Carlisle
Der Kongress in Seattle hatte ihn beschäftigt seit dem er wusste, dass er teilnehmen musste. Musste war die falsche Bezeichnung, aber es wäre sehr schwer eine Ausrede zu finden. Es war weniger die Angst um Lily, er wusste, dass sie in guten Händen war und Alice, Rosalie und Emmett versprachen ihm hoch und heilig, dass sie auf sie aufpassen würden. Jasper hielt sich dem Krankenhaus so gut er konnte fern, als wäre der Geruch nicht schlimm genug so waren die Emotionen die sich darin befanden unerträglich für ihn.
Nein, er sorgte sich nicht zwingend um Lily.
Er sorgte sich um sich selbst.
Er tat sich schon schwer nach einer Schicht nach Hause zu fahren, was sollte er tun wenn er mehrere Tage hintereinander in einer anderen Stadt war?
Ihr Duft, ihre Stimme, ihr Herzschlag, ihre Augen, alles an ihr zog ihn an wie die Motte ans Licht und hinterließen in seinem Innersten eine Abhängigkeit die er nicht bekämpfen konnte oder wollte.
Selbst in den Nachtschichten schlich er sich so oft er konnte in ihr Zimmer und beobachtete fasziniert dieses Wesen, an dessen Existenz er nicht mehr geglaubt hatte.
Es war immer dasselbe.
Er würde mit sich selbst ringen und schließlich nachgeben. Meist bröckelte seine Fassade dann, wenn er hörte wie sie seinen Namen im Schlaf flüsterte. Carlisle würde alles dafür tun um zu wissen, was sie träumte.
Ob es ein guter oder ein böser Traum war. Aber sie roch nicht nach Angst, im Gegenteil.
Carlisle wollte gar nicht darüber nachdenken nach was sie roch, zu verlockend waren die Aussichten.
Schließlich würde er seinem Drang nachgeben und ihre Hand berühren.
Der Effekt trat sofort ein. Seine Finger kribbelten und ein Gefühl breitete sich langsam bis in seine Zehenspitzen aus. Es war eine Art Brennen, aber nicht unangenehm.
Im Gegenteil.
Es war unbeschreiblich.
Carlisle schloss seine Augen um sich noch mehr auf das Gefühl konzentrieren zu können.
Es war ein spärlicher Moment den er ausnutzen musste, nie würde er es wagen sie mitten am Tag so zu berühren und selbst jetzt plagte ihn ein schlechtes Gewissen, dass er ihre Privatsphäre so missbrauchte. Aber ihr Körper war wie ein Magnet, er brauchte sich nicht einmal bemühen sie anzugreifen. Seine Hände fanden von selbst den Weg zu ihrer Haut.
Jedes Mal aufs Neue fragte sich, ob es das war, das Rosalie bei Emmett und Jasper bei Alice empfand. War es diese Magie, dieser Bund, diese Anziehung gegen sie selbst machtlos waren, die niemand erklären konnte? Und wie wirkte es auf Menschen? Fühlten sie dasselbe?
Sicher konnte er jedesmal ihren Herzschlag hören wenn er in der Nähe war, wenn er sie ansah oder lächelte.
Hätte er noch sein Herz, würde es jedes mal den selben Ton von sich geben, dessen war er sich sicher. Aber was war mit den Gefühlen die damit verbunden sind? Diese auffressende Liebe die ihn in der Sekunde durchzog, als er sie zum ersten Mal sah- oder zum ersten Mal roch. Er wusste, dass Bellas Blut für Edward unwiderstehlich roch und es ihn alles kostete sie nicht zu töten und es stimmte, er hatte zu beginn ähnliche Gedanken. Sie verschwanden jedoch zu seinem Glück so schnell und wurden von etwas viel mächtigeren abgelöst. Die Begierde nach ihr, ihrem Körper, ihrem Geist.
Alles an ihr. Carlisle war sich sicher, dass er sie nicht verletzen konnte, würde ihr Blut noch so gut riechen und sein Hunger noch so groß. Allein der Gedanke schien absurd zu sein. Das Monster in ihm regte sich und wehrte sich aber schlussendlich ging es nicht um ihr Blut.
Nicht mehr.
Aber was dachte sie?
Es gab nur wenige Meilensteine in der Existenz eines Vampires, da war die Verwandlung. Sie überdeckte das menschliche Leben und schien die Erinnerungen daran zu verschleiern, sie veränderte alles. Und dann war es die Liebe. Er hatte gesehen was Emmett mit Rosalie gemacht hatte, sein unfehlbares Gedächtnis erinnerte den Abend als sie mit dem blutüberströmten Jungen in ihren Armen hineingestürmt war und ihn angefleht hatte ihn zu retten.
