Chapter 28

Ein kräftiger Sturm zog auf.

Nicht unweit von Yunmeng in einem kleinem Dorf liefen die Menschen hektisch durch die Straßen und suchten Unterschlupf in den vielen Häusern.
Heller Kerzenschein brannte in den vielen Fenstern und eine kleine Gaststätte schien der einzige Ort noch zu sein, der seine Türen trotz des Unwetters noch nicht geschlossen hatte.
Die kleinen Laternen an der alten Hauswand wankten im Wind hin und her und die Flammen kämpften mühselig gegen das Erlöschen. Das Schild der Taverne rappelte und quietschte im Sturm und schlug zu beiden Seiten mehrfach aus.
Ein kräftiger Regenguss prasselte auf die Dächer nieder und die Straßen füllten sich mit großen Pfützen und Bachläufen. Der Mond stand schon hoch am Himmel und die Dunkelheit der Nacht verwandelte den Sturm in ein ungemütliches Unwetter.

Doch in der Gaststätte war reges Treiben.
Speis und Trank wurden aufgetischt, es wurde laut und ausgelassen diskutiert und gelacht und die Nachtschwärmer der Straßen versammelten sich alle unter einem Dach.
Es war gemütlich warm in der Taverne, der Alkohol floss und die fröstelnden Körper der Menschen konnten sich hier vor dem Unwetter zurückziehen und sich ausruhen.

Eine junge Gastwirtin kämpfte sich durch das rege Treiben und mit einem vergnügten und fröhlichem Lächeln auf den Lippen bediente sie ihre Gäste und Sorgte sich um ihr leibliches Wohl.
Sie war eine attraktive, junge Frau mit langem, braunem Haar, welches zu einem dicken geflochtenen Zopf zusammengebunden war und über ihre Schulter hing. Ihr Gesicht schmückten ein paar Sommersprossen und ihre braunen Augen erwärmten die Seele.

„Ming Ming!"
Ertönte es liebkosend durch die Massen.
„Suppe für Tisch vier ist fertig!"

Xiao Ming drehte sich um.
Die laute Stimme kam aus der Küche und es war ihr Vater, welcher das nächste Gericht ankündigte.

„Ich komme!"
Antwortete sie wie ein junger Wirbelwind, als sie auch schon die Alkoholkrüge auf Tisch 10 abstellte, den Herren einen angenehmen Aufenthalt wünschte und dann schleunigst sich zurück zur Küche durchschlug.

Die Gaststätte war an diesem Abend gut besucht und sobald ein Tisch frei wurde, rückten auch schon die nächsten Gäste an um sich an diesem Abend verköstigen zu lassen. Xiao Ming hatte alle Hände voll zu tun, aber sie war in dieses Leben hineingeboren und war eine gute Wirtin mit Herz und Seele. Wann immer sich die Tür öffnete erklang eine zarte Klingel, welche einen neuen Gast ankündigte und wie ganz selbstverständlich lief sie zur Tür, nahm die Frauen und Männer in Empfang und wies ihnen einen freien Tisch zu.

Mit jedem Öffnen der Tür zog aber auch kurz ein kalter Windstoß von draußen herein und der Sturm schien an diesem Abend sich nicht mehr beruhigen zu wollen. Der starke Regen prasselte an die kleinen Fenster und schickte einen durchnässten Gast nach dem nächsten in die Türschwelle der Gaststätte.

Als erneut die Klingel an der Tür aufleutete, rief Xiao Ming schon einladend herüber:
„Kommen Sie herein, kommen Sie herein!
Einen Moment, ich bin gleich bei Ihnen!"

Während sie noch die letzte Bestellung herausbrachte zog erneut ein kräftiger und nasser Windzug von draußen herein, doch dieses Mal brachte dieser eine dunkle Gestalt mit sich in den Raum.
Die Tür schloss sich wieder und eine einzelne Person, komplett eingehüllt in einem großen, blauen Mantel betrat die Gaststätte. Eine weite Kaputze verdeckte vollständig das Gesicht und der Regen tropfte nur so aus den Gewändern. Der feuhcte Matsch an den Stiefeln deutete von einem langen Marsch durch das Unwetter und während die mysteriöse Gestalt wie angewurzelt an der Tür stehen blieb, rief Xiao Ming nur schnell herüber:
„Letzter Tisch hinten in der Ecke ist frei. Ich komme sofort und räume ihn ab!"
Dann huschte sie erst kurz wieder in die Küche und ward für einen Moment nicht mehr gesehen.

Mit dieser klaren Aufforderung setzte sich die Person langsam in Bewegung und manch ein misstrauischer Blick fiel auf den Neuankömmling, als man unter dem langen Mantel die deutliche Kontur eines langen Schwertes erkennen konnte.
Mit langsamen Schritten ging die Person durch die Taverne bis zur hintersten Ecke um sich dort am Tisch niederzulassen. Dabei hinterließ sie jedoch eine feuchte Spur aus Regen und Matsch auf dem dunklen Holzfußboden und bei jeder Bewegung hörte man ein zartes Klimpern von Metall.

Xiao Ming kam hektisch wieder aus der Küche heraus, kämpfte sich durch die lauten Menschenmassen und wischte schnell mit einem Lappen über den schmutzigen Fußboden, bis sie sich langsam zu dem Tisch in der hintersten Ecke vorgearbeitet hatte. Den dreckigen Lappen warf sie mit einer schnellen Handbewegung in einen Weidekorb in eine Raumecke, in welchem sich schon einige Drecklappen zuvor gestapelt hatten.
Scheinbar war es an diesem Abend nicht der erste Gast, welcher den Unrat von den Straßen herein getragen hatte.

