Priori incantatem
Sie schrak hoch als im Stockwerk unter ihr geräuschvoll die Haustür ins Schloss fiel und Madam Black zu schreien begann. Hastig richtete Tonks sich auf, verhedderte sich in ihrer Decke, rutschte halb vom Sofa und stieß sich das Knie am Löwenfuß eines Mahagonitischchens. Als sie aufhörte laut zu fluchen war auch der Lärm im Erdgeschoss verstummt. Schwere Schritte erklommen die Treppe und die Tür zum Salon der Blacks schwang auf.
Im Rahmen stand ein reichlich ramponiert wirkender Bill, der sich vor Müdigkeit kaum auf den Beinen halten konnte. Unter seinen Augen lagen tiefe Schatten und ohne seine tägliche Rasur wirkte er recht verwegen. Tonks beeilte sich, ihm Platz auf dem Sofa zu machen. Wortlos lies er sich in die Kissen plumpsen und warf den Zauberstab zur Seite, den er bis gerade noch umklammert hatte. „Was ist passiert? Wo ist Mad-Eye?", wollte Tonks zaghaft wissen.
Bill vergrub das Gesicht in den Händen. „Sie haben ihn zur Befragung mitgenommen. Der Tatort wurde gereinigt und die überlebenden Muggel obliviiert."
Tonks nickte unsicher. „Was jetzt?"
Schulterzuckend tauchte ihr Freund wieder aus seinen Händen auf. „Schätze, sie werden ihre Fragen stellen, zu keinem klaren Ergebnis kommen und die Sache vergessen."
Irritiert runzelte sie die Stirn. „Aber wir haben doch gesehen, dass die Muggel von Todessern angegriffen wurden. Das muss doch Wellen schlagen."
– „Nicht wenn einer der Toten ein bekannter Muggel-Trickster ist.", gab Bill zur Antwort. Tonks sah ihn verständnislos an. „Willy Widdershins.", sagte Bill, als würde das alles erklären.
Plötzlich erinnerte sie sich an den Fahrkartenautomaten, der scheinbar grundlos in Flammen aufgegangen war, so als wäre er irgendwie präpariert worden. Und daran, wie geschickt, der Mann, mit dem sie sich duelliert hatte, die Infrastruktur der Muggel für sich genutzt hatte. Der Mann, der jetzt tot war. Der Mann, der kein Todesser gewesen war. Über dessen Missbrauch von Muggelartefakten der Tagespropheten immer wieder berichtete, was außer Arthur Weasley niemanden zu kümmern schien. Willy Widdershins, der schon lange vom Ministerium gedeckt wurde. Tonks wurde mulmig zumute. „Das heißt, sie werden nichts tun? Keine Untersuchung, keine Fahndung nach den Mittätern?", hauchte sie.
Resigniert hob Bill die Hände. „Wer weiß? Jedenfalls schien die Polizeibrigade eher ganz wild darauf zu sein, Mad-Eye zu verknacken, anstatt mir zuzuhören."
Wütend sprang sie auf. „Deshalb haben sie ihn mitgenommen? Um einen Schuldigen zu haben? Ich muss ins Ministerium!"
Sie war schon drauf und dran, ihre Schuhe überzustreifen, als Bill sie zurückhielt. „Warte, Tonks. Wenn du da jetzt auftauchst, werden sie doch nur noch misstrauischer! Und was willst du ihnen sagen? Dass du alles genau gesehen hast, weil du am Tatort warst, aber nicht geblieben bist, weil du einen gesuchten Massenmörder, der zufällig dein Großcousin ist, vor dem Ministerium in Sicherheit bringen musstest?" Er sah sie eindringlich an. „Dass die Polizeibrigade nicht weißt, dass du auch da warst, ist im Moment unser einziger Vorteil."
Tonks schob bockig das Kinn vor. „Ich könnte mich tarnen und so tun als sei ich zufällig vorbeigekommen, hätte alles beobachtet und wäre dann aus Angst weggelaufen."
– „Und ein komplettes Alibi erfinden? Den Chef der Polizeibrigade anlügen und das vielleicht sogar unter Eid?" Bill schüttelte den Kopf. „Wir bleiben hier und warten ab, was passiert. Ich hab Dad benachrichtigt, er ist unterwegs ins Ministerium."
