Am nächsten Morgen bellte anscheinend schon wieder derselbe Hund in der Nachbarschaft, der sie bereits am Morgen zuvor geweckt hatte. Benommen öffnete Akane die Augen. Da bemerkte sie die Glut des Kaminfeuers und war sofort wieder hellwach. Ein Grinsen schlich sich auf ihr Gesicht. Der gestrige Abend kam ihr wieder in den Sinn und verpasste ihr mal wieder heiße Schauer. Sie musste daran zurückdenken, wie sie immer wieder mit Ranma geschlafen hatte, das Gefühl seiner warmen Hände auf ihrem Körper, sein tiefes Stöhnen an ihrem Ohr, das Kitzeln seiner Haare an den Innenseiten ihrer Oberschenkel. Seine Küsse und Berührungen, sein unwiderstehlicher Duft. Sie biss sich auf die Lippe. Was hatte er gestern nur alles mit ihr getrieben! Sie drehte sich leise auf die andere Seite. Da lag er – ein einziges Kunstwerk von Mann. Sein Oberkörper lag aufgedeckt, sodass sie seine Linien mit den Augen nachzeichnen konnte. Diese Rückenmuskulatur, diese starken Arme! Wieder blitzten Bilder der letzten Nacht auf: Wie er sie mühelos hochhob, wie sie auf ihm saß, immer wieder seinen Namen schrie und sich in diesen starken Rücken krallte. Sie begutachtete seine Haut, die mit Kratzern übersät war. Das durfte bloß keiner sehen…
Liebevoll strich sie ihm vereinzelte Strähnen aus dem Gesicht, wodurch es zu zucken begann. Langsam erwachte er aus seinem tiefen Schönheitsschlaf. Ganz verschlafen blinzelte er paarmal und entdeckte daraufhin seine Verlobte, die ihn mit so viel Liebe anlächelte.
„Guten Morgen",
murmelte er noch ganz benommen, bevor er sie in eine innige Umarmung zog. Es tat so gut, die nackte Haut des anderen so intensiv zu spüren. Schon nickten sie beide wieder ein, war die Körperwärme der beiden einfach so beruhigend und sie einfach so erschöpft von der vergangenen Nacht.
Eine Stunde später klopfte es an der Tür. Sofort schlug Akane die Augen auf, panisch, dass jemand hereinkommen und sie so finden könnte.
„Ranma, wach auf!",
flüsterte sie ihm entsetzt zu.
„Hmmm, nur noch fünf Minuten…",
murmelte er zurück.
„Ranma, da ist jemand vor der Tür! Wenn uns jemand so findet, sind wir tot!"
Schlagartig war er wach und sprang auf.
„Oh nein, was jetzt?"
Sie lauschten angestrengt. Das Klopfen hörte auf. Ranma beobachtete die Tür und sah einen Schatten, der sich nach einiger Zeit entfernte. Er atmete erleichtert auf.
„Wer auch immer das war, ist gerade weggegangen",
entwarnte er seine Verlobte.
„Dann sollten wir uns jetzt schnell fertig machen und anziehen, was?"
Ranma nickte nachdenklich, bevor er sagte:
„Ich schaue mal unauffällig nach. Vielleicht war das Hiroshi, der uns was zum Anziehen hingelegt hat."
Akane stimmte zu und verschwand ins Bad.
Vorsichtig öffnete Ranma die Tür und sah auf den Boden. Dort stand ein Tablett mit Frühstück und daneben lag ein Bündel mit ihren frisch gewaschenen Klamotten.
„Du bist ein echter Kumpel, Hiroshi",
murmelte er, als er die Sachen schnell an sich nahm und die Tür wieder verschloss.
Wenig später waren sie angezogen und gestärkt. Schnell räumten sie noch den Wohnraum auf und wuschen das Geschirr, bevor sie vorsichtig in den Garten hinaustraten. Es war mittlerweile zehn Uhr.
„Na, ihr beiden? Habt ihr gut geschlafen?",
fragte Ranmas Freund sie übertrieben munter an jenem sonnigen Morgen, als er gemütlich auf einer Gartenliege saß. Doch Ranma ging nur gefährlich knurrend auf ihn zu, packte ihn am Kragen und sagte sarkastisch:
„Ja, äußerst gut, nachdem du uns eingesperrt hast!"
„Hehe, lass mich los, Saotome…"
Akane rollte mit den Augen und wies ihren Verlobten streng zurecht:
„Jetzt lass ihn schon los, Ranma!"
Endlich ließ dieser von ihm ab, bevor er sich symbolisch die Kleidung abklopfte.
„Wir wollten euch nur einen Gefallen tun…Habt ihr alle Differenzen ausgeräumt?",
fragte Hiroshi nach einiger Zeit neugierig nach.
