5. Kapitel – Alte und neue Schlangen

2.9.1997 (Dienstag)

Auf die eine oder andere Art war der Abend für jeden lang geworden, gleich zu welchem Haus man gehörte. Entsprechend verschlafen erschienen die Schüler zur ersten Unterrichtsstunde des neuen Jahres. Verwandlung stand auf dem Plan, für diejenigen, die dieses Fach auch im letzten Schuljahr auf hohem Niveau fortführten. Verwandlung, Zauberkunst und Verteidigung waren nun Kernfächer, die alle belegen mußten. Die stärkeren Schüler, die die NEWT-Prüfung anstrebten, fanden sich jeweils in Kurs I wieder. Die Übrigen belegten Kurs II und wurden mit niedrigerem Anspruch weiter unterrichtet, vor allem um die Grundfähigkeiten der ersten fünf Schuljahre zu festigen und dafür zu sorgen, daß auch der Letzte sie sicher anwenden konnte. Hinzu kam ein Teil des NEWT-Stoffs. Hier wurde der Unterricht teilweise von anderen Fachlehrern übernommen, die Nebenfächer lehrten und daher weniger volle Stundenpläne hatten.

In diesem Jahr hatten sie stets Doppelstunden. Und die letzten beiden Jahre ließen ahnen, daß die vielen freien Zeiten, die durch die wechselnden Kurse entstanden, sich rasch mit Hausaufgaben füllen würden.

Hermione hatte mit ihrem Stundenplan auch ihre Strafarbeit bekommen: einen anderthalb Fuß langen Aufsatz darüber, warum man Muggelartefakte nicht mit nach Hogwarts bringen sollte, abzuliefern am Freitag bei Professor McGonagall. Es hätte schlimmer kommen können.

Der erste Tag bot noch keine Gelegenheit, einen der neuen Lehrer in Aktion zu erleben. Man fieberte den ersten Stunden entgegen, neugierig, wie sich diese darstellen würden – wobei Hoffnungen und Befürchtungen in den Häusern recht unterschiedlich verteilt waren.

Direkt nach dem Abendessen verschwanden acht Schüler aus der Großen Halle und begaben sich in den Konferenzraum der Schüleraufsicht.

Mit einem mulmigen Gefühl ging Hermione an Rons Seite durchs Schulhaus. Beide schwiegen und versuchten, einander nicht anzusehen. Im Gemeinschaftsraum hatte sich Ron noch lautstark darüber aufgeregt, daß ihm „diese Kuh" den Abend versaue. Er meinte Millicent Bulstrode, die das Treffen einberufen hatte.

Hermione war die einzige muggelstämmige in der Schüleraufsicht und noch immer nicht sicher, was sie von ihrer Ernennung zu halten hatte. War das eine Falle, eine Verschleierungsmaßnahme? Wie genau war die Auswahl erfolgt, wer im Lehrerkollegium hatte wieviel Einfluß? Auf diese Fragen würde sie Antworten finden müssen. Sie mußten vorsichtig sein. Es gab so viel zu tun. Und Bulstrode wollte über Festplanungen sprechen.

Inzwischen hatten sie die Tür des Konferenzraums erreicht. Ron öffnete und schob sich hinein. Hermione atmete tief durch und folgte ihm.

Die beiden Hufflepuffs saßen bereits an der rechten Seite des Tisches, näher zur Tafel als zur Tür. Sie sahen eigenwillig aus, wie sie so nebeneinander saßen: beide blond, passend zu den gelben Hufflepuffwappen auf ihren Schuluniformen, doch von recht unterschiedlicher Statur und Erscheinung. Ernie hatte die Pausbacken, die er als Junge gehabt hatte, verloren und dafür ein breites Kreuz entwickelt. Hermione, die als Kind einmal die Highland Games besucht hatte, fand, daß er optisch zu dem Schottenbild paßte, das dort vorgeführt wurde. Oder vielmehr passen würde, sobald er wirklich erwachsen wäre – allerdings fiel es ihr schwer, sich einen Zauberer beim Bäume werfen vorzustellen. An Hannah hingegen war alles weich, von den Gesichtszügen über die dicken Zöpfe, die ihr fast bis zur Taille reichten, bis zur Figur. Beide sahen ernst und müde aus.

Den Hufflepuffs gegenüber stand Millicent Bulstrode, die Arme auf einer Stuhllehne abgestützt, leicht gedreht, sodaß sie der Tür zugewandt war. Sie sah auf, nickte den Neuankömmlingen kurz zu und wandte den Blick wieder ab. Dann löste sie sich vom Stuhl und ging im Raum umher, kontrollierte die Tafel und ihre Materialien. Sie hatte sich deutlich verändert. Aus dem pummeligen, ungeschickten Mädchen war eine Frau geworden, mit Kurven, auch wenn ihr der breite Körperbau noch immer etwas Maskulines gab. Doch am stärksten hatte sie sich im letzten Jahr gewandelt, vor allem über den Sommer. Daß sie die pechschwarzen Haare nun kurz trug war nur der augenfälligste Unterschied. Sie bewegte sich anders. Kraftvoller, geschmeidiger. Wenn sie sich noch immer so gern prügelt, ist das beängstigend. In den ersten Jahren war sie, soweit Hermione sich erinnern konnte, stets Teil einer Clique gewesen. Man hatte sie praktisch nie ohne Draco oder Pansy zu Gesicht bekommen. Jetzt hatte sie die Leitung der Versammlung übernommen. Sie wirkte, als wolle sie Nervosität überspielen, wie sie dort zwischen Tisch und Tafel umherging, hatte sich aber gut genug im Griff um hektische und fahrige Bewegungen zu vermeiden.

Hermione und Ron setzten sich neben die beiden Hufflepuffs, möglichst weit weg von dem Platz, an dem Millicents Schreibsachen lagen. Die Begrüßung fiel freundlich, aber kurz aus, denn kaum daß sie ihre Stühle erreicht hatten, erschien Haus Ravenclaw. Anthony hielt Lisa die Tür auf, die sich bedankte, als sie an ihm vorbeihuschte. Sie trug wieder eine ihrer kompliziert aussehenden Hochsteckfrisuren.

Die beiden Adler winkten in die Runde und setzten sich ihnen gegenüber. Nun war nur noch ein Stuhl leer. Das Schweigen wurde immer angespannter.

„Was machen wir eigentlich hier?" fragte Lisa schließlich.

„Im Moment warten wir auf Draco", gab Millicent zurück. Hermione hörte deutlich Ärger in ihrer Stimme.

„Nein, ich meine, überhaupt. Haben wir nichts wichtigeres zu tun, als Weihnachten zu planen? Anfang September?"

„Vor Weihnachten kommt Halloween", erinnerte sie Millicent. „Es ist eine Menge zu tun. Besser wir fangen gleich an, bevor wir richtig mit Hausaufgaben zugeschüttet werden."

„Mione, hast du ihr irgendwas gegeben? Die klingt wie du."

„Vorausdenken ist praktisch, das könntest du auch mal ausprobieren", antwortete Hermione ihrem Hauskollegen.

„Ich kann vorausdenken."

„Ich meine ohne Schachbrett."

Erneut senkte sich Schweigen über den Raum. Die Hufflepuffs wechselten besorgte Blicke.

Es dauerte weitere fünf Minuten, bis endlich Draco hereingeschlendert kam. Er nickte Millicent kurz zu, verpaßte seinem Stuhl Armlehnen und ein dickeres Polster und fläzte sich hinein.

„Schön daß alle da sind, dann können wir ja anfangen."

Millicent sprach in den Raum, doch man hörte deutlich, wer gemeint war.

„Was denn, man wird doch wohl noch aufessen dürfen."

Draco verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust. Die Hexe ignorierte ihn und eröffnete die Konferenz.

„Also, noch mal extra für dich: Halloween rückt schnell näher und auch Weihnachten droht schon am Horizont. Wenn das kein Reinfall werden soll, müssen wir jetzt schon mit der Organisation beginnen."

Dieser Einleitung folgte eisiges Schweigen. Draco starrte gelangweilt vor sich hin, während die anderen Aufsichtsschüler weiterhin erwartungsvoll bis herausfordernd zu Millicent schauten. Sie räusperte sich kurz und sprach weiter.

„Ich habe eine Materialliste vom letzten Jahr bekommen, die wir nur noch anpassen müssen. Dieses Jahr soll es ein Kostümball werden. Dafür muß die Gestaltung der großen Halle überarbeitet werden…"

Die weiteren Verhandlungen über die notwendige Anzahl Kürbisse und Schüler, die sie bearbeiten wollten, Spinnweben, Tropfkerzen, Leuchtskelette, Geleeaugen und dergleichen gestalteten sich überaus zäh. Millicent kämpfte sich tapfer durch die Listen, das mußte Hermione ihr zugestehen. Auch ihr schien diese Sitzung keine Freude zu bereiten, und sie wurde immer nervöser. Geschieht dir recht, du hättest uns ruhig erstmal ankommen lassen können.

„Hör auf uns mit diesem Mist zu langweilen!" platzte es schließlich aus Ron heraus. „Gibt es denn nichts Wichtigeres zu besprechen?"

„Halt die Klappe, Wiesel!" fuhr Malfoy ihn an. Beide waren kurz davor von ihren Stühlen aufzuspringen. Täuschte sie sich, oder war der Blondschopf ebenfalls nervös?

„Du mußt reden, Frettchen!"

„Schluß, ihr zwei!"

Verdutzt starrten die beiden Zauberer Millicent an, die wie eine Gewitterwolke vor ihnen stand. Sie nutzte den Moment der Stille, um sich wieder an die Versammlung zu wenden:

„Hat noch irgendwer Fragen zu Halloween? Nein? Dann können wir das Thema abschließen."

Nun stand Ron tatsächlich auf und machte Anstalten, zu gehen. Auch in die anderen kam Bewegung. Doch Millicent erhob erneut die Stimme.

„Kommen wir nun zum eigentlichen Thema des heutigen Abends."

Sofort waren alle Augen wieder auf sie gerichtet – mit Ausnahme von Dracos, der auf die Tischplatte zwischen seinen Händen starrte. Er trug zwei Ringe an der Linken.

„Euch ist sicher aufgefallen, daß es über den Sommer einige Veränderungen gab. Noch tritt ihr-wißt-schon-wer nicht offen auf. Aber er hat schon Macht über das Ministerium. Die Veränderungen sind schleichend, aber es wird nicht dauerhaft so ruhig bleiben wie es jetzt ist."

