Die Halloween-Geister

In den folgenden Tagen und Wochen rückten die Ereignisse um den Anschlag für Lily immer weiter in den Hintergrund, denn James hatte ihnen verkündet, dass sie den gesamten Oktober über jeden Tag trainieren würden.

„Wir sind in diesem Jahr an jedem Spieltag als erste dran", verkündete er ihnen am Montag darauf in der Umkleide und sah gespannt in die Runde, „Das heißt, das erste Spiel gegen Slytherin ist der letzte Samstag im Oktober. Gegen Hufflepuff spielen wir im Februar und unser letztes Spiel gegen Ravenclaw findet Ende April statt. Schreibt es euch rot in eure Kalender!"

„Was machst du so einen Wirbel?", fragte Fred verwundert, „Wir haben letzte Saison herausragend gespielt und unser Team hat sich kaum verändert. Das schaffen wir wieder!"

Die übrigen Teammitglieder klatschten und jubelten.

Fred hatte Recht. Das Quidditchteam der Gryffindors hatte sich wirklich kaum verändert und wirklich neu fühlte Lily sich in dem Team auch nicht, da es zu einem Großteil aus ihren Verwandten bestand und sie ihr ganzes Leben lang mit ihren Cousins und Cousinen gespielt hatte. Die einzigen, an die sie sich hätte gewöhnen müssen, waren Cody Stevens, der Hüter und Leslie Middleton, eine Treiberin. Allerdings hatte Lily als Jägerin weniger mit den beiden zu tun und sie hatte sich daher inzwischen gut im Team eingefunden.

„Die Slytherins haben zwar rein gar nichts an ihrem Team verändert, aber das Spiel gegen die Ravenclaws letzte Saison war für uns brenzlig. Wir sollten vorsorgen, dass es dieses Mal nicht so weit kommt, dass wir in Rückstand geraten. Außerdem weiß ich aus ziemlich sicherer Quelle, dass die Hufflepuffs, jetzt wo Derricks weg ist, ihr halbes Team umgestellt haben. Hitchens ist jetzt Kapitän und so ungern ich es auch zugebe, aber er hat wirklich etwas drauf", schloss James seinen Vortrag.

„Aus ziemlich sicherer Quelle", wiederholte Fred belustigt und zog die Augenbrauen hoch, „Hast du dir deshalb eine Freundin aus Hufflepuff gesucht?"

James warf ihm einen bösen Blick zu, doch Lily horchte auf.

James hatte eine Freundin? Ihr Bruder James hatte seine erste Freundin?

„Also, läuft da doch etwas", stellte Roxanne zufrieden fest.

Sie hatte nun ein breites Grinsen auf dem Gesicht und auch Albus sah aus, als hätte er gerade einen Schnatz gefangen.

James verdrehte die Augen.

„Meinetwegen, macht euch so viele Gedanken um mein Liebesleben, wie ihr wollt", sagte James entnervt, „Solange wir im Quidditch gewinnen, ist mir alles andere egal."

Lily runzelte die Stirn.

„Warum so gereizt?", fragte Albus belustigt, doch James würdigte ihn keines Blickes und schritt nun aus der Umkleidekabine hinaus.

Offenbar waren sie mit der Besprechung fertig und sie würden mit dem echten Training beginnen.

So verbrachte Lily sämtliche Abende im Oktober auf dem Quidditchfeld und trainierte hart, um im Spiel gegen die Slytherins hoffentlich zu glänzen.

Der letzte Samstag im Oktober fiel in diesem Jahr auf Halloween. Sollten die Gryffindors in diesem Jahr also gewinnen, so würden sie die inzwischen schon traditionelle Party im Gemeinschaftsraum wieder einmal ausfallen lassen müssen, da das Halloween-Festessen unten in der großen Halle stattfinden würde.

Als Lily am Morgen die Große Halle betrat, musste sie erst einmal schlucken. Hatte sie im letzten Jahr geglaubt, dass das Interesse an Quidditch in Hogwarts riesig sei, wurde sie nun eines besseren belehrt. Es war gewaltig.

Am ganzen Gryffindortisch gab es nicht eine einzige Person, die nicht in Rot und Gold geschmückt war.

Nervös setzte Lily sich mit Colin, Eric und Emma an den Gryffindortisch in die Nähe von den anderen Spielern der Mannschaft.

