Es war nun schon zu einem kleinen Ritual geworden. Ihr Besuch vor dem Beginn des jährlichen ‚1000 einflussreichste Hexen und Zauberer der Magierwelt'- Sommerball der Cosmomagican und wenn man es genau nahm, dann bestand ihr Kontakt auch größtenteils aus diesem gemeinsamen Abend und der darauf folgenden Nacht. Verrückt, wenn man darüber nachdachte. Aber in der Tat: Von einigen anderen Gelegenheiten abgesehen sahen sie über das Jahr fast gar nicht. Zu unterschiedlich waren ihre Welten geblieben.

Und wie in jedem Jahr fühlte sie sich kurz eingeschüchtert, als sie die prächtige Steintreppe zur imposanten Eingangstüre des prächtigen Palasts hochstieg. Aber dazu bestand gar kein Anlass – redete sie sich ein, auch wie in jedem Jahr. Sie war schließlich Ginny Weasley. Das dritte Jahr in Folge auf der ‚10-Besten-Liste' der Jägerinnen der Liga zu finden, Fanliebling und kürzlich wieder hatte sie amüsiert (und geschmeichelt!) mitgekommen, dass die Leser der Playwitch sie auf Platz vier der attraktivsten magischen Sportlerinnen gewählt hatten. Nicht zu vergessen natürlich war sie (seitdem sie über ein recht ordentliches und vor allem eigenes Einkommen verfügte und es außerdem genoss, nicht mehr die alten Pullover ihrer Brüder aufzutragen) häufig in den ‚Casual Magic Style' Rubriken derWitches' Weekly zu finden. Und dieses Zusammenspiel hatte wahrscheinlich bewirkt, dass vor einigen Jahren das erste Mal eine Eule mit der Einladung zu dem gesellschaftlichen Ereignis der Zauberwelt zu ihr gekommen war. An diesem Abend waren sie sich als Tischnachbarn das erste Mal seit Jahren über den Weg gelaufen und auch wenn Ginny nicht gerade enthusiastisch über das Wiedersehen gewesen war, hatte der Abend dann den Lauf genommen, den er eben hatte und wiederholte sich nun schon zum vielfachen Male.

Sie fuhr sich rasch durch die langen Haare die vom Apparieren etwas in Unordnung gekommen waren, strich sich über den schlichten und sehr gut geschnittenen Abendumhang und klingelte.

Er öffnete persönlich, mit einem halbvollen Glas Feuerwhiskey mit Eiswürfeln in der Hand, noch in seinem Bademantel – auch wenn Bademantel selbstverständlich eine Untertreibung war. Wie alles um ihn herum in der hohen Eingangshalle war es überaus prachtvoll - ein Kleidungsstück aus glänzender Seide mit Stickereien von exotischen Fabelwesen und einem weichen Pelzkragen. Seine Augen mit den schweren Lidern blickten fast so arrogant wie früher und mit seinen ausdrucksstarken Wangenknochen konnte man Papier schneiden.

„Blaise!", sagte sie erfreut. „Hi!"

Er betrachtete sie mit seinen dunkeln Augen und reichte ihr, leichtes Lächeln im sinnlichen Mundwinkel, seine rechte, elegante Hand. „Hallo, meine Schöne."

Sie ergriff diese und ließ sich kurz an ihn sinken und genoss seinen Geruch, seine muskulöse, perfekt haarlose Brust und seine weichen Lippen, die sich kurz auf ihren Nacken drückten.

„Ich habe auf dich gewartet", sagte er dann und mit einem trägen Wischen des Zauberstabes wischte er ihren Mantel hinweg. Er trat einen Schritt zurück und bewunderte offensichtlich was er sah.

Ginny zwinkerte ihm zu und drehte sich einmal um die eigene Achse. „Magst du, was du siehst?"

Sie hatte sich bewusst für ein feuerrotes, bodenlanges Seidenkleid entschieden - in dem Wissen, das es morgen in allen Berichten eine Erwähnung unter den ‚Best dressed' finden würde. Sie wusste, dass sie spektakulär darin aussah, es hatte ein enganliegendes Neckholder-Oberteil, dass ihre weiblichen Formen betonte, einen tiefen Rückenausschnitt und weit zum Boden schwingenden Rock.

