Tut mir leid, dass das immer so lange dauert. Dafür lade ich jetzt einige Kapitel hoch :) würde mich über ein Review sehr freuen, vor allem um zu sehen, ob ich da noch weiter daran arbeiten soll oder ob es (leider) keine Leser mehr gibt !

DANKE

Es regnete.

Schon wieder oder noch immer, je nachdem wie man es betrachtete. Lilys Augen folgten den Tropfen die sich vom Wind gegen die Fensterscheibe drücken ließen.

Langsam rannen sie herunter.

Ihre Gedanken sollten voller Trauer oder zumindest leer sein, aber das waren sie nicht. Sie waren konzentriert. Sie klebten an einer Erinnerung die sie verzweifelt versuchte einzuordnen.

Gelbe Augen funkelten sie aus der finsteren Ecke an und sie kniff die Augen zusammen. Sie hätte schwören können, nein sie war sich sicher, dass er hier gewesen war.

Es war keine Einbildung gewesen. Aber wie konnte das sein und wohin war er so schnell verschwunden. Und warum hatte sie keine Angst?

Vielleicht war es ihr Unterbewusstsein was verzweifelt versuchte sie von ihrem Schmerz und dem Verlust abzulenken, vielleicht drängte ihr Körper sie dazu an etwas anderes zu denken. Anders konnte sie es sich nicht erklären. Woher sollte sonst ihre absurde Faszination kommen?

Sie war nicht der Typ der sich sofort in jeden beliebigen Menschen verliebte, sie war nicht die Person, die am Spielfeldrand die Quarterbacks anhimmelte, die lasziv ihre Milkshakes tranken und über jeden dummen Witz kicherten. Zugegeben, Alex war Footballspieler aber das hatte damit nichts zu tun. Im Gegenteil, es erschwerte ihm den Anfang noch zusätzlich.

Alex.

Ihr Herz krampfte sich zusammen und sie hielt den Atem an. Wann würde es aufhören weh zu tun?

„Alles in Ordnung?"

Seine sanfte Stimme ertönte neben ihr und sie zuckte zusammen. Woher kam er jetzt auf einmal?

„Verzeihung."

Er musste ihre Reaktion bemerkt haben, denn er senkte sofort entschuldigend den Kopf. In den Händen hielt er ihre Akte vor sich, wie ein Schild. Lilys Augen musterten ihn und sie atmete tief durch. Er wartete nicht auf ihre Antwort sondern begann mit seiner Untersuchung.

Kalte Hände tasteten ihr Knie entlang und sie zog einen Atemzug scharf ein. Er hielt sofort ein und sah sie fragend an.

„Tut es weh?"

Ihre Antwort war ihr derart peinlich, sodass sie kurz überlegte ob sie einfach lügen sollte. Aber was hätte das für einen Sinn, er war immerhin ihr Arzt.

„Nein."

Sie wandte sich ab und er setzte seine Untersuchung fort. Wenn sie dachte, dass seine Anwesenheit sie verwirrte, so war es nichts im Vergleich zu der Berührung.

Als würden seine Finger leichte Stromstöße ihren Körper entlang senden, anders konnte sie es nicht erklären. Es war nicht schmerzhaft, im Gegenteil.

Es war angenehm.

Zu angenehm.

Wesentlich zu angenehm für die Berührung zwischen Arzt und Patient.

Auf einmal hielt er ein. Er starrte auf das weiße Laken und Lily konnte nicht anders als ihn gespannt zu mustern. Seine blonden Locken waren ihm aus dem Gesicht gekämmt und wirkten, als ob er nicht nur einmal mit der Hand durchgefahren wäre.

„Ich habe gehört, Mr. und Mrs. Johnson waren hier?"

Obwohl niemand sonst im Raum war, sprach er so leise als ob er ihr ein Geheimnis mitteilen wollte. Sie nickte und bemerkte erst später, dass er ihre Geste gar nicht sehen konnte. Schließlich räusperte sich.

