"Forgive me, Hera, I cannot stay

Cut out my tongue

There is nothing to save

Love me, oh Lord, he threw me away

He laughed at my sins

In his arms I must stay

We write

That's all right

I miss his smell

We speak when spoken to

And that suits us well"

(Laura Marling)


Maids who Read.

Kapitel 1: Hunger

Birmingham im Oktober 1925

Die kühle Herbstsonne hatte noch nicht begonnen, ihre Strahlen über die sumpfigen Ufer des Hatchford Brook zu schicken, als die Frau ihre Augen öffnet und im Dämmerlicht der notdürftig zusammengezimmerten Tagelöhnerhütte erst ein, dann zwei schlafende Körper ausmacht, die die einzige Wärmequelle weit und breit zu sein scheinen. Zwischen den Fugen der Bretterwand quillt graues Licht von außen und der erste Griff der Frau gilt ihrer Körpermitte, dort wo alles an seinem Platz sein sollte, zusammengebunden in den Falten ihrer Tweedhose, unter verkrusteten Bandagen, die wie ein Panzer aus Schmutz und Baumwolle ihre einzigen Habseligkeiten sicher vor gierigen Augen und Händen verbergen. Ihr zweiter Griff gilt der Pferdedecke, die sie am Abend zuvor gefunden und für sich beansprucht hatte. Eine Notwendigkeit, die Nächte wurden wieder kalt und lang.

Die Frau erhebt sich leise aus ihrer Ecke und zieht die viel zu große Wolljacke fester um ihre Schultern und Körpermitte. Ihre zitternde Hand streicht die filzigen Haare aus ihrem Gesicht, dann ein prüfendes Tasten nach dem Hut, der den Großteil ihres Gesichtes verdeckt und von einer schmucklosen Haarnadel an seinem Platz gehalten wird. Keine Zeit für Eitelkeiten.

Ohne einen Blick zurück zu werfen verlässt die Frau die armselige Hütte und macht sich zielstrebig auf den Weg. Sieben Meilen bis Birmingham. Sieben Meilen bis die Chance auf etwas Essbares in greifbare Nähe rücken würde. Vielleicht eine Tasse Tee oder Kaffee. Eine Scheibe Brot, etwas Porridge, ein wenig Butter. Die Frau setzt ihren Weg fort und denkt zurück an das letzte Mal, als ihr Magen voll war. Die Landschaft zieht an ihr vorüber, jeder Schritt bestimmt und sorgsam bemessen. Das entfernte Geräusch von Hufklappern durchmischt sich mit noch weiter entfernten Geräuschen von Automobilen, erst wenige, dann immer mehr. Ein untrügliches Zeichen, dass die Stadt nicht mehr weit ist. Am Horizont zeichnen sich die ersten Fabrikschlote ab, aber die Frau, die ihren Kopf gesenkt hält, denkt weiter an warmes Frühstück. Beruhigt stellt sie fest, dass der Schmerz in ihrem Unterleib über Nacht scheinbar abgeklungen ist, genug zumindest, um einen Tag Arbeit durchzustehen und am Abend den Marsch zurück zur Hütte anzutreten. Mühsam, keine Frage, aber die einzige sichere Möglichkeit als Frau, noch dazu allein, eine Nacht unbehelligt zu überstehen. Zu überleben.

