2. Kapitel – Viele Fragen

2.8.1997

Am folgenden Nachmittag fand sich der Orden plus Ginny im alten Stadthaus der Blacks ein. Nach Instruktionen von Hesita Jones, die die Leitung des gemeinsamen Zaubers übernommen hatte, übten sie gemeinsam den Ablauf. Es handelte sich um mehrere verbundene Sprüche, begleitet von komplexen Stabbewegungen, an mehreren Orten im Haus. Die Koordination der großen Gruppe erwies sich als kompliziert. Mrs. Jones führte in der linken Hand einen Taktstock, dessen Ende ein magisches goldenes Leuchten trug, um die Einsatzsignale zu geben. Im zweiten ernsthaften Versuch gelang eine perfekte Ausführung. Hermione spürte wie der Zauber an ihren Kraftreserven sog, heftiger, als sie dies jemals zuvor erlebt hatte, und ein kaum sichtbares Flirren wie von heißer Luft verließ die Zauberstäbe der Teilnehmer, verband sich und durchdrang das Haus. Doch dann brach die Verbindung plötzlich ab und nur eine Müdigkeit wie nach schwerer Arbeit blieb zurück. Sie waren gescheitert: Ohne Snape ließ sich der Fideliuszauber offensichtlich nicht brechen.

Das Trio um Harry beschloß, dennoch zu bleiben, zumindest für einige Tage. Nachdem sich die meisten verabschiedet hatten, präparierten sie mit Bills Unterstützung das Haus mit Schutz- und Alarmzaubern. Molly brachte Lebensmittel herüber und begann zu kochen: Die Weasleys und ihre beiden Beinahe-Adoptivkinder wollten gemeinsam zu Abend essen. Remus, Tonks und Moody, der nach Dumbledores Tod die Leitung des Ordens übernommen und auch einige Zauber zur neuen Sicherung des Hauses beigesteuert hatte, blieben ebenfalls. So versammelte sich eine große und doch recht stille Runde um den Küchentisch.

„Mir ist nicht wohl dabei, daß ihr hierbleibt", versuchte Molly zum wiederholten Mal, die Drei umzustimmen. Harry öffnete den Mund, doch Bill sprach schneller:

„Laß gut sein, Mum. Das Haus ist so sicher, wie es sein kann. Selbst wenn Snape jemanden hierherführt, haben sie genug Zeit, zu entkommen. Außerdem weiß niemand außer uns, daß sie hier sind, und sie wurden erst gestern Abend beim Fuchsbau gesehen."

Mollys Antwort war ein „Humpf" und eine sorgenvolle Miene.

„Was habt ihr eigentlich jetzt vor?" fragte Arthur.

Harry spielte nervös mit einer Gabel. Hermione beschloß, ihm zu helfen.

„Wir wollen die Bibliothek durchsehen. Vielleicht ist hier etwas dabei, das uns mit Dumbledores Auftrag hilft."

Inzwischen hatte Harry zu einer Entscheidung gefunden.

„Ich will nach Godrics Hollow. Gestern Abend habe ich erfahren, daß Dumbledore dort aufgewachsen ist und daß Bathilda Bagshot seine Nachbarin war und noch immer dort lebt. Vielleicht können wir etwas herausfinden, das uns hilft, seine Hinweise besser zu verstehen."

„Ich kenne den Ort noch recht gut und kann euch einen Plan zeichnen", bot Remus an. „Wißt ihr, wie ihr hinkommt?"

„Das wollten wir uns noch überlegen…"

„Um hinzuapparieren müßtet ihr schonmal dort gewesen sein", grummelte Moody. „Ihr könntet per Kamin in den ‚Drachenzahn' reisen, das ist der Pub dort. Aber wenn auch nur einer von euch in dem Dorf die Nasenspitze zeigt weiß der Feind sofort bescheid. Ihr müßtet sehr schnell sein, falls sie doch noch beschließen, daß sei euch besser festsetzen. Oder unauffällig. Am besten beides."

„Vielsafttrank", warf Hermione ein. „Geeignete Haare sollten sich in London finden lassen. Dann können wir auch einfach in den Pub reisen, oder den Fahrenden Ritter nehmen."

„Du hast Vielsafttrank? Woher?" Ron sah sie mit großen Augen an.

Ginny verdrehte die Augen. „Sie hat ihn letzten Monat in unserem Zimmer gebraut. Vielleicht solltet ihr mehr miteinander reden." Beißender Sarkasmus lag in ihrer Stimme.

Hermione spürte wie die Wärme in ihre Wangen kroch und haßte es, so leicht rot zu werden. Remus rettete sie:

„Perfekt vorbereitet. Das sollte funktionieren."

Auch Moody nickte anerkennend.

„Wenn ihr endlich damit herausrückt, was ihr tun sollt, können wir euch dabei helfen", bohrte der ehemalige Auror weiter.

„Ich habe versprochen, mit niemandem außer Ron und Hermione darüber zu reden." Harry klang angestrengt und genervt: Diese Erklärung hatte er schon unzählige Male abgegeben.

„Er ist plötzlich verstorben, wahrscheinlich ohne dir vorher alle Informationen geben zu können."

„Trotzdem." Harry blieb standhaft.

Hermione hatte ein Schnauben unterdrücken müssen. Der alte Geheimniskrämer hätte schon viel früher und deutlicher erklären können, was genau sie tun sollten und vor allem wie. Doch er hatte es vorgezogen, in Rätseln und häufig gar nicht zu sprechen. Und nun standen sie da mit ihrem Halbwissen.

Das Gespräch wandte sich leichteren Themen zu, und bald darauf waren die Teller leer. Man räumte gemeinsam ab und Molly zeigte den dreien noch einmal, wie sie Lappen und Schwamm behexen konnten, um sich den Abwasch zu erleichtern. Dann ließ man sie allein.

Sie brachten ihre Taschen nach oben und richteten sich ein. Harry schlief im selben Zimmer wie bei seinen vorigen Aufenthalten, allerdings ohne Rons Gesellschaft: Der zog mit zu Hermione in das Zimmer, das sie mit seiner Schwester geteilt hatte. Sie sprachen nur noch wenig an diesem Abend. Es war ein langer Tag gewesen und der fehlgeschlagene Zauber ein paar Stunden zuvor hatte sie regelrecht leergesogen. Bald lag Stille über dem Haus.

Die beiden folgenden Tage vergrub sich Hermione in der Bibliothek, während die beiden Jungen im nichtmagischen London unterwegs waren. Sie hatten den Auftrag, Haare von Muggeln zu sammeln, in ordentlich beschrifteten Tütchen und mit Notizen zu den jeweiligen Personen. Daß die Hexe darauf bestand, Informationen zu sammeln und korrekt zuzuordnen, hatten die beiden Zauberer mit Gemoser quittiert. Doch ihrem Argument, daß es sinnvoll wäre, vorher zu wissen, in wen man sich verwandelt und eine passende Erscheinung für die Expedition auswählen zu können, konnten sie nichts entgegensetzen.

Inzwischen war es Sonntagabend. Das Haus beherbergte eine Sammlung von einem Dutzend Haarproben und Lebensmittel für eine Woche. Hermione hatte etliche Bücher erfolglos durchsucht und mehrere Stapel errichtet, die sie noch durchgehen wollte. Dazu kamen weitere mit Büchern, die zwar nichts über Horcruxe enthielten, aber Informationen zu Flüchen oder Sicherungszaubern, mit denen sie sich später beschäftigen wollte. Kreacher hatte schimpfend versucht, sie wieder in die Regale zu räumen, bis Harry es ihm verboten hatte.

Kreacher… Sie fragte sich, wann der Hauself wohl zurückkehren würde. Am Samstag Nachmittag war Harry hinauf zu Sirius' altem Zimmer gestiegen und dabei war ihm ein Namensschild an einer anderen Tür aufgefallen: Regulus Arcturus Black. Sirius' kleiner Bruder. War das jener geheimnisvolle R.A.B, der das Medaillon ausgetauscht hatte? Er hatte Voldemort die Treue geschworen, wie sie von Sirius wußten. Hatte er sich gegen seinen Meister gewandt?