„Äh ja. Sie waren hier."

Ihre Stimme klang fremd, zu lange hatte sie sie nicht mehr gebraucht. Sein Zeigefinger berührte die Innenseite ihres Oberschenkels und sie keuchte auf.

Sofort fanden seine hellbraunen Augen ihr Gesicht und er sah sie besorgt an.

„Tut es hier weh?"

Sie konnte das Blut was in ihr Gesicht strömte spüren und war noch mehr versucht zu lügen. Immerhin hatten sie den Herzmonitor abgestellt, immerhin. Ihr Körper hatte aber offenbar seine Rolle des Verräters übernommen. Danke für nichts, dachte sie sich miesmutig.

Sie traute ihrer Stimme nicht und schüttelte nur den Kopf. Auf einmal verdunkelten sich seine Augen und er wandte sich wieder ihrem Bein zu. Hatte sie sich das gerade eingebildet?

„Habt ihr geredet?"

Ihr blieb der vertraute Ton nicht verborgen mit dem er sie ansprach, aber es störte sie nicht. Sie war 18, gerade frisch aus der High-School raus und er war ihr Arzt, vermutlich Mitte 30, obwohl er wesentlich jünger aussah.

Seine Frage rief die Erinnerungen auf und sie schloss ihre Augen.

Es war grausam gewesen.

Schrecklich.

Doch wider Erwarten traf sie der Schmerz nicht wie sonst. Er war abgeschwächt. Sie bemerkte die furchtbare Erinnerung aber sie wurde davon nicht mitgerissen. Verwirrt zog sie ihre Brauen zusammen. Auf einmal sah er auf und ihr stockte erneut der Atem. Seine Augen waren wieder eine Mischung aus Honig und Gold. Sie sah ihn einige Sekunde lang an bis sie bemerkte, dass er auf eine Antwort wartete.

„Ja haben wir. Naja. Sie haben geredet, ich habe zugehört und mich entschuldigt."

Nun war es an ihm seine Brauen zusammen zuziehen. Auf seinem makellosen Gesicht breitete sich ein skeptischer Blick aus, der seine Schönheit nicht minderte.

„Entschuldigt? Wofür?"

Lily war sprachlos. Für den Unfall? Für den Tod? Für ihre Existenz? Für alles? Es war ein Thema welches sie nicht besprechen wollte, schon gar nicht mit ihm.

Er hatte bestimmt genug um die Ohren, auch ohne ihr Gejammer.

„Wie schaut das Knie aus?"

Ihr Ablenkungsmanöver war plump aber sie störte sich nicht daran. Er wich ein wenig zurück und sah wieder auf ihr Knie. Sie konnte sehen, dass es ihn der Themenwechsel störte.

„Gut soweit. Die Wundheilung ist wie erwartet, ich denke wir können bald mit der Therapie beginnen!"

Seine Stimme trug nichts von der Emotion die noch vor kurzem auf seinem Gesicht war, sie klang professionell und kalt.

Lily nickte und atmete tief ein. Noch immer spürte sie einen Schmerz in ihrem Brustkorb. Ihre Rippen waren noch immer beleidigt und sie verzog unweigerlich ihr Gesicht.

„Spüren Sie die Prellung immer noch?"

Lily nickte automatisch und griff sich mit einer Hand auf die rechte Seite. Selbst ihre leichte Berührung löste einen Schmerz aus den sie vorher nicht registriert hatte.

Sofort beugte er sich über sie und fuhr mit einer Hand vorsichtig den letzten Rippenbogen nach. Sie zog einen Atemzug ein und hielt ein. Was war das für ein Duft?

Er roch nach keinem Parfum, Haargel oder Mundwasser.

Es war nichts was sie benennen konnte.

Er roch einfach gut.

Automatisch lehnte sie ihren Kopf in seine Richtung und atmete noch einmal vorsichtig ein.

