7. Kapitel – Loyalitäten
21.9.1997 (Sonntag)
Sie hatte richtig vermutet: Millicent war auf dem Weg nach draußen, als Hermione sie in der Eingangshalle erspähte. Das große Schülerwandern nach dem Mittagessen war bereits vorüber und nur wenige, vor allem aus den unteren Jahrgängen, waren in diesem Teil des Schlosses unterwegs. Hermione beschleunigte ihren Schritt, um ihre Mitschülerin einzuholen.
„Millicent, hast du kurz Zeit?"
„Was?", fauchte diese ihr zu, nur halb umgewandt.
„Wir müssen wegen der Dienstpläne noch was klären. Komm bitte kurz mit." Sie deutete mit dem Kopf zu einer der Wandnischen. Millicent ließ ein unwilliges Knurren hören, setzte sich aber in Bewegung.
Als sie etwas weniger exponiert standen entspannte sich ihr Gesicht und formte die mimische Entsprechung eines Fragezeichens. Hermione ließ noch einmal den Blick an ihr vorbei durch die Eingangshalle wandern und flüsterte:
„Ich brauche deine Hilfe. Kannst du einen Brief aus der Schule bekommen, ohne daß er gelesen wird?"
„Ich denke schon. Die Schuleulen werden garantiert kontrolliert, aber es gibt ein paar private Vögel in unserem Haus, bei denen sich keiner die Mühe macht. Ich weiß wen ich fragen kann."
„Mein Brief muß in die Muggelpost. Das Porto gebe ich dir, aber hier habe ich natürlich keine Briefmarken…"
„Mein Grandpa kennt sich aus. Gib her."
Hermione zog den verkleinerten Umschlag und die Münzen aus ihrem Ärmel. Millicent ließ beides in ihrer Tasche verschwinden. Über die schwarzen Locken ihres gesenkten Kopfes hinweg sah Hermione Professor Malfoy die Marmortreppe herunterkommen.
„Da kommt jemand!", raunte sie, um gleich in lauterem, ärgerlichem Tonfall fortzufahren: „Wir hatten es so ausgemacht, also halte dich auch daran!"
„Für was hältst du dich eigentlich?", stieg Millicent ein. Ihr Lachen war voller Spott, doch ihre Augen waren an Hermiones Gesicht vorbei auf das Eingangsportal gerichtet. „Du glaubst, du kannst mir Anweisungen geben?"
„Wir sind beide Aufsichtsschüler! Ich erwarte, daß du dich an Absprachen hältst, wie alle anderen auch!"
Professor Malfoy hatte inzwischen ihr Sichtfeld durchquert und begrüßte jemanden mit schleimiger Freundlichkeit:
„Carisius, mein Freund. Was verschafft mir die Ehre deines Besuchs?"
„Guten Tag, Tiberius. Ich bin hier um mit meinem Sohn zu sprechen."
Hermione und Millicent setzten ihren Schaukampf leiser mit geknurrten und gezischten Worten fort, während sie beide versuchten, dem Gespräch zu folgen. Millicent hatte inzwischen den Kragen von Hermiones Schulrobe ergriffen und drückte sie mit einer kraftvollen, aber kontrollierten Bewegung an die Wand. Nun hatte sie über die Schulter der Slytherin hinweg eine gute Sicht auf ihren Verteidigungslehrer und den Mann im weinroten Gehrock, der ihm gegenüberstand. Sein schulterlanges, dunkelblondes Haar war zu großen Teilen ergraut, ebenso der gepflegte Schnauzbart. Er stützte sich auf einen Spazierstock. Sie konnte sich nicht daran erinnern, ihn schon einmal gesehen zu haben, dennoch war sie sicher sein Gesicht zu kennen.
„Natürlich", setzte Professor Malfoy das Gespräch fort. „Es ist hoffentlich nichts Ernstes?"
Der Gast warf kurz einen von Mißfallen erfüllten Blick in ihre Richtung, bevor er antwortete. „Adoleszente Rebellion. Gib uns zwanzig Minuten in deinem Büro, dann kümmere ich mich darum."
Malfoy nickte und sah direkt zu ihnen herüber.
„Miss Bulstrode!", rief er in bestem Centuriotonfall. Millicent zuckte kurz, dann ließ sie los. Hermione konnte gerade noch erkennen, wie sich ein neutraler Ausdruck über ihr Gesicht legte, während sie sich umwandte. Sie sprach mit ruhiger Stimme.
„Ja, Professor?"
„Suchen Sie Mr. Nott und schicken Sie ihn in mein Büro."
„Mach ich, Professor." Sie schickte sich an zu gehen.
„Ach, noch etwas. Es gibt elegantere Möglichkeiten, sich durchzusetzen. Beschäftigen Sie sich damit."
„Jawohl, Professor." Mit gesenktem Kopf eilte sie davon.
Hermione fühlte sich plötzlich sehr verwundbar, allein an der Wand. Sie hatte dem Gast bereits gegenübergestanden, nur hatte er da eine schwarze Robe und eine silberne Maske getragen. Nun musterte er sie, als sei sie eine Küchenschabe. Doch es sprach Professor Malfoy, mit Kälte und Abscheu in der Stimme.
„Verschwinden Sie."
„Ja, Professor", antwortete sie so ruhig wie möglich und ging zügig davon.
Seine Hand zitterte. Statt an die Tür zu klopfen löste Theodore die Finger und legte die flache Hand vorsichtig an das Holz. Ruhig bleiben. Du hast es so gewollt. Er versuchte sich auf seinen Atem zu konzentrieren, wie er es als Kind gelernt hatte, bewußt die angespannten Muskeln zu lockern. Es gelang nur teilweise. Das würde genügen müssen. Er nahm eine aufrechte Haltung an, hob das Kinn und klopfte.
„Herein." Professor Malfoys Stimme.
Theodore öffnete die Tür und betrat das Büro. In diesem Jahr war es in Grün und Silber dekoriert, mit Möbeln aus dunklem Holz. Es beherbergte einen klauenfüßigen Schreibtisch gegenüber der Tür, ein Bücherregal und einen Schrank, über dessen Inhalt er lieber nicht so genau nachdenken wollte. Auf der tieferen Seite des Büros, neben der Linie von der Tür zum Fenster, die das Pult dominierte, stand ein blankpolierter ovaler Tisch mit vier Stühlen. Dort erhoben sich gerade sein Hauslehrer und sein Vater. Letzterer stützte sich auf seinen Spazierstock und die Stuhllehne, um hochzukommen, nahm aber anschließend rasch die Hand vom Möbelstück. Er wirkte sicherer und gesünder als in den Ferien, hatte sich in den vergangenen Wochen weiter erholt. Dazu kamen wahrscheinlich ein paar kosmetische Tricks, vielleicht auch ein Schmerzmittel. Man zeigte keine Schwäche, wenn es sich vermeiden ließ.
„Ich lasse euch beide dann mal allein", verabschiedete sich Professor Malfoy. „Schließt einfach die Tür wenn ihr geht."
„Danke für dein Entgegenkommen."
Theodore trat in den Raum hinein, um den Lehrer vorbeizulassen. „Mach mir keinen Ärger!", raunte ihm dieser im Vorübergehen zu. Er hörte die Tür ins Schloß fallen und im selben Augenblick zog sein Vater den Zauberstab hervor, um zusätzliche Schutzzauber zu wirken. Nichts, was in den nächsten Minuten geschähe, würde den Raum verlassen, es sei denn, einer von beiden spräche darüber.
„Tritt näher."
Theodore atmete tief ein und tat, wie ihm geheißen.
Er hätte nicht sagen können, wieviel Zeit vergangen war, als sie schweigend das Büro verließen. Vielleicht waren es zwanzig Minuten gewesen. Oder eine Woche. Seite an Seite humpelten sie den Gang entlang gen Treppenhaus, beide darauf bedacht, so normal wie möglich zu laufen. Der Abschied fiel sehr kühl aus, als sich ihre Wege trennten.
Kaum daß sein Vater zur Eingangshalle abgebogen war, wechselte Theodore die Richtung. Anstatt zu jener Haupttreppe zu gehen, die der wichtigste Weg hinunter in die Kerker war, folgte er einem Gang, der ihn vom Trubel fortführte, so schnell es eben ging. Fort von Stimmengewirr, Schritten, Augen, die ihn anzustarren schienen. Er glitt hinter die Tapisserie, die einen tangbehangenen Kelpie zeigte, und stieg die schmale Treppe hinauf, die sie verbarg.