Sie hatten Kreacher befragt, der zunächst keine Auskunft über seinen geliebten Meister geben wollte, schon gar nicht den drei verachtenswerten Gestalten, die ihm gegenübersaßen. Glücklicherweise hatte Hermione zuvor Harry beiseitegenommen und verlangt, nett zu dem Elfen zu sein. Harry hatte nur widerwillig zugestimmt, sich aber doch um eine freundliche und höfliche Tonlage bemüht, als er seine Anweisung aussprach. Er hatte sogar das Wörtchen „Bitte" benutzt.

Kreacher hatte sich sehr dagegen gesperrt zu erzählen, was mit Regulus geschehen war. Erst als Harry ihm die Fälschung und die Nachricht gezeigt hatte, war er in Tränen ausgebrochen und hatte von den Expeditionen in die Höhle berichtet. Von der ersten mit Voldemort, von der er nur zurückkehren konnte, weil Regulus ihm das befohlen hatte. Von der zweiten, bei der sein geliebter Meister verlangt hatte, ihn zurückzulassen und das Medaillon zu zerstören. Daß es ihm in all den Jahren nicht gelungen war, diese Anweisung auszuführen. Und daß eben jenes Medaillon im letzten Jahr gestohlen worden war. Harry hatte Schimpfworte und Verwünschungen gebrüllt daß es in der Küche hallte, als er in der Beschreibung des Diebs Mundungus erkannt hatte. Am Ende hatte Kreacher zitternd am Boden gelegen. Als sie ihm erklärt hatten, daß sie das Medaillon zerstören wollten, so wie es Regulus gewollt hatte, hatte der Elf sich sofort angeboten, nach dem zwielichtigen Zauberer zu suchen. Seither war er verschwunden.

Hermione legte gerade einen weiteren Band auf den Aufräumstapel und sah auf ihre Armbanduhr. Nach elf Uhr abends. Kein Wunder, daß ihre Augen brannten. Es wurde langsam Zeit, zu Bett zu gehen. Sie massierte sich die Schläfen und überlegte, ob sie noch irgendetwas dringend an diesem Abend erledigen mußte als, gedämpft durch die Tür, Walpurga Blacks Kreischen erklang. Was haben sie denn jetzt angestellt? Mit einem Kopfschütteln griff sie nach dem nächsten Buch. Sollten die Jungs sich doch selbst um das Portrait kümmern, wenn sie es geweckt hatten.

Die Schreie erstarben rasch, doch gleich darauf wurde die Tür zur Bibliothek aufgerissen. Ron steckte den Kopf herein.

„Komm in die Küche. Tonks ist hier, es ist wichtig."

Sie ließ alles liegen und folgte ihm nach unten.

Als sie in der Küche ankamen verteilte Harry gerade Zitronenlimonade. Tonks, in ihrem geliebten Weird Sisters-T-Shirt und heute mit neongrünen Haaren, saß bereits am Tisch und zog gerade eine Keksdose aus ihrem Rucksack.

„Die hat meine Mutter mir mitgegeben. Da seid ihr ja, hallo Hermione", wandte sie sich an die Neuankömmlinge. Trotz der offensichtlichen Freude darüber, daß bei ihnen alles in Ordnung war, wirkte sie angespannt. Ihr Lächeln war nicht so breit wie sonst, die Stimme ein Wenig zu froh und locker, und sie sah irgendwie müde aus. Hermione umarmte sie kurz.

„Ist was passiert? Ron sagte, es wäre wichtig?" fragte die jüngere Hexe, als alle auf ihren Stühlen saßen.

„Das kann man wohl sagen. Moody hätte mich am liebsten mit noch zwei Leuten begleitet, weil er Angst hatte, daß Snape jetzt eine Horde Death Eater zu euch führt…"

„Was, warum gerade jetzt?" platzte Ron dazwischen. Seine Stimme lag irgendwo zwischen Verwunderung und Entsetzen.

„Weil es einen Wechsel an der Spitze des Ministeriums gibt. Vor etwa einer Stunde wurde Minister Scrimgeor ermordet. Sie haben ihn und seine Familie in seinem Wohnhaus getötet, und auch die vier Auroren, die den Zaubereiminister schützen sollten. Als die Verstärkung eintraf war alles vorbei. So schnell, wie es ging und nach den Spuren im Haus müssen es mindestens zehn Death Eater gewesen sein."

Drei verschiedenen Schreckenslauten folgte Schweigen.

„Und jetzt?" fragte Ron schließlich.

„Es wird einen neuen Minister geben. Und weil Er nach allem was wir wissen Leute an wichtigen Stellen sitzen hat wird es jemand werden, der Ihm paßt. Wir alle müssen vorsichtig sein. Es ist gerade nicht abzusehen, wie es weitergehen wird."

„Mist!" platzte Harry heraus. „Woher weißt du das, warst du dort?"

„Nein, Kingsley war unter denen, die helfen sollten, aber nur noch Spuren sichern konnten. Ich hab Schreibtischdienst." Beim letzten Satz zeigten Gesicht und Stimme deutlich, daß ihr das gegen den Strich ging.

„Wieso das denn?" wollte Ron wissen.

Bei dieser Frage legte sich ein zartes Lächeln auf das Gesicht der Hexe: „Es ist eigentlich noch zu früh, aber… Ich bekomme ein Kind."

Hermione ließ ein erfreutes Qietschen hören. „Oh, herzlichen Glückwunsch!" Sie umarmte die ältere.

Die Jungen starrten sie mit aufgeklappten Mündern an. „Gratuliere", stammelte Harry schließlich. Ron nickte.

„Ich freue mich unheimlich, aber leider behandeln mich alle, die Bescheid wissen, wie ein rohes Ei. Ich bin doch nicht krank!"

„Natürlich nicht", beschwichtigte Hermione. „Aber dich nicht kämpfen zu lassen ist durchaus vernünftig."

„Hmmpf."

„Erstaunlich, daß Moody dich hierhergelassen hat. Er ist die Übervorsicht persönlich." Ron hatte die Sprache wiedergefunden.

„Ja, es gab Diskussionen, und ich sagte ja schon, daß er eine Eskorte mitschicken wollte. Bill hat ihn überzeugt, daß die Schutzzauber reichen."

„Was ist mit Remus? Der muß doch völlig aus dem Häuschen sein", wechselte Hermione das Thema.

„Er sorgt sich, daß das Kind auch ein Werwolf sein könnte."

„Geht das denn überhaupt? Eine Krankheit, die ansteckend und erblich ist?"

„Warum nicht?"

„Bei nichtmagischen, glaube ich, nicht… Und eine Übertragung während der Schwangerschaft geht nur, wenn die Mutter krank ist." Das Konzept krankmachender Mikroben schien in der magischen Heilkunde noch recht exotisch zu sein.

„Hmm. Ich weiß es nicht, und wahrscheinlich könnte uns auch ein Heiler nicht mehr sagen. Lykanthropie ist kaum erforscht. Werwölfe werden am Rand gehalten und behandelt, als wären sie ständig gefährliche Tiere, aber ansonsten interessiert sich kaum jemand für sie. Eigentlich erstaunlich, daß Belby sich lange genug dafür begeistern konnte, um den Wolfsbanntrank zu entwickeln. Der ist wirklich hilfreich, aber leider schwer zu bekommen."

Hermione nickte. Sie spürte wieder die alte Wut über die Ignoranz der magischen Gesellschaft, doch merklich abgekühlt durch Resignation. Es war einfach zu oft, zu viel, und solange dieser Fanatiker sein Unwesen trieb konnte sie ohnehin nichts tun, um die Verhältnisse zu ändern. Schmerzhafter war die Hilflosigkeit: das nichts tun können, weder an den Gesetzen, noch an den Einstellungen der Leute. Nichteinmal den Wolfsbann brauen konnte sie. Sie hatte das Rezept herausgesucht und sorgfältig studiert und mußte zähneknirschend zugeben, daß es ihre Fähigkeiten überstieg. Sie konnte die zeitlichen Abläufe nicht bewältigen. Es mußten Zutaten frisch vorbereitet werden, während die Bearbeitung des Trankes selbst nur kurze Pausen zuließ. Sie war einfach nicht schnell genug. Bei weiteren Recherchen hatte sie herausgefunden, daß nur sehr wenige Meister diesen Trank allein brauen konnten. Die meisten, die sich daran wagten, hatten einen Assistenten, der ihnen zuarbeitete. Leider brauchte auch dieser Assistent ein hohes Maß an Geschick und Sorgfalt, sodaß Harry und Ron dafür nicht infrage kamen. Sie hatte das Projekt aufgeben müssen, und das ärgerte sie.