Gerade hatte sie sich niedergelassen, als ein Sprechgesang losging:

Go, go, Gryffindor,

für unsere Spieler singen wir im Chor:

Wie auch schon beim letzten Mal,

holen wir uns den Pokal!

Go, go, Gryffindor,

Slytherin jedes Spiel verlor.

Denkt ihr, ihr macht uns heut' platt?

Falsch! Wir bügeln euch aalglatt!

Go, go, Gryffindor,

nie so nah wie je zuvor!

Weil wir den Pokal so lieben,

sind es in der Zahl bald sieben!"

Verdutzt blickten Lily, Colin, Eric und auch Emma sich an. Diese überaus wichtige Information hatte James ihnen offenbar verschwiegen. Aber Lily hätte es wissen können, denn sie kannte die Zaubererwelt ja schließlich nicht erst seit gestern. In Hogwarts hatte es bisher kein Haus jemals geschafft den Quidditchpokal siebenmal hintereinander zu erlangen. Gryffindor jedoch war nun auf dem besten Wege dorthin, denn sie hatten ihn nun mit dem letzten Jahr das sechste Mal infolge einkassiert. Ein wenig mulmig wurde Lily schon, während die anderen Schüler nun allerdings von Professor Crouch zum Schweigen gebracht wurden.

„Hebt euch eure Euphorie für nachher auf!", brüllte sie mit magisch verstärkter Stimme durch die Große Halle.

„Wer hat das gedichtet?", fragte Lily an Rose gewandt, die gegenüber von Albus und Ascella saß.

„Ich", sagte eine Stimme, die nun hinter Lily aufgetaucht war.

Sie erkannte einen weiteren flammend roten Haarschopf, der sich nun neben Rose niederließ und damit Roxanne ein wenig an die Seite quetschte. Es war Molly.

„Sechs Jahre infolge. Das hat schon ewig niemand mehr geschafft und nun haben wir eine realistische Chance auf die magische Sieben", erklärte sie entzückt.

Lily rang sich ein Lächeln ab, während sie im Augenwinkel wahrnahm, dass Albus mit zittrigen Händen Ascella Longbottoms Eule fütterte.

Sie selbst setzte nun an, sich ein Toast zu schmieren und biss anschließend den ein oder anderen Bissen davon ab. Es schmeckte eigentlich gar nicht so schlecht, aber seit sie die Große Halle betreten hatte, lag ihr ein schwerer Stein im Magen.

Lily mochte ihr Leben lang Quidditch gespielt haben und sie wusste auch, dass sie gut war. Noch dazu hatte sie den besten Besen, den es auf dem Markt gab, aber eins hatte sie noch nie zuvor gehabt und zwar, dass es in dem Spiel auch um etwas ging. Ab heute zählte jeder Fehler. Was, wenn sie am Ende daran Schuld war, dass Gryffindor verlor oder weniger Punkte hatte?

„Du schaffst das schon, Lily", munterte Eric sie auf.

„Wir haben dich gesehen. Du fliegst und spielst gut", bestätigte auch Colin.

Lily lächelte schwach, wusste aber, dass das Gefühl, das sie gerade hatte, bis nach dem Frühstück nicht verschwinden würde.

Allmählich leerte sich die Große Halle und die ein oder anderen, gingen noch einmal in ihre Gemeinschaftsräume, bevor das Spiel letztendlich wirklich anfing. Auch Colin, Eric und Emma verabschiedeten sich frühzeitig von ihr. Colin wollte sich unbedingt die besten Plätze auf den Rängen sichern.

Kaum hatten ihre Freunde sie verlassen, bekam sie allerdings schon wieder Gesellschaft.

„Hey Lily, viel Erfolg!", rief ihr Oliver McKinnon zu, der dicht gefolgt von seinem Freund Steven Thomson, an ihr vorbeilief.

Lily, die in dem Moment die letzte Brocke Toast kaute, hob nur dankend die Hand, als die beiden vorüberzogen.

Nach ihnen jedoch kamen weitere, die ihr allesamt viel Erfolg oder Glück wünschten. Plötzlich stand sogar jemand vor ihr, von dem sie es nach den letzten Wochen gar nicht mehr erwartet hätte.

„Viel Glück, Lily. Du schaffst das!"

Lily sah auf und sie erkannte Hugo, der leicht unsicher vor ihr stand.

„Danke", sagte Lily.

„Heißt das, du bist nicht mehr sauer, weil ich den Platz bekommen habe?", fragte sie.

