Zusätzliche Warnings: Paranoia, mit Daniels mentaler Gesundheit geht es in diesem Kapitel rapide bergarb, betrachtet euch als gewarnt!
9. Der Mann, der nichts sehen konnte
Stingray zu finden war nicht das Problem, ihn dazu zu bringen mit Daniel zu sprechen war um einiges schwieriger. „Immerhin sind Sie Miyagi-Do, Mister LaRusso, Sie sind der Feind", erklärte ihm Stingray vollkommen ernsthaft, aber zugleich auch entschuldigend.
Daniel führte daraufhin lange aus, dass Rivalität nicht gleich bedeutend mit Feindschaft sein musste, und dass er nur an der Wahrheit interessiert war. „Weil gewalttätige Angriffe in keiner Form geduldet werden dürfen", sagte er, „Und was Ihnen passiert ist, ist tragisch und darf sich nicht wiederholen, Ray. Sie sind doch hoffentlich meiner Meinung, dass wir als Erwachsene alles tun müssen, was in unserer Macht steht, um zu verhindern, dass etwas in dieser Art den Kindern zustößt."
„Stingray. Mein Name ist Stingray. Und ich sehe sie nicht als Kinder und mich als Erwachsenen, sie sind meine Freunde", erwiderte Stingray, „Daran ist nichts falsch oder unheimlich. Der Meinung war auch der Richter, der war nur nicht damit einverstanden, dass ich mich an den Kampf in der Schule beteiligt habe, obwohl ich eine schulfremde Person war. Na ja, und volljährig und damit schuldfähiger als die anderen - aber das bedeutet nicht, dass sie nicht meine Freunde sind."
„Nein, natürlich nicht. Ich kann das gut verstehen, wirklich. Dieses Land hat eine seltsame Einstellung zu generationenübergreifenden Freundschaften. Als ich ein Teenager war, war mein bester Freund ein Mann in seinen Fünfziger, mein Karate-Sensei", erwiderte Daniel, der den Ansatzpunkt erkannte, als er sich ihm bot, und gleich zuschlug, „Aber gerade weil die anderen Cobra Kai-Schüler Ihre Freunde sind, sollten Sie noch mehr daran interessiert sein sie zu beschützen."
„Natürlich bin ich daran interessiert sie zu beschützen, deswegen habe ich ihnen ja beim Kampf in der Schule geholfen", behauptete Stingray, „Aber Sie müssen sich keine Sorgen machen, Mister L. Keiner von ihnen ist in Gefahr überfallen zu werden."
„Weil der Mann, der Sie verprügelt hat, vor Gericht gestellt werden wird?", vergewisserte sich Daniel, „Es ist nur, dass John Kreese mir gesagt hat, dass er nicht derjenige war, der Hand an Sie gelegt hat. Und ich bin geneigt zu glauben, dass das eine Lüge ist, aber ich finde, dass Gerechtigkeit wichtig ist. Und wenn er wegen etwas, das er nicht getan hat, ins Gefängnis kommen sollte, nun das wäre einfach nicht richtig. Egal, was ich persönlich von Sensei Kreese halten mag, ich bin es ihm schuldig sicher zu gehen, dass hier alles mit rechten Dingen zu geht. Wissen Sie, Ray … Stingray, Cobra Kais momentaner Sensei Terry Silver ist kein guter Mann. Ich weiß, dass er so tut als wäre er es, aber das ist alles nur Show. Kreese sagt, dass Silver ihm den Überfall angehängt hat um Cobra Kai an sich zu reißen, und nach meinen vergangenen Erfahrungen mit Silver, muss ich zugeben, dass das genau die Art Intrige ist, die von ihm zu erwarten wäre. Er schreckt vor nichts zurück. Wenn er sie also irgendwie erpresst oder bedroht, dann ist das der Moment etwas zu sagen, damit wir für Ihren Schutz sorgen können. Silver mag mächtig und reich sein, aber er kann nicht die ganze Polizei kaufen."
