6. Kapitel – Flüstern
7.9. 1997(Sonntag)
„Wir müssen los."
Unwillig hob Millicent Loki, dem sie bis eben noch das Fell gekrault hatte, von ihrem Schoß. Der Norwegerkater beschwerte sich mit einem Grollen. Tracey hatte schon ihr Buch – die neueste Geistergeschichte von Mandragora O'Riley – eingesteckt und stand auf. Millicent tat es ihr gleich.
„Was auch immer er von uns will. Hoffentlich dauert es nicht allzu lange."
Am Morgen hatten sie eine rot glühende Notiz am schwarzen Brett gefunden, die alle Siebtklässler für sechzehn Uhr in die Bibliothek bestellte, unterzeichnet von Professor Malfoy.
Pansy und Sally waren schon da, als die beiden Hexen in der Bibliothek eintrafen. Draco, Vincent und Gregory erschienen bald darauf. Kurz vor vier schlenderte Theodore aus einer Regalreihe und Blaise kam zügigen Schrittes durch das Eingangsportal. Madame Pince saß an ihrem Tresen und beobachtete die Gruppe mit sichtlichem Widerwillen.
Schlag sechzehn Uhr schritt ihr Hauslehrer durch das Portal. Die Bibliothekarin stand auf und kam herüber. Kurz bevor Professor Malfoy die Gruppe erreichte, öffnete sich das Portal erneut und Daphne eilte herein, den Geigenkasten über der Schulter.
„Sie sind spät, Miss Greengrass."
„Bitte entschuldigen Sie, Professor. Mr. Douglas hat mich nicht eher gehen lassen."
Auf seinen Wink hin legte sie den Geigenkasten auf einen der Studiertische und stellte sich zu Blaise und Theodore.
„Wir werden heute die Bibliothek bereinigen. Mr. Crabbe, Mr. Goyle und Miss Perks werden Madam Pince helfen, das Muggelkunde-Regal auszuräumen. Die übrigen suchen den Schund zusammen, der in anderen Abteilungen verteilt ist. Jeder bekommt eine Liste."
Die nächsten Stunden verbrachten sie damit, Bücher zusammenzusuchen und zu einem Regal in der verbotenen Abteilung zu bringen. Millicent vermutete, daß man es erst in den letzten Tagen der Bibliothek hinzugefügt hatte. Die Werke auf ihrer Liste standen in der Literaturabteilung. Es waren Romane, Dramen und Anthologien, die ihr nichts sagten. Vermutlich von Muggeln, Muggelsympathiesanten oder anderen unliebsamen Personen geschrieben.
Nachdem das letzte Buch an seinem neuen Standort angekommen war, gingen die Slytherins der siebten Klasse geschlossen zum Abendessen. Professor Malfoy und die Bibliothekarin folgten kurz darauf. Natürlich waren sie sofort Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Es gab immer einen Grund, wenn ein solcher Pulk gemeinsam unterwegs war.
Professor Snape stand auf, und alle Gespräche verstummten.
„Nach umfangreicher Vorbereitung wurde heute die Bibliothek umstrukturiert. Sie werden dort keine Muggelpropaganda mehr finden. Sollten Sie eines der betreffenden Bücher für ihre Studien benötigen, kann Ihnen ein Lehrer eine Erlaubnis ausstellen, wie für andere zugriffsbeschränkte Literatur. Madam Pince wird es Ihnen dann zum Studium unter Aufsicht aushändigen. Ein Entleihen wird nicht möglich sein."
Ohne ein weiteres Wort setzte er sich wieder, und auf den Tischen erschienen die Speisen. Flüstern und Raunen erhoben sich wie die Brandung an einem windigen Tag. Millicent griff nach der Schüssel mit den Bratkartoffeln. Sie hatte erwartet, daß das irgendwann kommen würde.
9.9.1997 (Dienstag)
Medea befand sich im Unterrichtsraum und trug Glasgeräte und Ingredienzien hin und her. Die jüngeren Schüler hatten ein ziemliches Chaos gestiftet, und wenn sie morgen mit der siebten Klasse an den Morpheustropfen arbeiten wollte, mußte alles perfekt vorbereitet sein. Die Schüler hatten genug im Kopf zu behalten, da sollten sie nicht noch den ganzen Raum nach den benötigten Dingen durchsuchen müssen und sich dabei auch noch gegenseitig behindern. Und diese körperliche Arbeit, die wenig geistige Beteiligung erforderte, gab ihr auch Gelegenheit, die Gedanken schweifen zu lassen. Sie hatte erwartet, daß die Arbeit sie sehr fordern würde. Immerhin mußte sie mit sehr wenig Vorlauf den Unterricht in einem Fach stemmen, das in allen Jahrgangsstufen gelehrt wurde und bis zur fünften Klasse zum obligatorischen Kanon gehörte. Hinzu kam das Gefahrenpotential, das ebenfalls sorgfältig mit einzuplanen war, und der Umstand, daß sie nicht nur die erste Klasse, sondern alle Schüler möglichst rasch kennen und einschätzen lernen mußte. Darüber hatte sie bisher kaum Gelegenheit gehabt, die politische Situation genauer zu überblicken. Davon, Gefahren und potentielle Verbündete zu sortieren, gar nicht zu reden.
„Mrs. Grey?"
Kalter Schrecken rauschte ihren Nacken hinab, als sie die leise Stimme hörte. Niemand hatte den Raum betreten, oder wenigstens hatte sie niemanden gehört. Mit einer raschen Bewegung wandte sie sich um und stand Snape gegenüber, der ihr bedenklich nahe war. Verfluchte Krähe!
Eine Andeutung eines boshaften Lächelns zeigte sich kurz auf seinen Zügen.
„So konzentriert, daß Sie mich nicht bemerkt haben? Erfordert es so viel geistige Beteiligung, ein paar Unterrichtsmaterialien an den richtigen Platz zu stellen?"
Zorn begann in ihr zu köcheln. Ihre Stimme klang härter als gewöhnlich:
„Natürlich nicht. In Gedanken war ich schon bei der Planung der nächsten Stunde."
Warum rechtfertige ich mich überhaupt? Der Direktor war die größte Gefahr in diesem Schloß, da war sie sicher. Er und wahrscheinlich Tiberius, wenn der noch immer so war, wie sie sich an ihn erinnerte. Keiner der beiden durfte Unsicherheit oder Furcht sehen.
Er antwortete nicht, wandte sich von ihr ab und ging zum Pult, um dort wie selbstverständlich in ihren Materialien zu blättern.
„Was soll das?"
„Als Ihr Vorgesetzter und ehemaliger Fachlehrer in diesen Räumen betrachte ich es als mein Recht, zu kontrollieren, ob Sie gute Arbeit leisten."
Ruhig und neutral hatte er gesprochen, doch die sachte Provokation darunter war ihr nicht entgangen. Sie grub die Fingernägel in die Handflächen.
„Selbstverständlich. Ich werde Ihnen auch Auskunft zum Aufbau meines Unterrichts erteilen. Dennoch erwarte ich, daß Sie nicht ungefragt in meinen persönlichen Sachen wühlen und sich nicht heimlich anschleichen. Es wäre ärgerlich, wenn ich vor Schreck ein teures Gerät fallen ließe."
Severus Snape maß sie mit einem durch dringenden Blick. Dann verließ er das Pult und ging an ihr vorüber.
„Machen Sie Ihre Sache gut. Ich behalte Sie im Auge."
Damit verließ er den Unterrichtsraum.
17.9.1997 (Mittwoch)
Die ersten beiden Schulwochen waren vorbeigeeilt wie Küstenwind. Hermione hatte immer etwas zu tun gehabt. Waren die Hausaufgaben erledigt, recherchierte sie in der Bibliothek, grübelte darüber nach, wie sich die DA-Münzen verbessern ließen oder wer von ihren Mitschülern vielleicht in das Projekt passen konnte. Sie war sehr schnell zu dem Schluß gekommen, daß sie Sarah und Alice aus ihrem Schlafsaal nicht einbeziehen wollte, einfach weil sie nicht sicher war, daß sie ihnen traute. Sie kannte die beiden zu wenig, und Millicent hatte recht: Eine zweite Marietta Edgecombe käme diesmal einer Katastrophe gleich. Es stand noch mehr auf dem Spiel, und diesmal war kein Dumbledore da, der sie retten konnte. Ihr Fluch, der die Verräterin entlarvte, hatte sie nicht vor dem Unglück bewahrt, so durchdacht er auch gewesen war. Die einzige Möglichkeit, Stillschweigen zu erzwingen, war nach ihrer Kenntnis ein unbrechbarer Schwur. Aber das fand sie dann doch zu schwerwiegend, zumal sie nicht sicher war, wie man einen solchen Eid formulieren müßte, damit der das Ausplaudern verhinderte, aber ein Erweitern der Gruppe ermöglichte.
Hinzu kam, daß ihr die Zusammenarbeit mit Ron noch immer schwerfiel. An manchen Tagen ging es, doch an den meisten war es furchtbar anstrengend und mündete noch schneller als zuvor in Streit und Boshaftigkeiten. Auch hatte sie ihm noch nicht verziehen, daß er seiner Familie gegenüber die Erzählung von ihrer Trennung in seinem Sinne gebeugt hatte. Gleichzeitig sehnte sie sich nach dem zwanglosen Umgang zurück, den sie einst gehabt hatten – zumindest, wenn sie nicht gerade wegen irgendetwas im Streit gelegen hatten. Zu ihrem Erstaunen fand sie Trost in der wachsenden Freundschaft mit Parvati und Lavender.
Die letzten Verteidigungsstunden waren für sie ruhiger gewesen, denn Professor Malfoy hatte sich mehr auf Dean und Seamus eingeschossen. Das laugte sie fast genauso aus, weil sie ihren gerechten Zorn unterdrücken mußte, doch immerhin war sie keinen direkten Angriffen ausgesetzt. Dem Thema selbst stand sie zwiespältig gegenüber: Es war spannend, daß einige Zauber, insbesondere Flüche, stark auf Emotionen reagierten und davon verstärkt, abgeschwächt oder verändert werden konnten. Allerdings fiel es ihr schwer, das in die Praxis umzusetzen. Sie fühlte nun einmal das, was sie gerade fühlte, und konnte höchstens einen dazu passenden Spruch auswählen. Hinzu kam der Umstand, daß sie in Malfoys Unterricht nur Zauber übten, die mit negativen Gefühlen arbeiteten. Zwar konnte sie so etwas von ihrer Wut loswerden, doch es bereitete ihr Unwohlsein. Was, wenn sie sich zu sehr daran gewöhnten? Versuchte man so, sie zu dunklen Hexen und Zauberern zu formen, die keine moralischen Bedenken dabei hatten, menschliche Eingeweide in Zaubertränken zu verarbeiten oder zum Spaß Muggel zu verfluchen?