Hugo verzog das Gesicht.

„War ich nie", sagte er, „Ich war nur enttäuscht, aber um ehrlich zu sein, bin ich gerade froh, dass ich nicht genommen wurde."

Nun musste Lily zum ersten Mal wirklich lächeln.

„Ich glaube, ich würde mir vor der ganzen Schule nur in den Quidditchmhang pinkeln und ich weiß nicht, was peinlicher wäre. Das oder schlecht zu spielen."

„Du spielst nicht schlecht", sagte Lily und es stimmte.

Hugo lächelte schwach. Anscheinend glaubte er ihr nicht.

„Wie auch immer", sagte er, „Ich gehe mal lieber, sonst sind die besten Plätze weg."

Auch er verließ die Große Halle und Lily beschloss, ihr Frühstück nun auch endlich zu beenden.

„Alles klar", seufzte sie und ging denselben Weg, den Hugo eben genommen hatte.

Es waren nicht mehr viele Schüler in der Großen Halle. Nur James schaufelte sich wie vor jedem wichtigen Spiel Toast um Toast in den Bauch.

Als Lily die Halle gerade verlassen wollte, kam Marius ihr entgegen. Er schritt auf James zu.

„Viel Erfolg", sagte er zu ihrem Bruder und, wenn Lily sich recht entsann, dann war die Stimmung zwischen den beiden für einen Moment kälter als Eis.

„Danke", sagte James jedoch dann, stand allerdings im selben Moment vom Tisch auf und schloss sich Lily an.

„Was war das denn gerade?", fragte Lily ihren Bruder neugierig.

„Lily, Quidditch!", antwortete James ihr jedoch nur, „Fokussier dich auf Quidditch. Quidditch ist das einzige, was jetzt die nächsten Stunden in deinem Kopf sein sollte, verstanden?"

Lily zog nur die Brauen hoch, zog es jedoch vor, tatsächlich nicht weiter zu fragen. Sie hatte nämlich stark den Eindruck, als ob James sich selbst überzeugen wollte, dass alles, was in seinem Kopf existieren durfte, Quidditch war.

„Und da kommen die Mannschaften", ertönte Marius' Stimme aus dem Megafon.

„Während die Slytherins keine Veränderungen vorgenommen haben, haben die Gryffindors eine neue Jägerin, Lily Potter. Wir sind gespannt, wie sie sich macht. Zu den Slytherins, wie sagt man so schön? Never change a losing team."

Einige Schüler lachten und von den Rängen der Gryffindors war wieder das Lied „Go, go, Gryffindor!" zu hören.

Lily erwartete schon einen Kommentar seitens Professor Crouch, aber die Menge war so laut, dass diese nicht zu hören gewesen wäre, selbst wenn man direkt neben ihr gestanden hätte.

Madame Rivers pfiff in ihre Trillerpfeife und sowohl die Gryffindors, als auch die Slytherins stießen sich vom Boden ab, bevor letztendlich die Bälle freigegeben wurden.

„Montague mit dem Quaffle zieht an Potter und Potter vorbei, aber Weasley schlägt ihn ihr aus der Hand. Gryffindor in Quafflebesitz. Weasley stürmt nach vorn, doch wird gleich in die Mangel genommen von den anderen beiden Slytherin-Jägern. Aber was ist das? Sie spielt ab zu Potter, Lily, indem sie den Quaffle nach unten fallen lässt. Jetzt Potter mit dem Quaffle komplett frei auf die Torringe zu und da kommt ein Klatscher von Devin."

Diesen Spielzug hatten die Gryffindors mehrmals im Training geübt, da die Slytherins die Jäger der gegnerischen Mannschaft gern abbremsten und blockierten und nun hätte Lily auch freie Bahn gehabt, wenn ihr nicht volle Wucht ein Klatscher entgegen käme. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass James nun neben ihr aufgetaucht war, weshalb sie den Quaffle schnell zu ihm abspielte und sich so am Klatscher vorbeiduckte, dass sie ein Rolle um ihren Besen herum machte.

„Mit diesen Akrobatikkünsten der neuen Gryffindor-Jägerin kann das Slytherin-Team zwar nicht mithalten, aber trotzdem guter Schlag von Devin."

