6. Kikazaru


In Wahrheit hatte Terry Mike Barnes nie besonders gemocht. Er hatte den Jungen damals wegen seinem Ruf und seinen Fähigkeiten ausgewählt, und deswegen weil er zu der Art Leute gehörte, die für die richtige Summe Geld bereit waren alles zu tun. Sein Temperament und seine Vorliebe für die Gewalt, so wie die Tatsache, dass er bereit war auf Befehle zu hören hatten ihm zum perfekten Handlanger gemacht, zu jemanden, den er mit Dennis und Snake zusammenspannen konnte, und bei dem er sich darauf verlassen konnte, dass er Ergebnisse abliefern würde.

Terry und John hatte den Jungen beim All Valley zwar gecoacht, aber ihr Coaching hatte hauptsächlich daraus bestanden ihm zu sagen, wo die Schwächen seiner Gegner lagen, und ihm zu sagen wie er im Finale zu kämpfen hatte. Mike Barnes war niemals wirklich Terrys Schüler gewesen - er und John hatten den Jungen zwar auf das All Valley vorbereitet, aber aufgrund seines hohen Niveaus nichts Neues beibringen müssen oder können. Terry hatte ihm nie wirklich dabei zugesehen wie er gewachsen war, er hatte ihm nicht dazu gebracht mehr zu werden als er bereits war. Das Gefühl, das das Unterrichten von Daniel bei ihm ausgelöst hatte, hatte sich bei Mike Barnes niemals eingestellt. Er war nie stolz auf den Jungen gewesen oder auch nur stolz auf sich selbst wegen irgendetwas, dass der Junge tat. Nein, nicht einmal die Tatsache, dass Barnes verloren hatte, hatte Terry wirklich hart getroffen; die Niederlage traf ihn erst dann hart als ihm klar wurde, dass sie ihn John kosten würde. Was aus danach aus Mike Barnes werden würde, hatte ihn nie sonderlich interessiert.

Wenn er Kenny Payne oder Tory Nichols oder Robby Keene etwas beibrachte und sah wie sie mit einer Taktik, zu der er ihnen riet, Erfolg hatten, dann war das erfüllend wie ihn. So erfüllend wie es vor all den Jahren für ihn gewesen war Daniel LaRusso dabei zuzusehen wie er ein bisschen treffsicherer und genauer zu kicken lernte. Nichts, was mit Mike Barnes zusammenhing, war für ihn jemals erfüllend gewesen. Trotzdem rief er ihn an und lud ihn ein zu Cobra Kai zurückzukommen.

Er hatte Mike Barnes über die Jahre hinweg nicht im Auge behalten. Während er nach John gesucht hatte und Danny vorsichtig aus der Ferne hinweg beobachtet hatte, hatte er sich nie wirklich dafür interessiert was aus Mike Barnes geworden war. Trotzdem war es nicht schwer gewesen ihn zu finden. Er war nie untergetaucht, Karate war nicht mehr Teil seines Lebens, aber er war klar gekommen. Terry war sich nicht sicher was er von Mikes Karriere als Finanzberater halten sollte, also beschloss er erst einmal nichts davon zu halten und dem allen neutral gegenüber zu stehen. Er wollte Mike Barnes zurück ins Valley holen, hauptsächlich deswegen, weil er wusste, dass seine Anwesenheit Danny aus dem Gleichgewicht bringen würde. Und vielleicht auch deswegen, weil er jemanden an seiner Seite haben wollte, den er kannte. Aber im Grunde seines Herzens wollte er nicht ausgerechnet Mike Barnes an seiner Seite haben, er konnte nur niemand Besseren kriegen.

Daniel LaRusso gegenüber anzugeben war eine Sache, die Wahrheit war etwas komplizierter. Es waren Jahrzehnte vergangen, und Mike Barnes war nicht besonders gut auf Terry zu sprechen. „Denken Sie wirklich, dass ich noch einmal irgendetwas mit Ihnen zu tun haben will? Ich bin kein dummes Kind mehr, ich weiß inzwischen was Sie mit mir gemacht haben. Ich war ein Profi-Sportler, und diese Karriere wurde mir von Ihnen und Ihrem Kumpel ruiniert", erklärte Mike ihm kalt aber überzeugt am Telefon, „Ich wurde für die Liga gesperrt, für jede Liga, und Unsportliches Verhalten wurde auf meine Akte gestempelt, hat mir den Wechsel zu allen anderen verwandten Sportarten unmöglich gemacht. Wer nimmt schon jemanden, der in seinen Jugendjahren wegen so etwas gesperrt wurde? Ich war damals zu dumm es zu kapieren, dachte es ist cool ein Badboy zu sein. Andere Teenager haben sich als Vampire verkleidet oder Leder getragen, ich hab ein schwarzen Gi angezogen und meine Gegner verprügelt. Und Sie haben das ausgenutzt. Ich musste wieder ganz vor vorne anfangen. Mich vollkommen neu orientieren. Ich musste meinen Schulabschluss nachholen und den Sport – jeden Sport – aufgeben, weil mich niemand mehr haben wollte. Sie haben mein Leben zerstört, Mister Silver."