Xiao Ming seufzte vor Erschöpfung einmal kurz auf und wusch sich mit der Hand über ihre schwitzige Stirn, ehe sie ihr Tablett auf dem Tisch abstellte und in windeseile begann das dreckige Geschirr abzuräumen. Trotz allem Stress und Hektik trug sie dabei aber ein bezauberndes Lächeln und störte sich keineswegs an der komplett verhüllten Person neben ihr am Tisch. Selbst ein langes Schwert lehnte nun mit seinem Heft an der Tischkannte, aber Xiao Ming war solch geheimnisvole Gäste schon lange gewöhnt. Es war schließlich eine Taverne in einem kleinen Dorf in der Nähe von Yunmeng. Viele Reisende passierten diesen Ort und ließen sich in der Gaststätte nieder um sich von den Strapazen ihrer Reise zu erholen und ihre Reserven hier wieder aufzufüllen. Daher war es nicht unüblich, dass neben normalen Bürgern auch viele Männer und Frauen aus Kampfgeschwadern oder aus der Welt der Cultivation sich an diesem Ort niederließen.
Sie blickte daher die verhüllte Gestalt freundlich an, als sie sagte:
„Bitte sehr, was möchten Sie bestellen? Wir haben heute hausgemachte Suppe mit Lotussamen aus Yunmeng im Angebot. Wenn Ihnen aber lieber nach etwas deftigerem ist, kann ich Ihnen auch Schweinebraten oder Lammkeulen anbieten? Natürlich können Sie aber auch nur etwas trinken, wenn Ihnen nicht nach Essen ist. Wir haben alle gängigen Alkoholsorten die sie hier im Umfeld bekommen können. Aber natürlich, koche ich Ihnen auch gerne einen Tee auf, wenn Sie dies wünschen."

Sie machte sich groß, legte ihren enzückenden Kopf etwas schief und wartete dann auf die Bestellung. Während ein freundliches Lächeln ihr belebtes Gesicht zierte, hörte sie plötzlich eine vertraute Männerstimme unter der Kapuze hervor.
Die Person vor ihr begann langsam zu sprechen und Xiao Ming's Augen weiteten sich mit jedem Wort.

„Xiao Ming, ich bin es.
Erkennst du mich noch?"
Mit diesem Satz fasste sich die Person plötzlich an die Kapuze und warf diese mit einer schwungvollen Handbewegung nach hinten.

Xiao Ming's braune Augen weiteten sich schlagartig und ihr Mund öffnete sich vor Erstaunen, als sie kaum ihren Augen traute.
Sie blickte in das Gesicht eines attraktiven, jungen Mannes, welcher sie mit großen, tiefgründigen Augen anschaute.
Sein dunkles, schulterlanges Haar war auf der einen Seite bis hinter sein Ohr eingeflochten, während auf der anderen Seite ein paar blaue Perlen hingen, welche im Windzug der Kapuze noch leicht hin und her schwangen. Aus den Spitzen seiner dunklen Haare tropfte ein wenig Wasser und obwohl das vertraute Gesicht eine gewisse, unbekannte Reife aufwies, erkannte Xiao Ming diesen Mann jedoch sofort.

Erschocken hielt sich sich ihre eine Hand vor den Mund, während sie sich mit der anderen etwas am Tisch abstützte.
„...Luan Han!?..."
Hauchte sie atemlos.

Luan Han nickte leicht und erst dann verschwand eine gewisse Kühle und Ernsthaftigkeit aus seinem Gesicht und er lächelte sie sanft an.
„Hm.." Brummte er bestätigend.
„Xiao Ming, es ist lange her, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Wie ich sehe, bist du wohlauf."

Xiao Ming war sprachlos. Eine ganze Weile starrte sie den hübschen Mann vor sich noch an, bis sie sich schließlich langsam auf den Stuhl vor ihm niederließ. Ihr Gesichtsausdruck verriet das Chaos ihrer Gefühle und ihre Stimme war von Fassungslosigkeit und Besorgnis gleichermaßen begleitet.
„In der Tat." Hauchte sie überrascht.
„Nachdem du vor neun Jahren plötzlich mit Sun Yan, Wei Wuxian und Lan Wangji das Dorf verlassen hattest, habe ich dich nie wieder gesehen. Ich hatte damals ihnen noch gesagt wo sie dich finden können. Deinen Abschiedsbrief hatte ich später noch erhalten und einige Zeit danach dem alten Ehepaar sogar noch geholfen deine Hütte freizuräumen."
Sie machte erst eine kurze Pause und schluckte einmal schwer. Erst jetzt blinzelten sie zum ersten Mal mit ihren Augen, seitdem sie sein Gesicht gesehen hatte.
Sie musste erst verarbeiten was hier eigentlich gerade geschah.

Luan Han blickte sie etwas schuldig an.
Er streckte seine Hand über die Tischplatte aus und berührte sie sachte am Handgelenk.
„Verzeih mir für die Umstände, welche ich dir und dem alten Ehepaar damals bereitet habe. Ich hatte damals leider keine Zeit mich persönlich zu verbabschieden, es kam alles so plötzlich und unerwartet. Ich war noch jung. Gerne würde ich das aber wieder gut machen, bei dir und bei den beiden Alten.
Sag, wohnen sie noch immer in ihrem Haus? Ich würde mich gerne persönlich bei Ihnen entschuldigen."

