"So eine tragische Geschichte."
"Ja, unfassbar oder?"
"Ein derartiges Schicksal, in dem Alter."
"Furchtbar. Wenn du mich fragst, hatte der Junge Glück."
Wütend presste sie ihre Augen zusammen und wie immer ignorierte sie die Stimmen.
Ihr Blick ruhte noch immer auf dem grauen Himmel, der sich seit Tagen nicht wirklich verändert hatte.
Nachdem sie von dem Chief Swan befragt wurde und sie unter Tränen erzählte, was passiert war – was nebenbei bemerkt ihr genauso unangenehm war wie ihm– ließ man sie größtenteils in Frieden.
Die Schwestern kamen jeden Tag, halfen ihr auf die Toilette, brachten ihr Essen und kontrollierten ihre Werte aber sie hatte keine Worte für sie. Wenn sie es recht bedachte, hatte sie nach ihrem Gespräch mit der Polizei keinen ganzen Satz mehr gesagt.
Alex Eltern wollten mir ihr sprechen aber sie versteckte sich hinter ihrem Schmerz. Wie konnte sie ihnen gegenüberstehen. Wie konnte sie den Schmerz in ihren Augen ertragen, wenn sie ihren eigenen nicht im Griff hatte. Wie konnte sie in die blauen Augen von seiner Mutter schauen? Dieselben Augen wie Alex?
Dr. Cullen machte gewissenhaft seine Visite und kam jeden Tag um die selbe Zeit.
Es war viel schwieriger ihn zu ignorieren, als die anderen. Es lag nicht nur an seinem lächerlich guten Aussehen. Er strahlte so viel Güte und Mitgefühl aus, dass es unmöglich war ihn zu ignorieren. Er trug immer dasselbe Lächeln, das selbe Funkeln in seinen Augen und begrüßte sie mit der selben Begeisterung.
Aber es schmerzte.
Es schmerzte viel mehr als die kurzangebundenen Mitleidsbekundungen der Krankenschwestern und von Chief Swan.
Er ließ sich von ihrer Melancholie nicht aus der Fassung bringen, im Gegenteil.
Lily dachte, dass er als Arzt es einfach gewohnt war mit solchen kaputten Menschen wie sie zu arbeiten.
Sie war sicherlich kein Einzelfall.
Und dennoch, hinter der fröhlichen Maske verbarg sich etwas anderes. Es brauchte ein paar Tage bis es zum Vorschein kam. Es war sicherlich nicht von ihm beabsichtigt, dessen war sie sich sicher.
Es blitzte in seinen Augen auf und sein Gesicht verzog sich schmerzverzerrt. Es war als ob er ihren Schmerz spüren konnte, als ob es ihm physische Qualen bereiten würde sie so zu sehen.
Sein Schmerz war zu viel, zu verwirrend, zu heftig.
Sie konnte ihn weder einordnen noch erklären.
Sie stufte seine Reaktion als Mitleid ein, vielleicht war er einfach ein auffallend mitfühlender Mensch.
Generell warf sie seine Anwesenheit immer aufs Neue aus der Bahn. Seine Nähe löste etwas aus, was sie mit aller Kraft bekämpfte. Seine Stimme ließ sie für einen Augenblick ihren Schmerz vergessen und sie hasste ihn dafür.
Sie wollte leiden, sie hatte es verdient zu leiden.
Die Tage waren nichts im Vergleich zu den Nächten.
Stundenlang lag sie wach und starrte auf die Decke über sich. Immer wieder spielte ihr Kopf die Szenen ab bis sie schließlich in einen unruhigen Schlaf fiel, aus den sie meistens schluchzend aufwachte.
Nicht selten, wurde sie ausgerechnet von ihm aufgeweckt. Selbst in der Finsternis ihres Zimmers konnte sie seine feinen Gesichtszüge und den Schmerz der sich darin verbarg sehen. Seine Augen leuchteten und wurden dumpf, als sie sich kommentarlos abwendete.
Das schlechte Gewissen was sie daraufhin plagte, war genauso unwillkommen wie das Gefühl was sie hatte, wenn er hier war.
Als wäre ihr Schmerz nicht schlimm genug, so war offenbar ihr Knie bei dem Unfall derart beschädigt geworden, dass sie es kaum bewegen konnte, geschweige denn belasten.
"Lily."
Seine samtige Stimme war vorsichtig, als würde er ein scheues Reh ansprechen.
Sie hatte ihren Blick noch immer an das Fenster geheftet.
Sie hatte kaum geschlafen, er hatte sie mehrfach aus ihrem unruhigen Schlaf rütteln müssen. Dabei hatte sie ausgerechnet von ihm geträumt.
Erneut verschwand Alex, sein Grinsen, seine Grübchen, das offene freundliche Gesicht verschwand mit jeder Sekunde und das Raubtier tauchte erneut auf und starrte sie an. Doch diesmal waren seine Augen nicht schwarz, sie waren gold. Das seltsamste war, dass sie keine Angst hatte. Im Gegenteil. Erst als er auftauchte, schien sie sich zu beruhigen.
