4. Kapitel – Zurück in Hogwarts
1.9.1997 (Montag)
Harry hatte ein reichliches Frühstück zubereitet, mit allem von Pfannkuchen über Rührei bis zu gebratenen Würstchen. Während dessen hatte Hermione Lebensmittel, die er dafür nicht benötigte, mit Konservierungszaubern belegt und in ihrem Rucksack verstaut. Man konnte schließlich nie wissen. Auch Harrys Tarnumhang und die Karte des Rumtreibers hatte sie dort verpackt. Anschließend hatte sie das gute Stück in eine Umhängetasche verwandelt, die ihrer Schultasche sehr ähnlich war, und tief unter der Kleidung im Koffer verborgen. Weiter oben lag ein gebrauchter, Bandsalat produzierender Walkman, den sie extra für diesen Zweck zwei Tage zuvor auf einem Flohmarkt erstanden hatte. Sie trug eine alte, einstmals schwarze Jeans, die so weichgeklopft und an ihren Körper angepaßt war, daß sie sich gut darin bewegen konnte, und eine weiße Bluse: bequeme Kleider, die sie wenigstens am ersten Abend auch unter der Schulrobe würde tragen können. Die Haare hatte sie in einem französischen Zopf gebändigt. Darauf war sie heimlich stolz, hatte sie doch in den letzten Wochen fleißig geübt.
„Ich habe Lebensmittel eingepackt, unsere Überlebensausrüstung versteckt, sämtliche Notizen sicher verstaut, das Katzenkörbchen bereitgestellt. Hoffentlich habe ich nichts vergessen... Das schmeckt wirklich gut."
„Danke. Versuch, in Ruhe zu essen. Ich wette, du hast alles im Griff."
„Das sagst du so leicht."
„Es war deine Idee."
„Trotzdem kann ich mir Sorgen machen. Und außerdem..."
„Was?"
„Ach, nicht so wichtig."
Sie ließ die Gabel sinken und starrte auf ihren Teller. Heute würde sie Ron wiedersehen. Es tat noch genauso weh. Was waren schon sechs Tage? Und trotzdem würden sie zusammenarbeiten müssen. Konnte sie das? Sicher, doch es würde viel Energie kosten. Konnte er es? Schwer zu sagen.
Sie schluckte und hob den Blick. Harry schaute sie mit sorgenvoll zusammengezogenen Brauen an.
„Es ist wegen Ron", flüsterte sie schließlich. Ihre Stimme rasselte von sich sammelnden Tränen.
Harry stand auf und nahm sie in den Arm. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und vergrub die Finger im Stoff. Es tat gut, sich an ihm festhalten zu können.
„Du schaffst das. Wir schaffen das. Irgendwie", raunte er.
Hermione nickte, die Wange an seinem T-Shirt. Es würde auch für ihn nicht einfach werden, Ginny wieder jeden Tag zu sehen. Sie hatte jemanden, der sie verstand.
Sie fuhren mit der U-Bahn nach King's Cross. Hermione genoß es, zwischen den Leuten zu verschwinden. Hier waren sie beide unbekannt. Niemand stierte Harry an oder bedachte sie selbst mit Schimpfwörtern. Manche beäugten sie wegen ihres Gepäcks und fragten sich wohl, wohin die Reise gehen sollte. Ein Kind quietschte vor Vergnügen, als es Krummbein in seinem Körbchen entdeckte. Glücklicherweise hatte Harry Hedwigs Käfig mit einem Tuch abgedeckt. Doch schon auf der Muggelseite des Bahnhofs war es mit der Anonymität vorbei. Inzwischen fiel es der Hexe leicht, die magischen Familien zu erkennen, die ihre Kinder zum Zug brachten. Manche zeigten mit dem Finger auf sie, oder wohl eher auf ihren Begleiter.
Routiniert glitten sie durch die Mauer und fanden sich auf dem Gleis 9 ¾ wieder, das ebenso betriebsam war wie sonst. Heute glich es einem Kaleidoskop. Hermione sah fröhlich winkende Eltern und Kinder genauso wie Familien, die sich verabschiedeten, als rechneten sie damit, einander nicht wiederzusehen. Ihre Augen folgten dem Schüler im schwarzen Kapuzenpullover, der kurz vor ihnen durch den Eingang zum Bahnsteig gehuscht war. Er war allein unterwegs und stieg zügig ein, ohne irgendwen anzusprechen. Dabei wählte er eine weiter entfernte Tür, offenbar um einer Gruppe auszuweichen, deren Kinder bereits ihre Slytherin-Uniformen trugen. Als er sich drehte, um sich die Stufen zur Tür hinaufzuziehen, erhaschte sie einen Blick auf die Vorderseite des Pullovers: Ein gehörnter Schädel und darüber ein unleserlicher Schriftzug. Wahrscheinlich irgendein Bandname. Kurz bevor er im Zug verschwand, sah der Schüler noch einmal zurück. Das Jungengesicht mit Brille erkannte sie sofort: Kevin Entwhistle, ein Ravenclaw aus ihrem Jahrgang. Und wie sie selbst ein Muggelkind. Mit dem Einsteigen gab er den Blick frei auf eine Familie, die ein ganzes Stück weiter weg stand, aber unverkennbar war: Die Malfoys verabschiedeten ihren verzogenen Rotzlöffel. Beide. Offenbar hatte man Mr. Malfoy aus Askaban entlassen. Hermione begann zu frösteln.
Harrys Ausruf neben ihr riß sie aus ihren Beobachtungen:
„Tonks, Moody! Was macht ihr denn hier?"
„Wir wollten euch abholen", knurrte der Auror im Ruhestand, „Aber ihr wart nicht da."
„Danke, aber wir sind schon groß und schaffen es allein zum Bahnhof, wie ihr seht."
„Das war leichtsinnig! Es wäre so einfach gewesen, euch verschwinden zu lassen!"
„Was Alastor damit sagen will", hakte Tonks ein, „ist, daß wir uns Sorgen gemacht haben. Wie kommt ihr zurecht?"
Dabei wanderten ihre Augen zwischen Hermione und Harry hin und her. Moody grummelte.
Harry zuckte mit den Schultern. „Wir sind gut vorbereitet."
Hermione nickte.
„Das meine ich nicht..."
„Werd nicht sentimental. Kinder", wandte sich Moody wieder an die Jugendlichen, „wenn wir euch irgendwie helfen können, sagt es uns. Da sind eine Menge gute und erfahrene Leute." Er senkte die Stimme zu einem Flüstern. „Wenn ihr etwas darüber wißt, wie wir dieses Problem lösen können, dann sagt es uns."
„Danke für das Angebot, aber wir sollen diese Aufgabe allein lösen. Und das werden wir auch schaffen."
Harry klang nicht wirklich überzeugt, aber sehr bestimmt.
Moody knurrte etwas Unverständliches. Tonks begann zu winken. Hermione wandte sich um und sah Mrs. Weasley und die Zwillinge, die die beiden Jüngsten zum Zug begleiteten.
„Paßt gut auf euch auf, Kinder!"
„Ja, Mum."
„Ich meine das ernst, macht keinen Unsinn! Harry, du auch!" Damit fiel sie ihrem Beinahe-Adoptivkind um den Hals. Ginny grüßte Hermione mit einer kurzen Umarmung, während Ron verlegen daneben stand, ein „Hallo" murmelte und den Zug anstarrte. Hermiones Kehle zog sich zusammen.
„Dad läßt euch grüßen", erklang Freds Stimme rechts neben ihr.
„Er muß heute arbeiten", ergänzte George von links. „Falls ihr was braucht, schreibt uns", fügte er mit einem Zwinkern hinzu.
„Danke." Ihre Stimme knarzte wie eine schlecht geölte Tür.
Mit einem Mal wandte sich Mrs. Weasley zu ihr um, das Gesicht zur Faust geballt.
„Mit dir habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen. Das hätte ich wirklich nicht von dir gedacht!"
„Was?"
„Mom, beruhige dich." Freds Stimme verhallte ungehört. Mollys Lautstärke wuchs.
„Meinem Ronnikins das anzutun!"
„Ron, was hast du ihr erzählt?"
„Was, erst läßt du ihn fallen wie eine heiße Kartoffel, und dann soll er dir helfen? So nicht, Süße!"
„Jetzt hört es aber auf!" Zorn durchströmte sie und vertrieb Traurigkeit und Verwirrung. „Er hat sich von mir getrennt, aus einem nichtigen Anlaß!"
Nun fand auch Ron seine Sprache wieder: „Nichtig nennst du das?"
„Ja!"
„Schluß, alle!" Moodys Befehl folgte Stille. Nun erst bemerkte Hermione, daß fast alle, die noch auf dem Bahnsteig standen, ihre Gruppe anstarrten. Ihr wurde heiß.
„Reißt euch zusammen. Und denkt daran: Immer wachsam!"
Damit nickte er ihnen zu und wandte sich zum Gehen. Mit raschen Abschiedsworten löste sich die Versammlung auf und die Schüler stiegen ein.
Im Gang räusperte sich Harry. „Vielleicht ist es besser, wenn wir erstmal getrennt sitzen."
Immerhin darin war man sich einig. Die beiden Rotschöpfe gingen nach vorn, während Hermione und Harry im hinteren Teil des Zuges nach einem Abteil suchten. Sie fanden Neville und Luna und setzten sich zu ihnen.