Xiao Ming blickte auf seine schlanken Finger, welche ihr Handgelenk zärtlich berührten, als sie plötzlich ihren Kopf langsam verneinend hin und her schüttelte.
„Das alte Ehepaar ist vor drei Jahren verstorben. Wir haben sie hinter deiner alten Hütte im Wald beigesetzt."

Luan Han blickte erschüttert drein.
„Das ist tragisch zu hören. Ich hatte mir gewünscht sie noch einmal sehen zu können um mich bei ihnen zu entschuldigen und ihnen die Umstände von vor neun Jahren zu erklären. Jetzt lief die Zeit scheinbar gegen mich."

Xiao Ming nickte und hob dann plötzlich ihre eine Hand und legte diese auf Luan Han's, welche noch immer zart ihr eigenes Handgelenk berührte. Sie lehnte sich etwas näher über den Tisch herüber und blickte ihn mit ihren großen, braunen Augen fragend an.
„Aber sag Luan Han. Wo warst du die letzten Jahre? Nachdem ich damals von dir erfahren hatte, dass du mit den Männern in die Cloud Recesses gegangen bist und du endlich eine Chance erhalten hattest, deine geliebte Jinan Liang in die Arme schließen zu dürfen, war ich überglücklich und habe mich sehr für dich gefreut. Das Lan Xichen, der Sect Leader eines so berühmten Clan's dir solch eine Chance gewährt und welche Opfer Jinan Liang auf sich nahm um bei dir zu seien, hat mich tief berührt. Ich musste so oft an euch denken. Nach Jinan Liang's und Lan Xichen's Hochzeit haben mich Sun Yan und Jiang Cheng oft noch hier in der Gaststätte besucht. Auch Feng Ling kommt mit Sun Yan´s Schwester Sun Lien öfter vorbei. Yunmeng liegt schließlich nah bei und ich sehe sie alle regelmäßig. Bis heute besuchen sie mich noch auf ihren Reisen."

Doch plötzlich machte sie eine kurze Pause in ihrem überschwänglichen Redefluss. Sie drückte einmal sachte Luan Han's Hand, ihre Stimme wurde plötzlich etwas leiser und ihr Blick fiel leicht ab. Langsam fuhr sie fort:
„...Doch durch sie habe ich auch erfahren was passiert ist..."

Sie hob ihren Blick wieder an und zwei große, braune Augen schenkten Luan Han ihr tiefstes Mitgefühl.
„Han, es tut mir so Leid für dich was passiert ist. Es ist für mich unvorstellbar, welchen Schmerz du erlitten haben musst. Ich..."

Doch in diesem Moment legte Luan Han nun auch seine andere Hand auf Xiao Ming´s. Nachdem ihre Hände nun gestapelt übereinander lagen und ihre Körperwärme seine kalten Finger nun vollständig erwärmten, schenkte er ihr schließlich ein zartes und verständnisvolles Lächeln.

„Es muss dir nicht Leid tun, Ming.
Es ist das passiert, was wir alle gewusst haben, was eines Tages kommen würde. Ich habe stet's gewusst, dass diese Liebe endlich sein wird und wenn mir jemand Leid tut, dann ist es Liang. Denn sie war es, die trotz einem noch so jungen Alters gehen musste und sie war es auch, die ihre eigenen Kinder nicht mehr mit aufwachsen sehen konnte. Sie war so lebensfroh und so glücklich in ihren letzten Jahren. Ich hatte mir nichts sehnlicher gewünscht als sie retten zu können und ein lebenlang an ihrer Seite zu sein. Ich hätte es getan und ich hätte alles gegeben, wenn ich sie hätte retten können. Aber nicht über alles auf dieser Welt haben wir die Macht und es zerriss mir das Herz nichts tun zu können und ihr Leben glitt mir einfach so durch meine Finger. Als sie ihren letzten Atemzug tat, hielt ich sie in meinen Armen und noch nie zuvor kam ich mir in meinem Leben so machtlos vor.
Also wenn mir jemand Leid tut, dann ist es sie. Niemandem mehr hätte ich ein glückliches und erfülltes Leben auf dieser Welt gewünscht wie ihr. Niemand anderes, hätte es so sehr verdient wie sie. Sie war der Inhalt meines Lebens und als sie starb, starb ein Teil von mir mit."

Xiao Ming's Augen füllten sich mit Tränen. Erst noch blickte sie Luan Han in die Augen, doch dann schaffte sie es nicht mehr diesen Blick aufrecht zu halten. Sie senkte ihren Blick und die aufkommende Flüssigkeit in ihren Augen formte sich zu leisen, Tränen, welche an ihren zarten Wangen herunterperlten.

Luan Han streckte seine Hand aus und wischte über ihre Wange, als er zart sagte:
„Nicht weinen Ming."

Doch Xiao Ming schluchzte auf.
„Wie kann ich nicht weinen? Wie kann es einen Menschen geben, den dieses Schicksal nicht berührt? Ich wünschte, ich hätte Jinan Liang persönlich kennenlernen können. Sie muss ein wunderbarer Mensch gewesen sein. Es ist traurig, wenn die Welt so jemanden verliert."

Luan Han schenkte ihr ein Lächeln.
„Ja du hast recht. Sie war ein wunderbarer Mensch. Aber nun tragen wir sie in unseren Erinnerungen. Und solange es jemanden gibt der sich an sie erinnert, lebt sie in uns weiter."