Gemeinsam beschlossen sie, mit dem Ausflug nach Godrics Hollow ein paar Tage zu warten und zu beobachten, wie sich die Lage entwickeln würde. Ständige Wachsamkeit und Fluchtbereitschaft mußte für die nächste Zeit selbstverständlich sein. Hermione würde wieder stets den Rucksack in Griffbereitschaft haben, mit dessen Inhalt sie mindestens einen Monat in der Wildnis überleben konnten. Sie diskutierten kurz, ob Nachtwachen nötig wären, doch die Schutzzauber waren gut genug, um sie rechtzeitig zu wecken und Eindringlinge lange genug hinzuhalten. Sie legten fest, daß Hermione sie alle gemeinsam fortapparieren würde. Sie hatte von den Wanderausflügen mit ihren Eltern genügend Orte im Kopf, an denen sie fern von Menschen zelten konnten. Bald darauf verabschiedete sich Tonks, mit dem Versprechen, sie auf dem Laufenden zu halten.

„Noch etwas", sagte sie zum Abschied. „Wenn Schlangengesicht tatsächlich Kontrolle über das Zaubereiministerium erlangt, hat er auch Zugriff auf dessen Überwachungsmöglichkeiten. Das Ministerium kann erkennen, wenn in Gebieten, in denen sonst nicht gezaubert wird, plötzlich starke magische Aktivitäten stattfinden. Und es kann Personen orten, die bestimmte Schlüsselwörter benutzen. Seid vorsichtig mit dem Namen unseres Feindes. Der Name unseres ehemaligen Schulleiters ist auch eine recht wahrscheinliche Wahl, sobald weniger über ihn berichtet wird. Wenn ich etwas Genaues erfahre lasse ich es euch wissen."

Damit war sie aus der Tür.

5.8.1997

„Was liest du da?"

Hermione war in die Küche gekommen um sich einen Tee zu kochen und hatte Harry vorgefunden. Er saß am Tisch und las während ein paar Schritte weiter zwei Töpfe auf dem Herd vor sich hinblubberten. Auf ihre Frage sah er auf und hielt das Buch so, daß sie den Titel lesen konnte. Es war Kimmkorns Dumbledore-Biographie.

„Wo hast du das her?"

„Mollys Tante, wie hieß sie? Muriel? Das rosa Grauen? Sie hat es mir praktisch aufgedrängt. Ich weiß daß Kimmkorn gern übertreibt und auch Dinge erfindet. Aber ich habe trotzdem gehofft, daß ich vielleicht über irgendetwas Nützliches stolpere."

Hermione nickte. Sie hatten bisher wenig Ansatzpunkte. Allerdings fiel ihr jetzt auch auf, daß die Lektüre ihren Freund ziemlich mitgenommen hatte. Seine Haare standen noch wirrer zu Berge als sonst, als hätte er viel darin herumgewühlt, und seine ganze Haltung wirkte verspannt. Er sprach weiter, einen Hauch von Verzweiflung in der Stimme:

„Inzwischen weiß ich nicht mehr, was ich noch glauben soll. Wußtest du daß seine Mutter eine muggelstämmige Hexe war? Trotzdem scheint es eine sehr düstere Familie gewesen zu sein. Der Vater wurde nach Azkaban geschickt weil er zwei Muggelkinder verflucht hat. Danach ist die Mutter mit den Kindern nach Godrics Hollow gezogen. Professor Dumbledore hatte einen jüngeren Bruder und eine noch jüngere Schwester, aber die wurde versteckt. Sie durfte nicht nach Hogwarts und die Mutter hat sie nur nachts in den Garten gelassen. Hier steht, daß sie sich geschämt hätte, weil die Kleine ein Squib war und sie deshalb eingesperrt hat. Das ist doch gruselig!"

„Was steht da genau?"

Harry suchte die Passage für sie heraus und sie überflog den Text. Derweil sprach ihr Freund weiter:

„Es gibt Briefe von Professor Dumbledore aus der Zeit um seinen Schulabschluß in denen er eine Gesellschaft beschreibt, in der Zauberer über Muggel herrschen. Das paßt zu seiner Familie, aber überhaupt nicht dazu wie wir ihn kennen. Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, daß er mir etwas sehr wichtiges nicht gesagt hat. Aber wenn ich ihm nicht trauen kann, wem dann? Er hat die Wahrheit gesagt als das Ministerium sie unterdrücken wollte, er hat mir geglaubt, als mich alle für einen Lügner gehalten haben. Und er hat gehandelt als alle das Problem unter den Teppich kehren wollten. Wahrscheinlich stimmt nichtmal die Hälfte von dem, was in diesem Buch steht, aber trotzdem habe ich das Gefühl, daß etwas nicht in Ordnung ist."

„Beruhige dich. Wir sortieren das erstmal. Wir wissen nicht genau, was damals passiert ist. Der Vater war in Azkaban. Die Mutter hat das Mädchen versteckt und angegeben, sie sei krank. Alles andere ist Spekulation. Und selbst wenn das, was Kimmkorn sich zurechtgesponnen hat, stimmt, sagt es noch nichts über Professor Dumbledore. Die Ideen, die er damals hatte… Das ist ewig her. Gut möglich, daß er davon abgekommen ist, vielleicht aber auch nicht und alles was wir kennen war Fassade. Du kanntest ihn besser als ich. Was wir wissen ist, daß er sich nicht zu schade war, uns, seine Schüler, und vor allem dich zu manipulieren um seine Ziele zu erreichen. Und daß er dir immer wieder bewußt wichtige Informationen vorenthalten hat."

Harry nahm mit einem Laut der Frustration die Brille ab und rieb sich die Augen.

„Ich bin sicher, daß er Vol"-

„Stop!", unterbrach ihn die Hexe. Er rollte mit den Augen und sprach weiter.

„…daß er Tom endgültig besiegen wollte. Ich weiß nur nicht, was er vielleicht darüber hinaus vorhatte."

„Und welche Rolle genau er uns, dir, zugedacht hat. Ich denke, die ganze Sache hat einen Pferdefuß."

Sie schwiegen eine Zeitlang. Harry sah nach dem Suppenhuhn und nahm die Kartoffeln vom Feuer. Ron kam dazu und begann gemeinsam mit Hermione den Tisch zu decken.

„Wenn wir nach Godrics Hollow gehen will ich mit Bathilda Bagshot reden", sagte Harry schließlich. „Kimmkorn schreibt, daß sie ihr diese Dinge erzählt hat. Ich will wissen ob das stimmt. Und vielleicht weiß sie wo wir noch nach Hinweisen suchen können, wo er etwas versteckt haben könnte."

Hermione nickte, während sie den Tee aufgoß. „Gute Idee. Ich schaue noch mal in das Buch. Es muß einen Grund haben, daß er es uns hinterlassen hat."

„Das Gedichtbuch?" fragte Ron.

„Ja. Es ist eine sehr eigentümliche Mischung. Gedichte über Träume, sich wandelnde Gedanken, das Ich als Summe seiner Erinnerungen. Naturbeschreibungen. Wanderer, die Lichtern folgen. Ein Drache, der den Mond verschluckt, doch am Ende war es nur die Flamme einer Lampe. Ich werde nicht schlau daraus."

Ron zuckte mit den Schultern. „Der Deluminator ist viel praktischer."

Inzwischen war ihr die Turnhalle ein zweites Zuhause geworden. Sie war jeden zweiten Tag hier, und es tat ihr gut. Die Bewegung brachte ihren Geist zur Ruhe, die vertrauten Abläufe und Geräusche halfen gegen die Aussichtslosigkeit. Sogar die Erschöpfung und den Muskelkater empfand sie mittlerweile als angenehm. Ihre Mutter hatte ihr einen Heiltrank empfohlen, der ihr half, sich rascher zu erholen – sonst hätte sie wohl kaum so oft in der Halle sein können. Jetzt brauchte sie nur noch ein Viertel der Dosis, mit der sie begonnen hatte. Sie hatte sich rasch wieder zurechtgefunden, trotz der Jahre, in denen sie nur selten hier gewesen war. In den verschiedenen Übungsgruppen war sie mittlerweile ein gern gesehener Gast. Man respektierte sie für ihre Ausdauer und schätzte ihre Anpassungsfähigkeit. Ihr Körper schien sich an Dinge zu erinnern, die ihr Kopf schon längst vergessen hatte. Jetzt, nach etwas über der Hälfte der Sommerferien, hatte sie sich fast auf das Niveau zurückgearbeitet, das sie vor ihrer ersten Hogwartsfahrt gehabt hatte und begann, sich neue Techniken zu erarbeiten.

