2. Daniel LaRusso
Für Daniel war es eine Reihe von schmerzhaften Explosionen über einen limitierten Zeitraum hinweg.
Eineinhalb Jahre hörten sich nicht nach viel an, und genau genommen gab es Abstufungen. Als es begann, da dachte er, er hätte es schlimm getroffen, aber eineinhalb Jahre später da blickte er auf diese Anfangstage zurück und erkannte wie naiv er gewesen war und wie gut er es damals eigentlich gehabt hatte. Wie harmlos und normal seine High School Bullies gewesen waren, und wie viel schlimmer es hätte sein können, wenn sie Psychopathen gewesen wären so wie jene Männer, die ihm später das Leben schwer gemacht hatten.
Jahrzehnte später würde er auf diese eineinhalb Jahre zurückblicken und feststellen, dass sich die Bilder, Eindrücke, und Gefühle vermischten, das Erinnerungen verschwammen, und er nicht mehr wusste warum ihm das Cobra Kai-Logo den Atem abschnürte oder warum ihn Männer mit Pferdeschwänzen nervös machten, oder warum er sich an einen offensichtlich irritierten Johnny Lawrence in seinem Autoverkauf klammerte und von diesem nichts lieber hören wollte als die Worte „Ja, Daniel, wir waren beide Opfer, sie haben es uns beiden angetan, ich verstehe es". Jahre später würden Hügel zu Klippen werden, und Klippen zu Dinge, über die er nicht sprach. Jahre später würde er sich fragen, ob er Anthony nicht lieben konnte wie er Sam liebte, weil er ein Junge war und die Idee von Männlichkeit für ihn für immer mit Misstrauen verbunden sein würde. Jahre später würde er nicht mehr wissen auf wen er eigentlich so wütend war, oder warum er gerade jetzt mit so vielen Jahren Verspätung um Mister Miyagi trauerte als wäre er erst gestern gestorben.
Bis zu jenen Tag am Strand hatte Daniel ein behütetes Leben geführt. Sein Vater war gestorben als er acht war, langsam und schmerzhaft war er im Krankenhaus gestorben, und Daniel war wie betäubt daneben gesessen. Er war ein guter Mann gewesen, der ihn immer aufrichtig geliebt hatte und genau die Art von herzlichen Italo-Amerikaner gewesen war, die zu allen immer herzlich waren, und den jeder nach seinem Ableben schmerzhaft vermisste. Seine Mom war großartig, sie zog ihn alleine auf, arbeitete sich krumm und buckelig, hatte aber trotzdem irgendwie immer noch Zeit für Daniel übrig.
Lucille LaRusso war seine erste Heldin, und im Rückblick vielleicht seine Größte. Sie war immer da gewesen, wenn er sie gebraucht hatte. Mister Miyagi war erst in den schweren Jahren in sein Leben getreten, er hatte sich nicht mit sterbenden Ehepartnern und vorlauten Grundschülern auseinandersetzen müssen, das alles hatte Lucille tun müssen und es irgendwie gemeistert. Nachdem er selbst Vater geworden war, sah er was sie alles geleistet hatte, doch als Teenager, der sich sein Leben lang nach einem Vater gesehnt hatte, sah er nur, dass sie ihn nach Kalifornien schleppte, weg von seinen Freunden, weg von seiner Freundin, und so sehr er seine Mom auch liebte, ein Teil von ihm hasste sie dafür, dass sie ihn von allem, was er kannte und liebte, weg riss und in die Welt der Schmerzes und der Gewalt hineinwarf, die für die nächsten eineinhalb Jahre sein Leben darstellen sollte. Das war vielleicht einer der Gründe, warum er sich statt an sie so sehr an Mister Miyagi klammerte.
Der andere war, dass sie nicht mehr alles über sein Leben wusste. Lucille hatte nicht ahnen können, was alles passieren würde, und vieles hielt er auch vor ihr geheim, vieles bekam sie gar nicht mit, über vieles redete er niemals mit ihr. Er wusste, was er ihr alles schuldete, und er wollte sie genauso gerne vor Leid beschützen wie sie ihn immer beschützt hatte, und zu wissen, was ihrem Sohn alles widerfuhr hätte sie verletzt, also durfte sie es nicht erfahren. Doch dadurch wurden sie einander entfremdet, was noch mehr dazu führte, dass er sich anderen erwachsenen Vorbildern zuwandte. Was dazu führte, dass er sich andere Helden suchte.
Zunächst wollte er sein eigener Held sein. Sie waren damals sehr arm, und Daniel hasste das. Vielleicht wollte er auch deswegen gerne ein Held sein, weil er von dieser Tatsache ablenken wollte. Eines musste man sagen: Niemand an seiner Schule machte sich je deswegen über ihn lustig, weil er arm war. Ja, klar, die beliebten Kids hatten alle Geld wie Heu, aber nicht einmal Ali hatte ein Problem damit, dass er keines hatte. Johnny Lawrence und die Cobras hätten damit nie ein Problem gehabt, das wusste er heute, damals hatte er das nicht gesehen, stattdessen hatte er gesehen wie Alis Eltern auf ihn herabblickten und hatte sich in den Country-Club hereinschleichen müssen, weil er kein Mitglied war, und das alles ließ ihn denken, dass die Tatsache, dass er arm war, irgendwie auch bedeuten musste, dass er weniger wert war. In New York hatte es keine Rolle gespielt, dass er arm war, doch in seiner neuen Heimat war alles anders. Daniel hasst es arm zu sein, und er ging davon aus, dass das auch alle anderen stören musste.
Wenn er nicht so verunsichert gewesen wäre, wenn er nicht so krampfhaft versucht hätte alle dazu zu bringen ihn als etwas anderes als den Jungen aus der schlechten Gegend anzusehen, vielleicht wäre dann alles anders gekommen. Doch er wollte sich einen Ruf erwerben, der aus mehr bestand als aus dem. Deswegen gab er mit dem Karate, das er nicht wirklich beherrschte, vor Freddie an, deswegen gab er mit seinen Fußball-Fähigkeiten, die er sehr wohl beherrschte, vor den Mädchen am Strand an, und deswegen spielte der den Ritter in der strahlenden Rüstung für Ali. Deswegen spielte er den Helden.