Theodore schwankte wie auf einem Boot. Er spürte seine Füße nicht, stolperte und rutschte immer wieder. An mehreren Stellen machten sich kleine Wunden bemerkbar, die er demnächst würde versorgen müssen. Viermal mußte er pausieren, weil Echos des Schmerzes durch seinen Körper liefen. Immerhin wurden sie schwächer. Beim fünften Mal biß er die Zähne zusammen und ging weiter. Er konzentrierte sich auf seine Schritte, um nicht der kalten Verzweiflung anheimzufallen, die in seinem Inneren wuchs.
Auf Schleichwegen erreichte er die Eulerei. Das Gewölbe, das die Vögel beherbergte, bot ein Stück Geborgenheit. Mit mehreren Ratzeputz-Zaubern reinigte er seine Lieblingsnische. Der Vogeldreck, den er hinauskehrte, spritzte meterweit. Dann wirkte er einen Neglegite-Zauber, der zufällige Blicke abgleiten ließ. Es war mühsam, mit dem Zauberstab zu hantieren, denn auch seine Finger waren taub, als trüge er gefütterte Handschuhe. Der Aufruhr in seiner Seele tat ein Übriges: Selbst für diese vertrauten Sprüche brachte er kaum genug Konzentration auf, und als er fertig war, pulsierte der Kopfschmerz wieder stärker. Erst als er den Zauberstab zurück in den Ärmel steckte, bemerkte er, daß seine Hände zitterten. Er ließ sich auf die Steinfliesen sinken, legte den Kopf auf die angezogenen Knie und schloß die Augen.
Schon nach kurzer Zeit spürte er ein vertrautes Gewicht auf der Schulter. Krallen pikten sacht durch seine Kleider. Er hob mühsam einen Arm und streichelte das Gefieder. Es war so weich, daß er es in diesem Zustand kaum ertasten konnte. Ein leises, tiefes „Schuhu" war die Antwort.
„Danke, daß du gekommen bist."
Seine Stimme war rau, und Sprechen kratzte im Hals. Er lehnte sich an die Wand und platzierte den Vogel auf seinen Knien. Es tat gut, den Habichtskauz zu kraulen und sich sanft an den Fingern herumknabbern zu lassen.
Die Zeit verschwamm. Seine Kopfschmerzen ließen allmählich nach, und mit einem Kribbeln wie von Ameisen schwand die Taubheit aus Fingern und Füßen. Auch die restliche Haut prickelte, vor allem am Hinterteil, auf dem er saß, und am Rücken, der an der Wand lehnte. Sogar die Kleidung auf seiner Haut wurde zunehmend unangenehm. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, sich im Schlafsaal zu verkriechen. Doch er brauchte Morpheus' tröstliche Nähe, und den Vogel konnte er unmöglich mit unter den See nehmen.
Das Rascheln von Kleidung kratzte an seinem Bewußtsein. Jemand setzte sich neben ihn, und etwas berührte sacht seine rechte Seite. Es fühlte sich schon fast wieder normal an. Theodore wandte den Kopf und fand seine Vermutung bestätigt: Daphne saß neben ihm und sah ihn mit ihren Ozeanaugen an.
„Du hast mich gefunden."
„Ich wußte, daß du hier bist. Wie hast du es überstanden?"
„Ich lebe noch." Er versuchte ein Schulterzucken, doch das stellte sich als schlechte Idee heraus.
Daphnes Blick huschte über sein Gesicht. Ihre Augen wurden schmal, dann strich sie die Haare beiseite.
„Es muß etwas Ernstes gewesen sein, wenn er extra hierhergekommen ist."
Theodore wandte sich ab. Seine Kehle zog sich zusammen und sein Herz begann erneut zu rasen. Daphne hatte ihn aus seinem Versteck gezerrt, und nun sah er wieder in weglose Finsternis.
„Was verlangt er von dir?"
Er schüttelte nur stumm den Kopf. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. Morpheus hopste auf den linken Oberarm und zupfte an seinem Ohr. Beide Berührungen hatten etwas Tröstliches, waren Ankerpunkte in dem Nichts, das ihn erwartete. Ebenso wie Daphnes vertraute Stimme.
„Dann laß mich raten. Er will, daß du ihn zu einer Death Eater-Versammlung begleitest und du hast Angst, daß sie merken, daß dir ihre Herrshaftsphantasien herzlich egal sind und du ihr Vorgehen bararbarisch findest?"
„Schlimmer." Es war nur ein Flüstern.
„Du sollst dich anschließen? Dem dunklen Lord die Treue schwören?"
Er nickte und starrte dabei auf ein Häufchen Eulendreck an der Wand.
„Etliche aus unserem Haus betrachten das als Ehre und wären sofort dabei."
„Und die meisten davon wissen nicht, worauf sie sich einlassen."
Daphne legte ihm den Arm um die Schultern und zog sacht, bis sie aneinander lehnten. Theodore sprach weiter, so leise, daß Daphne sehr genau hinhören mußte.
„Ich fürchte das, was kommen wird. Was Er verlangen wird. Ich sehe, was er von Draco fordert, und der ist bisher nur Anwärter. Wahrscheinlich soll ich einmal Vaters Position übernehmen. Zauber recherchieren, anpassen und weiterentwickeln. Einschließlich der ganzen Abscheulichkeiten, die da mit dabei sind. Ob ich das will oder nicht spielt keine Rolle."
„Und wenn du dich fortschleichst? Du kannst ganz passabel Italienisch, dazu die alten Sprachen. Du könntest dich irgendwo im Mittelmeeraum verstecken, bis das hier vorbei ist."
„Und wenn es nicht vorbeigeht? Wahrscheinlich würde ich gar nicht allzu weit kommen. Vater würde mich suchen und finden. Und er hat keinen Zweifel daran gelassen, daß man mich als Verräter behandeln würde. Das wäre nicht einfach nur ein Todesfluch. Das würde der Dunkle Lord als möglichst einprägsames Beispiel für alle gestalten, die an seiner Autorität zweifeln. Wenn ich irgendeines meiner Gifte benutze bin ich mit Sicherheit besser dran."
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Willst du dich wirklich umbringen?"
„Nein, eigentlich nicht. Es gibt so viel, was ich noch tun und erleben will. Aber wenn ich Ihm gehöre, habe ich kein Leben mehr. Dann bin ich nur noch ein Werkzeug für seinen Machtgewinn."
„Tu's bitte trotzdem nicht. Ich würde dich vermissen."
Theodore schüttelte den Kopf, ließ das aber gleich wieder bleiben. Die Bewegung weckte ein dumpfes Pochen.
„Wahrscheinlich hätte ich sowieso nicht den Mut dazu. Und ich fürchte, er würde sich an euch auslassen. Allein schon, um andere abzuschrecken, die darüber nachdenken, diesen Weg zu gehen."
Einige Minuten waren nur Eulenrufe und Krallen auf Stein zu hören. Morpheus spielte mit seinen Haaren, als versuche er, ihm das Gefieder zu putzen. Dann stellte Daphne die nächste Frage:
„Weißt du, wann es so weit sein wird?"
„Nein. Ich hoffe, daß sie mich wenigstens vorher die Schule fertigmachen lassen."
„Vermutlich schon wenn sie dich zum Entwickler heranziehen wollen. Und dein Vater wird Wert darauf legen, daß du die Gelehrtentradition eurer Familie fortsetzt."
„Das denke ich auch, aber es fühlt sich irgendwie dringlich an. Vater versucht seit der Dunkle Lord wieder da ist, mich zu den ‚richtigen' Leuten zu schieben und legt noch mehr Wert darauf, daß ich die richtige Einstellung zeige. Aber seit er aus Askaban zurück ist, hat sich das weiter gesteigert. Nur deshalb habe ich diesen Streit überhaupt angefangen. Es war konkreter, näher als zuvor. Ich fürchte, ich habe den Punkt erreicht, an dem ich es nicht mehr schaffe, übersehen zu werden."
