Es war als ob sie mit der Hoffnung, nicht alleine da zustehen, die Kraft hatte und ihren Körper dazu motivieren konnte, sich zusammenzureißen und diese bescheuerte Physiotherapie abzuschließen.

Vielleicht war es auch einfach ihr Abneigung gegen Rollstühle und die damit verbundenen Blicke die auf ihr lasteten. Nicht, dass mit einer Krücke die Blicke besser wären, aber sie gab ihr immerhin das Gefühl nicht ganz abhängig zu sein. Sein Gesicht strahlte, als er ihr verkündete, dass sie voraussichtlich vor Oktober noch das Krankenhaus verlassen konnte.

Wenn sie es nicht besser wüsste, war es so als ob er sich noch mehr darüber freute als sie. Als wäre da eine unsichtbare Frist an die er sich halten musste, als ob mit ihrem Verlassen den Krankenhauses alles anders wäre. Aber vermutlich bildete sie sich wie immer zu viel ein. Was nicht all zu schwer war, blickte man auf die Vergangenheit zwischen ihnen zurück.

Als es im späten August an der Tür klopfte und eine elfengleiche Person ihren Kurzhaarschnittkopf hineinsteckte, war Lily weniger überrascht als sie es sein sollte. Die Elfe hatte kurzes Haar, große kindliche Augen und absolut makellose Züge. Sie war relativ klein, strahlte jedoch soviel Energie aus, dass Lily nicht umher kam als sich davon mitreißen zu lassen.

„Du bist Lily, nicht wahr?"

Ihre Stimme klang wie kleine Glöckchen, hell und freundlich, perfekt im Ton. Lily konnte nur nicken und die Fee klatschte verzückt in die Hände. Sie raste mit ausgebreiteten Armen an ihr Bett und blieb kurz davor abrupt stehen- als ob sie sich an etwas erinnerte. Ihr Lächeln verfiel nur für eine Sekunde bis es wieder auf ihren perfekten Zügen auftauchte. Sofort nahm sie die Hände runter und sah sie glücklich an.

„Carlisle hat mir gesagt, ich soll dir das vorbei bringen. Er ist auf einem Kongress in Seattle."

Bevor Lily den Mund aufmachen konnte unterbrach sie die Elfe. Ihr Herz raste als die den Namen hörte.

„Er kommt am Montag wieder, keine Sorge."

Sie streckte ihr das Buch was unverkennbar nach Feuerkelch aussah hin.

„Außerdem richtet er aus, dass er nicht fassen kann, dass Ron Harry einfach so im Stich lässt."

Sie zitierte Dr. Cullen perfekt und ahmte sogar seinen kaum merkbaren Akzent nach. Lily riss ihre Augen kurz von der Elfe los und starrte auf das Buch in ihren Händen. Schließlich fand sie ihre Stimme wieder und murmelte leicht beschämt.

„Danke."

Wenn er schon beim Streit zwischen Harry und Ron war, musste sie einiges aufholen.

„Außerdem hat er mich versprechen lassen, dass ich mich um dich kümmere während er weg ist. Ich bin Alice übrigens."

Lilys Augen schnellten nach oben. Warum hat Dr. Cullen eine seiner Töchter auf sie angesetzt?

„Dr. Cullen hat über mich gesprochen?"

Ihre Stimme klang rau und unförmig im Vergleich zu dem Glockenklang von Alice. Diese verzog belustigt das Gesicht.

„Natürlich. Tatsächlich so viel, dass es schon etwas nervtötend war."

Sofort meldete sich wieder ihr Herz. Es schlug wild um sich und Lily versuchte sich zu beruhigen.

Er sprach von ihr.

Viel.

Dr. Cullen hatte seiner Familie von ihr erzählt und sie damit sogar genervt.

Alice lachte und es klang klar und fröhlich. Als würde sie sich über etwas köstlich amüsieren.

„Danke, das ist sehr nett von dir. Aber ich denke nicht, dass-"

„Ach, das hätte ich fast vergessen."