Es waren mehr Emotionen als er je in Rosalie gesehen hatte.
Sie war verzweifelt. Sogar Edward war schockiert.
Sie flüchtete sofort, aus Angst die Kontrolle zu verlieren und als sie wieder kam und sie sich das erste mal sahen, war die Magie so greifbar, dass es Carlisle selbst überraschte. Jasper, ein Soldat der Jahrzehnte mit Töten verbracht hatte, veränderte sich in der Sekunde als Alice ihn gefunden hatte. Sofort legte er sein altes Leben an und vertraute ihr blind.
Er hinterfragte sie niemals und versuchte alles in seiner Macht um ihrem Vertrauen gerecht zu werden. War es bei ihm auch so? Hatte er sich auch verändert? Würde sich Lily verändern?
Menschen waren filigran, alleine die Krankheiten die sie bekommen konnten, waren unzählbar. Ihre Gefühle änderten sich, ihre Interessen sprangen mit jeder Lebensphase um und Carlisle kam nicht umhin als sich zu fragen, ob er in ihrem Leben genau so eine Konstante war wie sie in seinem.
Oder würde sie irgendwann das Interesse verlieren? Damit das überhaupt passieren konnte, musste er jedoch etwas aufbauen.
Aber wie?
Da kam Alice mit einer Idee und es brauchte ein paar Tage bis sich Carlisle damit anfreunden konnte.
Ungeduldig saß er in der großen Halle und versuchte dem Vortragenden so gut wie möglich zu zuhören aber seine Gedanken waren einige Kilometer weiter weg.
Wann würde Alice ihr das Handy geben, hatte sie ihr es schon gegeben?
Was wenn sie dachte, dass er zu weit gehen würde?
Was wenn sie ihm nicht schreiben würde?
Immer wieder wurden ihm Blicke von weiblichen Kolleginnen zugeworfen, bereits kurz nach seinem Eintreffen bekam er bereits mehrere eindeutig zweideutige Angebote die er höflich aber bestimmt ablehnte. Nicht nur, dass er sie immer schon abgelehnt hatte, hinzu kam noch, dass jede andere Frau, ob Mensch oder Vampir nicht mal annähernd Lily das Wasser reichen konnte. Ihr Duft war süßer als jede Blume und jede Frucht die er kannte, ihre Augen waren blauer als jeder Ozean den er sah und ihr Lächeln ließ sein versteinertes Herz wieder schlagen. Wie sollte jemand damit mithalten können? Sie war seine Schwerkraft, sie war Alles.
Und er wusste, dass sich das niemals ändern würde.
Niemals.
Immer wieder holte er sein Handy heraus und starrte es miesmutig an. Als würde er eine Nachricht verpassen, als würde sein übernatürliches Gehör nicht jede noch so kleine Vibration von dem Teil wahrnehmen.
Er atmete tief ein, mehr als Gewohnheit als aus Not und sah wieder nach vorne. Er ignorierte die Blicke so gut er konnte aber langsam fingen sie an ihn zu stören. Dabei konnten sie nichts dafür, es war weniger der Blick sondern die Tatsache, dass er von der falschen Person kam.
Was würde er dafür geben, wenn er jetzt im Krankenhaus wäre, bei ihr. Ihr Herzschlag, der Duft ihres Blutes, ihrer Haare, ihrer Haut umgaben ihn wie ein Wiegelied... auf einmal vibrierte sein Handy und er schrak tatsächlich unmerklich zusammen.
Erwartungsvoll und so diskret er konnte öffnete er die Nachricht und seufzte innerlich enttäuscht, als er sah von wem sie war. Alice.
Schreib ihr. Jetzt sofort.
Er zog eine Braue hoch. Zweifelsfrei hatte sie etwas gesehen was ihr nicht gepasst hat.
Was soll ich ihr schreiben?
Er musste vorsichtig sein, keinesfalls wollte er sie vergraulen. Er wartete wenige Sekunden als die Antwort kam
Egal. Aber machs schnell.
Danke, Alice. Sehr hilfreich, dachte er sich. Erneut atmete er tief ein und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Schließlich huschten seine Finger über den Display und er tippte das erst beste was ihn einfiel. Er zog seine Augen leicht zusammen als er bemerkte wie einfallslos es war. Aber zu spät. Er hatte bereits auf senden gedrückt und hoffte, es war gut genug.
Die Sekunden des Wartens waren elendig und Carlisle war kurz davor eine Grippe vorzutäuschen und zurück ins Krankenhaus zu fahren. Er würde sich entschuldigen, er würde eine Ausrede finden.
Er würde-
Seine Gedanken wurden von dem Vibrieren unterbrochen und er erstarrte.
