Zusätzliche Warnings: Trigger Warning für Suchtkranke Elternteile


8. Der Mann, der nichts sagen konnte


„Warum bist du nur so ein Arschloch, Johnny Lawrence?", hatte ihn Shannon einmal müde gefragt, nachdem er ihr ihre Trinkerei vorgehalten hatte, „Du bist nicht besser als ich. Von dir muss ich mir gar nichts sagen lassen! Ich meine, wenn du ein Problem hast, dann … dann könntest du das doch auch nett sagen! Warum kannst du nur niemals normal sein?!"

Johnny hatte darüber nachgedacht, er hatte lange an diesen Worten zu knabbern gehabt, und war zu dem Ergebnis gekommen, dass die Antwort lautete, dass er sich angewöhnt hatte gleich zum Punkt zu kommen, weil er sonst befürchten musste niemals zu Wort zu kommen. Sid, Kreese, seine Lehrer, selbst Ali und die Cobras, sie alle hatten die Angewohnheit besessen ihn abzuwürgen, wenn er dabei war etwas zu sagen. Und dann gab es so viele andere Dinge, die er niemals sagen konnte, weil ihm beigebracht worden war, dass ein Mann nicht über seine Gefühle sprach, kein Weichei zu sein hatte, hart im Nehmen zu sein hatte. Und anderes … anderes blieb ihm einfach im Hals stecken.

Johnny Lawrence war deswegen so ein Arschloch, weil es der einzige Weg war sich auszudrücken. Dem Arschloch hörten die Menschen zu, alle anderen ignorierten sie einfach.

Die meiste Zeit seines Lebens über hatte er niemanden, mit dem er wirklich reden konnte. Seine Mutter, so sehr er sie liebte, verstand ihn nicht, nicht wirklich. Seine Freunde, ein Teil von ihm befürchtete immer, dass sie aufhören würden seine Freunde zu sein, wenn er etwas Falsches sagen würde. Ali, irgendwann begann sie bei manchen Themen die Augen zu verdrehen, und dann wollten sie irgendwann überhaupt nicht mehr mit ihm reden. Das Schlimmste an der Trennung war das gewesen: Dass er nicht mehr mit ihr reden konnte. Ali war die einzige Person gewesen, mit der er wirklich hatte reden können, und damals am Strand hatte er eigentlich nur eines gewollt: Mit ihr zu reden. Er hatte ihr erklären wollen was in ihm vorging, aber sie hatte sich nicht mehr dafür interessiert. Die einzige Person, die ihm zugehört hatte, wollte ihm nicht mehr zuhören, stattdessen hörte sie jetzt einem anderen zu, einem Fremden. Und auf einmal konnte Johnny mit gar niemanden mehr reden.

Dieser Zustand hielt Jahrzehnte an, und dann ertappte er sich irgendwann dabei, dass er sich so verzweifelt anderen Menschen mitzuteilen wollte, irgendjemanden mitteilen wollte, dass er Leuten Dinge anvertraute, die unangemessen waren. Aber das war immer schon sein Problem gewesen - er hatte nie verstanden was unangemessen war und was nicht, das hatte Sid immer gemeint, wenn er gesagt hatte, dass Johnny nicht normal war. Deswegen war es ihm so lange so schwer gefallen Freunde zu finden. Also hatte er sich selbst beigebracht zu schweigen. Solange bis er irgendwann nicht mehr schweigen konnte und regelrecht explodierte.

Sich Miguel zu öffnen war so leicht gewesen, weil er einfach wusste, dass dieser Junge ihn nicht verurteilen würde, dass dieser Junge, der allen offen erklärte, dass er Medizin gegen die Scheißerei seiner Großmutter holte, ihm zuhören würde. Mit Miguel konnte er reden ohne Angst zu haben, dass seine Worte gegen ihn verwendet werden würde. Aber Miguel war so jung, und es gab so vieles, das Johnny ihm nicht sagen konnte.

Und dann war er auf einmal der Freund von Miguels Mutter, und er wusste nicht mehr wo er stand, was er sagen durfte und was nicht. Vorher war er nicht nur Miguels Sensei gewesen, er war auch sein Freund gewesen, aber jetzt, jetzt erwartete Carmen von ihm, dass er den Vater spielte, dass er sich verhielt wie ein Elternteil, und das brachte alles durcheinander.

Johnny hielt Carmen für seine zweite Chance. Jetzt, wo er endlich über Ali hinweg war, konnte er endlich wieder Liebe finden, zumindest hoffte er das, und er hatte Carmen dafür auserwählt, weil er sie kannte und wusste, dass sie die perfekte Frau war. Er wollte wirklich dass es klappte, er wurde nicht mehr jünger, kam in dieser modernen technisierten Welt nicht zurecht, und war sich ziemlich sicher, dass er, wenn er es mit Carmen versauen würde, den Rest seines Lebens alleine verbringen müsste. Aber es sowohl Carmen als auch Miguel recht zu machen war nicht einfach.

Miguel wollte, dass sich die Dinge zwischen ihnen nicht änderten. Und eigentlich wollte Johnny das auch nicht. Und vielleicht war genau das der Fehler gewesen: Darauf zu vertrauen, dass ihr Band stark genug war um allen Stand zu halten, auch seiner eigenen Person.

Er war so besessen davon gewesen zu gewinnen, er hatte Kreese und Daniel beiden beweisen wollen, dass er ein echter Sensei war, dass er jemand war, der Champions hervorbrachte. Und darüber hatte er vergessen, dass es nicht damit begonnen hatte ein Sensei zu sein, weil er Champions hervorbringen wollte, sondern deswegen, weil er Kindern hatte helfen wollen so wie ihm einst geholfen worden war. Dass er das alles begonnen hatte, weil er Miguel hatte helfen wollen.

