Es war unangenehm.
Mehr als das.
Es war furchtbar unangenehm.
Lily versuchte ihren Blick von den zwei Personen so gut sie konnte fernzuhalten und starrte stur auf die Wand hinter ihnen. Die Stille die sich ausbreitete war derart schwer und geladen, dass sie es fast nicht aushielt. Das schlimmste war, dass sie nicht einmal einfach aufstehen konnte um der Situation zu entfliehen. Sie war ans Bett gefesselt, unfähig zu entkommen und musste die peinliche Stimmung ertragen.
Es war genau 4 Minuten her als Schwester Mary Dr. Cullen um ein Date bat. Es war genau 3 Minuten und 22 Sekunden her, als er dankend ablehnte.
Warum Lily das so genau wusste?
Zum einen, da sie seit dem auf die Uhr starrte und den Zeiger beobachtete und zum anderen, da Schwester Mary offenbar dachte, es wäre eine gute Idee diese Frage inmitten einer Untersuchung zu stellen.
Dabei war seine Ablehnung so herzzerreißend freundlich, dass sie noch schlimmer war.
Er lächelte sie gutmütig an und verneinte höflich, als hätte sie ihn gefragt ob er etwas von der Cafeteria wollen würde.
Das einzige Gute an der ganzen Sache, dass zum ersten Mal seit einem Monat nicht sie der Grund für die schlechte Stimmung war. Es war nicht ihr Unfall, ihre Verletzung, der Tod ihres Freundes, der jegliches Glück um sie herum verschlang.
Es war der niedergeschlagene Gesichtsausdruck von Schwester Mary und dem weiterhin höflichen Gesten von Dr. Cullen.
Die Stille wurde nur von ein paar Anweisungen unterbrochen, die er zu ihr sagte. Sie notierte sich alles und sah ihn weiterhin mit einem sehnsüchtigen Blick an.
Lily sah sofort, dass sie nicht aufgab. Noch nicht. Vielleicht war es die höfliche Ablehnung oder vielleicht war auch der Preis zu verlockend. Dr. Cullen war der Junggeselle schlecht hin.
Da gab man nicht einfach auf.
Die Stimmung wurde schlagartig besser als Schwester Mary den Raum verließ um die Untersuchungen einzuplanen, die er gerade angeordnet hatte. Lilys Blick wanderte auf sein bleiches schönes Gesicht und es dauerte nur wenige Augenblicke bis seine Augen ihre fanden.
Wie immer fühlte sie ihr Herz welches fast aussetzte.
„Das war vielleicht unangenehm."
Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und sie spürte ihre Wangen heiß werden.
„Man gewöhnt sich daran."
Sie wusste er hatte es nicht so gemeint wie es klang, so gut kannte sie ihn schon. Zumindest glaubte sie das. Er hatte offenbar keine Ahnung wie er auf Frauen wirkte und tat deren Begeisterung fast peinlich berührt ab.
„Muss schwer sein so hübsch zu sein."
Dr. Cullen bellte ein Lachen. Ein Laut den sie zuvor noch nie gehört hatte und ihr Magen zog sich zusammen.
„Es ist ein hartes Los, das stimmt."
Seine Stimme war samtig und sarkastisch. Sie hatte etwas spielerisches, was sie noch nicht kannte. Sie mochte es. Sie mochte es so sehr, dass sie nicht bereit war aufzuhören.
„Wie kann man nur so leben."
Lily hatte kein Problem das Spiel weiterzuführen und ihr Herz klopfte noch schneller, als sich sein Grinsen ausbreitete und seine Augen strahlten.
„Ich würde es eher existieren nennen."
Er grinste als würde er sich zusätzlich über einen Insider amüsieren.
„Man meidet Spiegel, Schaufenster…"
„-Krankenschwestern."
Diesmal war es Lily die lachte. Der Laut klang seltsam und fremd und sie stellte fest, dass sie seit dem Unfall kein einziges Mal gelacht hatte.
Sofort versteinerte sich ihre Miene.
Was machte sie hier?
Sie amüsierte sich mit dem gutaussehenden Arzt während Alex nicht einmal ein Monat tot war. War sie so ein Mensch geworden? War sie so leicht abzulenken?