„Schön, euch zu sehen! Ich dachte, ihr kommt dieses Jahr nicht! Luna, du hattest Recht. Woher hast du das gewußt?"
„Ein Miglumpf hat es mir verraten."
Hermione biß sich auf die Zunge, um das nicht zu kommentieren.
„Wo habt ihr denn Ron gelassen?", fragte Neville weiter.
„Wir brauchen ein bißchen Abstand."
„Oh. Streitet ihr schon wieder?"
„Kann man so sagen."
„Wie geht es deiner Oma?", wechselte Harry das Thema.
„Prima. Allerdings regt sie sich immer furchtbar auf, wenn sie Zeitung liest."
„Geht mir genauso."
Die vier kamen ins Plaudern. Doch blieb eine Rastlosigkeit und Anspannung, die sich einfach nicht vertreiben ließ. Mit Wohlwollen bemerkte Hermione, daß Neville zwar besorgt, aber weniger nervös wirkte als in den ersten Jahren. Offenbar hatte er an Selbstsicherheit gewonnen. Figur und Gesicht hatten eindeutig begonnen, sich zum Erwachsenen zu wandeln. Allerdings konnte man noch nicht erraten, wie er in ein paar Jahren aussehen mochte. An seinem linken kleinen Finger fiel ihr ein Ring ins Auge.
„Was ist das?"
Neville schaute zwischen ihr und sich hin und her und hob schließlich die Hand.
„Das? Das ist Dads Siegelring. Ein Familienerbstück. Gran hat ihn mir gegeben, weil ich jetzt volljährig bin."
„Ihr habt noch Familienringe?", fragte Luna.
„Ja, Gran trägt auch einen."
„Familienringe?", fragte nun Harry.
„Viele der alten Familien haben ein Wappen", erklärte Luna, „Und Siegelringe, die sie für ihre Post verwenden. Vor allem für offizielle Schreiben. Und bei Leuten, die sie nicht persönlich kennen, aber mit der Bedeutung der Ringe vertraut sind, können sie sich damit ausweisen. Meistens ist das Wappen drauf und noch ein Zeichen oder eine Zahl, die die Ringe unterscheidet. Dazu gibt es ein Buch, in dem verzeichnet wird, welches Familienmitglied welchen Ring hat."
In Hermiones Kopf fielen einige kleine Puzzleteile in Position. Manches, was sie in den letzten Jahren gelesen hatte, ergab nun mehr Sinn. Nevilles Stimme unterbrach sie.
„Müßtest du nicht auch einen haben, Harry?"
„Nicht, daß ich wüßte. Sirius hat sowas nie erwähnt."
Nachdem die Hexe mit dem Essenswagen vorbeigekommen war, beschloß Hermione, daß sie die Stimmung nicht verderben konnte, wenn sie ernste Themen ansprach.
„Sag mal, Neville, wie gehen denn reinblütige Familien üblicherweise mit ihren Kindern um, wenn sich zeigt, daß sie nicht zaubern können?"
„Puh, schwieriges Thema. Das kommt, glaube ich, sehr auf die Familie an. Ich bin nicht sicher, was meine Gran gemacht hätte, außer mir zu erklären, wie enttäuscht sie ist..."
„Dein Onkel hätte dich fast umgebracht!", warf Harry ein.
„Ja, Onkel Algie hatte gefährliche Übungsmethoden. Das hätte auch schiefgehen können, und er hat mir ein paar Mal Angst gemacht. Trotzdem hat er eigentlich versucht, mir zu helfen. Und ich glaube nicht, daß er mich hätte fallen lassen, wenn er nicht erschrocken wäre. Wäre ich tatsächlich ein Squib, hätten sie es sicher irgendwann akzeptiert."
Nach kurzem Schweigen fragte Hermione weiter:
„Und wenn ein Kind wirklich nicht zaubern kann? Spätestens wenn es keinen Schulbrief bekommt, läßt es sich nicht mehr leugnen."
„Wie ich schon sagte, es kommt auf die Familie an. Moderne und tolerante Leute wie die Weasleys würden wohl versuchen, das Kind an einer Muggelschule unterzubringen. Aber für die Malfoys und andere, die an die Überlegenheit der reinen Blutlinien glauben, kommt das bestimmt nicht infrage. Sie würden sich schämen, weil in ihrer Linie die Magie eigentlich besonders stark sein sollte, wenn der Unsinn stimmt, an den sie glauben."
„Würden sie einen Squib im Haus einschließen?"
„Vielleicht. Ich hab mal gehört, daß diese Kinder früher manchmal in der Muggelwelt ausgesetzt wurden."
„Das ist grausam!"
Harry war von seinem Satz aufgesprungen. Hermione ergriff seine Hand und zog ihn wieder herunter. Es überraschte sie nicht mehr wirklich, trieb ihr aber zuverlässig ein Schaudern durch den Leib, von den Härten und Grausamkeiten zu hören, die die magische Gesellschaft für normal hielt. Oder wenigstens Teile davon.
Mit leiser Stimme durchbrach Luna die Stille.
„Über die Blacks und die Lestranges wird erzählt, sie hätten auch schon Kinder getötet, weil ihnen die magische Gabe fehlte."
Hermione fühlte Übelkeit in sich aufsteigen.
„Und niemand hat sie dafür belangt?", fragte sie.
„Es sind nur Gerüchte. Die Kinder sind plötzlich verschwunden, teilweise mit fadenscheinigen Erklärungen. Und die Verbindungen dieser Familien waren gut genug, daß niemand genauer nachgefragt hat."
„Das heißt, wer reich und wichtig ist, kommt auch mit Mord davon?", fragte Harry.
„Manchmal schon."
Dieses Gespräch ließ die Gruppe in einer nachdenklichen Stimmung, bis es für Hermione an der Zeit war, sich ihre Schulrobe überzuwerfen, Notizbuch und Bleistift zu greifen (beides aus dem Schreibwarenladen „Federkiel" in der Winkelgasse, damit sie niemand als Muggelartefakte konfiszieren konnte) und sich auf den Weg zur ersten Versammlung der Vertrauensschüler zu machen. Oder, in diesem Jahr, der Schüleraufsicht.
Millicent war nervös. Was hatte Snape sich nur dabei gedacht, sie zur Aufsichtsschülerin zu machen? Damit wurde sie zur Zielscheibe. Pansy und ihre Mädchengang hatten ihr Schutz geboten, solange sie sich einfügte und brav tat, was die hohe Dame verlangte. Sich davon zu lösen, wie sie das im letzten Jahr getan hatte, war schwierig gewesen. Sie hatten sie ausgeschlossen, Informationen vorenthalten, böswillige Gerüchte gestreut. Ohne Tracy an ihrer Seite, die gemeinsam mit ihr ihre Unabhängigkeit erkämpft hatte, und ohne das Netzwerk, das sie sich in den Jahren zuvor aufgebaut hatte, hätte sie das wohl kaum durchgehalten. Am Ende des Schuljahres hatte sich eine Art Waffenstillstand eingestellt. Man ignorierte sich gegenseitig. Und nun hatte Snape sie auf Pansys Position gesetzt. Andererseits konnte ihr das helfen, den Plan ins Rollen zu bringen, den sie in den Ferien entwickelt hatte. Sofern man das überhaupt einen Plan nennen konnte.
Sie schielte zu Draco, der neben ihr lief. Aufrecht und erhobenen Hauptes, wie immer. Doch er war noch blasser als gewöhnlich. Oder, so blaß wie im letzten Jahr. Es war schon ein ganzes Stück her, daß er zuletzt ganz er selbst gewesen war. Und er ging steif, angespannt. Kurz vor Abfahrt des Zuges war er, begleitet von Vincent und Gregory, in das Abteil stolziert, in dem sie mit Tracy gesessen hatte, und hatte sich dort mit breitgemacht. Seitdem hatte er kaum ein Wort gesagt. War er nur auf der Flucht vor Pansy? Oder war da mehr? Daphne hatte Andeutungen gemacht. Und nachdem sie Theodore gesehen hatte, konnte Millicent sich vorstellen, daß auch Draco weit mehr Probleme hatte als eine anhängliche Verflossene.
„Weißt du, warum Pansy die Position abgegeben hat?"
„Weil ich nicht mit ihr arbeiten will. Und offenbar bin ich unserem neuen Hauslehrer wichtiger als sie."
Millicent schluckte. Das machte ihren Standpunkt nicht besser.
„Du weißt, wer unser neuer Hauslehrer ist?"
„Ja."
„Und?"
„Laß dich überraschen."
Augenblicke später öffnete er die Tür zum Vertrauensschülerabteil.
Es waren schon einige Ravenclaws und Hufflepuffs da, und das Pärchen aus der Fünften in ihrem Haus. Und die Granger. Sie saß da wie im Unterricht, gerade, mit aufgerissenen Augen, das Schreibzeug in den Händen.
Millicent ließ sich neben Draco auf die Bank fallen und wartete schweigend. Allmählich trudelten die fehlenden Schüler ein. Kaum schloß sich hinter dem letzten, natürlich einem Gryffindor, die Tür, begann Draco zu sprechen:
„Alle da? Dann können wir es endlich hinter uns bringen."