Xiao Ming wusch sich mit ihrem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht. Ihre Stimme war noch von einer tiefen Traurigkeit begleitet, aber zeitgleich regte sich auch Leben in ihr.
Sie blickte Luan Han an, als sie etwas vorsichtig, aber neugierig fragte:
„Magst du mir von ihr erzählen? Von euren letzten gemeinsamen Jahren? Wie ist es dir und ihr ergangen? Was habt ihr gemacht in der weit entfernten Cloud Recesses? Ich würde deine Jinan Liang auch gerne kennenlernen."

Luan Han's Augen weiteten sich zunächst, doch dann schnaufte er einmal durch seine Nase. Sein hübsches, sanftes Lächeln wurde breiter auf seinen Lippen und brachte seine Augen mit zum Strahlen.
„Sehr gerne." Antwortete er ruhig und somit begann Luan Han seine Geschichte zu erzählen.
Er begann von dem Tag an, als Sun Yan, Wei Wuxian und Lan Wangji ihn aus diesem Dorf mitnahmen und er erzählte in chronologischer Reihenfolge was alles passiert war. Er berichtete von Madame Mao's, Lan Qiren's, Jinan Liang's und Lan Xichen's Hochzeiten. Er erzählte von den zwei entzückenden Kindern welche Jinan Liang gebahr und er berichtete von ihren vielen gemeinsamen Stunden, von der Familie welche er neu dazugewonnen hatte und von der innigen Liebe zwischen ihm und seiner Liang. Er erzählte lustige Geschichten, berichtete von spannenden Momenten aus der Welt der Cultivation und er erzählte er von den vielen Dingen, welche in ihren letzten gemeinsamen Jahren geschehen waren.

Zwischendurch musste Xiao Ming jedoch leider immer mal wieder den Tisch verlassen und bekam schon mächtig ärger von ihrem Vater, weil sie ihre Arbeit vernachlässigte und lieber am quatschen war. Doch sie kam immer wieder heimlich zu ihm zurück an den Tisch geschlichen und lauschte voller Interesse seinen Geschichten.
Während sie den Abend gemeinsam etwas aßen, tranken und Luan Han ausgeschmückt erzählte, leerte sich langsam die Gaststätte und bald brannte nur noch eine einzelne Kerze an ihrem Tisch in der hintersten Ecke. Xiao Ming hörte diesem weit gereisten, jungen Mann noch lange zu und ihr Interesse und ihre Wissbegierde wuchs mit jeder Stunde die verging.

Luan Han berichtete ihr mit besonderer Begeisterung von den vielen zwischenmenschlichen Beziehung, welche in der Cloud Recesses entstanden waren, berichtete von Wei Wuxian, Lan Wangji und auch von der neu enstanstenden Liebesgeschichte zwischen Feng Ling und Sun Lien.

Ebenso erzählte er ihr von seiner Weiterentwicklung als Cultivator und den vielen Stunden, welche er unter der Aufsicht von Lan Qiren und Lan Xichen absolviert hatte und was er alles neues dazu gelernt hatte. Er erzählte die lustigsten Geschichten von Bao Tian und Wei Wuxian und Xiao Ming bekam immer mehr das Gefühl, sie alle durch seine Geschichten auch persönlich zu kennen. Die Cloud Recesses schien ein wunderbarer Ort zu sein, doch neben ihrer Begeisterung für seine Geschichten, einer ihr vollkommen fremden Welt, schlich sich bald auch ein wenig Wehmut mit in ihr Herz ein. Sie war ein wenig neidisch auf Luan Han, welcher in so wenig Jahren so viel Neues erlebt hatte. Er hatte sein altes Leben gänzlich hinter sich gelassen, dass kleine Dorf in dem sie jahrelang hausten verlassen und die große, weite Welt gesehen. Mit all ihren Höhen und Tiefen.
Er hatte seiner Vergangenheit den Rücken zugekehrt und hatte es geschafft, als ehemaliger Wen, sich ein völlig neues Leben, ganz ohne Schande aufzubauen.

Sie lauschte ihm mit Begeisterung aber zeitgleich entfachte er auch erneut den Wunsch in ihr, es ihm gleich zu tun und hinaus in die Welt zu gehen und das wahre Leben zu erspüren. Er machte ihr Lust auf mehr und während er so sprach, blickte sie auf ihr eigenes Leben zurück und sie bekam immer mehr das Gefühl, etwas sehr wichtiges verpasst zu haben.

Als Luan Han schließlich von Jinan Liang's letzten Monaten berichtete und wie sie in seinen Armen letzten Endes gestorben war, wurde es plötzlich wieder ganz still am Tisch und die stundenlange, vorangegangene Euphorie wurde durch eine andächtige Stille ersetzt. Doch Luan Han wirkte keineswegs aufgelöst oder hilflos, als er von den Geschehnissen berichtete. Sondern ganz im Gegenteil. Es sprach eine unglaubliche Klarheit und Reife aus ihm und Xiao Ming's Bewunderung für ihn und seine Geschichte schien mit jeder vergangenen Stunde noch weiter anzusteigen.
Sie fragte sich, was in den Jahren nach Jinan Liang's Tod wohl geschehen war, dass dieser junge Mensch zu solch einem reifen, erwachsenen Mann herangewachsen war und wo er diese Weisheit erlangt hatte, mit welcher er nun sprach.