"Ihre Werte schauen so weit gut aus, ich denke es ist Zeit über die Physiotherapie zu sprechen."
Seine Stimme riss sie aus ihren Gedanken und sie wollte seufzen. Wie konnte ein Mensch nur so positiv sein.
Er ließ sich nicht beirren.
Aber sie auch nicht.
Sie wollte nichts von Physiotherapie hören.
Sie war erst 18 und wusste dennoch, dass sich ein ramponiertes Knie selten wieder ganz erholte. Schon gar nicht mit beschädigten Nerven und durchtrennten Sehnen.
Außerdem was hätte es für einen Sinn? Selbst wenn sie die Therapie machte, selbst wenn sie halbwegs wieder gehen konnte, nie im Leben konnte sie sich die Krankenhausrechnung leisten- geschweige denn die Therapie danach. Und ihren Kellnerjob konnte sie auch vergessen- sie sich nicht einmal ohne Schmerzen aufsetzen.
An ihren Vater wollte sie erst gar nicht denken.
"Bitte. Lily."
Seine Stimme hatte etwas flehendes und es wirkte. Sie war machtlos. Sie hasste ihn dafür.
Nachdem die Schwestern sich offenbar von ihrem Schweigen in Sicherheit gewogen haben, hörte sie genau was über ihn gesagt wurde. Er war offenbar ein Heiliger.
Gütig, mitfühlend, kompetent, nett, großzügig und gutaussehend. Es gab offenbar gar nicht genug Lob für Dr. Cullen und die Tatsache, dass er Single war, war die Kirsche obendrauf.
Sie hörte in der Stimme der Frauen wie sie sich nach ihm verzehrten. Wie sie seine Aufmerksamkeit wollten. Und sie bemerkte auch, wie e sich der Aufmerksamkeit offenbar nicht bewusst war.
Also was wollte er von ihr. Warum ließ er sie nicht einfach in Ruhe.
Ihr Blick fand seinen und sie funkelte ihn wütend an. Offenbar zeigte es seine Wirkung, er wich leicht zurück. Freuen konnte sie sich nicht darüber, im Gegenteil. Zur ihrem Missfallen bemerkte sie, wie sie sich erneut schlecht fühlte. Er hatte ihren Hass nicht verdient, aber sie hatte nicht die Kraft sich zusammen zu reißen.
"Wann werde ich entlassen?"
Es war der erste ganze Satz seit 2 Wochen. Überrascht sah er sie an und war für eine Sekunde sprachlos. Er schien die Worte genau abzuwägen.
"Nun. Wenn sie die Therapie machen, könnte es sich bis Weihnachten ausgehen."
Ihr stockte der Atem.
Weihnachten.
Das war … das war fast ein halbes Jahr.
Sie würde mit einem Schuldenberg entlassen werden, den sie niemals zurückzahlen konnte. Kaum aus dem College raus war ihr Leben bereits vorbei.
Als würde er ihre Gedanken lesen können beschwichtigte er sie.
"Bitte machen Sie sich keine Gedanken darüber, Chief Swan und der Gemeinderat haben bereits einen Weg gefunden wie die Kosten bewältigt werden."
"Der Sozialfall von Forks."
In ihrer Stimme lag kein Humor. Nicht genug, dass sie hier ein Bett belegte mit ihrem hoffnungslosen Fall- jetzt lag sie auch noch einer ganzen Stadt auf der Tasche.
"Sie wollen helfen, Lily. Wir alle wollen das."
Sie wollte gerade etwas harsches entgegnen, hielt jedoch ein. Es war als ob sie ihn nicht beleidigen konnte. Als ob etwas in ihr sie aufhielt. Es war zermürbend und verwirrend.
Also schüttelte sie nur ihren Kopf und starrte weiter aus dem Fenster. Dr. Cullen seufzte und Lily bemerkte miesmutig , dass selbst das klang melodisch klang.
Er kritzelte noch ein paar Worte auf ihre Akte, vermutlich überwachte er ihre Stimmungen- nicht dass sie sich großartig änderten. Von wütend zu traurig und depressiv und dann wieder wütend. Er wandte seinen Kopf zur Tür, als hätte er etwas gehört und nur eine Sekunde danach hörte sie aus dem Lautsprecher seinen Namen. Er warf ihr einen mitleidigen Blick zu den sie hassen wollte und entschuldigte sie sich.
Anders wie sonst wandte sie sich nicht sofort ab, ihre Augen folgten seiner Form als er aus der Tür verschwand. Daher bemerkte sie auch wie er kurz einhielt, als wollte er sich umdrehen, aber er tat es nicht. Er verschwand. Und Lily war erneut mit ihren Gedanken alleine.
