Der Anschlag aus dem Nichts

Die nächsten Tage und Wochen vergingen wie im Flug. Zwischen Unterricht und Quidditchtraining, das James fast jeden Tag ansetzte, war kaum noch Zeit für irgendetwas anderes und Lily hatte den Eindruck, dass Colin und Eric sich benachteiligt fühlten, doch wenigstens warfen die beiden ihr keine bösen Blicke zu, wenn sie ihnen begegnete oder sich doch mal für ein Weilchen zu ihnen gesellte, ganz im Gegensatz zu Hugo, denn dieser schien sehr beleidigt deshalb zu sein, dass Lily ihm den Platz in der Gryffindor-Quidditch-Mannschaft streitig gemacht hatte, was eigentlich so lief, wie erwartet.

Egal wo Lily ihm begegnete, er machte einen riesigen Bogen um sie und setzte sich immer mit möglichst großem Abstand von ihr weg.

Lily deprimierte das ziemlich. Sie hatte nie gewollt, dass Hugo sauer auf sie war.

„Mach dir nichts daraus", tröstete Oliver McKinnon sie eines Abends, als Lily pitschnass vom Quidditchtraining hereinkam und Hugo bei ihrem Anblick alle Zelte abbrach und in seinen Schlafsaal verschwand.

Lily wusste nicht recht, ob sie sich wirklich von Oliver trösten lassen sollte, da sie von ihm kein sonderlich gutes Bild hatte.

„Ich kann ja mal mit ihm reden", schlug Oliver vor, doch Lily schüttelte bloß den Kopf.

„Lass nur, Oliver", wandte sie ab, da sie wusste, dass es nicht viel bringen würde, weil bisher schon all ihre Familienmitglieder aus Gryffindor daran gescheitert waren und nach ganzen sieben Versuchen tat es nicht auch noch ein achter.

Schnellstmöglich eiste Lily sich von Oliver los, um auch in ihr heißgeliebtes Himmelbett oben im Turm zu gelangen.

Die kleine Emma lief Lily, Colin und Eric außerhalb des Unterrichtes auf Schritt und Tritt hinterher und mittlerweile hatten sich die drei so sehr an sie gewöhnt, dass es ihnen komisch vorkam, wenn sie nicht dabei war.

Emma versuchte ihnen auch nicht mehr übermäßig viele Informationen mitzuteilen, doch sie waren sicher noch einen großen Schritt davon entfernt, sie ihre Freundin zu nennen.

Lily hoffte trotzdem, dass sich die Sache mit Hugo bald wieder einrenken würde, auch wenn das noch eine ganze Zeit lang dauern konnte, so wie er sich aufführte.

Am Freitag nach dem Frühstück und fast wären Lily, Colin und Eric in der dritten Woche zu spät gekommen, denn Colin hatte das Frühstück heute extra lang ausgekostet. Vielleicht kam es Lily nur so vor, aber sie hatte den Eindruck, er aß noch mehr als im vorherigen Jahr.

Fünf Minuten vor Unterrichtsbeginn hatten Lily und Eric ihn dann bei den Armen gepackt und gerade noch rechtzeitig in den vierten Stock geschleift, wo Professor Crouch ihnen gleich zu Anfang des Unterrichts erklärte, ab sofort damit beginnen würden, etwas größere Tiere in Gegenstände zu verwandeln. Dazu bekam jeder zu Anfang der Stunde einen kleinen Vogel, aus dem später ein Becher werden sollte.

So sehr Lily sich auch bemüht hatte, ihr Vogel hatte am Ende der Stunde immer noch Gefieder und Krallen und so bekam sie eine Ladung Extrahausaufgaben auf, die sie bis zum nächsten Tag erledigt haben sollte. Zum Glück war sie da jedoch nicht die einzige.

Nicolas Martins Vogel hatte sich gerade mal silbrig verfärbt und der von Susanna Lewis hatte lediglich den Schnabel verloren. Von den Gryffindors hatte die Aufgabe keiner wirklich meistern können, während bei den Ravenclaws Lucy und ein anderes Mädchen namens Clementia Tiffin einen Becher nach dem anderen herbeizauberten.