Während der Mond schon hoch am Himmel stand und es tiefste Nacht war, seufzte sie einmal auf, als sie sagte:
„Ich weiß jetzt so viel von deiner Familie in der Cloud Recesses und was dich in den Jahren bewegt hat. Es ist fast so, als wäre ich persönlich dabei gewesen. Besonders diesen Bao Tian und die Madame Mao würde ich gerne einmal persönlich kennenlernen, sie scheinen überaus lustige und interessante Menschen zu sein. Und von Lan Xichen mal einmal ganz abgesehen. Was für ein gutmütiger und weiser Mann. Wenn die Welt der Cultivation voll mit so welchen Menschen wäre, was wäre die Welt für ein schöner und friedlicher Ort?
Aber sag mir Han. Wo bist du in den Jahren nach Jinan Liang's Tod gewesen? Wo warst du bis zu dem Zeitpunkt, als du heute durch diese Tür hereinkamst? Was hast du die vergangen vier Jahre gemacht, dass du zu solch einem Mann herangewachsen bist?"

Sie streckte plötzlich ihre Hand über den Tisch aus und berührte in intimer Vertrautheit die blauen Perlen in seinem dunklen Haar. Während sie diese langsam durch ihre schlanken Finger gleiten ließ, berührte sie seine Haarspitzen und drehte diese zwischen ihren Fingern umher, als sie sagte:
„Sieh dich nur an. Du bist reifer und erwachsener geworden. Ich glaube du haste mich schon längst überholt. Den naiven Luan Han von damals gibt es wohl nicht mehr."

Luan Han lachte kurz auf.
„Ich bin ja auch älter geworden. An niemandem gehen neun Jahre spurlos vorbei. Auch an dir nicht."

Xiao Ming lächelte und zog langsam ihre Hand wieder zurück. Sie füllte noch einmal ihre und Luan Han's Trinkschale mit etwas aufgesetzten Tee. Sie waren von Alkohol mittlerweile wieder auf Tee umgestiegen und das angenehme Aroma bereicherte die Raumluft.
Als sie die Teekanne abstellte und ihm seine Trinkschale über die Tischplatte herüberschob blickte sie ihn interessiert an.
„Also?" Fragte sie, als sie eine Augenbraue keck nach oben zog.

Luan Han räusperte sich und sein Blick fiel auf das schwache Licht der kleinen Kerze. Die Flamme tanzte seicht umher und tauchte ihre Silhouetten in ein angenehmes, warmes Licht.
Seine Augen hatten einen tiefgründigen und gütigen Ausdruck, als er langsam, aber entschlossen zu sprechen begann:
„Ich habe mich die vergangenen Jahren der Cultivation und Meditation hingegeben und habe meinen goldenen Core weiter geformt. Ich bin weit gereist, habe viele Städte und Länder gesehen und war auf der Suche nach Antworten, auf die vielen Fragen, welche ich in der Cloud Recesses nicht beantworten konnte. Jinan Liang's Tod hat großen Schmerz in mir ausgelöst und kurzer Hand verlor ich den Sinn meines Lebens. Um diese Lücke und Leere in mir zu schließen und erneut zu füllen, hatte ich die Cloud Recesses also schweren Herzen verlassen. Ich brauchte die Antwort auf mein „Warum" und irrte zunächst ziellos umher. Meine Identität hatte ich dabei stet's versteckt und erkundete die Welt als herrenloser Cultivator.
Ich habe die vergangenen vier Jahre also genutzt um zu mir selbst zu finden und ich habe so unglaublich viel Leid, aber auch so unglaublich viel Glück da draußen gesehen. Ich war nicht alleine mit meiner Trauer und meinem Schicksal und ich habe so viele herzensgute und gütige Menschen getroffen. Ihnen gebührt mein Dank.
Die vielen Eindrücke haben mir geholfen meine Trauer zu bewältigen und ein Kapitel meines Lebens zu beenden ohne es zu vergessen. Durch die Weiterbildung meines goldenen Cores erweiterte sich auch mein Horizont und meine Seele erfuhr auf ganz eigene Art und Weise Frieden und Läuterung."

Luan Han machte kurz eine Pause und er blickte Xiao Ming tief in die Augen. Sie hatte ihre Ellenbogen auf dem Tisch abgestützt, ihr Kinn ruhte auf ihren Handinnenflächen und mit wachsender Begeisterung und einem freudigen Strahlen in den Augen hörte sie ihm zu. Sie spürte, dass jedes seiner Worte wahr war und aus Luan Han sprach eine unglaubliche Ruhe und Zufriedenheit. Es war die Zufriedenheit mit sich selbst und der Wille, nicht mehr mit Angst und Schrecken nach hinten zu schauen, sondern mutig mit jedem Schritt nach vorne zu gehen und sein Leben neu zu gestalten.

Als Luan Han Xiao Ming's bewundernden Blick bemerkte, schnaufte er kurz belustigt durch seine Nase und er lächelte sie zart an.
„Genau so, habe ich auch geschaut, als ich endlich meine Antworten gefunden hatte. Ein Blick der Erkenntnis und Bewunderung. Und nun, nach all den Jahren war es endlich so weit und mein Herz rief mich zurück nach Hause, zu meiner Familie. Ich bin nun bereit und möchte noch einmal neu anknüpfen, dort wo ich damals aufgehört habe."

Xiao Ming's Augen funkelten mit einer leichten Feuchte und sie nahm ihre Ellenbogen wieder vom Tisch und richtete sich im Rücken groß auf. Voller Bewunderung blickte sie den attraktiven Mann vor sich an, als sie ehrlich sagte:
„Ich freue mich für dich Luan Han. Wirklich ich freue mich sehr, dass du nicht aufgegeben hast, sondern aus eigener Kraft die Stärke entwickelt hast um weiter zu machen.
Jinan Liang wäre sicher stolz auf dich, wenn sie dich heute hier sehen und sprechen hören könnte."