„Oh, Darling. Du siehst exquisit aus." Er zog sie wieder an sich und küsste sie erneut, dieses Mal auf den Mund und sie empfing ihn bereitwillig. Ihre Zungen begrüßten sich wie zwei alte Bekannte und sie spürte seine augenblickliche Reaktion in der Baderobe.

Er seufzte bedauernd. „Ich möchte dich am liebsten sofort nehmen, aber ich muss mich leider noch umziehen – ich habe Besuch bekommen." Seine Hand glitt sanft zu ihren Brüsten und seine Erektion wurde noch größer.

Ginny musste sich auf die Lippen beißen. Wie konnte es nur sein, dass dieser Zauberer sie nur berühren musste und sie war kurz davor, sich (und ihm) alle Kleider vom Leib zu reißen?! Sie versuchte, sich auf das Gesagte zu konzentrieren, während er spielerisch an ihre Nippel schnippte. „Wer… oh… wer ist zu dir gekommen?"

Er küsste sie und trat dann einen Schritt zurück. Seine Erektion ragte ungeniert aus seiner Baderobe hervor.

„Du wirst es sehen. Du hast ihn lange nicht mehr gesehen."

Ginny machte einen Schmollmund und bewegte sich in Richtung seiner Härte.

„Sei ein braves Mädchen", flüsterte er leise mit dieser tiefen, sexy Stimme und ließ seinen Daumen über ihre Unterlippe gleiten. "Du weißt doch, die Belohnung bekommst du immer erst nach der Party."

„Mm." In Ginnys Erinnerung flackerten verschiedene Fetzen von ihr und Blaise auf, keuchend, ineinander verschlungen. Ja, ihre Beziehung zueinander hatte sich in der Tat anderes entwickelt als sie sich jemals hätte erträumen können.

Aber nun lachte sie und gab ihm einen Kuss. „OK, Mr. Mysterious. Zieh' dich um. Ich werde mal schauen wer mich da erwartet."

„Sei lieb zu ihm!", hörte sie noch und wenn sie sich nicht ganz täuschte, dann hörte sie ein kleines Grinsen aus seiner Stimme.

Wer konnte das sein? Wenn sie ehrlich war, dann wusste sie über Blaises Freude fast nichts – und es interessierte sie auch gar nicht besonders. Sie hatte ihr eigenes, sehr geschäftiges Leben, das sie ausfüllte - umso mehr als dass sie in der letzten Saison das erste Mal für die Nationalmannschaft nominiert worden war.

Durch die Eingangshalle steuerte sie auf das Kaminzimmer zu – auch wenn ihrer Meinung nach Ahnengalerie eine eher angemessene Bezeichnung gewesen wäre. Sie öffnete die schwere Holztür indessen sehr neugierig. Sie ließ ihre Blicke über die hochmütigen Gesichter der Zabinis gleiten, die sie vornehm zur Kenntnis nahmen. Der hohe Steinkamin mit dem eingemeißelten, überdimensionalen Familienwappen und Portrait von der ganz famosen Madame Zabini war am anderen Ende der langen Galerie. Auf halbem Weg dahin sah sie, dass in einem der hohen Ohrensessel vor dem Feuer eine hochgewachsene Gestalt ihre langen Beine in schwarzen Anzughosen weit von sich gestreckt hatte. Er wirkte nicht so als hätte er ihr Kommen gehört, deswegen räusperte sie sich leicht als sie nur wenige Meter von ihm entfernt war.

„Ähm, hi."

Sie erreichte seinen Sessel in fast genau dem Augenblick als er erstaunt aufblickte.

Ihrer beider Blicke trafen sich, die Augen wurden riesig vor gegenseitigem Erkennen und die Münder stießen fast zeitgleich einen Überraschungslaut aus. Und dann sagten beide für eine Weile nichts mehr.

Die Stille schien sich ins Ewige zu dehnen, bis er sich schließlich, mit einiger Mühe und immer noch offensichtlich überrascht, aus dem Sessel erhob und hüstelte.

„Hallo. Ich – Blaise hatte nicht gesagt, dass er… Dass du vorbei kommen würdest."