Lucy, ihre Cousine, die in Partnerarbeit mit ihr zusammenarbeiten sollte, schienen Lilys Misserfolge tierisch zu nerven.

„Das ist doch ganz einfach, Lily, schau nur", sagte sie, schwang ihren Zauberstab und murmelte, „Feraverto!"

Sofort wurde aus dem vor ihr sitzenden Vogel ein schöner silberner Trinkpokal.

„Toll", brummte Lily.

Lucy stemmte die Hände in die Hüften und sah damit Grandma Molly sehr ähnlich.

„Streng dich doch einmal etwas mehr an!", befahl sie.

Eigentlich ging Lily das ziemlich auf die Nerven, doch sie wollte sich nicht auch noch mit Lucy zerstreiten, jetzt wo Hugo sie auch schon durchgehend ignorierte.

„Ravenclaws", sagte Lily deshalb und Lucy ignorierte das beflissentlich.

„Ich habe das Gefühl, dass du mit deinen Gedanken ganz wo anders bist", stellte Lucy auf einmal fest.

„Lucy, ich hab dieses Tierverwandlungskram schon von Anfang an nicht so gut hinbekommen", entgegnete Lily, „Ich glaube nicht, dass es an meinen Gedanken liegt."

Aber im Grunde genommen hatte Lucy Recht. Sie hatte sogar genau ins Schwarze getroffen. Es gab einfach so Vieles für das Lily sich momentan mehr interessierte, als Tiere in Haushaltsgeräte zu verwandeln.

Mal ganz abgesehen von der Sache mit Hugo, verfiel Lily häufig in Tagträume, die darüber handelten, wie sie am Nachmittag beim Quidditchtraining durch das Stadion sauste oder sich vorstellte, wie Gryffindor bei ihrem bald ersten Spiel gegen Slytherin gewinnen würde, das immer näher rückte und dessentwegen Lily zunehmend aufgeregter war.

Bereits am Anfang der Woche war sie von Professor Cauldwell mehrmals getadelt worden, der während eines langen Redeschwalls über eine Schwelllösung ihren träumerischen Blick bemerkt hatte und sie daraufhin aufgefordert hatte sein Gesagtes zu wiederholen, doch natürlich wusste Lily nichts zu sagen.

„Ach, das wird schon", ermutigte Colin sie, als sie nach der Stunde hinauf in den Gemeinschaftsraum gingen, um ihre Freistunde vor dem Mittagessen dort zu verbringen.

Verwandlung war bisweilen Lilys schlechtestes Fach gewesen, zumindest von denen, die sie für wichtig hielt. Es war nicht so, dass sie es nicht wollte, es war eher so, dass sie es einfach nicht konnte.

„Max, wie lief eigentlich dein Nachsitzen mit Baddock gestern?", wandte sich Davey Robins an ihn, als sie alle gemeinsam den Gemeinschaftsraum betraten.

„Sagen wir aufschlussreich", grinste Max nur und verschwand dann die Wendeltreppe hinauf im Schlafsaal, bevor er mit dem dicken Wälzer, den er schon vor ein paar Wochen in Zauberkunst gelesen hatte, wieder hinunter in den Gemeinschaftsraum kam.

„Hast du immer noch nicht herausgefunden, was du gesucht hast?", fragte Penelope Roper interessiert und Max schüttelte den Kopf.

„Es gibt einfach viel zu viele Reinblüter", seufzte er und schlug das Buch auf.

Am Montag darauf erfuhren sie, dass Max das Buch erfolglos wieder zurück in die Bibliothek gebracht hatte. Was genau er darin gesucht hatte, blieb den anderen Erstklässlern natürlich schleierhaft, aber es belästigte ihn dennoch niemand mehr mit Fragen.

Während sie an diesem Tag in Kräuterkunde nur Theorie durchnahmen, strengte Lily sich in der Stunde Zaubertränke um so mehr an, ihre Träumereien der vorherigen Wochen wettzumachen und sie brachte Gryffindor bis zum Ende der Stunde allein ganze 40 Punkte ein.