Bei diesen Worten hatte er seinen Blick endlich von der Wand gelöst und sich Daphne zugewandt. Sie war weit genug abgerückt, um ihm den dafür notwendigen Raum zu geben. Nun musterte sie ihn mit kritischem Blick.
„Vielleicht sollten wir doch zu Madam Pomfrey gehen?"
„Besser nicht. Sie stellt zu viele Fragen. Mit Schnitten und Flüchen kann ich umgehen."
„Auch mit blauen Flecken?"
„Hatte ich nicht mehr seit ich sicher fliegen kann."
„Du hast einen knallroten Handabdruck auf der Wange. Seit wann schlägt er dich?"
„Mist, dann muß ich in die Bibliothek. Damit kann ich nicht die nächsten Tage herumlaufen."
„Du hast meine Frage nicht beantwortet. Was hast du getan, daß er dich schlägt wie ein Muggel?"
„Ich war einen Moment lang zu ehrlich, da ist er ausgerastet."
„Klingt nach einem wahrhaft kostbaren Familiengespräch. Ich kann versuchen, es fürs Erste zu überschminken. Aber erst nach meinem Unterricht. Mr. Mills sagt Mutter bescheid, wenn ich ihn versetze."
„Wieviel Zeit hast du noch?"
Sie sah auf die Taschenuhr.
„Zehn Minuten. Ich werde zu spät kommen. Aber das war es wert."
„Dann geh. Wir treffen uns nachher im Gemeinschaftrraum."
Zwei Stunden nachdem sie ihn zu seinem Vater geschickt hatte entdeckte Millicent Theodore auf seinem bevorzugten Sofa im Gemeinschaftsraum. Sie schlenderte hinüber und ließ dabei die Augen umherwandern. Erfreulicherweise waren alle, die sich im Raum aufhielten, ein Stück entfernt und niemand schenkte ihr Beachtung. Theodore hielt ein Buch in den Händen, doch sie wußte mittlerweile, daß das nicht unbedingt heißen mußte, daß er las. Über die Jahre hatte Millicent beobachtet, daß er sich gern hinter Büchern versteckte. Und häufig funktionierte das tatsächlich. Viele übersahen ihn einfach, wenn er still irgendwo saß. Millicent sah genauer hin. Auf der rechten Seite hatte er die Haare hinters Ohr zurückgestrichen, doch auf der linken hingen sie tief ins Gesicht. Dennoch glaubte sie, einen dunklen Schatten auf der Wange zu erkennen. Sie setzte sich zu seiner Rechten auf die freie Seite des Sofas. Theodores Augen huschten kurz zu ihr und kehrten dann wieder zu dem Buch zurück.
„Willst du darüber reden?"
„Nein", sagte er leise. Sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, daß es im Moment nicht erfolgversprechend war, hier weiterzubohren. Millicent schwieg eine Weile, bevor sie ein anderes Thema anschnitt.
„Ich möchte dich um einen Gefallen bitten."
„Das tust du recht oft in letzter Zeit."
„Unruhige Zeiten…" Ihr Blick glitt noch einmal über die nähere Umgebung, bevor sie sehr leise weitersprach: „Außerdem finde ich daß unser kleiner Ausflug und geschmuggelte Bücher mehr wert sind als ein paar Vermutungen und einsilbige Antworten."
Ein schiefes Lächeln zuckte kurz um Theodores Mund. Er legte ein Lesezeichen in das Buch und wandte sich ihr halb zu, während er sprach.
„Was willst du?"
„Ich möchte einen Brief nach Hause schicken, den niemand lesen soll."
„Ist in Ordnung, du kannst dir Morpheus ausleihen." Er lehnte sich zurück und klappte das Buch wieder auf.
„Ich möchte deine Handschrift und dein Siegel auf dem Umschlag." Damit hatte sie sich seine Aufmerksamkeit verdient.
„Gut, dann schicke ich den Brief ab. Notier mir die Adresse."
„Die werde ich dir ansagen und zusehen wie du den Brief abschickst. In der Eulerei, in einer halben Stunde?"
Ein stummes Lachen war die Antwort, ergänzt um ein kurzes Nicken.
22.9.1997
Am Montagmorgen wurde Hermiones Aufmerksamkeit von einem riesigen Plakat am Aushang angezogen. Viele Schüler gingen hin oder blieben kurz stehen, um es anzuschauen, aber kaum jemand verweilte länger. Der Titel sprang ihr mit der Penetranz eines Spendensammlers in der Fußgängerzone entgegen:
Verpflichtung zum Abstammungsnachweis
Sie trat näher. Da war sie also, die offizielle Bekräftigung der Zeitungsmeldung, auf die sie gewartet hatte. Der Text gab kaum Neues her, war als Erinnerung daran gedacht, die Unterlagen bis zum Jahresende an die neu geschaffene Abteilung für Genealogie zu senden. Dazu kam der Hinweis, daß Familien selbstverständlich gemeinsame Unterlagen einsenden konnten.
Drei Generationen, wenn möglich mehr. Ein Stammbaum, der glaubwürdig war, der aber auch die Namen ihrer noch in Großbritannien lebenden Verwandten nicht offenbaren sollte. Da würde sie bald kreativ werden müssen. Wie gut, daß für Donnerstag ein Stammbaum-Basteltreffen im Raum der Wünsche geplant war. In jedem Haus hatten die Aufsichtsschüler den Termin an diejenigen Schüler mit Muggelverwandtschaft weitergegeben, die zur Verschwörung gehörten. Sie sollten in einem zweiten Schritt andere in ihren jeweiligen Häusern unterstützen. Alle zusammenzurufen, die nichtmagische Verwandte zu schützen hatten, wäre zu gefährlich gewesen: Dann hätten sich mindestens fünfzig Schüler aus allen Jahrgängen in den Raum der Wünsche schleichen müssen. Unmöglich, ohne aufzufallen. Außerdem wollten sie das Geheimnis des Raumes nicht zu weit verbreiten. Mit einem Schmunzeln ging Hermione zum Frühstück. Sie war wirklich gespannt auf diesen Abend. Es würden einige Mitschüler dabei sein, mit denen sie noch nie über etwas anderes als Schule gesprochen hatte.
Ein Klangteppich aus Gesprächen und dem Klirren von Geschirr erfüllte die Große Halle, doch gemessen an der Weite des Raumes und der schieren Anzahl frühstückender Schüler war es erstaunlich leise. Das Geschick der Baumeister, die vor Jahrhunderten dafür gesorgt hatten, daß die allgemeine Geräuschkulisse gedämpft wurde, ohne die Ansagen des Direktors oder der Lehrer zu beeinträchtigen, erfüllte Medea mit einem Gefühl von Ehrfurcht. Wahrscheinlich waren die Zauber in die Wände eingebettet, verwoben mit hunderten anderen, die die Temperatur regulierten, die Decke den Himmel spiegeln ließen, das Umdekorieren erleichterten, die Tische mit der Küche verbanden und noch so viele Dinge mehr. Das Ergebnis mußte ein hochkomplexes Netzwerk sein. Als Schülerin hatte sie sich darüber keine Gedanken gemacht. Manches war ihr erst nach ihrer Rückkehr nach Hogwarts überhaupt aufgefallen – wie eben die perfekte Akustik.
Das Kleid raschelte, als sie sich auf ihrem Stuhl niederließ. Pomona, die gewöhnlich neben ihr saß, war noch nicht erschienen. Wahrscheinlich schlief sie bis zur letzten Minute, nach ihrer nächtlichen Umtopfaktion. Die Wurzeln des sibirischen Silberblattes vertrugen keine Sonne.
Inzwischen fühlten sich die altmodischen Kleider nicht mehr wie eine Verkleidung an, sondern nach Alltagsgarderobe. Medea hatte festgestellt, daß sie sich anders bewegte. Seither waren die Röcke nicht mehr ständig im Weg und sie wurde nicht daran erinnert, daß sie ein Korsett trug, sobald sie etwas von unterhalb ihrer Hüfthöhe heraufholen mußte. Zum Schminken und Frisieren brauchte sie nur noch die halbe Zeit.
„Guten Morgen – Oh, habe ich Sie erschreckt?"
Tiberius' Stimme hatte sie aus ihrem Morgenkokon gerissen, und sie hatte einen Spritzer Tee verschweppert. Sie war nicht auf der Hut gewesen.