Auch in dieser Trainingseinheit war die Zeit wie im Flug vergangen und die anderthalb Stunden Ablenkung näherten sich dem Ende. Nach dem Abgrüßen ging sie zum Mattenrand und griff nach ihrer Wasserflasche, um zu trinken. Sie war komplett durchgeschwitzt, die dicke Judojacke feucht trotz des T-Shirts darunter. Die kurzen schwarzen Haare klebten an ihrem Kopf. Trinken, duschen, schlafen – mehr will ich heute nicht mehr. Diese Klarheit war es, die sie zum Sport trieb, wann immer sie konnte. Abends, nachdem sie den ganzen Tag über die Zukunft gegrübelt hatte. Ihre Familie verhielt sich neutral. Ihr Vater hatte gegen die Tradition geheiratet, galt aber immerhin nicht als Blutsverräter – zumindest sofern man weder seine Eltern, noch seinen älteren Bruder oder dessen Kinder fragte. Wie lange würde man ihre Eltern, ihre kleine Schwester und sie selbst in Frieden lassen? Und was war mit ihren Großeltern mütterlicherseits? Eine Hexe und ein Muggel, ein Unding für jene, die nun immer mehr an Einfluß gewannen. Sie waren alt, doch würde sie das schützen?

„Das war wirklich gut, Millie. Du lernst wirklich schnell, und dabei warst du so lange kaum da. Bleibst du jetzt?"

Nicholas, an den sie sich noch aus der Kindergruppe erinnert hatte. Er hatte sie bei ihrem Neubeginn unterstützt und war stolz auf ihre Fortschritte. Allerdings wurde es langsam schwierig, ihn auf Abstand zu halten, immer wieder Gründe zu finden, warum sie ihn nicht außerhalb des Trainings treffen konnte. Muggel gehören in die Turnhalle. Doch sie übte gern mit ihm und versuchte deshalb, stets freundlich abzusagen.

„Das wird nichts", antwortete sie nun. „In vier Wochen fahre ich wieder ins Internat."

„Schade. Kannst du dort wenigstens weiter trainieren?"

„Leider nicht. Das Sportangebot ist sehr begrenzt. Ich komme in den Ferien vorbei, wenn da jemand in der Halle ist."

„Das läßt sich einrichten. Bist du sicher, daß das die richtige Schule für dich ist?"

„Ja, bin ich", sagte sie mit einem verschmitzten Lächeln. Du hast ja keine Ahnung…

„Hast du nachher noch Zeit?" fragte er.

Sie drehte die Flasche zu und schüttelte den Kopf. „Nein, ich muß nach Hause. Bis Mittwoch." Damit verschwand sie in der Umkleide.

Als sie etwas später frisch geduscht und in bequemer Kleidung die Turnhalle verließ, wurde sie bereits erwartet. Die ältere Dame, die beim Ausgang stand, erspähte sie sogleich und winkte ihr zu. Ihr Gesicht war sorgenvoll. Kälte floß Millicents Nacken herab und ihr Magen bildete einen Knoten. Da mußte etwas passiert sein. Sie begann zu rennen und war mit wenigen langen Schritten heran.

„Granny? Was machst du denn hier?"

„Millie, mein Schatz." Die Großmutter schloß sie in die Arme. Ihre Stimme zitterte leicht. „Wir müssen sofort nach London. Dein Vater liegt im Krankenhaus."

Spät am Abend saß das Trio in der Bibliothek von Grimauldplace Nr. zwölf. Hermione brütete in einem Lesesessel über Büchern, die sie mit einer Mischung aus Faszination und Ekel erfüllten. Die Jungen saßen ihr gegenüber und unterhielten sich leise. Plötzlich erlosch das Licht. Schon wieder.

„Ron, hör endlich auf mit dem Ding zu spielen!"

„Sorry!" Ein Klicken ertönte und die Lampen erwachten wieder.

„Wir müssen herausfinden, ob der Deluminator mehr kann als Licht einfangen", erklärte Harry. „Vielleicht steckt eine Botschaft darin."

Nicht schon wieder. Der allwissende Dumbledore, der im Leben so knauserig mit Informationen war, führt uns nun nach seinem Tod noch zum Ziel.

„Von mir aus", sagte sie laut. „Aber bitte nicht hier. Und wenn ihr schon dabei seid, nehmt das Buch mit."

„Die olle Gedichtsammlung? Das ist deine Sache, Bücherwurm." Ron wandte sich an Harry: „Gehen wir in die Küche? Ich krieg wieder Hunger."

Er gab Hermione einen Kuß auf den Kopf, der sie ein wenig mit seiner Unbedachtheit und der Bemerkung versöhnte. Doch ein bitterer Nachgeschmack blieb: Sie war so oft für ihre Liebe zu Büchern verspottet worden, selbst von ihren Freunden, daß es ihr schwerfiel, den Spruch als Scherz zu nehmen.

Gerade als die beiden Zauberer die Tür erreichten, klopfte etwas gegen eines der Fenster. Harry eilte hin, spähte, beschattet vom samtenen Vorhang, hinaus und ließ eine Sumpfohreule ein. Ron erkannte sie als den Vogel seines ältesten Bruders. Das Tier brachte den Tagespropheten vom Morgen desselben Tages. Es ließ sich die Zeitung von dem Zauberer abnehmen, den es als Teil der Familie erkannte, und nahm von ihm einen Eulenkeks entgegen. Offenbar war es mit der Sorte „Maus" zufrieden. Die Eule ließ einen kurzen Ruf ertönen und flog davon. Hermione legte den uralten Wälzer beiseite, den sie gerade durchsuchte.

Inzwischen hatte Ron die Zeitung auf dem Tisch ausgebreitet. Die Titelseite zeigte ein Bild von Rufus Scrimgeor mit der Schlagzeile „Zaubereiminister tödlich verunglückt" und dem Hinweis auf den Artikel auf Seite eins.

„Seht euch das an: ‚Wir betrauern den Tod unseres Zaubereiministers Rufus Scrimgeor. Er starb gestern bei einem tragischen Unfall' – Unfall? Und die meinen, das kaufen die Leute ihnen ab?"

„Lies weiter", sagte die Hexe.

„…einem tragischen Unfall, dem auch seine Frau und seine vierzehnjährige Tochter zum Opfer fielen. Zum Nachfolger wurde Pius Thicknesse ernannt, vormals Leiter des Aurorenbüros. Seine erste Anordnung war eine offizielle Trauerfeier für die Scrimgeors…"

Gemeinsam lasen sie den Artikel. Nirgends gab es Details des Geschehens, stattdessen ausgiebige Würdigungen. Die Möglichkeit, daß es ein Mord gewesen sein könnte, wurde gar nicht in Betracht gezogen. Keine Untersuchungen, nur Trauer und eine möglichst rasche Übernahme der Amtsgeschäfte durch den Nachfolger. Die drei legten die Zeitung beiseite und sahen einander ungläubig an.

„Diese Lügner! Es gab einen Putsch und niemand soll es wissen!" Harry schnappte sich die Zeitung und warf sie gegen die nächste Wand.

„Daß der Tagesprophet lügt ist doch nichts wirklich neues, nur das Ausmaß ist… gruselig." Hermiones Blick lag auf der Stelle, an der die Zeitung an die Wand geklatscht war, bevor sie zu Boden fiel.

„Und was ist mit den Auroren, die am Tatort waren?", fragte Ron in den Raum.

„Die sind zur Verschwiegenheit verpflichtet, sonst verlieren sie mindestens ihre Stelle", antwortete Hermione.

„Und daß es leicht ist alle, die unliebsame Wahrheiten erzählen, als unglaubwürdig oder gefährlich darzustellen, haben wir auch schon gesehen", ergänzte Harry voll Bitterkeit. „Das gilt auch für die Familien der getöteten Auroren."

Schweigen hüllte sie ein. Nach einer halben Minute sprang Harry auf und verließ die Bibliothek. Sie hörten das Tappen seiner Füße: er lief die Treppen auf und ab, rannte den Frust heraus. Wie ein Tier im Käfig. Aber was soll er auch sonst tun? Wir können es nicht ändern, zumindest nicht sofort. Sie setzte die Zeitung in Brand, dann lehnte sie sich an Ron, der sie in die Arme schloß. Wenigstens für den Rest des Abends wollte sie diesen ganzen Wahnsinn vergessen, und offenbar hatte er die gleiche Absicht.