„Meinst du diese Registrierungspflicht für Muggelstämmige, von der sie in der Zeitung geschrieben haben?", fragte Lisa.

„Die auch, ja. MacMillan, waren sie schon bei euch?"

Ernie ballte die Hände zu Fäusten. Dabei entdeckte Hermione auch an seinem Finger einen Siegelring.

„Meine Eltern und mein Onkel wurden ins Ministerium bestellt. Zeugenbefragung wegen Wirtschaftskriminalität, hieß es. Tatsächlich war es ein Einschüchterungsversuch."

Millicent nickte grimmig. „Glaubt hier noch irgendwer, daß Scrimgeors Tod ein Unfall war?"

Alle schüttelten die Köpfe.

„Und was hast du damit zu schaffen?", fragte Anthony. „Kann dir das nicht alles egal sein?"

„Leider nicht. Ich denke, auf lange Sicht sind wir alle in Gefahr, auch diejenigen, die sich jetzt vielleicht noch sicher fühlen."

„Das ist doch eine Falle", warf ihr nun Ron entgegen. „Du sollst in Gefahr sein? Das glaubst du doch selber nicht, du fette Kröte!"

Auch Hermione war nicht sicher, was sie davon halten sollte. Aber für die Beleidigung trat sie Ron gegen das Schienbein. Auf dieses Niveau mußten sie sich nicht hinabbegeben. Er drehte sich zu ihr um und starrte sie entgeistert an. Sie schüttelte den Kopf.

„Das zu glauben ist wirklich nicht so einfach", hörte sie Lisa sagen.

„Mein Vater liegt mit verwirrtem Geist im St. Mungos", sagte Millicent. Ihre Stimme klang anders. Leiser, und gepreßt, als würde sie mit den Tränen kämpfen. „Sie haben ihn befragt und seine Erinnerungen durchwühlt, weil sie vermutet haben, er hätte Verbindungen zum Widerstand."

„Wie gesagt, ich glaub dir kein Wort", sagte Ron feindselig.

„Aber das stimmt", widersprach Ernie. „Ich darf eigentlich nicht darüber reden, aber du hast es ja selbst angesprochen." Er sah zu Millicent, und diese nickte. Ernie sprach weiter. „In den Sommerferien habe ich ein Praktikum im St. Mungos gemacht, weil ich eine Heilerausbildung anstrebe. Ich habe Mr. Bulstrode mit meinen eigenen Augen gesehen. Er erholt sich dort nach der rücksichtslosen Anwendung illegaler Mentalmagie."

Hannah nickte.

Lisa war noch nicht zufrieden.

„Aber warum? Keiner von euch hat je ein gutes Wort über Harry oder Dumbledore verloren, und du warst in Umbridges Inquisitionskommando. Ihr seid eine reinblütige Familie, sogar auf der Liste der Unantastbaren 28, und brav in Slytherin."

Draco lachte. Es war kein fröhliches Lachen, aber auch nur halbherzig boshaft. „Da bist du nicht so gut informiert wie du glaubst."

Ernie räusperte sich. „Ihr Zweig ist nicht reinblütig. Ihr Vater hat eine halbblütige Hexe geheiratet und wurde deshalb verstoßen. Er hat zwar noch den Namen, und seine Familie ebenso, aber sie dürfen das Siegel nicht mehr führen und werden vom Rest der Familie und auch von einigen anderen ausgeschlossen."

Hermione fühlte eine Welle von Abscheu. Wie kam Millicent dazu, andere wegen ihrer Abstammung zu schikanieren, wenn sie doch selbst Muggel in der Familie hatte? Ron hatte offenbar ähnliche Gedanken, denn er regte sich lautstark auf:

„Du ziehst über Schüler her, die nicht reinblütig sind, obwohl du es selbst nicht bist? Wie verlogen ist das denn? Du rückgratlose Schlange!"

„Ich hatte die Wahl, mich anzupassen oder unterzugehen. Aber das übersteigt wohl deinen Horizont."

„Und jetzt paßt du dich nicht mehr an?", fragte Hermione mit Sarkasmus in der Stimme.

„Ja und nein. Manchmal erreicht man mehr, wenn nicht gleich alle merken, was man vorhat."

„Und was hast du vor?", fragte nun Lisa.

„Ich will meine Familie und meine Freunde schützen. Auf lange Sicht heißt das, einen Weg finden, den Alten loszuwerden. Allein werde ich das nicht schaffen, aber zusammen haben wir vielleicht eine Chance."

„Oh natürlich, wir schreien jetzt alle hurrah, und er läuft zu Papa und verpetzt uns." Die Ravenclaw winkte in Dracos Richtung.

„Ich habe geschworen, darüber zu schweigen. Und Millie hat genug gegen mich in der Hand, um das auch sicherzustellen." Er machte einen zerknirschten Eindruck.

„Schon klar."

„Nein, ernsthaft", sagte Millicent, „Wenn das rauskommt, bin ich genauso weg wie ihr. Und Draco auch. Das hier ist Verrat. Aber manchmal muß man eben Risiken eingehen."

„Und wie hast du dir das vorgestellt?", fragte nun Anthony.

Darauf folgte Schweigen. Millicents Finger bewegten sich, dann ballte sie die Hände zu Fäusten.

„Ich habe noch keinen richtigen Plan", sagte sie schließlich. „Ich hatte gehofft, daß wir zusammen etwas finden. Wir brauchen Informationen über Ihn, darüber, was bei seinem Verschwinden passiert ist und warum er noch lebt. Dafür werden wir einige sehr dunkle Bücher wälzen müssen. Das heißt, wir brauchen Leute, die das glaubwürdig recherchieren können und die es verstehen. Dabei könntest du vielleicht helfen, Turpin. Dir nimmt man ab, daß du aus magiehistorischem Interesse nach ungewöhnlichen Büchern fragst.

Außerdem müssen wir einplanen, daß wir nicht gleich eine Lösung finden. Also müssen wir so lange uns und unsere Familien schützen, so gut es geht. Wir sollten uns auch darauf vorbereiten, daß einige von uns sich verstecken oder aus der Schule verschwinden müssen. Das heißt, wir müssen möglichst viel über Seine Pläne erfahren, um uns darauf einzustellen."

„Du meinst, du sagst uns, was Du weißt-schon-wer plant? Wo du doch gerade gesagt hast, daß du nicht zu seinen Anhängern gehörst?"

„Ich erfahre mit Sicherheit mehr als ihr. Und ich will mein Netz nach allen Seiten ausbauen. Werfen wir zusammen, was wir haben, und sehen wir, was sich daraus machen läßt."

„Du willst also eine Widerstandsgruppe in der Schule aufbauen?", hakte nun Hannah nach. „Du willst quer durch alle Häuser Informationen zusammenführen und hoffst, daß dabei ein Plan entsteht, um Du-weißt-schon-wen zu besiegen?"

„Genau."

„Ist das nicht Harrys Aufgabe?"

Millicent zuckte mit den Schultern. „Das sagen einige, und der Alte scheint es auch selbst zu glauben, wenigstens ein bißchen. Aber ich denke, diese Aufgabe ist zu groß für einen allein. Noch dazu für einen einzelnen Schüler. Wir sollten uns zusammenschließen und alle einbeziehen, denen wir trauen können. Jeden, der irgendetwas Nützliches kann oder weiß, der auf unserer Seite steht und ein Geheimnis bewahren kann. Dann kann es vielleicht gelingen."

„Also, darüber muß ich erstmal nachdenken", sagte Anthony. Die anderen nickten. Nur Ron war sich sicher:

„Es bleibt dabei, du willst uns nur aushorchen. Du willst herausfinden, was Harry plant, und das schön weitertratschen. Aber ohne mich!"

„Ich meine das ernst, Weasley! Aber denkt ruhig erst darüber nach. Jetzt möchte ich erstmal nur, daß wir Stillschweigen vereinbaren. Wenn ihr euch dagegen entscheidet, vergeßt am besten, worüber wir heute gesprochen haben. Wenn ihr mitmachen wollt, redet nur mit Leuten, die absolut vertrauenswürdig sind. Sowas wie in der Fünften mit Edgecombe können wir nicht gebrauchen."

„Selbstverständlich schweigen wir", sagte nun Hermione. Die anderen nickten.

„Könnt ihr mir bis Ende der Woche bescheidgeben, wie ihr euch entschieden habt?"

„Ja."

„Gut. Noch etwas: Wenn wir zusammenarbeiten, müssen wir nach außen hin Hausrivalitäten und persönliche Feindschaften weiterhin pflegen, sonst fallen wir auf. Gerade Professor Snape achtet auf sowas. Das heißt, wir brauchen geheime Absprachewege. Zum Beispiel, was auch immer ihr für die DA verwendet habt. Fürs erste könnt ihr meiner Schwester Briefe für mich geben, wenn ihr mich nicht unauffällig erreicht. Bitte vorsichtig formulierte, von denen nicht jedem gleich ‚Verrat' entgegenspringt."

Hannah dachte kurz nach.

„Ashley, vierte Klasse?", fragte sie dann. Millicent nickte. „Sie ist in unserem Haus", erklärte die Hufflepuff den anderen.

„Dann hoffe ich, von euch zu hören. Ach, und in zwei Wochen machen wir das nächste Ogranisationstreffen. Hoffentlich nicht nur mit Kürbissen und Tannengrün."


Schweigend kehrten die beiden Gryffindors zu ihrem Turm zurück. Erst als sich das Türloch hinter ihnen geschlossen hatte und sie im schwach beleuchteten, verlassenen Gemeinschaftsraum standen, war es vorbei mit der Stille.

„Was bildet dieses häßliche Rindvieh sich eigentlich ein? Hält die uns für bescheuert?"

„Ron!"

„Was?"

„Das gehört sich nicht! Und sie in der Versammlung fette Kröte zu nennen erst Recht nicht."

„Aber es stimmt doch, und du weißt, wie oft diese Schlangen dich beschimpft haben."

„Deswegen müssen wir uns doch nicht auf das gleiche Niveau begeben."

„Oh ja, du schwebst natürlich mal wieder über allen anderen!"

„Tu ich nicht!"

„Ach, vergiß es. Jedenfalls sollten wir das schleunigst vergessen."

„Ich weiß nicht... Ich denke, sie macht sich wirklich Sorgen um ihre Familie."

„Vielleicht haben die ihr Sicherheit versprochen, dafür, daß die uns ans Messer liefert?" Er verschränkte die Arme vor der Brust und in seine Miene stahl sich ein Hauch Triumph.