Stingray, der immer noch bandagiert und unbeweglich in seinem Krankenhausbett lag, warf ihm einen traurigen Blick zu. „Wissen Sie, Mister L, ich wollte immer nur zu Cobra Kai gehören. Ich war noch nie Teil eines Clubs, hatte noch nie Freunde, war noch nie Teil eines Großen Ganzen, und als Sensei Lawrence mir erlaubt hat Cobra Kai beizutreten, da war das der größte Moment meines Lebens. Ich will wirklich gerne zu Cobra Kai gehören."
„Und Sensei Kreese war nicht der Meinung, dass Sie zu Cobra Kai passen?", vermutete Daniel.
„Nein, er hat mir gesagt, dass ich nur ein Hofnarr war. Und das, obwohl ich seinem Team bei Capture the Not-Flag - oder wie immer das auch geheißen hat, was wir da gespielt haben - zum Sieg verholfen habe. Ich war die Geheimwaffe. Aber er, er hatte alles vergessen oder zumindest so getan und wollte mich nicht mehr in Cobra Kai haben", erzählte Stingray.
„Und Sensei Silver wollte das schon", riet Daniel.
„Es ist mir einfach wirklich wichtig in Cobra Kai zu sein", betonte Stingray, „Und wer in Cobra Kai ist, der ist loyal."
Daniel seufzte. „Sensei Lawrence und die meisten seiner Schüler sind nicht mehr in Cobra Kai. Miguel, Hawk, Bert - sie alle sind inzwischen entweder bei Eagle Fang oder Miyagi-Do. Aisha hat sogar ganz mit Karate aufgehört. Wem genau gilt Ihre Loyalität, Stingray?", versuchte er dann eine andere Taktik, „Einem Mann, der die von ihm gepredigten Ideale verrät?"
„Sensei Silver ist sein sehr furchteinflößender Mann. Und er bezahlt mir meinen Krankenhausaufenthalt", meinte Stingray.
„Lehrt Cobra Kai nicht, dass Furcht nicht existiert?", hielt Daniel dagegen, „Das Richtige zu tun ist nicht immer leicht, aber es trotzdem wichtig. Und es gibt mehr als nur einen Weg das Richtige zu tun. Ich meine … vielleicht können Sie sich an Ihren Angreifer ja nicht mehr erinnern, und vielleicht dachten Sie nur, dass es John Kreese war, weil Sie sich kurz vor dem Zwischenfall mit ihm gestritten hatten. Ich will nicht, dass Sie sich in Gefahr begeben, Stingray, ich will nur, dass Sie das Richtige tun."
Er ließ Stingray zurück um über seine Worte nachzudenken und hoffte, dass sie fruchten würden. Zumindest kannte er jetzt die Wahrheit, nämlich die, dass Kreese tatsächlich von Terry Silver ausmanövriert und hinter Gitter gebracht worden war.
Ich kann nicht glauben, dass ich Kreese tatsächlich dabei helfe frei zu kommen. Er kann davon, dass wir ihn beerben sollen, fantasieren so viel er will, er war bereit uns beide umzubringen - ich war dabei! Aber trotzdem konnte er ihn nicht für Etwas, das er nicht getan hatte, bezahlen lassen. Und noch weniger konnte er Terry Silver gewinnen lassen. Und wenn Terry Kreese im Gefängnis sehen wollte, dann war es Daniels oberstes Ziel zu verhindern, dass es soweit kam.
Auf jeden Fall wusste er jetzt, dass Terry irgendeinen verrückten Racheplan verfolgte, so wie er es vom ersten Moment an befürchtet hatte, als sie sich wiedergesehen hatten. Die Frage war nur was genau er mit Daniel vorhatte. So leicht wie Kreese konnte er ihn ja nicht kalt stellen. Aber Terry ist alles zuzutrauen, ich muss aufpassen, und ich muss Johnny warnen. Aber der ging ja nie an sein Telefon.
Daniel war noch damit beschäftigt sich den Kopf darüber zu zerbrechen was Terry planen könnte um sein Leben zu zerstören, als er wie erstarrt stehen blieb. In dem Restaurant gegenüber des Krankenhaus' sah er Mikes Barnes, Dennis, und Snake zusammen an einem Tisch sitzen und scheinbar feiern. Der Anblick alleine jagte ihm einen gehörigen Schock ein. Oh, nein. Was haben sie getan?!