Er wagte es fast nicht darauf zu schauen aber seine Neugierde gewann. Wie immer hatte sie etwas ironisches zur Antwort und er liebte es. Was er nicht mochte, war die Anrede. Dr. Cullen.
Er schnaufte.
Es klang unpersönlich und falsch, es ergab keinen Sinn.
Warum sollte ihn sein Seelengefährte mit einem zwar verdienten aber gefälschtem Titel und seinem Nachnamen anreden?
Sofort schoss er zurück. Während die anderen beim Frühstück war log er, dass er ausschlafen wollte und hatte das Buch gelesen.
Er neckte sie.
Er liebte es.
Erneut betonte er seinen Namen. Vielleicht ließ sie sich hinreißen.
Es brauchte diesmal mehrere Sekunden die er wie auf Kohlen verbrachte. Er schmunzelte leicht als er ihr Argument las. Es stimmte, er saß in Seattle fest- sie hatte es auf den Punkt gebracht. Aber er hatte immer noch die Nächte. Carlisle wurde mutig.
DU vergisst, dass wir nicht im Krankenhaus sind. Und, dass der Kongress ohne dich furchtbar langweilig ist.. Er hatte fast auf Senden gedrückt als ihn der plötzlich aufgetauchte Mut wieder verließ. Es war zu viel des Guten.
Griesgrämig löschte er das „ohne dich" und beließ es dabei. Ein Schritt nach dem anderen.
Die Antwort ließ lange auf sich warten und kurz befürchtete er, diesmal wirklich zu weit gegangen zu sein. Aber sie kam. Carlisle öffnete sie eifrig und lachte laut auf. Dies erntete ihn verdutzte Blicke von den anderen aber er kümmerte sich nicht darum. Es überlegte fest was er schreiben sollte und bemerkte wie sich die Menge bewegte, Offenbar waren sie zum nächsten Punkt angelangt und er schrieb gerade noch die Worte 4 Sterne als ihn ein ehemaliger Kollege gefunden hatte.
„Dr. Cullen!"
Carlisle drückte so schnell er konnte auf Senden und steckte sein Handy weg. „Dr. Rampoor. Schön Sie wieder zu sehen." Carlisle drückte die Hand des etwas älteren Mannes der ihn verdutzt ansah.
„Es ist unfassbar, was haben die bloß im Wasser in Forks. Sie sind keinen Tag gealtert!"
Carlisle lachte peinlich berührt und versuchte so gut er konnte das Gespräch abzulenken, aber der Grund dahinter verblieb in seinem Hinterkopf. Sein Erscheinungsbild erregte langsam Aufsehen, es war nur eine Frage der Zeit bis sie wieder Umziehen mussten.
Er musste zugeben, Alice hatte wie immer Recht.
Das Handy war ein Geniestreich und trieb das ganze in die richtige Richtung.
Er war zuversichtlich.
Lily würde frühzeitig entlassen werden, dessen war er sich sicher. Die Wunden waren allesamt bilderbuchmäßig verheilt, ihre Blutwerte waren der Norm entsprechend und die Krücke stützte sie soweit, dass sie sich fast schmerzlos fortbewegen konnte. In seinem Kopf ging er bereits Pläne durch, wann er sie was fragen wollte und wie er sie dazu bekam bei ihnen einzuziehen.
Es half, dass Alice sie ebenfalls bearbeitete.
Alice liebte sie jetzt schon.
Ähnliche wie bei Bella hatte sie sie zwar nicht kommen sehen, aber sobald sie hier waren, liebte sie sie. Selbst Rosalie war glücklich für ihn, er hatte auch nichts anderes von ihr erwartet. Auch wenn sie sich sorgen um ihre Menschlichkeit machte, so konnte sie seine Gefühle nicht von der Hand weisen.
Als Bellas Geburtstag näher rückte, waren alle sicher, dass er sie mitnehmen würde. Er hätte es auch ohne zu überlegen getan, wäre da nicht die Verletzung gewesen.
Er wusste, es wäre sehr schwer sie für einen Abend aus dem Krankenhaus zu entführen und die Fragen die dieses Handeln aufwerfen würden, waren weder für ihn noch für sie gut.
Immerhin war er in den Augen der Forkser Gesellschaft ein Mann Mitte dreißig der mit seiner Schwester 5 Teenager adoptiert hatte. Als wäre das nicht seltsam genug, sollte er mit einer 18 Jährigen durchbrennen, würde das ihren Ruf vollständig zerstören. Carlisle plante bereits seine nächste Hintergrund Geschichte. Vielleicht war es anerkannter wenn er unter 30 war.