Alice unterbrach sie ungeniert und zog aus ihrer Tasche eine kleine Schachtel heraus.

„Carlisle sagte, dass dein Handy nicht funktionierte."

Sie lag Lily die Schachtel auf ihren Schoß und Lily starrte das Apple Logo schockiert an. Dass ihr Handy nicht funktionierte war eine Lüge, Dr. Cullen wusste das. Warum also log er?

„Das kann ich unmöglich anne-"

Erneut unterbrach Alice sie, aber sie tat es mit so viel Charme, dass es Lily nicht einmal störte.

„Mach dir keine Gedanken, es ist das alte von meinem Bruder. Er braucht es nicht! Außerdem hab ich meine und Carlisle Telefonnummer darin gespeichert. Also wenn du etwas brauchst, schreib einfach!"

Stolz deutete sie erneut auf die Schachtel und Lily konnte nicht anders als sie anzunehmen. Alice verströmte soviel positive Engerie, dass es unmöglich war sich schlecht zu fühlen.

„Danke, das ist wirklich sehr nett von euch."

„Keine Ursache."

Sie wollte gerade etwas sagen als sich ihr Gesicht schlagartig verzog.

„Nagut, ich muss leider wieder los. War nett dich kennen zu lernen, wir sehen uns sicher bald wieder!"

So schnell wie sie aufgetaucht war verschwand sie wieder.

Kurz nachdem sie raus ging, kam eine Schwester her und bereitete sie für eine Blutabnahme vor. Lily spürte den Schmerz gar nicht, ihre Gedanken waren noch immer bei dieser äußerst seltsamen Begegnung.

Ihre Augen waren auf den Karton fixiert und ihr Stolz wollte ihn ungeöffnet in die Schublade stecken um ihn dann wieder Dr. Cullen zurückzugeben. Sie konnte unmöglich die Gutmütigkeit der Cullens ausnutzen. Was würde er von ihr denken? Dass sie sich kein neues Telefon leisten konnte und sich deshalb eines erschnorrte?

Auf einmal hörte sie das unmissverständliche Vibrieren.

Die Schwester sah auf.

„Möchtest du nicht nachsehen?"

Lily schluckte. Vielleicht war es auch ein Freund vo n Alice Bruder der nicht mitbekommen hatte, dass er ein neues Handy hatte. Vielleicht war es wichtig. Schließlich öffnete sie die Box und ein makelloses Iphone fiel heraus.

Entweder passte der Sohn von Dr. Cullen besser als jeder Jugendlicher auf der Welt auf sein Hand auf, oder es war neu. Es wies keinen einzigen Kratzer auf. Die Schwester war fertig und warf ihr noch einen seltsamen Blick zu. Lily wusste, dass sie sich vermutlich gerade für einen Außenstehenden äußerst komisch benahm. Schließlich packte sie ihren Mut zusammen und entsperrte es. Sofort klappte die Nachricht auf und Lily zog scharf einen Atemzug sein.

Ich hoffe Alice hat dich nicht zu lange aufgehalten. Carlisle.

Ihr Herz setzte aus. Ihr Herz setzte tatsächlich aus. Wäre sie am Monitor noch angeschlossen gewesen, würde der Alarm ertönen. Dessen war sie sich sicher. Ein Strudel aus Gefühlen breitete sich in ihrem Magen aus und sie war froh, dass sie keine Zeugen ihres entsetzten Gesichtsausdruckes hatte.

Mit zittrigen Händen nahm sie das Handy in die Hand und bemerkte, dass es voll aufgeladen war. Offenbar hatte Alice an alles gedacht.
Sie überlegte kurz was sie tippen sollte. Sie musste antworten, es wäre schrecklich unhöflich das nicht zu tun und sie wollte ihn keinesfalls vor den Kopf stoßen. Aber sie wollte auch nicht eine Hoffnung erschaffen, wo keine war.

Schließlich atmete sie tief durch und fing an zu tippen. Es war seltsam wie ungewohnt es sich anfühlte, war sie doch früher ständig am Handy.

