebenden Familie.
Dieses alte, herzerwärmende Gefühl aus seiner Erinnerung überlappte sich mit seinem Herzen im Hier und Jetzt und dieses längst vergessene Gefühl war plötzlich wieder so unglaublich nah und greifbar. Bao Tian blickte in das liebliche Gesicht seiner Frau. Er spürte seine Kinder in seinen Armen, konnte ihren vertrauten Körperduft wahrnehmen und spürte das Schlagen ihrer kleinen Herzen. Seine Augen füllten sich mit Tränen und es war, als wäre es ihm ein letztes Mal vergönnt, noch einmal bei ihnen zu sein. Seine Lippen zitterten leicht, als er langsam seinen Mund öffnete und flüsterte:
„Ich liebe euch! Ich liebe euch noch immer und niemals werde ich euch vergessen!
In meinem Herzen, werdet ihr immer weiter leben! Ich..."
Meiming schaute ihn an. Ihre Augen waren gefüllt voller Güte, Liebe und vor allem aber mit Verständnis. Es war, also würde sie direkt in sein Herz blicken können, seine Gefühle und Emotionen so unglaublich klar vor Augen habend und sie nickte ihm schließlich langsam und bestätigend zu.
Denn sie hatte ihn verstanden, sie konnte sehen was ihn bewegte und sie gab ihr Einverständnis.
Als das Bild der Erinnerung langsam vor Bao Tian's Augen zu verschwimmen drohte streckte sie ihre Hand noch nach ihm aus und berührte zärtlich seine Wange. Ihre schlanken Finger waren ganz warm und streichelten zärtlich seine Haut.
Sie blickte in seine großen, braunen Augen, als sich ihr Mund langsam öffnete und sie für Bao Tian kaum noch hörbar sagte:
„Ich weiß! Und wir werden auch immer bei dir sein! Aber nun geh mein Geliebter und sieh nicht mehr zurück. Schau nur noch nach vorne und sei wieder glücklich!"
Dann plötzlich verschwand die Erinnerung vor Bao Tian's Augen und die Silhouette seiner Frau und Kinder verschwanden in der Luft wie feiner Nebel und wurden vom Wind davon getragen.
Für eine Sekunde zuckte Bao Tian erst auf, streckte seine Hand ruckartig nach vorne aus, doch er Griff nur noch ins Leere und der feine Nebel glitt ungehindert durch seine Finger. Die Erinnerung war einfach zu kostbar und er wollte sie noch nicht gehen lassen.
Doch hörte er in Gedanken noch einmal die Worte seiner Frau und sein zunächst erschrockenes Gesicht voller Verlusstängste wurde plötzlich wieder ganz sanft, denn auch er hatte nun verstanden.
Seine Mundwinkel bogen sich leicht nach oben, ein Lächeln so zart wie die ersten warmen Sonnenstrahlen nach einem langen und dunklem Winter. Er schloss seine Augen und nickte, als er leise hauchte: „Danke, das werde ich!"
Bao Tian's letzten Schuldgefühle, tief vergraben in seinem Herzen, wurden an diesem Tag von ihm genommen.
Denn nun wusst er, dass Meiming ihn verstanden hatte und sie versicherte ihm, dass es in Ordnung sei. Sie gab ihn frei und erlaubte ihm wieder glücklich sein!
In diesem Moment erwachte Bao Tian wie aus einem Traum, denn zwei kleine Kinderhände hatten sich auf seine Wangen gelegt. Als seine Augen plötzlich überrascht aufschnellten, blickte er in das liebliche Gesicht von Lan Ning Ziyi und sie blickte ihn besorgt an.
„Tian, warum weinst du denn?"
Bao Tian blinzelte ein paar Mal. Noch leicht benommen und etwas überfordert stotterte er langsam:
„Ich...ich weine? Ich weine doch nicht."
Er fasste sich mit seiner rechten Hand an seine Wange und doch, in der Tat, neben Lan Ning Ziyi's kleiner Hand spürte er etwas feuchtes.
Das kleine Mädchen legte ihren Kopf leicht schief als, sie besorgt fragte:
„Tut dir etwas weh?"
Bao Tian öffnete einmal den Mund und schnappte kurz nach Luft.
Die Frage war in diesem Moment für ihn von einer unlaublichen Tiefgründigkeit unterlegt. Doch er schnaufte kurz durch seine Nase, als er seine Augen schloss und seine Hand auf ihre legte.