Beim Gedanken an den immer noch kranken Mr Weasley, der sich am Neujahrsmorgen in aller Eile zu einem Ordensmitglied in Schwierigkeiten begeben musste, schauderte sie. Trotzdem lenkte sie widerstrebend ein. „Kann ich denn irgendwas tun?"
Bill, der sich nun seinerseits auf dem Sofa zusammenrollte und die Augen schloss, nickte schläfrig. „Könnte ne Tasse Tee vertagen.", nuschelte er noch.
„Da geht's dir wie mir.", kam es von der Tür. Sirius war im Morgenmantel erschienen und stützte sich schwer an der Wand ab. Die sichtbaren Schnitte und blauen Flecken heilten bereits dank der Elfenmagie, doch es war offensichtlich, dass er Schmerzen hatte. Tonks ging lächelnd auf ihn zu und half ihm, sich in den nächsten Sessel zu hieven. Dann ging sie Tee und Frühstück für sie alle besorgen. In der Küche traf sie Kreacher an, der mit Todesblick damit beschäftigt war, Tische und Fußboden von den Spuren der nächtlichen Feier zu befreien. Anstatt Brot für nur drei zu rösten, legte Tonks die am wenigsten verbrannte Portion für den Elfen beiseite. Und als sie später mit dem benutzten Geschirr zurückkam, war der gebutterte Toast tatsächlich verschwunden.
Doch entgegen ihrer Hoffnung, Tonks aus dem nächtlichen Geschehen heraushalten zu können, traf am selben Nachmittag eine Eule vom Ministerium ein. Seidenschnabel machte sie mit lautem Geschrei auf den ziellos über dem Grimmauldplatz umherflatternden Vogel aufmerksam. Tonks rannte hinaus, empfing die Botschaft und schickte die Eule rasch wieder fort.
Schon als sie das offizielle Siegel des Ministeriums brach, hatte sie ein ungutes Gefühl. Die Vorsitzende der Abteilung für magische Strafverfolgung, Amelia Bones, hatte ihr eine offizielle Vorladung zukommen lassen.
Während Tonks fieberhaft die Zeilen überflog, bemerkte Sirius zynisch: „Hoffentlich nicht wieder der ganze Zauber einer disziplinarischen Anhörung wie bei Harry im Sommer."
– „Sieht nicht so aus …" Tonks faltete den Brief wieder zusammen. „Ich soll zu ihr ins Büro kommen. Von Mad-Eye hat sie nichts geschrieben."
Bill, der immer noch auf der Couch herumlümmelte, schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich weiß einfach nicht, wie sie auf die Idee gekommen sind, du hättest etwas damit zu tun."
– „Priori Incantatem?", gab Sirius zu Bedenken.
„Damit kann man nur die vorhergegangenen Zauber eines Zauberstabs sichtbar machen, nicht rekonstruieren, wer an einem bestimmten Ort Magie ausgeübt hat."
Mit gerunzelter Stirn gab Bill zu Bedenken: „Aber dann haben wir wirklich ein Problem. Sollten sie morgen deinen Zauberstab überprüfen werden sie die Duellierflüche finden."
Sirius wurde blass. „Und was, wenn sie Veritaserum anwenden? Du könntest alles über den Orden und mich ausplaudern!"
Tonks versuchte sachlich zu bleiben, obwohl dieser Gedanke in der Tat extrem beunruhigend war. „Für den Einsatz von Veritaserum braucht man eine Genehmigung des Zaubereiministers und die zu bekommen, dauert mindestens ein bis zwei Wochen. Ich soll schon morgen in ihr Büro kommen, also können sie das nicht vorhaben. Aber …", sie hielt kurz inne und dachte angestrengt nach, „was die Historie meines Zauberstabs angeht, muss ich mir wirklich was überlegen."
Sein langes Haar um einen Finger wickelnd sinnierte Bill: „Könntest du nicht einfach heute noch ganz viele andere Zauber ausüben, sodass die Flüche in dem ganzen Chaos untergehen?"
