Kapitel 3: Suppe

Zwei Teller Suppe später, die Kip erst hastig wie ein hungriges Tier, dann etwas gesitteter, herunterschlingt, fasst sie den Entschluss, ihre Aufmerksamkeit von nun an auf den Ort zu richten, an dem sie gelandet war, denn nur wenn sie wusste, mit wem sie es zu tun haben würde, könnte sie ihren Plan weiterverfolgen. Das Leben ist ein Schlachtfeld, denkt sie. Besser ich kenne meinen Gegner. Deshalb reiht sie sich zügig ein, als Miss Mary die Mädchen zu einer Führung durch das Haus aufruft.

„Prägt euch alles was ich sage so gut wie möglich ein," mahnt die Hausdame. „Ihr könnt mir Fragen stellen, aber nur ein Mal. Wer nicht begreift, ist schneller wieder in Small Heath als er denkt, verstanden?"

Die Dienstmädchen nicken eifrig, fest entschlossen, von Beginn an den bestmöglichen Eindruck zu hinterlassen, schließlich sind gute Referenzen Gold wert und es sind schwierige Zeiten. Kip will keinen Eindruck hinterlassen und quittiert die Ankündigung der Hausdame mit stoischer Gleichgültigkeit.

Nach einer schier endlosen Inspektion der öffentlichen Räume des Hauses – Salon, kleiner Salon, Damenzimmer, Herrenzimmer, kleines Speisezimmer, großes Speisezimmer, Abstellraum, Zwischenflur – endet die Führung in der Eingangshalle. Hier lässt Kip die Informationen der letzten Stunde auf sich wirken. Arrow House scheint entweder einem unbedeutenden Landadeligen oder einem mittelmäßig reichen Geschäftsmann zu gehören. Ein Blick auf das gigantische Familienportrait in der Halle – altmodische und beinahe naive Pinselführung – bestätigt ihren Eindruck. Hier lebt kein altes Geld.

Das Haus scheint unbewohnt und leblos, dunkle Holzvertäfelungen zieren die Wände aller Räume: die schweren Vorhänge zugezogen, fällt nur wenig Sonnenlicht in die Zimmer, in dessen dünnen Strahlen sich Staubkörner wie kleine Meerestiere unablässig drehen und wirbeln. Der Geruch von Leder, Tabak und altem, rauchigen Holz liegt schwer in den Räumen und verursacht Kip erneut leichte Übelkeit. Wer auch immer hier wohnt, empfängt offenbar keine Gäste und legt nicht den geringsten Wert auf Repräsentanz. Alles in diesem Haus ist alt und nicht auf die gute Art.

Wie aus dem Nichts gesellt sich eine weitere Hausdame zu Miss Mary, ihr mausartiges Gesicht und ihre zarte Statur, gepaart mit einem immerwährend sorgenvollen Blick, der fest auf die wartenden Mädchen gerichtet ist, scheint Kip seltsam vertraut.

Miss Mary versammelt die Mädchen vor den Portraits.

„Es ist an der Zeit, die Herrschaft kennenzulernen. Aus Zeitgründen beschränken wir uns auf die wichtigsten Personen. Nun, hier haben wir", sie deutet auf den Mann, „Mr Thomas Shelby, Geschäftsführer des erfolgreichen Familienunternehmens Shelby Company Ltd. und euer Dienstherr. Mr. Shelby ist ein vielbeschäftigter Mann und wünscht nicht gestört zu werden, außer auf ausdrückliche Anweisung. Eine von euch wird ihm persönlich zu Diensten stehen – welche entscheidet er natürlich selbst."

Kip studiert den Mann auf dem Portrait genauer. Wässrige blaue Augen, die gleichzeitig hochmütig und ausdruckslos auf sie herabschauen. Ein scheinbar altersloses Gesicht, ein einfacher dunkler Anzug, keine Uniform, keine Orden. Der Mann ohne Eigenschaften, denkt sie. Ihre Übelkeit schwillt an und ihr Magen krampft sich plötzlich zusammen. Kip drückt ihre Faust so unauffällig wie möglich in ihre Magengrube, um den stechenden Schmerz zu unterdrücken. Zu viel fette Suppe nach Tagen ohne feste Nahrung scheinen ihrem Körper nicht gut zu bekommen.

„Zu seiner Rechten seht ihr seine Frau Grace Shelby, die leider vor wenigen Monaten von uns gegangen ist. Gott habe sie selig."

„Gott habe sie selig.", murmeln die Mädchen im Chor. Ein blonder Engel, denkt Kip. Neben ihrem Mann wirkt Grace Shelby wie ein sorgfältig geschliffener Diamant. Ein ungleiches Paar.

Ein sanftes Lächeln huschte über Miss Marys Gesicht. „Und dann wäre da noch unser aller Sonnenschein, der junge Charles Shelby, Mr Shelby junior für euch. Miss Frances hier zu meiner Linken ist mit der Erziehung des jungen Shelby betraut." Miss Frances nickte langsam in Richtung der Mädchen. „Einen guten Tag und herzlich willkommen auf Arrow House."

„Was den Rest der Familie betrifft …", Miss Mary deutet mit einer ausladenden Armbewegung vage entlang der Halle auf zahlreiche größere und kleinere Gemälde von Männern und Frauen, „Die Shelby Familie ist zur Zeit", hier treffen sich die Blicke der beiden Hausdamen kurz „ - verstreut."