„Naja... Wenn sie einfach nur uns und Harry aus dem Verkehr ziehen wollten, könnten sie das auch einfacher haben. Und hast du dir mal Malfoy angesehen? Der war auch ziemlich nervös. Das würde zu dem passen, was Harry erzählt hat. Daß er Dumbledore nicht töten wollte, daß ihm das, was sie von ihm verlangen, zu weit geht. Wenn Bulstrode das sieht und sich fragt, was sie alles tun soll, damit ihrer Familie nichts passiert? Wann Er das Nächste fordern wird, und was das wohl sein wird?"

„Meinst du, sie denkt so weit?"

„Schwer zu sagen. Im Unterricht merkt man jedenfalls nicht viel davon. Ich denke, ich werde mich in den nächsten Tagen ein bißchen umhören."

„Wozu die Mühe? Wir brauchen keine Hilfe von Slytherins."

„Sie hat Kontakte, die uns fehlen. Informationen, an die wir nicht herankommen. Vielleicht ist etwas dabei, was uns hilft."

„Glaub ich nicht. Aber frag ruhig die anderen, wenn du mir nicht glaubst. Gute Nacht."

Damit wandte er sich ab und stieg die Treppe zu den Jungenschlafsälen hinauf. Hermione setzte sich vor den glimmenden Kamin, um nachzudenken.


3.9.1997 (Mittwoch)

Millicent erwachte im Dunkel der Nacht. Sie glaubte, das Klicken einer Tür gehört zu haben, war aber nicht sicher, ob sie geträumt hatte. Still war es im Raum, nur einmal raschelte Bettzeug, ein Stück entfernt. Keine Atemzüge. Sie stand auf und griff nach ihrem Zauberstab, dessen schwacher, kühler Schein kurz darauf ihre Umgebung offenbarte. Das Bett neben ihrem eigenen war leer, der Vorhang halb geöffnet. Sie schlich durch den Raum. Aus dem schmalen Spalt unter der Badtür drang kein Licht, also war Tracey wohl nicht dort. Vorsichtig, um die drei anderen nicht zu wecken, öffnete sie die Tür, die auf den Gang hinaus führte. Ihre bloßen Füße platschten leise auf den kühlen Marmorfliesen. Als sie den Gemeinschaftsraum erreichte, löschte sie ihren Stab, um nicht vom eigenen Licht geblendet zu werden. Zu so später Stunde war es hier ein bißchen unheimlich. Hinter den Fenstern lag Schwärze und nur wenige der kugelförmigen Lampen brannten. Sie füllten den Raum mit einem schwachen grünen Halblicht. Alles war von Schatten bedeckt, die sich um die Möbel herum vertieften. Wo sollte sie anfangen zu suchen?

Im Kamin lag noch etwas Glut. Dort war es sicher deutlich wärmer als an den Fenstern. Sie schlich zu der Sitzecke, die ihr Jahrgang bevorzugte, und erspähte tatsächlich am Rand eines Sofas helle Flecken in den Schatten: Hände und Teile eines Gesichts. Ein Schniefen bestätigte den Eindruck, daß dort jemand saß. Tracey hatte die Beine angezogen und sich in die Ecke zwischen Lehne und Armlehne gepreßt. Ihre dunklen Haare verdeckten teilweise die helle Fläche, die ihr Gesicht sein mußte. Sie waren zu einem knapp schulterlangen Bob geschnitten und eigentlich maronenbraun. Doch seit sie den passenden Verwandlungszauber gelernt hatte, trug Tracey sie meist schwarz. Eine ihrer Hände streichelte etwas auf ihrem Knie: Vermutlich Matilda, die Vogelspinne.

Millicent ging ruhig hinüber und setzte sich neben sie.

„Tracey, was ist los?"

Ihre Freundin fuhr zusammen. „Nichts!" Ihre Stimme klang verheult und erschrocken.

Millicent fühlte einen kleinen Stich. Was konnte so dramatisch sein, daß Tracey sich vor ihr fürchtete? Sie waren enge Freundinnen, umso mehr seit dem letzten Jahr, in dem sie sich gemeinsam von Pansy gelöst hatten. Wirkliche Freunde waren selten und kostbar. Die Klassenkameradin war einer von wenigen Menschen außerhalb ihrer Familie, denen sie vertraute. Teilte sie dieses Vertrauen nicht?

„Tracey, ich bin es. Und wir sind allein. Niemand wird etwas erfahren."

Die Antwort war ein unterdrücktes Schluchzen. Tracey wischte sich die Tränen aus den Augen und versuchte offensichtlich, die Fassung wiederzuerlangen. Daß sie so lange dafür brauchte, ließ darauf schließen, daß es wirklich ernst war.

„Ist deiner Mutter was passiert?" fragte Millicent weiter. Als noch immer keine Antwort kam setzte sie nach: „Ich bin auf deiner Seite. Ich mache mir Sorgen um meine Großeltern. Daß sie irgendwann Schwierigkeiten bekommen wenn die neue Regierung anfängt ihre Ansichten umzusetzen."

Tracey lehnte sich an ihre Schulter und sprach endlich, mit belegter Stimme:

„Seit ein paar Wochen werden immer wieder Schmähungen an die Tür unseres Ladens geschrieben, heimlich, bei Nacht. Meine Eltern haben versucht, zuversichtlich zu erscheinen, aber spätestens seit August machen sie sich definitiv Sorgen. Zwei Lieferanten haben ihre Verträge gekündigt, und einige Stammkunden sind weggeblieben. Ich glaube, sie haben Angst daß sie Probleme bekommen, wenn sie mit meinen Eltern Geschäfte machen. Ich habe Angst daß es irgendwann direkter wird, daß meiner Mutter etwas passiert, nur weil ihre Eltern Muggel sind. Oder meinem Vater, weil er sie trotzdem geheiratet hat."

Millicent spürte, wie sich etwas von Traceys Anspannung löste. Tränen sickerten durch ihren Schlafanzug. Es mußte ihre Freundin viel Kraft gekostet haben, seit dem Betreten des Zuges ihre unbekümmerte Fassade zu halten und mit niemandem über ihre Sorgen sprechen zu können. Bis jetzt waren sie nie allein gewesen.

Eine Zeit lang saßen sie schweigend nebeneinander auf dem Sofa.

„Wie geht es deinem Vater?" fragte Tracey schließlich, während sie sich von Millicents Schulter löste und wieder gerade hinsetzte.

„Er ist immernoch im St. Mungos. Die Heiler sagen, daß er gute Chancen hat, sich vollständig zu erholen, aber es wird wohl lange dauern."

„Dann hoffen wir das Beste."

Wieder folgte Schweigen. Millicent lauschte in die Stille des nächtlichen Gemeinschaftsraumes. Jetzt war eine gute Gelegenheit. Und wem konnte sie sich in ihrem Haus anvertrauen, wenn nicht Tracey? Draco zählte nicht, das war gegenseitige Erpressung gewesen. Sie drehte sich zur Seite, sodaß sie ihre Freundin direkt ansah. Deren Blick war auf die Spinne auf ihrem Knie gerichtet. Millicent sah ihr Gesicht im Profil. Sie wirkte gefaßt.

„Ich habe ein Geheimnis, das ich dir gern anvertrauen würde. Allerdings ist es gefährlich, das zu wissen."

Tracey drehte den Kopf und sah ihr direkt in die Augen. Sie zog die Brauen hoch, und Millicent sprach weiter:

„Ich habe ein Projekt ins Leben gerufen, das mir und vielleicht auch einigen anderen ein wenig Hoffnung gibt, das uns aber mit Sicherheit den Kopf kostet, sollte es jemand herausfinden."

„Du unterstützt den Widerstand?" Traceys Stimme war kaum hörbar, selbst auf die kurze Entfernung. „Ich dachte sie trauen niemandem aus unserem Haus."

„Es wird eine eigene Gruppe, eine Art Schulprojekt. Es gibt viele hier, die den Alten gern loswerden wollen. Die Frage ist nur, ob sie sich dazu durchringen können, mit mir zusammenzuarbeiten."

Die Andeutung eines Lächelns malte sich auf Traceys rundem Gesicht.

„Das klingt verlockend. Erzähl."


Die Müdigkeit lag noch auf Hermiones Augen, als sie die Treppen zum Keller hinunterstieg. Nachdem sie bis spät in die Nacht gegrübelt hatte, war eine Tasse Earl Grey nicht genug, um munter zu werden. Alles lief auf die Frage hinaus, ob sie Bulstrode richtig einschätzte. Doch damit würde sie in der kommenden Stunde nicht weiterkommen: Es stand Zaubertränke auf dem Plan, ein Fach, das die Slytherin nicht mehr weiterführte. Dafür würde Hermione einen ersten Eindruck von der neuen Lehrerin bekommen. Nach fünf Jahren bei Snape, der sein Haus offen bevorzugt und Schüler gemobbt hatte und einem Jahr bei Slughorn, der Favoriten sammelte, war sie gespannt, wie diese Hexe den Zaubertränkeunterricht und den Umgang mit der Klasse gestalten würde.

Um Harry zu helfen, der schon den ganzen Morgen Sicherheitspuffer zwischen ihr und Ron hatte spielen müssen, wandte sie sich an den einzigen Hufflepuff im Kurs.

„Morgen, Ernie. Was hältst du davon, wenn wir beide zusammen arbeiten?"

„Aber selbstverständlich. Hattest du eine Auseinandersetzung mit Ron?"

„Kann man so sagen. Wir sind frisch getrennt."

„Oh. Das erklärt einiges."

Die Schüler verstummten als Professor Grey im Gang erschien. Wieder trug sie ein graues Kleid, unter dem mit Sicherheit ein Korsett und eine Menge Rüschen und Kissen verborgen waren. Die Haare bedeckte der standesgemäße Hexenhut. Hinten lugte ein silbriges Haarnetz unter der Krempe hervor. Zwei gelockte braune Strähnen zu beiden Seiten des Gesichts waren das einzige, was man sah. Die Lehrerin grüßte die Schüler, öffnete die Tür und begab sich zum Pult, wo sie ein schmales Buch aufschlug und offen vor sich hinlegte. Währenddessen suchten sich die Schüler ihre Lieblingsplätze. Die Sitzordnung ähnelte der im letzten Jahr: Man gruppierte sich nach Häusern an den Vierertischen, wobei sich Ernie zu den drei Gryffindors setzte. Er und Harry trennten Ron und Hermione.