Tonks schüttelte den Kopf. „Viel zu auffällig. Wieso sollte ich an einem gewöhnlichen Tag plötzlich überdurchschnittlich viel zaubern, wenn ich nichts zu verbergen habe?" Nachdenklich fuhr sie mit der Fingerspitze über das glatte Kirschholz ihres Zauberstabs. Vom vielen Benutzen war er bereits merklich abgegriffen und stumpf, ganz anders als an dem Tag vor über dreizehn Jahren, als sie ihn in der Winkelgasse gekauft hatte. Sie erinnerte sich noch gut daran, wie sie vor Vergnügen gequiekt hatte, als der damals schon alte Mr Ollivander den Abstand zwischen ihren Nasenlöchern maß und ihr dann einen neuen, glänzenden Zauberstab in die Hand legte. Ein Kern aus feinstem schottischem Einhornhaar, zwölf Zoll und sehr unbiegsam, murmelte er vor sich hin. Über die letzte Bemerkung hatte Tonks' Mutter laut lachen müssen. Plötzlich hatte sie eine Eingebung. „Ich muss einmal mit Mundungus sprechen."
Am selben Abend streifte Tonks in äußerst zweifelhafter Begleitung durch die vereiste Winkelgasse. Mundungus streunte hinter ihr her und hielt da und dort kurz an für ein Pläuschchen mit den wenigen Händlern, die am Neujahrstag geöffnet hatten. Aus den Fenstern drang der verführerische Duft von heißem Punsch und Bratäpfeln und die ganze Straße sah aus wie mit einer dünnen Schicht Puderzucker überzogen.
Doch für diese Schönheit hatte Tonks im Moment keinen Blick. Sie steuerte zielstrebig auf die schwach erleuchteten Fenster eines vertrauten Ladens zu, auf dessen Schild es hieß: Ollivanders – Zauberstäbe seit 382 . Ein Werbespruch, den Tonks schon immer für etwas überzogen gehalten hatte. Doch wer wusste schon wirklich, wie alt die Familie Ollivander war und wie lange es die Winkelgasse in ihrer heutigen Form gab? Hermine wusste es vermutlich, aber sie zu fragen wäre vermutlich ein Fass ohne Boden …
„Beeil dich, Mundungus!", rief sie leise, bevor sie die Ladentür aufdrückte und begleitet von einem leisen Klingeln den staubigen Verkaufsraum betrat. Hier drinnen war es mindestens genauso kalt wie draußen und auch sonst hatte der Besitzer sich wenig Mühe gegeben, seine Kunden willkommen zu heißen. Vermutlich hing diese Nachlässigkeit damit zusammen, dass Ollivanders Zauberstäbe in der Winkelgasse, und vermutlich in ganz Großbritannien, völlig konkurrenzlos waren und die Leute so oder so die Waren kauften, ob der Verkaufsraum nun sauber und warm war oder nicht.
„Mr Ollivander?" Als Tonks sprach, konnte sie ihren Atem als kleine Wölkchen vor sich sehen.
Mundungus schaute sich unbehaglich um und rieb die Hände aneinander. „Vielleicht is er nich da.", gab er zu Bedenken.
„Aber der Laden ist doch offen.", entgegnete Tonks entschieden. Dieser Mann war ihre einzige Hoffnung und wenn sie über die Ladentheke springen musste, um ihn zu finden, würde sie es tun!
Doch glücklicherweise war das nicht nötig, denn kurz darauf erschien Mr Ollivander scheinbar aus dem Nichts, so als wäre er geradewegs aus der Wand getreten.
Bemüht, ihre Überraschung zu verbergen, setzte Tonks eine Geschäftsmiene auf. „Guten Abend, wir sind hier, um Ihnen einen Handel vorzuschlagen."
Im Gegensatz zu ihnen schien dem alten Zauberer überhaupt nicht kalt zu sein, denn er trug nur seinen gewohnt altmodischen schwarzen Anzug und schien völlig entspannt in sich zu ruhen. Er musterte sie eingehend, bevor sein Blick an Mundungus' Tornister hängen blieb. „Ich handle nicht mit Diebesgut.", sagte er nur knapp.