Ohne weiter darüber nachzudenken, stürmte er auf den Tisch der Drei zu und baute sich vor ihnen auf. „Ich weiß alles!", behauptete er, „Was habt ihr getan?! Wozu hat Silver auch angestiftet?! Raus damit!"
„Dürfen wir jetzt nicht einmal mehr Essen gehen?", quiekte Dennis erschrocken und versank ein wenig in seinem Sessel, „Ist das auch schon auf der Liste der Verbotenen Taten?!"
„Darüber wurden wir nicht informiert", fügte Snake hinzu, und schien sich nach einem Fluchtweg umzusehen.
Daniel konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf Mike Barnes. Der hielt seinem Blick unbeeindruckt stand. „Entspann dich, LaRusso", meinte der, „Ja, Silver hat uns bezahlt, damit wir dir dein Leben schwer machen. Aber wir haben nichts getan. Nun ja, wir haben sein Geld genommen und geben es gerade großzügig aus, aber wir haben nicht vor uns mit dir anzulegen."
Daniel traute seinen Ohren nicht. „Und das soll ich glauben?!", empörte er sich.
„Du kannst es ruhig glauben", behauptete Barnes, „Hör zu, dieser Scheißkerl hat damals mein Leben ruiniert. Anders als für dich war Karate für mich nicht einfach nur ein Hobby. Es war mein Leben, es war mein Job. Dank Silver musste ich das alles aufgeben, neu anfangen. Und dann besitzt er die Frechheit mich anzurufen und so zu tun als wäre das alles nur eine unangenehme Nebenwirkung gewesen, mit der ich zu leben lernen muss."
Er schüttelte den Kopf und zog eine angewiderte Grimasse. „Terry Silver ist die Art Mensch, die denkt, dass sich mit Geld alles reparieren lässt. Also nehme ich sein Geld und räche mich zugleich an ihm." Er prostete Daniel zu. „Allerdings würdest du mir einen Gefallen tun, wenn du ihm, falls er dich fragt, erzählst, dass wir dabei sind dir das Leben zur Hölle zu machen."
Soll das ein Witz sein? Daniel hatte viel erwartet, aber das hier … kam ihm einfach nur absurd vor. „Du willst mir ernsthaft einreden, dass ihr auf Silvers Einladung hin hergekommen seid, euch für Dinge, die ihr nicht tut, bezahlen lasst, und du dich auf diese Art an den Mann rächst?", vergewisserte er sich.
Barnes nickte. „Du hast es erfasst", meinte er, „Natürlich könnte ich auch noch mehr tun. … Wie wär's LaRusso? Wir tun uns zusammen und verpassen Silver eine Kostprobe seiner eigenen Medizin. Zusammen fällt uns sicher etwas ein, wie wir den Mann von seinem hohen Ross herunterholen können."
Daniel konnte nicht anders, er lachte auf. „Wir beide sollen uns verbünden? Da würde ich ja noch lieber meine Seele verkaufen!", spottete er, „Denkst du wirklich, dass du in irgendeiner Form besser bist als Silver? Der hatte wenigstens ein verrücktes Motiv für seine Taten, aber du … du hast das alles damals einfach nur wegen dem Geld gemacht!" Sich mit Barnes zu verbünden, nun das kam überhaupt nicht in Frage! Außerdem….
Daniel kam ein schrecklicher Gedanke. Was wenn das hier Silvers Plan war? Was wenn Barnes nur so tat als würde er gegen Silvers Interessen arbeiten? Was wenn das alles ein neues Psycho-Spielchen war? Was wenn Terry von ihm erwartete, dass er sich mit Barnes gegen ihn verbündete, Barnes aber in Wahrheit immer noch für Terry arbeitete und nur so tat als ob er sich an Silver rächen wollte? (Und was wenn Terry von ihm auch erwartete, dass er sich mit Kreese verbündete und auch das irgendwie in seinen Racheplan einkalkuliert hatte?!)
„Nein, nein, ich falle nicht noch einmal darauf rein!", verkündete er laut.
Barnes, Dennis, und Snake musterten ihn erstaunt.
„Ihr könnt Silver sagen, dass ich nicht noch einmal auf sein falsches Spiel hereinfalle! Ihr erwartet doch nicht wirklich, dass ich euch glaube, dass ihr nicht auf seiner Seite steht!", schleuderte er ihnen entgegen, „So naiv bin ich nicht!"