6.8.1997

Hallo Mum und Dad,

ich hoffe ihr seid gut angekommen und habt euch eingerichtet. Mir geht es gut, im Moment sind wir in Sicherheit. Wir glauben, daß der Finsterling Anfang August das Ministerium übernommen hat. Wir warten ab und beobachten, was weiter passiert. Ich bin froh, daß ihr weit weg seid.

Euer Schatz

Hermione atmete auf als sich die Tür hinter ihr schloß. Sie hatte es geschafft. Ihr Ausflug in die Stadt war ohne Zwischenfälle verlaufen und sie war sicher, daß ihr niemand gefolgt war. Nun umgaben sie wieder die Mauern des Hauses und die daran gebundenen Schutzzauber.

Sie öffnete die Küchentür. Die beiden Jungen saßen am Eßtisch, zwischen sich ein halb abgeräumtes Schachbrett. Es sah recht traurig für Harry aus. Sie lächelte verstohlen. Im Schachspiel war Ron kaum zu schlagen.

Besagter Zauberer hatte beim Knarzen der Tür den Kopf gehoben. Nun sprang er auf um ihr entgegenzukommen. „Wo warst du so lange?" Besorgnis lag in seiner Stimme, doch überlagert von Vorwurf. Er hatte laut gesprochen, sie beinahe angeschrien.

„Einkaufen, so war es doch ausgemacht." Sie hatte in einem Muggelsupermarkt Lebensmittel besorgt, dankbar dafür, daß ihre Eltern ihr Konto vor der Abreise noch großzügig aufgefüllt hatten. Davon konnten sie eine ganze Weile leben, wenn sie sparsam damit umgingen.

„So lange?"

Sie rollte mit den Augen. „Danach war ich noch kurz in einem Internetcafé."

„Du solltest einkaufen, keinen Kaffee trinken! Wenn dich jemand gesehen hätte!" Jetzt brüllte er tatsächlich.

Hermione atmete bewußt ein und aus, um ruhig zu bleiben. Ein Mißverständnis, kein Grund, ebenfalls an die Decke zu gehen. Harry begann bereits zu lachen.

„Dort kann man elektronische Eulen verschicken. Ich habe meinen Eltern mitgeteilt, daß ich noch am Leben bin."

Das kühlte den Ärger des Zauberers ab. „Sag das nächste Mal Bescheid, okay?"

„Mach ich."

„Oder schick ihnen einfach einen Patronus."

„Während sie vielleicht gerade auf Arbeit sind? Oder Besuch haben? Außerdem weiß ich gar nicht, ob das über diese Entfernung funktioniert."

„Dann halt nicht. Sei nur vorsichtig." Er wandte sich den Tüten zu, die sie beim Eintreten aus ihrem Endlosrucksack geholt hatte. „Was gibt's zu essen?"

Sicheren Schrittes trat Millicent aus dem Kamin. Von wegen, Körperbeherrschung ist zu nichts nütze! Die Asche war rasch abgestaubt und sie sah sich im Tropfenden Kessel um. Das Gasthaus war recht gut besucht, allerdings nicht so voll wie man um diese Zeit erwarten würde. Sie ging zur Bar und ließ sich ein Butterbier geben, dann ließ sie den Blick durch den Raum wandern, um den Klassenkameraden zu suchen, mit dem sie verabredet war. Sollte sie achtgeben, daß man sie nicht gemeinsam sah? Aber warum? Immerhin gingen sie gemeinsam zur Schule, waren im selben Haus. Und bisher hatte sie noch niemanden entdeckt, den sie kannte. Und von hinten halten sie mich sowieso für einen dicken Jungen. Der Eindruck wurde dadurch verstärkt, daß sie kein Kleid oder eine lange, taillierte Damenrobe trug, sondern die kurz und gerade geschnittene Variante, die man oft an Kindern sah, davon abgeleitete Kleidungsstücke gelegentlich auch an Männern. Für Frauen und Mädchen jenseits des zehnten Geburtstags war diese Aufmachung in der Stadt eher ungewöhnlich, aber immernoch weniger auffällig als Muggelkleidung. Vor allem war es bequem, wie sie fand, und wirkte nicht so verzweifelt.

Sie erspähte ihren Klassenkameraden an einem der kleineren, schlecht beleuchteten Tische an der Wand. Er saß entspannt zurückgelehnt vor einem Weinglas und hatte sie offenbar beobachtet. Als sich ihre Blicke trafen, neigte er leicht den Kopf und sie ging hinüber.

Erst als sie den Tisch erreicht hatte und sich setzte fiel ihr auf daß er blasser war als sonst und die Augen in tiefen Schatten lagen. Offensichtlich war sie hier nicht die Einzige mit Sorgen und Problemen. Sie wählte den Stuhl neben ihm, sodaß sie an dem kleinen Tisch über Eck saßen und sie sowohl ihrem Gesprächspartner ins Gesicht sehen, als auch unauffällig große Teile des Schankraumes überblicken konnte.

„Hallo Theodore. Schön, daß du Zeit hast."

Er nickte ihr zu und legte dann den Kopf leicht schräg.

„Du hast dir die Haare abgeschnitten", sagte er sachlich.

„Ist praktischer." Sie zuckte mit den Schultern. „Du hast deine wachsen lassen."

„Angemessen" war sein Kommentar. „Ich war lange genug allein für mich verantwortlich", setzte er leise nach. Ihr Blick fiel kurz zu seiner rechten Hand, wo sie tatsächlich einen Ring entdeckte. Einen Siegelring, wie ihn die Kinder der Familien, die diesen Brauch noch pflegten, mit Erreichen der Volljährigkeit erhielten. Vermutlich tragen nächstes Schuljahr die meisten in meinem Haus so einen Ring. Den mußte er von seinem Vater bekommen haben, was zu der Formulierung paßte, die ihr nicht entgangen war.

„Warst? Ist dein Vater wieder draußen?"

„Ja, seit einer reichlichen Woche. Aber meine familiäre Situation ist sicher nicht der Grund aus dem du mich hergebeten hast."

Das erklärte möglicherweise seinen Mangel an Schlaf. Offenbar war deutlich mehr geschehen, als durchsickerte. Die Zeitungen hatten keinen Ausbruch aus Askaban gemeldet. Der Vorfall war der Öffentlichkeit verborgen geblieben, und zwar schon vor dem Amtsantritt des neuen Ministers, wenn sie Theodores Zeitangabe traute. Und sie hatte keinen Grund, das nicht zu tun.

„Nur dein Vater, oder…?" bohrte sie vorsichtig tiefer.

Er lehnte sich etwas näher zu ihr und flüsterte.

„Was glaubst du?"

Sie schloß die Augen und atmete tief durch. Das hatte sie befürchtet. Wenn der Dunkle Lord Einfluß auf Askaban hatte, warum nur einen seiner Anhänger befreien? Sicher waren sie alle draußen. Vielleicht war das sogar die Voraussetzung für den nächsten Schritt gewesen.

„Der Wechsel des Zaubereiministers kam gewissen Leuten entgegen, nicht wahr?"

„Mehr als das." Theodore saß inzwischen wieder gerade auf seinem Platz und betrachtete interessiert sein Weinglas, war ihr dabei jedoch zugewandt. Mit Sicherheit beobachtete er sie. Millicent schwieg eine Weile und sammelte sich. Dann stellte sie die Frage, um derentwillen sie gekommen war:

„Weißt du was vorgestern passiert ist?"

„Ja." Leise, weich, ohne zu offenbaren, wie er dazu stand. Millicent fragte weiter.

„War jemand aus unserer Klasse beteiligt?"

„Nein."

Erleichterung tröpfelte in ihre Seele. Immerhin. Wie hätte sie Draco gegenübertreten sollen, wenn er dabei gewesen wäre, Anweisung oder nicht? Oder Theodore selbst, mit dem sie seit der zweiten Klasse Informationen tauschte?

„Wie geht es ihm?"