„Nun", sagte Ginny, die immer noch nicht glauben konnte, wen sie da vor sich sah. „Ich wusste auch nicht, dass du hier wartest. Hi Draco."

„Ja. Uhm…" Er sah auf seinen Feuerwhiskey und ließ die Eiswürfel klacken. „Ich… Möchtest du einen Whiskey?"

„Oh, definitiv." Ginny ließ sich fassungslos in den Sessel fallen. Draco Malfoy. Wann hatte sie ihn das letzte Mal gesehen? Natürlich bei der Schlacht um Hogwarts und danach… Wohl nur auf Bildern von dem Prozess gegen ihn und seine Eltern.

Entweder hatte sie vergessen wie groß er damals schon gewesen war oder er war tatsächlich noch ein Stück gewachsen. Groß, mit diesem immer noch bleichen (aber nicht mehr so eingefallenem Gesicht) und diesen seltsamen Augen und hellen Haaren, stand er mit dem Rücken zu ihr und füllte ein Kristallglas mit Flüssigkeit.

Aus purem Reflex wollte sie das Glas von sich stoßen, als er ihr es gab und nur aus reiner Höflichkeit (und weil sie ein Gast in diesem Raum war) behielt sie es in der Hand. Nahm sich aber fest vor nichts daraus zu trinken.

Als sie den Blick hob und unerwarteterweise dem seinem begegnete, begriff sie, dass er wusste, was sie dachte. Er warf ihr ein schmales Lächeln zu, eigentlich nur den Hauch eines Lächelns, hob sein Glas und prostete ihr dann zu. Unironisch, so schien es ihr.

„Zum Wohl." Er nahm einen Schluck und wandte seinen Blick langsam wieder den Flammen zu.

Ginny saß weiterhin unbeweglich im Sessel und versuchte ihre rasenden Gedanken zu ordnen. Mit einem Mal fühlte sie sich wieder zurück katapuliert in die dunkelsten Stunden ihres Lebens, an den Krieg, an ihren Hass auf ihn und seinen Vater, an das, was sie ihr und ihrer Familie angetan hatten.

Ihr gute Stimmung war in Sekundenschnelle verflogen und sie verfluchte Blaise für seinen missratenen Scherz.

„Na, Kinderchen?", hörte man plötzlich Blaises schokoladige und mehr als amüsierte Stimme hinter ihnen. „Vertragt ihr euch auch?"

Nun angetan mit einer dunkelgrünen Abendrobe aus Samt, ließ er sich elegant auf die Chaiselongue fallen, die im gleichen Augenblick mit einem leichten „plopp" erschienen war. Mehr als interessiert sah er von einem zum anderen.

Sie schwiegen beide. Ginny warf Blaise einen erbosten Blick zu, was dieser jedoch nur mit einer hochgezogenen Augenbraue amüsiert erwiderte.

„Wie ich erfuhr", redete er dann in einem ganz normalen Konversationston weiter, „ist Draco ebenfalls zum Sommerball eingeladen und -"

„Warum das denn bitte?!" Ginny konnte sich nicht mehr beherrschen und schoss ihm einen bösen Blick hinüber.

„Darling", sagte Blaise milde. „Er wurde eingeladen wie du und ich und hunderte von anderen und weil ich ihn lange schon nicht mehr gesehen habe, wollte ich die Gelegenheit nutzen und in Ruhe ein bisschen tratschen."

„Worüber denn, darüber dass sein Vater mir dieses coole Tagebuch in die Hand gedrückt hat?!" Sie war lauter geworden als beabsichtigt und die Worte hallten in dem großen Saal unversöhnlich wieder.

Draco, in dem Sessel vorne übergebeugt, machte eine abwehrende Bewegung aber sagte weiterhin nichts.

„Nein, Darling, darüber doch nicht", sagte Blaise unbekümmert. „Eher darüber mit wem es Pansy gerade treibt. Da fällt mir ein, etwa immer noch mit dir, Draco?! Bitte sag' mir, dass das nicht der Fall ist, denn dann muss ich wirklich brechen..."

Draco schüttelte kurz den Kopf – aber ob dieses Kopfschütteln nun bedeutete, dass er es nicht tat oder dass er nur nicht gewillt war darüber Auskunft zu geben, erschloss sich Ginny nicht. Sie vergaß vor lauter Aufregung sogar, dass sie sich vorgenommen hatte nichts von dem Whiskey zu trinken und nahm einen großen Schluck. Und gleich noch einen.