„Ja, danke. Es ist alles gut",
entgegnete Akane dem Jungen, der plötzlich so schüchtern vor ihnen stand.
Ranma seufzte. Im Grunde hatte er Hiroshi und Sayuri zu verdanken, dass die ganze Sache so einen guten Ausgang gefunden hat. Etwas versöhnlicher sagte er zu seinem Freund:
„Danke für alles, Hiroshi."
Das machte diesen nur noch verlegener. Schnell suchte er nach einem neuen Gesprächsthema:
„Wollt ihr noch mit rein? Meine Eltern sind gestern Abend wieder nach Hause gekommen. Sie würden sich bestimmt freuen."
„Nein danke, wir sehen uns morgen in der Schule. Wir müssen jetzt wirklich nach Hause. Will nicht wissen, wie Herr Tendo sonst mit mir schimpfen wird, dass ich seine Tochter nachts nicht heimgebracht habe."
„Hehe, ok. Dann kommt mal gut nach Hause."
Und damit verabschiedeten sie sich voneinander.
Wenig später schlenderten die beiden gelassen durch die Straßen Nerimas, gar nicht begeistert davon, in das Chaos ihres Alltags zurückzukehren. Sie hingen ihren Gedanken nach. Was wohl jetzt geschehen würde? Waren sie jetzt ein Paar? Sollten sie es der Familie sagen und riskieren, noch heute Abend verheiratet zu werden? Wie würden die ganzen irren Verlobten und Akanes Verehrer reagieren? Sie mussten dringend reden und diese Dinge klären. Akane traute sich zuerst und blieb plötzlich stehen, während sie seinen Hemdzipfel festhielt.
„Du, sag mal, wie geht es jetzt eigentlich weiter?"
Ranma kratzte sich verlegen am Kopf. Er war selbst überfragt und auch irgendwie überfordert mit der neuen Situation. So offen über ihre Beziehung zu sprechen, wie sie es gestern Nacht getan hatten, war etwas ganz Neues für ihn.
„Ich will ehrlich zu dir sein. Ich habe nicht den blassesten Schimmer."
Beunruhigt senkte sie ihren Blick. Meinte er damit auch ihre Beziehung? Machte er jetzt einen Rückzieher, nachdem er eine Nacht drüber geschlafen hatte? Er hatte ihr doch seine Liebe gestanden!
„Oh, ok. Dann vergessen wir wohl, was passiert ist, was?",
sagte sie ganz leise, dass er sich anstrengen musste, sie überhaupt zu hören.
„Wa-was?"
Zunächst verwirrt, doch dann realisierend, was seine Antwort in ihr verursacht hatte, griff er nach ihren Schultern, sodass sie gezwungen war, ihn anzusehen.
„Jetzt hör mal, Akane. Ich nehme gar nichts von dem zurück, was ich zu dir gesagt habe. Ich bereue nichts, was zwischen uns passiert ist, im Gegenteil. Ich, ich meinte es wirklich so. Ich l-lie-liebe dich und so…"
Ihre Augen glänzten verdächtig bei seinen Worten.
„Ich liebe dich auch, Baka."
Er grinste sie zärtlich an, bevor er weitersprach:
„Die Sache ist nur, ich weiß nicht, wie wir jetzt am besten weiter vorgehen. Ich weiß nicht, wie wir uns nun vor der Familie oder meinen selbsternannten Verlobten verhalten sollen."
„Ich weiß, was du meinst…vielleicht sollten wir es vor der Familie verbergen, damit wir keine Opfer einer Shotgun-Hochzeit werden? Ich möchte dich heiraten…nur nicht auf der Stelle."
Sie wurde knallrot, als ihr bewusst wurde, was sie da so offen eingestand. Ranmas Herz nahm rasant an Fahrt auf. Bevor sie sich versah, drückte er sie fest an seine Brust und legte seine starken Arme um ihren Rücken.
„Ich möchte dich auch irgendwann heiraten, Akane. Da kannst du dir sicher sein",
flüsterte er ihr ins Ohr. Sie schmolz in seiner warmen Umarmung dahin und inhalierte seinen unverkennbaren Duft ein. Beide wünschten sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als dass die Zeit stehen bleiben würde.
Doch wie es immer in Nerima lief – die schönsten Momente wurden wie immer unterbrochen. Ihnen fiel nämlich mit einem Mal eine sehr wütende Aura von rechts auf, was sie augenblicklich erstarren ließ. Vorsichtig lösten sie sich aus der Umarmung, nur um einer sehr, sehr wütenden Amazone in Kampfhaltung zu begegnen.
