"Ich kann das einfach nicht!"

Frustriert schmiss sie die Krücken in die Ecke. Das Geräusch hallte in dem leeren Raum und Marc, ihr Physiotherapeut seufzte. Er war einer von vielen. Er war der einzige der blieb. Ihre Launen waren schrecklich und sie wusste es. Sie wusste genau wie sehr sie ihre Mitmenschen frustrierte aber sie hatte keine Kraft sich zu verstellen.

Wozu auch?

Sie war alleine auf der Welt, warum sollte sie sich verstellen? Früher oder später würde sie das Krankenhaus verlassen, wer würde sich dann noch melden? Die Krankenschwestern die zu damit beschäftigt waren Dr Cullen schöne Augen zu machen als sich für sie zu interessieren?

Die Therapeuten die sie jedes mal aufs Neue anschwieg? Die Ärzte?

Dr. Cullen?

Der Gedanke an ihn ließ sie zusammen zucken.

Er war der geduldigste von allen, was wohl eher auf die Tatsache zurückzuführen war, dass sie sich bei ihm zurückhielt. Zumindest meistens. Wobei es eigentlich nicht stimmte. Sie hielt sich nicht zurück. Er hatte einfach eine Art die.. Lily konnte es nicht beschreiben. Seine Anwesenheit war nie störend oder zu viel. Seine Worte waren nie bevormundend oder unehrlich.

Er war einfach.. Dr. Cullen.

Anders konnte sie es nicht ausdrücken.

Immerhin blieb ihr die Schande erspart, dass er ihren Wutausbruch miterlebt hatte, wobei sie ziemlich sicher war, dass das Krankenhauspersonal genug über sie sprach.

Offenbar gab es eine genaue Frist in der es akzeptabel war zu trauern und offenbar war diese um. Das Verständnis was sie noch vor kurzem genossen hatte, wurde von Frustration abgelöst. Der Krankenhauspsychiater redete ihr jede Woche aufs Neue ein wie wichtig es wäre sich zu öffnen und sie verschloss sich mit jeder Woche mehr. Die Schwestern ignorierten sie, bis auf ein paar Floskeln und sie bemerkte, wie sie Tag für Tag eigentlich nur auf eines wartete.

Die Visite.

Es war schändlich, schwach und falsch. Lily hasste sich dafür. Sie konnte es sich nicht erklären aber sie war abhängig. Mit einem Blick, einem Wort, einer Geste wischte er ihren Frust einfach weg.

Der Schmerz, die Gedanken, alles war verschwunden. Sicher spürte sie die Trauer noch, aber sie übermannte sie nicht mehr. Es war etwas, was ihr Psychiater nie verstehen würde, wie auch, sie verstand es selbst auch nicht. Aber sie versuchte es auch nicht mehr.

Sie hatte aufgegeben.

Es halt auch nicht, dass er meistens alleine mit ihr im Zimmer war, es half nicht, dass es so verboten gut aussah, seine samtige zarte Stimme half nicht und von seinem Körper wollte sie erst gar nicht anfangen. Und am wenigsten half es, dass er mit zwei Büchern unterm Arm hineinkam. Die Cover konnte sie sofort erkennen. Ihr Atem stockte, diesmal ausnahmsweise nicht von seinem Aussehen. Gut. Nicht nur.

Amüsiert sah er sie an und blieb vor ihrem Bett stehen. Ihre Augen flackerten von seinem Gesicht zu den Büchern unter seinem Arm und sie konnte sich nicht entscheiden welcher Anblick sie mehr erfreute.

"Was ich nicht verstehe, woher wissen die Eulen wo sie hinfliegen müssen?"

Überrascht zog sie eine Braue hoch. Er hatte es gelesen?

"Von allen Dingen ist es das, was Sie nicht verstehen?"

Er zuckte mit einen Schultern, der Stoff des Kittels spannte sich um seinen Körper und sie bewunderte seine gut gebaute Statur.

Sein Grinsen war unwiderstehlich, ein besseres Wort fand sie einfach nicht.

"Sie haben es also doch gelesen."

"Nur die ersten Kapitel. Ich hatte so das Gefühl, dass ich einen kleinen Vorsprung brauchen würde."

Er hielt ihr die Bücher hin und sie streckte erwartungsvoll ihre Hände aus. Sein Gesicht strahlte und sie war sich nicht sicher, wer sich über die ganze Sache mehr freute, sie oder er.

"Weise, sehr weise."