Barnes schüttelte den Kopf. „LaRusso, nimm es mir nicht übel, aber dir hat jemand wirklich übel mitgespielt", stellte er fest, „Langsam glaube ich, dass Dennis Recht hat, und mit dir irgendwas gewaltig nicht stimmt. Nicht alles dreht sich um dich. Das hier ist kein Plot um dich zu verwirren. Ich will Rache an Silver, so einfach ist das. Und die beiden sind Schisser, die Angst vor dir haben, deswegen machen sie mit. So einfach ist das."
Daniel glaubte ihnen kein Wort. Es mussten Lügen sein. Wenn Terry Silver involviert war, dann war nichts so wie es den Anschein hatte! Und Barnes, der tat für Geld einfach alles! Aber wenn sie dachten, dass sie Daniel noch einmal austricksen könnten, dann irrten sie sich!
Daniel wirbelte herum und stürmte wieder aus dem Restaurant. Wenn sie dachten, dass sie mit alle dem durchkommen würden, dann irrten sie sich! Barnes und Silver würden den Tag noch bereuen an dem sie ihn unterschätzt hatten!
Er war zu aufgelöst um ins Dojo zu gehen. Stattdessen ging er nach Hause, wo ihn eine Überraschung erwartete. Zur Abwechslung einmal eine positive Überraschung.
„Julie! Julie Pierce! Was machst du denn hier?!" Daniel umarmte seinen unerwarteten Gast erfreut.
„Ich bin gerade zwischen Projekten", erwiderte Julie, „Und Amanda hat erwähnt, dass du Hilfe brauchen könntest. Also bin ich gekommen."
Daniel musterte Julie und stellte fest, dass sie keinen Tag älter geworden zu sein schien seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Und das war …. Nun, das musste Mister Miyagis Beerdigung gewesen sein.
Dieser Gedanke dämpfte die Wiedersehensfreude, und er konnte sehen, dass Julie ihm seinen Gedanken ansah. „Ich vermisse ihn auch", meinte sie leise, „An manchen Tagen mehr als an anderen, und an denen habe ich mich mit Arbeit abgelenkt. Trotzdem hätte ich öfter vorbeisehen sollen. Es tut mir Leid, Daniel, ich weiß was er dir bedeutet hat, ich hätte für dich da sein müssen."
„Jeder geht mit seiner Trauer auf seine eigene Art um", wehrte Daniel ab.
„Nun, meine Art mit Trauer umzugehen war noch nie sonderlich gesund. Genau das hat Mister Miyagi mir klar gemacht. Und bei meinem Versuch alte Fehler nicht zu wiederholen, bin ich wohl ein wenig über das Ziel hinausgeschossen", erwiderte Julie, „Ich wusste nicht einmal, dass du Miyagi-Do neu eröffnet hast. Amanda hat mir eine Zusammenfassung der letzten Jahre gegeben. Aber ich bin nicht sicher, ob ich alles verstanden habe…."
Daniel lächelte. „Ja, die letzten Jahre waren ein wenig verrückt", gab er zu, „Lass mich dir davon erzählen." Und dann erzählte er ihr bei einem Glas Saft alles, beginnend mit dem Tag, als Johnny Lawrence auf einmal in seinem Autoverkauf vor ihm gestanden hatte, bis zum letzten All Valley Turnier und seiner Rekrutierung von Chozen.
„Und Chozen unterrichtet jetzt alle Miyagi-Do und Eagle Fang-Schüler, während Johnny auf der Suche nach Miguel zusammen mit Robby wer-weiß-wohin verschwunden ist, und ich muss mir einen Weg überlegen wie ich Cobra Kai aufhalte", schloss er seine Geschichte.
Julie nickte und leerte ihr Saftglas. „Okay. Ich habe nur eines bei dieser ganzen Sache nicht verstanden: Warum? Warum willst du Cobra Kai aufhalten? Ich meine, ich kann verstehen, dass du wieder unterrichten willst, keine Frage. Aber warum ist dein Ziel nicht das zu erreichen, sondern stattdessen die Vernichtung von Cobra Kai? Mister Miyagi hatte nie etwas dagegen, dass andere Menschen anders unterrichtet haben als er, er ist nur dazwischen gegangen, wenn diese Unterrichtsmethoden Schaden verursacht haben, aber selbst dann hat er das den Schülern klargemacht und nicht versucht die Lehrer für immer davon abzuhalten zu unterrichten", wandte sie ein.
