Das gleichmäßige Piepsen war das erste was sie aus dem absurden Traum riss.

Erst nach einigen Sekunden bemerkte sie, dass der Takt ihrem Herzschlag glich.

Sie atmete zögerlich tief ein und spürte einen dumpfen Stich an ihrem Brustkorb, sie wusste, dass er nur durch Schmerzmittel abgeschwächt wurde.

Zaghaft öffnete sie ihre Augen und kniff sie sogleich wieder zusammen, das Licht brannte in ihren Augen und sie brauchte erneut ein paar Sekunden um sich zu fangen.

Müde ließ sie ihren Blick durch den sterilen Raum schweifen.

Sie musste in einem Krankenhaus sein, soviel war klar. Ihr Kopf war auf zwei weichen Polstern gestützt und an ihrem Zeigefinger hing eine Art Wäscheklammer. Was in in ihrer Armbeuge alles hing wollte sie erst gar nicht aufzählen.

Ein Räuspern riss sie aus ihrer Trance und verwirrt bemerkte sie, dass noch jemand im Raum war.

Ihr stockte der Atem. Das gleichmäßige Piepsen wandelte sich in ein aufgeregtes Fiepen.

Sofort hob er seine Arme beschwichtigend und säuselte mit sanfter Stimme, dass alles in Ordnung war. Seine Worten entfalteten ihre Wirkung und ihr Puls schien sich wieder zu beruhigen.

Lily erkannte ihn wieder.

Er war in ihrem Traum gewesen.

Als sie seine blonden Locken ansah und die feinen Gesichtszüge aufnahm, erinnerte sie sich an diese absurden Szenen die ihren Schlaf gestört hatten.

Bevor sie sich an die Handlung erinnern konnte, unterbrach der Engel sie.

"Wissen Sie, wo Sie sind, Lily?"

Ihr Name klang wie Musik aus seinen Lippen und sie starrte ihn ausdruckslos an.

Auch wenn die Schmerzmittel ihr übriges taten, so war ihr klar, dass er kein Engel war- auch wenn er danach aussah. Nach seinem Kittel zumuten und seiner feinen Kleidung war er höchstwahrscheinlich ein ganz normaler Arzt. Wobei normal war nicht das erste Wort was ihr einfiel als sie ihn musterte.

"Im Krankenhaus?"

Ihre Stimme klang rau und erst jetzt bemerkte sie den faulen Geschmack den sie im Mund hatte. Als hätte sie einen Schluck Sand getrunken, war sie derart ausgetrocknet, dass sie nicht einmal schlucken konnte.

Sofort bewegte sich der gutaussehende Arzt und reichte ihr einen Becher mit einem Strohhalm. Sie hinterfragte erst gar nicht was sich darin befand und trank gierig mehrere Schlucke. Auf seinen roten Lippen breitete sich ein gütiges Grinsen aus und erneut meldete sich das Piepsen.

Verräter, dachte sie knurrend in die Richtung des nervtötenden Gerätes. Er schien es jedoch nicht zu bemerken, zumindest kommentierte er es nicht.

Seine Augen klebten förmlich an ihr und erst jetzt sah sie die ungewöhnliche Farbe. Es war eine Mischung aus Okker und Honig.

Seltsam.

Sie hätte schwören können sie waren wesentlich dunkler gewesen. In seinem Blick lag eine Emotion die sie nicht deuten konnte. Sie wurde schnell von etwas anderem überdeckt.

Mitleid.

Erneut räusperte er sich, wobei es eher schien als ob er sich selbst sammeln musste.

"Ich bin Dr. Carlisle Cullen. Können Sie sich erinnern was passiert ist?"

Er sagte seinen Namen als wäre er perfekt einstudiert, als würde er seinen Text in einem Stück sagen, immer wieder, immer dasselbe.

Lily konzentrierte sich auf seine Stimme und seufzte innerlich. Kein Wunder, dass ihr verwirrtes Hirn ihn für einen Engel gehalten hatte.

"Ich war im Auto, auf der Straße war ein Reh oder ein Hirsch... Alex wollte ausweichen.."

Auf einmal prasselten die Erinnerungen auf sie hinab.

Der Truck.

Alex.

Die Musik.

Sein Lachen.

Der Hirsch.

Der Knall.

Alex.

Sofort flog ihr Blick suchend durch den Raum.

Wo war er? Mit Sicherheit wurde er ebenfalls eingeliefert.

"Wo ist Alex?"

Der sanfte Blick verschwand aus seinen Augen und er sah sie schmerzerfüllt an. Es wirkte als ob ihn die nächsten Worte mehr Schmerz bereiten würden als ihr.

"Es tut mir leid, Lily. Seine Kopfverletzungen waren zu schwerwiegend. Er hat es nicht geschafft."

Ihre Ohren pochten, sie hörte das aufgeregte Piepsen neben ihr nicht.

Den Schmerz den sie fühlte konnte nicht einmal von den Schmerzmitteln mit denen sie mit Sicherheit immer noch vollgepumpt war betäuben.

Alex.

Sie hörte ein lautes Schluchzen und bemerkte, dass es aus ihrem Mund kam. Sie presste ihre Augen zu und wurde unruhig, sie konnte nicht atmen. Ihr Hals schnürte sich zusammen und sie fühlte die Panik in sich aufsteigen.

Auf einmal spürte sie eine Hand an ihrer Schulter, die sie zurück in die Pölster drückte, offenbar hatte sie sich aufgesetzt ohne es zu bemerken. Der Druck war sanft aber stark genug, dass sie sich nicht wehren konnte.

Die Kälte die von seiner Hand ausging war tröstend und in ihrem Kopf schwirrten so viele Gedanken, dass sie keinen davon fassen konnte. Seine Stimme redete auf sie ein und obwohl sie es nicht verstand was er sagte, beruhigte sie sich. Ihre Finger zuckten und sie bemerkte, dass sie sich an etwas kühlem hartem festklammerte. Obwohl ihr Griff eindeutig schmerzhaft sein musste, zuckte seine Hand nicht einmal weg.

Dr. Cullen zischte etwas unverständliches und sie spürte wie sich jemand an ihrer Armbeuge zu schaffen machte.

Zweifelsohne noch mehr Schmerzmittel. Sie wollte sich dagegen wehren aber sie wirkten zu schnell, als dass sie eine Chance hatte. Erneut wurden ihre Lider schwerer und der Druck an ihrer Schulter verschwand. Das Fehlen des Kontaktes ließ für eine Sekunde die Panik erneut aufwallen, als sie in die Bewusstlosigkeit kippte.

Ihr letzter Gedanke den sie klar fassen konnte, waren die leuchtend blauen Augen die sie amüsiert musterten.

Alex.

Er starrte sie an, als würde er es unfassbar komisch finden, dass sie sich so aufregte.

Sein Gesicht verschwamm und sie rief ihm verzweifelt nach.

Immer mehr von seinen Zügen verschwanden und ein anderes Gesicht tauchte auf.

Mit kohlschwarzen Augen starrte er sie an und hatte auf einmal nichts mehr von einem Engel. Erneut schrie sie nach Alex, aber er war fort.

Das einzige was sie sah war der Blick eines Raubtieres.