Das war etwas, das Terry niemals in den Sinn gekommen wäre. Es war eine logische Konsequenz des Jahres 1985, aber in all den Jahren danach hatte Terry sich immer nur Vorwürfe wegen allem, was sein Verhalten John und Danny angetan hatte, gemacht. An Mike Barnes hatte er nie auch nur einen Gedanken verschwendet. Warum hätte er auch sollen? Mike Barnes war für ihn nie mehr gewesen als eine Schachfigur in seinem Racheplan.

„Ich bin bereit dich für deine Mühen zu entlohnen", erwiderte Terry ruhig und nannte eine Summe, die ihm angemessen erschien.

Einen Moment lang herrschte Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann meinte Mike Barnes: „Einverstanden." Vielleicht war das der Grund warum Terry nie einen Gedanken an ihn verschwendet hatte: Ein Mann, der bereit war alles für Geld zu tun, verfügte einfach über keine Charakterstärke.

Dennis und Snake waren weniger leicht aufzustöbern, doch Terry konnte sie ausfindig machen, und sie hatten eindeutig weniger Probleme damit ins Valley zu kommen und erneut für ihn zu arbeiten als Mike Barnes.

Die alte Gang wieder zu vereinen war der erste wichtige Teil von Terrys Schlachtplan. Wenn man seinen Gegner aus dem Gleichgewicht bringen wollte, dann musste man auf seine Schwächen ziehen. 1985 war Daniel LaRussos Schwäche - alles, was Terry tun konnte um dieses Jahr zurückzubringen, würde dazu beitragen ihn einen Schritt näher an sein Endziel zu bringen.

Aber das war nur der Anfang. Er hatte noch andere Ziele. Mister Miyagi hatte in der Vergangenheit nicht nur einen Schüler gehabt und sich daher auch andernorts Feinde gemacht. Paul Dugan war genauso von dem alten Mann gedemütigt worden wie John Kreese einst vor ihm. Vielleicht wäre er ähnlich interessiert an Rache.

Natürlich war der alte Mann tot, was es etwas schwieriger machen würde, diese Idee zu verkaufen, aber Terry hatten sich über Dugan schlau gemacht, er kannte Typen wie ihn; die hassten Ideen, nicht Menschen. Wenn er dem Mann anbieten würde die Idee hinter Miyagi-Do vernichten zu können, würde er sich dafür begeistern lassen. Immerhin war er von seinen eigenen Rekruten angezeigt worden, woraufhin er seine Stellung verloren hatte, und das alles nur wegen der Einmischung eines alten Mannes, der seine Ausbildungsmethoden nicht gut geheißen hatte.

Allerdings hatten Eric McGowan und andere Rekruten zu Protokoll gegeben, dass Dugan seinen Rekruten befohlen hatte jemanden zu ermorden. Und dann selbst dazu übergangen war zu versuchen den alten Asiaten zu ermorden. Das war keine Kleinigkeit und ein Schritt weiter als „Unsportliches Verhalten".

Terry überlegte sich durchaus einen Moment lang, ob es nicht besser wäre die Finger von diesem Mann zu lassen. Immerhin sollte man schlafende Hunde nicht wecken, so hieß es doch immer. Aber er brauchte einen Verbündeten, jemand, der mehr war als nur ein hirnloser Befehlsempfänger. Und nach allem, was er über Dugan wusste, wäre der genau der richtige Mann für den Job. Dann war er eben ein wenig instabil, das war John auch gewesen, und Terry war trotzdem mit ihm klar gekommen. Terry hatte John trotzdem in seine Schranken gewiesen.