Während er für die Neuen aus der fünften die Aufgaben umriß und das Patroulliensystem erklärte, betrachtete Millicent ihre Mitschüler. Die meisten funkelten die Gruppe in Grün mehr oder weniger finster an. Interessanterweise saßen Granger und Weasley nicht nebeneinander, wie sie erwartet hatte, sondern an den äußeren Seiten des Löwenpulks. Dank ihrer Liste konnte sie sämtlichen Gesichtern Namen zuordnen, doch einschätzen konnte sie längst nicht alle. Ihren Jahrgang und ihr Haus kannte sie. Zu den Hufflepuffs hatte sie ihre kleine Schwester befragt, die ihr bereitwillig Auskunft gegeben hatte. Da war niemand dabei, der ihnen das Leben allzu schwer machen würde, außer vielleicht McMillan und Abbott, ihre Klassenkameraden. Die jüngeren Ravenclaws und Gryffindors kannte sie nicht.
Ihre Gedanken wanderten weiter. Konnte sie es riskieren, ihr eigenes Projekt groß aufzuziehen? Zumindest mit allen Vertrauensschülern ihres eigenen Jahrgangs? Das größte Problem saß dann wohl neben ihr. Das mußte sie vorher klären. An dieser Stelle forderte die Versammlung wieder ihre Aufmerksamkeit. Weasley hatte die Frechheit, Draco zu unterbrechen.
„Wie kommt es eigentlich, daß du noch hier bist und nicht in Askaban?"
„Wie kommt es, daß du immernoch hier sitzt? Habt ihr niemand Kompetentes im Haus?"
„Du hast Dumbledore ermordet!"
„Hab ich nicht. Genau das meine ich."
Während dieses kurzen Austauschs war Weasleys Gesicht dunkelrot angelaufen. Wahrscheinlich würde er gleich platzen. Typisch Löwen, mehr Mut als Verstand.
„Halt die Klappe, Weasley", sagte sie laut, aber ruhig. „Dieses Jahr sind ein paar Sachen anders, am besten du gewöhnst dich schonmal dran."
Der Zauberer klappte den Mund auf, schloß ihn jedoch gleich wieder. Er schwieg, finsteren Blickes. Gut so. Vielleicht begreift er langsam, was es heißt, sich seine Kämpfe zu wählen.
Draco tippte ihr mit dem Fuß gegen das Bein. Sie sollte übernehmen.
„So, den ernsten Teil haben wir hinter uns, kommen wir nun zum schönen." Es wurde gemurmelt und getuschelt. Sie sprach lauter, um trotzdem durchzudringen.
„Unsere Aufgabe, vor allem die des siebten Jahres ist es, die Feiern zu organisieren. Also als nächstes Halloween und Weihnachten. Das erste soll ein Kostümfest werden, das zweite ein Ball. Es soll ein Nachmittagsprogramm für die Jüngeren geben, die nicht den ganzen Abend bleiben können. Wir haben jetzt keine Zeit, das alles auszuarbeiten, weil wir bald ankommen. Deswegen trifft sich die Schüleraufsicht, also die Siebtklässler, morgen Abend ab halb acht noch mal im Konferenzraum. Sammelt bis dahin in euren Häusern Ideen. Dann bis morgen."
Das Murmeln wurde lauter. Die Granger winkte, als wollte sie noch etwas sagen, doch Millicent stand einfach auf. Goldstein und Turpin ebenfalls, und sie fielen über Draco her.
„Wie kommt es eigentlich, daß ihr euch aufführt als wärt ihr Schulsprecher, obwohl es die angeblich nicht mehr gibt?"
„Wir haben die Informationen bekommen und sind so nett, sie weiterzugeben. Wenn dir das nicht paßt, dann gib halt ab."
Er klang gereizt. Die Nicht-Slytherins schoben es sicher auf seine übliche Arroganz, doch Millicent wußte es besser. Und, wenn Draco Pech hatte, auch die jüngeren Schlangen. Er mußte hier raus. Sie trat Granger in den Weg, die ebenfalls zu ihm drängte anstatt zur Tür und griff in ihre Tasche.
„Hier, das soll ich euch von MacGonagall geben."
Sie drückte ihr den versiegelten Umschlag in die Hand, der wahrscheinlich das Paßwort enthielt. Ihre Überraschung nutzte sie, um ihr den Arm um die Schultern zu legen und sie auf den Gang zu befördern.
„Wir klären den Rest morgen."
Damit ließ sie die andere los und stellte sich neben die Abteiltür, um auf Draco zu warten.
Die Kutsche rumpelte zum Schloß hinauf. Der Weg lag in tiefen Schatten, und Wolken jagten über den mondlosen Himmel. Hermione starrte aus dem Fenster. Die drei anderen, mit denen sie zuvor schon das Abteil geteilt hatte, unterhielten sich leise. Sie selbst hatte sich aus dem Gespräch zurückgezogen. Je näher sie dem Tor kamen, desto mehr wurde sie von Unruhe ergriffen.
Der Vorplatz wurde von Fackeln erleuchtet. Vor dem Tor hatte sich bereits eine Schlange gebildet: Es gab Eingangskontrollen, wie im vergangenen Schuljahr. Die vier stiegen aus und reihten sich mit ein. In einiger Entfernung konnten sie erkennen, daß Filch mit Begeisterung das Gepäck der Schüler durchsuchte. Er benutzte wieder den Flüchedetektor, der schon ein Jahr zuvor zum Einsatz gekommen war. Außerdem schaute und tastete er in den Sachen herum, was Hermione ausgesprochen widerwärtig fand. Im Näherrücken erkannten sie einen großen Korb, der sich mit konfiszierten Objekten füllte. Viele bunte Verpackungen des weasleyschen Scherzartikelladens leuchteten daraus hervor, aber auch Bücher, zwei Gameboys und ein Tamagotchi.
Die Gruppe Slytherins, die gerade dran war, kontrollierte er nur oberflächlich. Daß Malfoy und Nott ihn finster anstarrten, schien ihn nervös zu machen. In Greengrass' Koffer fand er beim ersten Griff einen seegrünen Spitzen-BH, woraufhin er rote Wangen bekam und das Gepäckstück rasch wieder schloß. Die Hexe zuckte nicht mal mit der Wimper. Das hätte also auch funktioniert. Obwohl, vielleicht nur bei der Oberschicht... Den letzten Koffer, Zambinis, öffnete er nur pro forma. Er wirkte erleichtert, als er die Gruppe weiterschickte. Das Gepäck der drei Ravenclaw-Mädchen aus der zweiten oder dritten Klasse, die als Nächstes an der Reihe waren, nahm er dafür umso sorgfältiger unter die Lupe. Er schien enttäuscht, als er nichts Verbotenes fand.
Danach war Neville dran. Filch betastete Schulbücher und hob Kleiderstapel an.
„Was ist das denn?" Er hielt eine Dose doch.
„Da sind Serpentiana-Samen drin. Die will ich dieses Jahr in Kräuterkunde anziehen. Ist mit Professor Sprout abgesprochen."
„Können Sie das beweisen?"
„Moment." Neville kniete sich neben seinen Koffer und begann selbst zu suchen. Schließlich entrollte er einen Brief.
„Da, bitte."
Der Hausmeister las das Schreiben und gab es dann grummelnd zurück, zusammen mit der Dose.
„Der Nächste."
Luna sah durch ihn hindurch, als sie ihr Gepäck übergab. Zwischen Schuluniformen und glitzernden Kleidern fand er eine Kette aus Hühnergöttern und eine Brille mit verschiedenfarbigen Gläsern.
„Sie sollten öfter in Mondlicht baden."
Er hielt inne und sah auf.
„Was?"
„In Mondlicht baden. Das hilft gegen Muraggins."
Einen Moment lang starrte er sie an, als wären ihr Hörner gewachsen. Dann schüttelte er den Kopf und murmelte etwas Unverständliches.
„Der Nächste. Ah, Potter. Dann lassen Sie mal sehen."
Er rieb sich tatsächlich die Hände. Doch während der ausgiebigen Durchsuchung wandelte sich sein Grinsen mehr und mehr in Enttäuschung. Da war einfach nichts. Kleidung, Schulsachen, ein paar Süßigkeiten. Ein Besen. Müll am Grund des Koffers. Schließlich mußte er Harry gehen lassen.
Alles, was sie nicht haben durften, oder was irgendwie suspekt sein konnte, befand sich in Hermiones Gepäck. Nun war es an ihr, ihren Koffer zu öffen.
„Her damit!"
Und schon begann er, zu graben. Bücher, Schulroben, Strümpfe. Zwischendurch strich er immer wieder mit dem Messfühler über ihre Sachen.
„Ha, was haben wird denn da?" Triumphierend hielt er den Walkman in die Höhe. „Muggelartefakte sind verboten. Ich werde Professor McGonagall informieren, das gibt eine Strafarbeit."
„Oh, tut mir leid, ich werde ihn zurück schicken."
„Nein, das Ding bleibt bei mir. Und Sie melden sich morgen früh bei Professor McGonagall."
„Aber-"
„Keine Widerrede. Ich sorge dafür, daß Sie eine gerechte Strafe bekommen."
Zufrieden legte er seinen Fund in den Korb und winkte sie weiter. Erst auf den Stufen zum Portal erlaubte sich Hermione, erleichtert aufzuatmen.