Nach dem Mittagessen gingen die Gryffindors dann zu Zauberkunst in den dritten Stock. Dieser war ziemlich überfüllt und sie mussten sich regelrecht durch die Menge kämpfen. Ihrer Größe wegen konnte Lily nur wenig sehen und wusste deshalb nicht einmal recht, ob sie in die richtige Richtung gingen.

Willkürlich folgte sie einfach Colins blondem Haarschopf, bis plötzlich ein lauter Knall und ein schmerzvoller Schrei ertönten.

Lilys Herz rutschte in die Hose, doch aus irgendeinem Grund hatte sie sofort ihren Zauberstab gezogen, so als sei es ein altbekannter Reflex.

Nachdem aus einer Ecke dann noch schwarzer Rauch aufstieg, brach im Korridor plötzlich Panik aus. Viele Schüler schrien und Lily wurde, so klein und schmal sie eben war an die Seite gedrängt und gequetscht. Würden nicht alle so unglaublich eng stehen, wäre sie sicher hingeflogen, als ein älterer Schüler an ihr vorbei eilen wollte und sie dabei grob zur Seite schubste.

Lumos!", rief Lily in die schwarze Rauchwolke hinein, die sich immer weiter ausbreitete und sie fragte sich, ob sie eine ähnliche Auswirkung hatte wie Fumus caeruleus, den sie Ende letzten Jahres gegen Nott, Goyle und Flint verwendet hatte.

Weitere Schreie erklangen, als zwei grelle gelbe Flüche abgefeuert wurden, doch niemand hätte erkennen können von wem und Lily, die ihren Zauberstab noch gezückt hatte schoss einen Expelliarmus in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Gleichzeitig bezweifelte sie jedoch, dass es irgendjemandem half, da sie jeden hätte treffen können. Ganz im Gegenteil stieg die Panik dadurch eher noch weiter an und Lily wurde nun unsanft nach vorn geschubst, eindeutig von einem älteren Schüler mit Absicht.

Die meisten begannen nun zu husten und auch Lily selbst fühlte sich allmählich unwohl. Es war, als ob der Rauch sie schläfrig machte.

Ihre Beine fühlten sich schwach an, so als ob sie sie nicht mehr tragen könnten.

„Lily?", hörte sie Erics Stimme durch das durcheinander rufen.

„Ich bin hier", versuchte sie sich zu erkennen zu geben, doch sie wusste, es hatte ohnehin keinen Sinn.

„Ruhe", brüllte auf einmal eine Stimme, „Bleibt ruhig!"

Ventus!"

Es schien Professor Baddock zu sein, zumindest glaubte Lily ihn an der Stimme zu erkennen. Sein Zauberspruch löste eine heftige Windböe aus, die durch den überfüllten Korridor fegte und die aufgekommene Rauchwolke, wegtrieb, sodass Lily wieder frei atmen konnte und so langsam wieder Kraft in ihren Beinen bekam.

Nun da sie wieder sehen konnte, blickte sie sich um. Ein paar jüngere Schüler bluteten. Lily sah, dass Max Fry eine Wunde am Kopf hatte, auch wenn das noch nichts im Vergleich zu Susanna Lewis war, die bewusstlos unter einem bulligen Slytherin-Viertklässler lag.

Mehrere Schüler lagen bewusstlos auf dem Boden, besonders an einer Stelle etwas weiter weg von Lily, wo sie auch ihren Fluch hin gefeuert hatte.

„Also gut, wer ist dafür verantwortlich?", brüllte Professor Baddock und fast alle sahen ängstlich drein, doch niemand meldete sich.

„Dann gehen sie jetzt alle sofort in ihren Unterricht. Ich will niemanden mehr hier sehen, verstanden? Die Verletzten begeben sich auf der Stelle in den Krankenflügel!"

Er beschwor einige Tragen herauf und übergab dann einigen Schülern die Aufgabe, diese in den Krankenflügel schweben zu lassen.

„Geht es euch gut?", fragte Lily, als sie neben Colin und Eric trat, doch die beiden schienen unversehrt.

„Was war das?", fragte Eric und runzelte die Stirn.

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich ein paar blöde Slytherins", vermutete Colin und stellte sich auf Zehenspitzen.

„Hast du den Entwaffnungs-Zauber geschickt, Lily?", fragte Max.

„Ja, wieso?", fragte sie.