Diese Frage überraschte sie. War es Höflichkeit? Echtes Interesse? Versuchte er seinerseits, an Informationen zu kommen? Den letzten Gedanken verwarf sie rasch. Der Dunkle Lord kontrollierte augenscheinlich das Ministerium. Er hatte mit Sicherheit seine Quellen im St. Mungos und brauchte keine Schulkinder, die ihre Klassenkameraden ausfragten, sollte es ihn interessieren, ob die Opfer der von ihm angeordneten Befragungen sich erholten.

„Er ist bei Bewußtsein, aber desorientiert. Die Heiler sagen, er hat gute Chancen, sich zu erholen, aber es wird lange dauern."

Theodore nickte nur. Sie sah Sympathie in seinem Blick und war irgendwie froh, Schweigen statt allgemeiner Ermunterungen zu bekommen.

„Weißt du, warum sie das getan haben?" durchbrach sie nach einigen Augenblicken die Stille.

„Du hast sicher einen Verdacht."

„Wir sind neutral. Aber möglicherweise gefallen ihnen manche von Mums Artikeln und Bekanntschaften nicht." Hier drückte sie sich bewußt vorsichtig aus. Theodore wußte, daß ihre Familie Kontakte in die nichtmagische Welt unterhielt, immerhin hatte er diese auch schon genutzt. Doch sie war nicht sicher, ob er das ganze Ausmaß kannte. Daß ihre Mutter nicht nur über Quidditch, sondern auch über Judo schrieb. Daß sie lange Jahre im Verein ihres Vaters, Millies Großvaters, der zeitweise auch an internationalen Wettkämpfen teilgenommen hatte, trainiert und auch ihre Töchter dorthin gebracht hatte. Daß Millicent selbst nach langer Pause wieder regelmäßig zwischen Muggeln in der Turnhalle stand… Das meiste davon sollte nur in ihrer Familie bekannt sein. Doch Familie war ein guter Ansatzpunkt.

„Hat mein Onkel uns angeschwärzt? Er unterstützt Ihn, nicht wahr? Und er hat uns als Blutsverräter beschimpft und Kontakte zum Widerstand angedichtet."

Theodore nickte. Er schien sich kurz zu besinnen, dann beugte er sich wieder zu ihr. Den Blick hielt er dabei auf die Bar gerichtet, als würden sie Kommentare über die anderen Gäste tauschen. Die Antwort war ein Flüstern:

„Dein Onkel ist ein Gezeichneter, soweit ich weiß schon seit dem ersten Krieg. Und auch sonst vermutest du richtig."

Millicent wurde kalt. Ihr Verdacht hatte sich bestätigt: Sie hatten einen persönlichen Feind unter den Death Eatern. Wahrscheinlich mußte sie dankbar sein, daß ihr Vater überhaupt noch am Leben war.

Unter dem Blick ihres Klassenkameraden wollte sie Ruhe bewahren. Sie hatte sich rasch wieder im Griff, war jedoch sicher, daß er ihr Erschrecken bemerkt hatte.

„Wie geht es Draco?" wechselte sie das Thema.

Theodore zuckte mit den Schultern. „Du brauchst dich nicht um ihn zu sorgen."

„Ich habe gehört, er hat sich von Pansy getrennt?"

„Warum willst du das wissen? Hast du Interesse?" fragte er mit Schalk in den Augen.

Sie gab Geräusch zwischen unterdrücktem Lachen und einem Schnauben von sich. Zum Glück nicht. Draco würde mich nicht mal mit dem Hintern ansehen. Aber hier kam sie offensichtlich nicht weiter. Vielleicht konnte Tracy mehr in Erfahrung bringen.

„Was bin ich dir schuldig?" fragte sie statt einer Antwort.

„Ich suche mal wieder ein Buch."

„Und ich soll Botendienst spielen?" Sie fühlte ein Schmunzeln um ihre Lippen zucken. „Weiß eigentlich irgendwer außer mir, daß du Muggelchemiebücher liest?"

„Nein, und das sollte auch so bleiben."

„Sicher. Was hättest du denn gern?"

„Diesmal würde ich mich gern selbst im Laden umsehen."

Millicent versuchte mit der Hand vorm Mund ihr Lachen zu unterdrücken. Sich Theodore, den sie seit der dritten Klasse in nichts anderem als langen Roben gesehen hatte und von dem sie wußte, daß sein Kontakt zur nichtmagischen Kultur sich auf die Bücher beschränken mußte, mit denen sie ihn versorgte, in einem Muggelgeschäft vorzustellen war einfach zu köstlich. Am besten noch mit seiner Eule auf der Schulter, um das Bild zu vervollständigen… Nein, sie mußte aufhören, daran zu denken. Seine Brauen wanderten immer höher, sodaß sie fürchtete, daß er den Preis wegen Beleidigung hochtreiben würde. Sie räusperte sich.

„Sorry. Das braucht etwas Vorbereitung. Und danach bist du mir was schuldig, das ist mehr Mühe und Risiko als sonst."

„Akzeptabel. Was meinst du mit Vorbereitung? Ist das bis, sagen wir, Übermorgen, zu schaffen?"

„Naja…Du brauchst Britische Pfund. Und auf eine Robe verzichtest du besser, wenn du da draußen nicht zu sehr auffallen willst. Komm einfach nur in Hemd und Hose. Oh, und wir werden noch über deine Wortwahl sprechen müssen…"

Einige Instruktionen später hatten sie sich für neun Uhr morgens im ‚Hippocampus' in Bristol verabredet. Als Millicent sich auf den Heimweg machte, war sie nicht sicher, ob sie sich wegen dieses Ausflugs sorgen oder darüber amüsieren sollte.

7.8.1997

Nach einem reichlichen Frühstück füllte Hermione Vielsafttrank in drei kleine Stahlflaschen. Genug, um damit einige Stunden zu überbrücken. Jeder der drei nahm eine Flasche und ein passendes Haar aus der Sammlung und gab dieses in den Trank. Es zischte aus ihren Flaschen, und dünne Dampffahnen entwichen. Harry trank als erster einen Schluck aus seiner Flasche. Aus Rons Flasche krochen ockerfarbene Blasen. Er verzog das Gesicht über Aussehen und Geruch des Tranks, folgte aber dem Beispiel seines Freundes. Dieser setzte gerade die Brille ab, deren Stärke nicht mehr zu seinen nun blauen Augen paßte. Er hatte mittelbraunes Haar mit grauen Schläfen und Krähenfüße an den Augenwinkeln. Seine Kleider waren ein wenig zu lang, dafür saß der Hosenbund sehr knapp. Ron entwickelte einen blonden Kurzhaarschnitt und einen schwereren Körperbau. Der Mann, dessen Gestalt er angenommen hatte, mochte in seinen Zwanzigern sein.

Hermione zögerte. Zu gut erinnerte sie sich an ihren letzten Versuch mit Vielsafttrank.

„Nun trink schon", versuchte Harry mit nun väterlicher Anmutung sie zu ermutigen. „Es ist ganz sicher ein menschliches Haar."

Sie schaute noch einmal ins Dunkel der Flasche, dann setzte sie diese an und trank einen Schluck. Der Geschmack war beinahe neutral, nur etwas erdig, doch die zähe Konsistenz ließ die würgen. Sie legte die Hand auf den Mund und zwang sich, die Flüssigkeit unten zu behalten. Es fühlte sich an wie beim ersten Mal und doch anders. Ihr Inneres war in Aufruhr, als wollten ihre Därme sich in Knotenmuster legen und auch das scharfe Brennen, das durch ihren Körper kroch, war vertraut. Doch zu ihrer Erleichterung fehlte das Kribbeln des wachsenden Fells. Statt dessen zog sich ihr Körper ein Stück zusammen.

Als sich ihr Leib beruhigt hatte warf sie einen Blick in den Spiegel. Ihre Kleider waren weiter, denn die Frau, deren Gestalt sie trug, war ein wenig zierlicher gebaut als sie. Sie hatte glatte schwarze Haare. Ihre Augen waren dunkler geworden und das Gesicht rund – und das war nur der auffälligste Unterschied zu ihrem eigenen Spiegelbild. Die Frau war älter als sie selbst, vielleicht um die dreißig.

Hermione übernahm die Aufgabe, die Kleidung mit Verwandlungszaubern anzupassen. Sie arbeitete schnell und präzise, und schon nach wenigen Minuten apparierten die drei zum Tropfenden Kessel, um dort durch den Kamin in den ‚Drachenzahn' zu reisen.