Den Nachmittag hatte sie in der Bibliothek verbracht, während die Jungen beim Quidditchtraining waren. Am vergangenen Sonnabend hatten die Tests stattgefunden. Harry hatte Ron und Dean aus ihrem Jahrgang in die Mannschaft geholt, dazu Ginny und weitere Schüler aus der Fünften und Sechsten. Ein Jäger und die Reserve-Sucherin waren aus der Vierten.
Sosehr die Jungen die Ablenkung brauchen mochten, bedeutete es doch auch, daß nun noch mehr an ihr hängen bleiben würde. Hoffentlich würde Ron es wenigstens pünktlich und geduscht zur Besprechung schaffen.
Der Besprechungsraum beherbergte bisher nur die beiden Slytherins. Draco starrte mit leerem Blick eine Wand an. Millicent nickte ihr zu und hatte dabei tatsächlich ein Lächeln im Gesicht. Kein breites Grinsen, man sah keine Zähne und es war nur einen Augenblick zu sehen. Trotzdem stockte Hermione und mußte ein paar Mal blinzeln, bevor sie weitergehen und sich einen Platz suchen konnte. Das war so fremdartig. Sie hatte diesen Ausdruck nie zuvor in Millicents Gesicht gesehen. Da war oft Leere gewesen, manchmal verschiedene Schattierungen von Groll oder Häme. Aber nie schlichte Freundlichkeit.
„Schön, daß ihr dabei seid."
„Dann ist die Botschaft also tatsächlich angekommen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob das klappt. Bloß gut. Es war gar nicht so einfach, die Jungs zu überzeugen."
Jetzt hob Draco den Kopf, und eine Braue hob sich, während sich der Mund kräuselte. „Potter macht mit?"
„Harry ist noch skeptisch, Ron auch. Aber das Geheimnis ist bei ihnen sicher, und sie werden mindestens mir helfen. Also indirekt auch dem Rest."
Von Millicent kam ein schlichtes „Danke."
Die Tür öffnete sich und Hannah und Ernie kamen hinzu. Kaum hatten sie in die Runde gegrüßt und sich gesetzt, folgten Lisa und Anthony.
„Wo ist Ron?", fragte Letzterer.
„Hoffentlich nicht mehr im Quidditchstadion."
„Wieder Hüter?"
Hermione nickte nur.
Millicent räusperte sich. „Dann schlage ich vor, wir bringen schon mal den offiziellen Teil hinter uns. Haben wir die Genehmigung, Draco?"
„Ja, haben wir, allerdings sollen wir uns mit Professor Grey absprechen. Wir werden die Getränke etwas, sagen wir, aufpeppen."
Ernie ging gleich darauf ein. „Vielleicht können wir kooperieren? Wir wollen gemeinsam mit der Küche das Festessen gruseliger gestalten. Eßbare Mumienhände, Schokoladenspinnen, Würmer aus Nudelteig in der Kürbissuppe, solche Dinge. Wenn ihr so viel Braukunst aufbieten könnt, lassen sich gemeinsam auch ein paar Speisen mit besonderen Wirkungen versehen."
„Ich frag mal Theodore, ob er das auch mitmachen würde, aber ich denke, er sagt ja. Ich glaube, er hat an sowas noch mehr Spaß als ich."
Jetzt zeigte er kurz ein verschmitztes Grinsen und mehr Lebendigkeit, als Hermione mindestens ein Jahr in seinem Gesicht gesehen hatte. Doch das verflog rasch.
„Wir wollen Spiele aufbauen, vor allem für die unteren Jahrgänge", sagte sie. „Äpfel angeln, Zielwerfen mit Walnüssen, aber wir suchen auch noch nach weiteren Geschicklichkeitsspielen."
„Gut. Wie sieht es bei euch aus?" Millicent wandte sich an die beiden Ravenclaws.
„Professor Flitwick hat angeboten, Kostümfotos zu machen. Wir wollen dafür eine Theaterbühne aufbauen. Padma will eine Festzeitung machen und sucht noch Mitstreiter dafür."
„Parvati und Lavender machen da bestimmt gern mit. Es gibt auch noch ein oder zwei jüngere, die vielleicht Lust darauf hätten."
„Roger macht sicher auch mit", ergänzte Hannah.
„Wunderbar", fuhr Lisa fort „Außerdem brauchen wir Musik. Beim Essen gibt es Gruseliges vom Grammophon, aber für den späten Abend versuchen wir, eine Band zu bekommen. George Blackthorn aus der Vierten hat über seine Tante Kontakt zu den Weird Sisters. Wir können noch nichts versprechen, aber mit etwas Glück bekommen wir einen kleinen Gastauftritt."
In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen. Hermione fuhr der Schreck durch die Glieder. Sämtliche Köpfe hatten sich der Tür zugewandt, die nun von Ron geräuschvoll geschlossen wurde.
„Hi, hab ich was verpaßt?"
„Setz dich einfach und hör zu."
Der Neuankömmling ließ sich auf den achten Stuhl fallen. Anthony nahm den Faden wieder auf:
„Vielleicht finden wir auch Schüler, die etwas aufführen wollen. Bitte fragt in euren Häusern herum, wer z.B. ein Instrument spielen kann und sich traut, das vor der Schule zu präsentieren. Wir würden das koordinieren und wenn möglich ein Ensemble zusammenstellen."
„Sehr gute Idee", lobte Ernie. „Und wenigstens für die Kamera sollten alle ein wenig Theater spielen, passend zum Kostüm."
Millicent grinste. „Auf jeden Fall. Draco, was meinst du, kriegst du Daphne dazu, zu singen?"
„Wahrscheinlich schon."
Anthonys Blick hatte sich verfinstert, als Daphnes Name gefallen war. Hermione fragte sich, was sie verpaßt hatte.
Millicent legte das Blatt beiseite, auf dem sie Notizen gemacht hatte.
„Bekomme ich bis Ende des Monats von euch die Bestellisten über die Materialien, die ihr braucht? Gut. Dann schließen wir Halloween ab und kommen zum inoffiziellen Teil."
Draco stand auf. „Ich geh dann mal. Je weniger ich weiß, desto besser."
„Du willst uns wirklich nicht helfen? Gerade du?"
Da lag etwas in Millicents Stimme, was Hermione nicht deuten konnte. Eine Spur von Weichheit, die so gar nicht zu dem Bild der Hexe paßte, das sie im Lauf der Jahre entwickelt hatte.
Doch Draco wandte sich nur ab und schüttelte den Kopf. Dann floh er regelrecht aus dem Raum.
„Was war das genn gerade?"
Ernie hatte als Erster seine Stimme wiedergefunden. Ron war der Nächste.
„Wird der Feigling uns verraten? Hast du nicht gesagt, du hast ihn in der Tasche?"
„Er wird schweigen, wie versprochen", antwortete Millicent. „Aber er ist in einer schwierigen Situation. Wahrscheinlich braucht er einfach noch eine Weile, um zu einem Entschluß zu kommen. Und vielleicht kann ich ihn indirekt dazu bekommen, uns zu helfen."
Hermione holte Notizbuch und Feder hervor. Anthony sprach sie darauf an:
„Meinst du wirklich, daß das eine gute Idee ist? Was, wenn das jemand findet?"
„Keine Sorge, Buch und Tinte sind verhext, außer mir kann das niemand lesen. Für jeden anderen ist das nur Gekrakel und Tintenkleckse, aber das können wir gern noch mal überprüfen"
„Wie praktisch. Welchen Zauber hast du benutzt?"
„Mehrere. Ich kann euch das nachher zeigen."
„Verstehe ich das richtig, daß wir hier jetzt alle dabei sind?" fragte Hannah. Die anderen nickten. „Hat irgendwer schon jemanden eingeweiht, der nicht hier sitzt?"
„Tracey Davis", sagte Millicent. „Sie ist absolut vertrauenswürdig und kann mir helfen, in unserem Haus Informationen zu beschaffen. Vielleicht werden es noch mehr, aber da bin ich mir noch nicht sicher genug."
„Wa-" Hermione trat Ron auf den Fuß, bevor er die nächste Beleidigung von sich geben konnte. Er fuhr eindeutig zu leicht aus der Haut, gerade in den letzten Wochen.
„Bist Du sicher, daß wir weiteren Slytherins trauen können?"
Anthony hatte seine Zweifel deutlich sachlicher formuliert, als sie das von ihrem Kollegen erwartet hatte. Die Gryffindor teilte sie, und, wie es aussah, auch die anderen im Raum.
„Möglicherweise. Aber bevor ich etwas unternehme, will ich sicher sein. Ich bin recht gut mit Gedächtniszaubern, aber darauf allein will ich mich nicht verlassen. Wie sieht es bei euch aus? Wen wollt ihr mit dabei haben?"
„Harry wird helfen, hat aber noch Vorbehalte. Ich auch. Wenn Mione uns nicht bearbeitet hätte, wäre ich nicht hier. Ansonsten... Neville, Dean und Seamus kann man vertrauen. Aber wir haben ihnen noch nichts gesagt. Die Mädchen... Keine Ahnung."
„Lavender und Parvati haben sich in der DA recht gut gemacht. Und sie haben das Geheimnis gehütet, auch wenn sie sonst gern tratschen. Sie kennen viele Schüler, auch aus anderen Jahrgängen und Häusern und bekommen einiges mit, was in der Schule passiert."
„Das könnte nützlich sein. Auch um uns untereinander auszutauschen." Millicent lächelte kurz. Sie wirkte erleichtert, so als hätte sie damit gerechnet, den ganzen Abend gegen Widerstände ankämpfen zu müssen.
„Wie sieht es bei euch aus?" Sie wandte sich an die beiden Ravenclaws.
„Michael und Terry wären sicher wieder mit dabei", sagte Anthony.
„Stimmt, die beiden waren auch in der DA", sagte Hannah mit einem Lächeln. „Wen habt ihr noch?"