„Lassen Sie die Kessel ruhig in den Taschen", wies Professor Grey die Klasse an. „Der nächste Trank wird etwas komplizierter als die, die Sie bisher hergestellt haben. Wir werden im ersten Teil der Stunde die Theorie besprechen und im zweiten einige Vorbereitungen erledigen, damit Sie am Montag gleich starten können."

Hermione spürte ein Kribbeln von Vorfreude und Aufregung, das die letzte Schläfrigkeit vertrieb. Sie hatte nicht die Zeit gehabt, sich so umfassend wie sonst auf das Schuljahr vorzubereiten und war nun nicht sicher, was sie erwartete. Es gab einige Möglichkeiten, doch was davon in welcher Reihenfolge gelehrt wurde, würde sie erst im Unterricht erfahren.

Rasch hatten alle ihre Schreibsachen griffbereit, und Professor Grey sprach in die Stille des Klassenzimmers:

„Guten Morgen. Ich freue mich darauf, Ihnen die Kunst des Tränkebrauens zu vermitteln. Sie sind in diesem Fach die besten Ihres Jahrgangs, und streben in diesem Jahr Ihre Abschlußprüfung an. Damit sind Sie bereit, sich mit einigen sehr komplexen Rezepturen zu befassen. Zudem werden wir auch Prozesse zur Vorbereitung von Zutaten erproben und in die Planung mit einbeziehen. Für diejenigen unter Ihnen, die eine Laufbahn als Tränkemeister oder Heiler anstreben ist das eine wichtige Grundlage für die Ausbildung. Dabei werden Sie auch üben, Aufgaben untereinander zu verteilen und als verläßliche Partner an längeren Projekten zusammenzuarbeiten."

Für kurze Zeit herrschte Schweigen, dann sprach sie weiter:

„Kommen wir nun zum Thema der nächsten Stunden. Hat jemand unter Ihnen bereits von Morpheustropfen gehört?"

Hermione durchsuchte ihr Gedächtnis. Davon hatte sie gelesen. Allerdings war sie nicht sicher, ob sie sich korrekt an die Rezeptur erinnerte. Was, wenn Professor Grey auch danach fragte? Sie hätte sich wirklich besser vorbereiten müssen.

Inzwischen hatte Kevin drüben am Ravenclaw-Tisch die Hand gehoben. Weiter hinten, wo die vier Slytherins saßen, maulte Perks, die einzige aus Parkinsons Gruppe, die es in diesen Kurs geschafft hatte:

„Na prima, noch ein allwissendes Schlammblut."

Das hätte ich eher von Malfoy erwartet. Interessant, daß er den Mund hält.

„Das habe ich gehört, Miss... Perks", wies die Lehrerin sie zurecht. Ihr Tonfall war sachlich. Kurz war ihr Blick zu dem Buch auf ihrem Tisch gesprungen. Wahrscheinlich hatte sie eine Klassenliste vor sich. „Unterlassen Sie künftig fachfremde Kommentare in meinem Unterricht. Sprechen Sie, Mr. Entwhistle."

Kevin räusperte sich, als sei ihm die geballte Aufmerksamkeit nach dem Intermezzo unangenehm, und begann zu sprechen:

„Das ist ein Schlaftrank, der Angst und Schmerzen nimmt und deshalb gern bei Schwerkranken eingesetzt wird."

„Das ist richtig. Ein Punkt für Ravenclaw", antwortete sie in warmem Tonfall. „Allerdings ist sowohl bei der Herstellung, als auch bei der Anwendung dieses Trankes äußerste Sorgfalt geboten. Wirkungslosigkeit ist noch die harmloseste Folge eines Fehlers. Wir werden ihn nur zu Übungszwecken brauen, weil sich daran einige Zusammenhänge und Abläufe gut darstellen lassen. Für die Anwendung sollte die Herstellung der Morpheustropfen geübten Meistern der Braukunst vorbehalten bleiben."

Die Stunde verging damit, die Rezeptur zu besprechen und ein komplexes Übersichtsdiagramm zu erarbeiten. Im letzten Drittel stellten die Schüler Pulvermischungen her und setzten einen Extrakt an, den sie später benötigen würden. Die Gläser wurden nebenan in einem Vorbereitungsraum aufstellt, wo sie eine Zeit lang stehen konnten, ohne den anderen Klassen im Weg zu sein. Schließlich erhielten die Schüler die Hausaufgabe, sich bis zur nächsten Stunde am folgenden Montag um ihre Ansätze zu kümmern. Dann wurden sie verabschiedet.

„Ernie, kannst du noch kurz bleiben? Dann machen wir schnell einen Plan, wer wann zum Schütteln herkommt, und gehen dann zusammen zu Verteidigung?"

„Aber gerne doch."

Hermione notierte die Zeiten, die zu verteilen waren, und ließ sich damit Zeit. Als sie sich mit dem Hufflepuff geeinigt hatte, waren sie allein im Raum.

„Hast du schon über Bulstrodes Vorschlag nachgedacht?", flüsterte sie. „Ich habe die ganze Nacht gegrübelt..."

„Ich auch. Und ich habe heute früh mit Ashley gesprochen, Millicents Schwester. Sie macht sich Sorgen um ihre Familie, vor allem auch um ihre Großeltern. Ihre Großmutter mütterlicherseits ist eine Hexe, hat aber einen Muggel geheiratet. Die Hochzeit ihrer Eltern muß für viel böses Blut in der Familie gesorgt haben. Wußtest du, daß sie einen Cousin und eine Cousine in Slytherin haben? Fünfte und sechste Klasse, Kinder des Bruders ihres Vaters, also aus der reinblütigen Linie. Und wenn ich mich richtig entsinne, gehört noch eine ältere Schwester dazu, die inzwischen ihren Abschluß hat. War bestimmt nicht einfach für Millicent, im selben Haus zu sein. Jedenfalls scheint Ashley nicht bewußt zu sein, daß ihre Schwester eine heimliche Widerstandsgruppe plant. Vielleicht hat sie sie nicht eingeweiht, weil sie erst in der Vierten ist. Oder Ashley achtet darauf, nichts zu verraten. Ich habe auch nicht direkt gefragt. Jedenfalls scheint Millicents Motiv zu stimmen."

„Und Ihn zu besiegen wäre eine endgültige Lösung. Uns hinters Licht zu führen und zu verkaufen würde ihr wahrscheinlich nur für eine gewisse Zeit helfen. Fragt sich nur, ob sie so weit denkt und bereit ist, das Risiko einzugehen. Mut ist ja nicht gerade eine Stärke von Slytherin."

„Ja, das ist der kritische Punkt."

Weiter kamen sie nicht, denn es war an der Zeit, sich auf den Weg zur nächsten Stunde zu machen.


Nach einer guten Stunde Arbeit an den ersten Hausaufgaben des Jahres verabschiedete sich Millicent von Tracey und verließ die Bibliothek. Sie war gut genug, um Verteidigung, oder ehemals Verteidigung gegen die Dunklen Künste, zur NEWT-Prüfung zu führen. Deshalb saß sie in Kurs I und mußte nun zum Unterricht. Tracey hingegen hatte in den OWL-Prüfungen in diesem Fach nur ein „Akzeptabel" geschafft und fand sich in Kurs II wieder. Sie würde am Folgetag das Vergnügen haben. Wie schon zuvor in Zauberkunst, wo sie ebenfalls in verschiedenen Kursen gelandet waren, fühlte sich Millicent ohne ihre beste Freundin unangenehm verwundbar.

Als sie das Klassenzimmer erreichte, tobte schon die Schlacht um die Sitzordnung. Die Ravenclaws mußten sich erst sortieren. Das interessantere Bild aber bot ihr eigenes Haus. Draco saß bereits an einem der Zweiertische am Fenster neben Vincent – Gregory war in Kurs II. Pansy stand bei ihrem Verflossenen und redete mit Honigstimme auf ihn ein:

„Bitte, komm zu mir. Ich will nicht neben dieser Verräterin sitzen müssen."

„Hab dich nicht so, nur weil Millicent nicht mehr nach deiner Pfeife tanzt. Ich hab Vincent versprochen, neben ihm zu sitzen, nicht wahr?"

Vincent nickte. Die beiden Tratschtanten aus Gryffindor, Brown und Patil, sahen interessiert zu. Wie die es in diesen Kurs geschafft hatten, war Millicent schleierhaft. Mußte mit Potters illegaler Übungsgruppe zusammenhängen. Offenbar waren sie lernfähig. Und sie konnten den Mund halten, wenn es darauf ankam.

„Ich bin sicher, Vincent kann Millicent problemlos um den Finger wickeln, wenn er es nur versucht. Trau dich, Vince!"

Das ist doch ein schlechter Scherz. So verzweifelt bin ich nicht, und werde es nie sein.

Einige Klassenkameraden in der Nähe kicherten. Millicent verschränkte die Arme.

„Mist, wir sind zu spät", hörte sie Theodore ganz in der Nähe. Er mußte eben den Raum betreten haben. Die von ihm gewöhnlich bevorzugte hintere Bankreihe war vollständig besetzt. In der mittleren Reihe waren der Vierertisch und der Zweier an der Wand noch frei, ebenso vorn der Tisch am Fenster.

„Und Pansy flirtet schon wieder." Blaise. „Hallo, Millicent", schob er nach. Von Theodore bekam sie ein kaum sichtbares Nicken.

„Dann gehe ich mir mal einen Gefallen verdienen."

Damit machte sich Blaise auf, Pansy abzuholen. Theodore steuerte den Tisch am Fenster an. Millicent folgte ihm.

„Ist es okay, wenn ich neben dir sitze?"

Der Zauberer nickte, während er seine Schreibsachen aus der Tasche kramte. Millicent okkupierte den zweiten Platz.

Kurz vor Beginn der Stunde kamen Granger und MacMillan herein. Sie machten einen abgehetzten Eindruck, die Hexe war sogar ein bißchen rot im Gesicht, als sei sie gerannt.

Punktgenau mit dem Glockenton öffnete sich die Tür zum Klassenzimmer und Tiberius Malfoy durchquerte gemessenen Schrittes den Raum, um anschließend hinter das Pult zu treten und die Klasse zu betrachten. Wie schon beim Willkommensfest trug er Smaragdgrün, Schwarz und Silber, als wolle er den Geist Salazar Slytherins beschwören. Eisiges Schweigen umgab die Schüler.