Das war nicht unbedingt die Frage, die sich Daniel erwartet hätte.
„Ich meine, ja, das ist wahr. Das war Mister Miyagis Weg, aber … aber hast du dich nie gefragt, ob er damit nicht falsch gelegen ist? Ich meine, wenn er damals vor all den Jahren anders gehandelt hätte, dann wäre heute alles anders. Und Terry Silver, der Mann, der Cobra Kai im Moment leitet, der ist ein Psychopath, der aufgehalten werden muss. Ich meine, er hat seinen Partner für etwas, das er selbst nur zu diesem Zweck getan hat, ins Gefängnis gebracht", verteidigte sich Daniel, „Das kann ich nicht einfach so stehen lassen."
„Okay. Nehmen wir an, du wirst diesen Terry Silver los … An wen gibst du dann das Dojo zurück? An Kreese?", erkundigte sich Julie.
„Nein, sicherlich nicht. Kreese ist kaum besser als Terry", widersprach Daniel.
„Dann Johnny Lawrence? Das neue Cobra Kai war sein Dojo, das ihm unter der Nase weggestohlen wurde. Du willst es für ihn zurückholen? Geht es dir darum?", riet Julie.
„Johnny kann machen was er will, aber es wäre mir lieber, wenn er sein Dojo nicht Cobra Kai nennen würde. Das hat das letzte Mal doch erst zu allen Problemen geführt. Er kann ruhig bei … Eagle Fang bleiben. Ich meine, Cobra Kai ist nur ein Name, er bedeutet ihm nichts", meinte Daniel.
„Und wenn ein anderer ehemaliger Cobra Kai Schüler auftauchen und die Leitung des Dojos übernehmen würde, dann …." Julie machte eine ausladende Handbewegung, und deutete Daniel an, dass er diesen Satz vervollständigenden sollte.
„… dann würde ich dieser Person nahe legen, dass sie nicht den Namen Cobra Kai verwenden sollte", tat Daniel ihr den Gefallen, „Und nicht das Credo von Cobra Kai unterrichten sollte. Diese Lehren sind böse."
Julie nickte. „Verstehe. Es sind also nicht die Leute, es sind die Lehren", vermutete sie, „Also angenommen, jemand würde sich von diesem Credo abwenden und etwas ganz anderes unterrichten, und sein Dojo trotzdem Cobra Kai nennen…."
Daniel warf ihr einen müden Blick zu. „Worauf willst du hinaus?", wollte er wissen.
Julie lächelte ihm unschuldig zu. „Ich frage mich nur wem dein Kampf eigentlich gilt. Denn für mich klingt das so als ob du den Namen Cobra Kai und das dazugehörige Logo bekämpfst, egal wer dahinter steht oder was dort unterrichtet wird", sagte sie, „Und das ist doch ein wenig … extrem. Zumindest meiner Meinung nach. Ich meine, es ist nur ein Name."
„Es ist nicht nur ein Name", belehrte sie Daniel, „Cobra Kai steht für etwas, etwas, das falsch ist. Cobra Kai hat mein Leben zerstört, und das mehr als einmal. Cobra Kai hat auch das Leben meiner Tochter zerstört, und das von vielen anderen Kindern im Valley. Cobra Kai ist böse, Julie."
Julie betrachtete das Glas in ihrer Hand. „Weißt du, mir ist mal ein Glas zerbrochen und ich habe mich böse daran geschnitten", erzählte sie, „Ich musste genäht werden und habe heute noch eine Narbe. Folgerichtig würde das bedeuten, dass dieses Glas hier, und jedes andere Glas ebenfalls, einfach deswegen böse ist, weil es aus Glas besteht. Und dass alles Glas dieser Welt vernichtet werden muss."