Mit diesem Satz weiteten sich plötzlich Luan Han's Augen und er sah mit an wie Xiao Ming ihre Hand ganz langsam erneut nach ihm ausstreckte. So überaus liebevoll und kostbar berührte sie zärtlich seine Wange und streichelte ihn hingebungsvoll. Ihre Berührung war so unglaublich behutsam und einfühlsam und er verlor sich in ihren großen, braunen Augen, in dessen Feuchtigkeit sich eine unglaubliche Zuneigung und Bewunderung wiederspiegelte.

Luan Han zuckte plötzlich zusammen, als er einen kurzen Stich in seinem Herzen verspürte. Für eine Sekunde beschlich ihn das Gefühl einer unterschwelligen Zweideutigkeit und als er spürte wie ihm leicht warm ums Herz wurde, drehte er plötzlich seinen Kopf leicht zur Seite und räusperte sich etwas verlegen. Erst in diesem Moment fiel ihm auf, dass sie eigentlich die ganze Nacht nur von ihm gesprochen hatten und ein wenig Scham beschlich ihn, als er den Moment überspielend, etwas hastig sagte:
„Aber nun genug von mir geredet. Wie peinlich, haben wir eigentlich den ganzen Abend nur von mir gesprochen. Aber wie sieht es denn bei dir aus? Ming Ming, was hast du in den vergangenen neun Jahren gemacht?"

Xiao Ming, durch Luan Han's plötzliche Regung aus dem Moment gerissen, zog schleunigst ihre Hand wieder zurück. Sie spürte noch die Körperwärme auf ihren Fingerspitzen, welche Luan Han's Wange auf ihnen zurückgelassen hatte und sie zog etwas verlegen ihre Hand unter den Tisch.
Während ihre schwarzen Wimpern auflatterten und ihr Blick etwas unfokussiert umher wanderte, bemerkte sie plötzlich Luan Han's Ohrläppchen, welche sich scheinbar in eine leichte Schamesröte getaucht hatte. Sie wirkten nun wie zwei zarte, rote Blütenblätter und regten das Verlangen in einem sie berühren zu wollen. Als Xiao Ming jedoch seine leichte Verlegenheit bemerkte, spürte nun auch sie die Zweideutigkeit in ihrer Tat und sie kam etwas ins Haspeln, als sie versuchte schleunigst den peinlichen Moment zu überspielen.
Sie lehnte sich nach hinten an ihren Stuhl und spielte unruhig an ihrem dicken Zopf auf ihrer Schulter umher.
„Ich?" Sagte sie etwas schrill und schnell.
„Ich ähm, also im Vergleich zu deiner Geschichte habe ich das Gefühl ist für mich die Zeit irgendwie stehen geblieben. Mit so viel Ereignissen und Erkenntnissen kann ich nicht mithalten. Ich sitze noch immer hier, jeden Abend in der Gaststätte meines Vaters, bewirte die Gäste und fange so manch eine verlorene Seele auf, welche versucht ihren Kummer hier zu ertränken."

Luan Han zuckte kurz zusammen. Denn auch er war damals eine dieser verlorenen Seelen gewesen, welche sich oft hier in der Taverne einfand um seinen Liebeskummer zu ertränken. Genau wie Sun Yan und Feng Ling nach ihm, hatte Xiao Ming diese Männer aufgefangen, ihnen zugehört und ihnen Mut geschenkt.

Ein kurzes Schmunzeln huschte über seine Lippen, als er an seinen ersten Tag in dieser Gaststätte dachte und als er Xiao Ming zum ersten Mal sah. Sie war damals noch sehr jung aber schon sehr selbstbewusst und ein Wirbelwind. Eben die Tochter eines Wirtes. Ihre Stimme war klar und feminin aber ihr Gesicht voller Sommersprossen gab ihr einen Hauch von Jugend und Kindlichkeit. Ihr Lachen erwärmte schon damals die Gemüter und so lange wie sich Luan Han erinnern konnte, bewirtete sie schon immer die Gäste in dieser Taverne.
Das Schmunzeln auf seinen Lippen wurde immer breiter, umso länger er an die alten Zeiten dachte.

Doch Xiao Ming bemerkte nicht sein Schwelgen in Erinnerungen, als sie kurz mit ihrem Stuhl nach hinten kippelte und einmal aufseufzte:
„Achja, und so sind gefühlt in nur einem Augenblick halt neun Jahre vergangen und ich bin noch immer hier...Und vielleicht warte ich noch immer auf den Einen, der mir nicht seine Geschichte erzählt, sondern mich mit zu einem Teil seiner Geschichte macht. Der mich bei der Hand nimmt, mich hier rausholt, mich mit nimmt und mir vielleicht hilft den Schritt zu wagen, welchen ich selbst nicht im Stande bin zu tun."