Seit dem sie die Bücher von Dr. Cullen bekommen hatte, schien er sie noch öfter zu besuchen.

Es war schwierig ein Muster aus seiner Anwesenheit zu erkennen, es war fast so, als ob er immer arbeiten würde. Nachts war es am schönsten. Die Station war ruhig, es war nichts los. Keine Schwestern die unterbrachen, keine Anrufe oder Notfälle.

Er zog den Stuhl an ihr Bett und sie würden lesen oder reden.

Das Buch bot genug Gesprächsbasis und Lily war sich nicht sicher, ob er es wirklich nur ihr zu liebe las. Sein Interesse war viel zu intensiv, als dass er es nur spielte. Er stellte fragen, die so spezifisch waren, dass er das Buch tatsächlich lesen musste.

Es wunderte sie nicht, dass er entsetzt über die Darstellung des Bösen darin war. Er war innerlich einfach zu gut um Snape zu verstehen. Sie gestand ihm seine Meinung zu, immerhin wusste er noch nicht alles. Er hatte keine Ahnung was ihn noch alles erwarten würde.

Die Ablenkung war mehr als willkommen und sie bemerkte auch, dass er oft das Buch nutzte um ihr persönliche Fragen zu stellen. Anders wie beim Psychiater oder bei den Schwestern wirkte es nicht aufgesetzt, es wirkte nicht so, dass er nur eine Diagnose erstellen wollte. Er war tatsächlich interessiert daran.

An schlechten Tagen, an denen wo sie Alex nicht aus ihrem Kopf bekam, würden sie nur lesen. Er schien es sofort zu bemerken und jedes mal erwartete sie, dass er einfach umdrehen und gehen würde.

Aber er tat es nie.

Er rückte sich den Stuhl zurecht, suchte das Lesezeichen und las. Lilys Augen ruhten noch ein paar Momente auf dem engelsgleichen Gesicht von ihm und schließlich verzog sie sich auch in die fiktive Welt.

"Warum-"

Ihre Stimme brach ab.

Dr. Cullen riss seinen Kopf hoch und starrte sie an. Die Neugier war leicht zu lesen und Lily schluckte. Seine goldenen Augen blickten sie an mit einem unlesbaren Blick. Eigentlich war er lesbar, aber Lily vertraute ihrem Urteil nicht.

"Warum was?"

Seine Stimme hakte sofort nach. Sie konnte sein Interesse spüren und es verursachte ein aufgeregtes Ziehen in ihrem Magen. Sie musste ihren Blick von ihm abwenden, sonst würde sie gar kein Wort herausbringen. Sie starrte aus dem Fenster, wie immer war der Himmel von Forks in eine dichte Wolkendecke gehüllt.

"Warum sagt jeder, dass es in Ordnung wäre zu trauern wenn es das nicht ist."

"Wie kommen Sie darauf, dass es das nicht ist?"

Lily schnaufte.

"Alle sagen, ich soll meine Gefühle zeigen und sobald ich das mache, sobald ich mich so benehme wie ich mich fühle, flüchtet jeder als hätte ich die Pest."

"Das stimmt nicht."

"Nein? Schwester Mary hat heute 5 Minuten vor meinem Zimmer gewartet bis sie sich reingetraut hat."

"Das hatte nichts mit Ihnen zu tun."

"Achja?"

"Ich war im Zimmer gegenüber und sie ist mir aufgelauert."

Seine Stimme trug etwas angsterfülltes, als ob er von einem Grizzly Bären sprach und nicht von einer 50kg schweren Frau.
Lily lachte auf und beobachtete die feinen Züge von Dr. Cullen, die sich erhellten. Seine Augen funkelten und sie musste sich erneut abwenden. Ihr Herz raste und sie verfluchte es.

Es herrschte kurz Stille, wobei diese nicht unangenehm war. Im Gegenteil. Lily konnte spüren, dass er etwas sagen wollte und in Gedanken seine Worte formte. Noch ein Punkt was ihn unterschied. Er dachte tatsächlich nach bevor er sprach. Eine Eigenschaft die er nicht mit vielen teilte.

"Ich hoffe Sie wissen.. Sicherlich wissen Sie, dass Sie sich vor mir nicht verstellen müssen, Lily."

Seine Lippen die ihren Namen formten war eine neue Art Droge für sie. Es war wie er ihren Namen aussprach, als wäre er aus Porzellan, kostbar, wertvoll.

Über sein Gesicht glitt ein unsicherer Blick doch er wartete nicht auf ihre Antwort.