Plötzlich er ein und erstarrte. Ihr Herzschlag pochte nun gegen ihren Brustkorb und selbst wenn er es nicht spüren konnte, würde er es vermutlich sogar hören. Obwohl er sie nicht ansah, konnte sie die dunklen Augen sehen die sich noch immer starr auf ihre Rippen gerichtet haben.

Auf einmal wich er zurück und murmelte etwas Unverständliches. Er verschwand so schnell aus dem Raum, dass Lily keine Zeit hatte zu reagieren.

Es hatte fast etwas von einer Flucht. Aber warum? War es ihm so unangenehm? War sie so auffällig? Wurde er ausgerufen und sie hatte es nicht bemerkt? Lily raunte auf.

Warum machte sie sich überhaupt solche Gedanken.

Dr. Cullen tauchte an diesem Tag nicht mehr auf und Lily hasste es, dass sie das überhaupt bemerkte. Sie hatte wie immer kaum Appetit und aß nur ein paar Bissen, damit sie die Krankenschwestern in Ruhe ließen. Schließlich haben sie ihr eine Magensonde angedroht- das hat zuletzt Wirkung gezeigt.

Es war bereits spät und die Wände fühlten sich näher als sonst an. Obwohl ihr Krankenzimmer wesentlich größer als ihr Kinderzimmer in dem sie aufwuchs war, wirkte es auf einmal beklemmend und klein.

Sie war erschöpft, von was konnte sie nicht sagen.

Sie hatte nichts getan außer herumzuliegen, an ihrem Arzt zu riechen und ihn schließlich zu verjagen. Die Einsamkeit übermannte sie und sie überlegte das erste Mal, ob sie den Fernseher einschalten sollte.

Schließlich gab sie der Langeweile nach und griff langsam nach der Fernbedienung. Sie hielt sie in den Händen und starrte sie ausdruckslos an. Sofort kam die Erinnerung. Sie stritt mit Alex um die Vormacht des Fernsehprogrammes und wie immer gewann sie. Lily hatte mehr als einmal angedeutet, dass er ohnehin das sehen wollte was sie einschaltete- er wollte einfach nur mit ihr diskutieren.

Sie spürte die Tränen in ihren Augen brennen und ihre Hand festigte ihren Griff. Das harte Plastik gab nicht nach und schließlich warf sie die Fernbedienung so fest sie konnte gegen die Wand. Das Geräusch war leiser als sie gedacht hatte und es splitterten auch keine Teile auf den Boden. Offenbar war das Ding robuster als sie dachte.

„Was ist passiert? Ist alles in Ordnung?"

Seine Stimme erschreckte sie so sehr, dass sie sich ruckartig aufsetzte und schmerzverzerrt an ihre Seite griff. Sofort spürte sie seine kühlen Hände an ihrem Körper, die sie wieder zurück drückten.

„Vorsichtig."

Sein Blick suchte ihren Körper ab, als würde er nach Verletzungen Ausschau halten. Sie schnaufte, als ob sie noch mehr verletzt werden konnte. Was sollte ihr noch passieren?

„Soll ich eine der Schwestern wecken?"

Rasch schüttelte sie den Kopf. Sie musste nicht auf die Toilette, zu ihrem Glück. Denn sie hätte es vermutlich nicht über sich gebracht eine der Schwester wecken zu lassen und ihn zu fragen war eine Sache, an die sie lieber nicht dachte.

„Nein, ich wollte nur… Keine Ahnung."

Ihre Antwort frustrierte ihn nicht, im Gegenteil. Es schien als ob er erleichtert war, dass sie überhaupt etwas sagte.

„Schlafen Sie schlecht? Soll ich Ihnen etwas dafür geben?"

Erneut schüttelte sie den Kopf. Schlafmittel waren das letzte was sie wollte. Es war als ob mit jeder chemischer Substanz ihre Träume immer wirrer wurden.