Ist ja nicht so, dass ich viel zu tun hätte. Danke für das Handy und das Buch, Dr. Cullen.

Sie tippte auf Senden und hätte es am liebsten weggeworfen. Versteckt vor der Welt und vor allem vor sich. Er würde nicht mehr antworten, dessen war sie sich sicher. Er war gerade in Seattle, vermutlich mitten in einer Sitzung. Die Leute würden sich um ihn scharen um zumindest sein Äußeres zu bewundern, nur um dann festzustellen, dass sein Innerstes noch atemberaubender war. Doch sie lag falsch. Nur wenige Sekunden nach ihrer Nachricht, vibrierte es erneut.

Vielleicht war es Alice?

Keine Ursache. Nicht viel zu tun? Was ist mit den 9 Kapiteln Rückstand? Carlisle.

Lily musste lachen. Er hatte Recht, wenn sie das Buch nicht bereits auswendig kennen würde, hätte sie jetzt einen ziemlichen Stress das alles aufzuholen. Ausserdem fiel ihr auf, dass er über ihre förmliche Anrede einfach hinweg ging.

Sie biss sich auf ihre Unterlippe. Der Kontakt löste zwar nicht ganz das Gefühl seiner Anwesenheit ab, aber es war doch.. mächtig. Sie fühlte sich schlagartig besser.

Sie vergessen, dass ich die Bücher bereits kenne und somit jederzeit Spoilern kann. Außerdem sitze ich nicht bis Sonntag in Seattle fest und habe genug Zeit zu lesen.

Wieder brauchte es nur Sekunden bis eine Antwort kam und Lily schüttelte den Kopf. Vielleicht hatte er gerade Pause oder vielleicht versteckte er sich vor einer Schar Frauen. Das zweitere war fast noch wahrscheinlicher.

DU vergisst, dass wir nicht im Krankenhaus sind. Und, dass der Kongress furchtbar langweilig ist.

Ihr Herz stotterte. Fassungslos starrte sie auf das Display. Meinte er das tatsächlich ernst. Ihre Gedanken überschlugen sich. Vielleicht träumte sie. Vielleicht hatte sie eine Blutvergiftung und lag im Koma. Es gab keine andere Erklärung.
Noch immer starrte sie auf die Wörter vor sich.

Sie musste antworten. Es blieb ihr keine andere Wahl.

Das harte Leben eines erfolgreichen Arztes. Wie tragisch. Muss zu einem bezahlten Kongress mit 5 Sterne Hotel. Wo bleibt Amnesty International?

Sarkasmus. Ihre Flucht, ihre Lebensader.

4 Sterne.

Kam die trockene Antwort und Lily lachte erneut auf. Selbst wenn er nicht hier war, konnte er ihre Gedanken mühelos von dem tiefen Loch der Trauer weg lenken.

Sie antwortete nicht mehr, sie wollte es nicht herausfordern. Was wenn er sich langweilte oder es bereuen würde ihr seine Nummer gegeben zu haben. Und das Telefon dazu. Sie musste den Kopf schütteln.

Was passierte hier?

Die Anzahl der Nachrichten konnte sie nicht mehr zählen und sie wollte es auch gar nicht. Fakt war, dass er stets den ersten Schritt machte. Fakt war, dass er sich für sie interessierte. Fakt war, dass sie absolut von ihm verzaubert war und nichts dagegen tun konnte. Nicht einmal das schlechte Gewissen hielt sie auf. Konnte man zwei Menschen gleichzeitig lieben?

Liebte sie Carlisle?

Es war nicht das erste mal, dass sie in ihren Gedanken seinen Vornamen verwendete aber es änderte auch nichts an der Wirkung die dieser auf sie hatte. Ihr Herz sprang und ihr Magen zog sich freudig zusammen. Aber trotzdem konnte sie das Gefühl kaum identifizieren. Sie wagte es auch nicht, es war zu mächtig als, dass sie darüber nachdenken wollte was es genau war.