Ein dünner Schweißfilm legt sich über das Gesicht der Frau, vermischt sich mit dem Staub der Straße zu einer Patina, die sie unmissverständlich als ein Mitglied des städtischen Proletariats kennzeichnet. Gerade als ihre Schritte langsamer werden, ihre Beine anfingen zu zittern, schwarze Flecken vor ihren Augen beginnen, ihr für wenige Sekunden die Sicht zu nehmen, erreicht sie den äußeren Kanal, den Cut, wie die Einheimischen ihn nennen, der Small Heath scharf von seiner Umgebung abgrenzt und den Übergang vom Land zur Stadt markiert. Die Frau beginnt, sich in den endlosen Strom der Frauen und Männer einzureihen, keiner besser oder schlechter gekleidet als sie, alle mit dem gleichen Ziel: Arbeit, Nahrung, Schutz, Wärme. Ab hier braucht die Frau nicht mehr über ihre Schritte nachzudenken, der Menschenfluss treibt sie automatisch dorthin, wo sie sein will, zur Registry, der zentralen Anmeldestelle für Tagelöhner und Arbeiter aller Art. Wie ein Flussufer, an dem sich täglich der Schmutz der Stadt ansammelt, landete hier jeden Morgen vor Tagesanbruch alles an, was die Stadt ausgespuckt und für nicht tauglich befunden hatte. Kriegskrüppel, Nutten, Waisenkinder, versoffene Arbeiter, krätzeverseuchte Familien. Die Frau ist froh, dass niemand ihr Beachtung schenkt. An einer scharfen Kante ihres Gürtels scheuert sie die Haut ihres rechten Daumens so lange, bis ein Tropfen Blut fließt, den sie zügig mit dem Zeigefinger aufnimmt und auf ihren trockenen Wangen verreibt. Gesund musste sie aussehen, das hatte sie in den letzten Wochen gelernt, oder sie würde direkt wieder in den Staub der Stadt geschickt werden, ohne Essen, ohne Trinken, ohne Geld.

Schon lange vor der Registry beginnt die Masse sich in zwei Hälften zu teilen; rechts Männer, links Frauen, getrennt durch ein Seil, dass gleichzeitig diejenigen stützt, die drohen auf den letzten Metern zu versagen, die den Kampf aufgeben bevor er beginnt, diejenigen, die am Ende ihrer Kräfte sind. Die Frau ist nicht am Ende ihrer Kräfte angelangt. Noch nicht. Doch ihr ist bewusst, dass ihr Magen bereits begonnen hat, sich selbst zu verzehren. Ihre Zunge klebt dick an ihrem Gaumen. Heute musste es gelingen.

Wer Glück hat, wird bereits in der Wartschlange ausgesucht, von Uniformierten, von Hausdamen in steifen, bodenlangen Kleidern, von Dockarbeitern mit tief ins Gesicht gezogenen Kappen und Zigaretten die in ihren Mundwinkeln festgewachsen scheinen, von Männern in feinen Anzügen mit goldenen Taschenuhren, begleitet von Frauen, die sich seidene Taschentücher vor das Gesicht halten und vorsichtig darauf bedacht sind, ihre Schuhe nicht mit dem Siff der Straße zu ruinieren. Jeder Vorbeischreitende erntet flehende Blicke der Wartenden, die Arbeitskarten fest umklammert. Nimm mich, ich kann nähen. Mein Vater war Zimmermann, meine Mutter war Hausmädchen. Der Meat Market zieht eine scharfe Linie zwischen denen die wollen und denen die können. Keine Fragen werden gestellt, keine Fragen sind nötig.

Die Frau bleibt stumm und konzentriert sich auf die Männer mit den feinen Anzügen, denn diese versprechen Fabrikarbeit und es ist ihnen egal, ob eine Frau oder ein Mann die Arbeit verrichtet, solange sie arbeiten. Die Arbeitskarte in der schweißnassen Hand hoch erhoben, die andere Hand am Gürtel, fixiert sie die Männer in Anzügen.

Ein stummer Blick. Nimm mich. Ich kann arbeiten. Ich habe Hunger.

Ein Raunen und Schieben geht durch die verzweifelte Menge, als eine Gruppe Uniformierter sich den weg bahnt.

„Sechs gesunde Mädchen!" bellt der Officer. „Sechs! Mädchen!"

Wie ein wildes Tier beginnen die Frauen in der Schlange sich gegen das Seil zu werfen, ein verzweifelter Versuch, die Aufmerksamkeit der Officer zu erhaschen und aus der Masse herauszustechen. Die Frau dreht sich um, gegen die schier allmächtige Wand aus Leibern, die sie immer weiter in Richtung des Seils drückt.