„Nein, ich war nur in Gedanken."
Medea stellte die Kanne ab, zog den Zauberstab aus ihrer Rocktasche und beseitigte das Malheur. Währenddessen setzte sich Tiberius neben sie.
„Haben Sie sich gut eingelebt?"
„Ja, danke. Und Sie selbst?"
„Es war ein bißchen wie nach Hause kommen. Ich bin hier zur Schule gegangen. Das Schloß ist nicht mehr ganz so riesig, wie ich es in Erinnerung hatte, aber dafür kann ich es jetzt ohne Sperrstunde und Prüfungen genießen."
Er lachte und sie stimmte ein.
„Severus hält große Stücke auf Ihre Fertigkeiten. Liegt das Brautalent in der Familie?"
„Nicht bei meinen Eltern. Papa hatte eine staubtrockene Stelle in der Finanzabteilung des kanadischen Ministeriums. Mama war Coiffeur magique. Unglaublich, was sie mit Haaren anstellen konnte. Diese Gabe ist leider völlig an mir vorbeigegangen. Ich schlage wohl eher nach meinem Großvater." Ein wehmütiges Lächeln beendete diese Lüge, als würde sie über ihre geliebten und so fernen Eltern sinnieren. „Und bei Ihnen? Wenn ich das richtig verstanden habe ist Ihre Familie hier recht bedeutsam?"
„Das kann man wohl sagen. Allerdings ist derzeit mein Bruder Familienoberhaupt. Das gab mir die Möglichkeit, einige Jahre zu reisen. Bis ich festgestellt habe, daß es an der Zeit ist, etwas Nützliches zu tun."
„Und da fiel Ihre Wahl sofort aufs Unterrichten? Oder haben Sie noch anderes in Erwägung gezogen?"
„Nicht wirklich. Die Stelle wurde an mich herangetragen, kaum daß ich wieder auf dieser Insel weilte. Und was könnte eine größere Aufgabe sein, als die jungen Hexen und Zauberer zu formen, die einmal unsere Gesellschaft sein, unsere Kultur weitertragen werden?"
„Da haben Sie Recht. Wenn Sie gerade erst zurückgekehrt sind, wissen Sie vermutlich auch nicht mehr über die Lehrplanumstellung, die hier gerade durchgeführt wird?"
„Sie meinen, wie hier zuvor unterrichtet wurde?"
„Ja, was sich schon geändert hat. Einige Schüler machen einen etwas verunsicherten Eindruck."
„Das gibt sich. Sie werden noch erkennen, daß der Wandel zu ihrem Besten ist. Und um die Schlammblüter, die hier sowieso nichts zu suchen haben, wird sich noch gekümmert, keine Sorge. Ich erinnere mich noch aus meiner eigenen Schulzeit an Severus' Vorgänger, Albus Dumbledore. Er hat sich progressiv gegeben. Weniger streng, alle haben die gleichen Rechte und so weiter. Tatsächlich hat er versucht, die alten Traditionen aus den Köpfen zu treiben, magische Kinder zu Halbmuggeln zu erziehen. Und er hat das Gleichgewicht zwischen den Häusern, das schon immer recht fragil war, gestört und so Feindseligkeit zwischen den Schülern gefördert. Vor allem zu Lasten von Haus Slytherin, weil sich dort die meisten Kinder aus den alten Familien wiederfinden."
Medea nickte zum Zeichen, daß sie zuhörte, und aß ihren Toast. Tiberius' Einstellung hatte sich nicht wesentlich geändert. Aber es lag auch Wahrheit in dem, was er sagte: Das Ungleichgewicht zwischen den Häusern hatte sie einst ebenfalls wahrgenommen. Das Mißtrauen gegenüber Slytherin, das dazu führte, daß bei Streitigkeiten für die meisten Vertrauensschüler und manche Lehrer grundsätzlich die Schlangen schuld waren. Mindestens bis zum Beweis des Gegenteils. Einige Slytherins wiederum verschafften sich mit Bosheiten Luft. Dieses Klima hatte sie damals der allgemeinen und sehr realistischen Furcht vor dem, dessen Namen man nicht nannte und seinen Anhängern zugeschrieben, denen man enge Verbindungen zu Salazars Haus nachsagte. Und in ihren ersten Wochen hier war ihr das gleiche Mißtrauen aufgefallen, mit dem Unterschied allerdings, daß Slytherin insgesamt selbstbewußter aufzutreten schien. So, als sähen sich die Schüler in einer gehobenen Position, als hätten sie Sonderrechte. Mag daran liegen, daß einer der ihren jetzt Direktor ist.
„Sind Sie sicher, daß Sie keine Verwandten hier haben? Irgendetwas an Ihnen kommt mir vertraut vor."
Mist. „Keine, die ich kenne. Meine Familie lebt seit vier Generationen in Nordamerika."
„Dann muß ich mich wohl irren. Wie hält man es in Kanada mit Traditionen?"
„Das ist ziemlich bunt. Sowohl europäische Magie, als auch die Techniken und Kultur der Ureinwohner sind sehr lebendig und werden stetig weiterentwickelt. Einige Hexen und Zauberer, vor allem aus gemischten Familien, versuchen auch, beides zu verbinden. Die Trankmeister profitieren enorm davon."
„Und wie sieht es mit Muggeleinflüssen aus?"
Medea zuckte mit den Schultern und trank von ihrem Tee. „Gibt es. Manche interessieren sich mehr dafür, andere weniger. Wer in der Stadt lebt, muß sich zumindest ein Stück weit mit ihnen beschäftigen, um sich unauffällig kleiden und verhalten zu können."
„Ah ja, diese lästige Geheimhaltung. Der Tag wird kommen, an dem wir sie nicht mehr brauchen."
Medea schwieg dazu und beschäftigte sich damit, eine Schüssel mit Obst und Joghurt zu füllen.
„Guten Morgen zusammen."
Pomona war eingetroffen und setzte sich auf Medeas freie Seite. Einige Strähnen waren lose, als hätte sie ihre Haare nur rasch zusammengerafft und dann den Hut darauf festgesteckt. Ihre Bewegungen waren fahrig, und sie langte sofort nach der Teekanne. Medea griff in eine ihrer Rocktaschen und holte ein Fläschchen aus dunkelgrünem Glas heraus.
„Hat letzte Nacht alles geklappt? Ich hab dir einen kleinen Wachmacher mitgebracht."
„Oh danke, du bist ein Schatz. Es hat ewig gedauert. Viele Pflanzen sind so gut gewachsen, daß ich sie teilen konnte, was im Dämmerlicht nicht so einfach ist. Ich habe einige Wurzeln für dich geerntet. Du kannst sie heute Nachmittag abholen. Oder soll ich sie einem Schüler für dich mitgeben? Die zweite Klasse Gryffindor wechselt nachher direkt von mir zu dir, wenn ich das richtig im Kopf habe."
„Nein, danke. Ich komme dich gern nach dem Unterricht besuchen. Du hast mir eine Gewächshausführung versprochen."
„Natürlich, die bekommst du auch."
Medea war erleichtert über diese Wendung der Konversation. Das war wieder ungefährliches Terrain. Gut möglich, daß Pomona ebenfalls schwierige Fragen stellen würde, wenn auch eher nach ihrer Familie als nach Politik. Doch Medea war sicher, daß sie sich leicht mit Fachsimpeleien ablenken ließe.
Wenig später verließen sie den Speisesaal in unterschiedliche Richtungen. Der Beginn der ersten Stunde nahte.
23.9. (Dienstag)
Am Nachmittag trieb feiner Nieselregen übers Land. Die meisten Schüler hatten sich in ihren Häusern verkrochen, in der gemütlichen Wärme ihrer Gemeinschaftsräume. Das Trio um Harry stapfte, einigermaßen vor der Nässe geschützt, doch gut zu sehen in ihren roten Regenmänteln, über das Gelände. Sie wollten Hagrid besuchen, den sie zu ihrem Bedauern nur zu den Mahlzeiten gesehen hatten, ohne Gelegenheit für ein persönliches Gespräch. Harry ging noch immer in der Mitte. Hermione sprach wenig und versuchte, nicht zu oft zu Ron zu sehen. Die Hexe fühlte sich ausgesprochen unsicher. War ihr Eindruck, daß er sich trotz allem um sie sorgte, korrekt oder eine Täuschung gewesen? Er hatte bei den anderen gestanden, nach jener unseligen Verteidigungsstunde, hatte Neugierige fortgeschickt. Schien erleichtert, als sie erhobenen Hauptes mit ihren Schlafsaalnachbarinnen zu den nächsten Toiletten gegangen war, um die Spuren zu verbergen, die Haarschlingen und Tränen hinterlassen hatten. Gab es Hoffnung, diesen Streit zu beenden? Wie sollte sie sich jetzt verhalten? Ron schien ebenso verunsichert, zumindest war er ungewöhnlich schweigsam und mied ihre direkte Nähe, war aber wieder öfter in Sichtweite.