Das Schulgelände empfing sie so wie immer. Es war keinerlei Veränderung zu sehen, und doch war es nicht wie in den Jahren zuvor. Hermione brauchte einige Zeit, um zu erkennen, daß es die Stille war. Leises Gemurmel oder bedrücktes Schweigen ersetzten bei vielen Schülern das fröhliche Schwatzen, das die Ankunft stets wie Bienengesumm begleitet hatte. Diejenigen, die auch in diesem Jahr unbekümmert waren, trugen fast ausnahmslos Grün.
Die Stille folgte ihnen in die Große Halle, wo sich Luna verabschiedete. Die fünf Gryffindors strebten ihrem Tisch zu. Es tat gut, bekannte Gesichter zu sehen, weitere Schulkameraden zu entdecken, die nicht verschwunden waren. Dean und Seamus winkten sie heran, überrascht daß Harry gekommen war. Hermione ließ sich von der stürmischen Begrüßung mitreißen, doch schon als sie sich gesetzt hatte, waren die Sorgen wieder da. Ihr Blick wanderte über die Haustische und zum Lehrertisch. Fehlte jemand? Sie war erleichtert gewesen, als Hagrid in Hogsmeade wie gewohnt die Erstklässler eingesammelt hatte, doch es gab auch noch andere, um die sie sich sorgte. Und wer war hinzugekommen, denn wenigstens einen neuen Lehrer mußte es geben?
Die alte Besetzung schien größtenteils geblieben zu sein. Professor Slughorn fehlte: Auf seinem Platz saß eine Frau in einem dunkelgrauen Kleid das um Brust und Oberarme recht voluminös war und darunter schmal wurde, soweit sie das bei der sitzenden Person erkennen konnte. Sie hielt sich sehr gerade. Hermione vermutete ein Korsett unter dem Kleid. Außerdem trug sie einen anthrazitgrauen Hut, der mit einem silbrigen Band und Wachsperlen verziert war. Im Kontrast dazu stand ihr rotbrauner Lippenstift. Auch ihre Augen waren stark geschminkt, doch passend zu ihrer Garderobe in dunklem Grau. Sie war deutlich jünger als die meisten anderen Lehrer, doch ihr genaues Alter war schwer zu schätzen. Als sie auch den Hermiones Mitschülern auffiel, einigte man sich schließlich auf „irgendwas zwischen fünfundzwanzig und vierzig".
Einige Minuten später huschte Professor Trelawney in den Saal, perlenklappernd und von Tüchern umwallt, die Augen noch weiter als sonst, und eilte zu ihrem Platz als würde sie vor etwas fliehen. Kurz darauf schritt ein Mann in die Große Halle, dessen Anblick auch Hermione selbst in Schrecken versetzte: Er trug zu seiner stolzen Haltung eine altmodische Robe von Smaragdgrün und Schwarz, deren Material einen teuren Eindruck machte. Die etwas mehr als schulterlangen, weißblonden Haare waren mit einem grünen Band zu einem Zopf gebunden. Auf den Lippen lag ein geringschätziges Lächeln. Die Ähnlichkeit der Gesichtszüge war unverkennbar: Er war eine um ein paar Jahre jüngere Version von Lucius Malfoy.
Der neue Lehrer ging gemessenen Schrittes zu seinem Platz am Lehrertisch und ließ dort wohlwollend den Blick über Haus Slytherin wandern, bevor er sich setzte. Vom grünen Tisch aus wurde er genau beobachtet. Einige Schüler begannen zu applaudieren, was er jedoch mit einem Wink beruhigte. Hermiones Augen suchten Draco, doch als sie ihn schließlich fand, wurde sie nicht wirklich schlauer: Er zeigte keine Regung.
Nun war nur noch ein Stuhl leer: der des Direktors.
Einer Krähe gleich betrat Snape den Saal. Er trug die übliche schwarze Robe, schritt gerade aufgerichtet und mit strengem Blick am Lehrertisch vorüber. Hermione hatte den Eindruck, daß er noch ein wenig blasser und ungepflegter war als sonst, doch auf die Entfernung und im Kerzenlicht war sie sich nicht ganz sicher. Während er diesen Weg zurücklegte, war es nahezu still. Nur ein Hauch von Geflüster war zu vernehmen. Die Blicke vieler Schüler jedoch, vor allem am roten und gelben Tisch, waren haßerfüllt. Snape zeigte keine Reaktion auf den Unmut im Saal, als er sich zu seinem Platz begab und sich vor den Stuhl stellte. Er nickte Professor Vector zu, die aufstand und zügig zwischen den Tischen hindurch zur Eingangshalle schritt. Das Flüstern wurde lauter. Offenbar hatte Professor McGonagall ihre Aufgabe, die Erstklässler zu begleiten, abgeben müssen.
Der neue Direktor hob kurz beide Hände, und auch das letzte Wispern verstummte.
„Nach dem bedauerlichen Vorfall im Juni obliegt es nun mir, Sie durch diesen Abend und das kommende Schuljahr zu führen. Es wird einige wichtige Änderungen geben. Aber kommen wir zunächst zur Auswahl der neuen Schüler."
„Bedauerlicher Vorfall?!"
Hermione legte Harry die Hand auf die Schulter. Glücklicherweise hatte er geflüstert. Der Gryffindortisch glich dem überhitzten Kessel einer Dampflok.
Das Portal zur Eingangshalle öffnete sich erneut und Professor Vector führte eine Doppelreihe Kinder in schwarzen Roben herein. Diesmal waren einige größere Schüler dabei, die das neue Gesetz aus dem Heimunterricht geholt haben mußte. Auf Anweisung der Lehrerin stellten sie sich, wie alle anderen Jahrgänge vor ihnen, in einer Reihe vor dem Lehrertisch auf. Doch anstatt die nun benötigten Utensilien zu holen trat Professor Vector nur zur Seite und rief die Namensliste zu sich.
Jenseits des Lehrertisches holte der Direktor den Zauberstab hervor. Er zeichnete eine komplexe Figur in die Luft und vor den neuen Schülern erschien der Hocker, auf dem schon viele Generationen von Erstklässlern Platz genommen hatten. Darauf lag der verzauberte Hut, der nun aus seiner Erstarrung erwachte und in die Runde schaute. Die Krempe umlief eine Bewegung und die Spitze wackelte ein wenig. Dann öffnete sich der Riß, der ihm als Mund diente, und er begann sein Lied zu singen. Wie üblich skizzierte er die Gründung der Häuser und deren wichtigste Eigenschaften, umschrieb aber am Schluß die Schule als Ganzes. Die vier Teile könnten nur gemeinsam bestehen, sie seien keine Gegensätze, sie ergänzten einander. Er weise die Schüler nicht gegnerischen Mannschaften zu, sondern verteile sie nur auf die Schlafsäle.
Als der Hut verstummte, folgte Stille. Er hatte schon in den vergangenen Jahren gewarnt, war jedoch nie so deutlich geworden. Und er hatte beinahe resigniert geklungen. Der Moment des Schweigens hielt nicht lange. Gesumm und Gemurmel breitete sich aus, als die Schüler begannen, einander zuzuraunen. Doch noch bevor die Lautstärke anschwoll, trat die Arithmantiklehrerin energisch einen Schritt auf den Stuhl zu. Die über Jahrzehnte kultivierte Strenge in der Stimme der Hexe tat ihr Werk: Das Getuschel verstummte und die Aufmerksamkeit fokussierte sich auf sie, als sie den ersten Namen aufrief.
Möglicherweise spielte ihr die allgemeine Anspannung einen Streich, doch Hermione hatte den Eindruck, daß die Kinder, die dort vor der versammelten Schule standen, noch verängstigter waren als in den Jahren zuvor. Sie fragte sich, wieviele von ihnen im letzten Jahr bereits Angehörige verloren hatten, und wieviele nur hier waren, weil der Schulbesuch nun verpflichtend war. Im letzten Jahr waren etliche auch der älteren Schüler vorzeitig abgeholt worden. Sicher hätten ungewöhnlich viele Familien versucht, ihre Kinder selbst zu unterrichten, wenn man sie denn gelassen hätte.
Auch der Jubel bei der Begrüßung der neu zugeordneten Schüler an ihren Haustischen fiel gedämpfter aus. Es war beinahe, als fürchteten alle, jede zu starke Lebensregung könnte unangenehme Folgen nach sich ziehen. Nur Haus Slytherin schien sich sicher zu fühlen. Doch wenn sie genau hinsah, glaubte sie auch dort Anspannung zu sehen, zumindest bei einem Teil der Schüler. Vor allem unter den Älteren waren viele stiller als üblich.
Nachdem das letzte Kind den Platz vorm Lehrertisch verlassen hatte, kehrte Professor Vector zu ihrem Stuhl zurück und Professor Snape ließ Hut und Hocker wieder verschwinden.
„Der Tradition folgend dürfen Sie sich ersteinmal satt essen, damit Sie anschließend wieder zuhören können. Guten Appetit."
Damit begann das wahrscheinlich leiseste Festessen in der Geschichte von Hogwarts. Trotz der Köstlichkeiten, die man für den ersten Abend aufgefahren hatte, waren viele Schüler ungewöhnlich zurückhaltend. In Hermiones unmittelbarer Umgebung hatte nur Ron seinen üblichen gesegneten Appetit. Alle anderen wirkten abgelenkt, aßen langsam und mechanisch, oder pickten nur auf ihren Tellern herum.