Als er wieder hier war, kehrte die Routine wieder ein. Sie besprachen das Buch und er erwähnte sogar mehr als einmal, dass er Herr der Ringe zwar kannte aber nie alle Teile gelesen hatte. Lily keuchte gespielt schockiert auf und hielt ihre Hand übers Herz. Er lächelte sie glücklich an und sie schmolz dahin.

Es hatte nicht lange gebraucht, bis sein Charme sie eingewickelt hatte.

Aber mit dem Kontakt kamen auch andere Dinge. Dinge die ihr früher nie aufgefallen waren aber jetzt so herausstanden, dass sie sich wunderte wie sie es nie bemerkt haben konnte.

Da war seine eiskalte Haut die sie sich nicht erklären konnte. Egal wie warm es war, selbst im Hochsommer als Forks von einer Hitzewelle geplagt wurde, waren seine Finger wie Eiszapfen.

Hinzu kam, dass sie ihn noch nie essen gesehen hatte. Zunächst dachte sie sich, dass er vielleicht in einem Büro aß, aber die Fragen der Schwestern und Kollegen nach seiner Gesellschaft wurde zu jeglicher Uhrzeit abgeblockt. Sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht aber in letzter Zeit erschien es ihr einfach seltsam. Hinzu kam, dass er immer gleich unwiderstehlich aussah. Es war immer die gleiche blasse Haut, die makellosen Züge, der perfekte Knochenbau, die lavendelfarbenen Augenringe, die blonden leicht gewellten Haare, das glattrasierte Kinn und die perlweißen Zähne. Er sah immer, egal zu welcher Uhrzeit, aus als wäre er direkt aus einem Modelkatalog entsprungen. Nur seine Augen bildeten die Ausnahme.

Von gelb, gold, okker, bis hin zu kohlschwarz konnte man je nach.. nach was? Lily überlegte. An was lag die Farbveränderung und wie war sie möglich? Es konnte unmöglich das Licht sein. Aber was war es dann?

Seine Berührungen, eiskalt und doch so anziehend. Seine Fingerspitzen lösten etwas in ihr aus, was sie nicht benennen konnte- sie wusste nur: sie wollte mehr. Aber das war es gar nicht, was sie so beschäftigte. Das wusste sie immerhin schon seit Monaten. Aber erst jetzt viel ihr seine Reaktion auf. Sein Zögern. Manchmal wich er von ihr, als wäre sie brennend heiß und manchmal schien es, als ob er nicht seine Finger von ihrer Haut nehmen konnte.

Es fing schleichend an.

Lily fragte sich wie den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen konnte, warum ihr nie vorher etwas aufgefallen war. Vielleicht hatte sie es ignoriert. Vielleicht reichten die lahmen Ausreden für sie aus, aber warum reichten sie jetzt nicht mehr?

Womöglich war es ihr Interesse, was sie misstrauisch werden ließ. Womöglich war sie so von Trauer verschlungen gewesen, dass sie keinen Gedanken daran verschwendet hatte.

Aber irgendetwas stimmte nicht.

Es stimmte tatsächlich etwas nicht, aber es war nicht das mit dem sie gerechnet hatte.

Er hatte ihr davon erzählt, dass Alice eine Geburtstagsfeier für Bella, die Freundin von Edward, geplant hatte.

Es ging so weit, dass ihr Alice schrieb, sie würde ihr auf jeden Fall einen Stück Kuchen aufheben, als wäre Lily irgendwie involviert. Gerührt bedankte sie sich bei ihr, aber verstanden hatte sie es nicht. Schmunzelnd gab er zu, dass Bella Überraschungen hasste und er Alice dazu überreden konnte, sie zumindest ein paar Stunden vorher Vorzuwarnen. Die Stimmung war locker und leicht, er sprach ebenfalls von dem Kuchen und, dass er es schade fand, dass sie erst nächste Woche entlassen werden konnte.