Natürlich ist es Emma, die als erste das Wort ergreift. „Entschuldigen Sie bitte, Miss Mary, aber wann kommen die Herren nach Hause?" Die anderen Mädchen nicken bekräftigend. Kalter Schweiß bricht auf Kips Stirn aus und durchnässt ihr Unterhemd, das kalt und klamm an ihrem Rücken zu kleben beginnt. Ein weiterer Krampf schickt eine Welle des Schmerzes durch ihren Körper und sie bemerkt panisch, dass sich der Speichel in ihrem Mund zu einem bitteren Klumpen zusammenzieht.

Bitte nicht jetzt.

„Nun ja…" Miss Mary senkt ihren Blick kurz, bevor sie mit ihrem Gedanken fortfährt. Erneut kreuzen sich die besorgten Blicke der beiden älteren Frauen. „Sie sind … auf Wanderschaft. Wann genau sie zurückkehren liegt in Gottes Hand, aber …", fährt sie in fröhlichem Ton fort, „es kann nicht mehr lange dauern und wir wollen alles daransetzen, den Herrschaften ein warmes Willkommen zu bereiten, nicht wahr?"

Wie auf ein Stichwort öffnen sich plötzlich die schweren Flügel des Eingangsportals. Sonnenlicht erhellt den Vorraum, so dass Kip eine Hand vor ihre Augen legen muss, um nicht geblendet zu werden. Schemenhaft erkennt sie die gezackten Umrisse eines Mannes, offenbar ein Kind auf dem Arm tragend, der langsam aus dem hellen Schein in die dunkle Umarmung des Hauses tritt.

„Mr Shelby!"

Als die schwere Eingangstür mit einem dumpfen Krachen ins Schloss fällt, eilt Miss Frances zu dem beiden Gestalten und legt ihre Hand auf die Wange des regungslosen Mannes. „Oh, Thomas – Charlie. Ihr seid zurück, Gott sei Dank."

„Frances." Mit einem wohlwollenden Nicken lässt der Mann das schlafende Kind in seinen Armen in die Arme der Nanny gleiten und richtet sich im Raum auf, sein regungsloser Blick auf die sechs neuen Hausmädchen gerichtet.

„Mary, wie ich sehe, waren sie in meiner Abwesenheit nicht untätig. Neue Mädchen für ein neues Haus. Ein neuer Anfang, ja?"

Kip kämpft erneut mit der bitteren Galle, die sich in ihrer Mundhöhle ausbreitet. Mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der es gewohnt ist, dass sein Name und Ruf ihm vorauseilten, beginnt er langsam die Reihe der Mädchen abzuschreiten, allesamt ihre Hände sittsam vor der Schürze gefaltet, bereit zu einem Knicks.

Die erste stellte sich vor. „Anna Cummings, Small Heath, Sir."

Die Nächste. „Emma Hicks, Lichfield. Sir."

Die Dritte. „Roisin O'Connel, Cork, Sir."

Der Mann lässt seine Blicke weiter regungslos über die Mädchen gleiten. Kip klammert sich mit einer Hand am Treppenpfosten fest, um nicht den Halt zu verlieren.

Kip White, Kip White, Kip White….

Nur wenige Schritte trennen sie noch von dem Mann.

„Susan Miller, Solihull, Sir."

„Becca Ingleton, Aston, Sir."

Kip White, Kip White, Kip White ….

Kip hält den Blick gesenkt, als ihr zukünftiger Dienstherr vor ihr stehen bleibt.

„Kip….", krächzt sie. Zu lange hatte sie nicht mehr gesprochen und die Worte, die sie bisher nur im Geiste geformt hatte, verlassen ihren Mund in einer Mischung aus Krächzen und Flüstern.

„Wie bitte?" Thomas Shelby beugt sich vor, die Hände in den Hosentaschen.

„Kip White …. Sir."

„Lancashire oder Warwickshire?"

Kip hebt ihren Blick. „Was?"

„Welcher Familienzweig?"

„N….Nottingham. Sir."

Wenige, für Kip endlos lange, Sekunden stehen sich beide gegenüber. Thomas Shelby schaut ihr in die Augen und sie hat das Gefühl, als sähe er direkt durch sie hindurch.

„Mh."

Just in den Augenblick, als Thomas Shelby den Blick löst und sich von ihr abwendet, bricht Kips Kartenhaus aus Übelkeit, Schwindel und Fassung in sich zusammen. In einem heißen Schwall erbricht sie sich krampfartig über ihre Hand direkt auf Thomas Shelbys sorgfältig polierte Schuhe. Die Zeit scheint still zu stehen, als Kip, die Hand noch immer vor ihrem Mund, sich vorsichtig aufrichtet. Grabesstille herrscht in der Vorhalle. Sie wagt es kaum, den Blick zu heben, aber das Elend, das sich zu ihren Füßen darbietet, machte es auch nicht besser.

„Bezaubernd, wirklich," sind die vorerst letzten Worte, die Thomas Shelby an sie richten sollte, bevor er für lange Zeit in seinem Büro verschwindet. Doch das letzte Wort in dieser Sache hat selbstverständlich Miss Mary.

„Ab in die Küche mit dir!", zischt die Hausdame zwischen zusammengepressten Lippen hervor, scheinbar mindestens so peinlich berührt, wie Kip selbst.

So viel zu guten ersten Eindrücken.