John. Terry hatte nicht gelogen, als er den anderen Mann offenbart hatte, dass er seine Schwäche war. Obwohl er nur getan hatte, was nötig gewesen war, obwohl er getan hatte, was er tun musste um sich aus John Kreeses Würgegriff zu befreien, vermisste er den alten Bastard. Genauso sehr wie er ihn immer vermisst hatte, wenn sie getrennt gewesen waren. Leider konnte man Gefühle nicht einfach abstellen, oder falls doch war Terry im 21. Jahrhundert nicht näher daran dran zu wissen wie als er im 20. gewesen war.

Der Ausdruck auf Johns Gesicht, als er verhaftet worden war, verfolgte Terry in seinen Träumen. Es sollte nicht so sein, sie sollten endlich quitt sein, er sollte seine Freiheit genießen, aber leider fühlte sich ein Teil von ihm schuldig, dachte, dass es falsch gewesen war seinen Kommandanten zu verraten. Johns Stimme, die ihn daran erinnerte, dass er ihm sein Leben schuldete, verfolgte ihn. Dabei hatte er das alles doch vor allem deswegen getan, damit er nicht mehr ständig an diese Tatsache erinnert wurde. Doch offenbar hatte John trotz allem immer noch Macht über ihn.

Das ist nur deswegen, weil du noch nicht fertig bist. Danny-Boys Besuch hier im Dojo hat dich an die alten Zeiten erinnert. Es ist Nostalgie, nichts weiter. Ignoriere es. Hör nicht mehr auf John, er hat schon lange nicht mehr dein Bestes im Sinn. Vergiss nicht, dass er damals nur zu dir gekommen ist, damit du seine Probleme löst. Und dich dann hat fallen lassen und erst wieder zu dir zurückgekommen ist, als er dich und dein Geld gebraucht hat, rief er sich selbst zur Ordnung. Er musste zusehen, dass der Miyagi-Do schnell loswurde, damit ihn nichts und niemand mehr an John Kreese erinnern konnte.

Dieser Japaner, mit dem Danny Boy angekommen war, der hatte Terry überrascht. Er wusste nicht wer dieser Mann war, und war überrascht gewesen zu erfahren, dass es noch weitere Menschen gab, die Miyagi-Karate unterrichteten. Der Anwesenheit des Neuen verärgerte ihn, er hatte sich darauf eingestellt gehabt es mit Johnny Lawrence und Daniel LaRusso zu tun zu haben, aber dieser Chozen Taguchi war eine unbekannte Größe.

Ein Grund mehr sein Team zu vergrößern. Selbst wenn er damit riskierte Daniels Team ebenfalls zu vergrößern. Dann vernichte ich eben ein paar Leute mehr; das ist deren Pech, nicht meines.

Als er noch gewissenslos gelebt hatte, war das alles viel einfacher gewesen. Er träumte in letzter Zeit auch vermehrt von 1985. Das sollte ihn nicht wundern, er war es doch, der die alten Spieler wieder versammelte. Du darfst jetzt nicht schlapp machen, Terrence. Nicht so kurz vor dem Ziel.

Danny hatte sich das alles selbst zuzuschreiben. Er könnte es einfach seien lassen, Karate aufgeben, und wieder damit anfangen sich auf seinen Autohandel zu konzentrieren. Er könnte nach Okinawa ziehen und Terry damit von seinem Anblick befreien. Sollte er doch dort Karate unterrichten, wenn er das so dringend wollte! Oder er hätte einfach meine Entschuldigung akzeptieren können!

Alkohol half die Skrupel und Zweifle zum Verstummen zu bringen, zumindest vorübergehend. Terry musste nur aufpassen, dass er weiterhin fokussiert blieb und seine schlechten Angewohnheiten im Griff hatte anstatt sich im Griff seiner schlechten Angewohnheiten zu befinden. Alkohol ist okay, mit Alkohol komme ich klar. Es waren die anderen Rauschmittel vor denen er sich hüten musste.

„Es ist die Schwäche, die dieses Land befallen hat, es in seine Knie gezwungen hat. Wann haben wir das letzte Mal einen Krieg gewonnen? Ich meine wirklich gewonnen? Soldaten sollten lernen Befehlen zu gehorchen, nicht für sich selbst zu denken. Wer sich von Zweifeln und Skrupeln beherrschen lässt, der kann niemals siegen. Das ist es, was ich den Jungs beibringen wollte. Sie haben es verzerrt und mich als Verrückten hingestellt", erklärte ihm Dugan leicht angetrunken in der Bar, in der ihn Terry schließlich aufgestöbert hatte, über einen Drink zu viel, „Frauen wollen gleichberechtigt sein, also ist es auch richtig sie genau so zu behandeln wie Männer. Und Deserteure werden hingerichtet. General Custer hat Deserteure erschießen lassen."