„Guten Morgen. Mit Ausnahme des letzten Schuljahres hatten Sie bedauerlicherweise nur wenig brauchbaren Unterricht in Gefahrenabwehr und Selbstverteidigung. Insbesondere Ihre Kenntnisse offensiver Zauber lassen nach meiner Information zu wünschen übrig. Und Sie hatten kaum systematischen Unterricht zu jenen Zaubern, die unter dem Begriff Dunkle Künste versammelt werden. Das ist bedauerlich, denn es sind viele nützliche Zauber für den Schutz von Person und Eigentum darunter. Wir werden an diesem Thema ebenso arbeiten wie an Ihrer technischen Finesse. Allerdings werden nicht alle in diesem Kurs in der Lage sein, die praktischen Übungen auszuführen. Wir werden bald den Punkt erreichen, an dem sich wahrhaftige Hexen und Zauberer über Irrtümer des Schicksals erheben werden."

Millicent linste hinüber zu Granger. Diese wurde erst blaß und dann rot. MacMillan legte ihr die Hand auf den Arm. Sie biß sich auf die Lippe und schwieg. Nicht so Potter.

„Was meinen Sie mit Irrtümer des Schicksals?"

„Haben Sie nach sechs Jahren Schule noch immer nicht gelernt, daß man im Unterricht nicht ungefragt spricht? Fünf Punkte Abzug für Gryffindor für Dummheit, und nochmal fünf für unhöfliches Betragen."

„Aber, Professor!"

„Und nochmal fünf Punkte Abzug. Schweigen Sie und hören Sie zu. Beim nächsten Kommentar gibt es eine Strafarbeit."

Er wandte sich wieder der Klasse zu. „Wir werden zunächst die Thematik der Flüche vertiefen. Öffnen Sie Ihre Bücher auf Seite zwölf."

Es folgte allgemeines Kramen. Millicent las die Überschrift: Besonderheiten der Fluchmagie. Das klang furchtbar theoretisch.

Inzwischen klopfte Professor Malfoy mit den Fingerknöcheln auf die Tischplatte.

„Haben Sie es endlich geschafft? Schön. Weasley, lesen Sie vor!"

Ron räusperte sich und strich sich die Haare aus dem Gesicht.

„Brauchen Sie noch eine weitere Aufforderung?"

Malfoy betrachtete den Schüler, als wäre er eine Schabe, die er aus seiner Küche entfernt und aus reiner Neugier nicht getötet, sondern in ein Glas gesetzt hatte. Ron räusperte sich noch einmal und begann dann zu lesen. Seine Stimme klang gepreßt und zu hoch, und er stolperte immer wieder über lange Sätze und schwierige Worte. Vom Inhalt bekam Millicent wenig mit. Sie achtete mehr auf die Szene, die sich vor ihr abspielte. Und war erstaunt, als sie erkannte, daß sie Mitleid für den Gryffindor empfand. Malfoy mußte ihn wirklich einschüchtern und extrem nervös machen, hatte er doch sonst kein Problem damit, vor der Klasse zu sprechen.

Schließlich hatte er es geschafft und die eisige Stimme des neuen Lehrers erfüllte erneut den Raum:

„Danke. Üben Sie bis zum nächsten Mal das Lesen, es ist eine Grundvoraussetzung für höhere Bildung."

Von einigen Schülern war ein leises Keuchen zu vernehmen, doch dazwischen erkannte sie deutlich Pansys Kichern. Tiberius fuhr ungerührt fort, nun an die gesamte Klasse gewandt: „Haben Sie den Inhalt dieser Passage trotzdem verstanden? Dann können wir fortfahren. Wer kann mir erklären, warum zahlreiche Flüche zu den Dunklen Künsten gezählt werden, viele andere hingegen nicht? Ja, Miss Parkinson?"

„Weil das Ministerium das so festgelegt hat."

„Exakt. Fünf Punkte für Slytherin. Die Einteilung ist willkürlich. Es gibt zweifellos unter dem, was heute alles unter Dunkler Magie verstanden wird, Zauber, mit denen nicht jeder umgehen kann und die keine breite Verwendung finden sollten. Aber es sind auch etliche darunter, auf die das nicht zutrifft."

Die Granger hob die Hand. Professor Malfoy ignorierte sie. Kurz darauf nahm er die Ravenclaw-Patil dran.

„Aber das wichtigste Kriterium für die Einteilung ist doch, wieviel Schaden man mit dem Zauber anrichten kann, und ob er auch für etwas anderes verwendet wird. Diffindo zum Beispiel kann üble Verletzungen verursachen, wenn man nicht aufpaßt, ist aber in der Schneiderei und in anderen Handwerken ein wichtiges Werkzeug. Flüche, die Eiterbeulen wachsen lassen, braucht man für nichts anderes."

Diffindo ist kein Fluch, Sie haben das Thema also nicht exakt getroffen. Aber es ist korrekt, daß manche Zauber schlicht aufgrund ihrer Verbreitung nicht verdammt oder gar verboten werden. Merken Sie sich dies: Jeder Zauber läßt sich auf vielfältige Weise verwenden. Auch mit vermeintlich harmlosen Sprüchen kann man Menschen verletzen oder töten. Ebenso haben viele sogenannte Schadenzauber ihren Nutzen, beispielsweise zur Selbstverteidigung oder als Diebstahlschutz. Das erkennt sogar das Ministerium an. Es gibt zahlreiche Offensivzauber, die genau diesem Zweck dienen, und mit deren Verwendung offensichtlich niemand ein Problem hat. Der Schockzauber ist nur ein prominentes Beispiel. Flüche, die eingewachsene Zehennägel oder Hautausschlag erzeugen, sind zwar nicht verboten, gelten aber als dunkel und ihre Anwender werden von einigen mit Skepsis betrachtet. Dabei kann man auch sie verwenden, um einem Gegner das Kämpfen zu erschweren. Und je nach körperlichem Zustand des Ziels sind sie sogar weniger gefährlich. Flüche zu verbieten löst keine Probleme, es erzeugt nur ein falsches Gefühl von Sicherheit."

Granger wechselte den Arm und wurde weiter ignoriert. Der Lehrer nahm Anthony Goldstein dran, Millicents Aufsichtskollegen aus Ravenclaw.

„Wollen Sie ernsthaft kleine Bosheiten wie Eiterbeulen oder Hautausschlag mit, sagen wir, dem Imperiusfluch gleichsetzen?"

„Keineswegs. Ich sagte bereits, daß es Zauber gibt, die nicht von jedem angewandt werden sollten. Dennoch ist es Unsinn und auch Heuchelei, eine ganze Richtung der Magie abzulehnen oder gar zu verbieten. Wir sind dazu geschaffen, die Welt nach unserem Willen zu formen, und sollten uns darin nicht künstlich beschränken. Erst recht nicht so pauschal und willkürlich wie das in der jüngeren Geschichte der Fall war. Aber in dieser Hinsicht wird sich bald etwas tun. Wir werden nach und nach unsere Freiheit zurückerlangen. Umso wichtiger ist es, daß Sie lernen, damit umzugehen. Packen Sie Ihre Sachen zusammen, im zweiten Teil der Stunde werden Sie üben."

Hektisch wurden Bücher und Schreibsachen verstaut, dann ließ Professor Malfoy Möbel und Taschen in den hinteren Teil des Raumes schweben, sodaß Platz frei wurde.

„Eine kleine Aufwärmübung nach den Ferien. Sie und ihr Sitznachbar werden einander abwechselnd verfluchen. Verwenden Sie wirklich Flüche, aber nur solche, die leicht zu beheben sind. Wer gerade Ziel ist, schützt sich durch einen Schildzauber. Von meinem NEWT-Kurs erwarte ich, daß Sie zumindest diesen nicht aussprechen müssen."

Millicent wischte sich den Schweiß von den Handflächen. Ungesagte Zauber fielen ihr noch immer schwer, und mit Theodore als Übungspartner mußte sie schnell sein. Hoffentlich verzichtet er auf die ekligen Sachen.

Augenblicke später standen sie einander in drei Schritten Abstand gegenüber, die Zauberstäbe in den Händen. Theodore legte den Kopf leicht schräg und zog die Brauen hoch.

„Fang du an", sagte Millicent. „Dann hab ich es hinter mir."

Ein Mundwinkel zuckte nach oben. Dann nickte er ihr zu und hob den Stab.

Millicent sammelte sich. Das häufige und intensive Training über den Sommer hatte auch ihrer Konzentrationsfähigkeit gutgetan. Es gelang ihr, den Schildzauber mit nur einem Flüstern zu wirken. Und keinen Augenblick zu früh, denn sofort prasselten vielfarbige Flüche darauf ein. Manche davon sprach Theodore aus, andere nicht. Er führte den Zauberstab mit eleganten, sparsamen Bewegungen. Das sah nach viel Übung aus. Als Malfoy vorbeikam, lobte er und verteilte zehn Punkte.

Anschließend war es an ihr, sich „warmzuzaubern". Sie begann mit Wabbelbein und Tarantella, darauf folgte ein Stichfluch. Besonders stolz war sie auf den Juckreizzauber, den sie erstmals vollkommen stumm wirkte. Sie alle lösten sich an Theodores Schild auf.

„Nächste Stufe?", fragte sie. Er nickte. Nun würden sie nach jedem Zauber wechseln, was auch bedeutete, daß sie die Schildzauber immer wieder neu wirken mußten.

Gleich für den ersten Fluch, der auf sie zuschoß, war sie nicht schnell genug. Sie war noch dabei, sich zu sammeln, da hatte Theodore seinen Zauber schon geformt. Keine Chance. Anstatt dennoch zu versuchen, sich mit Magie zu schützen, folgte sie einem körperlichen Impuls und wich dem fahlen Licht, das ihr entgegenflog, aus. Dann war die Reihe an ihr.

So eilte die Zeit dahin, während sie Flüche tauschten. Allmählich entwickelte sich ein Rhythmus, was es ihr leichter machte, den Schild stets punktgenau zu zaubern. Nach ein paar Runden konnte sie die Zauberformel weglassen.

In einer kurzen Atempause bemerkte sie, daß sich auf der anderen Seite des Zimmers ein Menschenknäuel gebildet hatte. Professor Malfoy diskutierte mit Granger, der Potter und Weasley zur Seite sprangen. MacMillan stand daneben und versuchte anscheinend, die Situation irgendwie zu entspannen. Wohl vergeblich, seinem unglücklichen Gesicht nach zu urteilen. Was war da los? Die Stunde mußte fast um sein. Warum mußten sie sich jetzt noch in Schwierigkeiten bringen?

„Millie, du bist dran!"

Ihr Blick sprang zurück zu Theodore und sie faßte einen Entschluß. Rasch warf sie ihm einen Stichfluch entgegen, den er lässig abwehrte. Dann nahm sie allen Mut zusammen und führte für ihren nächsten Schildzauber nur die Stabbewegung aus, ohne tatsächlich zu zaubern.