Hermione beobachtete die Geister, während sie lustlos aß. Sie schwebten wie üblich in der Halle umher. Einige machten sich einen Spaß daraus, die Erstklässler zu erschrecken, während andere sich mit ihresgleichen unterhielten oder schlicht das Treiben im Saal beobachteten. Die Hausgeister waren um ihre Schäfchen bemüht. Insgesamt schienen die Toten weniger von den Ereignissen berührt zu sein als die Lebenden, was ihr verständlich erschien, hatten doch die meisten einen gewissen Abstand zum Tagesgeschehen.
Bald verschwanden die Teller, und mit dem Klappern des Bestecks verstummten auch die leisen Gespräche. Snape erhob sich von seinem Stuhl und es war so still, als ob es schneite.
„In diesem Jahr obliegt es nun mir, die Alteingesessenen wie die Neuen zu begrüßen. Es wird sich Vieles wandeln, denn es hat sich mehr geändert als nur die Besetzung der Schulleitung. Von uns allen wird äußerste Disziplin verlangt. Sie sollten sehr gut überlegen, was Sie tun. Gerade den neuen Schülern sei ans Herz gelegt, von Anfang an die Regeln unserer Gemeinschaft zu verinnerlichen. Das eigenmächtige Betreten des Waldes ist wie üblich verboten, ebenso das Zaubern in den Gängen. Madam Pince hat mich gebeten daran zu erinnern, daß in der Bibliothek nur Zauber erlaubt sind, die der sorgsamen Arbeit mit den Büchern dienen. Weitere Regeln der Hausordnung sind dem Aushang an Mr. Filchs Bürotür zu entnehmen.
Die oberen Jahrgänge weise ich hiermit darauf hin, daß der Zugang zur Verbotenen Abteilung der Bibliothek nicht mehr mit Erreichen der Volljährigkeit möglich ist, sondern nur noch mit Sondererlaubnis.
Begrüßen wir nun die neuen Professoren im Kollegium: Professor Malfoy wird Verteidigung unterrichten und übernimmt zudem die Hausleitung für Slytherin. Professor Grey obliegt der Zaubertrankunterricht."
Höflicher Applaus begrüßte die neuen Lehrer, gemischt mit vereinzelten Pfiffen und Jubelrufen vom Slytherintisch, doch es kehrte rasch wieder Ruhe ein. Es folgten noch organisatorische Ansagen zu Stundenplänen und Quidditchspielen, dann waren die Schüler entlassen – die meisten jedenfalls. Während die Vertrauensschüler aus der fünften und sechsten Klasse sich um die Neuen kümmerten und sich alle nach und nach auf den Weg zu ihren Häusern machten, war für die Schüleraufsicht noch kurzes Treffen mit der Schulleitung und den Hauslehrern vorgesehen. Schicksalsergeben verabschiedeten sich Hermione und Ron und gingen nach vorn zum Lehrertisch.
Als sich der Eingang zum Gemeinschaftsraum öffnete schlug Neville ein Summen entgegen, das an ein aufgescheuchtes Wespennest erinnerte. Er war bei weitem nicht der Letzte, und doch war es schon schwer, noch einen freien Sitzplatz zu finden. Augenscheinlich hatte sich bisher niemand in die Schlafräume zurückgezogen. Mit Mühe ergatterte er einen Stuhl an einem der Fenster.
Müde ließ er sich auf den gerade errungenen Platz fallen. Es war schon seltsam, wie anstrengend ein Tag sein konnte, der eigentlich nur aus sitzen und essen bestand. Doch es war wohl vor allem die Anspannung, die über dem Sommer gelegen hatte, die vielen Fragen und Spekulationen, die Veränderungen in der Gesellschaft und hier an der Schule. Die Dinge, über die nicht gesprochen wurde. Sein Kopf fühlte sich an, als sei er mit Watte gefüllt.
Er fuhr sich mit den Händen über die Augen. Eigentlich war er froh, hier zu sein, den Klauen seiner Großmutter entronnen, der ständigen Präsenz ihrer Erwartungen. Doch in diesem Jahr machte er sich erstmals auch Sorgen um ihre Sicherheit. Ihre Abstammung und vielleicht auch ihr Alter boten einen gewissen Schutz. Gleichzeitig stand sie recht offensichtlich auf der „falschen" Seite. Der Seite derer, die verloren hatten – vorerst. Das versuchte er sich immer wieder zu sagen. Solange Harry lebte, würde er sich an einen letzten Rest Hoffnung klammern. Er ließ den Blick durch den Raum wandern, auf der Suche nach seinem Klassenkameraden, doch vergeblich. Offenbar war er der Einzige, der sich bereits zurückgezogen hatte. Neville konnte es verstehen: Harry hatte in den letzten Jahren recht deutlich versucht, dem Trubel um seine Person auszuweichen. Nun waren alle überrascht von seiner Rückkehr nach Hogwarts, und im Zug hatte er kaum das Abteil verlassen, um nicht mit Fragen überfallen zu werden. Wahrscheinlich war er auch hier im Gryffindorturm das Zentrum der Aufmerksamkeit gewesen.
Wieder fiel ihm die Wut auf, die in der Luft lag. Ziellos und sich in Schimpfen entladend bei einigen. Andere schmiedeten offensichtlich Pläne. Neville war sicher, daß es genügend Gryffindors gelungen war, Weasley-Produkte und dergleichen verbotene Artikel in die Schule zu schmuggeln, um in den nächsten Wochen regelmäßig Unruhe zu stiften. Nadelstiche, nichts anderes. Das war besser als untätig herumsitzen, doch es würde weder Snape entmachten noch Ihn-der-nicht-genannt-werden-darf besiegen. Harry war der Schlüssel zum Sieg, und Neville hoffte, ihm irgendwie helfen zu können.
Der Eingang öffnete sich erneut und als Letzte des Hauses betraten die Vertrauensschüler der siebten Klasse den Gemeinschaftsraum. Die Schüleraufsicht, korrigierte er seinen Gedanken. Eine der kleineren Neuerungen in diesem Jahr, da war er sicher. Ron ging direkt zu Dean und Seamus, während Hermione zunächst unschlüssig herumstand und den Blick durch den Raum wandern ließ. Schließlich entdeckte sie ihn und kam herüber. Neville machte Anstalten, ihr seinen Stuhl anzubieten, doch sie winkte ihm, sitzen zu bleiben, und machte es sich auf der Fensterbank bequem.
„Es tut gut, hier zu sein. Snape hat nochmal betont, wie wichtig Disziplin ist und eine Liste verbotener Objekte ausgeteilt, die wir konfiszieren sollen. Und er will, daß wir helfen, die neue Kleiderordnung durchzusetzen. Keine Muggelsachen außerhalb der Schlafsäle." Sie rollte mit den Augen.
„Ob das so ähnlich wird wie mit Umbridge, die sich ständig neue Regeln ausgedacht hat?"
„Hoffentlich nicht."
Neville wies mit einer Kopfbewegung auf Ron. „Ist es so ernst wie letzten Winter?", fragte er. Der monatelang schwelende Konflikt zwischen Ron und Hermione war niemandem in Gryffindor entgangen. Neville kannte den Grund nicht und fühlte sich beiden nicht nahe genug, um danach zu fragen, doch was auch immer es gewesen war, jetzt war ein schlechter Zeitpunkt für Krieg innerhalb des Hauses.
„Das wird schon wieder." Hermione zeigte ein vorsichtiges Lächeln. Nach einem Moment des Schweigens wechselte sie das Thema: „Ich bin gespannt auf die neuen Lehrer. Weißt du irgendetwas über Professor Malfoy?"
„Er ist der jüngere Bruder von Dracos Vater. Soweit ich weiß war er längere Zeit im Ausland. Aber mehr kann ich dir auch nicht sagen, Gran trifft niemanden, der direkten Kontakt zu den Malfoys hat." Er überlegte kurz. „Ich werde ihr schreiben, vielleicht weiß sie noch etwas."
Hermione nickte. „Sei bitte vorsichtig, unsere Post wird bestimmt überwacht."
„Ich bin kein dummer Junge mehr, die letzten beiden Jahre waren sehr lehrreich."
„Sorry."
„Ist schon in Ordnung. Paß auf Harry auf, wenn er dich läßt."
Beide lachten und wandten sich leichteren Themen zu in einem Versuch, etwas von der Spannung loszuwerden, die alles und jeden im Griff hatte. Es war noch nicht sehr spät, als sie sich verabschiedeten und ihre jeweiligen Schlafräume aufsuchten.
Morag saß in einem bequemen Sessel an einem der Fenster, die Beine angezogen und ein neu erworbenes Buch mit Art Déco- Motiven auf dem Schoß. Doch anders als sonst fiel es ihr schwer, sich in Linien, Formen und Farben zu verlieren. Zu viel ging ihr durch den Kopf. Daß der Adlerhorst an diesem Abend ungewöhnlich stark einem Hühnerstall ähnelte war auch nicht hilfreich. Sie ließ den Blick durch den vollgestopften Gemeinschaftsraum wandern. Offensichtlich hatte sich noch niemand in die Schlafsäle zurückgezogen, und die meisten saßen oder standen in kleinen Gruppen beisammen und diskutierten. Auf dem Weg zu ihrem Platz waren genug Gesprächsfetzen an ihre Ohren gedrungen, um die Themenvielfalt auszumachen, die die Schüler in ihrem Haus beschäftigte. Akademisches aus verschiedensten Bereichen, Unterrichtsvorbereitung, Normalität – aber auch viel Politik. In der Sitzgruppe neben ihr nahmen ein paar Sechstklässler gerade die Rede des Direktors auseinander und spekulierten über die neuen Lehrer.
