Kapitel 2: Schmerz
Die breiten Türen des Kastenwagens öffnen sich ruckartig und ein Schwall grauen Lichtes reißt Kip aus ihren Gedanken.
„Wir sind da, alle bitte aussteigen und dann mir nach", ordnet die Hausdame an und beobachtet mit maßvollem Blick, wie die Mädchen, gleichzeitig vorsichtig und freudig erregt wie junge Entenküken, den Wagen verlassen und staunend ihre Umgebung wahrnehmen. Den Kopf weiter gesenkt folgt Kip ihren Genossinnen, entlang der kürzeren Hausseite, über einen Kiesweg, zum Dienstboteneingang an der Rückseite des Gebäudes. Kurz erhascht sie aus den Augenwinkeln etwas roten Backstein, Fensterlaibungen aus grauem Sandstein, altmodisch wirkende Verzierungen und die eine oder andere Hortensie, die im klammen Halbschatten des Hauses trotzig ihre trockenen Blüten reckt, wie Arme eines Bettlers, die nach ihr greifen.
Der Dienstboteneingang eröffnet ein scheinbar unendlich verzweigtes Labyrinth aus Gängen und Räumen, Küche, Vorrat, Lager, Vorrat, Fleischkammer, Schlafkammern. Die Hausdame führt die Mädchen in einen offenen Raum, unter dessen weißgetünchter Gewölbedecke sich ein langer Holztisch und zwei einfache, unbehauene Holzbänke über die gesamte Länge erstrecken, an seinem Ende ein Herd mit riesigen kupfernen Töpfen. Kip nimmt den verhaltenen Geruch von Suppe wahr und Speichel sammelt sich in ihrer trockenen Mundhöhle.
Wie lange noch?
Unter den aufmerksamen Blicken der anderen Mädchen setzt die Hausdame zu einer Begrüßung an:
„Herzlich Willkommen auf Arrow House. Mein Name ist Mary Hollander, Miss Mary für euch, ich bin hier Hausdame und somit eure direkte Vorgesetzte."
Ihre Stimme nimmt einen belehrenden Ton an: „Dreißig Jahre meines Lebens habe ich bisher damit verbracht, die größten und vornehmsten Häuser zu führen, zahllose Hausmädchen habe ich bis hierher auf den tugendhaften Weg der Dienstbarkeit geführt und nun werdet ihr die Ehre haben, unter meiner Anleitung, dieses Haus mit Leben zu füllen und denen zu dienen, die sich ihren Platz an der Sonne mit harter, ehrlicher Arbeit redlich verdient haben."
Kip spürt, wie ihre Knie zu zittern beginnen. „Halte durch, nur noch ein wenig", ermahnt sie sich im Geiste selbst.
Miss Mary deutet mit einer ausholenden Bewegung auf sechs fein säuberlich hergerichtete Stapel, ihr Ton nun geschäftiger.
„Doch zunächst gilt es, euer altes Leben hinter euch zu lassen. Jede nimmt sich ihre Dienstkleidung und eine Bürste. Auf den Zimmern steht ein Krug Wasser und ein Stück Seife. Schrubbt euch blitzeblank, die Fingernägel nicht vergessen. Eure alte Kleidung bringt ihr in fünfzehn Minuten wieder hierher, denn ihr benötigt sie nicht mehr."
Während sie spricht, bleibt ihr Blick an Kip hängen. Miss Mary mustert die eklektische Zusammenstellung ihrer Kleidung mit offensichtlicher Abscheu.
„Deine Kleidung – verbrennen wir. Nicht, dass wir nachher alle noch ein Läusebad benötigen! Und jetzt husch, ab in eure Kammern und zurück in fünfzehn!"
Kip betritt die ihr zugewiesene Kammer am Ende des Ganges gemeinsam mit ihrer zukünftigen Zimmergenossin, einem rotwangigen, kernigen Mädchen mit blondem Haar und blauen Augen, die eine gewisse ländliche Attraktivität besitzt. Nicht schön im klassischen Sinne, aber bezaubernd durch ihre Naivität und ihre gesunde Ausstrahlung. Der augenscheinliche Kontrast zu ihrer eigenen Erscheinung, ihrem geschundenen und ausgemergelten Körper, wird der jungen Frau schmerzlich bewusst. Auch ich war einst schön und voller Lebenskraft.