Sie fragte sich im Stillen, ob er sie eingeladen hätte aber verwarf es so gleich. Sicherlich meinte er etwas anderes. Er sprach mit soviel Hingabe von seiner Familie, dass es ihr Herz erwärmte und unweigerlich fragte sie sich, ob er von ihr in einem zumindest ähnlichen Ton sprach. Er hatte ihr von Emmett erzählt, dem Elefanten im Porzellanladen und die Anekdote, dass er tatsächlich einmal in einem chinesischen Porzellanladen etwas ruiniert hatte. Und Rosalie, die zwar eine harte Nuss war aber das Herz am rechten Fleck hatte wenn man sich die Mühe machte es zu finden. Jasper, der ständig an sich arbeitete und Alice. Alice war ein eigenes Thema, denn sie war die einzige die sie kannte. Ihm rutschte heraus, dass die anderen sie auch kennen lernen wollen und Lilys Herz blieb stehen.

Vor allem Esme.

Seine Schwester. Sie war das Herz der Familie, hatte er gesagt und seine Augen leuchteten leicht auf. Lily fühlte sich fast so, als ob sie dazu gehören würde. Ein Gefühl welches so fremd für sie war, dass sie es erst gar nicht erkannte. Aber das Sprichwort stimmte, Hochmut kommt vor dem Fall. Und ihr Fall war schmerzvoller als alles, was sie sich vorstellen konnte.

Es fing damit an, dass er sie mied. Er schrieb ihr nicht mehr und auf einmal machte Dr. Snow die letzte Visite. Sie suchte nach Ausreden, ihre Gedanken kreisten verzweifelt und suchten nach Gründen die sein Verhalten rechtfertigten.

Vielleicht war er gestresst, vielleicht gab es ein Problem in der Familie. Sie wehrte sich mit aller Macht gegen die Vorstellung, dass genau das eingetreten war, was sie immer befürchtet hatte. Sie war sein Patient und er ihr Arzt. Nun war sie geheilt, zumindest soweit, dass sie ihn nicht mehr brauchte.

Schließlich packte sie so gut sie konnte ihre Sachen zusammen und bemerkte wie ihre Hände zitterten. Wenige Tage zuvor hatte sie überlegt, ob sie Alice fragen sollte ob sie ein paar Tage bei ihr schlafen konnte. Eine sehr persönliche Frage, aber Lily war derart verzaubert, dass sie es gewagt hätte. Aber was sollte sie nun tun?

Die Tür öffnete sich und als hätte sie einen sechsten Sinn konnte sie seine Anwesenheit sofort spüren. Sie drehte sich um starrte ihn an.
Er wirkte noch müder als sonst und aus seinen Augen war jegliches Strahlen verschwunden.

Er starrte sie an und riss erst nach ein paar Sekunden seine Augen von ihr los. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie klammerte sich noch immer an die Hoffnung eine Erklärung zu bekommen, einen Grund. Dass nun alles gut war aber nicht einmal ihre Naivität ließ sich darauf ein.

„Letzter Tag mh?"

Seine Stimme klang monoton und fremd, sie erkannte sie kaum wieder.

War es das? War es weil sie entlassen wurde?

Sie nickte und sah wieder auf ihren Rucksack. Viele Dinge hatte sie nicht. Kleidung, die Alex Eltern mitgebracht hatten und die Bücher von Carlisle.

„Ich wollte mich verabschieden."

Lily blickte auf und sah ihn fragend an. Erneut lenkte er seinen Blick weg und verzog das Gesicht.

„Ich habe eine neue Stelle in Boston angeboten bekommen, wir werden morgen abreisen."

Der Schmerz den sie durchzog hatte keine Probleme mit dem vom Unfall mitzuhalten, nur war er anders. Er erfasste sie bei vollem Bewusstsein und sie bezweifelte, dass es ein Schmerzmittel gab was ihn stoppen konnte.

Seine Worte brauchten etwas um die volle Wirkung zu entfalten und auf einmal kam sie sich unfassbar dumm vor. Sie kam sich vor wie der dümmste Mensch der Welt.