„Nein...Es tut nichts mehr weh! Versprochen!" Sagte er tief und ruhig.
„Ich habe wohl nur etwas ins Auge bekommen."
Dann entfernte er vorsichtig die kleinen Patschhände von seinen Wange und stand wieder auf. Er wischte sich mit seinem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht, als er die zwei Kinder anlächelte und sagte: „Kommt jetzt. Nun gehen wir aber wirklich. Es warten alle schon auf uns!"
Beruhigt, dass Bao Tian wohl scheinbar wirklich keine Schmerzen hatte, blickten die beiden Kinder sich erleichtert an.
Der große Mann griff jeweils nach einer ihrer beiden Hände, umschloss diese fest und führte die Kinder bei der Hand, als er langsam großen Schrittes los ging.
Ein kleiner Mensch zu seiner linken, ein kleiner Mensch zu seiner Rechten und der große dunkle Mann in der Mitte.
Lan Sheng Jin fragte in diesem Moment:
„Wer ist eigentlich alle?"
Bao Tian schaute zuversichtlich ihren Weg entlang, voller lebensfreude, als er spielerisch erklärte:
„Na, alle alle eben!"
Lan Ning Ziyi zog die Augenbrauen kraus, als sie mit hoher Stimme fragte:
„Also alle, alle, alle?"
Bao Tian grinste.
„Genau, alle, alle, alle!"
Lan Sheng Jin:
„Auch Onkel Jiang und Onkel Sun?"
Bao Tian mit einer Engelsgeduld:
„Auch Onkel Jiang und Onkel Sun."
Die Kinder zogen eine Grimasse und ahmten erneut Jiang Chen's griesgrämigen Blick nach. Lan Sheng Jing zog sogar seine Stirn kraus und imitierte in Perfektion Jiang Cheng's Gesicht, als er mit verstellt düsterer Stimme sprach:
„Onkel Jiang schaut immer soooo griesgrämig und er ist oft so verärgert. Manchmal ist er richtig böse. Genau wie Großvater schimpft er oft und ist streng."
In diesem Moment blickte die kleine Lan Ning Ziyi ihren Bruder an und sagte fast etwas verängstigt:
„Psssst. Sag das nicht so laut. Wenn das einer hört bekommen wir noch ärger. Großvater meint das bestimmt oft nicht so. Meistens ist es auch nur Onkel Wei der Ärger von ihnen bekommt oder wir, wenn wir mit ihm zusammen sind und wieder etwas angestellt haben."
Bao Tian lauschte angeregt dem Gespräch der Kinder, als er plötzlich voller Vergnügen laut auflachte. Er warf seinen Kopf weit nach hinten in den Nacken und ließ die frühen Sonnenstrahlen sein Gesicht erwärmen, als er belustigt sagte:
„Manche Dinge ändern sich eben nie. Onkel Wei ist und bleibt halt ein kleiner Lausbub. Aber glaubt mir. So griesgrämig sind Onkel Jiang und euer Großvater gar nicht mehr. Ihr hättet die mal erleben sollen, bevor sie ihre bessere Hälfte kennengelernt hatten.
DAS war griesgrämig!"
Während die Kinder Bao Tian noch fragend anschauten und sich in Gedanken einen noch griesgrämigeren Onkel Jiang und Großvater vorstellten, erschauderten sie fast vor Furcht, als plötzlich auf dem Weg vor ihnen eine Person ganz in weiß erschien. Der laue Wind ließ die längen Ärmel der edlen Robe sachte aufwehen und das lange dunkle Haar reflektierte sich seidig im Sonnenlicht. Ein hübsches, sanftes Gesicht untermalt von einer unaussprechlichen Güte und Weisheit erstreckte sich vor ihnen und die Kinder der Augen begannen zu strahlen, als sie die vertraute Person erkannten.
„Vati!"
Riefen sie beide nahezu im Kanon aus und sofort ließen sie Bao Tian's Hände los und liefen los.
Lan Xichen's Augen erstrahlten ebenfalls, als er sah wie seine Kinder so überaus freudig auf ihn zu rannten. Auf seinen Lippen lag ein liebevolles Lächeln, als er sanft und väterlich ermahnte:
„Nicht so schnell ihr zwei. In der Cloud Recesses ist das Laufen doch verboten. Nicht das ihr noch stolpert."