Er wollte Miguel das alles erklären, aber zugleich konnte er dem Jungen nicht übel nehmen, dass dieser seinen Vater kennenlernen wollte. Aber wenn man bedachte wer Miguels Vater war, nun dann war das alles wieder eine vollkommen andere Geschichte.

Wie sollte er Miguel dazu überreden die Suche nach seinem Vater abzubrechen? Mit kalten Fakten darüber, dass dieser Mann nichts von seiner Existenz wusste und ein gefährlicher Verbrecher war, was seine Mutter ihm nie erzählt hatte, weil … es eben Dinge gab, die so schrecklich waren, dass sie einem dem Atem raubten? Die man nicht einmal Miguel Diaz sagen konnte?

Selbst nachdem sie Auto und Telefone verloren hatten, gab Johnny nicht die Hoffnung auf, dass er Miguel irgendwie die Wahrheit über seinen Vater ersparen könnte. Dass sie sich aussöhnen und zusammen nach Hause zurückkehren könnten. Trotz allem, was Carmen gesagt hatte, machte er sich keine Sorgen, dass Miguels Vater ihm etwas antun könnte, was ihm hingegen wirklich Sorgen machte, war, dass Miguels Vater dem Jungen weh tun könnte.

Und genau das war es, was er letztlich nicht verhindern konnte.


„Du bist ein toller Junge, wenn dieser Kerl nichts von dir wissen will, dann ist das Pech für ihn." Das war die reine Wahrheit, aber Johnny war sich nicht sicher, ob es ausreichte um Miguel zu trösten. Er war bis nach Mexico City gefahren um den Mann zu finden, der ihn gezeugt hatte, und der hatte nichts von ihm wissen wollen. Das musste einfach weh tun.

Miguel gab ein unbestimmtes Geräusch von sich und meinte: „Können wir einfach nicht mehr darüber reden und nach Hause fahren?"

Das mit dem Nach Hause Fahren war leichter gesagt als getan. Nachdem sie ihr Auto verloren hatten, hatten Johnny und Robby improvisieren müssen um bis nach Mexico City zu kommen, und wie es aussah würden sie um zurück in die Staaten zu kommen den Bus nehmen müssen. Was einfacher wäre, wenn sie immer noch ihr Geld hätten. Miguel hatte ein wenig Geld übrig, aber nicht genug für drei Bustickets. Wie es aussah mussten sie um Hilfe bitten wenn sie zurück nach Hause kommen wollten.

Miguel verschwand in ein Internetcafé und kehrte kurze Zeit später mit einer Reservierung für drei Bustickets zurück. Johnny hatte ihm Robby als Leibwächter zur Seite gestellt, während er auf der Straße wartete, weil er nicht darauf vertraute, dass Miguel nichts Dummes tun würde, wenn er unbeaufsichtigt wäre. So würde er wenigstens nicht alleine sein, wenn er etwas Dummes tat.

„Deine Mom hat die Ticket bezahlt?", wollte er dann wissen, nachdem offenbar nichts Dummes getan worden war.

„Nein, Sam hat die Tickets bezahlt", erwiderte Miguel, „Ich will im Moment nicht mit ihr sprechen." Also ja, es setzte ihm wirklich zu.

„Hast du sie wenigstens wissen lassen, dass es dir gut geht? Sie hat sich wirklich große Sorgen um dich gemacht. Was denkst du, warum sie mich dir hinterher geschickt hat? Sie hatte Angst um dein Leben, Miguel", warf Johnny ein.

„Also bist du ihretwegen gekommen. Nicht meinetwegen", stellte Miguel fest, „War ja klar…"

Johnny wusste nicht was er darauf jetzt schon wieder sagen sollte. Das war doch … Nein, nein, er würde nicht in die Falle tappen das hier persönlich zu nehmen, das hier würde nicht zu einer Robby-Situation werden - es handelte sich um Miguel, sie beide waren besser als das hier.

„Ich gehe die Tickets abholen", bot sich Robby an.

„Na gut, aber sieh zu, dass du dabei nicht entführt wirst oder dergleichen!", befahl ihm Johnny. Jetzt, wo er endlich Miguel gefunden hatte, war das Letzte, was er wollte, Robby zu verlieren.

„Das hier ist Mexico, Dad. Nicht … keine Ahnung wo du denkst, dass wir hier sind", gab Robby zurück, „Außerdem kann ich Karate, schon vergessen?"

„Komm einfach in einem Stück wieder", befahl ihm Johnny, und blickte Robby dann hinterher, als dieser in Richtung Busschalter losging und schließlich von der Straße verschwand. Daraufhin warf er Miguel einen strengen Blick zu. „Denkst du wirklich, dass ich bis nach Mexico fahren würde, nur weil ich eine Braut beeindrucken will?", wollte er dann wissen, „Ja, ich würde für deine Mom alles tun, aber deswegen bin ich nicht hier. Ich bin hier, weil ich mir Sorgen um dich gemacht habe, klar?"

Miguel ließ den Kopf hängen. „Ich weiß, tut mir leid", murmelte er.

„Ist es wegen dem, was ich beim Turnier zu dir gesagt habe? Es ist deswegen, nicht wahr? Ich wusste es doch. Das war ein missglückter Versuch dich zu motivieren, und ein Fehler, ich hätte nie versuchen dürfen dich dazu zu bringen anzutreten, wenn du dich nicht sicher dabei fühlst. Ich habe dir versprochen, dass ich immer dein Sensei sein werde, und das werde ich auch immer sein. Deal mit Kreese hin oder her. Uns verbindet mehr als nur Karate", fuhr Johnny fort, „Daran wird sich auch nichts ändern. Selbst wenn sich die Wege von deiner Mutter und mir trennen sollten, und ich kein Dojo mehr leite, wir beiden werden immer Freunde sein. Ich hab das vorhin ernst gemeint, dein Vater ist ein Trottel, wenn er nicht erkennt was er an dir hat."