„Entschuldigen Sie mal!" Entrüstet wuchtete Mundungus seine Tasche auf die Theke und begann Schachteln, Flaschen und Säckchen herauszuziehen. „Ich verkaufe nur fair gehandelte, garantiert biologisch gewonnener Ware allererster Güte!", erklärte er aufbrausend. „Ich hab indonesische Drachenherzfaser, Doxieknochen, Haar einer echten Todesfee aus dem Sudan und natürlich den ganzen anderen Kram, den Ihresgleichen so brauchen: Einhornhaar, Federn aller Art und noch ne Menge mehr feines Zeug." Ungefragt begann er seine Waren auf dem Tisch vor Ollivander aufzubauen.
Dieser betrachtete das Angebot sogar mit oberflächlichem Interesse, sagte dann aber: „Bedaure, was man für Geld kaufen kann, habe ich reichlich zur Verfügung."
Er wollte sich schon abwenden, als Tonks sich ein Herz fasste. „Uns geht es nicht um Geld! Wir brauchen … einen Dienst … von Ihnen. Und es müsste möglichst … diskret geschehen."
Mr Ollivander zog seine weißen buschigen Augenbrauen hoch. „Wie kann ich Ihnen helfen, Ms Tonks?"
Betreten sah sie zu Boden, denn sie hatte nicht damit gerechnet, dass der alte Zauberer ihren Namen kennen würde. Peinlich berührt nahmen ihre Haare einen grellen Gelbton an. Mr Ollivanders milchige Augen blitzten fast unmerklich auf, als er die Veränderung bemerkte. „Es ist … mein Zauberstab. Er muss einige Dinge … vergessen. Und ich weiß nicht, wie das geht." So vage wie sie sich ausdrückte, musste Mr Ollivander denken, sie habe einen Mord begangen. Sie gab wirklich nicht die beste Figur ab mit ihrem übernächtigten Aussehen, ihrer schäbigen Bitte und in Mundungus Fletchers Begleitung.
Doch seltsamerweise schien der Zauberstabmacher ihr gegenüber plötzlich viel aufgeschlossener zu sein. Er streckte seine Hand nach Tonks' Zauberstab aus und sie gab ihn ihm, ohne zu zögern. Mr Ollivander beäugte das Holz eingehend, wiegte den Stab in den fahrigen Händen und hielt ihn sogar kurz an sein Ohr, um andächtig zu lauschen. Tonks konnte nicht sagen, ob diese Prozedur ihm tatsächlich neue Informationen lieferte, oder ob es sich lediglich um ein kleines Schauspiel handelte, das seine Kompetenz unterstreichen sollte. Zufrieden nickend legte Mr Ollivander den Zauberstab schließlich auf ein langes Samtkissen und sah auf einmal viel wacher aus als zuvor. „Ich kann es versuchen. Für eine angemessene Bezahlung.", setzte er in Geschäftston hinzu.
Tonks spürte Hoffnung in sich aufkeimen und beeilte sich zu antworten: „Wir haben leider kaum Geld, aber Sie können alles haben, was hier vor Ihnen auf dem Tisch liegt."
Mundungus wollte schon etwas brüskiert protestieren, doch Mr Ollivander hob nur abwehrend die Hand. „Das Einzige, woran ich interessiert bin, gibt es auf keinem Schwarzmarkt und bei keinem noch so gut ausgestattetem Hausierer." Er beugte sich verschwörerisch vor. „Sie wurden mit einer außergewöhnlichen Gabe geboren, Ms Tonks. Das Haar vom Kopf eines Metmorphmagus fehlt meiner Sammlung noch. Ihm müssen ungeheure transformative Kräfte innewohnen. Die Zauberstäbe, die sich damit fertigen ließen!" Seine Augen glitzerten voller Leidenschaft und einem Fünkchen kaum wahrnehmbarer Gier.
Tonks wich etwas perplex zurück. Noch nie hatte sie jemand um etwas derartiges gebeten. Auch Mundungus blickte zu ihr hinüber als ginge ihm erst jetzt der volle Wert ihrer Person auf. Unwillkürlich schwor sie sich, von jetzt an nur noch bei verschlossener Tür zu schlafen, um nicht eines Tages kahl rasiert zu erwachen, weil Mundungus eine neue Geschäftsidee verwirklichen wollte.