Er bemerkte den abrupten Stimmungswechsel sofort und auch von seinen Lippen verschwand das Lächeln. Sie vermisste es sogleich und ihr schlechtes Gewissen manifestierte sich.
Was war mit ihr los?
Er öffnete den Mund und schloss ihn sogleich sie war froh. Mit Sicherheit würde er etwas herzzerreißendes nettes sagen, etwas was ihre Augen feucht machen würden und seine Perfektion noch mehr unterstreichen würde. Die Tür öffnete sich und Schwester Mary kam hinein.
„Das CT ist nun bereit, Dr. Cullen."
Ihre Stimme war zuckersüß, als hätte nicht gerade vor 10 Minuten einen Korb bekommen. Der mitleidige Blick verschwand und er bedankte sich höflich. Sie sah sein vornehmes Lächeln an und bemerkte den Unterschied zu dem, welches er ihr erst vor wenigen Moment geschenkt hatte.
Innerlich schüttelte sie den Kopf. Es hatte keinen Sinn irgendetwas zu analysieren. Nur weil sie etwas sehen wollte, machte es das noch lang nicht wahr.
Er nickte ihr aufmunternd zu und verabschiedete sich. Wie immer ließ er einen Haufen Emotionen in ihr zurück, die sie nicht deuten konnte.
Wieder wanderte ihr Blick ans Fenster. Bald war Sommer, nicht, dass es den Regen sonderlich interessierte welche Jahreszeit war. Sie dachte zurück an das was Dr. Cullen gesagt hatte.
Weihnachten.
Es schien so unfassbar weit weg zu sein und das war es auch. Sie würde die Hälfte des Jahres im Krankenhaus verbringen.
Dr. Cullen war zuversichtlich, dass ihr Knie heilen konnte, jedoch würde es noch weitere Operationen brauchen. Bis dahin durfte sich aber die Muskelmasse nicht verabschieden. Also würde sie umsonst leiden und sich abmühen und dann immer wieder bei null anfangen.
Es klopfte leicht an der Tür und sie sah überrascht auf. Die Schwestern klopften normalerweise nicht und Dr. Cullen klopfte in dem Moment als er die Tür ohnehin aufmachte. Es war als ober sie eher warnen wollte, dass er den Raum betrat als, dass er um Erlaubnis fragte.
„Ja?"
Die Tür ging zaghaft auf und sie starrte auf den Schnurrbart von Chief Swan.
„Hey."
Seine Stimme war leise und brummte. Er hatte diese unfreundliche Aura um ihn, dabei war er einer der nettesten Menschen die sie kannte. Zumindest wirkte sein Mitleid echt und nicht aufgesetzt.
„Hi Chief."
Vorsichtig setzte sie sich auf und er winkte sofort ab.
„Ich wollte nur… wir haben das.. Auto untersucht und freigegeben. Die Schrottfirma hat den Handy gefunden, ich dachte du möchtest es vielleicht haben?"
Zögerlich hielt er eine durchsichtige Plastiktüte in die Höhe.
Sie starrte es an als wäre es ein Alien. Es war lächerlich, so viele Stunden am Tag hatte sie mit diesem kleinen Stück Technologie verbracht und dessen Abwesenheit trotzdem nicht gespürt. Sie schluckte.
„Ich kann es auch.."
„-Nein. Danke, Chief."
Er nickte dankbar und legte es auf den kleinen Tisch neben ihr. Unschlüssig suchten seine Augen den Raum ab und er kratzte sich am Hinterkopf.
„Es wird vermutlich leer sein, ich habe die Schwestern gefragt ob sie ein Kabel haben. Sie werden es dir dann bringen."
„Danke, das ist sehr nett."
„Und… wie geht es dir?"
Sie konnte förmlich spüren wie unangenehm ihm die Situation war. Für sie war es auch nicht besser.
„Gut."
Er nickte rasch und schien dankbar für die Lüge zu sein. Er warf einen Blick auf die Tür hinter sich.
„Nagut. Ich sollte dann mal los. Meine Tochter, Bella, ist aus einem Fenster gefallen. Carlisle untersucht sie gerade."
Lily starrte ihn wortlos an. Sie hatte tausend Fragen. Wie? Wann? Warum? Und vor allem.. wie? Doch gleichzeitig wollte sie auch nicht zu neugierig sein.