Sie kamen langsam voran, stets auf der Hut, nicht auszurutschen. Wiesen und Moos waren vollgesogen, die Pfade schmierig von Schlamm. Leise unterhielten sie sich über das, was sie über die Horcruxe wußten oder vielmehr nicht wußten. Die Spur des Medaillons hatten sie verloren. Die Schlange hielt sich wahrscheinlich meistens in der Nähe ihres Meisters auf. Ob sie Malfoy nach ihr fragen konnten, ohne daß er zu viel erriet? Würde er etwas dazu sagen, wo er doch Nichteinmal bereit war, Millicent zu helfen?
„Er ist ein Feigling", sagte Harry. „Er wird das tun, wovor er am wenigsten Angst hat."
„Fragt sich nur, was das ist. Fürchtet er, daß es rauskommt, wenn er uns hilft? Oder hat er mehr Angst davor, was kommen könnte, wenn das hier so weitergeht?" Hermione hatte, seit Millicent die Bombe hatte platzen lassen, ein paar Mal darüber nachgedacht. Draco war ein Risiko, konnte aber auch eine wertvolle Quelle sein, wenn er denn bereit wäre, mehr zu tun als sie nicht zu verpfeifen.
„Schwer zu sagen", sagte Ron. „Wir können nur hoffen, daß er nicht irgendwann weich wird und uns für einen kurzfristigen Vorteil verkauft. Ihm trau ich noch weniger als Bulstrode. Aber zurück zum Thema: Wenn er die Schlange meistens in seiner Nähe hat, werden wir sie kaum töten können, ohne daß er es sofort merkt. Also sollten wir uns die als Letztes vornehmen. Damit bleibt Hufflepuffs Tasse und der vierte Gegenstand, von dem wir noch nicht wissen, was es ist. Wie genau sieht diese Tasse denn eigentlich aus?"
„Golden. Ich würde sie ja malen, aber das kann ich nicht so gut wie Dean. Schade, daß wir das Denkarium nicht benutzen können, sonst könnte ich euch vielleicht die Erinnerung zeigen, die ich gesehen habe..."
Harry brach ab. In das Rauschen des Regens und das Platschen ihrer Füße fielen Hermiones Worte:
„Vielleicht gibt es in Hogwarts noch Bilder davon. Auch wenn ich bisher keins gesehen habe. Und wir müssen herausfinden, wie man die Dinger zerstört. Schade, daß Professor Slughorn nicht mehr hier ist. Vielleicht hätte er uns etwas dazu sagen können. Auf jeden Fall müssen wir die Recherche aufteilen, damit niemand merkt, was wir suchen."
Mit diesem Ergebnis hatten sie auch schon Hagrids Garten erreicht, in dem einige große Kürbisse auf einem Beet lagen. Die Übrigen waren kahl und gepflügt, schliefen in Erwartung der nächsten Frühjahrssaat. Aus dem Schornstein der Hütte stieg eine hellgraue Rauchfahne geradewegs in den nassen Himmel. Laternenschein stahl sich zwischen den Vorhängen nach draußen. Beides gab dem Häuschen etwas Warmes, Einladendes. Als sie dem Pfad zur Tür folgten begann Fang in der Hütte zu bellen: ein froher Klang, der Gäste ankündigte. Er hatte sie erkannt. So wurde ihnen die Tür geöffnet, noch bevor sie sie erreicht hatten.
„Ihr seid's! Kommt rein!"
Hagrid strahlte vor Freude, als er sie begrüßte und in die Hütte bat. Drinnen zog er sie in luftnotverursachende Umarmungen. Fang lief schwanzwedelnd umher und stieß die Nase gegen alle Hände, die er finden konnte. Die Schüler hängten ihre Regenmäntel an die Haken neben der Tür und erfreuten sich an der Wärme des Kamins. Es roch nach Holzfeuer, Früchtetee und Hund.
„Setzt euch. Wart ja lange nich mehr hier."
„Ich weiß, Hagrid. Und es ist gut, hier zu sein." Harry ließ sich auf einen Stuhl fallen.
Der Hüne setzte Tee auf und alle machten es sich bequem – Fang auf den Füßen der Gäste. Es war schön, wie in alten Zeiten hier zusammenzusitzen. Für kurze Zeit schien all das Dunkle und Grausame, das sie mehr und mehr umschloß, weit fort.
„Danke", murmelte Hermione, als sie einen Becher frisch aufgebrühten Tees gereicht bekam. Sie wärmte die Hände daran und genoß den Duft.
„Ihr wißt bestimmt schon, daß die Post überwacht wird, oder?" fragte Hagrid. „Ich mußte die Eulen trainieren, immer über das alte Torhaus zu fliegen. Dort haben sie jemand hingesetzt zum Kontrollieren. Alles, was denen nicht gefällt, geht zu Snape."
„Und was ist mit den eigenen Eulen der Schüler? Wie Hedwig?", erkundigte sich Harry.
„Die werden auch kontrolliert. Die haben eine Art Sammelzauber oder sowas, der die Vögel aus der Luft holt. Nicht nur Eulen, auch die Falken und Rabenvögel, die manche haben. Ich hab schon ein paar wieder aufgepäppelt, die das nicht so gut vertragen haben. Vor allem in den ersten Wochen, als die Tiere das noch nicht gekannt ham."
„Wie gemein. Die armen Vögel."
„Sagt die, die Malfoy beinahe erwürgt hätte." Ron sah sie kurz an, schaute aber schnell wieder weg. Bevor sie sich einen Reim darauf machen konnte, fragte Hagrid mit großen Augen:
„Du wolltest Malfoy erwürgen? Welchen?"
„Nein, anders herum. Der Lehrer. Ich habe mich in Verteidigung mit ihm angelegt. Er hat eine Schlinge aus meinen Haaren gezaubert, mit der ich kaum Luft bekommen habe. Bis zum Ende der Stunde."
„Er hat was?!" Das Gebrüll ließ die Hütte erzittern.
„Beruhige dich. Bitte."
„Ich dachte gleich, den kann man nich auf die Schüler loslassen." Hagrid schüttelte ungläubig den Kopf. „Weiß Minerva davon?"
„Nein. Wir wollten nicht, daß sie Snape angeht und vielleicht rausgeschmissen wird."
„Snape, der jetzt auf Dumbledores Stuhl sitzt, nachdem er ihn umgebracht hat", sagte Harry voll Bitterkeit.
„Aber es ist doch erstaunlich, daß noch fast alle da sind", sagte Ron nach einem Moment, in dem nur Feuerknistern und Hundehecheln zu hören gewesen waren. „McGonagall ist im Orden, das weiß er. Und Flitwick und Sprout nutzen auch jeden Spielraum, den sie haben, um sich den ganzen Änderungen entgegenzustemmen. Sogar du bist noch da."
Hagrid nickte. „Erstaunlich, nich? Die Neue, die er für Zaubertränke eingestellt hat, scheint auch nicht so schlecht zu sein. Sagt nich viel, aber wenigstens nicht so einen Mist wie Malfoy. Wie is sie so zu euch?"
„Ähnlich. Sie behandelt alle gleich, egal aus welchem Haus oder welcher Familie sie kommen", antwortete Hermione.
„Dean hat sie neulich als ‚neutral wie die Schweiz' bezeichnet", ergänzte Harry mit einem Schmunzeln.
„Und was heißt das?", fragte Ron.
„Die Schweiz hat sich nicht in die Kriege eingemischt, die die Muggel in den letzten hundert Jahren geführt haben", erklärte Hermione. „Hat man davon auf der magischen Seite nichts gemerkt?"