Plötzlich wurde Luan Han aus seinen Erinneurngen gerissen und seine Augen weiteten sich, als er die junge Frau vor sich anstarrte.
Er bemerkte ihren leicht traurigen Blick, gefüllt voller Sehnsucht und Durst nach dem wahren Leben außerhalb dieser Mauern.
Der warme Kerzenschein erhellte ihr hübsches Gesicht und reflektierte sich in ihren tiefgründigen Augen. Es war erst jetzt, dass Luan Han zum ersten Mal bemerkte, welch eine attraktive und anziehende, junge Frau Xiao Ming doch eigentlich war. Sie war bei genauerem Betrachten ein ungeschliffener Diamant voller Lieblichkeit und Tiefgründigkeit. Ihre großen, braunen Augen waren wie ein Spiegel in ihre Seele und ihr langes, dichtes Haar wirkte samtig und löste das Bedürfnis aus, sie durch die Fingerspitzen gleiten zu lassen. Ihr Gesicht war weiblich aber von einer gewissen Kühnheit untermalt und ihre Sommersprossen gaben ihr einen niedlichen Touch.

Luan Han starrte plötzlich in Gedanken versunken so überaus provokant diese Dame vor sich an, welche ihm eigentlich so vertraut vor kommen sollte, aber in diesem Moment plötzlich so unglaublich anziehend und interessant auf ihn wirkte.

-Hatte Xiao Ming schon immer diese gewisse Anziehungskraft an sich?-
Luan Han war sich kurz nicht sicher und fragte sich, ob er in all den Jahren in denen er sie kannte, er eigentlich nie wirklich hingesehen hatte?
Oder war es eher, dass er nie wirklich sie gesehen hatte?

Luan Han spürte pötzlich erneut einen kurzen Stich in seinem Herzen, während sein Magen von einer leicht aufgeregten Hitze heimgesucht wurde. Seine Fingerspitzen begannen plötzlich zu kribbeln und seine Kopfhaut zuckte, als in ihm plötzlich ein Gedanke aufkeimte.
Er schnappte einmal tief nach Luft und umfasste mit seinen schlanken Fingern die Teeschale vor sich. Mit geweiteten Augen starrte er auf die Oberfläche der Flüssigkeit, so als befände sich in der Schale die Weite des Meeres, in welcher sich sein Blick verlor.

Xiao Ming bemerkte die Veränderung in seinen Augen und sie legte ihren Kopf leicht schief, als sie ein fragendes:
„Hm?" Von sich gab.

Doch es war Stille für einen Moment und während Luan Han plötzlich einen Entschluss in seinem Herzen fasste, murmelte er auf einmal leise vor sich hin:
„...Komm mit mir mit!..."

Xiao Ming glaubte sich verhört zu haben und sie lehnte sich noch etwas näher heran, als sie auf den jungen Mann vor sich blickte, welcher noch immer leicht starr in seine Teeschale schaute.

„Was hast du gesagt?" Fragte sie verblüfft.

Doch plötzlich hob Luan Han seinen Kopf wieder an. Als ihre Blicke sich trafen zuckte sie zusammen und sie spürte einen kurzen, kräftigen Herzschlag in ihrer Brust. Luan Han's Augen schienen mit einer unglaublichen Zuversicht und Entschlossenheit zu strahlen und es war, als könnte er direkt in ihre Seele blicken.
Seine Stimme wurde plötzlich etwas lauter und kräftiger, als er erneut sagte:
„Xiao Ming, komm mit mir mit!" Doch dieses Mal, war es so laut und direkt, dass sie ihn klar verstehen konnte.

Xiao Ming erstarrte förmlich und ihre braunen Augen weiteten sich, als sie erschrocken fragte:
„Wohin?"

Doch Luan Han schien mit jeder Sekunde immer entschlossener zu werden. Aus seinem Gesicht schien eine unglaubliche Überzeugung und seine Stimme hatte etwas weltbewegendes an sich. Er streckte seine Hand plötzlich über den Tisch aus und berührte ihr Handgelenk. Als seine warmen Finger ihre Haut erneut berührten, sagte er plötzlich:
„In die Cloud Recesses! Komm mit mir mit!"

Xiao Ming überrannte plötzlich eine Art von Furcht. Furcht vor dem Unbekannten. Furcht vor Veränderungen.
Ihre Lippen öffneten sich und ihre Fingerspitzen zogen sich krampfartig zusammen, als Luan Han's warme Hand sich plötzlich wie die schwere einer Eisenfessel anfühlte.
Etwas atemlos und überrumpelt hauchte sie:
„Wovon redest du? Ich kann hier nicht weg...! Mein Platz ist hier, schon immer. Was sagst du da plötzlich?"

Doch Luan Han ließ nicht locker. Er spürte, dass es ihre Unsicherheit war, welche dort aus ihr sprach und er festigte noch einmal den Griff an ihrem Handgelenk, als er sich leicht über den Tisch zu ihr herüber lehnte und sagte:
„Du hast doch gerade gesagt, du wartest auf den Einen, der dich hier rausholt, der den Schritt für dich wagt, welchen du selbst nicht im Stande bist zu gehen.
Also komm Ming, lass alles hinter dir, genau so wie ich damals. Wage diese Schritt mit mir!"

Luan Han stand plötzlich ruckartig auf und das Rappeln und Klappern des Tisches und seines Stuhles waren plötzlich wie das laute und gnadenlose Scheppern der Ankündigen eines Aufbruches.

Xiao Ming saß noch immer wie versteinert auf ihrem Stuhl. Ihre Augen waren weit aufgerissen und sprachlos blickte sie Luan Han an. Ihr Herz schlug ihr plötzlich bis zum Hals und Nervosität flutete ihren Körper.

Luan Han stand groß und aufrecht vor ihr. Seine Augen schauten sie wach und entschlossen an und in seiner Ernsthaftigkeit sie mitzunehmen, sagte er erneut:
„Komm, du musst dich nur trauen. Du hast selbst gesagt, dass du hier raus willst und es dich nach der Welt verlangt. Also sei mutig und komm mit mir mit!"