„Ok. Gute Besserung!"
Er nickte dankend und ging mit schnellen Schritten zur Tür.
Wie konnte die Tochter des Chiefs aus dem Fenster fallen?
Ihre Gedanken wurden von dem kleinen Gerät neben ihr abgelenkt. Das Display war noch in Ordnung. Seltsam, dass der Unfall ein Menschenleben kostete, einen Truck komplett schrottete und sie zum Krüppel machte- aber das Handy war unversehrt.
Es hatte keinen Sinn es sich genauer anzusehen, nach einem Monat war es bestimmt leer. Sie musste wohl oder übel warten, bis das versprochene Ladegerät auftauchte. Aber wollte sie es? Was würde sie damit tun?
Auf Facebook schauen und als Status traurige Smileys angeben mit einem Hashtag sad?
Auf einmal war sie angewidert.
Mit wem sollte sie schreiben? Die paar Freunde, die sie hatte, waren allesamt nicht von Washington, Familie hatte sie keine erwähnenswerte – zumindest keine denen sie schreiben wollte.
Sie wusste nicht wovor sie mehr Angst hatte, die Posts über Alex oder die Erkenntnis, dass niemand mehr nach einem Monat über den ehemaligen Football Star trauern würde. Hinzu kam, dass sie eigentlich mit jemanden reden wollte. Sie wollte nicht über ihre Gefühle oder ihren Zustand sprechen, sie wollte nicht darüber reden, wie es war seinen ersten Freund zu verlieren. Sie wollte nicht darüber reden, dass sie den Gedanken und Erinnerungen nicht entkam, egal was sie tat.
Sie lehnte sich erneut zurück in den Polster und starrte an die Decke. Sie würde sich darum kümmern, wenn es soweit war und nicht früher.
Es war noch vor Mitternacht als ein leises Klopfen sie aus den Gedanken riss. Neugierig legte sie ihr Buch beiseite und sah auf den Notrufknopf- hatte sie sich unabsichtlich drauf gelehnt?
Die Tür öffnete sich und ein blonder Kopf tauchte auf. Es kam ihr vor, als würde er jeden Nachtdienst zumindest einmal bei ihr vorbeischauen und sie fragte sich, ob er das bei all seinen Patienten tat oder nur bei denen die wirklich bemitleidenswert waren.
„Störe ich?"
Seine Stimme war sanft wie immer und sie spürte eine Schauer über ihren Rücken laufen.
„Nein. Ich kann ohnehin nicht schlafen."
Sofort sah er sie besorgt an und sie setzte nach-
„Ich liege ohnehin den ganzen Tag herum, da wird man nicht sonderlich müde."
Er nickte und verzog seinen Mund zu einem halbseitigen Grinsen. Es war die Art grinsen die einem die Knie weich machten. Selbst im Liegen spürte sie es.
„Wie geht es Bella?"
Dr. Cullen schien überrascht von ihrer Frage zu sein und reagierte etwas seltsam. Als ob es ihm nicht geheuer war, dass sie davon wusste.
„Gut, den Umständen entsprechend."
Seine Antwort war auffallend wage und Lily fragte sich, was er verheimlichte.
„Chief Swan hat mir erzählt, sie wäre aus dem Fenster gefallen."
Wenn sie es nicht besser wusste, würde sie sagen, dass er erleichtert wirke. Rasch nickte er und grinste erneut.
„Ja. Es scheint als wäre Bella ein Magnet für Unglück."
„Sie kann sich hinten anstellen."
Das Lächeln verschwand nicht und Lily war froh. Es war seltsam aber seine Anwesenheit machte alles besser und sein Lächeln brachte die Sonne zum Aufgehen.
Ein schrecklich kitschiger Gedanke, Lily schüttelte sich innerlich.
„Ich sehe, Charlie hat Ihnen Ihr Handy wieder gebracht."
Er deutete auf die unberührte Plastiktüte neben ihr. Sie folgte seinem Blick und starrte auf das fremde Teil Technik.
„Jup."
„Brauchen Sie ein Kabel? Ich kann Ihnen eines bringen."
Er klang eifrig, als würde es ihm wirklich am Herzen liege, dass er ihr helfen könnte.