Miguel schüttelte den Kopf. „Das sagst du so, aber …" Er unterbrach sich und starrte ins Nichts.

„Was? Spuks aus, Diaz!", forderte Johnny.

„Ich bin nicht wegen der Sache beim Turnier weggelaufen. Ich … Ich hatte nie einen Vater, und ich wollte … Du kannst dich nicht einmal mehr daran erinnern … ist auch egal….", behauptete Miguel.

Na toll, er hatte etwas getan, während er betrunken gewesen war, nicht wahr?

„Woran kann ich mich nicht erinnern, was hab ich getan?", wollte Johnny besorgt wissen, „Ich hab doch nicht … ich hab dir doch nicht weh getan, oder?" Dieser Gedanke kam Johnny jetzt zum ersten Mal, und er ließ ihn regelrecht erstarren. Niemals hätte er gedacht, dass er Miguel Leid zufügen könnte, aber er hatte auch gedacht, dass er Robby niemals körperlich weh tun könnte, und dann war es trotzdem passiert. Normalerweise war er kein gewalttätiger Betrunkener, sondern ein weinerlicher Betrunkener, aber wenn er Miguel dazu gebracht hatte wegzulaufen, dann ….

„Was? Nein, natürlich nicht!", empörte sich Miguel erschrocken, „Wieso denkst du … Das würdest du niemals tun! Nein, es war nicht deine Schuld, es ist meine Schuld. Ich habe falsche Dinge erwartet und … Ich wollte einfach einen Vater, okay? Ich wollte das, was alle anderen Kinder auch haben. Ich wollte was Sam mit Mister LaRusso hat. Nur einmal in meinem Leben wollte ich das."

„Ich verstehe ja, dass du ihn kennenlernen wolltest, wirklich. Aber einfach wegzulaufen … Und du siehst ja, was es gebracht hat. Und ich weiß wirklich nicht was ich gesagt oder getan habe, als ich betrunken war, aber ich meine es ernst, wenn ich dir sage, dass ich dich nicht einfach im Stich lassen werde und ….", setzte Johnny an, doch Miguel unterbrach ihn.

„Aber das ist nicht das Selbe! Okay, es geht darum, dass es nicht das Selbe ist!", rief er frustriert aus.

„Das weiß ich doch, das weiß ich, Miguel. Ich weiß, dass wir nicht blutsverwandt sind, und dass dieses … Loch, was du in deinem Herzen fühlst, weil er dort sein sollte, niemals füllen kannst, aber ich will trotzdem, dass du weißt, dass ich….", versuchte Johnny den Jungen zu beruhigen, doch seine Versuche hatte den gegensätzlichen Effekt.

„Du hast mir gesagt, dass du ein Vater für mich sein willst, okay?! Und ich wollte das auch und dachte wir haben einen gemeinsamen Moment, ich dachte, du sprichst mit mir, aber du wusstest nicht einmal, dass ich da bin. Du dachtest, ich bin Robby!", schleuderte Miguel ihm entgegen, während er offensichtlich mit den Tränen zu kämpfen hatte.

„Oh." Johnny wusste nicht was er darauf sagen sollte.

„Ich war so verwirrt und wollte nur mit dir reden, und du lagst betrunken am Boden deiner Wohnung, hast irgendetwas von einem alten Mann gemurmelt, der kicken kann, und ich weiß, ich weiß, dass du immer nur dann so viel trinkst, wenn du unglücklich bist, und ich habe mir Sorgen gemacht und wollte dir helfen. Ich war es, der dich aufgeklaubt und ins Bett gebracht hat, aber du, du wolltest nur, dass es dein echter Sohn ist", erzählte Miguel, und um alles noch schlimmer zu machen, wählte Robby genau diesen Moment um mit den Bustickets aufzutauchen und wie angewurzelt hinter Miguel stehen zu bleiben und alles mitanzuhören, „Du hast Robby gesagt, dass du ihn liebst und ein Vater für ihn sein willst, nicht mir. Und da wurde mir klar, dass die letzten zwei Jahre …. dass sie nicht das Gleiche für dich waren wie für mich. Dass ich in dir einen Vater sehe, aber du niemals einen Sohn in mir sehen wirst."

„Miguel, das ist nicht…", begann Johnny.

„Doch, es ist wahr. Robby hat es mir gesagt, und er hat Recht: Du hast immer nur versucht ihn durch mich zu ersetzen!", rief Miguel wütend aus.

„Was?" Johnnys Blick irrte zu Robby. „Ist das wahr?", wollte er wissen, „Hast du das zu ihm gesagt?" Er konnte die Schuld auf Robbys Gesicht erkennen. „Ist das etwa was du denkst? Ist das, was ihr beide denkt?!"

Jetzt konnte er es deutlich erkennen, es stand beiden seiner Jungs ins Gesicht geschrieben. Und auf einmal kam sich Johnny Lawrence unglaublich dumm vor. Die letzten beide Jahre, alles, was geschehen war, die Rivalität zwischen Miyagi-Do und Cobra Kai, der Kampf in der Schule, Miguels Unfall, Robbys Zeit im Jugendknast, Robbys Überlaufen zu Kreese, das Hin und Her mi Sam LaRusso, Cobra Kais Überfall auf das Haus der LaRussos während sich Eagle Fang und Miyagi-Do dort getroffen hatten … Sag mir bitte, dass das nicht wahr ist.

„Wollt ihr mir ernsthaft erklären, dass all die Scheiße der letzten beiden Jahre passiert ist, weil ihr beide ernsthaft um mich konkurriert?! Himmel, und da haben sie mir gesagt, dass meine Scheiße mit LaRusso wegen einer Braut übertrieben war! Aber ihr, euch geht es nicht um Sam, sondern um mich?! Was denkt ihr euch eigentlich?! Was … Was bitte ist so toll daran einen Vater zu haben?! Alles, was ein Vater tut, ist euch jeden Tag eures Lebens das Gefühl zu geben ein Stück Scheiße zu sein, das es nicht verdient hat zu leben, und euch beinahe umzubringen, wenn ihr ihm mal widersprecht! Warum in Gottes Namen solltet ihr das so dringend wollen, dass ihr deswegen einen Karate-Krieg losbrecht?! Was stimmt nicht mit euch?!", brüllte er sie an.