Aber Helden werden verprügelt. Daniel war immer ein braver Junge gewesen, der noch nie zuvor in eine Schlägerei geraten war, und schon gar nicht in eine mit einem zweifachen Karate-Champion. Wenn er klug gewesen wäre, dann wäre er einfach liegen geblieben, nachdem ihn Johnny Lawrence zum ersten Mal von den Beinen gekickt hatte. Doch Freddie war enttäuscht, und alle spotteten über ihn, und Ali hatte sich mehr erwartet, und er war der Neue, und er wollte nicht als jemand angesehen werden, der nur große Töne spukte und sonst nichts zu bieten hatte. Deswegen stand er wieder auf.
Als Ali ihm später danach fragte, erklärte er es ganz einfach: „Es war nicht sein Radio". Daniel besaß nicht viel, er wusste wie wertvoll Besitz war, er kämpfte um das verdammte Radio, weil es Alis Radio war und niemand das Recht dazu hatte es ihr wegzunehmen und einfach kaputt zu machen. Zumindest redete er sich das ein. In Wahrheit war das vielleicht der Grund dafür warum er sich ursprünglich einmischte, aber dann, wenige Momente später, ging es nur noch um seinen Ruf und um sein Ego. Er wollte nicht als Maulheld gelten. Stattdessen bekam er eine aufs Maul. Und wie.
Das war sein erster Eindruck von Kalifornien - eine Explosion der Gewalt. Danach wollte er eigentlich nur noch nach Hause. Doch das hier war nun sein Zuhause. Er wusste, dass er lernen musste mit Johnny Lawrence und seinen Cobras klar zu kommen.
Die Wahrheit war: ein Teil von ihm beneidete Johnny Lawrence. Er war der coolste Typ der Schule, reich und beliebt, war Karate Champion, hatte seine eigene kleine Gangs, fuhr ein Bike, und war noch dazu genau der Typ hübscher Junge, der bei den Mädchen Erfolg hatte. Daniel hätte viel dafür getan um Johnny Lawrence zu sein. Und noch mehr dafür um sein Freund sein zu können.
Aber Johnny Lawrence hasste ihn, er hasste ihn auf den ersten Blick, und Daniel wusste, dass er das nicht ändern konnte. Er konnte es nicht ändern, weil er sich um es zu ändern hätte unterwerfen müssen, er hätte ein Gefolgsmann werden müssen und sich von Ali fernhalten müssen. Das Erste lag ihm nicht, und das Zweite … nun das konnte er einfach nicht.
Ali war seine erste große Liebe. Und sie versicherte ihm, dass sie und Johnny schon seit Wochen getrennt waren (später fand er heraus, dass es zwei Wochen waren und die beiden vorher zwei Jahre zusammen gewesen waren, und es wunderte ihn nicht mehr, dass Ali sich bei der ersten Gelegenheit in einen Uni-Typen verliebte; offenbar war das ihre Art, sie ließ Jungs fallen, sobald sie jemanden traf, den sie irgendwie besser fand).
Daniel versuchte ja Ärger mit den Cobras auszuweichen, aber da er sich körperlich nicht wehren konnte, lenkte er die Aufmerksamkeit von Lehrern auf sie, rannte vor ihnen davon, und versteckten sich in der Masse der anderen Schüler (meistens unter Mädchen) vor ihnen. Natürlich brachte sie das nur noch mehr gegen ihn auf.
Vielleicht wär alles anders gekommen, wenn er Cobra Kai beigetreten wäre. Er wollte es, er wollte es wirklich. Aber als er eintrat und Johnny und seine Freunde dort sah, wusste er, dass er niemals willkommen wäre. Das war der offizielle Grund warum er das Dojo in seiner Schulzeit nie mehr ohne Mister Miyagi besuchte, der wahre Grund war, dass er sich den Unterricht niemals hätte leisten können, seine Mutter sagte ihm das offen ins Gesicht, und er versuchte so zu tun als hätte ihn das Ganze sowieso nie interessiert.
Aber es hätte ihn interessiert.
Cobra Kai war Johnnys Territorium, und Daniel war bereit es ihm zu überlassen, aber er war nicht bereit ihm Ali zu überlassen, die eindeutig lieber mit Daniel zusammen gewesen wäre, und die Schule konnte er ihm auch nicht überlassen, weil er dort ja auch hinging. Er musste hingehen, ob er wollte oder nicht.
Aber die Cobras waren überall. Und wenn sie ihn in der Schule nicht erwischen konnten, rächten sie sich nach der Schule, indem sie sein Fahrrad von der Straße abdrängten, und er und sein Fahrrad daraufhin nähere Bekanntschaft mit der Steigung eines Hügels machten, verkehrt herum. Das war der Tag, an dem ihm alles nur noch weh tat und er beschloss, dass er alles und jeden hasste, besonders Johnny Lawrence und seine verdammten Cobras.
Doch Mister Miyagi rettete ihn, nahm sich seiner an, zeigte ihm, dass es in Kalifornien mehr gab als nur Gewalt und Demütigung.
Johnny Lawrence saß auf seinem hohen Ross, und Daniel hatte Angst vor ihm und seinen Freunden, aber Mister Miyagi brachte ihm bei nicht mehr wütend und angsterfüllt zu sein, er brachte ihm bei sich zu verteidigen. Nicht, dass Daniel sich nicht zuvor verteidigt hätte. Körperlich war er keine Konkurrenz für die Cobras, aber er hatte so seine Methoden sich zu rächen. Und wenn ihm Johnny all diese Dinge Jahre später vorwarf als wäre Daniel damals der Bully gewesen, dann … war das doch einfach nur lächerlich!
Keine kalte Dusche konnte so weh tun wie Faustschläge und Tritte! Und Johnny war derjenige, der mit dem Essenskrieg angefangen hatte! Mehr als nur einmal! Daniel hatte nicht absichtlich versucht Johnny auf die Palme zu bringen, er hatte nur gewollt, dass der andere Junge auch einmal verstand wie es sich anfühlte, wenn man vor aller Welt gedemütigt wurde. Nur wegen Johnny konnte er nicht mit Ali offen auf dem Halloween Tanz gehen, nur wegen Johnny verkleidete er sich als Dusche, damit der und seine verrückten Freunde ihn nicht sehen konnten! Hinter dem Duschvorhang konnte er ungesehen mit Ali tanzen. Dahinter fühlte er sich sicher.
Bis er von einer Bande Skelette verfolgt und verprügelt wurde und von Mister Miyagi gerettet werden musste.