„Kevin vielleicht. Er ist ein Muggelkind, also mit Sicherheit hochmotiviert und daran gewöhnt, Geheimnisse zu hüten. Und er ist wirklich gut in Zaubertränke. Von den Mädchen – was ist mit Su? Sie kennt einige sehr seltsame Zauber." Anthony sah hilfesuchend zu seiner Kollegin.
„Aber sie hat keinen Grund, sich einzumischen. Ihre Eltern planen schon den Umzug, zu Weihnachten gehen sie zurück nach China."
„Das ist vielleicht das beste, was sie tun können. Aber bestimmt nicht leicht", überlegte Hannah.
„Gar nicht", antwortete Lisa. „Su lebt hier, seit sie drei ist."
Schweigen breitete sich über die Gruppe. Erst nach einigen Sekunden fragte Hermione:
„Holt ihr Padma dazu?"
Lisa nickte. „Ja, sie ist verläßlich, und es wäre seltsam, sie außen vor zu lassen, wenn ihre Schwester dabei ist. Bei Morag überlege ich noch. Sie hält die Blutideologie für Unsinn und Ihr-wißt-schon-wen für gefährlich. Aber die MacDougals werden umworben und vielleicht auch bald unter Druck gesetzt."
„Das kann auch Motivation sein."
„Schon. Ich denke auch nicht, daß Morag sich einschüchtern läßt. Trotzdem will ich erstmal abwarten."
Die Adler hatten ihre Aufzählung abgeschlossen und schwiegen. Hannah übernahm.
„Ich würde Susan mit dazuholen. Vielleicht Eloise. Was ist mit Wayne und Roger?"
Ernie wiegte den Kopf hin und her. „Bei Roger hätte ich Angst, daß er sich aus Versehen verplappert. Wayne ist ein großartiger Musiker, aber ich bezweifle, daß er zu diesem Projekt viel beitragen kann. Warum also sollten wir ihn dem Risiko aussetzen?"
Hannah nickte und wandte sich an Millicent: „Was ist mit deiner Schwester?"
„Ich würde Ashley gern raushalten. Sie ist noch zu jung."
„Jung ist sie, aber sie könnte unauffällig Nachrichten zwischen uns weitergeben. Daß du mit ihr sprichst wird keiner seltsam finden."
„Das stimmt schon... Vielleicht spreche ich mit ihr, erzähle aber noch nicht alles."
„Das kann auch nach hinten losgehen", mischte sich Hermione ein. „Harry hätte vielleicht manche Fehler nicht gemacht, wenn man ihm gesagt hätte, was gerade passiert."
Nach diesem Einwand starrten sie alle an. Ihr Gesicht begann zu glühen. „Ich möchte das jetzt nicht näher ausführen, es sind auch Geheimnisse anderer Leute mit dabei. Ich meine nur, wenn Ashley helfen soll, sollte sie auch wirklich wissen, was passiert." Sie hatte immer schneller und höher gesprochen. Die letzten Worte waren ein atemloses Fiepen. Ihr war klar, daß sie furchtbar unsicher wirken mußte. Es war zu heiß in diesem Raum, und sie hätte ihre Haare flechten sollen, die sich gerade wie ein dickes Kissen anfühlten. Sie war dankbar, daß Millicent ihre rhetorische Bruchlandung einfach ignorierte.
„Ich denke darüber nach", war alles was sie dazu sagte.
„Wie wollen wir es sonst mit den jüngeren Jahrgängen halten?" fragte Anthony.
„Ich finde, wir sollten mit Ginny und Luna sprechen", sagte Hermione und biß sich auf die Lippe. Ihre Stimme war noch nicht wieder da, wo sie hingehörte.
„Auf keinen Fall, sie sind auch zu jung!" Ron protestierte lautstark.
„Sie haben sich bewährt, mehr als manch andere. Und Ginny wird fuchsteufelswild, sollte sie erfahren, daß auch wir sie ausgeschlossen haben." Gerechter Zorn vertrieb endlich ihre Unsicherheit.
„Aber sie ist meine kleine Schwester!"
„Und fast erwachsen. Sie fühlt sich hilflos, weil sie nichts tun kann. Mit einer Aufgabe würde es ihr besser gehen."
„Laß mich noch darüber nachdenken."
„Wie lange?"
„Wart's einfach ab!"
„Ruhig, ihr zwei," suchte Millicent die Wogen zu glätten. „Klärt das unter euch, und gebt einfach bescheid."
Hermione atmete zweimal tief ein und aus, um ihr Gemüt zu beruhigen. Anthony nahm den Faden wieder auf:
„Naja, Luna ist schon ein bißchen seltsam."
Das konnte die Gryffindor so nicht auf dem Mädchen sitzen lassen, das sie in den letzten beiden Jahren schätzen gelernt hatte.
„Aber sie steht zu hundert Prozent auf unserer Seite, sie ist mutig und auf ihre spezielle Art gut darin, Leute einzuschätzen."
„Wenn man es so ausdrückt – da ist was dran."
„Wunderbar", ergriff Millicent wieder das Wort. „Das sind viele, die an diesem Projekt arbeiten können. Laßt uns die Aufgaben zusammentragen. Wir brauchen sichere Kommunikationswege. Funktionieren diese Münzen noch?"
„Ja, aber damit lassen sich nur Zahlencodes an alle schicken. Wir müßten also vorher einen sicheren Treffpunkt festlegen. Ich suche nach Möglichkeiten, kurze Texte zu übermitteln und einzelne Leute gezielt zu benachrichtigen. Aber noch habe ich dafür keine gute Lösung."
„Gute Idee. Was ist mit diesem verborgenen Raum, den ihr benutzt habt? Können wir den nehmen?"
„Ja, warum nicht?"
„Dann nutzen wir ihn doch. Aber besser nicht alle gleichzeitig. Wenn so viele dorthin schleichen, und das vielleicht mehrfach in kurzer Zeit, dann ist das zu auffällig. Aber kleinere Gruppen könnten sich dort treffen. Wir können auch einige der selten genutzten Räume nehmen. Denen sollten wir am besten eindeutige Namen geben, damit man nicht immer umständlich beschreiben muß, wo der Treffpunkt ist. Und die Räume wechseln. Wie gut könnt ihr eigentlich in euren Häusern private Gespräche führen?"
Sie diskutierten noch einige Zeit über geheime Treffpunkte und Botschaften. Dann führte Millicent die nächsten Punkte an: Einen sicheren Ort außerhalb der Schule, falls Teile der Gruppe untertauchen müßten. Und, natürlich, das eigentliche Ziel, den Sieg über den dunklen Zauberer, der das Ministerium steuerte. Hier zeigte sich, wie wenig über dessen Herkunft und Fähigkeiten bekannt war. Millicent war erstaunlich gut vorbereitet, doch hier offenbarte sich die große Schwachstelle ihres Projekts. Es war einfach nichts da, woraus sich ein Plan entwickeln ließ. Die Ansatzpunkte mußten erst noch gefunden werden. Es tat Hermione in der Seele weh, zu sehen, wie die anderen im Nebel umher tappten. Sie selbst, Harry und Ron waren schon so viel weiter, doch diese Informationen durfte sie nicht teilen.
Am Schluß schlug Hermione ein Treffen für diejenigen, die Muggelverwandte hatten, im Raum der Wünsche vor, um dort gemeinsam zu beraten, wie mit den Stammbäumen umzugehen sei.
Es war schon spät, als sie auseinandergingen.
Es war tiefe Nacht, und das Licht des vollen Mondes floß silbern über die Länderein von Hogwarts. Am Seeufer, dem Schloß gegenüber, trat eine Gestalt unter den Bäumen hervor, sich dabei jedoch sorgsam im Schatten haltend. Erst direkt am Saum des Wassers trat sie hinaus ins Licht. Die Kapuze eines viel zu weiten Mantels wurde zurückgeschlagen, und dunkelrotes Haar wallte darunter hervor. Nur ein paar Strähnen um ihr Gesicht hatten eine andere Farbe, waren dunkler und ohne das Leuchten. Die Hexe trat ans Ufer, wo sie den Mantel von den Schultern gleiten ließ. Darunter trug sie, der kalten Herbstnacht zum Trotz, ein Satinkleid, dessen Farbe exakt der ihrer Haare entsprach. Barfuß stand sie auf den Steinen am Ufer, und tat dann vorsichtig, konzentriert, einige Schritte in den See hinein. Das kalte Wasser umspülte ihre Beine und kletterte das Kleid hinauf. Sie ging ungerührt weiter, bis ihr die Flut bis zur Taille reichte.
„Komm zu mir", flüsterte sie und breitete im Wasser die Hände aus. Sie wiederholte die Worte, doch diesmal wandelten sie sich in ein moduliertes Zischen.
Vor ihr bewegte sich die glatte Fläche und ein dunkler, glänzender Kopf tauchte auf. Eine Schlange kam herangeschwommen und wand sich begierig um ihren warmen Körper. Sanft streichelte sie den Kopf des Tieres und murmelte freundliche Worte. Dann zog die Hexe eine Ziernadel aus ihrem Kleid, stach sich in einen Finger und gab fünf Tropfen Blut in das Maul der Schlange, um anschließend die Nadel wieder an ihrem Platz zu setzen.
Einige Minuten blieben sie zusammen, gaben einander Nähe und sprachen wie das Säuseln des Windes. Dann verabschiedete sich die Hexe und das Tier löste sich von ihr, um wieder in den Fluten zu verschwinden. Sie kehrte an Land zurück, holte den Zauberstab aus dem Kleiderhaufen am Boden und murmelte einen Trocknungszauber. In den Mantel gehüllt, verschwand sie wieder in der Finsternis.
19.9.1997 (Freitag)
Hermione drehte sich noch einmal um und öffnete dann unwillig die Augen. Warum war sie wach?
„Alles Gute zum Geburtstag."
Lavender und Parvati saßen vor ihr und hielten ihr einen kleinen Kuchen entgegen, in dessen Zentrum eine Kerze brannte. Nun mußte sie doch lächeln.
„Dankeschön."
Sie schälte sich aus den Decken und umarmte beide nacheinander.
„Wundere dich nicht, daß wir dich früher geweckt haben. Wir haben noch etwas vor."
Lavender lächelte geheimnisvoll. Parvati nahm den Faden auf:
„Geh erstmal ins Bad, wir bereiten inzwischen alles vor."