Wobei dann natürlich die Arbeit als ernstzunehmender Arzt immer etwas schwierig war. Aber zumindest würde der Altersunterschied zu ihr nicht so auffallen. Er wünschte er könnte sein Alter nehmen in dem er seit fast 400 Jahren feststeckte. Ein 23 Jähriger und eine 18,fast 19 Jährige waren kein abnormaler Anblick.
Seine ganzen Pläne und Überlegungen wurden in dem Moment als sich Bella am Papier schnitt und Jasper sich auf sie stürzen wollte über den Haufen geworfen. Mit aller Kraft warf er sich auf Jasper und war dankbar, dass Emmett ihn ebenfalls hielt.
Mit Jasper war nicht zu spaßen, er war ein gezähmtes Raubtier, was jederzeit zu seinen Wurzeln zurück konnte. Jasper hatte mehr erlebt als sie alle zusammen und seine Kampferfahrung war furchterregend und beneidenswert zugleich. Nicht gerade für Carlisle aber dafür für Emmett.
Die Lage wurde nicht besser, als Edward Bella gegen die Wand warf um sie aus Jaspers Reichweite zu bugsieren. Die Menge an Blut war selbst für Alice und Esme schwer zu ertragen und bald befand er sich alleine mit Bella in seinem Büro.
Er konnte Edward überzeugen nach Jasper zu suchen und ihn zu beruhigen, er war sich sicher, dass Jasper sonst auf keinen hören würde. Alice machte sich Vorwürfe es nicht gesehen zu haben und Bella machte sich Vorwürfe.. ein Mensch zu sein.
Sobald Edward weg war spürte er Bellas Blick auf sich. Sie fragte ihn, woher seine Kontrolle kam und er beantwortete es leicht. Er hatte einfach wesentlich mehr Zeit als die anderen um sich daran zu gewöhnen. Es war keine Kraft oder keine Leistung. Er musste durch die Qualen des Durstes genauso durch wie die anderen, nur hatte er einfach mehr Zeit.
„Du wirkst glücklich, wie geht es Lily?"
Sobald sie ihren Namen aussprach, brach ein Lächeln auf seinen Lippen aus und er spürte das Glück in seinem Körper.
„Gut Dankeschön. Ich denke, dass sie bald entlassen wird."
„Und dann seit ihr zusammen."
Er lachte auf.
„Das hoffe ich, irgendwann, wenn sie das will."
Bella lachte auf.
„Das will sie garantiert, Carlisle."
Er wandte seinen Blick von ihrer Wunde und sah sie fragend an. Kannte sie Lily?
Bella klärte ihn zögerlich auf.
„Wenn es ihr nur annähernd so geht wie mir bei Edward, dann brauchst dir darum keine Sorgen machen."
Auf seinen Lippen breitete sich ein Grinsen aus, als er sah wie ihre Wangen rot wurden.
„Das ist sehr nett von dir, Bella."
Edward brachte Bella nach Hause und obwohl im Haus eine schlechte Stimmung herrschte, konnte Carlisle nicht anders als sich zu freuen.
Bella musste es wissen, immerhin war sie auch ein Mensch. Sie konnte nicht so anders sein, es war die selbe Grundlage. Nur, dass Bella wusste was Edward war und ihn trotzdem liebte.
Konnte das Lily auch?
Als Edward wieder zurückkam war es nicht schwer zu sehen was ihn plagte. Esme versuchte ihn so gut sie konnte zu beruhigen aber es halt kaum etwas. Carlisle konnte es ihm kaum verübeln, er wollte nicht wissen was in seinem Kopf vorgehen würde hätte es Lily betroffen. Sofort schnellte Edwards Kopf in die Höhe.
„Und genau das ist der Punkt, Carlisle."
„Edward, nicht-"
Alice versuchte zu schlichten aber es war zu spät.
„Was gibt uns das Recht sie einer solchen Gefahr auszusetzen. James.. das heute.. ist nur ein Bruchteil von dem was hätte passieren können. Was fast passiert wäre."
Jasper zuckte zusammen, auch wenn Edwards Name nicht fiel, war klar was er meinte. Er machte ihm keinen Vorwurf, keiner tat es, bis auf Jasper selbst. Er hätte es sich nie verziehen und Edward wusste nicht, ob er ihm je verziehen hätte.
Carlisle sank in sich zusammen.
Er wusste was Edward wollte.
Er wollte gehen.
„Edward, du kannst deinen Gefährten nicht einfach verlassen."
Alice Stimme war fest und klar. Rosalie und Emmett sahen sich an, es war klar, dass sie daran dachten wie sie sich fühlen würden, müssten sie sich trennen.
„Das ist etwas anderes." Unterbrach Edward ihre Gedanken.
„Ist es nicht."
„Ist es doch. Du hast es gesehen Alice."