„Dachte ich mir. Das war gut. Du hast damit vier Leute entwaffnet!"

Er sah nochmal kurz zu der Stelle hinüber und grinste Lily dann an.

„Na ja, ich glaube, ich werde auch mal in den Krankenflügel gehen", sagte er und deutete auf seine Wunde.

Lily verzog das Gesicht.

Es sah ziemlich schmerzhaft aus und dann auch noch am Kopf.

„Bis später", sagte Lily und sah ihm kurz nach.

„Kommt rein!", blaffte Professor Baddock auf einmal die Zweitklässler an und Lily ließ sich das nicht zwei Mal sagen.

Trotz der kuriosen Umstände zog Professor Baddock seinen Unterrichtsplan strikt durch, doch leider schien er durch die Sache noch missgelaunter als sonst, weshalb Gryffindor in dieser Stunde um die 60 Hauspunkte verlor, was natürlich alle unfair fanden, doch ihn störte das selbstverständlich nicht.

Als Professor Baddock sie schlussendlich alle entließ, atmete Lily erleichtert auf.

„Und jetzt?", fragte Colin, als sie zusammen in den Gemeinschaftsraum gingen.

Lily zuckte nur die Schultern.

„Vielleicht ist es nur ein schief gegangener Streich", murmelte Eric mehr zu sich selbst, klang dabei allerdings nicht überzeugt.

Sie alle dachten immer noch über die Geschehnisse nach.

Das konnte kein einfaches Duell gewesen sein, dachte sie, auch wenn sie sich nicht sicher war warum, doch sie hatte dieses seltsame Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Genau das gleiche, das sie letztes Jahr auch gehabt hatte, als Lily, Colin und Eric John Walker an ihrem Porträtloch vorgefunden hatten.

„Sagt mal, habt ihr beide irgendetwas gesehen, am Anfang. Wo der Knall herkam zum Beispiel?", fragte Lily, doch Colin und Eric schüttelten die Köpfe.

„Ich wollte ja nichts sagen", fing Eric plötzlich an, „aber ich habe das Gefühl, dass das kein Duell war. Ich meine, wenn da ein Streit gewesen wäre, hätten wir es mitbekommen, oder?"

„Es kann aber auch sein, dass jemand jemand anderen von hinten angegriffen hat, einfach so", sagte Colin.

„Ja, kann sein", überlegte Lily und plötzlich kam ihr eine Idee.

„Lasst uns hoch in euren Schlafsaal gehen", sagte sie und Colin und Eric warfen sich gegenseitig skeptische Blicke zu.

„Was hast du vor?", fragte Colin, der jetzt schneller gehen musste, weil Lily es auch tat.

„Erkläre ich euch oben, aber wir müssen uns beeilen."

„Irgendwo muss dieser verdammte Trank doch sein", fluchte Lily und durchblätterte ihr Zaubertrankbuch.

„Habt ihr drei irgendetwas vor?", fragte Nicolas Martin, der auf seinem Bett saß und vorhin noch an seinen Hausaufgaben für Verwandlung gearbeitet hatte, ihnen jedoch nun in voller Aufmerksamkeit zusah.

„Hat sie uns auch noch nicht erklärt", antwortete Colin Schultern zuckend und ließ sich auf sein Bett fallen, während Lily seinen Kessel zu sich zog.

„Einer von uns muss diesen Trank trinken, um krank zu werden", sagte Lily, „der geht dann in den Krankenflügel und versucht ein paar Informationen zu bekommen."

„Eric macht das", sagte Colin sofort und zeigte auf seinen Zimmergenossen, doch Eric verdrehte nur die Augen.

„Na, ich habe schon meinen Kessel verliehen", entgegnete er daraufhin.

„Bevor ihr euch streitet, Jungs. Ich habe kein Problem damit das Zeug zu schlucken. Immerhin weiß ich ja wohl am besten, was ich gebraut habe", warf Lily ein, damit es nicht noch zu einem Streit kam.

„Gut", sagte Colin nur.

„Nein, ich will den Trank nehmen", sagte Eric, „Immerhin bin ich nicht umsonst ein Gryffindor!"

Er legte sehr viel Betonung auf die letzten Worte.