„Was du mit Airen gemacht! Er dich nicht mit Zange anfasst! Du ihn vergiftet!"
Immer dieselbe Geschichte! Genervt seufzte Ranma auf und entgegnete er zornigen Chinesin:
„Shampoo, ich bin bei klarem Verstand. Akane ist nicht Kodachi, ok?"
Das machte Shampoo nur wütender.
„Sie hat dich manipuliert! Du sie nicht umarmen, wenn du normal bist! Du bist Shampoos Airen!"
„Bin ich nicht, verdammt nochmal! Ich liebe dich nicht, werde dich nie lieben und dich nie heiraten! Hör auf mich, deinen Airen zu nennen! Wir sind hier in Japan ok? Deine dämlichen Amazonengesetze gelten hier nicht."
Eine Säule voll wütender Energie schoss bis in den Himmel. Akane starrte abwechselnd auf die grausige Erscheinung und zu ihrem Verlobten, der das erste Mal in seinem Leben so offen und unverblümt mit der unberechenbaren Chinesin gesprochen hatte. Einerseits rührte es sie, andererseits entfachte es in ihr große Panik. Mit Shampoo war nicht zu spaßen. Zu allem Überfluss schossen plötzlich kleine Pfannenwender auf Akane zu, vor denen Ranma sie blitzschnell zurückzog.
„Ukyo hat uns jetzt gerade gefehlt",
stöhnte Ranma unzufrieden.
„Ranma-Honey! Nimm sofort einen Sicherheitsabstand von Akane ein! Sie ist deine unsüße Verlobte, schon vergessen?"
Bevor er antworten konnte, schoss von hinten ein Gymnastikband haarscharf an seinem Gesicht vorbei, nicht ohne es leicht zu streifen und seiner Wange einen Schnitt zu verpassen.
Kodachi.
„Die schwarze Rose hat uns gerade noch gefehlt",
bemerkte Akane sarkastisch, bevor sie mit Erschrecken seine blutige Wange entdeckte, schnell ein Taschentuch zückte und die Wunde abtupfte.
„Eher die schwarze Witwe meinst du…oder der schwarze Alptraum."
„Lass sofort meinen Ranma-Sama los, du Verführerin!",
hörte man die Gymnastin schrill schreien.
Ranma zog Akane in eine schützende Umarmung. Wenn, dann kam immer alles auf einmal. Schon hörte er einen dumpfen Knall. Mousse war soeben in ein Haus hineingerannt, als er offensichtlich seiner geliebten Shampoo gefolgt war. Er hatte offensichtlich seine Brille nicht auf, sodass er mal wieder Protagonist einer ungewollten Komik wurde.
„Nimmt das alles denn nie ein Ende…",
murmelte Ranma, bevor er Akanes Hand ergriff, die sich sofort zu wehren versuchte. Doch er festigte seinen Griff noch mehr, bevor er rief:
„Ihr lasst Akane besser in Ruhe."
„Aber Ranma-Sama!"
„Ran-Chan!"
„Airen!"
Er duldete ihren Kindergarten keine Sekunde länger. Ein letztes Mal atmete er tief durch, bevor er zum Reden ansetzte:
„Ich möchte diesen Moment nutzen, um euch ein für allemal zu sagen, dass ich mich entschieden habe. Ihr braucht mir nicht mehr hinterher zu laufen. Ich mag Akane und nur sie. Also wenn ihr uns jetzt entschuldigt."
Er ignorierte die Schreie, Schluchzer und Proteste der anderen, die bereits anfingen, sich gegenseitig zu bekämpfen, packte Akane im Bridal Style und sprang auf den nächstbesten Baum. Schon machte er sich auf den Weg nach Hause. Mousse applaudierte Ranma aufgrund seines endlich erlangten Mutes, bevor Shampoos Bonbori auf seinem Kopf landete und er schmerzerfüllt zu Boden ging.
Akane wusste, dass das nur der Anfang einer chaotischen Nachgeschichte war. In Nerima verlief nichts normal. Zuhause würde die Schlacht sich fortsetzen, denn Nabiki besaß irgendwie einen sechsten Sinn für Skandalöses. Ihr konnte man nichts vormachen. Sie seufzte schwer. Auch wenn das alles nicht einfach werden würde. Sie hatte Ranma und er hatte sie. Sie liebten einander und das war das Wichtigste. Sie kuschelte sich enger an ihn. Ranma genoss ihre Nähe bei diesen Sprints sehr. Entschlossen beschleunigte er seinen Weg und zog sie noch enger an sich. Er würde sie beschützen und alles für sie tun. Er liebte sie und sie liebte ihn. Solange sie zusammenhielten, konnte ihnen nichts anhaben.
The End