Wie würde es nun weitergehen? Bisher war nicht viel geschehen. Seit dem Machtwechsel im Ministerium schien sich die Situation sogar entspannt zu haben. Weniger Vermißte, weniger offener Terror. Aber ihr war klar, daß diese Ruhe nicht ewig halten konnte. Deutlich erinnerte sie sich an das Abendessen bei den Yaxleys, zu dem sie im August geladen gewesen waren. Man umgarnte ihre Familie. Nicht auf der Liste, aber doch altes Blut, und nicht offensichtlich auf Seiten des Widerstands. Man wollte sie gewinnen, höflich, zivilisiert. Dabei sie war sicher, daß irgendwann Druck hinzukommen würde, wenn sie ihre neutrale Position hielten. Wie weit würden sich ihre Eltern beugen? Was würde man von ihnen verlangen? Niemand in ihrer Familie pflegte engere Kontakte in die Muggelwelt oder zu verfemten Blutsverrätern, doch man ging mit der üblichen Höflichkeit mit ihnen um. In ihrem eigenen Haus und Jahrgang gab es ein Muggelkind, Kevin. Der blonde, brilletragende Zauberer war nicht weniger begabt als die anderen, und daß sie nicht viel mehr als ein Hallo und vielleicht ein paar Schulaufgaben austauschten lag schlicht an unterschiedlichen Interessen. Dieser entspannte Umgang würde den Fanatikern, die nun begonnen hatten, die MacDougals zu umwerben, sicher nicht gefallen, ebenso wenig der Umstand, daß sie Muggelkunde belegt hatte, aus Interesse für deren Kunst und Kultur. Sie besaß auch einige Bücher zu dem Thema, die man ihr bei Flourish & Blotts beschafft hatte, einschließlich des Bandes, den sie nun in Händen hielt. Ein Verwandlungszauber, der ihm einen Leineneinband verschaffte und den Glanz nahm, hatte genügt, daß Filch es übersehen hatte. Morag schöpfte viele Ideen aus Verbindungen von Muggelkunst und –Kleidung aus verschiedenen Epochen mit traditionellen Schnitten und Motiven.
Wie würde sich die Situation in ihrem Haus entwickeln? Wie lange konnte sie ihrer Neugier noch unbehelligt folgen? Sie sah bereits den Riß, der sich in Ravenclaw abzeichnete. Viele pflegten normalen Umgang mit den muggelstämmigen Mitschülern, und etliche hatten Muggel zumindest in der entfernteren Verwandtschaft. Einige hatten sich im vorletzten Jahr Potters Übungsgruppe angeschlossen und sich so zumindest verdächtig gemacht. Gleichzeitig gab es eine deutliche Anzahl Schüler, weniger in ihrem eigenen Jahrgang, wohl aber in jenen darunter, von denen sie sicher war, daß sie die neue Regierung unterstützten. Manche, weil sie den Glauben an die Überlegenheit des reinen Blutes teilten, andere, weil sie sich für die Dunklen Künste interessierten und auf mehr Freiheiten für ihre Studien hofften.
Ein weiterer Sessel schwebte heran und landete neben ihrem. Mit einem erleichterten Seufzen ließ sich ein Mädchen mit zu aufgesteckten Zöpfen frisierten schokoladenbraunen Haaren hineinfallen.
„Endlich. Diese Absprachen sind furchtbar ermüdend, und morgen ist schon die nächste. Ich kann verstehen, daß Padma diese Aufgabe im Abschlußjahr abgeben wollte. Was liest du da?"
Lachend reichte Morag Lisa den kleinen Bildband. „Es ist sicher zeitraubend", bot sie an, das Gespräch fortzusetzen, während ihre Freundin die Photographien betrachtete.
„Nicht nur das. Die Gryffindors aus unserem Jahr haben irgendein Problem untereinander und schweigen sich gegenseitig an. Bei den Slytherins scheint auch etwas nicht zu stimmen, die waren beide irgendwie abwesend, obwohl sie die Versammlung geleitet haben. Parkinson wurde übrigens durch Bulstrode ersetzt, ich weiß noch nicht, ob das irgendetwas besser macht. Ich hätte nie gedacht, daß ich das mal sagen werde, aber im Moment sind die Hufflepuffs tatsächlich die Vernünftigsten." Sie schwieg eine Weile und blätterte. „Faszinierend was du immer wieder ausgräbst", sagte sie schließlich.
„Muggelkunde war ein recht guter Startpunkt für die Suche" antwortete Morag. Sie überlegte kurz und fügte hinzu: „In diesem Jahr scheint das Fach nicht angeboten zu werden. Mir war gar nicht bewußt daß Professor Burbage in den Ruhestand treten wollte, und sie wurde vorhin auch mit keinem Wort erwähnt." Plötzlich begann sie zu frösteln, als sie den Gedanken weiterverfolgte. Flüsternd faßte sie ihren Verdacht in Worte: „Meinst du daß sie… verschwunden wurde?"
Daß es im Hufflepuff-Gemeinschaftsraum am ersten Abend voll und laut zuging, war nichts Ungewöhnliches. Doch im Vergleich zu den früheren Jahren wirkte die Stimmung gedämpft. Dieser Unterschied fiel Ernie sofort auf als er, gemeinsam mit Hannah, den Raum betrat. Sie waren die Letzten, denn die Schüleraufsicht hatte noch Anweisungen vom Direktor und den Hauslehrern erhalten. Die neuen Erstklässler waren von den Vertrauensschülern des fünften und sechsten Schuljahrs eingewiesen worden.
Der gemütliche Raum mit Sitzecken um runde Tische und den zahlreichen Lampen, die warmes goldenes Licht verbreiteten, vermittelte Geborgenheit und ein Gefühl von Heimat. Doch wohin er auch sah, die Wiedersehensfreude war getrübt. Gerade in den unteren Jahrgängen machten viele Schüler einen verängstigten Eindruck. Am Rande des Raumes winkte Roger ihnen zu und sie schlängelten sich durch die Schülergruppen zu den Sofas, auf denen der Abschlußjahrgang beisammensaß. Susan sah blaß aus. Wahrscheinlich war sie besorgt um ihre Familie, hatte sie doch bereits ihre Tante verloren. Ernie wußte, daß die Trauer sie noch immer manchmal einholte. Sie unterhielt sich leise mit Eloise, die mit einer Häkelarbeit neben ihr saß, die langen schwarzen Haare so weit wie möglich ins Gesicht fallend. Die Fröhlichkeit, mit der Roger die Neuankömmlinge begrüßte, hatte etwas Gezwungenes. Die übrigen beschränkten sich auf ein Lächeln und ein kurzes Nicken. Von Zaccharias kam nichteinmal das, er starrte nur schweigend vor sich hin. Mit einem kleinen Stich wurde Ernie Justins Fehlen bewußt. Es war seltsam, daß ein Drittel ihres Trios in diesem Jahr fehlen würde, doch wenigstens war er vorgewarnt gewesen: Im Juli hatte er eine kurze Nachricht bekommen, daß Justin und seine Familie in die USA gegangen waren. Das mochte sich noch als kluge Entscheidung herausstellen, denn die Situation für Hexen und Zauberer aus Muggelfamilien würde sich sicher bald verschlechtern.
„Eigentlich erstaunlich daß wir beide unser Haus vertreten sollen", nahm Hannah das Gespräch wieder auf, als sie sich auf einem kleinen honiggelben Samtsofa niedergelassen hatten. Die Fenster in der Nähe waren schon dunkel. „Immerhin stehen wir auf der falschen Seite."
Ernie nickte. „Weder wir noch unsere Familien haben ein Hehl daraus gemacht, daß wir Du-weißt-schon-wen und seine Anhänger ablehnen. Dennoch frage ich mich eher, warum Ron und Hermione in Amt und Würden geblieben sind. Sie stehen bekanntermaßen dem Widerstand nahe, mehr als wir."
„Ja, das ist seltsam. Ich frage mich, wie lange es so bleiben wird."
„Wieviel Einfluß Professor Sprout wohl noch auf die Entscheidungen hat, die uns betreffen?" fragte Wayne in die Runde.
„Schwer zu sagen. Wahrscheinlich weniger als sie sollte" spekulierte Sophie.
„Unfaßbar daß sie Snape als Schulleiter eingesetzt haben." Megan klang eher resigniert als zornig.
Allmählich wandte sich die Diskussion dem jähen Ende des vergangenen Schuljahres und den Sommerferien zu und Ernies Aufmerksamkeit glitt wieder zu seinen eigenen Gedanken. Wie würde sich seine Familie jetzt positionieren? Würden sie stillhalten oder weiterhin offenen Widerspruch wagen? Seine Eltern und Onkel und Tante waren ins Ministerium bestellt und recht höflich befragt worden. Große Teile der gehobenen Gesellschaft mieden die MacMillans, die Dumbledore unterstützt hatten, doch wenn sie jetzt stillhielten wären sie relativ sicher: Sie waren altes Blut und pflegten viele der Traditionen. Für den Moment mußte er sich nicht um seine Familie sorgen. Dennoch… es war wahrscheinlich, daß man irgendwann verlangen würde, daß sie sich für die neue Administration einsetzten, und spätestens dann würde es zur Konfrontation kommen. Zeit, nach Verbündeten zu suchen.