Mr Ollivander schien ihrer Gedanken zu lesen als er hinzufügte: „Diese Haare sind nicht nur so selten, weil es so wenige Ihrer Art gibt. Für die erfolgreiche Zauberstabherstellung müssen die Kerne aus freiem Willen den Besitzer wechseln. Diebstahl dürfte sich also kaum auszahlen. Doch für nur eine dieser Strähnen könnten Sie gut und gern zehn Galleonen erwirtschaften. Zumal das Haar ja rasch nachwächst …"
Das stimmte. Tonks kannte niemanden sonst, der die eigene Haarlänge so mühelos manipulieren konnte wie sie. Zum Beweis ließ sie sich eine meterlange Mähne wachsen, die sacht über den Dielenboden strich. Dennoch fragte sie sich, ob nicht doch ein Haken an diesem scheinbar so harmlosen Handel war. Wollte sie wirklich, dass eines Tages vielleicht ein Kind mit einem Zauberstab herumlief, der einen Kern aus ihrem Haar in sich trug? Was wenn dieser Zauberstab dazu benutzt wurde, Böses zu tun? Wäre das dann ihre Schuld? Es fühlte sich so an, als würde sie die temporäre Lösung ihrer Probleme für ein unvorhersehbares Schicksal verbunden mit Magie, von der sie nur sehr wenig verstand, eintauschen. Dennoch war sie sich mehr oder weniger sicher, mit Mr Ollivander einen recht anständigen Zauberer vor sich zu haben, der sich hervorragend auf sein Handwerk verstand und einfach gern einmal mit einer neuen Zutat herumexperimentieren wollte.
Gerührt beobachtete sie, wie der alte Mann ihren geliebten Zauberstab erneut hochhob und mit einer kleinen silbernen Lupe untersuchte. Plötzlich stutzte er und sah sie scharf an. „Haben Sie diesen Zauberstab für eine längere Zeit aus der Hand gegeben?"
Überrascht nickte sie und lief sofort rot an. „Das Ministerium hatte ihn einen Monat lang in Gewahrsam.", gab sie zu.
Mr Ollivander nickte besorgt und heftete den Blick wieder auf ihr wallendes Haar, das mittlerweile in einem leuchtenden Smaragdgrün erstrahlte. „Alles in der Welt hat seinen Preis, Ms Tonks."
Am folgenden Morgen, als Tonks in das Atrium des Ministeriums trat, wusste sie nicht, ob das Flohpulver oder die Erkenntnisse des vergangenen Abends ihr Gänsehaut verursachten. Was Mr Ollivander entdeckt hatte, war schockierend gewesen! Sie fühlte sich nunmehr in ihrem Beschluss bestärkt, seine Hilfe gesucht zu haben, auch wenn es sie ein ansehnliches Büschel Haare gekostet hatte. Welches sie natürlich innerhalb von Sekunden wieder nachwachsen lassen konnte. Dennoch hatte sie Mundungus' Drängen, ihm ebenfalls ein paar Strähnen zu überlassen, abgelehnt. Es fühlte sich immer noch nicht richtig an, Teile ihrer selbst zu verkaufen, ohne genau zu wissen, wie die magischen Kräfte, die ihnen innewohnten, Verwendung finden würden. Sie hoffte, der Handel mit dem Zauberstabmacher würde eine Ausnahme bleiben. Sie gedachte, das Wissen, das sie dadurch erworben hatte, höchst behutsam einzusetzen. Hoffentlich verriet sie sich nicht mir ihrer großen Klappe.
Ein paar Schritte weiter trat in diesem Moment Arthur Weasley aus einem Kamin, rückte sich den schief sitzenden Hut zurecht und sah sich um. Er war immer noch um einiges dünner als vor seinem Aufenthalt im St. Mungo und er wirkte erschöpft. Tonks winkte ihm zu und gesellte sich auf ihrem Weg zu den Aufzügen zu ihm.
„Frohes Neues Jahr, Tonks!", begrüßte Arthur sie und fügte gleich hinzu, „Wobei es so froh ja nun nicht anfängt, kann man wohl sagen."