"Ich kann Ihnen versprechen, dass ich nicht 5 Minuten vor der Zimmertür warte bevor ich eintrete."

Er sah wieder auf das Buch in seinen Händen und sie hatte so das Gefühl, er sagte es eher zu sich selbst als zu ihr.

Es überraschte sie wie schnell er las.

Wie fand er die Zeit dazu?

Er fast immer im Krankenhaus und wenn er nicht hier war, hatte er 5 Teenager zu Hause die auf ihn warteten. Wie machte er das alles? Sicher, seine Schwester wohnte bei ihm und hatte zu Hause vermutlich alles im Griff aber dennoch war es ein Wunder, dass er ohne weiteres mit ihr mithalten konnte. Mehr noch, manchmal erschien es ihr, als ob er schon wesentlich weiter war als sie. Es machte nichts aus, sie kannte die Bücher immerhin auswendig, aber es überraschte sie.

Nicht nur er stellte ihr fragen, mit der Zeit fand sie auch einiges über ihn raus. Sie war sich nicht ganz sicher, ob er einfach nur mehr aus ihr herauslocken wollte und deshalb so offen mit ihr war, aber sie stellte sich nur zu gern vor, dass er es einfach gerne mit ihr teilte.

So erfuhr sie, dass er seine Mutter nie gekannt hatte und sein Vater sehr früh gestorben ist.

Dies hatte zur Folge, dass sie von ihrer Mutter erzählte, die sie verlassen hatte als sie 4 Jahre alt war.

Von ihrem Vater fing sie lieber erst gar nicht an. Sie erzählte ihm, dass sie die letzten zwei Jahre bei Alex gewohnt hatte. Es war seltsam, als sie von Alex erzählte verzog sich sein Gesicht unmerklich und sie fragte sich, ob es ihm unangenehm war. Gleichzeitig dachte sie sich, warum sollte es? Sie war sich sicher, dass er Alex nicht kannte- zumindest nicht persönlich.

Sein Tod konnte ihn also nicht sonderlich getroffen haben. Außerdem bemerkte sie, dass es ihr gut tat über ihn zu reden, was vermutlich auch daran lag, dass Dr. Cullen sie nicht sofort mit einem mitleidigen Blick ansah sobald der Name Alex fiel.

„Wie war er?"

Die Frage traf sie unerwartet, es war das erste Mal, dass Dr. Cullen Interesse an diesem Thema zeigte. Er deutete ihr zögern falsch und setzte entschuldigend nach.

„Sie müssen natürlich nicht darüber reden, wenn Sie nicht wollen."

„Nein- Ist schon in Ordnung."

Er nickte und wartete.

Sie fühlte sich sicher, es war schwer einzuordnen. Aber Dr. Cullen hatte so die Eigenschaft, dass man sich einfach gut fühlte wenn man in seiner Nähe war. Es konnte nicht nur sie treffen, sie hatte bemerkt wie beliebt er war- und das nicht nur weil er so so unfassbar gut aussah. Sie hatte das Gefühl, dass egal was sie ihm sagen würde, er sie nicht verurteilen würde.

Sie legte ihren Kopf schief. Wie konnte sie Alex einer Person beschreiben, die ihn nicht kannte?

„Alex.. sah es als seine Aufgabe sich um jeden zu kümmern. Egal bei wem, er versuchte immer, dass man sich besser fühlte. Er war der Typ Mensch, der selbst auf einer Beerdigung einen Witz machen würde, nur damit man nicht mehr so traurig war."

Sie fühlte ihre Augen feucht werden und zum ersten Mal seit Monaten waren es keine Tränen der Verzweiflung. Sie erinnerte sich an einen Menschen, der es einfach nicht verdient hatte zu sterben.

„Er wollte immer das Gute in allem sehen, er war unfassbar positiv. Ich habe es gehasst."

Sie lachte auf und sah, wie sich die roten Lippen von dem blonden Engel gegenüber zu einem leichten Lächeln verzogen. Seine Augen waren jedoch traurig und Lily hasste es. Sie wollte nicht, dass er traurig war, es war einfach falsch.

„Sein Musikgeschmack war eine Katastrophe. Eine absolute Katastrophe. Zum Glück haben sie keines seiner Lieblingslieder auf der
Beerdigung gespielt, die Leute wären hinaus gerannt."

Nun lachte er auf und Lily spürte ihre Herz welches aussetzte. Es war ein himmlischer Klang, viel zu schön als von ihr gehört zu werden.