Colin warf ihm einen bösen Blick zu und murmelte etwas Unverständliches und Eric schnitt ihm eine Grimasse.

„Ich werde im Unterricht auch für dich mitschreiben", sagte Lily und heizte mit ihrem Zauberstab die Temperatur etwas an.

„Äh... Lily? Wie lange wird man von dem Trank denn krank und wie krank überhaupt?", fragte Eric auf einmal mit weniger Eifer.

„Drei bis vier Wochen können es schon werden", antwortete sie und rührte mehrmals um, „Du bekommst rote und grüne Pocken überall auf deinem Körper, die ziemlich jucken und sehr wahrscheinlich hast du immer wieder Fieberanfälle mit Halluzinationen."

Eric sah plötzlich blass aus, doch das war genau das, was Lily wollte.

„Ich nehme den Trank", erklärte Lily, „Lass gut sein, Eric."

Zu allerletzt gab Lily noch ein wenig Schlangenblut hinzu, rührte dreimal gegen den Uhrzeigersinn und füllte mit einer Kelle ein wenig in einen Becher. Sie musste zugeben, dass sie ziemlich angewidert von dem Trank war, doch sie kniff die Augen zu und schluckte das Zeug schnell herunter.

„Tut mir einen Gefallen und verkorkt den Rest. Vielleicht können wir ihn noch einmal gebrauchen", sagte Lily zu Colin und Eric. „Wir sehen uns dann später!"

Eiligst und, bevor sie sonst irgendjemand mit roten und grünen Flecken im Gesicht sehen konnte, stürmte Lily die Wendeltreppen hinunter, durch den Gemeinschaftsraum und durch das Porträtloch.

Es wäre auch zu schön gewesen, hätten James und Albus das gesehen. Da konnte sie sich auf einen Ansturm von Fragen gefasst machen.

Während sie sich auf den Weg zum Krankenflügel machte, bemerkte sie, wie sich langsam Dellen in ihrer Haut bildeten, die sich gelb färbten.

Lily war sehr darauf bedacht nicht allzu vielen Schülern zu begegnen, wer wusste, welche Gerüchte dann herumgehen würden und sie wollte wegen dieser ganzen Sache nicht wie eine Aussätzige behandelt werden, nur weil sie ihre Neugierde mal wieder nicht im Griff hatte.

Ohne zu klopfen, trat sie in den Krankenflügel.

„Du liebe Güte", sagte Madame Longbottom und drückte sie sofort auf ein Bett.

Es war zufällig das neben Max Fry, der mit seiner Kopfverletzung gleich hierhergekommen war. Sie selber verschwand kurz in ihrem Büro.

„Du bist immer noch hier?", fragte Lily verwundert und Max nickte.

„Sie will mich nicht gehen lassen, bis die Wunde verheilt ist. Aber was ist eigentlich mit dir passiert. Hat Nott dich angegriffen?", fragte Max und grinste dabei breit.

„Ach was", winkte Lily ab, „Ist eine lange Geschichte. Ich erzähle sie dir später."

Denn genau in diesem Moment ging die Tür zum Krankenflügel erneut auf und Lily hätte am liebsten gejubelt.

Sie hatte sich gedacht, dass bei diesem Ausmaß von Verletzten der Schulleiter persönlich vorbeikommen würde und mit ihm waren alle vier Hauslehrer gekommen.

„Brenton", sagte Madame Longbottom, die nun wieder aus ihrem Büro getreten war, dabei hatte sie eine seltsame Tinktur, von der Lily hoffte, dass sie nicht für sie bestimmt war, da die senfgelbe Flüssigkeit noch unappetitlicher aussah, als der Trank, den sie vorhin zu sich genommen hatte.

„Malcolm hat mir bereits berichtet, was passiert ist", erklärte Professor Wennell und nickte mit dem Kopf in Richtung Professor Baddock.

Lily verzog das Gesicht.

„Ich würde mir gern einmal einige Schüler ansehen", fügte er hinzu.

„Dann kommen Sie hier herüber", sagte Madame Longbottom und führte ihn an ein Bett weiter hinten im Raum, in dem eine Ravenclaw-Sechstklässlerin lag.