Alle Blicke waren nun auf Alice gerichtet welche leicht zurückschreckte. Offenbar hatte sie nicht gedacht, dass Edward diese Vision gesehen hatte.
„Was hast du gesehen, Alice."
Carlisle Stimme war sanft und er blickte sie ermutigend an, auch wenn ihm selbst ganz anders zu Mute war.
„Bella.. in einem Haus mit ihren Kindern."
Rosalie keuchte auf. Es war klar, was sie darüber dachte, sie musste es nicht aussprechen.
„Aber es ist nur eine Vision, du weißt wie schnell sie sich ändern."
„Aber es ist eine Möglichkeit."
Edward hielt daran fest. Verzweifelt fuhr er sich durch seine Haare und richtete seinen Blick auf Carlisle.
„Ich weiß, dass du auch so denkst. Ich weiß, dass du ihr niemals ihre Seele nehmen könntest."
Es war unfair, Edward appellierte an Gedanken, die er vor langer Zeit hatte. Er appellierte an seinen Glauben.
„Edward, du kannst unmöglich von Carlisle verlangen, Lily zu verlassen."
Esmes Stimme war leise und kraftlos, als wüsste sie längst, dass sie verloren hatte.
„Das tue ich nicht. Ich verlange von niemanden von euch etwas. Aber wenn euch Bella und Lily am Herzen liegen, werdet ihr mit mir gehen."
Der Schmerz der sich durch Carlisle Körper zog war derart stark, dass Jasper keuchte. Allein der Gedanke sie zu verlassen, brannte sich wie ein heißes Eisen durch sein Herz.
Wie konnte er sie verlassen?
Wie konnte er ihr fern bleiben?
Was für ein Leben hätte er?
„Es geht nicht um dich, Carlisle. Denk an ihr Leben. An ihre Möglichkeiten. Eine Familie, Kinder, Sicherheit."
Carlisle Blick wanderte unweigerlich zu Rosalie.
Zwar gab es in ihrem Zustand keine Hoffnung auf so ein Leben mehr, aber in ihrer jetzigen Existenz hatte sie genauso wenig die Möglichkeiten. Carlisle wusste, wie sehr sie darunter litt. Er wusste, dass Emmett das einzige war was ihre Existenz erträglich machte.
Aber er wusste auch, dass sie alles aufgeben würde, nur um wieder ein Mensch zu sein.
Als er die Entscheidung traf, war es als ob jegliches Glück von ihm genommen wurde.
Passenderweise dachte er an Dementoren und die treffende Beschreibung der Bücher über sie. Er wusste nicht wie er weiter leben sollte, er wusste nicht wie er weiter existieren sollte aber Edward hatte Recht. Es ging nicht um ihn. Es ging um sie. Wer war er, dass er ihre Zukunft raubte. Dass er sie ungefragt zu diesem Leben verdammte.
Die Gewissheit brach ihn. Er zog sich zurück und starrte Stunden auf die Bilder in seinem Arbeitszimmer. Egal wie er es drehte und wendete, er kam zu keinem anderen Schluss. Lily würde irgendwann jemand kennen lernen, jemand der ihr eine Zukunft bieten konnte, an die er nicht einmal denken durfte.
Der Gedanke zerstörte ihn.
Er war froh, dass Jasper mit Alice auf der Jagd war, somit blieb ihm sein Schmerz erspart. Er wusste, dass er von Schuldgefühlen geplagt war aber es lag nicht nur an Jasper. Es war so viel mehr.
Er bat Dr. Snow seine Visite zu übernehmen und schob irgendeine Ausrede davor. Dann reichte er seine Kündigung ein und gab als Grund ein neuer Posten in Boston auf.
Es überraschte niemanden, dass er ging.
Die größere Überraschung war eher damals gewesen, dass jemand mit seinem Ruf in so ein kleines Kaff die Forks kam. Seine Ausrede wurden ohne weitere angenommen und er räumte sein Büro aus. Es kostete ihn alles an Selbstbeherrschung was er hatte um nicht einfach in ihr Zimmer zu stürmen, sich zu entschuldigen und sie zu entführen.
Irgendwo hin.
Egal wohin.
Aber Edward hatte recht. Sie hatte soviel mehr verdient als ihn.
Er musste sich verabschieden, es war etwas, was er einfach tun musste.
Als er vor ihrem Zimmer stand, hielt er ein.
Der Duft der daraus kam war genug um ihn zu überwältigen und er brauchte tatsächlich ein paar Sekunden bis er sich zusammenreißen konnte.
Sie packte gerade ihren Rucksack, es war kaum etwas darin bis auf seine Bücher und Gewand was ihr gebracht wurde.