Hermione gehorchte. Sie war noch etwas tranig, kaltes Wasser würde ihr guttun.
Als sie wenig später das Bad verließ, kam ihr Alice entgegen. Sie nickten einander zu, wechselten aber kein Wort. Sarah schlief wahrscheinlich noch, sie stand gewöhnlich als Letzte auf. Mit beiden hatte sie nicht viel zu tun. Sie teilten keine Interessen, und aus den Zickereien im vergangenen Jahr hatten sich Alice und Sarah herausgehalten. Nachdem sie sechs Jahre im selben Raum geschlafen hatten, mußte sich Hermione eingestehen, daß sie fast nichts über die beiden wußte. War es ein Fehler gewesen, sich nicht um sie zu bemühen?
Die Frage verflog, als sie das Bett umrundete und Lavender und Parvati auf dem Boden sitzen sah, vor sich auf einem Tuch einen Stapel Karten.
„Ach nein, ihr wißt doch, daß ich nichts davon halte."
„Keine Ausreden, heute mußt du einfach ziehen. Setz dich." Lavender winkte ihr, sich gegenüber zu setzen. Hermione zögerte noch immer. Sie war foh, daß die beiden ihr die Hand gereicht hatten. In den letzten Tagen hatte sie mehr mit ihnen gesprochen als zuvor in Monaten, und war positiv überrascht, daß sie ihre Köpfe doch nicht nur zum Frisieren und Schminken zu benutzen schienen. Aber Wahrsagen?
„Sieh es einfach als ein Spiel", lud Parvati sie ein. Mit einem Seufzen setzte sich das Geburtstagskind.
„Mische die Karten, zieh drei und leg sie verdeckt vor dich."
Hermione tat, was man von ihr verlangte. Zuerst war es ihr ein bißchen peinlich, unter den Augen der beiden Tarotkarten zu mischen. Doch bald stellte sie fest, daß das auch eine Form der Meditation sein konnte – wenn man erst geschickt genug war, daß die Karten nicht ständig zu entkommen suchten. Schließlich schob sie den Stapel ordentlich zusammen und setzte ihn auf das Tuch. Dann legte sie nacheinander die obersten drei Karten vor sich, die Rückseite nach oben. Mit einem Lächeln deckte Lavender die erste auf. Beim Anblick der Karte quietschte sie vergnügt.
„Der Bube der Kelche. Das spricht dafür, daß du dich verlieben wirst. Ob wir denjenigen kennen?"
Hermione verdrehte die Augen. Als ob ein Stück Pappe etwas über ihre Gefühle sagen könnte. Außerdem war sie gerade frisch getrennt und hatte dieses Jahr ganz einfach anderes im Kopf, als sich um Jungs Gedanken zu machen.
Parvati holte ihre Aufmerksamkeit zurück.
„Der Bube der Kelche kann auch ein Bote sein. Schauen wir mal nach, was die beiden anderen Karten dazu sagen."
Sie deckte beide gleichzeitig auf und kommentierte sie.
„Die Liebenden und Schwerter Zwei. Das dürfte keine einfache Beziehung werden, wenn es denn eine ist."
„Oder sie haben einfach nur Startschwierigkeiten", wandte Lavender ein. „Die Liebenden stehen für eine Prüfung der Gefühle, die zwei Schwerter für Zweifel. Du wirst lange brauchen, um dir deine Liebe einzugestehen. Aber entscheide mit dem Herzen, nicht mit dem Verstand."
Hermione öffnete den Mund und setzte zu einer Erklärung an, warum das alles Unfug sei, doch dann schluckte sie die Sätze herunter. Es war ein Spiel. Ein Spiel, um sie abzulenken und ihre Gedanken nach vorn zu richten. Also atmete sie tief durch und lächelte.
„Danke, ich werde daran denken, wenn mir heute jemand einen Becher reicht."
„Oh, du stehst nicht nur heute unter Beobachtung."
Sie lachten gemeinsam. Dann räumte Lavender ihre Karten auf und die drei schnappten sich ihre Taschen. Gerade als sie den Schlafsaal verließen, kam Alice aus dem Bad.
„Alles Gute zum Geburtstag."
„Danke."
Und damit waren sie draußen. Bereits auf der Treppe kam ihnen Ginny entgegen, um zu gratulieren, und im Gemeinschaftsraum wurde Hermione von den Jungen begrüßt und durfte Glückwünsche, Umarmungen und Päckchen in Empfang nehmen. Geschlossen und guter Stimmung stiegen die Löwen schließlich vom Turm hinab zur Großen Halle.
Die Zauberkunststunde war angenehm verlaufen. Sie beschäftigten sich damit, Zauber an Objekte zu binden, was Hermione bei ihren Vorhaben weiterhelfen konnte. Gleichzeitig war sie durch ihre Vorarbeit seit der fünften Klasse und die Studien zu Sicherungszaubern insbesondere in den letzten Monaten mit den Grundlagen vertraut und hatte sogar schon praktische Erfahrung. Das machte den Unterricht sehr entspannt, und die Hausaufgaben waren selbst mit der ihr eigenen Akribie schnell erledigt. Doch kaum hatten sie sich von Professor Flitwick verabschiedet, sank ihre Laune drastisch. In der zweiten Doppelstunde stand Verteidigung auf dem Plan. Sie hätte gern darauf verzichtet, kurz vor dem Wochenende noch einmal Professor Malfoy gegenüberzutreten, zumal an ihrem Geburtstag.
In resigniertem Schweigen richteten die Schüler sich an ihren Plätzen ein. Nur Parkinson hörte man kichern. Wahrscheinlich hatte Zabini einen Scherz gemacht. Professor Malfoy sammelte die Aufsätze ein und eröffnete die Stunde.
„Tragen wir nun die Möglichkeiten zusammen, einen Gegner kampfunfähig zu machen oder ihm das Kämpfen und insbesondere das Wirken von Flüchen zumindest zu erschweren. Machen Sie Vorschläge."
Vor allem Slytherins und Ravenclaws meldeten sich und trugen zunächst die Klassiker zusammen, wie den Schockzauber und die Ganzkörperklammer. Hermione dachte sofort an den Schweigezauber, der ihr in jener unseligen Nacht im Ministerium wohl das Leben gerettet hatte. Doch ihre erhobene Hand wurde ignoriert. Der Zauber wurde schließlich von Parvati vorgeschlagen. Hermione wußte, daß sie noch mit dem stummen Wirken von Zaubern zu kämpfen hatte. Der Gedanke war also auch für sie naheliegend.
„Auch das ist eine Möglichkeit. Selbst erfahrene Zauberer können bei schwierigen Sprüchen oft nicht ihr volles Maß an Kraft umsetzen, wenn sie auf die Zauberformel verzichten müssen. Das trifft umso mehr in Streßsituationen zu. Fällt noch jemandem etwas ähnliches ein?"
Die Klasse schwieg.
„Denken Sie an das Thema der letzten Stunden. Was haben Sie gelernt?"
Zacharias Smith meldete sich und durfte sprechen.
„Daß Flüche von Gefühlen beeinflußt werden."
„Korrekt. Was läßt sich daraus ableiten? Ja, Mr. Zabini?"
„Daß jemand, der gerade nicht wütend oder haßerfüllt sein kann, Probleme beim Fluchen bekommt?"
„Vereinfacht ausgedrückt, ja. Fünf Punkte für Slytherin. Wie läßt sich das ausnutzen?"
„Mit stimmungsaufhellenden Zaubern?"
„Möglicherweise. Fällt noch jemandem eine weitere Möglichkeit ein?"
Darauf meldete sich niemand mehr.
„Mr. Malfoy?"
Draco antwortete nicht, und Hermione bedauerte, daß sie seine Reaktion nicht sehen konnte. Er saß schräg hinter ihr.
„Mr. Nott?"
Zuerst dachte sie, auch er würde nicht antworten. Doch dann drang eine Stimme in die Stille, kaum mehr als ein Flüstern:
„Vacivitas animae."
„Korrekt. Zehn Punkte für Slytherin. Manche nennen diesen Zauber auch poetisch den ‚Atem des Dementors'. Er vertreibt vorübergehend jedes Empfinden und hinterläßt Leere und Antriebslosigkeit."
Hermione blieb kurz die Luft weg bei dieser Vorstellung. Zu gut erinnerte sie sich an die seelische Kälte, die die Kreaturen verbreitet hatten, obwohl die Zeit ihrer Wache in Hogwarts nun schon Jahre zurücklag.
„Das ist grausam", flüsterte sie.
„Was sagten Sie? Melden Sie sich gerade freiwillig für eine Demonstration?"
Das konnte er nicht ernst meinen. Sie fror, doch sie schluckte ihre Furcht herunter, räusperte sich und sprach für alle hörbar:
„Ich finde, dieser Fluch ist grausam. Kein angemessenes Mittel zur Selbstverteidigung."
„Das kommt ganz auf den Gegner an. Aber Ihnen wird sich diese Frage ohnehin nie stellen, weil Sie nicht das nötige Niveau erreichen werden, um diesen Fluch zu wirken. Es ist Zeitverschwendung, daß Sie überhaupt noch hier sitzen."
In diesem Moment fuhr Harry dazwischen.
„Sie ist die beste in unserem Jahrgang!"
„Silencio. Sie müssen dringend lernen, sich zu beherrschen, Mr. Potter. Zehn Punkte Abzug für Gryffindor. Echte Magie braucht mehr als nur genug Hirnmasse, um halbwegs brauchbare Aufsätze zu schreiben."
Hermione kochte innerlich, und obwohl sie wußte, daß es ein Fehler war, mußte die Wut einfach hinaus.
„Ihnen fehlt jegliches Gerechtigkeitsempfinden und moralische Gespür."
Professor Malfoy ließ sich nicht zu einer Antwort herab. Er schwang einfach nur seinen Zauberstab in ihre Richtung. Ihre Haare lösten sich aus dem Zopf, in dem sie sie in Erwartung einer weiteren Duellierstunde gebändigt hatte, und schlangen sich um ihren Hals. Es wurde unangenehm eng. Panisch griff sie nach den Strähnen und zog daran, doch ohne Erfolg. Ernie, der wieder neben ihr saß, versuchte, ihr zu helfen, doch vergebens. Die Stimme des Lehrers peitschte durch den Raum:
„Hinsetzten, MacMillan! Granger, bleiben Sie auf Ihrem Stuhl und seien Sie ruhig! Dann bekommen Sie genug Luft, um die Stunde zu überstehen. Betrachten Sie es als Übung in Selbstbeherrschung und Benimmlektion."