Denn die Sache mit Johnny war die: Es ging nicht nur um Johnny. Der hatte seine kleine Bande, die ihm half, die ihm dabei half Daniel weh zu tun. Daniel war in der Lage dazu mit Johnny Lawrence fertig zu werden, aber mit Johnny Lawrence und den Cobras wurde er nicht fertig. Sie waren einfach zu viele. (Okay, ja, er war am Strand nicht einmal mit Johnny alleine fertig geworden, aber inzwischen war er klüger und schneller geworden).
Mister Miyagi nahm sich seiner an, erneut, und versprach alles zu klären. Er wollte mit den Sensei der Cobras sprechen. Und verschaffte Daniel zwei Monate Ruhe, im Austausch für dessen bevorstehende Hinrichtung in der Form eines Karate-Turniers.
Daniel war zunächst nicht besonders dankbar. Bis er es doch war. Beim Turnier sollte alles geklärt werden, und irgendwie wurde das zu einem Fixpunkt von Daniels Leben: Das Turnier, das alles klärte, die Gewalt, die alles klärte.
Worte und Argumente waren offenbar nicht in der Lage irgendetwas zu klären, das hätte ihm schon am Strand klar sein sollen, aber erst die Tatsache, dass jemand wie Mister Miyagi, der Frieden liebte und predigte, dass man niemals angreifen sollte, sondern sich immer nur verteidigen sollte, der Meinung war, dass es Gewalt brauchte um Konflikte beizulegen, machte es ihm überdeutlich klar: Für manche Menschen (für männliche Menschen) konnten manche Dinge nur auf diese eine Art und Weise geklärt werden.
Er hatte zwei Monate Ruhe, und dann beim Turnier lernte er die Welt der Schmerzen erst so richtig kennen. Normalerweise sollte ein Karate Turnier ein sicheres Umfeld darstellen, bei dem es Regeln gab, aber Bobby Brown schummelte, offenbar weil es ihm sein Sensei aufgetragen hatte, und zertrümmerte Daniels Kniescheibe, und danach, nach Mister Miyagis magischen Händen, trat ihn Johnny im Finalkampf mit voller Absicht noch einmal gegen das verletzte Knie.
Daniel hatte noch nie größere Schmerzen gehabt, aber trotzdem gab er nicht auf. Er gewann den Finalkampf, trat Johnny Lawrence ins Gesicht, was diesen ironischer Weise ehrlich zu beeindrucken schien. Daniel wurde zum Sieger des Turniers, er errang nicht nur den Titel und das Privileg von den Cobras in Ruhe gelassen zu werden, nein, er errang auch Johnny Lawrences Respekt. „Du bist in Ordnung, LaRusso." Um das zu hören hatte er dem Jungen erst ins Gesicht treten müssen, aber das hatte offenbar ausgereicht. Daniel vergaß diesen Satz und die Tatsache, dass Johnny ihm den Pokal in die Hände gedrückt hatte, niemals, auch wenn er vermutete, dass Johnny das alles sehr wohl vergessen hatte.
Was schade war, aber kein Wunder, wenn man bedachte, was nach dem Turnier geschah.
Daniel war von seinen Eltern niemals geschlagen worden, selbst wenn er etwas angestellt hatte, hatte es dafür gerade mal eine verbale Ermahnung gegeben, keine körperliche Züchtigung. Er wusste, dass das nicht alle Eltern so handhabten, und dass es Erwachsene gab, die der Meinung waren, dass Disziplin nur durch eine harte Hand zu erreichen war, doch für ihn war das nur ein Konzept, nichts, das er jemals selber erlebt gehabt hätte. Auch alle anderen Erwachsenen in seinem Leben hielten nichts davon Gewalt und Schmerz einzusetzen um Kinder zu erziehen. Mister Miyagi könnte ihn niemals weh tun, das wusste Daniel mit Sicherheit. Er mochte manchmal streng zu ihm sein, aber niemals würde er seine Rolle als Lehrer damit erfüllen, dass er Daniel weh tat um ihn so eine Lektion zu erteilen. Um ehrlich zu sein fand Daniel allein den Gedanken daran, dass irgendjemand so vorgehen könnte, absurd. Natürlich war Karate ein gewalttätiger Sport, aber ein Sensei, der seinen Schülern mit Absicht weh tat, unabhängig von verpassten Blocks? Das war undenkbar.
Das dachte Daniel zumindest solange bis er und Mister Miyagi nach dem All Valley Turnier die Halle verließen und den Parkplatz erreichten, und er die Auseinandersetzung zwischen Johnny und seinem Sensei mitansah.
Wenn Daniel ganz ehrlich war, dann musste er zugeben, dass John Kreese immer schon etwas an sich gehabt hatte, das ihn beunruhigte. Die Darstellung seiner Kriegsheldentaten in seinem eigenen Dojo, die strenge Art und Weise wie er unterrichtete, die so militärisch und vollkommen anders als die von Mister Miyagi war, und die Kälte in seinen Augen, wenn er Daniel ansah - das alles hatte ihn immer irgendwie beunruhigt. Aber trotzdem hätte er niemals erwartet, dass Kreese auf einen seiner Schüler losgehen würde, nur weil dieser nicht vollkommen seiner Meinung war. Oder gar weil dieser „nur" den zweiten Platz bei einem Karate-Turnier gemacht hatte.
Für Daniel war es als ob er sich einen absurden Film im Kino ansehen würde, nicht wie die Realität. Er konnte die streitenden Stimmen hören, sehen wie Kreese Johnnys Trophäe zerbrach und diesen dann in den Schwitzkasten nahm und zu würgen begann und nicht aufhörte. Er konnte hören wie die anderen Cobras bettelten. „Sensei, Sie bringen ihn ja um!" Er konnte sehen wie Johnny schwächer wurde, und er war wie erstarrt. Jede Faser seines Körpers schrie ihn an einzugreifen und etwas zu tun, Johnny zu helfen, aber er konnte nicht. Er war kein Held, wurde ihm in diesem Moment klar, er war nur ein Junge. Er hatte zu viel Angst, war zu geschockt und zu ungläubig.
Mister Miyagi war es, der einschritt, Mister Miyagi war es, der Johnny rettete und Kreese stellte, den Mann bekämpfte und besiegte, aber sein Leben verschonte.
Daniel wusste schon damals, dass Mister Miyagi Kreese hätte umbringen können, und Jahre später da fand er sich in der unangenehmen Position wieder sich zu fragen, ob Mister Miyagi damals nicht einen Fehler gemacht hatte als er Kreese am Leben gelassen hatte. Mister Miyagi glaubte nicht daran Leben zu nehmen, er sah darin die letzte aller Möglichkeiten um Konflikte zu lösen. Er hatte im Krieg genug Leben genommen, und er war der Meinung, dass mit seinen Taten zu leben eine größere Strafe war als der Tod es jemals sein konnte. Und das alles respektierte Daniel, damals wie später auch, aber wenn man bedachte, was alles nach diesem Zwischenfall am Parkplatz geschehen war, dann fragte sich Daniel doch ernsthaft, ob Mister Miyagi John Kreese einfach falsch eingeschätzt hatte.