– „Ja, Frohes Neues, Arthur.", antwortete Tonks mit gedämpfter Stimme.
Mr Weasley seufzte laut. „Schon die zweite Anhörung, zu der ich komme, in etwas mehr als sechs Monaten. So kann das nicht weitergehen."
Sie nickte gequält. „Warum musst du aussagen?"
– „Als Sachverständiger in Fragen zu Muggelartefakten. Bin nur überrascht, dass Billius nicht hier ist, wo er doch alles gesehen hat."
Darauf erwiderte Tonks nichts. Sie war sich nicht sicher, wieviel Bill seinem Vater erzählt hatte. In Gedanken ging sie immer wieder den vermeintlichen Ablauf ihrer Silvesternacht durch: Sie hatte mit Bill in ihrer gemeinsamen Wohnung gefeiert, er konnte das bestätigen. Durch Zufall hatten sie das Dunkle Mal entdeckt und er war hingegangen, um zu sehen, ob jemand Hilfe brauchte. Natürlich war es ziemlich unglaubwürdig, dass sie als Aurorin ihn nicht begleitet hatte, doch sie plante, alles auf ihre Intoxikation in besagter Nacht zu schieben. Ihre Reputation im Ministerium wies ohnehin bereits klaffende Risse auf.
Amelia Bones empfing sie mit ihrem gewohnt strengen Blick, der durch das glitzernde Monokel vor ihrem rechten Auge noch verstärkt wurde. Als sie das Büro betraten stellte Tonks erleichtert fest, dass Alastor nicht anwesend war, was vermutlich hieß, dass sie ihn nach Hause entlassen hatten. Falls er nicht stattdessen in irgendeiner feuchten Arrestzelle saß, wo er doch heute einen Termin im St. Mungo hatte …
„Mr Moodys Befragung wurde erfolgreich abgeschlossen.", sagte Amelia Bones, als hätte sie Tonks' Gedanken gelesen. „Bitte, nehmen sie Platz."
Während Arthur und Tonks ihrer Anweisung Folge leisteten, öffnete sich die Bürotür erneut und Dawlish schob sich ins Zimmer. Am liebsten hätte sie laut aufgestöhnt. Natürlich war er nicht weit, wenn es darum ging, Tonks für das ein oder andere Vergehen zur Schnecke zu machen. Sie war heilfroh, dass er nichts gegen sie in der Hand hatte.
Ms Bones räusperte sich. „Lassen Sie uns beginnen." Sie warf einen Blick auf ihre silberne Taschenuhr, als wäre die kleine Versammlung kaum ihre kostbare Zeit wert. „Wir sind hier in der Angelegenheit des bedauerlichen gewaltsamen Todes von Willy Widdershins und eines Muggels." Sie hatten also nicht einmal den Namen des Verstorbenen in Erfahrung gebracht. Tonks fühlte genau, dass der Tod des Muggels in dieser Verhandlung nur zweitrangig war. Wieso war sie überhaupt hier? „Mir liegt die Zeugenaussage von einem Billius Weasley vor, demzufolge drei Todesser und sogar das Dunkle Mal gesichtet wurden." Sie warf Tonks einen prüfenden Blick zu. „Können Sie das bestätigen?"
Unruhig beobachtete Tonks eine verzauberte Schreibfeder, die auf einer Ecke des Schreibtischs unaufhörlich hin und her tänzelte und Protokoll führte, während sie Wort für Wort ihre Lügengeschichte auftischte. „Und ich war, pardon, zu betrunken, um Bill zu begleiten.", schloss sie ab.
Dawlish grunzte verächtlich. Tonks hätte zu gern gewusst, wie er seine Neujahrsnacht verbracht hatte. Vermutlich allein in irgendeiner trostlosen Einzimmerwohnung über den Dächern von London, Zigarre rauchend und griesgrämig.
Nun warf er Ms Bones einen vielsagenden Blick zu und sie wandte sich wieder an Tonks. „Wir haben Grund zur Annahme, dass Sie sich am Tatort aufhielten. Versuchen Sie sich zu erinnern." Tonks setzte eine betont ahnungslose Miene auf und tat als würde sie angestrengt nachdenken.