„Miss Corner hat es am Schlimmsten erwischt", sagte sie bedauernd und deutete auf das doch recht hübsche Mädchen.

„Ich weiß leider nicht, was es ist, aber das war kein Zauber, den ein normaler Schüler hätte zustande bringen können", erklärte sie.

„Was wollen Sie damit sagen?", fragte Professor Crouch mit weit geöffneten Augen.

„Dass es sich hierbei offensichtlich um schwarze Magie handelt", antwortete Professor Longbottom für seine Frau.

Lily hörte aufmerksam zu.

„Ach, wir dürfen nicht immer vom Schlimmsten ausgehen", versuchte Professor Wennell die anderen Lehrer zu beschwichtigen und blickte näher auf die Schülerin herab.

Erst jetzt wurde Lily die Ähnlichkeit zwischen ihr und Marcus klar und sie erinnerte sich daran, was Emma bei der Auswahlzeremonie erzählt hatte. Das bewusstlos daliegende Mädchen war Mathilda Corner.

„Erwähnten Sie vorhin nicht etwas von schwarzem Rauch, Malcolm?", fragte Professor Logbottom an Professor Baddock gewandt weiter.

Dieser nickte sofort bestätigend.

„Ja, aber das könnte auch gut dieses Instant-Finsternispulver von Weasleys Zauberhafte Zauberscherze gewesen sein", murmelte dieser mit einem finsteren Blick, so als hätte er schon ein ums andere Mal negative Erfahrungen damit gemacht.

Eigentlich hatte Lily vorgehabt zu schweigen, doch nun stand sie auf und ging zu der Lehrergruppe hinüber.

„Miss Potter?", fragte Professor Crouch und musterte sie von oben bis unten.

„Es tut mir Leid, dass ich ihr Gespräch belauscht habe", fing Lily an und hörte Professor Baddock mit den Zähnen knirschen, „aber ich war bei dem Anschlag dabei und ich kann Ihnen versichern, dass das kein normales Instant-Finsternispulver war. Vielleicht sah es so aus, aber nach der Zeit, also, als ich mehrmals etwas davon eingeatmet hatte, habe ich mich so schummrig gefühlt und das Gefühl in meinen Beinen verloren."

Professor Wennell musterte sie interessiert.

„Interessant, Miss Potter, nun dieser Spruch wäre mir dann durchaus bekannt, aber das ist höhere schwarze Magie", sagte er, „und ich glaube nicht wirklich, dass jemand von unseren Schülern dazu imstande wäre, diesen Zauber zu vollbringen."

Professor Baddock zog die Brauen hoch, ganz so als wolle er verkünden, dass er anderer Meinung sei.

„Oder haben Sie da etwas einzuwenden, Malcolm?", fragte Professor Wennell belustigt und er schenkte auch Lily ein Lächeln.

„Nun, ich würde nur anmerken, dass man nichts ausschließen sollte", entgegnete dieser.

„Dem würde ich zustimmen, wenn wir an die Ereignisse vom letzten Jahr zurückdenken", merkte Professor Cauldwell an und zwinkerte Lily zu.

„Nun gut", sagte Professor Longbottom, „allerdings wäre da dann auch die Frage, wo in diesem Korridor sonst schwarze Magie hergekommen sein sollte?"

„Das werden wir herausfinden", sagte Professor Wennell sehr zuversichtlich, „Haben Sie sonst noch etwas gesehen, Miss Potter?"

Lily überlegte.

„Zwei grelle gelbe Flüche", sagte sie dann und Professor Wennell schien auch einige Zeit darüber nachzudenken, denn er sagte nichts.

„Wahrscheinlich machen wir uns zu viele Gedanken", sagte Professor Crouch auf einmal, „vielleicht würden wir nicht so denken, hätten wir nicht damals den Krieg miterlebt. Was wenn das einfach nur ein schwerwiegender Schülerstreich war?"

„Nun, wie Malcolm eben angemerkt hat, Fiona, wir dürfen nichts ausschließen", erklärte Professor Longbottom und wandte sich dann an seine Frau Hannah.

„Können wir nur hoffen, dass sie sich erinnert, wenn sie wieder aufwacht", sagte er und deutete auf Mathilda.