Terry hielt es für keine gute Idee an dieser Stelle zu erwähnen, dass Custer selbst wegen Desertation vor Kriegsgericht gelandet war, weil er seine Frau besucht hatte anstatt zu kämpfen. Oder seine prinzipielle Meinung zu dem berühmten Indianer-Schlächter laut auszusprechen. „Die meisten Leute sind der Meinung, dass es einen Unterschied zwischen tatsächlichem Krieg und dem täglichen Leben gibt", erwiderte er stattdessen, „Die Jungs waren nur Rekruten, sie wollten Soldaten werden, sie waren noch keine."

Dugan streckte ihm warnend seinen Finger entgegen. „Sie mussten es lernen, jemand musste es ihnen beibringen. Besser früher als später. Disziplin gewinnt Kriege", behauptete er, „Ich wollte nur, dass sie lernen."

„Disziplin ist wichtig, darin sind wir uns einig", stimmte ihm Terry zu, „Aber für Leute wie uns ist es wichtig, dass wir zwischen dem, was in unserem Kopf passiert, und dem, was um uns herum wirklich passiert, unterscheiden können. Ich weiß, dass das nicht immer leicht ist…"

„Ich bin nicht verrückt", zischte Dugan.

Terry machte eine beschwichtigende Geste. „Jeder kann einmal einen Fehler machen", meinte er, „Wichtig ist, dass man aus diesen Fehlern lernt."

Dugan kniff die Augen zusammen. „Sie wollen von mir hören, dass ich es nicht wieder tun würde. Ist es das ja?", vermutete er.

Terry beugte sich zu ihm vor. „Ich habe schon einen Angestellten, der wegen tätlichen Angriffs in Untersuchungshaft sitzt. Ich kann es mir nicht leisten jemanden anzustellen, der auf dem besten Weg ist das selbe Schicksal zu erleiden. Cobra Kai hat einen Ruf zu verlieren. Ich habe einen Ruf zu verlieren. Ich habe von Ihnen gehört und von Ihren Ausbildungsmethoden, und ich möchte wirklich gerne, dass Sie für mich arbeiten, aber ich kann niemanden einstellen, der Kindern befiehlt andere Kinder umzubringen", erklärte er, „Ich kann Sie nur gebrauchen, wenn Sie in der Lage sind angemessen auf jede Situation, in der Sie sich befinden, zu reagieren. Natürlich heißt das nicht, dass Sie das alleine tun müssen. Ich wäre bereit eine … begleitete Therapie für Sie zu arrangieren. Für die Kosten würde ich selbstverständlich ebenfalls aufkommen."

Dugan schnaubte. „Das sind Ihre Bedingungen, wie?"

Terry nickte ernst. „Wenn Sie Miyagi-Karte wirklich vernichten wollen, das Erbe des Mannes, der Sie Ihr Leben zerstört hat, einfach weil er es konnte, zerstören wollen, dann müssen Sie diesen Preis dafür bezahlen", erklärte er.

„Von mir aus", schnaubte Dugan, „Ich brauche diesen Job. Selbstvereidigungskurse und Gelegenheitsjobs halten mich nicht über Wasser. Ich verspreche diese Therapie zu machen und mich gegenüber den Kindern zurückzuhalten. Stellt Sie das zufrieden?"

Terry grinste zufrieden. „Oh, ja, das tut es", versicherte er dem anderen Mann.

Damit hatte er sein Team fertig aufgestellt. Mal sehen was Danny und dessen Team dazu sagen würden.


Jemand, der der Meinung war, dass Beziehungen zu anderen Menschen einen vor allem verwundbar machten, war dazu verdammt ein einsames Leben zu führen. Von Terry betrogen zu werden und wegen etwas, das er nicht getan hatte, verhaftet zu werden, brachte zumindest einen positiven Aspekt mit sich: Es räumte Kreese Zeit ein nachzudenken.

Er dachte über sein Leben nach, darüber, was er dieser Welt hinterlassen würde. Kreese hatte dem Tod schon öfter als einmal ein Schnippchen geschlagen, aber er wusste, dass er nicht unsterblich war. Es war nur eine Frage der Zeit bis es ihn nicht mehr geben würde. Das war ihm durchaus bewusst. Und wer würde sich dann an ihn erinnern? Und wie würde man sich an ihn erinnern? Als den durchgedrehten Veteranen, der sich nie von seinem Kriegstrauma erholt hatte und auf wehrlose Leute losging, wann immer ihn danach war?