„Schwester Alice hat mir bereits eines gebracht, danke."
Dr. Cullen nickte und blickte nachdenklich drein. Sie wusste, dass er sich fragte warum es dann immer noch so unberührt am Tisch lag.
„Sie wollen es nicht einschalten?"
„Nein."
Ihre Antwort war ihm zu wenig, soviel konnte sie erkennen.
„Warum?"
Lily hatte nicht mit so einer direkten Frage gerechnet aber es störte sie auch nicht. Er war die einzige Abwechslung die sie hatte. Das einzige was ihre Gedanken von dem Unfall nahm, das einzige was sie von dem Verlust ablenkte.
„Ich sehe keinen Grund darin. Wem sollte ich schreiben?"
Sie zuckte mit den Schultern und bemerkte die Emotion die sich in seinem Gesicht ausbreitete. Er war traurig. Mehr noch. Er schien wirklich fertig zu sein. Warum beschäftigte es ihn so? Warum kümmerte es ihn, dass sie niemanden zu schreiben hatte?
Er öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder. Offenbar verwarf er den Gedanken denn er zeigte auf ihr Buch und lenkte vom Thema ab.
„Was lesen Sie?"
Frustriert seufzte sie.
„Das schlechteste Buch was die Krankenhaus Bibliothek offenbar zu bieten hat. Ernsthaft. Wer auch immer es hier gelassen hat, hat es nicht verdient je wieder irgendetwas zu lesen."
Sofort breitete sich auf seinem gutaussehenden Gesicht ein breites Lächeln aus. Neugierig ging er um ihr Bett herum und hob das Buch vorsichtig auf.
„Mit dir an meiner Seite."
Las er laut vor und öffnete das Buch um sich ein paar Zeilen durchzulesen.
„Offenbar kein Fan von Liebesromanen?"
Lily schnaufte.
„Liebesroman. Stolz und Vorurteil ist ein Liebesroman. Das ist.. keine Ahnung was das ist."
„Sie lesen Jane Austen?"
„Ab und zu. Lieber als das zumindest."
„Was noch?"
Sein Interesse war spürbar und sie fühlte ein aufgeregtes Ziehen in ihrem Magen. Sofort versuchte sie sein Interesse herunter zu spielen. Es war seine Nachtschicht, offenbar war ihm derart langweilig, dass er sogar ihre Gesellschaft vorzog als alleine zu sein.
Angestrengt verengte sie die Augen.
„Kommt darauf an.."
„An was?"
Seine Frage schoss sofort und sie genoss seinen Eifer.
Es spielte keine Rolle warum er hier war.
„Stimmung.. Alter. Ich hatte mal eine Tolstoi Phase.. eine Jack London Phase.. Von Harry Potter und Herr der Ringe fange ich gar nicht erst an."
Er nickte nachdenklich und trommelte mit seinen Fingerspitzen auf das Buch. Sie wünschte er würde es auf dem Fenster werfen. Es war paradox, dass sie in ihrem Schmerz so ein Buch las aber da sie es kaum ernst nahm, bewegte es sie nicht wirklich.
„Harry Potter?"
„Harry Potter geht immer."
„Ja?"
„Natürlich. Noch nie gelesen?"
Er schüttelte den Kopf und sie keuchte erschrocken auf.
„Muggel. Und ich dachte immer, Ärzte wären gebildet."
Er lachte laut auf und sie spürte ihren Herzschlag bis in den Hals.
Es war unfassbar wie er mit einer einzigen Geste jeden dunklen Gedanken vertreiben konnte. Diesmal hatte sie nicht einmal die Kraft sich schlecht zu fühlen, es war als ob ihr Unterbewusstsein einfach aufgab und sich mit aller Gewalt an das Licht klammerte, was er darstelle.
Dr. Cullen reichte ihr das abgegriffene Buch und ihre Finger berührten sich für eine Sekunde. Er musste den Schock ebenfalls gespürt haben, denn er zuckte sofort weg und das Buch fiel schwer in ihre Hand. Überrascht sah sie ihn an, doch er hatte sich offenbar so schnell wieder gefangen, dass sein Blick unlesbar war. Lediglich seine Augen verrieten ihn. Sie waren dunkel und hatten nichts mehr von dem sanften Honigton.