„Er war .. er war einfach da. Er war da wenn man ihn brauchte, er war da .. wenn kein anderer es war. Er war einfach.. da. Ich weiß es klingt-"

„Nein, ich verstehe schon."

Lily nickte schnell. Sie hatte befürchtet sie würde lächerlich klingen aber Dr. Cullens Gesicht war ernst. Er verstand sie.

„Jetzt wo er weg ist.."

Ihre Stimme brach zum ersten Mal ab und Lily schluckte. Es war ein schrecklicher Gedanke, einer den sie tief in sich vergraben hatte und aus einem ihr unbekannten Grund, begehrte er auf. Dr. Cullen wartete geduldig und sah sie offen an.

„Jetzt wo er weg ist, fühle ich mich.. alleine."

Sofort verzog er das Gesicht.

„Das stimmt nicht, Sie sind nicht alleine."

Lily grinste schief. Er wusste was sie meinte und sie wusste was er meinte. Es waren zwei unterschiedliche Dinge, die nur die Bezeichnung teilten. Sein Gesicht wurde ernst und er lehnte sich leicht nach vorne. Sofort reagierte ihr Körper. Ihr Herzschlag schnellte in die Höhe und sie spürte ihre Handflächen feucht werden.

Was war bloß mit ihr los?

„Lily, Sie sind nicht alleine. Keine Sekunde."

Die Stimmung war zu ernst für sie, zu schwer. Sie sehnte sich zurück zu den lockeren Diskussionen über Animagi und Harry unnötige Sehschwäche.

„Wirklich. Es gibt so viele denen Sie etwas bedeuten."

Seine Stimme hatte etwas flehentliches, als wäre seine größte Angst, dass sie ihm nicht glauben würde.

„Scheinen nicht gerade Schlange zu stehen."

Sarkasmus tropfte aus ihren Worten und er lehnte sich wieder zurück. Er starrte auf seine Hände und diesmal war es an ihr, geduldig zu warten. Nicht gerade ihre Stärke.

„Ich bin hier."

„Bis Weihnachten."

Es war unmissverständlich auf was sie anspielte. Er war ihr Arzt und sobald sie fit genug sein würde, wäre sie nicht mehr sein Patient. Es gäbe keinen Grund mehr für ihn mit ihr Kontakt zu haben. Ein Gedanke der sie wortwörtlich plagte und den sie immer wieder vor sich selbst versteckte. Er löste einen Schmerz auf, den sie gerade dabei war zu verarbeiten und sie war definitiv nicht bereit dafür.

Seine goldenen Augen suchten ziellos das Zimmer ab bis er schließlich die Schultern zuckte.

„Ich glaube nicht, dass wir alle sieben Bücher bis Weihnachten schaffen."

Was er implizierte war eindeutig und Lily musste schlucken. Sie wurde nervös. War es das was sie dachte? Sah er sie als mehr als nur einen Patienten, als jemanden um den er sich während seiner Arbeitszeit kümmern musste? Der Schock saß tief und die Stille dehnte sich aus, er wurde unruhig und sie konnte spüren, dass er es zurücknehmen wollte.

„Bei der Geschwindigkeit wie Sie lesen, sind Sie in zwei Wochen mit allem schon durch."

Sie versuchte das Thema wieder aufzulockern, konnte aber das strahlende Lächeln von ihren Lippen nicht fernhalten.

Es war das erste.

Zumindest das erste, was wirklich von Herzen kam und er erwiderte es sofort.

Für einen Bruchteil der Sekunde dachte sie, dass er und Alex gar nicht so verschieden waren. Beide hatten offensichtlich das Herz am rechten Fleck, waren gutartig und mitfühlend. Sie hatte nicht da Gefühl, dass Carlisle sie anlügen würde. Sie glaubte ihm und das war nicht selbstverständlich. Lily wurd ein ihrem Leben derart oft belogen, dass es nicht mehr in ihrer Natur lag etwas zu glauben. Dass sie ihm vertraute war.. war eine große Sache.

Eine sehr große Sache.

Seine Worte und das darunterliegende Versprechen schwirrten noch lange nach ihrem Gespräch in ihrem Kopf herum. Sie hatten etwas ausgelöst, was sich Lily erfolgreich verwehrt hatte. Hoffnung. Sie hatte Hoffnung. Zum ersten Mal seit dem Unfall hatte sie das Gefühl, dass vielleicht doch, irgendwie, irgendwann alles gut werden würde.

Wie sehr sie sich irren sollte.