Doch die Kinder rannten dennoch freudig auf ihn zu und genossen die sanfte und liebevolle Begrüßung ihres Vaters. Während Lan Xichen seine beiden Kinder in den Armen hielt und zärtlich ihre Köpfe streichelte, kam Bao Tian langsam nach und blieb vor ihnen stehen.
Ihre Blicke trafen sich nur kurz, als der Junge sagte:
„Vati, Vati. Bist du auch hergekommen um uns zu suchen?"
Lan Xichen lächelte seinen Sohn an.
„Aber sicher. Eigentlich hatten wir ja Tian los geschickt euch zu holen, aber da ihr gar nicht wiederkamt und wir uns schon Sorgen machten, dachten wir, dass er euch vielleicht schon wieder in eines seiner Abenteuer verwickelt hat. Desswegen hat eure Großmutter auch mich nun los geschickt."
„Pah!"
Schnaufte Bao Tian mit gestellt beleidigten Ton und verschränkte seine Arme vor seiner Brust. Er wandt seinen Kopf leicht zu Seite und linste nur mit einem geöffneten Auge zu Lan Xichen herüber, als er mit Schmollton sagte:
„Was soll das denn nun schon wieder heißen?"
Doch Lan Xichen lächelte Bao Tian nur lieblich an, als Lan Ning Ziyi ihren Vater schon als nächstes fragte:
„Vati, Vati, Tian hat gesagt es sind alle da! Wirklich?"
Lan Xichen nickte.
„Aber sicher sind alle da. Heute ist doch der fünfte Todestag eurer Mutter. Es sind alle da und wir warten nur auf euch, damit wir mit den Festlichkeiten beginnen können."
Lan Ning Ziyi zog ihre Augenbrauen interesssiert nach oben.
„Also sind alle, alle da?"
Lan Xichen schaute seine Tochter etwas fragend an und strich kurz über ihre Wange.
„Richtig, alle, alle sind da."
Doch in diesem Moment warf Lan Sheng Jin dazu:
„Alle, alle, alle sind da! Hat Tian gesagt!"
Die beiden Kinder begannen vergnügt zu lachen und freuten sich dabei ausgiebig über die Wiederholung ihres Dialogs.
„Äh?"
Nun zuckte Lan Xichen's linke Augenbrauen etwas irritiert nach oben. Er hatte durchaus für seine Verhältnisse einen nun etwas unbeholfenen Gesichtsausdruck. Er konnte dem Gedankengang der Kinder nämlich nicht ganz folgen und er schaute daher etwas hilfesuchend zu Tian herüber.
Doch dieser lächelte ihn nur an und zuckte mit den Achseln. In seinen Augen stand ein deutliches:
-Es sind noch Kinder. Man muss nicht alles verstehen. Gönn ihnen einfach den Spaß.-
Lan Xichen schnaufte etwas belustigt durch seine Nase, als die Kinder sich entschieden schon einmal langsam vorzugehen, nun fest entschlossen endlich auch die anderen alle zu sehen.
Ihr Vater blickte ihnen noch kurz nach und schüttelte etwas belustigt seinen Kopf, als er plötzlich in diesem Moment eine warme Berührung an seiner Hand spürte.
Lan Xichen zuckte kurz auf, als ein paar warme Finger zwischen seine glitten und eine große Hand seine fest umschloss.
Als er seinen Kopf vorsichtig zur Seite drehte sah er im Augenwinkel auch schon Bao Tian's braune Augen und von hinten drückte sich dessen maskuliner Körper leicht an ihn heran.
Sie kamen sich sehr nahe und sofort spürte man den intimen Austausch ihrer warmen Körpernähe, als Bao Tian seine Augen genießend schloss und seine andere Hand sich behutsam auf Lan Xichen's Hüfte legte. Er küsste den hübschen Mann in seinen Armen zärtlich auf die Wange und strich danach mit seiner Nasenspitze bis zu Lan Xichen's Ohr und vergrub seine Nase in dessem dunklen Haar. Die Berührungen waren so unglaublich liebevoll und zärtlich und Lan Xichen's Wangen bekamen ein wenig mehr Farbe.
Doch gerade als Lan Xichen etwas dazu sagen wollte und sich über die plötzliche, zärtliche Zuneigung wunderte, drückte Bao Tian ihre Körper auch schon etwas enger zusammen, als er tief in Lan Xichen's Ohr flüsterte:
„Ich liebe dich Huan und ich danke dir, dass ich dich und deine Kinder lieben darf!"