„Hallo, ich bin Emma", plappert die Blondine los. „Nicht das wir alle noch ein Läusebad benötigen", äfft sie die Hausdame nach, um unmittelbar in wildes Kichern auszubrechen und zu einem Monolog aus biografischen Eckdaten und Fragen anzusetzen, während sie sich gleichzeitig ihrer eigenen Kleider entledigt und die Dienstmädchenuniform anzieht.
„Ich liebe es hier. Was für ein großes Haus, ich wette die Herrschaften sind mindestens adelig. Oh Gott, vielleicht haben sie einen netten Jungen in unserem Alter. Ich komm aus Lichfield, das is nich weit von hier und du? Hast du Geschwister? Mein Vater ist Farmer, meine Mutter auch, is ja klar."
Kip nickt und schüttelt den Kopf an den passenden Stellen und kann nicht umhin zu bemerken, dass Emmas schlichte Art genauso ihren Reiz hat, wie ihr Äußeres. Dennoch will sie die Chance, sich zu waschen nicht ungenutzt verstreichen lassen. Die dampfende Schüssel mit heißem Wasser vor ihr und der Geruch der Seife sind beinahe ebenso verlockend wie der der Suppe in der Küche. Mit einem Blick von der Schüssel zur Tür deutet sie an, dass sie etwas Privatsphäre braucht, ein wortloser Wunsch, dem Emma bereitwillig nachkommt.
„Ich glaube, du hast es etwas nötiger als nicht, nicht böse gemeint, aber – na ja."
Alleine in der Kammer gilt Kips erste Sorge ihrem Verband. Ein vorsichtiger Blick unter die verkrustete Bandage bestätigt ihren Verdacht. Die Naht blutet wieder. All das Geschubse und Gezerre heute Morgen hatte seinen Preis gefordert, aber darum muss sie sich später kümmern. Das heiße Wasser schmerzt auf ihrer wunden Haut, doch das Gefühl der Sauberkeit lässt einen kleinen Funken Hoffnung in Kip aufkeimen.
Es könnte schlimmer sein.
Sorgfältig legt sie ihre schäbige Kleidung zusammen – die dicke Tweedhose, einen kurzärmligen Strickpullover, ein Hemd, Wollsocken und derbe Lederschuhe – und schlüpft in das frisch gestärkte, schwarze Dienstmädchenkleid, zieht die schwarzen Strümpfe über das Knie, legt den feinen Spitzenkragen um und teilt ihr kastanienbraunes, schmutzig-stumpfes Haar in der Mitte zu einem glatten Scheitel, um es im Nacken zu einem einfachen Chignon zusammenzubinden. Fast fühlt sie sich zurückerinnert an Zeiten von sauberer Baumwolle und fließenden Kleidern, Blumenwiesen und Seidenschals, Spitzenhandschuhen und Erdbeeren mit Sahne. Fast hätte sie vergessen, wie sehr sie sich nach so selbstverständlichen Dingen, wie einer ordentlichen Haarwäsche und einem richtigen Bad sehnt. Aber auch das muss warten.
Zuletzt befestigt sie das zarte Spitzenhäubchen mit ein paar Nadeln im Haar und atmet laut aus. Für jedes einfache Mädchen aus Birmingham musste diese Anstellung der Hauptgewinn sein. Für Kip jedoch bedeutet es das genaue Gegenteil ihrer Pläne. Untertauchen ist hier nicht möglich. Sie würde hier sichtbarer denn je sein, auch wenn sich niemand um sie scherte. Sie fasst den Entschluss, so weit wie nur möglich aus dem Sichtfeld der Herrschaft zu bleiben. Unauffällig sein.
Hab acht. Hüte dich.
Zaghaft tritt Kip aus der Kammer heraus, ihr stinkendes Bündel Kleidung fest umklammert.
„Mein Name ist Kip White. Mein Vater ist Malcom White …"