Wie konnte sie nur glauben, dass jemand wie er auch nur irgendein Interesse an jemanden wie sie hätte. Wie konnte sie erwarten, dass er sich um sie kümmerte. Dass jemand, dessen Kleidung mehr Wert war als alles was sie besaß, auch nur an sie dachte. Wie konnte sie so dumm sein. Lily konnte ihn nicht mehr ansehen, sein Anblick war unerträglich und würde sie nicht so unter Schock stehen, hätte sie vermutlich manisch gelacht. Seine Worte, die Bücher, das Handy.

Es war alles nur eine Masche, eine Masche um sie bei Laune zu halten solange sie in seiner Obhut war. Lilys Augen füllten sich mit Tränen und sie hielt den Atem an. Sie würde nicht vor ihm weinen. Egal was war. Sie konnte ihm nicht zeigen, dass sie tatsächlich alles geglaubt hatte was er gesagt hatte. Es brauchte einige Momente bis sie ihrer Stimme wieder traute.

„Ich verstehe."

Mehr brachte sie nicht heraus und es war ehrlich. Sie verstand. Sie konnte es absolut nachvollziehen. Warum sollte er auch bleiben wenn er so ein Angebot bekam?

Er hatte keinen Grund. Sie war kein Grund, sie war nie ein Grund gewesen. Das tragischste an der Sache war, dass wenn er sie fragen würde, sie sofort mitgehen würde. Es wäre ihr egal wohin. Sie würde mitgehen, ohne zu Fragen. Aber das tat er nicht und sie würde sich nicht so erniedrigen und zu betteln. Er wartete noch einige Momente und Lily fragte sich, was er von ihr hören wollte. Aber vermutlich war es ihm einfach nur unangenehm.

Er atmete auf und Lily erstarrte.

„Die Bücher und das Handy können Sie natürlich behalten, es würde mich sehr freuen von Ihnen und Ihrer Genesung zu hören."

Den letzten Satz sprach er derart leise aus, als wäre es ihm verboten worden es zu sagen. Als wäre es ein geheimer Tipp für sie. Lily spürte den Klos in ihrem Hals und war heilfroh nicht and er Maschine angeschlossen zu sein.

Sie wollte nicht wissen wie ein gebrochenes Herz klang.

Das zweite Mal in einem einzigen Jahr.

Wieder nickte sie obwohl sie genau wusste, dass sie beides hier lassen würde. Sie konnte nicht eine Erinnerung mit sich mit schleppen. Sie konnte nicht vor dem Handy warten, sie konnte nicht in die Zeilen starren und an sein Entsetzen denken als Sirius Black gestorben ist. Sie konnte nicht, es würde sie zerstören.

Als ob von ihr noch soviel über war zum zerstören, dachte sie sich zynisch. Er verließ zögerlich den Raum und Lily drehte sich nicht um. Erneut fragte sie sich, warum sie darauf reingefallen war. Warum hatte sich nicht ihr Instinkt gemeldet? Wie um alles in der Welt hatte sie gedacht, dass er sie gern hatte. Vorsichtig zog sie die Bücherbände aus ihrer Tasche und legte sie auf den kleinen Beistelltisch neben ihrem Bett. Sie würde höchstwahrscheinlich zu Fuss gehen müssen und ihr Bein wäre für jegliches Gewicht weniger dankbar- als hätte sie es nicht trotzdem geschleppt für ihn.

Sie hielt das Handy noch einige Sekunden in der Hand und starrte es an. Vielleicht hoffte sie, dass sie eine Nachricht bekommen würde, in der stand, dass alles nur ein Scherz war. Vielleicht wollte sie sich auch nicht trennen. Schlussendlich legte sie es auf den Bücherstoß. Sie wollte kein Ballast sein, für niemanden und am aller wenigsten für ihn.

Sie hatte in einem Jahr Alex verloren und ihn, wobei der Unterschied war, dass sie Carlisle niemals hatte.

Er wurde ihr auch nicht von einer üblen Fügung des Schicksals entrissen.

Er ging einfach.

Und das war noch viel schmerzvoller.