Miguel sah ihn vollkommen verdattert und sehr erschrocken an, und Robby war blass geworden. Miguels Tränen rannten jetzt offen herunter, und Robby wirkte auch so als würde er jeden Moment anfangen wollen zu weinen. Passanten rund um sie herum starrten sie an.

Johnny riss Robby die Bustickets aus der Hand. „Kommt mit!", befahl er.

Keiner der beiden Jungen wagte es ein Wort zu sagen. Sie ließen die Köpfe hängen und folgten ihm still.

Johnny hatte es wieder geschafft. All die Jahre … all die Jahre, die er nie so hatte sein wollen. In alle den Jahren, in denen er Sid verachtet hatte, in denen er Kreese heimlich genauso verachtet hatte. Und jetzt … Kein Wunder, dass sie LaRusso lieber haben als mich. Warum sollte sich irgendjemand um mich streiten wollen? Jetzt wissen sie es endgültig besser.

Er bliebt stehen und wirbelte zu den beiden Jungen herum, die ihn verschreckt ansahen und beide automatisch einen Schritt zurück machten. Johnny wollte etwas sagen, wusste, dass er etwas sagen musste, doch seine Worte blieben ihm im Hals stecken.

Stattdessen machte er einen Schritt auf die Jungen zu und umarmte mit einer Hand jeweils einen der beiden und presste sie an sich. „Es tut mir leid", murmelte er, „Es tut mir leid, dass ich geschrien habe, das war falsch. Nicht ihr habt diesen Karate-Krieg losgebrochen, nichts, was passiert ist, war eure Schuld. Es war meine, alles meine Schuld. Vergebt mir."

Er konnte spüren wie sie sich an ihn pressten und hörte Miguel leise weinen. „Ihr seid beide meine Jungs, okay? Ich liebe euch, euch beide, versteht ihr das? Ich liebe euch", erklärte er heiser. Dann ließ er sie los. Er konnte sehen wie sich Miguel die Tränen aus den Augen wischte, und Robby versuchte nicht zu weinen.

„Ich hab geschrien, weil ich ein Arschloch bin. Tut mir leid, okay?", meinte er noch.

Miguel schniefte und nickte. Robby sah überall hin, nur nicht zu ihm.

„Kommt", wiederholte Johnny sanfter und starrte auf die Bustickets in seiner Hand. Sie mussten noch die Station finden. „Wir müssen die Station suchen."

Sie trotteten hinter ihm her. Johnny fühlte sich seltsam. Immer noch schuldig (er hätte sie nie anschreien dürfen), immer noch dumm (wie war es möglich, dass ihm das innerhalb der letzten zwei Jahre nicht aufgefallen war?!), immer noch überfordert. Aber er durfte das, was eben vorgefallen war, nicht einfach ignorieren, er durfte es nicht totschweigen, nicht wie so wie er immer alles, was in seinem Leben passiert war, totgeschwiegen hatte bis es zu spät gewesen war. Dieses Mal nicht.

Es ging um seine Jungs, sie brauchten ihn jetzt, Robby war zu ihm gekommen, weil er sich verloren fühlte, und Miguel war weggelaufen, weil er sich verloren fühlte. Johnny durfte sie jetzt nicht im Stich lassen, er durfte nicht zulassen, dass sie wie er zu der Annahme gelangten, dass es falsch war über ihre Gefühle zu sprechen.

Sie erreichten die Station, vom Bus war noch nichts zu sehen. Johnny sah auf die Abfahrtszeit, sie hatten noch eine halbe Stunde Zeit bis der Bus losfahren sollte. Er blickte sich um und sah eine freie Bank und deutete den Jungs sich auf diese zu ihm zu setzen.

„Versteht ihr warum ich wütend geworden bin?", wollte er dann wissen.

Beide Jungen blickten ihn nur an.

„Ich bin wütend geworden, weil euch beiden in den letzten zwei Jahren viele schlimme Dinge passiert sind, und vielleicht noch mehr schlimme Dinge passieren werden, und das alles vielleicht nicht passiert wäre, wenn ihr irgendwann einmal etwas zu mir gesagt hättet. Vieles, von dem was passiert ist, wäre vielleicht trotzdem geschehen, aber ihr hättet nicht so viel Schmerz erfahren – hier drinnen." Er deutete mit einem Finger auf Miguels Brustkorb. „Und hier drinnen." Er deutete auf Robby Brustkorb.

„Ich bin nicht böse auf euch, ich bin böse auch mich, weil ich euch das Gefühl vermittelt habe, dass ihr mich nicht sagen könnt, was euch bedrückt", fuhr er fort, „Aber das könnt ihr. Und wenn ich euch deswegen anschreie, dann nur, weil ich mir Sorgen um euch mache, okay? Weil ich nicht will, dass euch etwas passiert."

Robby blickte ihn jetzt endlich an, und Miguel nickte ernst.