Das hätte niemals Kreeses Erbe sein sollen, Cobra Kai hätte sein Erbe sein sollen. Aber jetzt … wer wusste schon was Terry aus Cobra Kai machen würde? Es war ihm zuzutrauen, dass er das Dojo vernichtete, nur um Kreeses ein auszuwischen. Kreese war Augenzeuge von Terrys Rachetrips gewesen, am Ende stand keiner mehr, noch nicht einmal Terry selbst. Sein neuester Racheplan hatte das Potential alles, was sie sich damals in Vietnam ausgedacht hatten um die Welt zu verbessern, zu zerstören.

In all seinen Jahren als Sensei hatte sich Kreese durchaus öfter nach einem Erben umgesehen. Johnny Lawrence hätte sein Erbe werden sollen, trotz allem, was zwischen ihnen vorgefallen war. Kreese hatte nie daran gezweifelt, dass es nur eine Person gab, die Cobra Kai nach seinem Ableben weiterführen würde, und da er nie davon ausgegangen war, dass er vor Terry sterben würde oder besonders viele Jahr zwischen ihrer beiden Ableben liegen würden, war diese Person nie Terry gewesen, nein, es hätte immer Johnny sein sollen.

Johnny war es gewesen, der Cobra Kai aus der Asche wiederauferstehen hatte lassen, später als erwartet und nicht aus den Gründen, die sich Kreese gewünscht hätte, aber in dem Moment, wo er davon erfahren hatte, war Kreese zu der Überzeugung gelangt, dass er sich in Johnny eben nicht geirrt hatte, dass der Junge sein Erbe sein würde. Vorher musste er ihn nur wieder daran erinnern was die Werte von Cobra Kai eigentlich waren. Und ja, natürlich sollte, solange Kreese noch am Leben war, niemand Cobra Kai führen, der nicht er war.

Im Moment aber sah es nicht danach aus, als ob Johnny Cobra Kai nach seinem Tod weiterführen würde. Tory Nichols würde das wohl auch nicht tun. Terry würde das nicht zulassen, er würde sich Cobra Kai unter den Nagel reißen, es nach seinem Gutdünken umgestalten, und dann, wenn es nicht wiederzuerkennen wäre, würde er es mit ins Grab nehmen.

Alle Pläne, die Kreese gehabt, hatte, Coba Kai Johnny und LaRusso zu überlassen, wenn die Zeit gekommen war, hatten sich in Luft aufgelöst.

Es gab keine Zukunft für seinen Traum. Daran musste er immer wieder denken, seit er verhaftet worden war. Er musste auch daran denken wer wohl auf Tory aufpassen würde, nun da er verhindert war. Schleimige Vermieter und fiese Verwandte lauerten überall. Er hatte dem Mädchen beigebracht was er konnte, aber sie war noch zu jung und zu wütend um ohne Beschützer auszukommen. Sie erinnerte ihn in mehr als nur einer Hinsicht an den jungen Johnny Lawrence, und auch der war damals, als sich ihre Wege getrennt hatte, in keinerlei Hinsicht bereit gewesen alleine zurecht zu kommen, und vermutlich hatte es deswegen so lange gebraucht bis er auch nur versucht hatte sein Leben in Ordnung zu bringen. Und jetzt war er gezwungen Tory genauso zurückzulassen wie er damals dazu gezwungen gewesen war Johnny zurückzulassen. Wenn LaRusso und der alte Mann nicht gewesen wären, dann wäre alles anders gekommen.

Zumindest hatte er sich das Jahrzehnte lang eingeredet, aber jetzt wurde ihm klar, dass es in Wahrheit Terry gewesen war, der jede Chance auf eine Zukunft für Cobra Kai und mit Johnny damals vernichtet hatte. Genauso wie er das heute wieder versuchte.

Ich war so blind. Ich habe genau bei der Person Hilfe gesucht, die alles noch schlimmer gemacht hat, und drei Jahrzehnte später habe ich den gleichen Fehler noch einmal gemacht ….

Terry. Er war damals so wütend gewesen, weil der Mann durch seine Spielchen dafür gesorgt hatte, dass er und Cobra Kai gesperrt wurden, aber irgendwie hatte er nichts aus der ganzen Geschichte gelernt.