Als Xiao Ming langsam bewusst wurde, dass Luan Han es mehr als ernst meinte, bekam sie langsam kalte Füße. In der Tat hatte sie dies gesagt und in der Tat, waren dies ihre wahren Gedanken und Gefühle. Aber jetzt, wo es sie plötzlich so unvorbereitet traf, bekam sie es plötzlich mit der Angst zu tun. Denn Gedanken und Gefühle waren das Eine, diese aber wirklich in die Tat umzusetzen war etwas völlig anderes und erforderten Mut und Courage.

Sie schnappte einmal nach Luft, als sie etwas schwach hauchte:
„Das kann ich nicht tun..."

In ihren weit aufgerissenen Augen spiegelte sich Luan Han's Antlitz wieder.
Doch er lächelte sie nur an, als er einfühlsam sagte:
„Wenn du es alleine nicht kannst, dann kann ich es aber für dich!"

Mit diesem Satz lehnte er sich plötzlich nach unten über den Tisch und griff mit beiden Händen an ihre Handgelenke. Behutsam und bedacht, aber mit einer kühnen Entschlossenheit zog er sie an den Händen nach oben.
Erneut schepperte das Geschirr auf dem Tisch und Xiao Ming's Stuhl wäre durch den plötzlichen Ruck fast nach hinten gefallen.

Während ihre Augen sich in Schock noch weiteten und sich die Ereignisse förmlich überschlugen und ihren Körper in Alarmbereitschaft versetzten, ließ Luan Han sie plötzlich wieder los, machte einen Schritt sogar noch hinten und gab ihr Raum, aber streckte ihr dann seine rechte Hand einladend entgegen.
Er lächelte sie an, als er sagte:
„Lass alles hinter dir und fange noch einmal neu an. Nimm meine Hand und komm mit mir mit. Ich zeige dir die Welt wie du sie noch nie gesehen hast und ich verspreche dir, dass wenn sie dir nicht gefällt, ich dich wohlbehalten wieder nach Hause bringe!"

Xiao Ming's Augen weiteten sich ins Unermessliche.
Ihre braunen Augen wurden leicht glasig, als sie ohne zu blinzeln den Mann vor sich betrachtete. Seine einladende Hand streckte sich ihr heroisch entgegen. Sie stand symbolisch für die Freiheit, aber zeitgleich auch für die Ungewissheit.
Während ihr Puls langsam anstieg, ihre Finger zu zittern begannen und zeitgleich ihre Füße von tausend Nadelstichen heimgesucht wurden, entfachte eine aufregende Hitze in ihrem Herzen. Ihr Mund wurde leicht trocken und sie schluckte einmal schwer, als Sehnsucht und Vernunft um ihren Verstand rangen.

Sie hatte so viele Jahre auf diesen Tag gewartet und so oft in ihren schlaflosen Nächten sich genau diesen Moment vorgestellt. Aber niemals hätte sie damit gerechnet, dass es ausgerechnet einmal Luan Han sein würde, welcher sie bei der Hand nehmen und sie in das Leben entführen würde.

Während ihre Hand leicht zu zittern begann und jede Sekunde sich wie eine Ewigkeit anfühlte, rauschte ihr Blut kraftvoll durch ihre Adern und es war, als würde alles um sie herum plötzlich verstummen. Sie sah nur noch Luan Han's Hand vor sich und spürte ihren aufgeregten Herzschlag, als Hoffnung plötzlich in ihr zu keimen begann und der Wunsch nach Freiheit ihren Verstand plötzlich aussetzte.

Sie holte tief Luft, ihre Schultern hoben sich einmal deutlich an und als in dem Chaos ihrer Gefühle plötzlich Mut hervortrat, sprang sie über ihren eigenen Schatten, verließ ihre Komfortzone und war bereit alles zu geben um noch einmal neu anzufangen.

Denn den ersten Schritt um etwas zu verändern, mussten wir alle aus eigener Kraft selber tun.

Und genau diesen wagten sie nun zu gehen.
Ihre Hand streckte sich plötzlich zittrig aus, ihre Augen waren starr auf Luan Han gerichtet, als sie noch etwas zögerlich ihre Hand in seine legte.

Als Haut auf Haut sich berührte und beide ihre leicht schwitzigen Hände bemerkten, lächelte Luan Han sie ermutigend an und in diesem Moment spürte sie, dass es gut und richtig war. Sie holte noch einmal tief Luft, als sie plötzlich entschlossen zupackte und seine Hand fest umschloss.

Ihre großen, braunen Augen suchten der seine auf, als Luan Han ihre Hand ebenfalls fest drückte und er sagte:
„Lass uns gehen! Jetzt gleich!"

Xiao Ming dachte nicht mehr weiter nach und stellte nichts mehr in Frage. In diesem Moment sah sie nur noch Luan Han in ihren Augen und sie spürte die schwitzige und warme Geborgenheit seiner großen Hand.
Ohne irgendetwas mitzunehmen oder sich zu verabschieden liefen die beiden Hand in Hand hinaus in die Dunkelheit und ließen die Gaststätte und das kleine Dorf hinter sich.

Xiao Ming, die Tochter des Wirtes, ließ in dieser Nacht ihr altes Leben hinter sich.
Sie hielt nur ganz fest Luan Han's Hand, ihr aufgeregtes Herz flatterte wie ein junger Vogel in ihrer Brust und sie ließ sich voller Vertrauen von dem jungen Mann in die weite, unbekannte Welt entführen.