„Ihr müsst was verstehen, das ich in eurem Alter selbst noch nicht kapiert habe, was aber stimmt: Eltern liebe ihre Kinder immer, egal, was die auch anstellen. Eure Moms, die lieben euch, egal was ihr macht, die würden euch auch noch lieben, wenn ihr Banken ausraubt oder Leute in voller Absicht umbringt. Und ich, ich würde euch dann auch noch lieben. Aber natürlich wäre es mir lieber, wenn ihr keine Bank ausrauben würdet. Und keinen Mord begehen würdet. Aber falls ihr es tut, sagt euren Moms nicht, dass ich euch auf die Idee gebracht habe", erklärte Johnny den beiden, „Aber die Sache mit Erwachsenen ist die, die sind nicht immer gut darin das zu zeigen, dass sie jemanden lieben, meine ich. Als Teenager geht man hin und küsst sein Mädchen oder umarmt seinen Kumpel oder verpasst einen Kerl, der es verdient hat, einen Schlag in die Fresse. Oder sagt wem einfach ins Gesicht, dass man ihn nicht leiden kann. Oder, dass man ihn liebt. Da ist die Kommunikation einfach, direkt."

Miguel und Robby wechselten einen Blick, und Johnny hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie ihn eines Besseren belehren wollten.

„Na gut, vielleicht ist das nicht so einfach, aber am Anfang, wenn man noch mehr Kind als Erwachsener ist, da ist es so einfach. Und dann irgendwann ist es das nicht mehr. Da muss man aufpassen zu wem man was sagt, weil es sonst Konsequenzen für das Arbeitsleben gibt. Oder für das Privatleben. Weil einem beigebracht wir, dass man niemanden wirklich zeigen darf, was man von ihm hält. Wegen dem, was irgendwelche dritten Personen denken könnten. Wenn ich einem Scheißkerl eine verpasse, dann denken alle ich bin brutal, keinen interessiert was der Scheißkerl getan hat. Der hat mein Mädchen zum Weinen gebracht? Ist allen egal, die denken nur ich hätte darüber stehen müssen. Dass Worte nie so weh tun können wie Schläge. Wenn ich mein Mädchen in der Öffentlichkeit küsse, dann sehen die anderen Leute nicht, dass ich jemanden zeige, dass ich sie liebe, sie sehen, dass ich anderen unter die Nase reibe, dass ich ein Mädchen habe, dass ich küssen kann. Die finden das nicht okay, weil sie prüde sind, oder eifersüchtig, oder selbst erregt davon, oder was weiß ich was. Warum sollten wir das ansehen müssen, sagen sie. Besonders wenn mein Mädchen nicht aussieht wie ich, oder wenn es kein Mädchen ist sondern ein Junge."

„Wenn ich meinen Kumpel umarme, dann beunruhigt sie das, weil ihnen beigebracht wurde, dass sich erwachsene Männer, die nicht verwandt sind, nicht umarmen sollen, zumindest nicht so. Und sie denken darüber nach was es bedeuten könnte, wenn man einen anderen so umarmt. Weil sie eifersüchtig und verunsichert sind. Und so geht das mit allem, was man macht oder sagt. Bis man dann verlernt hat wie man am Besten mit anderen kommuniziert. Bis man denkt, dass der Andere doch sowieso wissen muss, was man meint und denkt und fühlt, weil na ja es normal ist, dass man seine Eltern liebt, und seine Freunde gerne hat, und seine Partner glücklich machen will. Aber wenn man das nie zeigt oder sagt, woher soll dann der andere wissen, dass das normal ist?"

„Das ist das Problem - man denkt zu viel darüber nach was die anderen Leute über einen denken, was etwas, das man tut, über einen aussagt anstatt daran zu denken warum man etwas tut oder sagt. Na ja, und deswegen gibt es dann so viele Missverständnisse und Kommunikationsprobleme. Versteht ihr was ich versuche euch zu sagen?"

Miguels Stirn lag in Falten, und Robby blickte ihn an als wäre er ein Alien. Johnny seufzte. „Okay, versuchen wir es anders: Ich bin ein dummer Mann, der Angst hat was falsch zu machen, und deswegen mache ich erst recht andauernd alles falsch, aber das heißt nicht, dass ich euch nicht liebe", versuchte er einen anderen Ansatz, „Ich hab Angst, dass ich euch verliere, wenn ich was falsch mache, also mach ich manchmal lieber gar nichts. Sage nichts. Aber das heißt nicht, dass ich mich nicht für euch interessiere."

Direkter ging es nicht mehr.

Zumindest schienen sie ihn nun ein wenig besser zu verstehen, wenn man nach ihren Gesichtsausdrücken ging.

„Das heißt, du bist dumm, aber hast uns trotzdem lieb?", fasste Robby seine Rede dann zusammen.

Nun, von mir aus. „Ja. Und außerdem, höret und staunet, kann man mehr als nur ein Kind lieben, es gibt kein Limit, was das angeht. LaRusso hat auch zwei Kinder, und auch wenn wir nicht verstehen warum, liebt er seinen Sohn ebenfalls", fiel Johnny dann noch ein (obwohl das vielleicht kein gutes Beispiel war, weil jeder wusste, dass Sam sein Liebling war), „Jede Beziehung ist eben anders, einzigartig. Ich habe dich nicht ersetzt, Robby. Und nur weil Robby mein echter Sohn ist, heißt das nicht, dass ich dich nicht ebenfalls wie einen Sohn liebe, Miguel. So, ich hoffe, das ist jetzt geklärt." (Vor allem deswegen weil ihm nicht noch mehr einfiel um das alles zu erklären, wenn sie es bis jetzt nicht kapiert hatten).

„Okay", meinte Miguel leise.

Johnny nickte zufrieden und warf Robby einen strengen Blick zu.

Der nickte nur. „Ja, schon verstanden: Es ist kein Entweder/Oder", murmelte er.

„Genau." Johnny schloss die Augen und atmete tief durch. Vater zu sein konnte einen emotional ziemlich auslaugen. Bitte lass den Bus bald kommen, damit ich bis nach Hause durchschlafen kann. Frieden in der Familie halten sollte nicht so anstrengend sein müssen.

„Sensei, da kommt der Bus!" Miguel zupfte an seinem Ärmel.