In den Tiefen des Schloßkellers schwebte grünes Konfetti durch die Luft. Einige der jüngsten bewarfen sich damit, müde und aufgekratzt zugleich. Es herrschte ausgelassene Stimmung, man feierte das Wiedersehen – und den neuen Direktor, dessen Ernennung Vorteile für das Haus versprach.
Der Abschlußjahrgang hatte sich die Sitzgruppe am Kamin gesichert. Tracy hatte es sich auf einem grünen Plüschkissen am Boden bequem gemacht, die warmen Flammen im Rücken, an die Seite eines der dunklen Ledersofas gelehnt. Hier bekam sie mit, was geschah, ohne selbst zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie mußte damit rechnen, ein schwieriges Jahr vor sich zu haben. Als Halbblut in Slytherin hatte sie es nie leicht gehabt, hatte lange darum kämpfen müssen, sich einen eigenen Status aufzubauen. Erst im vergangenen Schuljahr hatten Millie und sie es gewagt, sich aus Pansys Gang zu lösen. Ihre Herrschaft hinter sich zu lassen, aber auch ihren Schutz. Gut möglich daß ihnen das jetzt, da die Abstammung noch wichtiger wurde, auf die Füße fallen würde. Tracy fühlte sich unwohl ohne ihre beste Freundin, die noch immer mit ihren neu übernommenen Pflichten für die Schüleraufsicht beschäftigt war. Millie war stets die Stärkere gewesen. Dafür war Tracy besser darin, das feine soziale Gefüge zu lesen. Sie würde sich nützlich machen, solange sie wartete.
In einem der Sessel gegenüber dem Kamin thronte Pansy. Im Sessel daneben, angespannt und nur auf der Kante, saß Sally. Sie war die Letzte ihres Jahrgangs, die Pansy wie ein Hündchen folgte, obwohl sie als nahezu reinblütig einen leichteren Stand hatte als die beiden Abtrünnigen. Pansy ignorierte sie und betrieb oberflächliche Konversation mit Daphne und Blaise, die sich zu ihrer Rechten ein Sofa teilten. Den beiden gegenüber, auf dem zweiten Sofa, saßen Vincent und Gregory. Beide schwiegen im Moment. Sie wirkten immer ein wenig unsicher, wenn Draco nicht bei ihnen war, doch diese Schwäche war inzwischen deutlich schwerer zu sehen. Vor allem Vincent schien um mehr Selbstsicherheit bemüht. Vielleicht mußten sie sich in den letzten Monaten daran gewöhnen, allein zurechtzukommen. Abgesehen davon war dieser erste Abend nicht anders als die vorangegangenen. Man sprach über die Ferien, soweit das noch nicht im Zug geschehen war, und nahm das Festessen auseinander. Politik spielte, abgesehen von den Veränderungen an der Schule, kaum eine Rolle. Tracy war sicher, daß zumindest ein Teil dieser Sorglosigkeit Fassade war. Daß sich Blaise mehr mit dem kalten schottischen Klima und seinen Liebschaften in Neapel beschäftigte als mit aktueller Politik konnte sie noch nachvollziehen, immerhin war er nicht an Großbritannien gebunden. Die anderen jedoch… sie konnten sich sicher fühlen, aber wie weit würden sie sich aktiv einbringen? Immerhin hatte mindestens die Hälfte ihrer Klassenkameraden in Slytherin familiäre Bindungen zur Dunklen Seite, vier davon sogar sehr enge. Und wie bereitwillig würden jene, die neutral blieben, Informationen weitertragen? Sie mußte vorsichtig sein, noch mehr als sonst.
Schließlich schienen die Aufsichtsschüler fertig zu sein, denn Draco erschien in der Lücke zwischen Pansys Sessel und Daphnes Sofaplatz, das spitze Kinn erhoben und seinen üblichen herablassend-gelangweilten Ausdruck im Gesicht. Immerhin schenkte er dem angesehenen Teil der Runde zur Begrüßung ein höfliches Lächeln.
„Daphne, wie ich sehe amüsierst du dich?"
„Willst du uns Gesellschaft leisten?"
„Würde ich gern, aber ich habe zu tun. Du kannst mir sicher sagen, wo sich mein Cousin herumtreibt?"
Sie lachte. „Schlechte Laune? Theodore ist im Schlafsaal, es war ihm hier zu laut und zu voll."
„Danke, viel Spaß noch."
Damit stolzierte er davon.
Nur Augenblicke später grüßte Millicent in die Runde und setzte sich in den Stuhl mit den geschnitzten Armlehnen und der gepolsterten Lehne, der mit dem Rücken zum Feuer und neben Tracys Kissen stand. Sie wirkte angespannt und müde. Eigentlich nicht mehr, als zu einem Abend wie diesem paßte, doch Tracy kannte sie gut genug um zu wissen, daß das Treffen mehr als ein paar organisatorische Absprachen beinhaltet hatte. Und daß sie hier sicher nicht darüber sprechen würde. Tracy vermutete eine Machtprobe mit Draco, der in diesem Jahr in seiner Position im Haus gestärkt war und dem Millicents neue Unabhängigkeit vermutlich nicht gefiel. Allerdings deutete sein rascher Abgang darauf hin, daß er mit dem Ergebnis nicht zufrieden war. Er war schlecht gelaunt gewesen, da teilte sie Daphnes Einschätzung. Neugier drängte sich neben die Sorgen.
Theodore hatte sich nicht lange im Gemeinschaftsraum aufgehalten. Es war ihm zu anstrengend, und die ausgelassene Freude einiger jüngerer Schüler bereitete ihm Magenschmerzen. Im Schlafsaal hatte er sich zunächst damit beschäftigt, seinen Koffer auszupacken, und dann eines der neuen Bücher hervorgeholt. Millicent hatte sie ihm im Zug übergeben, weil ein gewisses Risiko bestand, daß man ihr Gepäck gründlich durchsuchen würde. Bei ihm hatte sich Filch nicht getraut, allzu akribisch mit dem Magiedetektor nach verzauberten Gegenständen zu suchen. Die Verwandlungszauber saßen perfekt: Äußerlich betrachtet waren die Bände nun magische Unterhaltungsliteratur und ein Buch über giftige Meereslebewesen und deren Anwendungen in Zaubertränken. Mit einem Schmunzeln dachte er ans fünfte Schuljahr zurück, als er angefangen hatte, Bucheinbände zu fälschen, um die Unterrichtszeit zum Lesen zu nutzen. Er war so weit gegangen, nach den Weihnachtsferien indizierte Bücher von zu Hause mitzubringen, um sie in stillem Vergnügen unter Professor Umbridges Nase zu lesen.
Theodore zog die Schuhe aus und machte es sich auf seinem Bett bequem. Das Licht des Zauberstabes genügte ihm, der Rest des Raumes lag im Dunkeln.
So bemerkte er es sofort, als er Gesellschaft bekam. Die grünlichen Lampen flammten auf, und er spitzte die Ohren. Das waren nicht die schweren Schritte, mit denen sich Vincent und Gregory gewöhnlich ankündigten. Eine Feder des Nachbarbettes quietschte. Er sah kurz auf, erkannte Draco und nickte ihm zu. Dann schaute er wieder auf sein Buch.
„Was hast du Millicent erzählt?"
Theodore sah erneut auf und hob eine Augenbraue. „Seit wann interessierst du dich für unseren Handel?"
„Seit er mich betrifft."
„Sie hat sich nach der Befragung ihres Vaters erkundigt. Ich habe das Motiv bestätigt, das sie selbst bereits vermutet hat und ihr versichert, daß du nicht beteiligt warst." Er begleitete diese Antwort mit einem Schulterzucken. Doch Draco war so leicht nicht zufriedenzustellen.
„Sie hat Andeutungen gemacht, über die Situation zu Hause. Dinge, die sie nicht wissen dürfte."
„Das hat sie nicht von mir."
„Wir müssen die Quelle finden."
„Wozu? Der Dunkle Lord hat keinen Grund mehr, sich zu verstecken."
War Draco ernsthaft daran gelegen, nach Verrätern zu suchen, oder hatte er Angst? Machte das einen Unterschied? Würde er es wagen, die Augen zu verschließen, wenn er etwas bemerkte, das Seiner Lordschaft oder dessen Getreuen nicht paßte, oder würde er es melden, in der Hoffnung, besser dazustehen?
Draco schwieg, und so beschloß Theodore, ihm in einer anderen Angelegenheit auf den Zahn zu fühlen.
„Versteckst du dich vor Pansy?"
Draco zuckte eine Winzigkeit, als habe ihn die Frage aus einem Tagtraum aufgeschreckt. „Wie kommst du darauf?"
„Man sieht daß du ihr aus dem Weg gehst. Warum?"
„Ich habe mich von ihr getrennt. Sie will das nicht akzeptieren."