Dabei hatte sein Instinkt ihm doch immer gesagt, dass es ein Fehler war anderen zu vertrauen, dass es ein Fehler war sich auf andere zu verlassen. Er hätte niemals den Fehler machen dürfen sich auf Terry Silver zu verlassen. Jedes verrückte Lachen des Anderen war eine Warnung genug gewesen, er hatte nur nie wahrhaben wollen wie tief Terry wirklich gefallen war. Er hatte nicht wahr haben wollen, dass derjenige, mit dem zusammen er Cobra Kai erträumt hatte, nie aus Vietnam zurückgekommen war. Jetzt wusste er es besser, aber jetzt war der Schaden bereits angerichtet.

Das wenige Geld, das er hatte … natürlich hatte Terry ihm das weggenommen. Kreese hatte den Fehler gemacht alles auf das Geschäftskonto zu legen, und natürlich hatte Terry dieses bei der ersten sich bietenden Gelegenheit an sich gerissen. Daher konnte er sich keinen teuren Anwalt leisten, und der ihm zugewiesene Pflichtverteidiger, der offenbar für Veteranen zuständig war, wollte die Wahrheit gar nicht wissen, sondern riet ihm auf Unzurechnungsfähigkeit zu plädieren und zu behaupten, dass er ein Flashback gehabt hätte. Diese Behauptung war so beleidigend, dass Kreese den Mann am Liebsten direkt nachdem diese Worte seinen Mund verlassen hatten, verprügelt hätte. Er tat das natürlich nicht, weil es den Eindruck, dass er schuldig war, nur noch verstärken würde, aber er hätte es wirklich gerne getan.

Leider hatte er kein Alibi für die Tatzeit, und dieser lächerliche Stingray hielt an seiner Geschichte, dass Kreese derjenige war, der ihn angegriffen hatte, fest. Vermutlich aus Rache dafür, dass Kreese ihn aus Cobra Kai geworfen hatte. Für diesen Zwischenfall wiederum gab es leider genug Zeugen. Er hoffte, dass niemand die Schüler befragen würde, aber Terry würde Stingrays Geschichte mit Sicherheit nur zu gerne bestätigten. Und wenn sich selbst Kreeses Partner gegen ihn aussprach … nun dann sah es wirklich nicht gut für ihn aus.

Er fragte sich, ob Johnny ihm im Gefängnis besuchen kommen würde. Vermutlich nicht. Aber vielleicht wäre er ja in großzügiger Stimmung, wenn er erfuhr welchen Ärger sich Kreese eingebrockt hatte. Tory sollte ihn nicht besuchen kommen, beschloss er. Kontakte zu verurteilten Kriminellen würden sich nicht gut in ihrem sowieso schon fragwürdigen Lebenslauf machen. Aber sie war ja auch bei den LaRussos eingebrochen, obwohl sie dem Jugendknast nur knapp entgangen war und, soweit Kreese wusste, immer noch auf Bewährung gewesen war.

Aber will ich wirklich so einfach aufgeben? Akzeptieren, dass ich diese Runde nicht gewinnen kann? Erst später zurückschlagen? Nein, nein, es musste einen Weg geben aus dieser Sache wieder herauszukommen ohne ins Gefängnis zu gehen. Er musste ihn nur finden.

Nicht, dass er nicht mit dem Gefängnis zurecht kommen würde, aber wenn er dorthin ging, dann würde er Terry nicht davon abhalten können sein Erbe zu vernichten. (Und Johnny, er hatte nicht vergessen, dass Terry ihm angedroht hatte Johnny etwas anzutun, aber möglicherweise hatte er das nur behauptet um Kreese zu verunsichern, immerhin handelte es sich um Terry).

Während seiner Untersuchungshaft bekam er zunächst keinen Besuch. Bis er dann schließlich doch einen Besucher hatte. Doch leider war es gerade die Person, die er am wenigstens sehen wollte.

„Was willst du hier, Terry?" Kreese funkelte seinen ehemaligen Freund wenig erfreut über den Tisch hinweg an, der sie voneinander trennte.

„Bist du etwas böse auf mich, John?", spottete dieser, während er so tat als wäre er betroffen, „Mir war klar, dass du nicht sonderlich begeistert von meiner Reaktion auf deine Taten sein würdest, aber du musst verstehen, dass ich Cobra Kais Ruf an erste Stelle setzen muss. Wenn sich herumspricht, dass ich jemanden, dem tätlicher Angriff vorgeworfen wird, in die Nähe unserer Schüler lasse, dann würde das nicht sonderlich gut ankommen. Ich muss die Marke schützen. Aber das heißt nicht, dass ich nicht für dich da bin, mein Freund."