Sie bemerkte seine Anwesenheit sofort und als sie sich umdrehte, erstarrte er. Ihre blau grünen Augen wirkten stumpf und vorsichtig. Ihr Blick war versteinert und zeigte keine Emotion.
Es machte ihm Angst.
„Letzter Tag mh?"
Seine Stimme klang gezwungen und kalt. Er hasste sich dafür. Er hasste sich für den Schmerz den er bei ihr verursachen würde, er hasste sich für die Zeit die er tatsächlich gedacht hätte, er hätte eine Chance mit ihr.
„Ich wollte mich verabschieden."
Ihr verdutzter Blick versetzte ihn einen Schlag. Offenbar hatte sie es noch nicht gehört. Carlisle wusste nicht, ob es die Sache schlimmer oder besser machte.
„Ich habe eine neue Stelle in Boston angeboten bekommen, wir werden morgen abreisen."
Er sprach seine Lüge herunter, ohne jegliche Emotion.
„Ich verstehe."
Er hörte ihren Herzschlag und er hämmerte sich mit jedem Klopfen in sein Hirn.
Er hörte den Schmerz, er konnte ihn selbst spüren.
Seine Finger zuckten.
Verzweifelt versuchte er nach einer Möglichkeit aber er kam immer zum selben Schluss.
Sie war schlussendlich ohne ihn besser dran.
Aber vielleicht wenn sie ihn bitten würde zu bleiben, wenn sie mit ihm mitkommen wollen würde, dann wäre es kein Verbrechen nachzugeben. Was sollte er auch tun, er konnte ihr keinen Wunsch abschlagen und wenn es ihr Wunsch war auf alle Ewigkeiten mit ihm Verdammt zu sein, was sollte er dagegen tun. Erwartungsvoll wartete er, aber es kam nichts.
Es brach sein Herz.
Er sollte umdrehen und gehen.
Er sollte einfach verschwinden und nie wieder kommen bevor er etwas dummes tat aber gerade als er sich umdrehen wollte, hörte er seine eigene Stimme.
„Die Bücher und das Handy können Sie natürlich behalten, es würde mich sehr freuen von Ihnen und Ihrer Genesung zu hören."
Er wusste, dass Edward wütend sein würde.
Es war komplett sinnbefreit den Kontakt weiterhin bestehen zu lassen.
Es würde früher oder später dazu führen, dass er zurück zu ihr kehren würde. Sie hätte nie die Möglichkeit abzuschließen und doch sprach er die Worte laut aus und er konnte nicht anders als inständig zu hoffen, dass sie sich bei ihm meldete. Dass sie ihn fragte, ob er wieder kam oder wo er war oder ob er sich treffen wollte.
Er sah auf die vollen Lippen die ihn seit Monaten verheißungsvoll anstarrten. Er hatte sie nie berührt, nie gekostet.
Vielleicht war es besser so, vielleicht war es einfach etwas zu überstehen was man nicht kannte. Aber egal was er sich einredete, er würde nie über sie hinweg kommen.
Es gab genug Beispiele.
Marcus.
Sein gebrochenes Herz schmerzte wie am ersten Tag des Verlustes von seiner Gefährtin. Carlisle würde den Schmerz und die Liebe die er für Lily empfand bis zu seinem letzten Tag mit der gleichen Intensität spüren.
Sie nickte und wandte sich erneut ab. Das war sein Zeichen, dass er gehen sollte. Er strengte sich an und zu seiner Überraschung gehorchten ihm seine Beine sogar. Jeder Schritt fühlte sich falsch an, als würde sein Körper wissen, dass es nicht richtig war. Das Monster in ihm brüllte ihn an, es begehrte auf und schrie ihn an, dass er in die falsche Richtung ging und er konnte ihm nur zustimmen aber er musste es tun. Für Sie.
Es war mit Abstand das Schwerste was er je getan hatte.
Zu seinem Glück wurde er zu einem Patienten gerufen, er hatte keine Ahnung wer er war. Seine Gedanken waren ganz woanders und als er fertig mit ihm war, steuerten seine Füße wieder genau zu dem Raum wo er nicht sein sollte.
Das Zimmer roch noch immer nach ihr, es war als ob sie noch immer hier wäre. Auf dem Tisch lagen die Bücher und oben drauf das Handy. Carlisle verzog schmerzverzerrt das Gesicht und ballte seine Hände zu Fäuste.
Er hörte das Knacken seiner Haut die unter dem immensen Druck brach aber er spürte es nicht.
Er fühlte einen viel größeren Schmerz.
Sofort drehte er sich um und ging so schnell er konnte ohne Aufmerksamkeit zu erregen zur Eingangshalle. Selbst inmitten der Leute konnte er ihren Herzschlag hören.