Kurz darauf flog ein weiterer Klatscher auf James zu und er spielte den Quaffle zurück zu Lily, bevor er sich jedoch komplett wegducken musste. Nun war Lily ganz allein vor den Torringen der Slytherins. Jetzt kam es drauf an. Entweder traf sie, oder sie verpatzte es und sie wusste, dass, wenn sie es verpatzen sollte, das Spiel für sie gelaufen war. Diese Schmach könnte sie nicht ertragen und deshalb musste sie treffen.

„TOR für Gryffindor!", ertönte Marius jubelnde Stimme im ganzen Stadion.

„Offenbar eine gute Wahl von Kapitän James Potter seine Schwester ins Team zu holen. Einige böse Zungen munkelten ja, es sei Vetternwirtschaft, aber dazu kommen wir dann nächste Woche."

„PROUDFOOT!", brüllte Professor Crouch.

Marius stellte sich taub und kommentierte das Spiel weiter.

„Wieder Gryffindor im Quafflebesitz, Weasley zu Potter, James, Potter zurück zu Weasley wegen Klatscher von Devin, die eigentlich aus der Mannschaft geworfen werden sollte, weil dem Slytherin-Kapitän Blutstatus wichtiger waren als Talent und Devin wohl einen Muggelvater an."

Laute Buhrufe ertönten von allen Blöcken her, sogar teilweise von dem der Slytherins. Offenbar war diesen bewusst, dass Devin die beste Spielerin der Mannschaft war.

In der nächsten Sekunde bekam Lily den Quaffle von James, spielte ihn jedoch an Roxanne weiter. Die Slytherins waren machtlos, denn kurz darauf stand es 20 zu 0. Auch den nächsten Treffer verwandelte Roxanne durch eine hervorragende Vorlage von James.

Dann jedoch wendete sich das Spiel, denn plötzlich hatte sich Flint entschlossen, auf Konfrontationskurs zu gehen und wäre beinahe in Lily hineingeflogen, wäre diese ihm nicht ausgewichen. Es gab allerdings keine andere Lösung, denn im Krankenflügel brächte sie dem Team wenig.

„Warum ist Flint sich eigentlich so sicher, dass er nicht auch ein Halbblut ist? Ich wette einer seiner Vorfahren war ein Troll."

Just in diesem Moment jedoch hatte Flint es geschafft den Quaffle an Cody Stevens vorbei durch einen der Torringe zu befördern. Lily fluchte, während James sich schnell den Quaffle schnappte und wieder nach vorn spielte.

Wieder versuchte Flint, in Lily hineinzufliegen, aber Lily wich ihm aus, bevor sie den Quaffle zugespielt bekam. Mit diesem wich sie außerdem gleich zwei Klatschern aus und spielte ihn dann zu Roxanne, als sie merkte, dass Melinda Bulstrode und Mary-Sue Montague dieses Mal sie umzingeln wollten.

War ihr ihre Körpergröße eben noch ein Nachteil gewesen, gereichte sie ihr hier nun zum Vorteil und auch ihr schneller Besen trug dazu bei, dass sie ihnen entwischte. Während Roxanne und James sich nun über ihr abwechselnd den Quaffle zuspielten, lauerte Lily unter ihnen. Als James jedoch schließlich zu ihr abspielte, ging Melinda Bulstrode dazwischen, fing ihn ab und raste frei auf Cody und die Torringe der Gryffindors zu.

Lily hechtete ihr hinterher und holte sie dank ihres Feuerblitz 7 auch ein, aber es brachte nicht viel. Sie hielt den Quaffle sehr fest und die Klatscher trafen sie erst, als der Quaffle bereits durch einen der Ringe getaucht war.

Entschlossen, dass dies das letzte Tor der Slytherins für heute sein sollte, nahm sich Lily des Quaffles an und flog so schnell sie konnte nach vorn. Alle Klatscher verfehlten sie dieses Mal. Sie hatte Glück. Als Flint wieder einmal direkt auf sie zuflog, nutzte Lily die Gelegenheit, um die Vorteile ihres neuen Besens zu zeigen und so riss sie den Stiel in letzter Sekunde hoch und flog über seinen Kopf hinweg. Der Klatscher von Devin traf somit also Flint. James flog neben ihr. Lily konnte jeder Zeit abspielen und auch Roxanne war direkt unter den beiden. Einem weiteren Klatscher hätte sie nicht ausweichen können, also gab sie ab zu James. Dieser spielte jedoch, als die Gefahr gebannt war, gleich wieder zurück zu ihr und dann landete Lily ihren zweiten Treffer.