„Gewiss, Neville, gewiss", erklärte Professor Wennell, „Sie wird schon bald wieder auf den Beinen sein."

„Ein Monat wird sie sicherlich brauchen", erklärte Hannah, „Es wäre in jedem Fall korrekt, ihre Familie zu verständigen."

„Selbstverständlich", sagte Professor Crouch und nickte.

Professor Wennell und die anderen wandten sich zum Gehen, doch auf den letzten paar Metern drehte Professor Cauldwell sich um.

„Ach, übrigens Hannah, geben Sie Miss Potter einen Anti-Pockentrank. Ich denke, das wird helfen."

Er zwinkerte Lily nochmals zu.

„Wirklich ausgezeichnete Brauarbeit, Miss Potter", lobte er sie, doch Lily hielt den Atem an und merkte wie ihr Gesicht heiß wurde.

Wahrscheinlich hatte es schon dieselbe Farbe wie ihre Haare. Professor Wennell schmunzelte vergnügt und dann verließen sie alle den Krankenflügel.

Max, der die ganze Szene mitbekommen hatte, biss sich inzwischen in seine eigene Faust, um nicht laut loslachen zu müssen.

Ein wenig später war es Lily ebenfalls erlaubt worden zu gehen, nachdem sie viel Gelächter seitens Max bezüglich ihres Planes hatte ertragen müssen, auch wenn er zugegeben hatte, dass es genial gewesen war.

„Ich dachte, wenn man diesen Trank nimmt, liegt man Wochen im Bett?!", fragte Eric und starrte Lily an, als sie sich zu ihm, Colin und Emma an einen Tisch im Gemeinschaftsraum setzte.

Emma schien über alles aufgeklärt worden zu sein. Jedenfalls blickte sie erwartungsvoll und gespannt zu Lily.

„So ähnlich", winkte Lily ab und erzählte von ihrem Gespräch mit dem Schulleiter und den Hauslehrern.

„Komisch", bemerkte Colin nur und wollte gerade etwas Neues ansetzen, als Eric ihn unterbrach.

„Warum hast du nun erzählt, dass man einen Monat im Bett liegt, wenn man diesen Trank nimmt?", fragte er, was Emma ziemlich witzig fand.

Lily seufzte.

„Glaubst du ehrlich, ich hätte euch einen Trank von mir trinken lassen?", fragte Lily, „Mal angenommen es wäre etwas schief gegangen, glaubt ihr, ich hätte dann daran Schuld sein wollen?"

„Ich dachte du wärst dir so sicher, dass nichts schief geht", feixte Colin, doch Lily ignorierte es.

„Vielleicht sollten wir uns diesen Korridor noch einmal genauer ansehen", überlegte Eric.

„Ich weiß nicht, ob das etwas bringt", sagte Lily, „aber ja. Nur nicht mehr heute. Professor Cauldwell hat bemerkt, dass ich diesen Trank selber gebraut habe, um mich in den Krankenflügel zu bringen. Die Lehrerschaft muss ja nicht gleich wissen, dass wir auf eigene Faust versuchen Nachforschungen anzustellen. Außerdem versucht so niemand etwas vor uns zu vertuschen, wenn wir nicht so auffällig sind."

„Übrigens", sagte Colin nun endlich, „die Sache mit dem Trank hättest du dir auch sparen können, oder? Ich meine, wozu haben deine Onkel einen Scherzartikelladen? Die Nasch-und-Schwänz-Leckereien wären sicher ein bisschen effektiver gewesen."

„Glaubst du nicht, dass Madame Longbottom die Nasch-und-Schwänz-Leckereien nach all den Jahren hier in- und auswendig kennt? Sie ist hier zur Schule gegangen, als ihre Onkel sie entwickelt haben und Weasleys Zauberhafte Zauberscherze ist nicht gerade der neueste Laden. Der Trank hat wenigstens nicht gestört, immerhin konnte Lily frei reden und hat nicht permanent geblutet oder gekotzt", machte Emma Colins Vorschlag gleich zunichte.

Colin starrte sie an.

„Emma hat Recht", gab Lily zu, „aber es macht jetzt auch keinen Unterschied mehr."