Damals verschwendete er vorgeblich keinen Gedanken mehr an Kreese. Die Cobras ließen ihn in Ruhe und verließen ihr Dojo. Bobby Brown entschuldigte sich lange und wortreich für die Tatsache, dass er sein Knie kaputt gemacht hatte. Johnny entschuldigte sich nicht, aber das musste er auch nicht. Nach dem, was Kreese ihm angetan hatte, stand es für Daniel außer Frage wessen Idee es gewesen war nach seinem Knie zu treten. Johnny und er nickten sich manchmal über den Gang hinweg zu, aber das war alle Form von Kommunikation, die es zwischen ihnen gab.
Daniel hatte den Eindruck, dass Johnny ihn mied, und einerseits war er froh darüber, dass ihm der andere Junge das Leben nicht mehr schwer machte, andererseits war er aber auch enttäuscht darüber, dass aus ihnen wohl niemals mehr Freunde werden würden, aber irgendwie verstand Daniel auch warum. Er wusste, dass Johnny niemals von Kreese attackiert worden wäre, wenn Daniel nicht gewesen wäre, wenn er Johnny nicht besiegt hätte. Jedes Mal, wenn Johnny ihn ansah, dann musste er an das, was sein Sensei getan hatte, erinnert werden. Kein Wunder, dass er Daniel nicht gerne ansah.
Das Jahr 1985 begann friedlich, und Daniels Schulzeit endete friedlich. Ja, es gab das Drama mit Ali, aber zumindest mobbte ihn niemand mehr. Wenn die Dinge anders gelaufen wären, dann hätte er auf die erste Hälfte seines Senior-Jahrs zurückblicken können und darin nicht mehr als eine kurze Pechsträhne sehen können.
Doch sein Leben blieb nicht friedlich. Mister Miyagis Vater lag im Sterben, und deswegen reiste Daniel zusammen mit seinem Sensei nach Okinawa. Er hörte sich zwar die Geschichte über Mister Miyagis ehemaligen besten Freund an, aber trotzdem erwartete er nicht, dass sie in Okinawa irgendwelche Schwierigkeiten haben würden. Er erwartete sicher nicht, dass er schon wieder gemobbt und schließlich sogar zu einem Duell auf Leben und Tod herausgefordert werden würde.
Chozen Toguchi war ein vollkommen anderer Typ Mensch als Johnny Lawrence. Johnny hatte Daniel gehasst, weil dieser mit seiner Ex-Freundin zusammen war und nicht von dieser abließ, nur weil Johnny das von ihm verlangte. Falls Chozen Interesse an Kumiko hatte, zeigte er das nicht. Er hasste Daniel vom ersten Moment an, und Daniel wusste nicht warum. War es weil er ein Ausländer war, oder weil er Mister Miyagis Schüler war? Vielleicht hasste Chozen ihn einfach aus Loyalität heraus, weil sein Onkel Mister Miyagi hasste und Mister Miyagi Daniel liebte. Wer konnte das schon sagen? Fest stand, dass er Daniel hasste, und in einem fremden Land von einem mächtigen Einwohner gehasst zu werden war ziemlich anstrengend.
Daniel hatte aus seinen Erfahrungen mit Johnny gelernt, und er versuchte dieses Mal wirklich nichts zu tun, was Chozen irgendwie reizen könnte: Er war höflich und respektvoll, und er erinnerte sich daran, dass Johnny von seinem Sieg ehrlich beeindruckt gewesen war, also hoffte er, dass Chozen, der ebenfalls Karate lernte, von seinen Fähigkeiten ebenso beeindruckt wäre, doch der zerschlagene Eisblock schien Chozen nur noch wütender zu machen, obwohl es seine Idee gewesen war, dass Daniel sich ihm überhaupt bewies.
Egal was Daniel tat nichts schien Chozen von seinem Hass abzubringen. Selbst nachdem sein Onkel sich mit Mister Miyagi und Daniel versöhnte, blieb sein Hass standhaft. Irgendwie schien die Tatsache, dass Daniel während des Sturms mutig gewesen war und Leben gerettet hatte, Chozen zu demütigen. Es war doch nicht Daniels Schuld, dass Chozens Onkel sich für dessen (verständliche) Feigheit schämte!
Aber Chozen sah das anders, er bildete sich ein, dass Daniel ihm seine Ehre gestohlen hatte und bedrohte Kumiko um Daniel so zu einem Todesduell, das dieser wirklich nicht ausfechten wollte, zu zwingen.
„Das kein Turnier ist, Daniel-san, es ist Ernst", rief ihm Mister Miyagi in Erinnerung, als ob das nötig gewesen wäre. Johnny und die Cobras waren wütende Teenager gewesen, wenn sie Daniel angesehen hatten, dann war Wut in ihren Augen zu lesen gewesen, in Chozens Augen stand Mordlust. Was ihn antrieb war nicht Wut, es ging darüber hinaus - er war bereit Daniel zu töten.
Daniel hatte niemals zuvor jemanden getroffen, der ihn töten wollte. Er konnte nicht behaupten, dass diese Erfahrung etwas war, das zu seiner Persönlichkeitsbildung beigetragen hatte. Es war einfach nur schrecklich.
Chozen hielt sich an keine Turnier-Regeln, Daniel ernsthaft zu verletzen würde ihm kein schlechtes Gewissen bereiten. Er wollte ihn tot sehen, er würden ihn weh tun solange er konnte, und dann sein Leben nehmen, das war sein Ziel. Und er war der beste und stärkste Kämpfer, den sich Daniel jemals hatte stellen müssen. Daniel konnte ihn nicht schonen, er musste so hart kämpfen wie er konnte, er musste gewinnen um jeden Preis.
Es war der schlimmste Kampf seines Lebens. Jahre später noch suchte ihn dieser Kampf in seinen Alpträumen heim, Chozen kämpfte mit der Energie eines verzweifelten Mannes, Daniel konnte später nicht einmal mehr sagen wie es ihm gelungen war zu gewinnen, er war einfach nur froh gewonnen zu haben und noch froher darüber, dass die Leute in Okinawa dieses „auf Leben und Tod"-Zeug nicht wirklich ernst nahmen, denn das Einzige, was schlimmer gewesen wäre als diesen Kampf zu verlieren und zu sterben, wäre gewesen zu gewinnen und Chozen tatsächlich töten zu müssen.