Der Pub war deutlich kleiner als der Tropfende Kessel oder das Drei Besen, aber sehr gemütlich. Die Wände zierten gerahmte Photos und allerlei alter Kram, hauptsächlich Kochgeschirr. Über der Bar hing ein Drachenschädel, dem ein Eckzahn fehlte. Der Duft von Rührei und gebratenen Würstchen hing in der Luft, und an einem Tisch am Fenster saßen zwei Zauberer beim Frühstück. Sie waren an diesem Vormittag die einzigen Gäste. Die drei nickten der Wirtin zu, die mit einer Kanne Tee auf dem Weg zu ihren Gästen war, und verließen das Lokal.

Es war wolkig und Nieselregen legte sich über das Städtchen. Fachwerkhäuser säumten die Straße, mit Blumenkästen auf so mancher Fensterbank. Lobelien und Glockenblumen tupften die Fassaden in Weiß, Blau und Violett. Ein paar Häuser weiter öffnete sich ein Platz, und über die Dächer hinweg war ein Kirchturm zu sehen.

„Gehen wir zuerst zur Kirche", schlug der ältere Herr vor, in den Harry sich verwandelt hatte. Die anderen nickten und man setzte sich in Bewegung. Hermione sah zurück und schon in wenigen Schritten Entfernung veränderte sich das einladende Lokal, aus dem sie gerade gekommen waren: Das Fenster war staubig und hatte ein Loch von einem Steinwurf, von dem aus sich mehrere Risse durch die Scheibe zogen. Die Blumen davor waren schon vor langer Zeit verwelkt. An der Tür, deren dunkelgrüne Farbe abblätterte, verkündete ein Schild „geschlossen". Kein Muggel würde neugierig hineinspazieren.

Schon nach wenigen Häusern hatten sie den Dorfplatz erreicht. Gegenüber erhob sich die Kirche, deren Turm sie geleitet hatte. Zwei Cafés und kleine Läden umsäumten den Platz. Die Straßenlampen zierten überquellende Blumenampeln. In der Mitte stand ein Obelisk aus dunklem Stein. Als sie den Platz überquerten und nur noch wenige Schritte von dem Denkmal entfernt waren, begann sich dessen Form zu verändern. Es zog sich zusammen und wuchs in die Breite, bevor sich menschliche Formen bildeten. Ein sitzendes Paar mit einem Kleinkind, am Sockel eine Tafel mit einem Text. Hermione hörte einen erstickten Laut neben sich. Harry war stehengeblieben. Natürlich! Das mußte er selbst mit seinen Eltern sein, eine Erinnerung an jene Nacht, in der in diesem Dorf Voldemorts erste Herrschaft endete. Sanft griff sie nach seiner Hand und zog ihn weiter. Ron war schon ein Stück voraus und drehte sich nach ihnen um.

Hermione führte die beiden Jungen in die kurze Gasse, die zur Kirche führte, und zu einem Blumenladen neben dem Friedhofstor. Während sie die blühenden Töpfe und die Gestecke vor dem Geschäft betrachteten, konnte Harry sich beruhigen. Gemeinsam wählten sie ein kleines Gebinde mit bunten Sommerblumen.

Das Friedhofstor stand offen, doch es war niemand zu sehen. Die drei verteilten sich und suchten nach dem Grab der Potters. Ron entdeckte es schließlich und holte die anderen beiden heran. Mehrere Marmortafeln bildeten die Rückseite des Familiengrabes der Potters, und die Namen und Daten darauf umfassten etwas mehr als zweihundert Jahre. In der Mitte war eine kleinere Tafel davorgesetzt worden, auf der Lily und James verzeichnet waren. Mit zitternden Händen legte Harry das Blumengebinde nieder. Tränen liefen über die Wangen, die gerade nicht die seinen waren. Als er zurücktrat legte Hermione einen Arm um ihn. Es war seltsam, in diesem fremden Körper einen ebenfalls fremden Menschen zu umarmen, und wie schon den ganzen Weg über mußte sie sich bewußt machen, daß sie unter dieser Erscheinung noch immer sie selbst waren.

Sie saßen noch einige Zeit auf einer Bank nahe der Kirche, während das Nieseln allmählich nachließ. Hermione strich Harry über den Rücken. Ron lief auf und ab, die Wangen gerötet, wie voll mühsam unterdrückten Zornes. Schließlich murmelte Harry ein raues „Sorry".

„Wofür?", fragte die Hexe.

„Ich hätte nicht gedacht daß mich das so mitnimmt. Ich meine, ich habe gewußt daß sie gestorben sind, daß sie hier begraben liegen. Aber trotzdem, dort zu stehen… Das hat es irgendwie wahr gemacht."

Sie zog ihn wortlos an ihre Schulter.

„Es war gut daß wir hier waren", sagte Harry schließlich und richtete sich auf. Er trocknete sein Gesicht und putzte sich die Nase.

„Geht es wieder?" fragte Ron. Harry nickte und stand auf.

„Wartet." Hermione zeigte auf ihre Armbanduhr. Die drei sahen sich um, und als sie sicher waren, noch immer allein mit den Gräbern und den Wolken zu sein zogen sie ihre Flaschen hervor und jeder trank einen Schluck des Gebräus, das sie in ihren geliehenen Körpern hielt.

Die nächste Station der Gruppe war Bathilda Bagshots Haus. Remus hatte ihnen beschreiben können, wo die alte Dame lebte. Zunächst hatte Harry im Haus der Dumbledores nach Hinweisen suchen wollen, doch dort lebte schon seit Langem eine andere Familie.

„Wie wollen wir das eigentlich machen?", fragte Ron, während sie einer schmalen Straße folgten.

„Wie meinst du das?"

„Er meint, wie wir mit ihr ins Gespräch kommen wollen", klärte Hermione Harry auf. Über diese Frage grübelte sie auch schon eine Weile. „Wir können schließlich nicht erwarten, daß sie irgendwelche Leute zu sich einlädt um ihnen ausführlich von ihren ehemaligen Nachbarn zu erzählen."

„Naja…" Harrys Stimme wurde immer leiser und er wuschelte sich durch die Haare, was an dem ergrauenden Herren, der er gerade war, recht seltsam wirkte.

„Du hast also keinen Plan."

„Nicht wirklich", gab er zu. Dann raunte er kaum hörbar: „Hättest du nicht Felix Felicis brauen können? Slughorn zum Reden zu bringen war so einfach damit. Ich hab irgendwie gefühlt, was ich tun muß."

Hermione verdrehte die Augen. „Das gehört zu den Dingen, für die man ein paar Jahre Übung und spezielle Geräte braucht. Wir werden selbst denken müssen."

„Schade."

„Um ein Interview bitten können wir sie schlecht, sie hat schließlich erst kürzlich mit Kimmkorn gearbeitet..." Hermione drehte sich wieder um denselben Gedanken. Welchen anderen Vorwand könnten sie nutzen?

„Und wenn wir sie genau danach fragen? Ob Kimmkorn sie richtig zitiert hat?"

„Ron, du bist genial!" Das war ein Ansatzpunkt… „Ihr Buch ist so einseitig, das wirft durchaus Fragen auf. Professor Bagshot war es gewohnt, Ereignisse umfassend zu diskutieren und mehrere Positionen zu beleuchten, zumindest sofern es Positionen von Hexen und Zauberern sind…"

„Fang jetzt nicht wieder damit an!"

„Es ist einfach nicht richtig intelligente Wesen als unwichtig zu betrachten nur weil sie nicht menschlich sind!"

„Hört auf zu streiten!" unterbrach Harry die beiden. Mit Enthousiasmus in der Stimme spann er die Idee fort: „Also, wir sind von einem kleinen Geschichtsmagazin und wollen in einem Artikel den Wahrheitsgehalt des Buches diskutieren."

„Guter Ansatz. Aber über die magischen Geschichtszeitschriften hat sie sicher einen guten Überblick, das können nicht viele sein und sie ist Historikerin. Wir brauchen etwas anderes."

Leise diskutierend folgten sie der Straße und einer kleineren Seitengasse. Kletterrosen umrahmten die Türen der Häuser. Die Pflanzen vor dem Haus, das ihre Karte bezeichnete, blühten üppig in Altrosa und waren offensichtlich schon lange nicht mehr in Form geschnitten worden. Die wuchernden Ranken verdeckten die Ränder der Tür, und erst nach längerer Suche zwischen den Dornen fanden sie einen Glockenzug. Ron zog daran und ein heller Ton erklang auf der anderen Seite der Tür. Dann warteten sie.