„Das sehe ich. Du weichst aus. Langweilt sie dich? Oder hast du inzwischen gemerkt, daß sie eine fiese Giftkröte ist?"
Die Antwort war Schweigen. Als sich die Stille zu dehnen begann, sprach Theodore weiter:
„Sie wird sich nicht einfach ignorieren lassen. Vor zwei Wochen hat sie versucht aus mir herauszubekommen, was dich an ihr stört. Sie glaubt, daß du sie für nicht gut genug hältst. Und sie wird versuchen sich zu beweisen."
„Verdammt. Was hast du ihr erzählt?"
„Nichts. Sie war ziemlich frustriert nach unserem Gespräch. Mach was dagegen, oder sie wird uns allen auf die Nerven gehen."
Von Draco kam ein frustriertes Stöhnen. Er drückte die Finger auf die Augenwinkel. „Wie mache ich ihr bloß klar daß es vorbei ist, endgültig?", murmelte er, wohl zu sich selbst.
Theodore gab ein halb unterdrücktes Lachen von sich. „Du fragst allen Ernstes mich, wie man abgelegte Mädchen loswird? Wende dich an Blaise, der hat da mehr Erfahrung. Vielleicht nimmt er sie dir sogar ab."
Draco schien ernsthaft darüber nachzudenken.
„Weis' ihn darauf hin, daß ich kein Interesse mehr an ihr habe."
„Warum tust du das nicht selbst?"
„Weil das zu gewollt aussieht."
„Was bekomme ich dafür?"
„Wir sind Familie."
Theodore bedachte ihn mit einem langen Blick, bevor er sich wieder seinem Buch zuwandte und demonstrativ eine Seite umblätterte.
Am Rande seines Gesichtsfelds sah er Draco mit den Augen rollen, bevor der es erneut versuchte. „Du hast erwähnt, daß du das Problem selbst so schnell wie möglich gelöst sehen willst."
Theodore seufzte. „Schon gut, ich werde beim Frühstück fallen lassen, daß sie frei ist."
Neville hatte sie für kurze Zeit abgelenkt, und dafür war sie dankbar. Doch allein im dunklen Schlafsaal strömte alles wieder auf Hermione ein. Die vielen Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die sie in diesem Jahr zu schultern hatte, wären für sich genommen kein Problem. Eine Herausforderung, reichlich Arbeit, doch zu schaffen. Aber diese unmögliche Situation mit Ron... Es war schwer gewesen, mit ihm in dieser Versammlung zu sitzen. Inzwischen war ihr klar, daß die Trennung richtig gewesen war, daß sie als Paar nicht funktionierten. Doch es tat trotzdem weh. Sie sehnte sich nach Trost und Nähe, die er ihr gegeben hatte. Und sie sehnte sich nach dem Freund, der er gewesen war. Einer ihrer ersten richtigen Freunde, und allem Streit zum Trotz einer, der ihr teuer war. Eine neue Welle von Reue drohte sie zu ertränken. Sie hätte es sehen müssen. Doch sie hatte der trügerischen Sehnsucht nachgegeben, und nun mußte sie die Scherben zusammenkehren.
Noch während sie Waschtasche und Schlafanzug aus dem Koffer kramte, begann sich ihr Atem zu beschleunigen und ins Stocken zu geraten, ihre Kehle verengte sich. Im Badezimmer liefen die Tränen. Schluchzend und mit lang schon automatisierten Bewegungen zog sie sich um. Dann tastete sie sich halb blind zu ihrem Bett und ließ sich in die Kissen fallen. Mit einem Mal fühlte sie sich einsam und verlassen, vor einem Berg an Aufgaben und Problemen, der kaum zu bewältigen war.
„Was ist denn mit dir los? Jetzt kannst du doch noch kein ‚Erwartungen übertroffen' bekommen haben."
Lavender, die dumme Ziege.
„Laß mich doch einfach in Frieden!"
„Mal ernsthaft, was ist denn los?", fragte Parvati sanfter. Unter Hermione bewegte sich die Matratze. Mindestens eine der beiden hatte sich neben sie gesetzt. Eine warme Hand legte sich auf ihre Schulterblätter.
„Geh!"
„Nein. Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Was ist passiert?"
Mühsam setzte sie sich auf und rutschte ans Betthaupt. Sie wischte sich über sie Augen, war aber trotzdem froh, daß ihr die Haare ins Gesicht fielen. Parvati saß auf ihrem Bett und sah sie sorgenvoll an. Daneben stand Lavender, die Arme verschränkt, doch die Brauen zusammengezogen, als sei sie ihrer Sache nicht mehr ganz so sicher.
„Was interessiert euch das überhaupt?"
„Wir sind keine Vollarschlöcher wie die Schlangen im Keller. Offensichtlich geht es dir wirklich schlecht. Ich möchte dir helfen."
„Das hat euch letztes Jahr auch nicht interessiert."
Lavender tapste unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. Parvati zupfte an ihrem Ärmel.
„Es war zu sehen, daß du sauer warst, aber du bist nicht so zusammengebrochen. Oder hast dich zumindest nicht dabei erwischen lassen."
Hermione schluckte und starrte auf ihre Hand, die sich neben ihr in die Decke krallte. Sie mußte sich dringend wieder einkriegen. Warum war sie so nahe am Wasser gebaut? Zorn wäre hier angemessener!
„Das war Absicht", flüsterte sie.
„Nein", widersprach Lavender. „Oder, zumindest nicht so richtig. Ich wollte Ron wirklich haben, nicht nur, um dich zu ärgern. Aber ich habe mich gefreut, mal bei etwas besser zu sein."
Wieder liefen die Tränen.
„Das können wir später besprechen", sagte Parvati. „Was ist jetzt passiert? Du warst den ganzen Abend nur halb da."
Sie wollte nicht. Was hatte sie mit diesen zwei Hohlköpfen am Hut? Die ihr bei jeder Gelegenheit unter die Nase gerieben hatten, daß sie unbeliebt und häßlich war? Sie wollte ihnen nicht ihr Herz ausschütten. Das ging sie nichts an, sie würden nur neues Futter für ihren Spott finden. Und doch... Alles in ihr sehnte sich danach, zu sprechen. Harry war großartig, der Bruder den sie hatte haben wollen, doch ihr fehlte eine Freundin. Manchmal kam Ginny dem nahe, aber die hatte im Moment ihre eigenen Probleme. Parvatis Stimme hatte etwas Hypnotisches. Sie ließ Vertrauen in ihre Seele tröpfeln, das sich mit dem Wunsch nach Trost vermischte. Als Hermione schniefte, wurde ihr ein Taschentuch gereicht. Jemand streichelte ihren Rücken.
„Es ist Ron", brach es schließlich aus ihr hervor.
Am Rande nahm sie wahr, wie sich auch Lavender zu ihr aufs Bett setzte und Parvati die Vorhänge schloß und einen Zauber wirkte. Die Tränen liefen wieder.
„Ich habe so lange gehofft, daß er mehr in mir sehen könnte als eine Freundin. Daß ihr mir eure Beziehung ins Gesicht geworfen habt, hat so furchtbar wehgetan... Ich dachte, seine Eifersucht ist etwas gutes, daß sie zeigt, daß er mich irgendwo tief drin liebt, auch wenn er es selbst nicht sieht. Aber..."
Wo sollte sie anfangen? Hundert Gedanken schossen ihr gleichzeitig durch den Kopf, und alles verschwamm in Schmerz. Sie putzte sich erneut die Nase.
„Was ist in den Sommerferien passiert?", fragte Parvati.
Und Hermione erzählte. Von ihrer zarten Annäherung zu Beginn der Ferien, von ihren Zweifeln und dem Trost, den sie beieinander fanden. Von Wärme, aber auch vom eingeengt sein durch Rons Eifersucht, die ihr zunächst ein gutes Zeichen gewesen war. Von Mißverständnissen und davon, daß er sie verletzte, ohne es zu bemerken. Von der Trennung im Streit. Und von ihrer Trauer um die Freundschaft, die sie beide verbunden hatte. Irgendwann hatte eine Tafel Schokolade den Weg in ihr Bett gefunden, die die Mädchen teilten. Nach einer kleinen Ewigkeit versiegten Hermiones Tränen.
„Ich glaube, Ron ist noch zu unfertig", sagte Lavender leise.
„Wie meinst du das?"
„Er weiß noch nicht, wie eine Beziehung funktioniert, und wen er dafür braucht." Sie schwieg eine Zeit lang und betrachtete Hermione mit nachdenklichem Blick. „Wir alle lernen noch", fügte sie schließlich hinzu.
Hermione starrte sie mit offenem Mund an.
„Was?", fragte Lavender trotzig.
„Verzeih mir bitte, aber ich hätte nicht gedacht, daß du dir tiefergehende Gedanken machst."
„Überrascht? Menschen und ihre Beziehungen zueinander finde ich einfach interessanter als unseren Schulstoff."
Als spät in der Nacht wieder alle in ihren eigenen Betten lagen, ging es Hermione etwas besser. Sie fühlte Trauer, aber keine Verzweiflung mehr. Und vielleicht war sie hier, in diesem Schlafsaal, nicht mehr so allein wie in den letzten Jahren.
Jetzt sind sie wieder da, wo sie hingehören ;-) Zumindest vorerst. Seid Ihr mit den Perspektivwechseln zurechtgekommen?