In dem Moment, als er gewann, als er Chozen dazu zwingen konnte ihn als Sieger anzuerkennen, da wusste er, warum Mister Miyagi Kreese nicht getötet hatte. Weil die Macht über Leben und Tod etwas war, das niemand jemals haben sollte. Das Leben eines anderen in den Händen zu halten war das schrecklichste Gefühl, das er jemals empfunden hatte, und er wollte es nie wieder empfinden. Mehr als dreißig Jahre später, als er es wieder empfand, wurde er in dieser Überzeugung wieder bestätigt, gerade als er sich dazu bereit machte John Kreese zu töten. Niemand sollte darüber entscheiden müssen, ob ein andere weiterleben durfte oder nicht. Niemand sollte diese Verantwortung schultern müssen.
Okinawa war ein wilder Trip, Daniel dachte später manchmal, dass er alles, was dort geschehen war, vielleicht nur geträumt hatte. Er verliebte sich dort, doch Kumiko hatte eine Karriere als Tänzerin vor sich, und er wollte ihren Träumen nicht im Weg stehen. Er ging seinen eigenen Weg, der ihn nach Hause zurück führte, und er stellte fest, dass Kalifornien und Mister Miyagi inzwischen zu seinem Zuhause geworden waren.
Ihr Wohnkomplex war abgebrannt, seine Mom pflegte Onkel Louie, und Daniel selbst sollte eigentlich aufs College gehen, doch das tat er nicht, er nahm das Geld, was dafür vorgesehen war, und investierte es in Mister Miyagis Traum. Mister Miyagi hatte so viel für ihn getan, es war Zeit, dass er auch einmal etwas für Mister Miyagi tat, etwas, das nicht so selbstverständlich war wie ihm beizustehen während sein Vater starb. Er kaufte Mister Miyagi ein Geschäft, in dem dieser Bonsais verkaufen konnte, und Mister Miyagi machte Daniel zu seinem Partner, weil er eben Mister Miyagi war.
Amanda hatte später eine eindeutige Meinung zu dem Bonsai-Shop im heruntergekommenen Teil der Stadt, aber Daniel war immer der Meinung, dass ihre Geschäftsidee ein Erfolg hätte werden können, wenn die Dinge anders gelaufen wären. Das Leben, das er sich zusammen mit Mister Miyagi aufgebaut hatte, war ein friedliches, es hätte auch ein erfolgreiches sein können. Aber es kam anders.
Als regierender Champion wurde er eingeladen seinen Titel beim All Valley 1985 zu verteidigen. Er müsste dazu nicht einmal am Wettbewerb selbst teilnehmen, sondern einfach nur im Finale antreten. Gerade diese Aussicht war es, die ihn lockte. Vielleicht war auch gerade diese Aussicht der Grund dafür, warum Mister Miyagi so sehr gegen die Idee war. Johnny würde diese ganze Regeländerung Jahre später richtig „Bullshit" nennen, und Daniel hatte den Verdacht, dass Mister Miyagi seiner Meinung war, was das anging. Es wäre nichts weiter als eine erschummelte Trophäe, und Mister Miyagi glaubte nicht an Trophäen, Karate sollte man nur einsetzen, wenn man dazu gezwungen war und nicht zum Spaß.
Nach einem Todesduell wäre ein normaler Finalkampf beim All Valley genau das Richtige für Daniel. Vielleicht wollte er deswegen so dringend teilnehmen, weil ein Teil vom ihm befürchtete, dass er nach allem, was mit Chozen passiert war, Karate nie wieder mit den gleichen Augen sehen könnte wie vor Okinawa. Wenn er das damals einfach gesagt hätte, wenn er es selbst begriffen hätte, dann hätte er sich viel Leid erspart. Doch er wusste nicht warum er teilnehmen wollte, er wusste nur, dass er teilnehmen wollte. Und nachdem Mister Miyagi das so rund heraus abgelehnt hatte, da dachte er darüber nach und beschloss einfach nicht anzutreten. So wichtig war es ihm auch wieder nicht, und vielleicht würde es ja nur alte Wunden neu aufreißen. Er hätten ohne das Turnier leben können.
Doch es stellte sich heraus, dass es andere gab, die nicht damit leben konnten, dass er nicht antrat.
Daniel mochte Karate, war aber kein Fan des Sports im eigentlichen Sinn, er hatte noch nie von Mike Barnes, dem Badboy des Karates, gehört und auch kein Interesse daran gegen ihn zu kämpfen. Wenn Mike Barnes seinen Titel haben wollte, durfte er ihn gerne haben. Der Titel bedeutete Daniel nichts. Er hatte damals im Turnier gekämpft um nicht mehr gemobbt zu werden und den Respekt der Cobras zu erringen, nicht weil er Champion werden wollte.
Aber Mike Barnes hatte nicht vor sich damit zufrieden zu geben, dass Daniel ablehnte zu kämpfen. Er war bereit Daniel mit allen Mitteln dazu zu bringen anzutreten, und machte vor Nichts Halt. Er und seine Kumpels verprügelten Daniel, bestahlen ihn und Mister Miyagi, bedrohten Daniel und seine Freundin Jessica, die gar nichts mit all dem zu tun hatte, überfielen Daniel in seinem Geschäft und im Dojo. Mike Barnes lauerte überall.
Daniel ging zur Polizei und wurde nur ausgelacht. Vermutlich hätte er besser erklären müssen, dass ihr Baumgeschäft ein legitimes Geschäft war, mit dem Mister Miyagi seinen Lebensunterhalt verdiente, und dass Bonsais wertvolle Ware waren, die 100 von Dollar wert sein konnten, und vielleicht hätte er nicht mit der ganzen Karate-Geschichte anfangen sollen, aber auf jeden Fall wurde er nicht ernst genommen, was dazu führte, dass er sich von Gesetz und Gerechtigkeit verlassen fühlte.
Er fühlte sich auch von Mister Miyagi verlassen, der der Meinung zu sein schien, dass Daniel einfach zulassen sollte, dass er verprügelt und bestohlen wurde. Die andere Wange hinhalten war ja gut und schön, aber es konnte auch zu weit gehen.