„Schön, dann nichts wie rein, damit wir uns gute Plätze aussuchen können", wies Johnny die Jungs an, und natürlich waren es lauter Zweierreihen, was Johnny kurzfristig vergessen hatte, also … „Ihr setzt euch nebeneinander und ich setze mich hinter euch. Versucht euch nicht gegenseitig umzubringen", beschloss er.

Keiner der beiden wirkte besonders begeistert von dieser Aufteilung, aber sie widersprachen nicht. Es war besser so, so konnte es keine Eifersüchteleien mehr geben, er hätte ein Auge auf beide, und außerdem hätte Robby eine Chance sich bei Miguel zu entschuldigen, wenn er das wollte. (Und Johnny könnte in Ruhe schlafen, wenn sich niemand neben ihn setzen sollte. … Natürlich quetschte sich ein vollschlanker Mexikaner bei der ersten Gelegenheit neben ihn, also wurde zumindest daraus nichts).

Nach einer Stunde bot Miguel Robby einen Ohrhörer von seinem Handy an, immerhin war er der Einzige von ihnen, der nicht ausgeraubt worden war und daher immer noch seine Musik hatte. Johnny bereute das Sitzarrangement, vor allem nachdem sein Sitznachbar begann ihm ein Verdauungsbeschwerden-Konzert vorzuspielen. Als es ihm dann endlich gelang doch einzuschlafen, wurde er rüde geweckt als der Bus beinahe aus einer Kurve fiel.

„Geht es euch gut?" Er rappelte sich mühsam auf und überprüfte die Unversehrtheit seiner Jungen und betete, dass der Bus nicht schlapp machen würde, denn dann würde dieser Trip langsam aber sicher wirklich anstrengend werden.

„Alles noch dran", behauptete Robby.

„Ich glaube, es hat mein Handy erwischt", räumte Miguel ein.

Na toll. Damit waren sie von ihrer einzigen Verbindung zum Rest der Welt abgeschnitten. Aber es hätte schlimmer kommen können.

Der Bus leerte sich langsam, und Johnny hatte endlich wieder Platz. Miguel und Robby sahen sich nach dem Tod von Miguels Handy gezwungen sich miteinander zu unterhalten. Johnny bekam nur die Hälfte von dem mit, über das sie redete, und verstand nur ein Drittel davon, aber zumindest kamen sie miteinander aus. Das war ein Sieg, er war vielleicht doch kein absoluter Versager als Vater, sein Plan sie nebeneinander zu setzen war aufgegangen, wenn es auch seine Zeit gebraucht hatte. Er schlief wieder ein, und als er das nächste Mal aufwachte….

… sah er sich zwei ihn besorgt musternden Augenpaaren gegenüber, während sich der Bus nicht mehr bewegte. „Was? Haben wir unseren Stopp verpasst?", wollte er wissen.

„Nein, das dauert noch ein paar Stunden", beruhigte ihn Miguel.

„Was ist dann? Traut ihr euch nicht aufs Klo? Soll ich mitgehen und den Eingang bewachen?" Johnny sah sich misstrauisch nach verdächtig oder pervers aussehenden Fahrgästen um. Aber offenbar ging es nicht um derartige Bedenken.

„Sensei, du hast uns gesagt, dass du uns immer lieben wirst, aber du weiß, dass das umgekehrt genauso gilt, oder? Du hast mich nicht aufgegeben, als ich mich aufgeben wollte, du hast mir meine Beine zurückgegeben. Das werde ich dir niemals vergessen, und du wirst immer mein Held sein. Egal was passiert. Oder was ich erfahre", meinte Miguel ernst.

Na toll, sie haben über mich gesprochen. Scheinbar war sein Plan sie zu versöhnen ein bisschen zu gut aufgegangen.

„Na ja, und ich war schon wegen ganz nebensächlichen Sachen wütend auf dich, aber konnte trotzdem nie aufhören dich zu lieben, egal wie gerne ich es wollte. Immerhin bist du mein Dad", fügte Robby hinzu, „Und Mom habe ich schon in allen möglichen Lebenslagen gesehen, und sie trotzdem nie aufgegeben."

Johnny kniff die Augen zusammen. Was sollte das hier werden? Eine Art Intervention? Wenn sie wollen, dass ich mit dem Trinken aufhöre, dann hätten sie wenigstens warten können bis wir wieder zu Hause sind um mir das zu sagen! Denn das Erste, was er sich dringend genehmigen wollte, wenn er zu Hause wäre, war ein Bier!

„Aber das hättest du nicht erleben müssen – deine Mom in all diesen Lagen zu sehen, meine ich. Du denkst zwar, dass du fast erwachsen bist, aber du bist immer noch ein Kind. Manche Dinge solltest du nicht sehen müssen. Oder du, Miguel. Ich hätte nie … nun, du hättest mich so nie finden dürfen. Und das wird nicht noch mal passieren. Versprochen", sagte Johnny.

Er meinte es durchaus ernst, das nächste Mal, wenn er sich so betrank, dann würde er es irgendwo fern von allem, die ihm nahe standen, tun.

Robby und Miguel tauschten einen Blick aus. „Wir wollten nur, dass du weißt, dass du uns alles sagen kannst. Dass wir damit umgehen können. Und dich nachher deswegen nicht anders sehen", erklärte Miguel dann.

Das hat man davon, wenn man sich öffnet. „Das ist nett von euch, wirklich, aber ihr müsst euch keine….", setzte Johnny an.

„Wir machen uns aber Sorgen. Verdammt, Dad, ich … du hast mir von Kreese erzählt, aber Miguel gar nichts, und alles andere …." Robby schüttelte den Kopf. „Du kannst uns so was nicht sagen und erwarten, dass wir uns keine Sorgen machen. Ich weiß, dass du mit Sid nicht auskommst, aber…."

Johnny seufzte. „Okay, ich verstehe, wirklich, aber es geht mir gut, ehrlich. Das ist alles sehr lange her", behauptete er.