„Go, go, Gryffindor, Slytherin jedes Spiel verlor", hörte man aus der Menge und dann plötzlich war der Lärm noch viel größer.

„Oh ha. Wie aus dem Nichts hat Albus Potter plötzlich den Schnatz gefangen!", rief Marius, „Gryffindor gewinnt 190 zu 20!"

Erleichterung durchströmte Lily. Ihr erstes Spiel war vorbei, sie hatten gewonnen und sie hatte sich gar nicht so schlecht geschlagen. Jubelnd flog sie auf Albus zu, der den Goldenen Schnatz fest in der Hand hielt.

„Na, siehst du", sagte Colin gut gelaunt, als Lily aus der Umkleide heraustrat, „Ist doch super gelaufen!"

Lily grinste.

„Ein Glück, oder? Ich hätte mich auch bis auf die Knochen blamieren können!", entgegnete Lily.

Hinter Colin, Eric und Emma standen Hugo und sein bester Freund Andrew Coote, neben ihnen Rose und Acella, die wahrscheinlich auf Albus warteten. Noch ein Stück weiter entfernt stand Marius und unterhielt sich mit Lilys Cousine Molly und Alan Gamp, dem Gryffindor-Vertrauensschüler aus James' Jahrgang.

„Zwei Spiele noch genauso und wir haben den Pokal wieder!", jubelte Hugo und kam auf Lily zu.

„Nur, dass die Spiele gegen Hufflepuff und Ravenclaw viel schwieriger werden", wandte James hinter ihr ein.

„Miesepeter", sagte Ascella nur.

James warf ihr einen amüsierten Blick zu und ging dann hinüber zu Marius.

„Kommst du?", fragte er ihn.

Lily beobachtete die beiden und für einen kurzen Augenblick glaubte sie, Überraschung auf Marius' Gesicht zu sehen, doch dann nickte er, als sei nichts gewesen und ging mit James davon. Einen Moment lang überlegte Lily den beiden zu folgen, denn, um ehrlich zu sein, interessierte es sie schon, was die beiden zu bereden hatten, aber dann stieß Albus zu ihnen und die ganze Gruppe machte sich gemeinsam hinauf zum Schloss.

Die Zeit bis zum abendlichen Halloween-Fest verbrachten die Gryffindors im Gemeinschaftsraum, in dem allerdings eine ausgelassene Stimmung herrschte. Lily sah, dass Fred für ein wenig Musik gesorgt hatte, während er sich allerdings mit der Treiberin Leslie recht schnell verdrückt hatte. Inzwischen war Lily glasklar, was das mit den beiden war.

Als es schließlich Zeit wurde, verließen die Gryffindors in kleinen Gruppen den Gemeinschaftsraum, um sich auf nach unten zum Festessen zu machen. Lily ging mit Colin, Eric und Emma relativ spät, weil Emma ihren Spitzhut nicht finden konnte, doch als sie ihn in der Schublade ihres Nachttisches fein säuberlich gefaltet entdeckte, konnten die vier endlich nach unten zum Essen gehen.

Genau wie im letzten Jahr war die Halle herausragend geschmückt worden. Neben ausgehöhlten Kürbissen mit Gesichtern gab es in diesem Jahr auch Skelette, die vorn vor dem Lehrertisch den ein oder anderen Tanz aufführten.

Lily setzte sich zusammen mit Colin, Eric und Emma an den Gryffindortisch und ehe sie sich versah, hatte Colin sich schon den ersten vollen Teller gekrallt. Lily, die ja vor dem Quidditchspiel nur den ein oder anderen Toast hinuntergewürgt hatte, war inzwischen schwindelig vor Hunger, was sie allerdings erst jetzt feststellte, da sie vor den riesigen Bergen an leckerstem Essen saß.

So schnappte sie sich auch zur Abwechslung eine Hähnchenkeule und füllte sich dazu eine riesige Portion Bratkartoffeln auf.

Noch immer wurde am Gryffindortisch über das gewonnene Quidditchspiel geredet und Albus, der nur ein paar Plätze von Lily entfernt saß, war gezwungen wieder und wieder zu erzählen, wie er es geschafft hatte, nahezu klammheimlich den Schnatz zu fangen. Es war ein ausgelassenes Fest. Irgendwann tanzten die Skelette sogar durch die Reihen zwischen den einzelnen Haustischen und forderten einzelne Schüler zum Tanzen auf. Allerdings gab es nur wenige, die sich tatsächlich trauten mitzumachen. Colins Bruder Oliver war einer von ihnen und sein Freund Steven Thomson folgte ihm.