Irgendwann fing Daniel an seinem Sensei die Tatsache, dass Mister Miyagi zuließ, dass Mike Barnes ihnen Schmerzen zufügte und sie demütigte und versuchte finanziell zu ruinieren, übel zu nehmen. Mister Miyagi hatte ihn immer verteidigt, er verstand nicht warum er nicht zuließ, dass Daniel sich jetzt selbst verteidigte.
Mike Barnes Terror war nur ein Aspekt der ganzen Geschichte.
Als er Terry Silver kennenlernte und erfuhr, dass John Kreese tot war, da war er schockiert. Er hatte Kreese nie gemocht, aber tot hatte er den anderen Mann auch nicht sehen wollen, und er begriff nicht ganz wie man sich wegen Karate das Leben nehmen konnte, aber er hatte auch nie begriffen wie man seinen Schüler wegen eines verlorenen Kampfes beinahe umbringen konnte, also passte das alles vermutlich zu Kreese. Für Kreese war es anders als für Daniel, Johnny, und die restlichen Cobras nie nur Karate gewesen, es war um mehr gegangen, und die Tatsache, dass Daniel das All Valley gewonnen hatte, hatte Kreese dazu gebracht Johnny zu attackieren, und das wiederum hatte dazu geführt, dass Kreese sich das Leben genommen hatte. Also ja, es wäre eine Lüge zu behaupten, dass Daniel niemals der Gedanke gekommen war, dass er die Schuld an Kreeses Ableben trug.
Und Terry Silver beherrschte Karate, hatte Cobra Kai übernommen, schien so nett zu sein, und war bereit Daniel Bücher über Techniken zu leihen, und er gab Daniel eindeutig nicht die Schuld an allem, was geschehen war. Und dann rettete er Daniel vor Mike Barnes, er hielt Barnes davon ab ihm noch mehr weh zu tun.
Seine Mutter war weit weg, und der Graben zwischen ihm und Mister Miyagi wuchs. Daniel hatte das Gefühl, dass Terry Silver möglicherweise die einzige erwachsene Person war, die ihn verstand. Er selbst fühlte sich nicht erwachsen, nicht wirklich. Er hatte erst vor wenigen Monaten die High-School beendet, und anders als Jessica traute er sich nicht zu ein Geschäft zu führen. Momentan war er sich nicht einmal sicher, ob Mister Miyagi dazu in der Lage war. Mister Miyagi schien einfach davon auszugehen, dass alles von selbst wieder gut werden würde, aber Daniel wusste, dass das nicht passieren würde.
Sein College-Geld … er hatte alles, was er gehabt hatte, in dieses Geschäft investiert, und nun war das Geschäft in Gefahr, und wenn es unterging … dann würde Mister Miyagi vielleicht nach Okinawa zurückkehren und Yukie heiraten, und Daniel würde dann alleine in der USA zurückbleiben.
Er musste das Geschäft retten, er musste Mister Miyagis Traum retten um Mister Miyagi nicht zu verlieren. Es war eine einfache Rechnung, in seinem Kopf war alles so einfach, er musste nur den Bonsai ausgraben und verkaufen, den Mister Miyagi damals vor all den Jahren gepflanzt hatte, als er nach Amerika gekommen war. Dann würde alles gut werden. Jessica hatte Erfahrung mit Klettertouren und Daniel mit Bonsais. Es hätte alles glatt gehen müssen.
Doch Mike Barnes fand sie, sorgte dafür, dass sie beinahe ertranken, und war dann bereit sie in den Tod stürzen zu lassen, wenn Daniel sich nicht bereit erklärte am Turnier teilzunehmen. Also unterschrieb Daniel die verdammte Anmeldung, nur um dabei zusehen zu müssen wie Barnes den Bonsai erst recht zerstörte. Daniel sah seine Zukunft zerbrechen, und ein Teil von ihm zerbrach dabei ebenfalls.
Mister Miyagi war bereit den Bonsai zu retten, aber er war enttäuscht über Daniels Entscheidung am Turnier teilzunehmen und weigerte sich immer noch ihn zu trainieren. Noch nie in seinem Leben hatte sich Daniel Mister Miyagi so fern gefühlt wie in diesem Moment. Noch nie hatte er sich so verloren und alleine gefühlt wie in diesem Moment.
Vielleicht war Mister Miyagi wütend auf ihn, weil er den Bonsai zerstört hatte. Es konnte doch nicht sein, dass er einfach nicht verstand, dass Mike Barnes bereit gewesen war ihn und Jessica zu töten, wenn er nicht unterschrieben hätte! Daniel hatte in Mike Barnes Augen die gleiche kaltblütige Entschlossenheit gesehen wie in denen von Chozen, Mike hätte sie beide getötet, davon war er überzeugt. Doch das schien für Mister Miyagi keine Rolle zu spielen.
„Du Feind nicht geben sollst, was er will." Das war einfach für Mister Miyagi zu sagen, immerhin war nicht sein Leben auf dem Spiel gestanden!
Terry Silver war seine Rettung, Terry Silver versprach ihm einen Schnellkurs zum Sieg. Methoden, die er für Situationen wie diese vorbereitet hatte. Daniel dachte wirklich, dass zu Silver zu gehen seine eigene Idee gewesen wäre. Dass Silver diese Idee in sein Gehirn gepflanzt hatte, entging ihm sogar dann noch als Silver einen Gi in Daniels Größe im Dojo bereit liegen hatte.
Terry Silver. Weder Kreese noch Chozen und noch nicht einmal Mike Barnes hatten ihn auf Terry Silver vorbereitet. Nichts und niemand hätte Daniel auf Terry Silver vorbereiten können.
Terry Silver schien immer so nett zu sein, kümmerte sich um Daniel, förderte Daniel, war sein Sensei so sicher wie es Mister Miyagi gewesen war. Daniel vertraute Terry Silver, bewunderte ihn, blickte zu ihm auf, glaubte ihn alle seine Lügen.