„Klar, deswegen liegst du betrunken am Boden deiner eigenen Wohnung", spottete Robby, „Weil das alles so lange her ist…."

„Du musst nicht darüber sprechen, wenn du nicht willst", warf Miguel ein, „Aber vielleicht ist es besser darüber zu sprechen als es nicht zu tun."

„Ja, genau, ich muss nicht darüber sprechen. Denn ich bin der Erwachsene hier, und ihr seid die Kinder. Ich habe nicht vor euch mit meinem Scheiß zu belasten", gab Johnny defensiv zurück, „Es ist nicht … es ist nicht was ihr denkt. Es gibt so viele Menschen dort draußen, die hatten es schlimmer als ich. Ich wurde nicht regelmäßig von meinen Vater verprügelt, oder sexuell missbraucht oder sonst was. Ich war eben ein schwieriges Kind, nicht leicht zu mögen, nicht diszipliniert genug. Ihr müsst euch darüber keine Gedanken machen."

Die Jungs wechselten wieder einen Blick miteinander. „Johnny", begann Miguel, und das war verstörend genug, weil Miguel ihn noch niemals Johnny genannt hatte (Andererseits konnte er ihn nicht den Rest ihres gemeinsamen Lebens Sensei nennen, das würde irgendwann seltsam werden, zumindest für alle anderen). „Du glaubst doch nicht wirklich, dass du es verdient gehabt hast so schlecht behandelt zu werden. Oder?" Miguel sah ihn mit seinen unschuldigen Hundeaugen an, und Johnny brachte es nicht über sich wahrheitsgetreu darauf zu antworten. Aber lügen konnte er auch nicht. Also sagte er nichts.

„Dad, würdest du etwas für uns tun? Etwas, das dir nicht gefallen wird, aber was du trotzdem tust, weil wir dich darum bitten?", erkundigte sich Robby vorsichtig, und das roch geradezu nach einer Falle.

Johnny zuckte die Schultern.

„Würdest du mit jemanden sprechen. Ich meine, wir verstehen, dass du nicht mit uns über das alles sprechen willst, aber vielleicht könntest du ja … mit einem Therapeuten sprechen", schloss Robby.

Am liebsten hätte Johnny einfach abgelehnt. Gesagt, dass er keinen Irrenarzt brauchte. Wieder behauptet, dass es ihm gut ging, darauf verwiesen, dass er hier der Erwachsene war.

„Ich will einfach nicht, dass ich dich eines Tages am Boden liegen finde, und du nicht nur betrunken bist, sondern …." Miguel unterbrach sich und konnte nicht weiter sprechen. Robby drückte seine Schulter.

„Oh, Miguel…. Nein, nein, das würde ich nicht tun, ich würde nie ….", versuchte Johnny den Jungen zu beruhigen.

„Dad, ich lebe mit dieser Angst in Bezug auf Mom seit Jahren, und ich kann nicht … ich kann mir nicht auch noch ständig Sorgen um dich machen", sagte Robby ernst, „Vor allem, wenn ich weiß, dass es in deinem Fall vielleicht nicht einmal ein Unfall wäre."

Johnny richtete sich auf und versuchte die Situation wieder unter Kontrolle zu bringen. „Jungs, Jungs, hört zu, ich bin nicht selbstmordgefährdet. Ich hatte meine Tiefpunkte, und ich habe sie alle überstanden. Ich lebe jetzt schon mein ganzes Leben mit all dem und habe es bis heute überlebt. Und so gut wie jetzt ist es schon lange nicht mehr gelaufen. Ich habe eine Freundin, eine Berufung … okay, keinen Job im eigentlichen Sinne mehr, nehme ich an, aber Karate ist nicht alles … ich habe meinen Sohn an meiner Seite, und meinen zweiten Sohn, ich habe alles im Griff. Ihr müsst euch keine Sorgen machen", betonte er.

Sie wirkten nicht so als würden sie ihm glauben.

„Ich lasse mich nicht unterkriegen", betonte Johnny.

„Wir wollen nicht, dass damit leben musst, Sensei. Darum geht es uns doch. Wir wollen nicht, dass du es im Griff hast, wir wollen, dass es dir gut geht", sagte Miguel, „Du hast mir geholfen, und Aisha und Eli und so vielen anderen. Wir wollen nur, dass du dir zur Abwechslung auch einmal helfen lässt. Bitte denk zumindest darüber nach."

„Okay, ich werde darüber nachdenken", versprach Johnny, in der Hoffnung, dass sie sich mit leeren Versprechungen abspeisen lassen würden. Sie nickten zufrieden und kehrten auf ihre Plätze zurück. Johnny fragte sich was für Informationen über ihn sie wohl ausgetauscht hatten. Er hatte Miguel ja einiges im Privaten anvertraut, und Robby wusste einiges anders. Irgendwie hatte er nicht bedacht zu welchen Schlüssen sie gelangen würden, wenn sie alles, das sie über ihn wussten, zusammenstückeln würden.

Nun, er musste ihnen einfach nur klar machen, dass es ihm gut ging, dass er keine Therapie brauchte. Dann würden sie sich schon wieder beruhigen. Zumindest hoffte er das.


Nach einer schier endlosen Fahrt waren sie wieder zu Hause. Johnny vereinte Miguel zu allererst mit seiner Mutter wieder, und kontrollierte dann gemeinsam mit Robby, ob seine Wohnung noch existierte und nicht ausgeraubt worden war. Nachdem alles in Ordnung zu sein schien, aßen sie alle zusammen bei den Diaz' zu Abend.

Rosa erzählte irgendeine Geschichte auf Spanisch und schien davon auszugehen, dass Johnny und Robby diese nun, nachdem sie in Mexiko gewesen waren, verstehen mussten und wirkte enttäuscht als keiner der beiden am Ende lachte. Robby wirkte überhaupt ein wenig niedergeschlagen und verschüchtert. Es war ziemlich offensichtlich, dass er ein wenig Angst vor Carmen und Rosa hatte, und jeder wusste warum. Aber niemand sagte etwas. Miguel verhielt sich so als wäre Robby sein neuer bester Freund.