Sie wusste genau, woher Dawlish wissen wollte, wo sie gewesen war. Mr Ollivander hatte es ihr erklärt: Seltsam, es ist fast so, als sei Ihr Zauberstab mit einer Spur belegt worden. Er meldet automatisch, wo Magie mit ihm ausgeübt wird. Vermutlich hatte Scrimgeour oder auch Dawlish selbst diesen Kontrollmechanismus vornehmen lassen, um immer genau zu wissen, wo Tonks sich herumtrieb. Am liebsten wäre sie sofort in die Aurorenzentrale gestürmt, um sich über diese unerhörte Maßnahme ohne ihre Einwilligung zu beschweren. Doch konnte sie Dawlish natürlich nicht direkt konfrontieren, ohne dass er herausfand, dass an ihrem Zauberstab erneut Änderungen vorgenommen worden waren. Umgekehrt konnte er seine Behauptung, sie sei am Tatort gewesen, nicht beweisen, ohne seine regelwidrige Überwachung zu offenbaren.
Darum legte Tonks nun gelassen grinsend ihren Zauberstab in Amelia Bones' ausgestreckte Hand. Mr Ollivander hatte alle Spuren und Zauber der Silvesternacht verschwinden lassen, sie hatte es selbst probiert. Alles, was Ms Bones finden würde, war der Röstzauber, mit dem Tonks jeden Morgen ihren Toast zubereitete. „Priori Incantatem.", sagte die Ministeriumsbeamtin mit fester Stimme und wie erwartet stieg eine dünne Rauchfahne von der Spitze des Zauberstabs auf und der Duft von frischem Toast verbreitete sich im Büro. Als nächstes folgte eine Reihe gewöhnlicher Haushaltszauber, die von Ratzeputz über Accio zu Reparo reichten. Arthur schmunzelte und Ms Bones starrte wütend zu Dawlish hinüber, der sich verdattert am Kopf kratzte. Als Tonks' Zauberstab begann, funkelnde Tröpfchen seifigen Abwaschwassesr zu versprühen, brach Ms Bones die Beschwörung genervt ab. „Verzeihen Sie, Ms Tonks." Sie erhielt den Zauberstab zurück. „Es scheint alles in Ordnung zu sein. Wenn Sie keine weiteren Hinweise haben, die zur Aufklärung von Mr Widdershins Tod führen könnten, sind Sie frei zu gehen."
Amelia Bones beugte sich über das Protokoll der verzauberten Feder und fügte eigenhändig einige Kommentare hinzu. Tonks war schon drauf und dran, aufzustehen, als ihr die drei Fläschchen voller Erinnerungen einfielen, die immer noch in ihrer Umhangtasche steckten. Nun wäre wohl der passende Moment, um sie unauffällig der magischen Strafverfolgung zuzuspielen. Nicht nur war die enthaltene Information vermutlich sehr kostbar, Tonks hatte auch nicht die leiseste Ahnung, wie sie diese ohne Hilfsmittel lesen sollte. Die Mysteriumsabteilung wäre in dieser Hinsicht bestimmt sehr ergiebig. Doch sie besann sich eines Besseren: Zu groß war das Risiko, doch noch mit dem Fall in Verbindung gebracht zu werden und so Sirius zu gefährden. Außerdem war es offensichtlich, dass es niemanden im Ministerium mehr gab, der ihr zu vertrauen schien. Im Gegenteil, man ließ sie heimlich beschatten, so als sei sie die Verbrecherin! Was würden sie mit den Erinnerungen Willy Widdershins' anfangen? Wieder alles vertuschen, wie es hier so gern getan wurde?
Amelia Bones sah Tonks inzwischen mit hochgezogenen Augenbrauen an, misstrauisch ob der langen Pause. „Gibt es vielleicht etwas, das Sie mir sagen wollen, Ms Tonks?" Ihr Blick war eindringlich und wärmer als zuvor.
Tonks fragte sich zum wiederholten Mal, ob sie ihr vertrauen konnte, schüttelte dann aber doch den Kopf. Ihr Entschluss stand fest. „Nein, Mam, nichts."