Ron und Hagrid schüttelten die Köpfe. Dann legte sich Rons Stirn in Falten.
„Aber so neutral ist sie vielleicht gar nicht. Sie hat Perks zurechtgewiesen, als sie über Entwhistle gelästert hat. Das hat sie zwar damit begründet, daß es den Unterricht stört, aber Snape hat sowas immer ignoriert. Oder mitgemacht."
„Stimmt. Jetzt, wo du es sagst", stimmte Harry zu.
„Was ist eigentlich mit Professor Slughorn?" wollte Hermione wissen. „Warum unterrichtet er nicht mehr Zaubertränke?"
„Der hat sich verkrochen. Hat sich nach Dumbledores Tod nich mehr sicher gefühlt. Gleich nach der Beerdigung hat er seine Sachen gepackt und is verschwunden, wohin weiß keiner."
„Und wo ist Professor Burbage?" fragte Hermione.
„Wer?" Ron und Harry hatten gleichzeitig gesprochen.
„Die Muggelkundelehrerin. Ich habe sie nicht gesehen, seit wir wieder hier sind, und das Fach scheint derzeit nicht unterrichtet zu werden."
Während die beiden Jungen einander betreten ansahen antwortete Hagrid.
„Sie is verschwunden. Seit dem Sommer hat keiner von ihr gehört." Stille senkte sich über den Raum. Nach einer Weile sprach der Halbriese weiter. „Das Fach wird wohl grad überarbeitet. Minerva hat neulich gesagt, daß der Direktor jemand dafür sucht und bald neue Lehrbücher kommen."
So endete der Besuch in Hagrids Hütte nachdenklich. Bald verabschiedeten sich die drei Schüler und huschten durch den Nieselregen ins Schloß zurück.
24.9.1997
Der Besuch bei Hagrid beschäftigte die drei auch am nächsten Morgen. Sie hatten die Informationen, die sie von ihm bekommen hatten, noch nicht ganz verdaut und stocherten wenig enthusiastisch in ihrem Essen. Zwar hatte nur Hermione Professor Burbage im Unterricht erlebt, und auch sie nur für kurze Zeit. Doch die Nachricht, daß ihre Lehrerin nicht pensioniert, sondern verschwunden war, stimmte sie traurig und erinnerte sie daran, daß die Normalität in Hogwarts trügerisch war. Die Veränderungen, die auch hier zu spüren waren, zeigten nur einen Teil dessen, was geschah. Auf die Zeitungen konnte man sich nicht verlassen: Der Tagesprophet war so auf Linie, daß Hermione es unerträglich fand, ihn zu lesen. Die Gryffindors der siebten Klasse taten es abwechselnd, doch ohne viel Substantielles zu erfahren. Der Quibbler war in diesem Monat nicht erschienen. Luna hatte ihnen erzählt, daß die Druckmaschine ihres Vaters konfisziert worden war, und man hätte klargestellt, daß sein und ihr Leben bedroht sei, sollte er weiter unliebsame Schriften veröffentlichen.
Heute hatte Lavender den Tagespropheten vor sich liegen.
„Ich sollte das nicht mehr zum Frühstück lesen, das verdirbt einem ja den Appetit."
„Was steht denn heute drin?" fragte Ron.
„Sie haben mal wieder einen üblen Hetzartikel gegen Muggelstämmige abgedruckt. Das zeigt auch langsam Wirkung: Inzwischen kommen Leserbriefe, die einen Ausschluß vom Schulunterricht fordern."
Hermione erstickte beinahe an ihrem Toast. Während sie noch hustete schaltete sich Colin Creevy ein, der mit seinem Bruder nur wenige Plätze den Tisch hinunter saß:
„Das überrascht dich? Es war doch klar, daß sowas irgendwann kommt. Deshalb haben wir einen Wechsel nach Beauxbatons beantragt."
„Ach darum lernt ihr dieses Jahr so fleißig Französisch."
„Ihr lauft weg?", fragte Seamus. Er klang enttäuscht.
„Sollen wir warten, bis sie uns rausschmeißen? Außerdem hilft es vielleicht, wenn wir erzählen, was hier los ist. Madame Maxime scheint das Problem bewußt zu sein, aber sonst? Wieso hört man nichts von den Hexen und Zauberern auf dem Kontinent? Haben die nicht mitbekommen, daß ein verrückter Schwarzmagier die Regierung gestürzt hat? Oder ist es ihnen egal?"
„Darüber hab ich noch gar nicht nachgedacht", murmelte Harry.
„Aber es ist eine gute Frage", spann Parvati den Gedanken weiter. „Halten sie das für normal und mischen sich deshalb nicht ein? Hermione, hast du noch Kontakt zu Krum?"
„Seit dem Sommer habe ich nicht mehr von ihm gehört. Aber stimmt, er sollte mir sagen können, wieviel man so auf dem Kontinent mitbekommt. Inzwischen spielt er für Valencia."
„Schreib ihm."
„Mach ich. Hoffen wir, daß es ankommt." Ob sie Millicent noch einmal bemühen sollte? Von wem sie sich wohl helfen ließ? War dieser Kanal langfristig sicher?
Lavender knüllte die Zeitung zusammen und stopfte sie in ihre Tasche. Bald darauf war das Frühstück beendet und die Schüler gingen zum Unterricht.
Der Herbstwind jagte Wolken über den Himmel, doch für Ende September hoch oben im Gebirge war es noch recht warm. Wo immer Sonnenstrahlen durch die Wolkenlücken fielen, malten sie gleißende Muster auf die sich kräuselnde Oberfläche des Schwarzen Sees. Die kahlen Zweige der Trauerweide flüsterten im Wind, und Wellen glucksten am Ufer. Theodore suchte nach Frieden in den Lauten und dem Spiel des Lichts, der tief gefurchten Borke in seinem Rücken und dem dezent modrigen Herbstwind, der an seinen Haaren zupfte. Er wäre es auch zufrieden gewesen, den Nachmittag schweigend hier zu sitzen, doch Daphne und Blaise schätzten die Stille nicht so wie er.
„Ich fasse es nicht, daß Pansy mich einfach hat stehen lassen! Zwei Wochen lief es perfekt, und dann? Einfach vorbei."
„Daß dich das immernoch so aufregt. Dabei wolltest du sie doch eigentlich gar nicht", antwortete Daphne. Beinahe bereute Theodore, seinen Freund auf Pansy angesetzt zu haben.
„Nein, ganz so ist es nicht. Ich habe das sportlich gesehen, und zuerst lief es pima."
„Und jetzt eben nicht mehr. Betrachte es als Unentschieden."
„Aber sonst bestimme ich, wann es vorbei ist!"
Daphnes helles Lachen durchbrach das Lamento.
„Sieh es ein, diesmal hast du verloren. Von Anfang an. Pansy hat sich nur darauf eingelassen, um Draco eifersüchtig zu machen. Aber das hat nicht funktioniert, also hat sie abgebrochen und überlegt sich jetzt vermutlich eine andere Strategie."
Darauf folgte ein Schwall Italienisch, aus dem Theodore einige Schimpfwörter herauszuhören glaubte. Er schmunzelte und schloß die Augen.
Blaise wechselte wieder die Sprache.
„Es bringt nichts, zu hadern, ich suche mir eine neue Herausforderung. Vielleicht sollte ich es mal mit einer Gryffindor versuchen."
„Muß das sein?" In Daphnes Tonfall war das Augenrollen praktisch zu hören.
„Als ob du noch nie dort gewildert hättest. Mag sein, daß sie gegenüber Mädchen weniger mißtrauisch sind, aber das macht es doch nur spannender. Wen nehme ich am besten? Vielleicht sollte ich mich heute Abend etwas genauer am roten Tisch umsehen."
„Laß die Finger von den Kleinen. Wenn du eine Herausforderung suchst, muß es schon jemand aus unserem Jahrgang sein."
„Da bleibt nicht viel übrig."
„Aber ein lohnendes Ziel wird sich doch wohl finden. Patil ist hübsch."
„Brown auch. Der Rest... reden wir nicht darüber."
„Ganz so hart würde ich da nicht urteilen. Moon ist ganz süß..."
„Naja."
„Und Granger kann, wenn sie sich Mühe gibt. Aber mit ihr sollten wir uns sowieso nicht sehen lassen."