Kreese musterte ihn ungläubig. „Für wen spielst du dieses Theater hier?", wollte er wissen, „Wir wissen beide was du getan hast. Wie kannst du das tun, und dann behaupten für mich da zu sein und mich einen Freund nennen?"

Terry schüttelte traurig den Kopf. „Aber John, hätte ich die Polizei etwa belügen sollen? Ich musste ihnen alles sagen, was du Mister Stingray angedroht hast, und von deiner Vergangenheit musste ich ihnen auch erzählen. Von deinem Angriff damals, auf Mister Lawrence. Und all den Gerüchten, dass das nicht das erste Mal war…"

Kreese wäre am Liebsten über den Tisch gesprungen und hätte ihn erwürgt. „Du hast also die Polizei belogen", stellte er fest, „Über meinen Charakter."

„Oh, John, ich habe nichts über deinen Charakter gesagt, was nicht der Wahrheit entsprechen würde. Alle wissen, dass du niemals aus Vietnam zurückgekommen bist. Und dass du zur gewalttätigen Ausbrüchen neigst", erwiderte Terry.

Wenn das wirklich stimmen würde, dann würde er jetzt einen gewalttätigen Ausbruch erleiden. Kreese hatte Gewalt immer sehr gezielt eingesetzt. „Ich wollte ihm damals nicht schaden, es war eine Erziehungsmaßnahme. Und das einzige Mal, dass so etwas jemals vorgekommen ist. Bis heute. Ich habe niemals Hand an Stingray gelegt. Er weiß das, ich weiß das. Und du weißt es ebenfalls", entgegnete er leise, „Ich bin nicht derjenige, der seinen Schüler mit blutenden Handknöcheln nach Hause geschickt hat. Falls das die einzige Stelle war, die du zum Bluten gebracht hast. Ich kenne dich, du neigst zur Übertreibung. Ich habe in meinem Leben niemals einen Schüler misshandelt, du hingegen, nun ich nehme an nach dreißig Jahren ist es verjährt, aber vielleicht sollten wir Daniel LaRusso fragen wer von uns beiden seiner Meinung nach der wahrscheinlichere Kandidat ist, wenn es um die Frage geht wer einen Schüler angreifen würde."

Er konnte sehen wie sämtliches Blut aus Terrys Gesicht wich. Treffer. „Ich weiß nicht wovon du redest", behauptete der Mann dann.

„Siehst du, genau das ist es doch. Wann hätte ich jemals etwas getan, zu dem ich nachher nicht gestanden hätte?", gab Kreese zurück, „Die Anwälte können mich fragen was sie wollen. Turner, jeder einzelne Soldaten dort drüben, Johnny Lawrence an jenem Tag - ich werde ihnen alles darüber erzählen. Und auch, dass ich Stingray nicht überfallen und beinahe tot geprügelt habe. Wenn ich es getan hätte, dann würde ich es zugeben. Das wird die Jury erkennen, sie wird erkennen, dass ich ehrlich bin, dass ich vielleicht in der Vergangenheit Fehler gemacht habe, vielleicht nicht mit ihren eigenen Moralvorstellungen übereinstimme, aber dass ich niemals lügen würde. Sie werden mich freisprechen."

Terry musterte ihn nachdenklich. „Einen Mann, der zweimal seinen eigenen Tod vorgetäuscht hat? Ich denke nicht", behauptete er.

„Nicht ich habe meinen Tod vorgetäuscht, Terry. Die Lügen und falschen Annahmen von Anderen habe ich nicht zu verantworten", korrigierte ihn Kreese.

Terry schüttelte nur den Kopf. „Keine Jury der Welt würde dich freisprechen, John", behauptete er. Und das Dafür werde ich schon Sorge tragen, war deutlich zu hören, auch wenn er es nicht aussprach.

Ihre Blicke kreuzten sich.

Kreese begann wieder zu sprechen: „Ich weiß, dass du dir einredest, dass ich dich dazu gebracht habe Dinge zu tun, die du nicht tun wolltest, Terry. Aber die Wahrheit ist, dass alles, was du jemals getan hast, deine Idee war. Du wolltest nach Vietnam, du wolltest Cobra Kai gründen, du wolltest lieber deinen Eltern gefallen anstatt mir beizustehen. Und damals 1985 wollte ich abhauen, einfach nur meine Ruhe haben, aber du warst derjenige, der sich rächen wollte. Du warst es, der ihnen weh tun wollte. Es war dein Plan von Tag Eins an. All das, was du mit LaRusso gemacht hast, das war alles deine Idee. Du kannst das auf die Drogen schieben so viel du willst. Aber in Wahrheit warst es immer nur du."