„Aber-"
„Bleiben Sie sitzen und halten Sie den Mund, Weasley. Das ist das Beste, was Sie im Moment für Ihre Freundin tun können. Oder habe ich Sie mißverstanden und suchen Sie nach einer Möglichkeit, zu beweisen, daß Sie die Irrungen Ihrer Familie überwunden haben?"
Die Antwort war Schweigen. Unterdessen versuchte Hermione, ihre Panik niederzuringen und möglichst ruhig zu atmen. Sie bekam Luft, nur nicht besonders viel. Wie von fern drang Professor Malfoys Stimme an ihr Ohr:
„Schade. Aber Sie haben ja noch etwas Zeit, um zur Vernunft zu kommen."
Danach fuhr er mit dem Unterricht fort, ohne Hermione eines weiteren Blickes zu würdigen. Sie kämpfte sich durch die Stunde, machte sich Notizen, kam aber nicht dazu, das gehörte wirklich zu verarbeiten. Ein großer Teil ihrer Aufmerksamkeit wurde von der Schlinge aus ihrem eigenen Haar um ihren Hals beansprucht.
„Hausaufgabe: Suchen Sie sich einen Partner und probieren Sie aus, ob und wie stark stimmungsaufhellende Zauber das Wirken verschiedener Flüche beeinträchtigen. Ich erwarte von jedem von Ihnen ein Protokoll, heute in einer Woche."
Der Glockenschlag entließ die Klasse. Im selben Moment lockerten sich die Strähnen, und Hermione konnte endlich wieder frei durchatmen. Mit neuem Geschwindigkeitsrekord packte sie ihre Sachen ein und eilte aus dem Raum.
„Warte!"
Sie begann zu rennen. Die aufgestaute Furcht und Wut lösten sich, und Tränen füllten ihre Augen. Ihr war, als müsse sie platzen, sie wußte nicht, wohin mit sich. Jemand ergriff ihren Arm und zog sie um eine Ecke.
„Weg!" Ihre Stimme klang fremd, irgendwo zwischen Schluchzen und Schreien.
„Beruhige dich, ich bin es."
Harry nahm sie in den Arm. Gemeinsam sanken sie zu Boden, die Wand im Rücken. Die Hexe ließ die Tränen fließen und spürte nur die Schulter, an der sie lehnte, und die Hand, die ihren Rücken streichelte. Es half, alles herauszulassen, doch als sie sich wieder gefangen hatte, war ihr der öffentliche Ausbruch peinlich. Sie löste sich von ihrem besten Freund und wischte sich über die Augen.
„Sorry."
„Das war nicht dein Fehler." Er reichte ihr ein Taschentuch.
Hermione putzte sich die Nase und stand auf. Als sie den Blick hob wurde ihr heiß: Neville, Lavender, Parvati und Ernie standen nahe bei ihr, und weitere Klassenkameraden hatten sich an der Ecke postiert, die zu dem Klassenraum führte, den sie eben verlassen hatten. Hermione schluckte. Doch bevor sie anfangen konnte, eine weitere Entschuldigung zu stammeln, sprachen Neville und Lavender:
„Wie geht es dir?"
„Sollen wir dich zu Madam Pomfrey bringen?"
Die Sorge in den Stimmen und Gesichtern ihrer Freunde entlockte ihr ein Lächeln.
„Nein, es geht schon. Es war nur so beängstigend. Ich hatte das Gefühl, zu ersticken, und konnte nichts tun. Und ich hätte niemals gedacht, daß ein Lehrer sowas tut."
„Unter Dumbledore hätte es das nicht gegeben", ließ sich Ernie vernehmen. Einmütiges Nicken folgte darauf.
„Aber bei Snape brauchen wir uns wohl nicht zu beschweren. Der zahlt Malfoy höchstens noch einen Bonus", sagte Harry. „Kannst du mit essen kommen?"
„Ich weiß nicht." Ihr Hals fühlte sich wieder gut an, aber der Gedanke jetzt total verheult in die Große Halle zu gehen und den Spott der Slytherins zu ertragen war grauenerregend.
„Erstmal bringen wir dich wieder in einen präsentablen Zustand", sagte Lavender, als habe sie ihren Gedanken erraten. „Ich kenne einen prima Spruch gegen verquollene Augen."
„Und dann zeigen wir allen, daß du dich so leicht nicht unterkriegen läßt. Wenn du dich jetzt verkriechst hat er gewonnen", bekräftigte Parvati.
Hermione atmete tief durch.
„Okay. Und danke, euch allen."
Als ihre beiden Zimmernachbarinnen sie zum nächsten Bad zogen, erhaschte sie einen Blick auf Ron, der bei denen stand, die sie abgeschirmt hatten. Er hatte die Schultern hochgezogen und wich ihrem Blick aus.
Noch immer aufgewühlt vom Vormittag mochte sie die Sicherheit des Gryffindorturms nicht mehr verlassen, als der Unterricht vorüber war. Nichteinmal für die wohltuende Gegenwart von Büchern. So saß sie am späten Nachmittag im Gemeinschaftsraum und schrieb einen Brief an ihre Eltern. Ein Lebenszeichen. Das Wissen, daß sie bisher sicher war (die Unterrichtsstunde erwähnte sie nicht) und Freunde hatte. Sie faltete den Brief und steckte ihn in einen Umschlag, den sie mit der Postfachadresse beschriftete, die sie bekommen hatte. Das Papier hatte eine weite Reise vor sich. Doch wie sollte sie es auf den Weg bringen? Sie konnte nicht einfach zur Post gehen. Und wenn sie Dean oder Seamus bat, den Brief nach Hause zu schicken mit der Bitte, ihn versenden? Das war riskant. Sie hatte den Verdacht, daß man ihre Post las, ebenso wie die der anderen Gryffindors. Die Sendung, die sie von Flourish & Blotts erhalten hatte, war definitiv geöffnet worden, und von Neville hatte sie erfahren, daß seine Großmutter einen seiner Briefe nicht erhalten hatte. Seamus hingegen vermißte das zweite Blatt eines Briefs von seiner Mutter. Hatte man es konfisziert? Die Frage war nun, ob nur die Schuleulen kontrolliert wurden, oder auch die Haustiere der Schüler. Sie hielt Letzteres für wahrscheinlich. Aber vielleicht machte sich die Schulleitung bei den Slytherins nicht die Mühe, weil sie als loyal eingeschätzt wurden? Hatte Millicent eine Eule? Nein, da war ein Katzenhaar auf ihrer Robe gewesen. Aber vielleicht konnte sie ihr trotzdem helfen?
Sie beschloß, diesen Gedanken noch etwas wachsen und gären zu lassen und wandte sich wieder einem ihrer entliehenen Bücher zu. Es ging um die Seele als Bindeglied zwischen Physis und Magie. Der Autor diskutierte die Verbindung einzelner Teile mit dem Ganzen. Wie stark Haare, Nägel oder Blut mit dem Körper verbunden waren, von dem sie stammten und welche Möglichkeiten daraus erwuchsen. Es ging hauptsächlich um Schadenzauber. Einige der Autoren, die zitiert wurden, kannte sie aus Bestandslisten der verbotenen Abteilung. Interessant war der Abschnitt darüber, was sich unter welchen Umständen für Ortungszauber eignete. Es waren keine Zauber beschrieben, eher theoretische Möglichkeiten. Dennoch machte sie sich Notizen dazu. Es konnte gefährlich sein, wenn solches Material dem Feind in die Hände geriet. Eine Fußnote spekulierte, daß auch extrahierte Erinnerungen, richtig behandelt, den Weg zu der Person weisen könnten, von der sie stammten. Das erinnerte sie an etwas, das sie in Dumbledores Poesiesammlung gelesen hatte. Eines der Gedichte konnte man ganz ähnlich interpretieren. War das Zufall oder ein Hinweis? Sie brauchte mehr darüber, aber dafür brauchte sie ein Erlaubnisschreiben. Konnte sie das von Professor McGonagall bekommen? Oder wäre das zu offensichtlich?
Nach dem Abendessen setzte Hermione sich zu Parvati und Lavender auf ein Sofa unter einem der Fenster. Von hier aus hatte sie die Aufgänge zu den Schlafsälen gut im Blick. Harry verschwand sehr schnell mit Neville auf der Treppe.
„Du wirst mit Ron reden müssen", sagte Parvati gerade. „Man sieht, daß du ihn vermißt, und daß es euch schwerfällt, zusammenzuarbeiten."
Hermione seufzte. „Das sagt sich so leicht. Es tut mir weh, ihn zu sehen, weil ich dann immer daran denken muß, daß ich einen meiner besten Freunde verloren habe. Durch meine eigene Dummheit. Und er kann mir auch nicht richtig in die Augen sehen. Dabei ist es inzwischen einen Monat her. Und wenn wir uns nicht aus dem Weg gehen können, streiten wir."
„Irgendwann müßt ihr euch aussprechen, wenn ihr versuchen wollt, eure Freundschaft zu retten", bekräftigte Lavender. „Er muß erfahren, daß seine Bemerkungen dir weh getan haben. Wahrscheinlich war das keine Absicht. Gut möglich, daß er es nicht gemerkt hat. Und du mußt herausbekommen, was ihn so wütend macht. Frag ihn, was ihn an dir stört. Du bist nämlich manchmal auch nicht gerade einfach."
Hermione biß sich auf die Unterlippe. Ihre Wangen wurden warm. „Ich weiß. Ich gebe mir schon Mühe. Aber es ist nicht leicht, sich selbst treu zu bleiben und dabei trotzdem Rücksicht zu nehmen."
„Wem sagst du das. Aber ich glaube, es wird schon besser. Inzwischen ist es mir ein bißchen peinlich, wie ich mich letztes Jahr aufgeführt habe."
Lavender war offensichtlich unbehaglich zumute bei diesem Geständnis.
„Klär das mit Ron. Auch wenn es schwer wird", sagte Parvati. „Wenn du jemanden dabei haben willst, sag bescheid."
Hermione nickte. „Vielleicht habt ihr recht. Aber nicht mehr heute. Meinen Geburtstag habe ich mir wirklich anders vorgestellt." Dabei strich sie sich sacht über die Kehle, die noch immer empfindlich war. Im Badspiegel hatte sie einen geröteten Streifen entdeckt.