„Gutes Mädchen", sagte Blaise mit seiner dunklen Stimme zu ihr. „Ansonsten, welche Highlights können wir heute erwarten? Wissen wir eigentlich, mit wem Andromache Rosier kommt?"

Andromache war eine der bekanntesten Wettersprecherinnen und hatte gerade mit viel Unterstützung von Rita Skeeter ihre erste Unterwäsche-Kollektion veröffentlicht.

„Warum interessiert dich das?", fragte Ginny patzig, die weitere Schlucke nahm und inzwischen angenehme Wärme in sich spürte. „Stehst du auf sie?"

Blaise zog kurz die Augenbrauen zusammen. „Bitte. Du kennst doch meinen Typ."

„Nein, ehrlich gesagt kenne ich den nicht." Sie lehnte sich im Sessel zurück.

Blaise warf ihr einen vielsagenden Blick zu. „Für mich kommen nur die Besten infrage, Darling, und keine Möchtegern-C-Promis."

„Aha", machte Ginny eher irritiert als geschmeichelt.

„Da fällt mir ein." Blaise nahm einen weiteren Schluck und füllte ihre Gläser erneut mit einem eleganten Wisch seines Zauberstabes. „Draco, hast du nicht gerade erzählt, dass du immer noch jedes Spiel der Falmouth Falcons siehst?"

Er nickte leicht. „Ja, ich habe immer noch eine Dauerkarte."

Ginny warf ihm einen ehrlich erstaunten Blick zu. Sie hatte nicht gewusst, welches sein Team war. Aber auf die Falcons hätte sie wirklich nicht getippt. Wenn sie sich richtig entsann, dann stand sogar in nächster Zeit das nächste Ligaspiel an.

Draco wandte sich ihr zu und sagte unerwartet: „Ich hab dich letztes Mal beim Heimspiel gesehen. Gute Pässe."

Sie nahm das Kompliment schweigend entgegen und trank in Gedanken auf ihr eigenes Wohl. Der Feuerwhiskey breitete sich wohlig warm in ihr aus und mit der Wärme verschwand zumindest ein Teil des Ärgers, den sie bei Dracos Erkennen gespürt hatte.

Sie wusste von Harry, dass auch Draco unter seiner Last Qualen gelitten hatte und das er, anders als andere, sich nie zu Voldemort bekannt hatte als er dessen wahres Gesicht und Grausamkeit erkannt hatte.

Und natürlich wusste sie auch, dass die Gesellschaft nach dem 2. Krieg weiterhin die alten, mächtigen Zauberfamilien hofierte. Deswegen war es höchstens erstaunlich, dass Draco erst in diesem Jahr eine Einladung bekommen hatte. Aber deswegen musste sie, Ginny Weasley, ihn ja nicht auf einmal mögen.

Sie setzte sich bequemer zurecht sodass sie einen guten Blick auf die beiden Schulkameraden hatte. Blaise unterhielt sich augenscheinlich wirklich unbefangen mit Draco, der nach wie vor auf der Hut zu sein schien. Gemeinsam bildeten sie einen erstaunlichen Kontrast. Blaise mit seinem hochmütigen und dunklen Gesicht und dem lässigen und kraftvollen Körper und Dracos vornehme Blässe, seine hochgewachsene und sehnige Statur und -

Weiter kam Ginny nicht mit ihren Gedanken, denn plötzlich rief Blaise, dass es ja schon längst Zeit sei sich auf den Weg zu machen, wollte man es am nächsten Tag denn in die Berichte zum Schaulaufen schaffen. Draco sah so aus, als läge ihm ein ätzender Kommentar dazu auf der Zunge, aber er sparte ihn sich offensichtlich. Ginny leerte ihr zweites Glas Feuerwhiskey mit einem Zug, und erntete dafür einen erstaunten (Draco) und einen genüsslichen (Blaise) Blick. Der würde was erleben heute Nacht, das schwor sie sich und war sich sicher, dass er ihre Gedanken erriet so teuflisch wie sein Grinsen war.