Doch Terry Silver verriet ihn, er verriet ihn schrecklich. Terry Silver brachte ihm vom ersten Moment an dazu Dinge zu tun, die er nicht tun wollte. Er weckte die Dunkelheit in ihm und brachte ihn dazu anderen weh zu tun, sich von Jessica und Mister Miyagi zu entfremden, Schlägereien anzuzetteln anstatt ihnen auszuweichen; er brachte Daniel dazu zuerst zuzuschlagen. Er redete Daniel ein sein Training wäre da um ihn abzuhärten, um ihn besser zu machen, er redete ihm ein, dass ein bisschen Blut keine schlimme Sache war, sondern etwas, das einfach passierte, wenn man trainierte. Er gab vor, dass er Daniel dabei helfen wollte Mike Barnes zu besiegen, nur um dann zu enthüllen, dass er Daniel von Anfang an angelogen hatte, dass Kreese gar nicht tot war, Mikes Barnes von Terry Silver selbst auf Daniel angesetzt worden war, und er ihm nicht weh getan hatte um ihn zu helfen, sondern nur um ihn weh zu tun. Er hatte Mikes Barnes, der Daniel weh getan hatte, beauftragt ihm weh zu tun, damit er Daniel trainieren könnte und ihm so noch mehr weh tun könnte. Und dann enthüllte er ihm seinen ganzen Plot grinsend und höhnisch und ließ Barnes direkt auf ihn los. Wenn Mister Miyagi nicht aufgetaucht wäre um Daniel zu retten….
Und dann beim Turnier, beim Turnier coachte Terry Silver Mike Barnes, und Daniel, der Kreeses Methoden kannte, wusste einfach, dass es nicht Kreese gewesen war, der Barnes gesagt hatte, dass er so kämpfen sollte wie er kämpfte. Er wusste, dass es Terry Silver gewesen war.
Dieses Finale … Daniel dachte er wäre vorbereitet, doch noch niemals hatte jemals so gegen ihn gekämpft. Bisher hatten alle immer versucht den Kampf so schnell wie möglich zu beenden, immerhin wollten sie ja gewinnen, doch Mike Barnes kämpfte um Daniel so weh wie möglich zu tun, er ließ auf jeden Punkt, den er landete, ein Foul folgen, was dazu führte, dass er seine Punkte wieder verlor. Und so erreichten sie die Maximal Zeit und gingen zu Sudden Death über.
Daniel wünschte sich nur noch, dass Barnes ihn wirklich umbringen würde. Er kannte nur noch Schmerz und Angst. Mister Miyagi hatte ihn auf diese Turnier vorbereitet, er hatte ihm nach der schrecklichen Enthüllung geholfen zu heilen wie der Bonsai geheilt war, den Daniel vom Berg ausgegraben hatte, aber nichts hatte ihn auf diesen Gegner vorbereiten können. Daniel wollte einfach nur noch aufgeben, aber Mister Miyagi sagte ihm, dass er nicht aus Angst heraus aufgeben durfte, also stand Daniel wieder auf und kämpfte weiter. Er besiegte Barnes, er besiegte Barnes, weil er wusste, dass er, wenn er jetzt nicht wieder aufstehen würde, niemals wieder aufstehen würde. Er besiegte Barnes, weil er es musste. Weil er nicht mit sich selbst hätte leben können, wenn er es nicht getan hätte.
Er würde erneut Champion, verteidigte seinen Titel, doch das alles bedeutete ihm nichts, nicht wirklich, es war ein Sieg über seine Angst vor Mike Barnes in diesem Moment, aber es war nicht so wie damals 1984, es war kein Sieg, der sich wie ein Sieg anfühlte, es war ein Sieg, der sich wie einfaches Überleben anfühlte.
Das Schlimmste an der ganzen Sache war, dass Daniel danach Jahre damit zubrachte zu warten, darauf zu warten, dass Terry Silver sich bei ihm entschuldigen würde. Das Schlimmste war, dass er dem Mann vergeben hätte, wenn dieser ihn darum gebeten hätte, und das Schlimmste war, dass er ihn trotzdem niemals um Vergebung bat.
Mister Miyagi setzte sich dafür ein, dass Kreese, Silver, Barnes und Cobra Kai lebenslang für das All Valley Turnier gesperrt wurden. Damit sie niemand anderen mehr die Dinge antun konnten, die sie Daniel angetan hatten. Aber auch das fühlte sich nicht wie ein Sieg an, nicht wirklich.
Daniel und Mister Miyagi wuchsen wieder zusammen, pflanzten den Bonsai dorthin, wo er hingehörte, waren wieder ein Team. Daniels Mutter kam zurück, und Daniel verschwieg er wie schlimm die letzten Monate vom Jahr 1985 wirklich gewesen waren. Er verschwieg es jedem. Mister Miyagi wusste am Meisten, aber selbst ihm konnte sich Daniel nicht vollkommen anvertrauen, selbst ihm konnte er nicht eingestehen, dass er Terry Silver vergeben wollte, selbst ihm konnte er nicht anvertrauen, was Terry Silver für schreckliche Dinge zu ihm gesagt hatte, als er ihm die Wahrheit enthüllt hatte.
Kreese und Silver verschwanden aus dem Valley und damit auch aus Daniels Leben. Sie los zu sein sollte eine Erleichterung sein, doch so einfach war es nicht. Als sie das Bonsai-Geschäft schließen musste, weinte Daniel stundenlang. Mister Miyagi brachte ihn dazu seiner Liebe zu Autos Ausdruck zu verleihen und eine Karriere als Mechaniker und später Autoverkäufer einzuschlagen. Trotzdem hegte und pflegte Daniel weiterhin die unverkauften Bonsais, gab sie Jahrzehnte später als Geschenke zu verkauften Autos hinzu. Die Bonsais waren ein Symbol, das wusste er, für Mister Miyagi und zerbrochene Träume. Aber ohne die Bonsais konnte er einfach nicht weitermachen.
Er heilte, zumindest redete er sich das ein. Er lernte Amanda kennen und lieben, heiratete sie, und wurde ihr Geschäftspartner. Er wurde ein erfolgreicher Besitzer eines Autoverkaufsimperiums, wurde reich, und konnte sich endlich alles leisten, was er wollte. Er wurde Vater, brachte seiner Tochter Karate bei, übte mit ihr und Mister Miyagi.
In all den Jahren versuchte er niemals herauszufinden was aus Terry Silver geworden war. Er suchte nicht nach dem Mann, und trotzdem sah er ihn überall. Er redete niemals über die Dinge, die ihm passiert waren, zumindest nicht über die, auf die es ankam. Er sprach gerne vom All Valley 1984 und davon, dass er Johnny Lawrence ins Gesicht getreten hatte. Doch von Okinawa sprach er nur sehr selten, und von Terry Silver und Mike Barnes und dem All Valley 1985 sprach er niemals.