Am Ende des Abends umarmte Carmen Robby und sagte ihm, dass er ein guter Junge war. „Danke, dass du mir meinen Sohn zurückgebracht hast", erklärte sie, „Das werde ich dir nie vergessen."

Robby begann zu weinen und erklärte wie leid ihm alles täte. Carmen wollte nichts davon hören. „Psst, ich weiß, es ist okay, es ist okay", murmelte sie, „Es war ein Unfall, und Miggy geht es wieder gut. Es geht uns allen wieder gut."

Johnny brachte Robby ins Bett, und ging dann noch einmal zu Carmen hinüber. Miguel war schon schlafen gegangen. Rosa und Carmen waren dabei das Geschirr zu machen.

Johnny beobachte sie dabei. „Ich glaube nicht, dass irgendeine Gefahr besteht", meinte er, „Es hat Miguel enttäuscht und verletzt, aber dass er nicht daran interessiert war, dass er einen Sohn hat, nun das ist im Endeffekt wohl das Beste für alle."

Carmen nickte. „Danke, dass du meinen Sohn heimgebracht hast, Johnny", meinte sie.

Es geht uns allen wieder gut, hatte sie gesagt, aber Johnny wurde klar, dass das nicht wahr war.

„Es war nett, was du zu Robby gesagt hast", gab er zu, „Aber ich weiß nicht, ob das ausreicht. Ich weiß nicht, ob ich ihm helfen kann. Ich glaube, mir war nicht klar, oder ich wollte nicht wahrhaben, wie sein Leben in den letzten Jahren ausgesehen hat. Es ist nicht Shannons Schuld, aber ich hätte dafür kämpfen müssen, dass es ihm besser geht. Und jetzt ist es dafür zu spät. Der Schaden ist angerichtet. Ich will ihm so gerne helfen, aber ich glaube nicht, dass ich das kann. Er hat mir gesagt, dass er seit Jahren mit der Angst lebt seine Mutter tot am Fußboden aufzufinden. Kein Teenager sollte mit dieser Angst leben müssen." Und jetzt hat er sich in den Kopf gesetzt, dass das auch mit mir passieren könnte. Das sagte er nicht.

Carmen musterte ihn vorsichtig. „Hast du dir überlegt professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen? Ich weiß, dass das mitunter nicht billig kommen würde, aber ich denke, dass Daniel und Amanda in diesem Fall bereit wären auszuhelfen. Wenn Robby aufarbeiten würde, was ihn beschäftigt, vielleicht würde ihm das helfen", schlug sie dann vor.

„Ein Irrenarzt, ja?", erkannte Johnny bitter.

„Johnny, sich Hilfe bei psychischen Problemen zu besorgen ist heutzutage vollkommen normal. Besonders in der Vereinigten Staaten", entgegnete Carmen.

„Das ist es ja gerade. Es ist eine Art Hobby, jeder hat seinen eigenen Seelenklempner, der ihm über alle Wehwehchen der Seele hinweg hilft. Bei dem man sich darüber ausheulen kann wie gemein seine Kollegen heute doch wieder zu einem waren. Jeder, der…." Johnny unterbrach sich, weil ihm klar wurde, dass er sich anhörte wie Sid. Schon wieder.

Bin ich wirklich wie er geworden?

Carmen kam besorgt zu ihm herüber und drückte seine Hand. „Johnny, was ist?", wollte sie wissen.

„Ich wollte nie so werden wie er, und jetzt …. Weißt du, die Wahrheit ist, ich wollte nie von noch einer Person mehr ins Gesicht gesagt bekommen was mit mir nicht stimmt. Und ich will auch nicht, dass Robby sich das anhören muss. Wenn ich in Ordnung wäre, wenn ich besser wäre, dann würde ich ihm vielleicht helfen können, dann wäre ich vielleicht genug. Aber wie soll ich jemandem helfen, wenn ich nicht einmal mir selbst helfen kann? Die Jungs wollen, dass ich zum Irrenarzt gehe. Das ist die Ironie daran. Sie denken, dass es mir nicht gut geht. Robby denkt, dass ich derjenige bin, den er am Ende tot am Fußboden auffinden wird", gestand er ihr, „Und ich weiß zwar, dass das Blödsinn ist, aber … Ich glaube, du irrst dich: Es geht uns nicht gut. Es geht mir nicht gut. Aber ich habe Angst, dass ich … dass wenn ich darüber spreche, alles schlimmer wird statt besser. Ich bin es gewohnt es zu ignorieren, wegzulaufen, damit zu leben. Wer sagt, dass es aufzuwühlen alles nicht schlimmer macht?"

Carmen umarmte ihn. „Was immer du entscheidest, ich stehe dir bei", versprach sie ihm, „Wenn es uns nicht gut geht, nun dann müssen wir daran arbeiten, dass es uns besser geht, uns allen. Und was auch immer der richtige Weg ist um das zu erreichen, den werden wir geneinsam beschreiten."

Wenn sie das sagte, dann hörte es sich so einfach an. Johnny wünschte sich nur, dass es auch wirklich so einfach wäre.


A/N: Ich habe keine Ahnung wo der Handlungsstrang um Miguels Vater in der Serie hinführen soll, deswegen habe ich hier den einfachen Weg gewählt ihn aufzulösen, da sein Vater als Charakter für diese Fic nicht wichtig ist.

Ursprünglich sollte dieses Kapitel mit einer Therapie-Sitzung enden, aber Johnny ist offenbar anderer Meinung gewesen, was das angeht.

Im nächsten Kapitel wende wir uns wieder Daniel zu.

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