Der Fluch jagte über sie hinweg wie ein lauwarmer Windstoß. Es folgte ein Kribbeln wie von tausend Käferbeinchen überall, wo ihre Haut nicht von Kleidung bedeckt war. Kleine schwarze Dinge fielen von ihrem Kopf durch ihr Gesichtsfeld. Ihre Hände, ihre Ärmel und mit Sicherheit auch alles andere war von kleinen Spinnen bedeckt, die durcheinander wuselten.

„Wäh!"

Zügig strich sie die Krabbeltiere weg, erst von dem Arm, den sie gerade vor Augen hatte. Dann besann sie sich und beugte sich nach vorn, um die Spinnen von Gesicht und Hals zu wischen und aus den Haaren zu wuscheln, bevor es allzu viele unter ihre Kleider schaffen konnten.

„Theo, mach die Viehcher weg!"

Noch war sie eher ärgerlich als panisch.

„Was, wenn ich mehr als nur die Spinnen erwische?", antwortete er kaum hörbar.

Millicent knurrte und klopfte weiter die Krabbeltiere weg. Ein Stück weiter erklang ein angsterfüllter Schrei, der sich verdächtig nach Weasley anhörte.

„Spinnen! Da sind furchtbar viele Spinnen!"

„Machen Sie sich nicht ins Hemd, Weasley!" Professor Malfoy. Kurz darauf erklang seine Stimme deutlich näher:

Evanesco araneae."

Das Krabbeln war fort. Millicent konnte kein einziges Tierchen mehr entdecken.

„Fünf Punkte für Slytherin für Kreativität. Üben Sie Verschwindezauber, Mr. Nott. Miss Bulstrode, arbeiten Sie an der Präzision Ihres Schilds."

Damit wandte er sich an die Klasse: „Die Stunde ist beendet."

Der Lehrer verließ als Erster den Klassenraum, und er überließ das Aufräumen den Schülern. Die Hufflepuffs fingen an, die Tische und Stühle an ihre angestammten Positionen schweben zu lassen, während die meisten von Millicents Hausgenossen sich beeilten, ihre Taschen zu finden und zu verschwinden.

Granger sah ziemlich durch den Wind aus. Und wütend. Über ihr und auch Potter sah man förmlich Gewitterwolken brodeln und Blitze zucken. Weasley war blaß und atmete schwer, als hätte er eben Todesängste durchlitten. Interessant.

Eine leise Stimme erklang direkt neben ihr:

„Du hast Miss Lexikon geholfen."

„Oh, hab ich das?"

Theodore sah sie nur mit hochgezogener Braue an. Dann schulterte er seine Tasche, die er inzwischen herbeigerufen haben mußte, und ging.


4.9.1997 (Donnerstag)

Es war später Nachmittag, als Hermione sich in der Eulerei einfand, um eine Buchbestellung abzuschicken. Lisa ließ gerade einen Vogel fliegen.

Hermione sah sich kurz, aber aufmerksam um. Niemand sonst in der Nähe.

„Was hältst du von Bulstrodes Vorhaben?" flüsterte sie. Ihre Diskussionen mit Ron waren bisher ergebnislos verlaufen. Dabei hatte sie allerdings den Verdacht, daß er sich aus Prinzip sperrte.

„Ich habe mich umgehört und viel nachgedacht", antwortete die Ravenclaw. „Inzwischen bin ich sehr sicher, daß sie es ernst meint. Fragt sich nur, ob sie tatsächlich etwas erreichen kann. Eine Leuchte ist sie ja nicht gerade, und ist es nicht so, daß Harry derjenige ist, der Ihn besiegen muß? Oder ist das nur ein Gerücht?"

„Das ist... kompliziert. Auf jeden Fall könnte er Hilfe gebrauchen, aber ich bin nicht sicher, ob er auch welche annehmen würde. Ich werde heute Abend nochmal versuchen, Harry und Ron zu überzeugen. Diese Aufgabe ist so groß, und wir wissen so wenig. Ich komme mir vor, als säße ich vor einem riesigen Puzzle, von dem mehr als die Hälfte der Teile im ganzen Haus verstreut und an den unmöglichten Stellen versteckt ist."

„Was soll es denn für ein Bild werden?"

„Das weiß ich nur ungefähr, und ich kann nicht offen darüber sprechen, nicht ohne die Einwilligung der anderen."

Lisa schwieg. Ihr Blick wurde unfokussiert, als schaue sie nach innen. Grün wie Frühlingslaub waren ihre Augen, Harrys recht ähnlich, doch wo seine einen Stich Blau in sich trugen, lehnten ihre mehr zu hellem Braun. Mit einem Blinzeln war sie zurück, und sie hatte eine Entscheidung mitgebracht.

„Wenn Harry dabei ist, sind wir es. Anthony und ich, und vielleicht auch ein paar andere."


Beim Abendessen flüsterte sie Harry, der wieder zwischen ihr und Ron saß, zu, daß sie sie beide später allein sprechen wolle. Vom Essen bekam sie kaum etwas herunter. Daß Parvati ihr von schräg gegenüber besorgte Blicke zuwarf, machte es nicht besser. Sie konnte nur hoffen, daß die andere Hexe den Liebeskummer dafür verantwortlich machte.

Zum Abend würde der Gemeinschaftsraum zu voll sein, deshalb ging sie nach dem Essen zunächst in die Bibliothek. Dort hatte sie sich immer wohl gefühlt, umgeben von endlosen Regalen voller Bücher. Inzwischen kannte sie die Bereiche, die wenig besucht waren und in denen man lange Zeit Ruhe hatte. Sie wollte versuchen, mehr über das Konzept der Seele in der Magie herauszufinden. Das würde sie ablenken, und sie würde die Wartezeit mit etwas Nützlichem verbringen. Zwei Zauberkunstbücher auf den Stapel, und jeder würde denken, sie mache Hausaufgaben.

Der erste versteckte Tisch, den sie ansteuerte, war schon besetzt. Dort saß Nott, dem sie in der Bibliothek recht häufig begegnete. Still und friedlich, durchaus angenehme Gesellschaft, wenn die anderen Schlangen nicht dabei waren. Darüber, was sie von den Gerüchten halten sollte, er würde sich ein bißchen zu sehr für Gift und Flüche interessieren, war sie noch unschlüssig. Sie gingen einander aus dem Weg, und seit durch Harrys Interview bekannt geworden war, daß sein Vater ein Death Eater war, hatte kein Lehrer sie mehr zu einer gemeinsamen Gruppenarbeit eingeteilt. Die paar Mal, die sie davor mit ihm gearbeitet hatte, hatte sie ihn als intelligent und neugierig erlebt. Leider war er von ihr als Partnerin wenig begeistert gewesen und hatte Treffen und Gespräche auf das absolut notwendige Maß beschränkt. Mit Bedauern dachte sie daran, daß sie vielleicht Freunde geworden wären, stünde die Ideologie von der Überlegenheit des reinen magischen Blutes nicht zwischen ihnen.

Es war inzwischen fast zwei Jahre her, daß sie das letzte Mal mit ihm zusammengearbeitet hatte. Damals hatte er mitten in einem Wachstumsschub gesteckt und noch seine Kinderstimme gehabt, die sich allerdings schon manchmal seiner Kontrolle entzog. Mittlerweile überragte er sie ein gutes Stück, war aber noch genauso dünn, soweit sich das unter der Robe beurteilen ließ. Die Haare waren nachgedunkelt und hatten jetzt das gleiche Braun wie die Augen. Wie gerösteter Kakao, oder Kaffee ohne Milch. Sein Gesicht war dabei, die weichen kindlichen Züge zu verlieren, war schmaler und schärfer geworden. Und wie sie erwartet hatte, entdeckte sie auch an seiner Hand einen Ring.

Heute hatte er keines der Bücher auf dem Tisch geöffnet. Es sah eher aus, als schriebe er einen Brief. Mit viel Durchstreichen und neu formulieren, als wäre es eine komplizierte Übersetzung für Alte Runen. Das würde noch eine Weile dauern. Hermione machte kehrt und ging zu einer Nische mit einem Fenster. Sie saß gern zum Lesen auf der Fensterbank, allerdings wurden die Nächte schon recht kalt, und somit auch dieser Platz am Glas. Sie beschwor eine flauschige Decke und machte es sich damit gemütlich.


Gut zwei Stunden später hatte sie einige faszinierende Theorien gelesen, aber nichts gefunden, was sie bei der Suche nach den Bruchstücken von Voldemorts Seele weiterbringen konnte. Es war Zeit, in den Turm zurückzukehren und schauen, ob sich der Gemeinschaftsraum schon geleert hatte. Sie räumte Bücher auf, entlieh zwei und machte sich auf den Weg. Je weiter sie kam, desto schwerer fühlten sich ihre Füße an. Sie wäre lieber in der Bibliothek geblieben.

Nur ein paar Fünft- und Sechstklässler bevölkerten noch die roten Sofas. Vorm Kamin saßen Harry und Ron und spielten Schach. Bittersüße Sehnsucht erfüllte Hermione bei diesem Anblick. Es war so normal. Was gäbe sie darum, den Umsturz, die Sorgen und diese unmögliche Aufgabe vergessen zu können. Aus diesem Alptraum aufzuwachen und einfach nur mit ihren Freunden in der Schule zu sein. Darauf bedacht, die beiden nicht zu stören, setzte sie sich in einen Sessel und nahm das Buch wieder zur Hand, das sie zuvor gelesen hatte. Begleitet von gemurmelten Gesprächen und dem Knistern des Feuers vertrieb sie sich die Zeit mit Lesen, während sich der Gemeinschaftsraum allmählich leerte.

Harrys Stimme schreckte sie auf:

„Wir sind allein. Was ist los?"

Vor dem Kamin räumte Ron das Schachspiel zusammen, darum bemüht, sie nicht anzusehen. Das Feuer war nur noch Glut, aus der vereinzelt kleine Flammenzungen leckten.

„Hat Ron dir schon etwas erzählt?"

„Nein, habe ich nicht", sagte dieser und schloß die Kiste. „Du nimmst das also wirklich ernst?"

„Ja, das tue ich. Und Ernie, Hannah, Lisa und Anthony auch."

„Ihr habt doch alle den Verstand verloren."

„Stop! Um was geht es hier überhaupt?"

„Bulstrode behauptet, daß sie Du-weit-schon-wen töten will und hat gefragt, ob wir ihr helfen", antwortete Ron in verächtlichem Tonfall.