„Außerdem gibt sie sich keine Mühe. Weder mit ihrem Aussehen, noch sonst mit etwas, worauf es keine Noten gibt. Wenn ich sie sehe, ist mir klar, warum Muggelkinder keinen Einfluß erlangen sollen. Wenn die könnte, würde sie hier durchmarschieren wie eine Erumpentherde und alles plattmachen, was sie nicht versteht. Und sich auch noch gut fühlen dabei, denn anschließend ist die magische Gesellschaft ja viel moralischer."
Noch zwei Jahre zuvor hätte Theodore dem zugestimmt. Da war sie dieses seltsame Geschöpf gewesen, das all die Erzählungen von der Unterlegenheit der Muggelkinder und ihrem Mangel an Talent Lügen strafte und gleichzeitig die Vorbehalte über deren Unverständnis bestätigte. Die zweifellos begabte Hexe, die allen jederzeit ihre Meinung entgegenwarf, selbst wenn diese auf Halbwissen beruhte. Die Bücher auswendig lernte und das für Einsicht hielt. Die glaubte, sie könne die magische Welt verbessern, obwohl sie doch nur einen kurzen Blick darauf geworfen hatte. Die viel zu radikal war, um irgendetwas zu erreichen, selbst da, wo sie vielleicht auf der richtigen Spur war. In letzter Zeit aber war sie ruhiger geworden. Hatte sie genug gesehen, um zu erkennen, daß es oft nicht die eine Wahrheit gab? Was könnte ihr Geist hervorbringen, wenn man sie in den Dingen unterwies, die für seinesgleichen zum Aufwachsen gehörten? Doch diese Überlegungen waren müßig. Man würde ihr die Schwingen stutzen, noch bevor sie Gelegenheit hätte, diese ganz zu entfalten. Einfach, weil sie im falschen Nest geschlüpft war.
„Theodore!"
„Was?"
„Ich rede mit dir. Hast du geträumt?" In Daphnes Miene lag Sorge, der Spitze zum Trotz.
„So ungefähr. Was ist denn?"
„Wir spekulieren gerade, wer dir gefallen könnte", setzte ihn nun Blaise ins Bild.
„Von den Gryffindors?"
„Nein ganz allgemein. Convallaria scheint ja nicht dein Typ zu sein, so lange wie sie sich schon vergebens bemüht."
„Was heißt hier Typ? Sie ist -" Sie hat nie hinterfragt, was man uns beigebracht hat. Auch wenn die Wirklichkeit nicht dazu paßte. Meine Interessen und meine Zweifel, selbst meine Weigerung, Arcana einfach zu vergessen, würden mich in ihren Augen zum Blutsverräter machen. Und sie lernt mit Sicherheit Legilimentik. In ihrer Nähe kann ich mich niemals entspannen, muß nicht nur auf das achten, was ich sage, sondern auch darauf, was ich denke. Daphne würde das verstehen, ahnte es vielleicht. Und sein Geheimnis war wohlbehütet bei ihr. Aber konnte er sich Blaise anvertrauen? Dessen war er noch immer nicht sicher.
„Wir haben einfach keine Verbindung zueinander."
„Aber sie ist doch fast so ein Bücherwurm wie du."
„Vielleicht liest sie die falschen Bücher."
Blaise bohrte weiter: „Und sonst? Niemand? Wen könntest du Daphne und mir vorziehen?"
„Das ist müßig. Mein Vater verhandelt wahrscheinlich schon."
„Meine Mutter mit Sicherheit auch", warf Daphne ein. „Also nutzen wir die Zeit, die wir haben!"
„Ich schätze, da haben wir verschiedene Prioritäten."
Blaise lachte, doch Daphnes Blick wurde nachdenklich. Für den Moment mochte sie schweigen, aber irgendwann würde sie nachbohren. Hoffentlich eher später als früher, hatte er doch genug anderes, worüber er nachdenken mußte.
Eine halbe Stunde nach dem Abendessen machte sich Hermione auf den Weg zum Raum der Wünsche. Begleitet wurde sie von Dean und Seamus. Es waren noch einige Schüler unterwegs, doch niemand achtete auf die drei Löwen. In der Nähe ihres Ziels wurde es ruhiger. Hier gab es nicht viel, was einen Besuch lohnte, wenn man nicht wußte, was hinter der Wand verborgen lag. Um sicherzugehen, daß sie wirklich allein waren, wirkte Hermione Homenum revelio. Es war ihr erster praktischer Versuch mit diesem Zauber, den sie wenige Tage zuvor in einem Buch entdeckt hatte. Augenblicklich jagte ein Kribbeln über ihre Haut und ihre Aufmerksamkeit wurde zu ihren Mitschülern gelenkt. Sie hätte nicht sagen können, wie, doch sie war sich sicher, daß sie gewußt hätte, wo sie sich befanden, auch wenn sie allein und blind hierhergekommen wäre. Diese Information war einfach da, was ihr ein dezentes Gruseln verursachte. Trotzdem beschloß sie, den Spruch bei Gelegenheit gegen Desillusionierungszauber und Harrys Tarnumhang zu testen.
„Gehen wir."
Dean löste sich aus der Gruppe und schritt vor der Wand auf und ab, bis eine Tür aus rotbraunem Holz erschien. Er öffnete sie und winkte die anderen heran. Hermione schlüpfte als Letzte hindurch. Kaum daß ihre Augen erfaßten, was vor ihr lag, entfuhr ihr ein Jauchzen. Eine Seite bedeckte ein Bücherregal, das mit floralen Schnitzereien verziert war, und das zahllose Bände beherbergte. Die übrigen trugen Tapisserien, deren wiederkehrendes Motiv Bäume waren: bemooste Stämme dunklen Urwalds, eine mächtige Eiche auf einem Feld, eine Trauerweide im Wind, blühende Obstgehölze, filigrane Zweige, an denen glitzernde Eiszapfen wuchsen. In diesem Rahmen waren Schreibtische, Pulte und eine gemütliche Sitzecke mit Sofas und Kissen arrangiert. Papier, Tinte und Federn lagen bereit. Windlichter und ein riesiger Kronleuchter verbreiteten warmes, helles Licht. Das perfekte Studierzimmer für eine Gruppe.
Seamus gab einen langgezogenen Pfiff von sich. „Cool. Das hast du dir gewünscht?"
Dean zuckte mit den Schultern. „Ich wollte einen Ort, an dem wir zusammen Ahnenforschung betreiben und uns gute Namen ausdenken können."
„Hast du inzwischen etwas über deinen Vater gehört?"
„Nein. Mr. Weasley hat mir geschrieben, daß er sich erkundigt. Es wird aber etwas dauern, das Ministerium wird zur Zeit neu organisiert, es wird viel Personal verschoben."
„Hat er geschrieben, was verändert wird?", fragte Hermione. Sie hatte sich vom Anblick des Raumes losgerissen und sah nun wieder zu ihrem Mitschüler.
„Nein. Vielleicht hatte er Angst, daß ich den Brief sonst nicht bekomme."
Sie nickte. Ob ihr Brief wohl sicher unterwegs war?
Die Tür öffnete sich und Hannah kam herein. Sie grüßte und sah sich fasziniert um.
„Ist toll geworden. Ganz anders als für die DA, aber sehr gemütlich."
„Danke."
„Du warst das?"
Dean nickte.
„Auch die Tapisserien? Oh, Eloise würde es lieben, wir bekämen sie tagelang nicht mehr hier weg."
Die Ankunft von Haus Ravenclaw unterbrach sie. Terry hatte Kevin hergeführt. Der sah sich fasziniert um.
„Daß ich sechs Jahre lang nichts von diesem Raum gehört habe..."
„Willkommen im Raum der Wünsche! Du warst nicht in der DA, sonst würdest du das hier schon seit zwei Jahren kennen." Seamus hatte es übernommen, die Neuankömmlinge hereinzubitten.
Kevin grinste. „Ich hab's nicht so mit Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Da hätte auch Nachhilfe nicht viel genützt."
„Eigentlich erstaunlich, daß du dich so gar nicht mit dunkler Magie beschäftigst, bei dem Kram, den du mithast", sinnierte Terry.
„Wieso?"