Er hatte gedacht, dass er all das hinter sich gelassen hatte. „Cobra Kai, es ist besser für alle, dass es die nicht mehr gibt." Diese Worte richtete er voller Überzeugung an Johnny Lawrence. Er dachte nie mehr an Cobra Kai, das redete er sich über Jahrzehnte hinweg erfolgreich ein. Bis er das Logo über den neuen Dojo erblickte und alles wieder auf ihn einstürmte, bis er das Gefühl hatte keine Luft mehr zu bekommen und unsichtbare Schläge auf sich einprasseln spürte. Bis ihm klar wurde, dass er nicht über alles, was ihm passiert war, hinweg war und auch niemals hinweg sein würde.
Er versuchte alles um Cobra Kai zu zerstören. Nicht nur Amanda erkannte ihn nicht wieder. Er erkannte sich selbst nicht wieder. Mister Miyagi wäre so enttäuscht. Und er vermisste Mister Miyagi mehr als jemals zuvor seit seinem Tod. Er versuchte Balance zu finden und Mister Miyagi zu ehren, er versuchte Cobra Kai ehrenvoll zu bekämpfen. Er versuchte seine alten Wunden zu heilen.
Er traf Chozen und versöhnte sich mit ihm. Er versöhnte sich mit Johnny. Mehrfach. Er brachte Robby Karate bei, kam seiner Tochter wieder näher. Er nahm die ehemaligen Cobra Kai Schüler auf, brachte ihnen bessere Methoden bei, Miyagi-Do-Methoden.
Nichts half.
Kreese, der schon wieder nur angeblich tot war, kehrte in sein Leben zurück und wirbelte alles erneut durcheinander. Daniel verlor den wahren Feind aus den Augen, wieder und wieder. Nachdem Sam verletzt worden war, Miguel im Koma landete, und Robby auf der Flucht war, gab er Karate auf, weil er es musste. Amanda hatte es ihm mehr oder weniger befohlen, und selbst er sah sein, dass möglicherweise Karate das Problem war. Es war Robby gewesen, sein Schüler, der einen anderen Schüler beinahe umgebracht hatte, das hatte nichts mit Cobra Kai oder Kreese zu tun, so wenig er das auch wahrhaben wollte.
Doch Kreese war nicht mit Vernunft oder der Polizei beizukommen. Er war Veteran und ein alter Mann, alle glaubten ihm und nicht den LaRussos. Und seine Schüler brachen schließlich sogar in ihr Haus ein, wie sie zuvor schon ins Miyagi Do eingebrochen waren. Und als Daniel Kreese mit dieser Tatsache konfrontieren wollte, erwischte er den alten harmlosen Veteranen dabei wie er versuchte Johnny Lawrence zu erwürgen, schon wieder.
Dieses Mal war Daniel kein verängstigter Teenager mehr, sondern ein erwachsener Mann und der einzige verfügbare Held, also mischte er sich ein, woraufhin Kreese versuchte ihn umzubringen. Eindeutig, er kündigte sogar an, dass er Daniel mit Mister Miyagi wiedervereinigen wollte.
Das war der Moment, in dem Daniel beschloss, dass er es zu Ende bringen musste. Kreese war vollkommen außer Kontrolle. Cobra Kai war nicht mehr gebannt, Kreese hatte Johnny das Dojo weggenommen und eine neue Generation unter Schülern unter sich, die Medaillen von Kriegsveteranen stahlen, in private Grundstücke einbrachen und seine Tochter bei sich zu Hause überfallen hatten, so wie Mike Barnes einst ihn überfallen hatte. Kreese war das Problem hier, er war es schon immer gewesen, Mike Barnes und Terry Silver waren Instrumente seiner Rache gewesen. Er musste Kreese töten, er musste nachholen, was Mister Miyagi verabsäumt hatte vor all den Jahren. Sogar Johnny, für den Kreese wie ein Vater gewesen war, war dieser Meinung. Er gab Daniel seine Erlaubnis.
Nur, dass Sam und Miguel auftauchten und Robby wieder zu sich kam und Daniel und Johnny nicht vor den Kindern einen Mord begehen konnten, egal wie gerechtfertigt dieser auch war. Also einigten sie sich darauf alles erneut beim All Valley Turnier zu klären. Alles, was sie tun mussten, war Kreese zu schlagen. Daniel hatte ihn in der Vergangenheit oft genug geschlagen, er würde es wieder schaffen, davon war er überzeugt.
Doch dann stand Terry Silver wieder vor ihm. Hatte die Stirn sich Jahrzehnte zu spät zu entschuldigen und beleidigt zu sein, weil Daniel darauf nicht hereinfiel. Und zeigte ihm wenig später wie recht er damit gehabt hatte ihm nicht zu glauben. (Was sollte das überhaupt heißen „Es hat dir gefallen"?! Folter konnte dem Opfer gar nicht gefallen, egal was der Täter sagte!)
Und dann verloren sie das Turnier. Kreese gewann, Silver gewann. Miyagi-Do war Geschichte. Cobra Kai hatte gewonnen, hatte Daniel, seine Kinder, seine Schüler, Amanda und Johnny so wie dessen Kinder und Schüler zerstört. In keinen zwei Jahren hatte Cobra Kai sein Leben vollkommen zerbrochen, hatte Cobra Kai ihn vollkommen zerbrochen. Aber das sollte ihn eigentlich nicht überraschen, nicht wahr?
Immerhin hatte Cobra Kai immer schon durch eine Reihe von schmerzhaften Explosionen über einen limitierten Zeitraum hinweg angegriffen. Nur, dass sie mit dieser Taktik dieses Mal sogar gewonnen hatten.
A/N: Meiner Meinung nach war Terry nicht der einzige auf Drogen während KK3, jeder, der an diesem Film beteiligt war, muss etwas genommen haben, denn … so wenig an diesem Film ergibt auch nur irgendeinen Sinn (und ich meine jetzt nicht einmal die Racheaktion von Silver und Kreese, sondern alles andere). Aber ich habe mein Bestes versucht ein wenig mehr Sinn hineinzubringen, immerhin hat dieser Film Daniel für immer traumatisiert.
Aber ich habe ein paar Dinge absichtlich nicht sehr genau besprochen, weil Daniel zum Zeitpunkt von Staffel 4 immer noch nicht soweit darüber reden kann (Wir wissen ja nicht, was er Johnny erzählt hat, aber nach dessen Reaktion zu schließen, hat er gewisse Dinge garantiert nicht so erzählt wie sie eigentlich passiert sind). Aber diese Fic ist noch nicht aus und wir werden darauf zurückkommen.
Unter anderem im nächsten Kapitel, in dem wir Terrys Sicht auf die Dinge erfahren werden.
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