„Was?!" Harry sah zwischen seinen Freunden hin und her. „Soll das ein Witz sein?"

Nun ergriff Hermione wieder das Wort:

„Das ist ziemlich überspitzt formuliert. In der Versammlung hat sie erklärt, daß unter Seiner Herrschaft über kurz oder lang alle in Gefahr sind, und daß sie sich auch Sorgen um ihre Familie macht. Sie will ein geheimes Netzwerk aufbauen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen."

„Und du glaubst ihr?"

„Genau das find ich auch unfaßbar", platzte Ron dazwischen. „Mione, wie kannst du der Schlange trauen?"

„Andromeda hat mir erzählt, daß den meisten Slytherins Familie sehr wichtig ist. Und sie hat Angst, das hat man gemerkt." Rasch faßte sie zusammen, welche Informationen Millicent in der Versammlung preisgegeben hatte, und berichtete von ihren Gesprächen im Lauf der Woche.

Danach füllte Stille den Raum. Ron hatte die Arme vor der Brust verschränkt und das Gesicht zur Faust geballt. Harry sah in die Glut und strich mit einer Hand über Nacken und Hinterkopf hin und her. Dann brach er das Schweigen:

„Du weißt, daß das meine Aufgabe ist."

„Ja. Und sie ist riesig. Du brauchst jede Hilfe, die du bekommen kannst."

„Dumbledore hat gesagt, daß wir mit niemandem darüber sprechen sollen, nichtmal mit dem Orden."

„Ich bin mir nicht sicher, ob das so klug ist. Aber ich denke auch, das wir die Geschichte mit den Horkruxen zumindest fürs Erste für uns behalten sollten. Trotzdem brauchen wir Verbündete. Ich glaube... Ich glaube, Bulstrode hat gestern versucht, mir zu helfen."

„Wie kommst du darauf?"

„Die und dir helfen?"

„Erinnert ihr euch daran, wie Malfoy mich zusammengestaucht hat?"

Hier breitete sich das vertraute Grinsen auf Rons Gesicht aus, das sie so vermißt hatte.

„Großartig, wie du ihm die Stirn geboten hast! Nicht Hexe genug, um richtige Flüche zu sprechen! Du kannst jeden Zauber lernen! Aber wer will diesen Mist schon?"

Wärme erfüllte ihre Brust. Ein kleiner Funke Hoffnung war erwacht.

„Habt ihr mitbekommen, daß er gedroht hat, einen Zauber an mir zu demonstrieren?"

„Ja, hab ich", sagte Ron. „Ob er das wirklich durchgezogen hätte? Das wäre selbst für Snapes Verhältnisse zu heftig gewesen."

„Zum Glück mußten wir es nicht darauf ankommen lassen. Millicents Fehler hat ihn abgelenkt und anderweitig beschäftigt."

„Du meinst, das war Absicht?", fragte nun Harry.

„Ich bin mir nicht ganz sicher, aber sie hat die ganze Zeit keine Probleme gehabt. Warum sollte sie plötzlich kurz vor Ende der Stunde keinen Schildzauber mehr hinbekommen?"

„Weil Nott fies ist? Sein Dad ist einer von Toms ersten Anhängern. Bestimmt wird er auch schon dafür ausgebildet."

„Vielleicht. Aber warum dann erst am Ende der Stunde? Außerdem, hast du je gesehen, daß sich die Slytherins untereinander angehen? Falls sie ihresgleichen mobben, dann tun sie das offensichtlich nicht so, daß wir es mitbekommen."

„Ach, was weiß ich. Versteh einer, was in so einem kranken Hirn passiert."

„Stop!" rief Harry seinen beiden Freunden zu. „Wir kommen vom Thema ab. Warum sollten wir da mitmachen?"

„Weil wir Hilfe brauchen, sieh es doch endlich ein. Wir brauchen Informationen und möglichst auch einen sicheren Ort, wenn wir Hogwarts verlassen müssen. Außerdem ist es sicher nicht damit getan, Toms Souveniers zu finden, um ihn zur Strecke zu bringen. Was ist mit den Fanatikern, die ihm dienen? An denen müssen wir vorbei. Wie willst du das alleine schaffen?"

„Naja, das muß ich je nach Situation entscheiden-"

Augenrollend unterbrach ihn die Hexe: „Ich weiß, daß das bisher immer irgendwie geklappt hat und daß du gut darin bist, schnell zu reagieren. Aber du hattest, nein, wir hatten auch eine Menge Glück. Wir können uns nicht darauf verlassen, daß das so weiter geht. Dieser Sommer, in dem kaum etwas funktioniert hat und wir uns oft genug angegiftet haben sollte uns eine Lehre sein. Oder die Nacht im Ministerium vorletztes Jahr."

Sie schauderte bei der Erinnerung daran. Das hätte noch viel gewaltiger schiefgehen können, als es das ohnehin getan hatte. Doch kaum hatte sie den letzten Satz ausgesprochen, bereute sie ihn auch schon. Harry sackte in sich zusammen, und sein Blick wurde stumpf. Er schluckte ein paar Mal.

„Wer von uns ist jetzt unsensibel?" Rons Stimme war ungewöhnlich barsch.

Harry stand abrupt auf und ging zu einem der Fenster. Dort lehnte er die Stirn ans Glas. Hermione kam sachten Schrittes nach.

„Es tut mir leid. Ich hätte das weniger direkt ansprechen sollen."

Er antwortete mit tränenerstickter Stimme. „Aber du hast ja Recht. Es war meine Schuld. Ich hätte den Spiegel benutzen müssen. Statt dessen habe ich Kreacher geglaubt, der Sirius mindestens genauso gehaßt hat wie Snape. Und ausgerechnet Snape hat damals Hilfe geholt."

Hermione legte ihm die Hand auf die Schulter. Er zitterte. Hinter sich hörte sie Ron sprechen.

„Und dann hat er Dumbledore ermordet. Man kann Slytherins eben doch nicht trauen."

„Hör auf, alle in einen Topf zu werfen!" Ärger wallte in Hermione auf. Sie drehte sich um. „Andromeda war in Slytherin, sie ist sogar in einer der dunkelsten Familien überhaupt aufgewachsen. Und trotzdem hat sie sich gegen deren Ideale entschieden und hilft jetzt dem Orden. Sogar Merlin selbst, das leuchtende Beispiel für alle Zauberer, war in Slytherin!"

„Und die Kerkerkröte ist wie Merlin?"

„Hör auf, sie so zu beschimpfen!"

„Wieso? Sie ist nunmal fett und häßlich."

„Ron!"

„Mal ernsthaft: Würde es nicht reichen, die DA wiederzubeleben?"

„Das würde helfen. Aber Snape wird alle, die dabei waren, im Auge behalten. Bulstrode ist unverdächtig. Und sie bekommt mit, was die anderen Slytherins so unter sich besprechen. Das kann nützlich sein."

Harry regte sich neben ihr. Er klang matt und niedergeschlagen, als er sprach: „Hören wir uns an, was sie zu sagen hat. Aber wir sollten sie im Augen behalten, und kein Wort über die Horcruxe."

„Danke." Sie umarmte Harry, nickte Ron zu und wünschte beiden eine gute Nacht.


5.9.1997 (Freitag)

Der Freitagmorgen begann mit einem sehr schweigsamen Frühstück. Hermione war noch müde nach dem späten und anstrengenden Gespräch am Vorabend. Die grau bewölkte Decke spiegelte ihre Stimmung wider, stand doch in der zweiten Stunde Verteidigung auf dem Plan. Sich mit Malfoy auseinanderzusetzen würde mindestens so unangenehm werden wie kalter Wind und Nieselregen.

Sie ließ den Blick durch die Halle wandern. Heute würde sie mit den Aufsichtsschülern der anderen Häuser Kontakt aufnehmen müssen, um ihnen mitzuteilen, daß Ron und Harry mit im Boot waren. Ernie war kein Problem, ihn würde sie in der Mittagspause treffen, wenn sie ihre Arbeit für Zaubertränke kontrollieren und die Gläser umschütteln mußten.

Nach Zauberkunst gelang es ihr, Lisa in eine Nische hinter einer Tapisserie zu ziehen und ein kurzes, getuscheltes Gespräch mit ihr zu führen. Sie vereinbarten, daß Hermione für beide Häuser Millicent zusagen sollte. So gab es weniger Unterhaltungen, die Klassenkameraden oder Lehrer verdächtig finden könnten. Was ihr nicht die Aufgabe abnahm, die Information unauffällig weiterzugeben.

Sie erreichte den Klassenraum kurz vor Beginn der Stunde. Ernie hatte ihr einen Platz freigehalten. Harry, der sich erneut mit Ron einen Tisch teilte, winkte ihr zu. Millicent saß diesmal ganz hinten, wieder neben Nott. Das war irritierend, verband sie die Slytherin doch noch immer mit Parkinson, obwohl die beiden im letzten Jahr weniger zusammen zu sehen gewesen waren. Oder mit Tracey Davis, aber die war nicht in diesem Kurs.

Die Tür öffnete sich, und Professor Malfoy trat ein. Die Klasse verstummte und sah ihm dabei zu, wie er zum Pult schritt und sich mit geschulter Eleganz dagegen lehnte.

„Guten Morgen. In der letzten Stunde haben Sie gelernt, daß Flüche, die diese Bezeichnung verdienen, Emotionen nutzen. Das gilt auch für viele andere Teile der sogenannten Dunklen Künste, vor allem für jene, die den frühen Formen der Magie noch nahe sind. Um sie effektiv anwenden zu können müssen Sie lernen, Ihre Gefühle als Werkzeug zu gebrauchen. Das wird hier einigen schwerer fallen als anderen." Dabei glitt sein Blick über die Bänke, die hauptsächlich von Gryffindors besetzt waren. „Bis nächste Woche werden Sie sich in einem zwei Fuß langen Aufsatz weiter mit dieser Thematik auseinandersetzen und an mindestens drei Beispielen darstellen, wie Zauber durch passende Emotionen verstärkt oder durch unpassende abgeschwächt werden. Diese Stunde hingegen werden wir nutzen, um weiter zu üben. Sie arbeiten ähnlich wie in der Letzten, nur daß Sie diesmal nicht nur das stumme Zaubern trainieren. Versuchen Sie, sich in unterschiedliche Stimmungen zu versetzen. Denken Sie an etwas, das Sie wütend oder traurig stimmt, oder Sie zum Lachen bringt. Beobachten Sie den Effekt, den dies auf Ihre Zauber hat."