Als sich das Fest langsam dem Ende zuneigte, denn einige Schüler waren sogar schon gegangen, tauchte plötzlich ein Slytherin-Mädchen am Gryffindortisch auf.

„Entschuldigung, kann ich noch etwas von eurem Pudding haben?", fragte sie und deutete auf eine große Schale, die direkt zwischen Albus und Ascella stand.

„Klar, nimm nur", sagte Albus höflich und reichte ihr die Schale.

„Danke", antwortete sie, schenkte ihm ein Lächeln und fügte dann noch hinzu, „Übrigens, gutes Spiel!"

„Danke", sagte Albus, während das Slytherin-Mädchen mit der Puddingschale verschwand.

Sie hatte gerade die Hälfte des Weges der Großen Halle zurückgelegt, als plötzlich die Tür aufschwang und ungefähr ein Dutzend schwarz vermummter Gestalten hereintraten. Zuerst dachte Lily, dass es sich, um eine weitere Vorstellung handelte, die Professor Wennell für dieses Fest geplant hatte, aber als sie sah, dass die Vertrauensschülerin Gracie Connor und ihre Freundin Madeleine Towler aufgestanden waren und ihre Zauberstäbe bereithielten, wurde Lily klar, dass das hier keine Vorstellung mehr war und alles andere als auf dem Plan gestanden hatte.

Erneut ertönte ein lauter Knall. Lily wirbelte herum und zog ihren Zauberstab aus dem Umhang. Überall waren nun Schreie zu hören, wie schon im letzten Monat im Korridor brach Panik aus und dann fingen einige an, wahllos Flüche loszuschicken. Derselbe schwarze Rauch füllte die Große Halle und zog vom Eingang her zum Lehrertisch herüber.

„Unter den Tisch", zischte Emma Colin, Eric und ihr zu und sie zog Colin, der auf ihrer Seite gesessen hatte, mit sich hinunter.

Protego!", murmelte Lily und beschwor vor sich und den anderen ein Schild.

„Wir können nichts tun", sagte Emma, während der Rauch nun ihre Plätze erreicht hatte, „Stehen wir auf, werden wir vielleicht platt getrampelt. Es ist logischer, hier unten zu warten, bis alles vorüber ist."

Lily kniff die Augen zusammen und zog sich den Umhang über ihr Gesicht, damit der schwarze Rauch nicht in ihre Lungen zog. Sie wollte nicht wieder gelähmt werden, oder gar das Bewusstsein verlieren.

Plötzlich jedoch blies ihr ein heftiger Wind durch die Haare, ganz so, als würde sie auf ihrem Feuerblitz 7 sitzen und durch die Lüfte sausen. Danach schossen weitere Flüche durch die Halle. Sie waren fast alle rot, daher vermutete Lily Schockzauber seitens der Lehrerschaft auf die vermummten Gestalten.

Nach einiger Zeit zog sie neugierig den Umhang wieder vom Gesicht und blickte zur Eingangstür hinüber. Ein paar der vermummten Gestalten lagen reglos auf dem Boden, die anderen jedoch und es waren immerhin ein Dutzend gewesen, waren verschwunden. Stattdessen gab es nun etwas anderes, das die Aufmerksamkeit aller in der Halle Anwesenden auf sich gezogen hatte. Auf der Eingangstür zur großen Halle prangte ein riesiger Schriftzug in giftgrünen Lettern und hätte es nicht diese seltsame Farbe gehabt, so hätte Lily gedacht, dass es Blut gewesen wäre.

Der Spiegel der Rache wird euch lehren, auf den rechten Pfad zu kehren.

Meine Seite sollt ihr wählen, sonst könnt ihr eure Tage zählen.

Liebe Schüler seid gewarnt, ein jeder hier wird bald enttarnt.

Ich meine es ernst, gebt lieber Acht und unterschätzt nie meine Macht.

Das gerade waren meine Geister, sie dienen treu nur ihrem Meister."

AN: Zu diesem Kapitel gibt es wieder ein Sidechapter, das euch mehr über James und Albus verrät: [link href=" .de/s/4ec910a60001c314067007d0/16/Ballbegleitung-auf-Potterart"]Aussprache[/link]