Die Zeit dehnte sich. Harry begann, auf und ab zu gehen, bis Hermione ihn anzischte, stehenzubleiben. Das Umherwandern machte sie nervös. Ron hatte schon die Hand ausgestreckt, um ein zweites Mal zu läuten, als sich langsam und knarzend die Tür nach innen schob. Eine winzige, gebeugte Frau sah aus trüben Augen hinaus. Ihr Gesicht war eine Landschaft von Falten mit violetten Augenringen, das weiße Haar in einem dünnen Zopf geflochten und zu einer Schnecke gesteckt. Zahlreiche braune Wolltücher waren um ihren Körper drapiert, als sei sie ein wandelnder Deckenhaufen.

„Ja?" Ihre Stimme war dünn und leise wie das Rascheln von Herbstlaub im Wind.

Hermione trat vor, ein Lächeln im Gesicht, das sich wie eine Maske anfühlte. Innerlich verfluchte sie die Jungen, die sie gedrängt hatten, das Reden zu übernehmen, weil sie das am besten könne, und sich selbst, weil sie sich mal wieder hatte breitschlagen lassen.

„Guten Tag Professor Bagshot. Mein Name ist Greendale, das ist mein Kollege Mr. Baker und unser Praktikant, Mr. Polecat. Wir sind freie Journalisten und planen ein Kompendium über wichtige Persönlichkeiten in Godrics Hollow. Dabei würden wir gern mit Ihnen zusammenarbeiten. Hätten Sie Zeit ein Wenig zu plaudern und Interviewtermine zu planen?"

Die alte Dame blinzelte ein paar Mal. „Kommen Sie rein", sagte sie dann. Mit dem Tempo einer Schildkröte schlurfte sie ins Haus. Die drei Jugendlichen folgten.

Gerahmte Photographien und Trockensträuße an den Wänden waren dick mit Staub bedeckt. Die Luft roch abgestanden und nach alten Leuten. Spinnen schienen sich sehr wohl zu fühlen und der Fußboden mußte dringend einmal wieder gewischt werden. Offenbar war die Hexe nicht mehr in der Lage, ihr Haus selbst in Ordnung zu halten und hatte auch niemanden, der sich um sie kümmerte. Hermione fühlte Mitleid.

Die Küche war hell: Es gab ein Fenster zum Garten im Hinterhof und daneben eine Tür mit einer Glasscheibe in der oberen Hälfte. Beete und Wiesen waren kaum mehr zu unterscheiden, doch überall blühten bunte Sommerblumen. In der Spüle stand schmutziges Geschirr, der kleine Tisch war fleckig.

„Möchten Sie Tee?"

„Sehr gern. Setzen Sie sich, ich kümmere mich schon. Welche Sorte bevorzugen Sie?"

Hermione reinigte mit einigen raschen Zaubern die Teekanne und alle Tassen, die sie fand und setzte Wasser auf. Dann beschwor sie drei Stühle für sich und ihre Begleiter herauf, denn am Tisch stand nur der eine, auf den sich ihre Gastgeberin mit einem leisen Ächzen niedergelassen hatte.

Harry begann Professor Bagshot zu befragen, während Hermione sich um den Tee kümmerte und systematisch die Küche reinigte. Nun war sie dankbar dafür, einige Haushaltszauber gelernt zu haben. Ohne Magie hätte sie Stunden gebraucht, und in ihr sträubte sich alles dagegen, diese geniale Historikerin einfach weiter in diesem Dreckloch vegetieren zu lassen. Wenn sie ihr schon nicht dauerhaft helfen konnte, wollte sie wenigstens die Küche in Ordnung bringen.

Währenddessen lauschte sie dem Gespräch, das Ron, den eifrigen Praktikanten mimend, protokollierte. Es war ernüchternd. Harry erklärte kurz das fiktive Buchprojekt und stellte Fragen, die es ermöglichen sollten, den Zeitumfang der Interviews zu planen. Dabei animierte er die alte Dame zum Plaudern. Es fiel ihm erstaunlich leicht, das Gespräch zu lenken, allerdings lag das nicht an seinem Geschick, sondern daran, daß seine Gesprächspartnerin nicht ganz bei sich war. Sie machte einen verwirrten Eindruck, brachte Zeiten durcheinander und schien insgesamt mehr in der Vergangenheit zu leben denn in der Gegenwart. Manche Details wiederholte sie, drehte sich durch Geschichten, erzählte manche Begebenheiten mehrfach mit beinahe gleichem Wortlaut. Am Ende waren sie kaum klüger als zuvor.

Die drei verabschiedeten sich von ihrer Gastgeberin und traten hinaus auf die Straße. Schweigend gingen sie durch die wolkentrübe Nachmittagssonne zurück zum ‚Drachenzahn'.

Sie schwiegen den gesamten Rückweg zum Grimauldplace Nr. 12, doch als sie das Haus betraten, knallte Harry die Tür zu. Hermione zuckte. Ron schien ebenfalls schlecht gelaunt zu sein, doch sein Grummeln ging in Walpurga Blacks Kreischen unter. Harry stapfte unbeeindruckt durch die Eingangshalle in Richtung Küche, gefolgt von Ron, dessen Gewitterwolkengesicht in der geliehenen Gestalt weniger rot war als sonst, aber nicht minder beeindruckend. Hermione holte ihren Zauberstab aus der Tasche und verpaßte Mrs. Blacks Portrait einen Schockzauber. Sie hatte erst kürzlich den Kniff entdeckt, mit dem sich der Zauber für Bilder nutzen ließ und genoß einen Augenblick des Stolzes als, prompt Ruhe einkehrte. Dann folgte sie den beiden Zauberern in die Küche und bereitete sich mental darauf vor, Blitzableiter spielen zu müssen.

Als sie den Raum betrat herrschte Stille, doch in der Luft lag eine Spannung, die jeden Moment zu explodieren drohte. Hermione war sich nicht sicher, von welchem der beiden Zauberer, die ein gutes Stück voneinander entfernt an der rieseigen Tafel saßen und vor sich hinbrüteten, der größere Teil davon ausging. Sie setzte Wasser auf und holte Kekse aus dem Schrank.

„Wollt ihr lieber Tee oder Kakao?"

„Ich will daß endlich etwas funktioniert!" Harry wühlte in seinen Haaren, die allmählich dunkler wurden. Die Wirkung des Vielsafftranks ließ nach. Auch die Hexe spürte, daß ihr Körper sich veränderte und ihre Stimme schwankte durch die Frequenzen als sie sprach:

„Harry, beruhige dich. Das ist frustrierend, aber Wut bringt uns nicht weiter."

Sie wollte selbst ihren Frust herausschreien, doch noch war ihre rationale Seite stärker, und die mahnte zu Selbstbeherrschung und zur Suche nach Lösungen. Gern hätte sie Harry darauf hingewiesen, daß sie schon zwei Wochen zuvor hätten herausfinden können, daß es in Godrics Hollow keine hilfreichen Informationen gab, wenn sie gehandelt hätten anstatt abzuwarten. Stattdessen legte sie ihm eine Hand auf die Schulter. Es war mit Sicherheit auch wiedererwachte Trauer, die ihm zu schaffen machte.

Mit einem Kratzen, das in der stillen Küche beinahe schmerzhaft laut war, schob Ron seinen Stuhl zurück.

„Wollt ihr euch jetzt vielleicht noch küssen, damit der ganze Mist erträglicher wird? Ich bin hier! Ich sehe euch die ganze Zeit!"

„Sag mal, spinnst du?"

„Was, weil es mir nicht paßt daß du ständig an anderen Kerlen klebst?"

„Tu ich nicht!"

„Ach nein?"

„Ron, was ist denn los?" schaltete sich nun Harry ein. „Du weißt, daß wir Freunde sind. Da werden wir uns doch wohl in den Arm nehmen dürfen!"

„Du weißt wie ich das meine."

„Nein, weiß ich nicht."

„Mione, du bist viel zu leichtfertig. Du bist Krum auf den Leim gegangen und hast dich von MacLaggen abschlecken lassen."

„Es reicht, das höre ich mir nicht länger an. Ich bin nicht dein Eigentum!"

Und damit stürmte sie hinaus. Das Brennen in ihren Augen trieb sie voran, und sie flüchtete in die Bibliothek, verriegelte die Tür und rollte sich in einem der riesigen Lesesessel zusammen.