Die Schüler packten ihre Sachen zusammen und halfen dabei, die Bänke fortzuräumen. Hermione spürte einen unangenehmen Druck in der Brust und das Flattern eines schnellen Herzschlags. Sie schwankte zwischen Neugier und Abscheu: Das war ein Thema, von dem sie bisher nur in Andeutungen gelesen hatte und das ihr einen neuen Aspekt der Magie eröffnen konnte. Allerdings schob sich dabei immer wieder Bellatrix Lestranges eisnadelscharfes Lachen in ihren Sinn, das die Hallen der Mysteriumsabteilung erfüllt hatte. Die offensichtliche Freude, mit der sie anderen Schmerzen bereitet und ihren eigenen Cousin mit einem Fluch in den Schleier gestoßen hatte. War das das Ende dieses Weges?

„Die Gruppenzusammensetzung war in der letzten Stunde nicht zufriedenstellend. Deshalb lege ich heute fest, wer mit wem übt. Also: Smith und Potter, Bulstrode und Longbottom, Malfoy und MacDougal, Crabbe und Brown, Nott und Granger..."

Was? Sie suchte ihren Klassenkameraden. Er stand noch immer in der hintersten Ecke des Raumes, die Arme verschränkt. Er würde nicht nach vorn kommen. Millicent war bereits auf dem Weg zu Neville. Hermione atmete tief durch und ging.

Nott grüßte sie mit neutraler Miene und einem kaum merklichen Nicken.

„Sie werden einander heute gleich im Wechsel verfluchen, beziehungsweise sich verteidigen. Beginnen Sie."

Die Stunde verging wie im Flug. Hermione mußte hochkonzentriert bei der Sache sein, denn ihr Übungspartner arbeitete zügig und präzise. Er schonte sie nicht, versuchte aber auch keine unfairen Tricks. Einmal gelang es ihr, ihn unter der Wucht ihres Zaubers rückwärts gegen die Wand stolpern zu sehen. Danach meinte sie, ein Zucken wie von einem unterdrückten Lächeln um seinen Mund gesehen zu haben, doch das mußte eine Täuschung gewesen sein. Ihr blieb keine Zeit, weiter darüber nachzudenken.

Nach Ende der Stunde hoffte sie, Millicent zu erwischen, doch diese verließ sofort das Klassenzimmer. Ob Parkinsons Lachanfall wohl etwas damit zu tun hatte? Auf jeden Fall war es ärgerlich, hatten sie doch an diesem Tag keinen gemeinsamen Unterricht mehr. Sie wandte sich um, um einen Tisch an seinen Platz zurückschweben zu lassen und sah ihren Übungspartner, der das gleiche tat. Ein spontaner Einfall brachte sie dazu, sich zu räuspern und ihn anzusprechen.

„Nott? Kannst du Bulstrode etwas von mir ausrichten?"

Er legte den Kopf schräg und sah sie an. Sie schluckte und sprach weiter.

„Sag ihr bitte, daß uns Gryffindors und den Ravenclaws der Termin für die nächste Versammlung paßt."

Er nickte und wandte sich ab, führte das Möbelstück an seinen Bestimmungsort. Hermione wandte sich mit rasendem Herzen ab, rief ihre Tasche herbei und verließ so schnell wie möglich das Klassenzimmer.


Theodore fing Millicent im Gemeinschaftsraum ab, als sie vom Mittagessen wiederkam.

„Millie."

Sie stoppte und drehte sich um. „Ja?"

„Miss Lexikon läßt dir ausrichten, daß ihr und den Ravenclaws der Termin für die nächste Versammlung paßt."

Für einen Moment glaubte er, Verwirrung in ihrem Gesicht gesehen zu haben, bevor sie sich fing. Ihre Antwort kam eine Spur zu spät.

„Ah, danke."

„Krieg' ich jetzt einen Knut für meine Dienste als Bote?"

„Nein, aber ich kann dir einen Eulenkeks anbieten. Oder hättest du lieber eine tote Maus?"

Sie fingen gleichzeitig an zu grinsen. Die Spannung hatte sich gelöst.

Später, auf dem Weg zum Geschichtsunterricht wanderten seine Gedanken noch einmal zu dieser seltsamen Beobachtung. Die Botschaft mußte etwas anderes bedeuten als das Offensichtliche, sonst hätte Millicent nicht gezögert. Was da wohl lief? Ihn kitzelte die Neugier, dabei hatte er eigentlich andere Sorgen. Was kratzte es ihn, wenn die beiden Hexen heimlich Schmuggelware tauschten, oder vielleicht in irgendwelchen dunklen Ecken knutschten? Natürlich könnte er Millie damit erpressen, wenn sie tatsächlich etwas Verbotenes tat. Aber das würde mehr schaden, als es jemals nützen konnte. Sie hatten ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut. Das war zu kostbar, um es einfach einzureißen. Außerdem wußte sie einige Dinge, mit denen sie ihn in ernsthafte Schwierigkeiten bringen konnte. Das kleine Stimmchen, das fragte, ob sie vielleicht Freunde waren, ignorierte er. Das änderte nichts am Ergebnis. Sollten die beiden ruhig versuchen, sich einen Moment von der hereinbrechenden Nacht abzulenken.

Der Nacht, die ihn bald einholen würde, wenn er es nicht schaffte, sich doch noch irgendwie herauszuwinden. Der Brief, den er spät am Vorabend abgeschickt hatte, war sehr vorsichtig formuliert gewesen, passend zu den Andeutungen, die sein Vater in den Gesprächen kurz vor Schuljahresbeginn hatte fallen lassen. Nun würden sie tanzen.


6.9.1997 (Sonnabend)

Am Abend saß Hermione im Gemeinschaftsraum, auf einem Plüschkissen und an die warme Wand neben dem Kamin gelehnt und belas sich zu den Feinheiten des Proteus-Zaubers. Das Buch war wohl eher als Nachschlagewerk in der Bibliothek, es ging weit über den Unterrichtsstoff hinaus. Sie hatte ein Lexikon der Magietheorie neben sich liegen, weil sie noch nicht mit allen Begriffen, die ihr in diesem Werk begegneten, vertraut war. Es mußte eine Möglichkeit geben, einzelne Münzen gezielt zu verändern, anstatt alle gleichzeitig. Und um Texte zu verteilen statt kurzen Zahlenkombinationen, war es notwendig, diese zu verschlüsseln. Es sei denn, sie fanden einen Weg, sie zu verbergen oder abzusichern. Dafür mußten sie dann vielleicht etwas anderes verwenden als eine Münze. Notizbücher beispielsweise, oder Taschenspiegel. Konnte man mehr als zwei Spiegel so verbinden wie das Paar, das Sirius gehabt hatte, und so eine Art magisches Mobiltelefon bauen? Dafür war sicher ein anderer Zauber nötig. Ob sie es wagen konnte, Professor Flitwick darauf anzusprechen?

Sie legte das Buch in den Schoß und strich sich mit der freien Hand über die Augen. Am Tisch ein paar Meter weiter spielten Harry und Ron noch immer Schach. Von ihrem Platz aus konnte sie nur Ersteren sehen, den Rotschopf verbarg die Sofalehne. Besser so.

Dean schritt in ihr Blickfeld und kam zielstrebig zu den beiden Schachspielern. Wahrscheinlich wird er sich nach dem Quidditch-Probetraining erkundigen. Ich sollte mir ein Stück Schokolade holen und weiterlesen.

„Ron?"

„Mmh?"

„Dein Vater arbeitet doch im Ministerium. Vielleicht könnt ihr mir weiterhelfen. Ich wüßte gern, wohin ich mich wenden muß, um herauszufinden, ob jemand als Zauberer bekannt ist. Gibt es so etwas wie ein magisches Meldesystem oder Geburtenregister?"

Hier spitzte Hermione die Ohren. Die Selbstverwaltung der magischen Gemeinschaft war ihr noch immer ein Rätsel.

„Du meinst so etwas wie eine Liste aller magischen Einwohner Großbritanniens?"

„So ungefähr."

„Nicht direkt. Die Schulverwaltung müßte Unterlagen darüber haben, wer wann in Hogwarts war. Vielleicht werden auch woanders noch Sachen archiviert. Ich kann Dad schreiben und fragen. Was willst du denn wissen?"

„Du hast bestimmt schon von dieser Anweisung gelesen, daß wir alle klären sollen, wer von unseren Vorfahren zaubern konnte?"

„Ja. Hoffst du, da etwas zu finden?"

„Mein Dad ist nicht mein Vater. Ich meine, er ist es in jeder Weise, die wichtig ist, er hat mich mit großgezogen, seit ich vier war, aber wir sind nicht blutsverwandt. Mein Vater hat sich vom Acker gemacht, als ich noch ein Baby war. Mum sagt, er hieß Ian Thomas. Sie hatte mir damals seinen Namen gegeben und konnte es nicht ändern, als sie Dad geheiratet hat. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich seinetwegen zaubern kann. Wenn das stimmt, erspart uns das vielleicht eine Menge Ärger und ich muß mir weniger Sorgen um meine Familie machen."

„Ich frag für dich nach. Aber du läufst uns nicht über, oder?"

„Natürlich nicht! Aber wir werden wohl noch eine Weile mit dem Problem leben müssen, oder?"

Mit diesen Worten drehte sich Dean zu Harry, der aussah, als fühlte er sich ausgesprochen unwohl.

„Ja, ich fürchte, es wird noch etwas dauern", preßte er schließlich hervor.

„Wenn ich helfen kann, sagt bescheid. Gute Nacht."

Damit ging er.

Hermiones Gedanken begannen sich zu drehen. Über diesen Abstammungsnachweis hatte sie auch schon nachgedacht. Noch hatten sie kein offizielles Schreiben bekommen, aber es würde wohl nicht mehr lange auf sich warten lassen. Was sollte sie da abliefern? Bisher waren dem Ministerium nur ihre Eltern bekannt, und die waren in Sicherheit. Sie wollte niemanden auf die Spur ihrer Großeltern oder ihrer Tante und deren Familie bringen. Würde sie Belege liefern müssen, oder genügten Namen? Konnte sie sich einfach etwas ausdenken, und hoffen, daß es durchging? Daß niemand genauer nachschaute, solange sie darauf verzichtete, nicht existente Hexen oder Zauberer dazuzuschreiben? Sie würde auf den Brief warten müssen. Aber es konnte sicher nicht schaden, sich mit den anderen Muggelkindern und vielleicht auch den Halbblütigen darüber zu unterhalten.


Liest das hier überhaupt jemand?