Lan Xichen's Augen weiteten sich. Er spürte plötzlich seinen ansteigenden Herzschlag in seiner Brust, als er etwas verwundert fragte:
„Womit habe ich das denn an diesem Morgen verdient?"
Doch über Bao Tian's Lippen huschte nur ein zartes Lächeln, als er erneut Lan Xichen' Wange küsste. Er öffnete seine Augen und die beiden schauten sich an, als der Mann vor ihm glücklich hauchte:
„Einfach nur so!"
Lan Xichen's Mund öffnete sich leicht und die gesunde Farbe in seinem Gesicht stieg noch ein wenig weiter an, als sie plötzlich Lan Sheng Jin's junge Stimme laut hörten:
„Vati, Tian, kommt ihr nun? Es warten doch alle! Wir haben keine Zeit für sowas!"
Bao Tian schnaufte belustigt durch seine Nase.
„Das hat er aber nicht von mir. Aber dein Sohn hat recht, wir sollten sie nicht weiter warten lassen!"
Lan Xichen´s Stirn legte sich in leicht angespannte Falten, als er etwas beschämt sagte:
„Mein Sohn? Du meinst unser Sohn. Er kommt mittlerweile mehr nach dir als nach sonst jemandem in der Cloud Recesses. So langsam gerate ich vor seiner Mutter schon in Erklärungsnot."
Bao Tian prustete los und kniff liebevoll in Lan Xichen´s Wange, als er unter Gelächter dessen Hand ergriff und den Mann dann mit sich zog.
Die Kinder warteten schon aufgeregt auf die beiden und nach nur kurzer Zeit waren die Vier wieder in Sichtweite der Pavillon's. Als sie aus dem Dickicht hervortraten und dem Weg weiter folgten erblickten sie plötzlich eine Ansammlung von Menschen, welche komplett in weiß gekleidet war und die Ankömmlinge mit großen Augen anstarrte.
„Da sind sie ja endlich!"
Hörten sie eine laute Stimme und Bao Tian und Lan Xichen blieben mit den Kindern kurz stehen und schauten in die vielen bekannten Gesichter.
Und da waren sie.
Wirklich alle waren da und standen auf der Veranda eines Pavillon's und schienen schon ganz ungeduldig auf sie zu warten.
Es waren Lan Qiren mit Madame Mao
Lan Wangji mit Wei Wuxian
Jiang Cheng mit Sun Yan
Feng Ling mit Sun Lien
Und sogar Zhao Ran und Gao Lee standen mit in Reih und Glied.
Sie alle blickten sie erwartungsvoll an, als Wei Wuxian plötzlich einen Schritt nach vorne machte, seinen Zeigefinger leicht ermahnend in die Luft hob und dann mit einem leicht neckischen Ton sagte:
„Wir mussten sogar schon Streichhölzer ziehen, wer als nächstes los geschickt wird um euch zu suchen. Schließlich gab es ein gewisses Restrisiko ob man es auch jemals wieder zurück schaffen würde."
Lan Xichen und Bao Tian blickten etwas schuldig drein, doch die Kinder freuten sich so sehr darüber, dass wirklich, wie nach Bao Tian´s Wortwahl, alle, alle, alle da waren, dass schnell ein allgemein erheitertes Lachen durch die Runde ging.
Die morgendlichen Sonnenstrahlen erhellten das Land, die Vögel sangen ihr Lied und ihre weißen Roben reflektierten das helle Licht unter der aufgehenden Sonne und untermalten ihr schönstes Lachen.
Madame Mao stieß plötzlich die Tür zum Pavillon weit auf, als sie eine einladende Handbewegung machte:
„Los kommt Kinder, jetzt wo endlich alle da sind, können wir anfangen. Liang wartet bestimmt schon auf uns."
Die Truppe setzte sich in Bewegung und begann mit einem bezauberndem Lachen im Gesicht die Feierlichkeiten.
Denn eines, hatten sie alle Jinan Liang zu Lebzeiten versprochen, nämlich das sie auch nach ihrem Tod glücklich und stet's mit einem Lachen im Gesicht ihr gedenken wollten.
Denn die wahren Schätze des Lebens sind die schönen Erinnerungen und diese sollte man stet's am nächsten an seinem Herzen tragen