Er ließ gar nicht erst zu, dass Terry ihn unterbrach und fuhr fort: „Und jetzt, jetzt bist du es wieder, nur du. Ich wollte fair gewinnen, aber du wir jedes Mittel Recht um auf jeden Fall zu gewinnen. Du wolltest ihnen weh tun. Und du wolltest mir weh tun. Hör auf damit anderen die Schuld für deine schlechten Entscheidungen zu geben. Es sind deine! Und weißt du warum du sie triffst? Weil ich nicht derjenige von uns beiden, der nie aus Vietnam zurück gekommen ist. „Du bist derjenige, der dort im Käfig des Vietkong geblieben ist - hilflos, starr vor Angst, bemitleidenswert, schwach. So bist du seit dem. Und alles, was du seit dem getan hast, hat nur dazu gedient zu beweisen, dass du all das eben nicht bist."

Er lachte trocken auf. „Aber weißt du was? Es hat nicht geklappt. Keiner nimmt dir die Nummer ab. Irgendwann erkennt jeder die Wahrheit! Irgendwann erkennt jeder, dass du ein kleiner Junge bist, der so tut als wäre er ein böser Wolf! Irgendwann erkennt jeder, dass du Wahrheit nur dich selbst hasst und alles andere nur Theater ist!", schloss Kreese, „Ich sollte eigentlich wütend auf dich sein, und das war ich auch, aber jetzt? Dieser Besuch hier, dieser Aufritt von dir, so nach Bestätigung und Lob heischend, macht mir nur klar wie lächerlich du im Grunde genommen doch bist. Deine großartige Rache … sie ist ein Witz. Und an die Pointe wird sich keiner erinnern, sobald du ihn fertig erzählt hast."

Terry starrte ihn einfach nur an. Dann erhob er sich und meinte verschnupft: „Nun, wenn du wirklich dieser Meinung bist, dann sollte ich in Zukunft wohl darauf verzichten dich noch einmal zu besuchen."

„Ja, das solltest du wohl", meinte Kreese nur dazu. Dieser Punkt ging an ihn, wurde ihm klar, als er Terry dabei beobachtete wie er sich zurückzog. Jetzt musste er es nur noch irgendwie schaffen das Match zu gewinnen.

Und dafür würde er wohl oder übel über seinen eigenen Schatten springen müssen.


A/N: Ursprünglich hatte ich Mike in dieser Fic eine andere Rolle zugedacht und daher hätte Dugan gar nicht vorkommen sollen. Da ich immer der Meinung war, dass es relativ sinnlos wäre Dugan ohne Julie in „Cora Kai" vorkommen zu lassen (obwohl ich annehme, dass es leichter sein dürfte Michael Ironside zu kriegen als Hillary Swank), wisst ihr jetzt auch wer noch in dieser Fic zurückkehren wird (die wird immer umfangreicher als ich es eigentlich wollte und wehe mein gerade mal zwei Monate alter PC geht jetzt schon wieder drauf, leider hat er heute ein Stückchen geschlagen… grr).

Ja, ich habe einmal objektiv nachgedacht und wenn man Daniels psychologisches Trauma einmal außen vor hält, dann ist in Wahrheit Mike Barnes derjenige, für den dieser Film die schlimmsten Folgen gehabt hat, denn immerhin war der Profi-Sportler und wurde auf Grund seines Verhaltens gesperrt, sprich sein Leben wurde wahrhaft zerstört. (Vielleicht wurde er nur für das All Valley gesperrt, aber um ehrlich zu sein, kann ich mir nicht vorstellen, dass das so war. Kreese und Silver sind seine Sache, aber gerade weil Mike Barnes ein Profi war, muss das weitere Kreise gezogen haben, natürlich bin ich mir aber auch vollkommen darüber im Klaren, dass die fünfte Staffel von „Cobra Kai" dieser Annahme widersprechen könnte, aber ich bin für diese Fic einmal davon ausgegangen).

Da der vierte KK-Film ein weniger verrückter Trip als seine beiden Vorgänger war, war ich der Meinung, dass er entsprechend realistische Konsequenzen nach sich ziehen sollte, sprich dass es das für Dugans Karriere war. (Er ist auch bisher die einzige Person in der Franchise, die jemals ernsthaft einem Jugendlichen befohlen hat einen anderen umzubringen. So weit ist selbst Terry nie gegangen).

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