Ihr Duft war unverkennbar und hatte dieselbe Sirenen Wirkung wie damals. Sie tippte eine Nummer in das Telefon des Schalters ein und sagte zu einer Schwester, dass sie kein Taxi brauchen würde da ihr Vater sie holen kommt. Sie hielt den Hörer an ihr Ohr. Carlisle hörte wie eine Stimme sagte, dass diese Nummer nicht vergeben war und hielt ein. Lilys Augen flackerten leicht und die Schwester sah sie erwartungsvoll an.
„Ja, Dad? Kannst du mich holen? Ist in Ordnung. Danke!"
Sie legte den Hörer selbst auf und bedankte sich bei der Schwester.
Warum log sie? Warum war die Nummer nicht vergeben?
Carlisle wurde von einer Wut erfasst die er kaum kontrollieren konnte. Sie brauchte die Krücke und hatte einen Rucksack, der zugegeben fast leer war, trotzdem.
Sie hatte ihn nicht bemerkt und er war froh darüber, selbst wenn er sich nichts mehr wünschte als ihren Blick auf sich zu spüren. Aber er wusste, dass er es nicht ertragen würde die Enttäuschung darin zu sehen. Dabei war es gar nicht das. Ihr Blick war leer von jeglicher Emotion gewesen und er war sich sicher, dass selbst wenn sie ihre blau grünen Augen auf ihn richten würde, würde er auf ein leeres Blatt starren.
„Dr. Cullen?"
Er registrierte die Stimme zu spät und brauchte mehrere Sekunden um seinen Blick von Lily loszureißen.
„Ja?"
„Mrs. Foster ist nun bereit."
Er nickte geistesabwesend. Er warf ihr noch einen letzten Blick zu als sie nach draußen ging und vor dem Krankenhaus stand, bis er sich schließlich umdrehte und der Schwester folgte.
In der Sekunde als Lily das Gebäude verließ war es, als ob sie Carlisle Wesen mitgenommen hätte. Er fühlte sich taub, alleine und unvollständig.
Es war ein Gefühl welches er in seinen fast 400 Jahren auf dieser Welt nie gefühlt hatte und es war schrecklich. Es war schlichtweg nicht lebenswert und er konnte nur zu Gott beten, dass sie nicht etwas ähnliches fühlte. Er musste sich immer wieder einreden, dass es zu ihrem besten war. Dass es nicht um seinen Schmerz ging sondern um sie. Um ihre Zukunft, ihre Möglichkeiten, ihr Leben.
Er verkroch sich in seinem Büro und räumte die letzten Dinge aus, viel hatte er nicht.
Das hatte sein Lebensstil so ansich, es hatte keinen Sinn sich wo ordentlich einzurichten, wenn sie fluchtartig die Stadt verlassen müssten. Er blendete die Stimmen um sich herum aus, bis auf den Moment, als ein bestimmter Name fiel.
„Anna meinte, sie hätte sie gehen gesehen."
„Wo?"
„Auf der Straße Richtung Bogachiel."
„Alleine?"
„Ja, das arme Ding. Ich frage mich wohin sie hin will."
„Vielleicht zu ihrem Vater?"
Ein Schnaufen ertönte.
„Zu diesem Nichtsnutz? Das glaube ich weniger. Außerdem sucht ihn Chief Swan seit Monaten. Keiner weiß wo er ist."
„Naja die Johnsons werden sich schon um sie kümmern."
„Soweit ich weiß, wohnen die aber in Beaver."
„Hrm.. komisch."
„Alice? Könnten Sie mir bitte kurz helfen?"
Die Stimme von Dr. Snow riss ihn aus seiner Trance und er wagte es nicht zu atmen. Die Information bohrte sich in sein versteinertes Fleisch und seine Gedanken rasten. Auf einmal durchzog ihn eine Wut die er so nicht kannte.
Sie war seine Gefährtin, seine Seelenverwandte und trottete alleine eine Straße entlang.
Alleine.
Schutzlos.
Alles könnte passieren.
Und es war seine Schuld.
Er hatte sie nicht beschützt.
Er hatte das einzige wozu seine Existenz bestimmt war nicht gemacht.
In dieser Sekunde traf er eine Entscheidung.
Vielleicht war es die falsche, vielleicht war es selbstsüchtig und vermutlich würde er spätestens jetzt nach seinem Ableben in die Hölle kommen, aber es war ihm egal.
Seine Gedanken wurden von seinem Handy unterbrochen und er zog es in Erwägung es einfach zu ignorieren. Alice hatte seine Entscheidung vermutlich gesehen und Edward würde nun versuchen in umzustimmen.
Aber das konnte er nicht.