„Nein, es geht schon. Mir war nur langweilig."

Auf seinen roten Lippen breitete sich ein leichtes Lächeln aus und ihr Herz klopfte. Immerhin war es zu dunkel, als dass er ihre roten Wangen sehen konnte.

„Das kenne ich. Nachtschichten in Forks sind nicht gerade der Gipfel der Spannung."

Seine Stimme war offen und freundlich, Lily erwartete, dass er wieder verschwand aber er überraschte sie.

Mit einer flüssigen Bewegung zog er einen Stuhl zu ihrem Bett und setzte sich hin. Unweigerlich setzte sie sich etwas aufrechter hin. Sie wollte eigentlich keinen Besuch und auch mit keinem reden, aber etwas an ihm wirkte derart … anziehend auf sie, dass sie seine Gesellschaft nicht nicht genießen konnte. Er war ein Rätsel, eine Ablenkung und Gott wusste, ihr Geist brauchte eine Ablenkung.

Die Stille breitete sich in dem Zimmer zäh aus und Lilys Gedanken rasten.

Sollte sie etwas sagen? Aber was? Was konnte sie schon sagen, was ihn interessieren würde?

„Wollen Sie darüber reden?"

Seine samtige Stimme durchbrach ihre Gedanken und Lily hielt peinlich berührt ein. Natürlich wollte er über ihren Unfall reden. Was sonst? Was sollte sonst ein Mann wie er von ihr wollen? Ihre Gesellschaft? Er war Arzt, das war das, was er tat. Er heilte Leute, er sprach mit ihnen. Es war sein Job, genauso wie sie sein Job war. Nicht mehr und nicht weniger. Diese Einsicht frustrierte sie ungemein und sie war enttäuscht. Woher ihre Gefühle kamen, war ihr ein Rätsel.

„Nein nicht wirklich."

Er nickte und fuhr sich mit seiner Hand durch seine Haare. Selbst in der Dunkelheit konnte sie die Attraktivität der Geste nicht ignorieren.

„Mein Sohn Edward, war in einem Unfall verwickelt."

Seine Stimme klang nicht besorgt, eher frustriert.

Sofort riss sie ihre Augen auf. Wollte er damit sagen, dass-

„Es geht ihm gut. Aber es macht.. alles etwas kompliziert."

Lily nickte und hing an seinen Lippen. Sie wusste, dass er Kinder hatte- zumindest Adoptivkinder. Die Krankenschwestern hörten nicht auf darüber zu reden, noch eine Sache die ihn noch heiliger machte. Vielleicht also doch ein Engel?

„Warum?"

Er schien überrascht von seiner Frage.

„Weil.. es ist schwer zu erklären. Edward war ein wenig überfordert von der ganzen Sache. Er brauchte eine Auszeit."

Sie legte ihren Kopf schief. Sie wusste zwar nicht wie alt Edward war, aber offenbar alt genug um sich eine Auszeit zu nehmen. Konnte man es ihm verübeln.

„Verständlich."

„Ja. Vermutlich."

Lily fragte sich warum er ihr das erzählte. Es ergab keinen Sinn. Aber vielleicht wollte er es auch einfach nur loswerden. Und wo waren Gedanken sicherer als bei dem beschädigten, traurigen Mädchen was kein Wort sprach.

„Ich hoffe, es geht ihm bald wieder besser."

Ihre Worte waren ernst gemeint, auch wenn sie ihn nicht kannte, war der Blick auf dem makellosen Gesicht des Arztes zu finster. Es war lange still und Lily fragte sich, ob sie vielleicht zu weit gegangen war.

Auf einmal bewegte er seinen Kopf und seine hellen Augen leuchteten sie an. Sie keuchte auf. Er war hier gewesen, ganz sicher. Sie erinnerte sich auf einmal klar daran.

Er stand am anderen Ende des Raumes und hatte sie angesehen. Aber warum?