„Na, ich meine diese T-Shirts mit Totenköpfen, Gestalten in schwarzen Roben, bluttriefenden Klingen, Grabkreuzen und so, die du manchmal unter der Schuluniform trägst. Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, du interessierst dich für die Dunklen Künste."
Hermione unterdrückte ein Lachen, das als ersticktes Gurgeln endete. Der Pullover auf dem Bahnsteig kam ihr in den Sinn und sie hatte ein recht genaues Bild davon, was Kevin zu Hause anzog. Dazu paßte, daß er die Haare lang trug, meist als Zopf im Nacken. Allerdings hatte er sein natürliches Straßenköterblond behalten, anstatt sie schwarz zu färben oder zu verwandeln.
Neben ihr biß Dean in seinen Ärmel. Anscheinend war er zum selben Ergebnis gekommen.
Kevin hingegen verkündete mit möglichst tiefer Stimme: „Du hast mich enttarnt! Ich opfere jeden Vollmond eine schwarze Katze und labe mich an ihrem Blut. Was soll ich mit Verteidigung, wenn ich das Original haben kann?"
Die drei Muggelkinder brachen gemeinsam in Gelächter aus. Terry, Hannah und Seamus schauten irritiert.
„Das sind Bandshirts", klärte Kevin schließlich auf. „Es geht um Musik. Wieso hast du nie danach gefragt, wenn du das so seltsam findest?"
Terry verschränkte die Arme. „Jetzt lachst du mich doch aus. Genau das wollte ich vermeiden."
„Sorry. Habt ihr mich deswegen nicht mit dazu geholt?"
„Auch. Aber bei dieser illegalen Widerstandsgruppe bist du ja mit dabei."
„Fangen wir schonmal an?", fragte Hannah. „Wer weiß, ob Slytherin überhaupt jemanden schickt."
„Tracey vielleicht. Wegen ihrer Großeltern", warf Dean ein.
Wie bestellt öffnete sich die Tür erneut, und besagte Hexe kam herein.
„Hi." Ihre Stimme war zu hoch, ihr Lächeln zu breit. Hermione vermutete, daß die geballte Überzahl der anderen Häuser sie verunsicherte. Hannah ergriff die Initiative.
„Schön, daß du kommen konntest."
Sie machten es sich in der Sitzrunde bequem. Hermione zog ein Blatt aus ihrer Tasche und griff nach einer der Federn, die auf praktisch jeder horizontalen Fläche bereitlagen.
„Also, wir brauchen mindestens drei Generationen. Sie haben nicht geschrieben, daß Seitenzweige mit drauf sollen, also lassen wir die am besten weg. Aber über die Namen könnten sie die natürlich finden."
„Was meint ihr, wissen sie von Muggelgeschwistern?", überlegte Dean.
„Vermutlich nicht", meinte Seamus. „Muggel haben doch bis vor Kurzem niemanden interessiert. Aber alle, die noch zu Haue leben, werden sie natürlich finden, wenn sie bei deinen Eltern anklopfen."
„Bleiben wir einfach bei der direkten Linie", schlug Hannah vor. „Mehr müssen wir ihnen nicht servieren."
Namen und Linien wanderten aufs Papier. Hannah füllte zügig ihr Blatt. Für die Urgroßeltern notierte sie zunächst nur die Vornamen und ergänzte den Rest mit einem Brief, den sie mitgebracht hatte. Einen ihrer Urgroßväter markierte sie als Muggelkind.
„Beneidenswert", kommentierte Terry. „Du mußt niemanden verstecken."
„Zumindest nicht auf diesem Zettel. Ich bin hier, um zu sehen, welche Möglichkeiten wir hier finden und dann den anderen zu helfen. In den jüngeren Jahrgängen haben wir etliche im Haus, die es nicht so einfach haben. Roger und Sophie werden sich auch freuen, wenn sie damit nicht allein dastehen."
„Und du Tracey? Hast du irgendwas an den Namen geändert?", fragte Terry weiter.
Alle schauten auf das Blatt der Slytherin, das auch schon fertig ausgefüllt war.
„Nein."
Etwas in Hannahs Miene veränderte sich, wurde noch weicher als gewöhnlich. Mit sanfter Stimme fragte sie:
„Sind deine Großeltern schon gestorben? Muggel leben kürzer, nicht?"
Tracey kicherte, fing sich aber rasch wieder.
„Ich brauche kein Beileid, es geht ihnen wunderbar. Sie leben noch in Polen, da wird Er so schnell nicht suchen lassen. Ich bin aus dem gleichen Grund hier wie du: Es gibt Kinder bei uns, die vielleicht Unterstützung brauchen."
Für die anderen war es etwas kniffliger. Hermione entschied sich, den Namen ihrer Großeltern mütterlicherseits in Summerson zu ändern, um die Suche nach ihnen zu erschweren. Ihr Großvater väterlicherseits war zwei Jahre zuvor gestorben, aber ihre Großmutter lebte noch, und sie führte durch Heirat den Namen Granger. Das ließ sich auch nicht einfach ändern, ohne Mißtrauen zu wecken. Sie konnte nur hoffen, daß man sich nicht die Mühe machen würde, nach ihrer Adresse zu suchen – und vielleicht in den Weihnachtsferien heimlich einige Schutzzauber in ihrer Wohnung anbringen. Immerhin änderte sie die Namen ihrer Urgroßeltern auch auf dieser Seite, weil sie wußte, daß ihre Großmutter Geschwister hatte. Danach sah sie ratlos auf ihr Blatt.
„Wie kommst du voran, Seamus?"
„Ich hab alle. Meine Muggelurgroßeltern heißen jetzt anders, zumindest die auf der Seite meiner Oma. Viel mehr geht nicht, Dads Name muß schließlich irgendwo herkommen. Aber Finnigan ist in Irland ein Sammelbegriff. Ich habe mir neue Vornamen ausgedacht."
„Das ist gut!"
Die Hexe strich den Vornamen der Großmutter und gab ihr einen neuen. Leider hatte sie keinen Allerweltsfamiliennamen.
„Dean, wie hältst du es eigentlich mit deinem Stiefvater?", fragte sie.
„Ich laß ihn weg. Je weniger sie wissen, desto besser. Für die älteren Generationen auf Mums Seite nehme ich möglichst häufige Namen. Sie werden hoffentlich nicht alle Einwohner dieser Insel, die Smith heißen, besuchen um mich einzuschüchtern."
„Ich nehm Romanfiguren", sagte Kevin auf der anderen Seite des Tisches. Ein kleiner Bücherstapel lag neben ihm, und er blätterte in einem Band. Hermione sah genauer hin.
„Du liest Jane Austen?"
„Nicht wirklich. Aber ich leihe mir Namen von ihr aus. Leute, die Muggelkultur für die Pest halten kennen die bestimmt nicht."
„Faszinierend, daß dieser Raum uns die Bücher geben konnte", sagte Tracey. „Jetzt, wo die Bibliothek ‚bereinigt' ist."
Nachdenklich betrachtete Hermione Kevins Bücherstapel. „Erschafft die Magie hier Exemplare davon, oder werden sie ‚geliehen'?", überlegte sie laut. „Die Häuser haben sie schließlich noch nicht beräumt."
„Ihr habt Muggelbücher in eurem Turm?", fragte Tracey.
„Nur sehr wenige. Ein paar Klassiker und ein Märchenbuch. Kaum jemand faßt sie je an. Die magische Literatur wird öfter gelesen, aber auch da haben wir nicht sehr viel. Es paßt alles in ein Regal im Gemeinschaftsraum."
„Dann steht bei uns mehr", sagte Terry. „Wir haben zwei Regale mit Geschichten und so einiges an Sachbüchern."
„Beneidenswert", seufzte Hermione.
„Du hättest auch zu uns kommen können."
Als die Schüler eine halbe Stunde später begannen, den Raum der Wünsche zu verlassen, hatte jeder einen ins Reine geschriebenen Stammbaum und eine Liste mit Namensideen, um den anderen zu helfen. Sie hatten sorgfältig darauf geachtet, bei den ungewöhnlicheren Namen Dopplungen zu vermeiden. Hermione war zufrieden mit dem Ergebnis, doch das Gefühl der Unruhe, das sie begleitete, seit sie den Aushang gelesen hatte, war sie nicht losgeworden.