Bella und Lily waren nicht gleich, nicht mal annähernd.
Bella hatte einen Vater der sich um sie kümmerte, ein Zimmer in einem warmen Haus. Freunde, Familie. Im Notfall konnte sie nach Phönix zurück zu ihrer Mutter gehen. Oder Florida.
Lily hatte niemanden.
Carlisle Miene wurde ernst.
Doch.
Sie hatte ihn.
Und er würde an ihrer Seite bleiben bis sie ihn abwies.
Schließlich gab der Anrufer auf und er hörte ein einzelnes Vibrieren.
Emmett ist ihr gefolgt, sie ist südlich vom Bogachiel Fluss.
Carlisle wusste, dass das schon sehr knapp am Quileute Revier war, vermutlich schon darüber aber es hielt ihn nicht auf. Nichts konnte ihn noch von ihr fernhalten, schon gar nicht ein hundert Jahre alter Pakt.
Das einzige um das seine Gedanken nun kreisten war, ob sie ihm verzeihen konnte und darüber hinaus - würde sie seine Art akzeptieren oder schreiend vor ihm weglaufen.
Er ließ alles zurück, seine Kollegen hätten sicher kein Problem damit, wenn er sich später verabschieden würde.
„Dr. Snow, könnten Sie für mich übernehmen? Ich muss mich noch um ein paar Sachen kümmern!"
Seine Stimme war samtig, doch sein Gesicht zeigte eine andere Emotion.
Der Mann sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an und Carlisle konnte das Adrenalin riechen was durch seine Adern gepumpt wurde. Seine Instinkte warnten ihn vor Carlisle, sie identifizieren ihn als Gefahr die er in Wirklichkeit war.
Nur nicht für ihn.
Er nickte mit dem Kopf und trat dabei einen Schritt zurück. Carlsile hatte keine Zeit den Schaden wieder gut zu machen und bedankte sich höflich. Gerade als er aus der Tür raus war, vibrierte erneut sein Handy.
Alice.
Nimm das Auto.
Alice hatte natürlich recht, es würde auffallen sollte sein Mercedes hier stehen bleiben- vor allem nachdem er sagte, dass er noch Dinge zu erledigen hatte.
Missmutig setzte er sich in die Limousine.
Sie kostete ihn Zeit und außerdem war es schwerer Lilys Duft zu folgen. Er raste die Straße zum Fluss hinunter, mit geöffnetem Fenster. Es hatte wieder zu regnen begonnen und er spürte wie immer durchnässter wurde. Der Herbst zeigte sich mit einer unangenehmen Temperatur und auch die Sonne verschwand langsam hinter den bewaldeten Hügeln die das Gebiet umgaben.
Er machte eine Vollbremsung als er Emmetts Duft wahrgenommen hatte und eilte zu ihm. Dieser sah ihn mit einem für ihn typischen verspieltem Gesichtsausdruck an.
„Es war Rosalies Idee."
Sagte er stolz und zeigte auf das desinteressierte Wesen neben sich. Emmett klang wie eine stolze Mutter und er legte einen schweren Arm um sie.
„Wo ist sie?"
Er konnte sie riechen, aber sie waren zu tief ihm Wald um zu sehen wo sie war.
Emmett zeigte in eine Richtung.
„Dort drüben. Ich hab das Dach repariert als sie Wasser geholt hatte."
Seine Brust schwoll vor Stolz an und er stand noch etwas gerader und Carlisle wurde von einem Gefühl der Dankbarkeit durchzogen. Gütig nickte er Emmett und Rosalie zu und sah beiden fest in die Augen.
„Danke."
Er wandte seinen Blick zu der Richtung in die Emmett gezeigt hatte.
„Sie hat Hunger. Wir holen etwas zu Essen."
Rosalies Stimme war hart und kalt aber Carlisle konnte den verborgenen Ton darunter vernehmen. Tief im Inneren war ihr Herz mindestens genauso groß wie das von Esme, auch wenn sie es nicht zugeben wollte.
„Na dann... hol sie dir Pops."
Emmett klopfte Carlisle mit seiner Pranke auf dem Rücken und verschwand.
Carlsile atmete tief durch. Ihr Duft hatte den erwarteten Effekt auf ihn und er beruhigte sich sogleich. Der blinde Drang zu ihr zu kommen wurde langsam schwächer und von etwas anderem abgelöst.
Angst.
In seinen fast 400 Jahren auf dieser Welt konnte er sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal solche Angst verspürt hatte. Die Angst der Ablehnung. Er wusste nicht wie er es ertragen sollte, sollte sie ihn wegschicken.
Welches Leben hätte er dann noch? Was wäre seine Existenz Wert, wenn er niemals glücklich wäre?