„Aber mal was anderes. Ich muß euch was sagen."
„Oh, hast du deinen Buben der Kelche schon gefunden?"
„Nein, aber es gibt etwas Wichtiges, das ihr wissen solltet." Sie hatte sich näher zu den beiden gelehnt und sehr leise gesprochen.
„Ruft ihr die DA wieder zusammen?" Parvati hatte ihre Stimme zu einem Flüstern gesenkt.
„So ähnlich. Die Jungs sind auch mit dabei, wir besprechen uns in ihrem Schlafsaal. Kommt mit."
Niemand schenkte den dreien Beachtung, als sie den Raum durchquerten und im Treppenaufgang verschwanden.
Harry und Neville unterbrachen ihr leises Gespräch, um die Hexen zu begrüßen, als sie den Raum betraten. Auch Dean war schon da. Er saß im Schneidersitz auf einem der Betten und sah kurz von seinem Zeichenbrett auf, um ihnen zuzuwinken. Sie machten es sich auf Kissen bequem. Hermione ließ die Packung Schokofrösche herumgehen, die sie am Morgen bekommen hatte. Sie mußten nicht lange auf Ron und Seamus warten.
„Alle da, prima. Mione, erklär du das, ist schließlich auf deinem Mist gewachsen."
„Äh, also –"
Alle außer Ron und Harry sahen sie erwartungsvoll an. Sie schluckte.
„Es bildet sich gerade eine Gruppe von Schülern, hauptsächlich aus unserem Jahrgang, die nach Wegen suchen wollen, Ihr-wißt-schon-wen zu bekämpfen."
„Cool", rief Seamus und drehte sich zu Harry. „Du rufst die DA wieder zusammen?"
„Nein, das kommt aus einer anderen Ecke", grummelte Harry. „Mir ist immernoch nicht so recht klar, wie ihr dabei helfen könnt."
„Dann klärt uns auf", sagte Dean.
„Millicent Bulstrode hat die Gruppe gegründet", sagte Hermione.
„Was?!"
„Wie kommt sie dazu?"
Ungefähr mit diesem Ausmaß an Irritation hatte sie gerechnet. Nur Neville schwieg, aber auch er krauste die Stirn. Und so erzählte sie von den inoffiziellen Konferenzen und von ihren Gesprächen mit den Hufflepuffs und Ravenclaws.
„Und ihr seid sicher, daß der Blutstatus ihrer Mutter und der Streit in der Familie genug Motivation für sie sind?", fragte Parvati. „Und was ist mit Malfoy und Davis?"
„Davis' Mutter ist ein Muggelkind," antwortete Dean.
„Woher weißt du das?"
„Von der ersten Fahrt nach Hogwarts. Ihre Familie hat mir gezeigt, wie ich auf den Bahnsteig komme und wir haben dann im selben Abteil gesessen. Sie war nett. Ich habe in den ersten Wochen immermal versucht, mit ihr zu reden. Hab nicht eingesehen, warum ich das nicht darf, nur weil wir in verschiedenen Häusern gelandet sind. Aber sie hat mich einfach ignoriert. Und als ich sie zur Rede gestellt habe, hat sie gesagt, wir könnten keine Freunde sein, weil Gryffindors und Slytherins einfach nicht zusammen passen. Bald danach hat sie angefangen, mit Parkinson und den anderen Muggelkinder zu schikanieren und zu verspotten. Leute wie ihre Mutter. Verlogene Schlange."
Alle im Raum schienen Deans Verachtung zu teilen, und auch Hermione fühlte sie. Gleichzeitig jedoch begann ihr Gehirn zu arbeiten. Millicent und Tracey hatten sich an ihre Umgebung angepaßt. In einem Ausmaß, das ihr zu weit ging, andererseits hatte sie oft genug gesehen, daß es hilfreich war, den Menschen in ihrem Umfeld ein Stück entgegenzukommen. Oder zumindest dann und wann den Mund zu halten. Es machte einen zivilisierten Umgang miteinander leichter. Wer weniger Kämpfernatur war als sie selbst und mehr darauf bedacht, in Frieden gelassen zu werden, mochte Grenzen überschreiten, denen sich zu nähern sie nicht bereit war. Vielleicht verhielten sich die beiden Schlangen unterschiedlich, je nachdem, ob sie zu Hause oder in der Schule waren? Die Fähigkeit, sich zu verstellen und dem Gegner als harmlos zu erscheinen konnte gerade jetzt sehr nützlich sein. So manche Information konnten die Slytherins bestimmt leichter bekommen, einfach weil sie niemand verdächtigte, etwas auszuhecken. Genossen sie Privilegien? Waren die Kontrollen, die die Schule abriegelten, für sie vielleicht durchlässiger? Eine Erinnerung huschte durch ihren Sinn: Filch hatte die Gruppe um Malfoy nur sehr oberflächlich durchsucht.
„Hey, Hermione! Bist du noch da?"
„Ja, bin ich. Sorry, Neville."
„Du traust also Bulstrode und Davis?"
„Ja. Zumindest soweit, daß sie uns nicht ans Messer liefern werden, denn dann sind sie mit dran."
„Und Malfoy?"
„Er schaut weg. Millicent hat etwas gegen ihn in der Hand. Und sie hat so eine Bemerkung gemacht – kann sein, daß er einen schwereren Stand hat, als man zunächst denken möchte. Erinnert ihr euch, wie fertig er letztes Jahr war? Und er sieht jetzt auch nicht viel besser aus."
„Er konnte es nicht", sagte Harry leise.
„Was?" Deans Tonfall lag irgendwo zwischen Skepsis und Neugier.
„Dumbledore töten. Das war sein Auftrag. Er stand ihm auf dem Turm gegenüber. Dumbledore war geschwächt und unbewaffnet. Er hätte einfach nur den Fluch sprechen müssen. Aber er konnte es nicht. Und dann war Snape da und hat es beendet."
„Du meinst, wir können hoffen, daß er zwar ein Miststück, aber kein Monster im Wachstum ist?"
Harry nickte.
„Okay, ich bin dabei."
Die anderen stimmten auch zu. Parvati stellte die nächste Frage:
„Und jetzt wo wir Teil einer geheimen Verschwörung sind: Was wollen wir tun?"
Auch diese Diskussion bestritt Hermione zunächst allein. Ihre Zimmernachbarinnen erboten sich, der ewig regen Gerüchteküche zu lauschen und herauszufinden, was die Slytherins taten, damit Millicent nicht ihre einzige Quelle wäre. Sie wollten auch herausfinden, wer aus den anderen Häusern möglicherweise dem neuen System zugeneigt war und dem Direktor oder Schülern, die nach Hause berichteten, Informationen zutrug. Harry wich allen Fragen zu seinen Plänen aus und wurde erst richtig warm, als man besprach, ob und wie sich das Duelltraining wieder aufnehmen ließe. Bald darauf folgte Hermione dieser Diskussion nicht weiter, denn sie spielte mit Seamus Ideen hin und her, wie sich ihre Spiegelidee umsetzen ließe. Es bereitete ihr Vergnügen, die Gedanken fliegen zu lassen. Seamus war gut in Zauberkunst. Zwar reichte sein Wissen nicht an ihres heran, doch das machte er mit Kreativität wett.
Als sie spät nachts in ihr Bett sank, fühlte sie sich euphorisch. Gemeinsam konnten sie es schaffen. Zu zweit konnte es ihnen gelingen, das magische Mobiltelefon zu bauen. So mußten Fred und George zusammenarbeiten, wenn sie ihre Produkte entwickelten. Und wenn es im Kleinen half, aus dem eigenen Saft herauszukommen, hatten sie dann vielleicht als größere Gruppe eine Chance, die Aufgabe zu lösen, mit der sie zu dritt nicht weitergekommen waren? Eine kleine Hoffnung war es, aber immerhin eine Hoffnung. Lange rasten die Gedanken durch ihren Kopf, bis sie schließlich in den Schlaf fand.
20.9.1997
Es war deutlich zu sehen, daß Sonnabend war. Die große Halle war leerer als sonst. Dabei hatte sich auch Millicent eine halbe Stunde länger im Bett gegönnt. Jetzt freute sie sich auf Rührei, Wurst und Bohnen.
„Wollen wir uns da drüben setzen?"
Tracey klang noch etwas verschlafen, hatte aber zuverlässig die perfekte Stelle erspäht: Ein gutes Stück entfernt von den Plätzen, an denen sich Pansys Hofstaat versammelte, aber nahe genug, um mitzubekommen, wer mit wem sprach. Auf der anderen Seite rührte Theodore lustlos in einer Schüssel Porridge und las eine Zeitschrift. Perfekt, um Gespräche mitzuhören, wenn Daphne und Blaise irgendwann auftauchen sollten.
Millicent gab ein „Hmmm" von sich und die beiden Hexen ließen sich schräg gegenüber von ihrem Klassenkameraden nieder. Ihr „Guten Morgen" wurde mit einem kurzen Aufschauen und Nicken beantwortet. Millicent lud sich den Teller voll. Tracey goß Tee ein.
„Du auch?"
„Ja, bitte. Dankeschön."
„Guten Morgen. Hier ist doch noch frei."
Draco bekam nicht mehr Aufmerksamkeit als Millicent zuvor, als er sich auf Theodores weiter von den Hexen entfernter Seite setzte. Vincent und Gregory nahmen die beiden nächsten Plätze ein. Sie grunzten zur Begrüßung und schaufelten sich Essen auf die Teller.
Draco sah nicht besser aus als auf der Anreise. Er hatte Schatten unter den Augen, und sein hochmütiges Lächeln wirkte angestrengt. Obwohl er kein Gespräch anfing, sondern sich ganz seinem Frühstück widmete, aß er nur wenig. Ihr Blick huschte über Theodore. Sein Gesicht wurde auch immer hagerer. Was davon dem Erwachsenwerden geschuldet war und was seinem Eßverhalten, wußte sie nicht zu sagen. Blaß waren sie beide. Wenige Tage zuvor hatte Millicent gehört, wie sich ein Spieler der Quidditchmannschaft beklagt hatte, Draco sei beim letzten Training unausstehlich gewesen.