Nein.

Aufgerissene, zahnlose Münder, schwitzende, stinkende Körper, schieben sich an der Frau vorbei.

„Sechs. Mädchen!"

Nein. Bitte nicht.

Eine starke Hand greift die schmale Schulter der Frau, zieht sie weiter Richtung Seil. Für einen Moment denkt sie darüber nach, aus ihrer Jacke zu schlüpfen und der greifenden Hand zu entkommen, doch es gelingt ihr nicht, den Gürtel um die Jacke zu öffnen, zu wertvoll scheint die Arbeitskarte, um sie einfach fallen zu lassen, zu wertvoll die Jacke.

„Eins!" Der uniformierte Arm greift ihren Jackenkragen und zerrt sie gewaltsam aus der Menge heraus, das scharfe Sisal des Seils kratzt schmerzhaft über ihre Wangen und ihre Nase. Eine weitere Hand drückt ihr Kinn nach oben.

„Zähne!"

Wie im Traum, steif vor Angst lässt die Frau mit sich geschehen, was geschehen muss. Gleißendes Licht vor ihren Augen verzerrt ihren Blick, schwächt ihre Willenskraft, macht sie zu einer Marionette in fremden Händen, die ihren Mund offen zwingen und ihr die Luft und die Würde nehmen.

„Zähne sind anständig. Da rüber!"

Fünf weitere Frauen werden ausgewählt, bevor die eigentliche Auftraggeberin sich mit herrischem, aber zufriedenen Blick an die Gruppe wendet. Ihre matronenhafte Gestalt und ihr schwarzes, altmodisches Kleid, ihre schmucklose Frisur und der gigantische Schlüsselbund, der unter dem dunkelgrünen Wollcape hervorragt, kennzeichnen sie überdeutlich als Vorsteherin eines großen Haushaltes, eine Hausdame, vermutlich jahrzehntelang ausschließlich damit befasst, feinen Herrschaften jeden Wunsch von den Augen abzulesen und schließlich zu erfüllen.

Die Frau senkt ihren Blick, als die Ältere die Reihe der Mädchen entlang schreitet und mit fester, aber sanfter Stimme Fragen stellt.

„Bist du krank? Wie heißt du? Kannst du arbeiten?"

„Bist du gesund?", fragt die Hausdame die Frau mit prüfendem Blick. Die Frau antwortet mit einem stummen Nicken, den Blick weiter fest gen Boden gerichtet.

„Nun gut, dann alle husch, husch in den Wagen!"

Die Rückseite eines schwarzen Klappenwagens öffnet sich und die Mädchen steigen eines nach dem anderen in den Laderaum des großen Automobils, aufgeregt tuschelnd und kichernd. Wo es wohl hingeht? Ich wette, zu feinen Leuten. Vielleicht ein Lord, wer weiß? Die Frau nimmt die Geräusche um sie herum wie durch Watte war, ein tiefer Schmerz breitet sich von ihrem Magen bis in ihre Oberschenkel aus. Kein Blick gilt der vorbeiziehenden Straße, der Silhouette der Stadt, die sich im Mittagslicht silber-grau über die Hügel von Coventry erhebt, den abgeernteten Feldern, die dunkel und feucht im Oktoberlicht liegen oder den niedrigen Fachwerkhäusern, die den Weg säumen, wie letzte Bastionen der Zivilisation in einer ansonsten verlassenen Landschaft.

Die Frau, ihre wunden Lippen zusammenpressend, ihren Körper fest umklammernd, denkt nur eines und wiederholt es im Geiste fortwährend, um es nicht zu vergessen:

Mein Name ist Kip White. Mein Vater ist Malcom White, Stahlarbeiter. Meine Mutter ist Elsa White, Hausfrau. Beide verstorben. Ich bin in Nottingham geboren und fünfundzwanzig Jahre alt. Mein Name ist Kip White …"