Ein glockenhelles „Guten Morgen" riß sie aus ihren Überlegungen. Neben Theodore war Convallaria Yaxley aus der Sechsten aufgetaucht. An ihrer Seite stand Dabria. Millicents Laune begann zu sinken. Sie hatte nicht das Bedürfnis, sich jetzt mit ihrer Cousine auseinanderzusetzen. Nach Dabrias Gesichtsausdruck zu urteilen, beruhte das auf Gegenseitigkeit.
„Dürfen wir uns zu dir setzten?"
Convallaria sprach nur zu Theodore und ignorierte Tracey und Millicent, die den gewünschten Plätzen gegenüber saßen.
Der Zauberer zuckte mit den Schultern.
„Von mir aus."
Beide Hexen setzten sich mit elegant fließenden Bewegungen. Vermutlich hatten sie das geübt. Dabria saß Millicent nun genau gegenüber. Sie beobachtete ihre Cousine verstohlen, während sie tat, als würde sie sich auf ihr Essen konzentrieren. Dabria nutzte das Wochenende wieder, um ihrer Liebe für Glitzerzeug zu frönen. An ihren Fingern steckten mehrere Ringe mit blitzenden Steinen, von ihren Ohren baumelten kleine, funkelnde Wasserfälle, und Spangen glänzten in ihren kastanienbraunen Haaren wie Sterne. Ganz leise regte sich altvertrauter Neid in Millicent. Tracey mochte die Nase rümpfen und sagen, das sei viel zu viel, doch Millicent wünschte sich, sie könne Flitter mit der gleichen Selbstverständlichkeit tragen. Sie hatte es versucht, jahrelang, und den Spott anderer Mädchen kassiert. Nun fand sie selbst, daß es verzweifelt aussah, wenn sie sich mit Schleifen oder Glitzersteinchen schmückte. Dabria war zwar noch etwas breiter als sie selbst, doch ihr fehlten die starken Schultern und der kräftige Kiefer, wodurch sie weicher und ganz klar feminin wirkte. Sie wurde als Mädchen wahrgenommen und nicht ausgelacht, sobald sie versuchte, wie eins auszusehen.
Convallaria neben ihr war ein starker Kontrast, durch die sehr hellen Haare, aber viel mehr noch durch die Figur. Sie war sehr schlank und erschien dadurch jünger, als sie tatsächlich war. Erst im letzten Jahr hatte sie ein bißchen Oberweite entwickelt, doch sie sah noch immer mehr wie eine Puppe aus als wie eine junge Frau. Falls sie das verunsicherte, zeigte sie es nicht: Sie unterstrich den Eindruck noch durch zwei von Bändern durchflochtene Zöpfe, die sich über ihren Kopf zogen, und blaue Schmetterlinge im Haar und an den Ohren. Convallaria griff nach der Teekanne.
„Was liest du da?"
Theodore antwortete, ohne von seiner Zeitschrift aufzusehen:
„Die aktuelle Terra magicae. In diesem Artikel geht es um Salamander."
„Salamander? Interessierst du dich jetzt auch für Kreaturen?"
„Diese thailändischen Höhlensalamander sind schon faszinierend. Aber hauptsächlich geht es mir darum, was man mit der Haut der Tierchen so alles anstellen kann."
„Mach mal eine Pause."
„Wovon?"
Damit hatte er sich von dem Heft losgerissen und starrte Convallaria irritiert an.
„Du solltest auch mal etwas essen", fuhr diese fort. Draco kicherte. Theodore rollte mit den Augen, tippte mit dem Zauberstab gegen seine Tasse und trank einen Schluck Kaffee.
Convallaria überspielte das Schweigen, indem sie Marmelade auf eine Scheibe Toast strich.
Aufgeregtes Schnattern ließ Millicent den Kopf wenden. Pansys Hofstaat begrüßte die Königin, die sie mit ihrer Anwesenheit beehrte. Blaise führte sie am Arm und setzte sich neben sie. Hatte er mit seinem Werben Erfolg gehabt? Oder lief da etwas anderes? Millicent war sich nicht ganz sicher, aber hatte Pansy da nicht verstohlen zu ihrer Gruppe herübergeschaut? Wessen Reaktion interessierte sie? Dracos? Unter dem Tisch stieß sie mit dem Fuß sacht an Traceys Bein. Diese stupste zurück. Sie hatte verstanden und achtete auf die Neuankömmlinge.
Jemand ging hinter ihr vorüber, und dann wünschte Daphne einen guten Morgen. Millicent konnte den Finger nicht darauf legen, warum, aber in Daphnes Stimme lag ein Zauber, selbst wenn sie Alltägliches sprach. Sie fragte sich nicht zum ersten Mal, wie es wohl klingen mochte, wenn sie sang. In der Schule war die Blonde bisher nicht aufgetreten, und zu den Treffen der gehobenen Gesellschaft, auf denen gelegentlich auch musiziert wurde, wurde Millicent selbstverständlich nicht eingeladen.
Daphne setzte sich neben Tracey, Theodore direkt gegenüber. Zum ersten Mal an diesem Morgen huschte ein kleines Lächeln über sein Gesicht. Convallaria hingegen sah kurz aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, hatte sich jedoch schnell wieder im Griff.
„Meine Mutter wird bald hier unterrichten", warf sie in den Raum.
„Aber das Schuljahr hat doch schon angefangen", gab Draco zu bedenken.
„Sie übernimmt Muggelkunde. Das muß umfassend überarbeitet werden. Neuer Lehrplan, neue Bücher, alles. Der Unsinn, der bisher hier gelehrt wurde, muß weg. Sie arbeitet gemeinsam mit dem Ministerium und in Abstimmung mit dem Schulbeirat daran. Das ist ziemlich umfangreich und wird noch etwas dauern. Aber allerspätestens im Januar geht es los. Dann werden wir alle lernen, was wir im Umgang mit diesen Kreaturen wissen müssen."
Bei diesem letzten Satz sah sie zu Millicent und Tracey, die Lippen verächtlich gespitzt.
Dabria grinste. „Danach werden alle wissen, wo ihr Platz ist", sagte sie.
„Wie, alle?"
Theodore hatte gesprochen und war sofort wieder das Zentrum von Convallarias Aufmerksamkeit.
„Es wird ein obligatorisches Nebenfach. Nur wenige wurden zu Hause so gut vorbereitet wie wir. Und auch einige, die es besser wissen sollten, lassen den nötigen Abstand vermissen, nicht wahr, Greengrass?"
Doch Daphne würdigte sie keiner Antwort. Stattdessen bediente sie sich am Rührei. Millicent fand das bedauerlich, denn so erfuhr sie nicht, worauf Convallaria hier anspielte. Hatte sie mitbekommen, daß Daphne sich gelegentlich Noten von Muggel-Komponisten beschaffen ließ, oder meinte sie etwas anderes? Wenn sie von Theodores heimlichen Interessen wüßte ... Millicent verbiß sich ein Schmunzeln. Seit zwei Jahren suchte Convallaria seine Nähe. Und genauso lange hielt er sie mal mehr, mal weniger höflich auf Abstand. Millicent hatte er einmal erzählt, daß ihre Väter sich gelegentlich auf ein Glas Wein trafen. Offenbar teilten sie einige Interessen. Natürlich hatte Mr. Notts Aufenthalt in Azkaban diesen Abenden ein Ende gesetzt, aber offenbar hatte weiterhin Kontakt zwischen den Familien bestanden. Wahrscheinlich saßen die Zauberer inzwischen wieder zusammen, als sei nichts geschehen. Ob auch Informationen aus dem Ministerium Theodores Ohren erreichten? Immerhin war Mr. Yaxley inzwischen in eine sehr hohe Position aufgestiegen. Leitete er nicht sogar seit dem Sommer die Abteilung für magische Strafverfolgung? Und nun sollte seine Frau Muggelkunde unterrichten. Millicent hätte sich auch ohne die Andeutungen der beiden Sechstklässlerinnen vorstellen können, worauf das hinauslaufen würde.
Sie versuchte, möglichst unbeeindruckt zu essen, doch mit Dabria gegenüber, die aussah, als hätte man ungefragt einen ungewaschenen Landstreicher an ihren Tisch im Nobelrestaurant gesetzt, verging ihr der Appetit. Convallaria wechselte zwischen Sticheleien gegen Daphne und Versuchen, Theodore in ein Gespräch zu ziehen. Millicent beendete ihr Frühstück und stand auf.
„Ich geh schon mal vor. Kommst du zurtecht?"
„Klar. Bis gleich", antwortete Tracey mit einem Blick, der klar „das erklärst du mir nachher" sagte.
Auf dem Weg zum Ausgang sah sie, mit nur einer leichten Drehung des Kopfes, zum Gryffindor-Tisch. Die Siebtklässler waren glücklicherweise leicht zu finden. Weasley aß noch, aber für seine Verhältnisse schon recht langsam. Er würde wohl bald kommen. Granger war bereits fort, wahrscheinlich hatte sie sich irgendwo verkrochen und las. Perfekt.
Im Treppenhaus lehnte sie sich ans Geländer und wartete. Noch bevor sie Zeit hatte, sich zu langweilen, spazierten Potter und Weasley aus der Tür. Sie stieß sich ab und ging direkt zu ihnen.
„Hey, Weasley, ich muß dich kurz entführen. Wir haben etwas zu klären."
Erwartungsgemäß verschränkte er die Arme. „Mit dir? Ich wüßte nicht, was."
Sie rollte die Augen und ließ ein Schnaufen hören.
„Schüleraufsicht. Jetzt zier dich nicht so."
„Konnt ihr das nicht auch hier klären?", mischte sich nun Potter ein.
„Können wir nicht. Aber keine Sorge, Wunderkind, du bekommst ihn in einem Stück zurück."
Sie faßte den Rotschopf am Arm und zog ihn einfach mit.
Angenehmerweise war das Vertrauensschülerbüro gerade leer, sodaß sie nicht weit gehen mußten. Weasley hatte seinen Protest rasch aufgegeben, als alle ihn angestarrt hatten, und war brav mitgekommen. Potter war ihnen mit einigen Schritten Abstand gefolgt und wartete nun sicher an der Tür. Kaum war diese ins Schloß gefallen, riß ihr unfreiwilliger Begleiter sich los und ging auf Abstand.
„Also, was willst du jetzt? Gibt es wieder irgendwelche neuen Regeln, die wir auch in unserem Turm durchsetzen sollen?"
„Nein. Das wird ein privates Gespräch. Aber so wird keiner Fragen stellen."
„Privat? Wir beide?"
„Ich vermute, daß wir ein ähnliches Problem haben. Wieviel erzählen wir unseren kleinen Schwestern."
„Du glaubst allen Ernstes, daß ich mit dir entscheide, ob ich Ginny da mit reinziehe?"
„Nein." Das war noch frustrierender, als sie befürchtet hatte. War das noch das allgemeine Mißtrauen gegen Slytherin, oder schon etwas Persönliches? „Jeder von uns entscheidet selbst für die eigene Familie. Aber wir können gemeinsam Argumente sammeln und abwägen. Ich habe schon mit Tracey gesprochen. Aber Liliana ist erst in der Dritten, und man merkt, daß Ashley schon ein ganzes Stück weiter ist. Dabei ist sie nur ein Jahr und zwei Monate älter."
„Sie sind alle noch nicht volljährig."
„Bei deiner Schwester wird es nicht mehr lange dauern. Und dem Dunklen Lord ist es egal. Wenn er eine Familie bestrafen will, sind alle dran, ob Kind oder nicht spielt keine Rolle. Wenn sie sehr jung und reinblütig sind, versuchen sie vielleicht, eine Adoptivfamilie zu finden, die sie auf Linie bringt, aber Lili und Ashley sind halbblütig und Ginny ist wahrscheinlich schon zu alt. Die Frage ist eher, ob sie das Geheimnis bewahren können, und in was für Schwierigkeiten sie geraten können, auch ohne daß wir enttarnt werden."
Ron schluckte. Er war blaß geworden, was seine Sommersprossen hervorhob. Ein Zittern durchlief seinen Körper, als ob er fröre.
„Alles okay? Brauchst du Hilfe?"
„Nein." Seine Stimme war leise und kratzig. „Es ist nur – ich habe mir das nie richtig bewußt gemacht. Den ganzen Sommer habe ich Harry gesagt, daß er Ginny nicht hilft, wenn er sie in die Wüste schickt. Daß sie trotzdem in Gefahr ist, einfach weil sie zu unserer Familie gehört. Und dabei versuche ich selber, sie zu schützen, indem ich sie aus allem raushalte. Dabei steckt sie schon mittendrin. Verfluchte Knieselkacke, sie ist meine kleine Schwester. Ich sollte sie schützen, aber ich kann es nicht."
Er ließ sich auf einen der Stühle fallen und vergrub das Gesicht in den Händen.
Millicent setzte sich neben ihm auf den Tisch. Sie streckte die Hand aus, um sie ihm auf die Schulter zu legen, zog sie aber im letzten Moment zurück.
„Das verstehe ich", sagte sie. „Mir geht es ähnlich. Ich bin hier für Ashley verantwortlich und würde es mir nie verzeihen wenn ihr etwas passiert. Aber ich werde das vielleicht nicht verhindern können, ganz egal, was ich tue."
Er rieb sich die Augen und sah sie wieder an.
„Und was machen wir jetzt?"
Millicent zuckte mit den Schultern.
„Schauen wir mal. Ginny war in eurer illegalen Gruppe. Da hat sie sicher einiges gelernt. Und bewiesen, daß sie ein Geheimnis bewahren kann. Außerdem kann sie geschickt fliegen, und ich habe gehört, daß Slughorn sie in seinen Club geholt hat, weil sie sehr geschickt mit Offensivzaubern ist."
„Und sie bringt mich um wenn sie erfährt, daß ich sie aus einer geheimen Widerstandsgruppe heraushalte."
„Das geht alles in die gleiche Richtung. Hast du etwas, das dagegen spricht, sie einzuweihen?"
„Außer daß sie mit drinhängt, wenn wir auffliegen?"
Millicent nickte.
„Ich weiß nicht. Sie könnte erwischt werden, wenn sie zu einem geheimen Treffpunkt schleicht oder so. Was auch immer wir tun werden, außer mit Leuten reden und Bücher lesen. Hermione vermutet, daß wir auch wieder gegen Death Eater kämpfen müssen."
„Gut möglich. Und damit hat Ginny mehr Erfahrung als ich, wenn man den Gerüchten glauben kann. Meinst du, du könntest sie raushalten, wenn sie nicht weiß, was du tust?"
„Wahrscheinlich nicht." Er lehnte sich mit einem Ächzen zurück. „So ein Mist."
Die Entscheidung war gefallen. Millicent suchte nach einem Gefühl der Zufriedenheit, nun, da ihre Verschwörung ein weiteres Mitglied zählte, doch es blieb aus. Sie verstand Rons Sorge allzu gut, und es tat ihr leid, zu sehen, wie die häßliche Realität in sein Bewußtsein einbrach. Dieses Mitleiden wiederum irritierte sie. Das war etwas, das sie in Hogwarts sorgfältig wegschloß und nur zu Hause manchmal hervorholte. Gerade jetzt konnte sie es hier nicht gebrauchen.
„Was ist mit deiner Schwester", fragte er in ihre Gedanken hinein, „Ashley?"
„Sie hat Angst um unsere Familie und einige ihrer Freunde, seit Vater angegriffen wurde. Sie will helfen, ist absolut loyal und geübt darin, Geheimnisse zu bewahren. Allerdings ist sie keine Kämpferin, und für Recherche haben wir in unserem Jahrgang auch einige, die das viel besser können. Ashley bäckt unheimlich gern und ganz ausgezeichnet, und sie liebt es, den Süßkram zu verzieren. Es ist unglaublich, was sie mit Zucker und Marzipan anstellen kann. Sollten wir mal jemandem einen Zaubertrank unterjubeln müssen, würde ich sie bitten, etwas Unwiderstehliches dafür zu zaubern. Aber sonst weiß ich nicht, wie sie uns helfen könnte."
„Und wenn du es ihr verschweigst, und sie erfährt davon?"
„Da wäre sie stinksauer. Und nicht Slytherin genug, um zu verstehen, warum. Aber wahrscheinlich würde sie mir irgendwann verzeihen."
Für eine kleine Ewigkeit war nur das Scharren von Rons Füßen zu hören.
„Und wenn du ihr erstmal nur sagst, daß du ein Netzwerk aufbaust? Vielleicht fühlt sie sich besser, wenn sie weiß, daß wir etwas tun. Und sie kann Botschaften tragen. Deine Verbindung zu Hufflepuff."
Millicent fühlte ihre Gesichtsmuskeln zucken. Ein Lächeln rang um Raum, und in ihrer Brust breitete ich ein Hauch von Wärme aus.
„Vielleicht."
Ein Glockenton versetzte die Mauern des Schlosses in Schwingungen. Hier, tief in den Eingeweiden von Hogwarts, spürten sie ihn mehr, als daß sie ihn hörten.
„Wir müssen zum Unterricht."
Sie sprang vom Tisch und Ron stand auf. Kurz vor der Tür hielt er sie zurück.
„Bulstrode?"
„Ja?"
„Sag niemandem etwas davon."
„Wovon?"
Er schluckte und sah zu Boden. „Naja ..."
„Daß du total fertig warst, weil du Angst um deine Schwester hast?" Bekam er etwa rote Wangen? „Keine Sorge. Wir haben über die Pausenaufsicht geredet."
Zitternd drückte Hermione das Buch an sich. Professor McGonagall hatte tatsächlich einen Erlaubnisschein geschrieben, ohne Fragen zu stellen. Madam Pince hatte sich beeilt, „Geheimnisse des Körperlosen" aus der Verbotenen Abteilung zu holen und ihr das Buch mit einem verschwörerischen Lächeln überreicht. Sie konnte es noch immer nicht fassen, daß sie diesen Schatz in Händen hielt. Raschen Schrittes verschwand sie zwischen den Regalen, um ein weiteres, leichter zugängliches Werk herauszusuchen, das ihre Arbeit an der Spiegelidee unterstützen sollte. Sie hatte es schon einmal in der Hand gehabt, vor längerer Zeit. Ein gängiges Lehrwerk zu Verzauberungen, das in einem eher als informativ aufgenommenen Zusatzkapitel Informationen und Verweise enthielt, die sie zu nutzen hoffte. Dort müßte es stehen... Das war der richtige Titel. Ihre Finger berührten den Buchrücken. Doch in diesem Moment schnellte eine Hand in ihr Blickfeld. Vor Schreck reagierte sie zu spät, und das Buch wurde ihr vor der Nase weggeschnappt.
„Suchst du das hier?"
Eine weiche Männerstimme, die sie kannte, aber nicht gleich zuordnen konnte. Sie wandte sich um und widerstand nur mit Mühe dem Impuls, ihren Zauberstab zu ziehen. Die hochgeschossene, schmale Gestalt, die sich ans gegenüberliegende Regal lehnte und ihr das Buch entgegenhielt, kannte sie nur zu gut. Nott. Verdammt. Eigentlich nicht überraschend, ihm in der Bibliothek zu begegnen. Aber er hatte ihr noch nie ein Buch gestohlen.
„Gib das her!"
„Warum? Das ist spannend."
Er blätterte in dem Buch, doch seine Augen huschten zwischen den Seiten und ihr selbst hin und her. Hermione kochte. Mußte er jetzt auch noch anfangen, sie zu schikanieren?
„Ich habe es rausgesucht, du hast es nur genommen, weil ich es wollte!"
Sie machte einen Schritt auf ihn zu und griff nach dem Buch, doch er erkannte, was sie vorhatte und zog es weg. Noch ein Schritt nach vorn… es half nichts, es fiel ihm einfach zu leicht, das Buch aus ihrer Reichweite zu bringen. Immerhin war er fast einen Kopf größer.
„Idiot!" Sie war nur noch eine halbe Armeslänge entfernt und wollte den Rückzug antreten, doch seine freie Hand griff ihre Robe. Er zog sie heran und flüsterte ihr ins Ohr:
„Ich hatte dich für schlauer gehalten, Miss Lexikon. Dein Betteln um Aufmerksamkeit hat dich lange nur lächerlich gemacht, jetzt ist es gefährlich. Vor allem in Verteidigung."
Damit ließ er sie los und sie trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Theodore drückte ihr das Buch in die Hand, wandte sich dem Regal zu und wandelte daran entlang, mit den Fingern über die Einbände gleitend, als sei nichts geschehen. Hermione atmete tief durch und machte sich auf den Weg zur Ausleihe.