Daniel schnaufte. „Das kann man nicht vergleichen", behauptete er, „Du verstehst das nicht, du hattest es nie mit Cobra Kai zu tun. Nur jemand, der es erlebt hat, kann begreifen was Cobra Kai aus Menschen macht, mit ihnen macht. Es ist nicht einfach nur ein Logo, es ist nicht einfach nur ein Name. Es ist … wie ein Hakenkreuz."
Julie betrachtete ihn, und ihre Miene spiegelte Mitleid wieder. „Weißt du, bevor die Nazis sich das Hakenkreuz angeeignet haben, hatte es eine vollkommen andere Bedeutung", merkte sie an, „Ich weiß, dass ich es nicht verstehe, Daniel. Aber ich bin nicht die Einzige. Und vielleicht hast du ja jedes Recht so zu denken wie du es tust, und vielleicht kann sich Cobra Kai wie das Hakenkreuz nie wieder von dem erholen, was in seinem Namen getan wurde. Aber Daniel, vielleicht solltest du dich fragen warum es dir so wichtig ist Cobra Kai zu vernichten."
Daniel wollte etwas erwidern, doch sie hob die Hand. „Uh-uh. Du sollst nicht gleich damit heraus platzen, du sollst darüber nachdenken. Oft ist gerade das, was wir am Besten zu wissen glauben, das was wir im Grunde nicht klar sehen wollen. Habe ich dir je von Angel, dem Falken, erzählt, den ich gesund gepflegt habe, als ich Mister Miyagi kennengelernt habe? Sie war verletzt, konnte nicht mehr fliegen. Ich habe sie am Dach meiner Schule versteckt, habe mich heimlich herauf geschlichen um sie zu füttern. Ich wollte sie niemand anderen anvertrauen, wollte mich ganz alleine um sie kümmern. Weil ich dachte, dass niemand anderer ihr helfen würde wollen. Dass alle andere sie einsperren wollen würden. Aber schon damals gab es Organisationen, die verletzte Raubtiere gesund pflegen und wieder auswildern. Das wusste ich. Aber ich habe mir eingeredet, dass nur ich ihr helfen kann, dass nur ich ihr dabei helfen kann wieder fliegen zu lernen. Und die ganze Zeit über dachte ich, dass ich es für sie tue. Und erst als ich sie freigelassen habe und davon fliegen gesehen habe, da wurde mir klar, dass ich es in Wahrheit die ganze Zeit über für mich getan habe."
Julie sah ihm direkt in die Augen und fuhr fort: „Dass ich so einsam war, dass ich so dringend eine Vertraute in meinen Leben wollte, dass mir jede Ausrede recht war. Dass diesen Falken zu pflegen mir deswegen so wichtig war, weil es mir eine Ausrede geliefert hat mich vor anderen zu verstecken. Weil ich nicht bereit war anderen zu vertrauen, dass sie mir nicht weh tun würden, obwohl ich so getan habe als ob ich Angst davor hätte, dass sie ihr weh tun könnten. Jedes Mal, wenn ich den Falken angesehen habe, dann habe ich mir eingeredet, dass ich einen Falken sehe, obwohl ich in Wahrheit immer noch mir selbst gesehen habe. Ich wollte nicht sehen was für sie das Beste gewesen wäre, ich konnte es nicht sehen."
Daniel seufzte und warf ihr einen verärgerten Blick zu. „Amanda hat dich angerufen und hergeholt, oder? Von wegen zwischen Projekten", stellte er bitter fest, „Du musst mich nicht Mister Miyagi-en. Ich Mister Miyagi-e andere, wenn es sein muss. Diese Art von Hilfe brauche ich nicht. Es geht mir gut. Ich sehe eine Kobra und nicht mich selbst."
Julie gab ein summendes Geräusch von sich, als hätte er ihr gerade recht gegeben anstatt ihr zu widersprechen. Und dann kamen Sam und Anthony mit Amanda nach Hause und unterbrachen ihr Gespräch.
„Tante Julie!", rief Sam überrascht aus und stürzte auf die Frau zu, „Was machst du denn hier?!"
Daniel beschloss, dass er trotz allem so höflich sein sollte für Julie zu kochen, wenn sie schon den weiten Weg ins Valley auf sich genommen hatte um ihn zu belehren (und das obwohl er älter als sie war und besser wusste welche Gefahr von Cobra Kai ausging als irgendjemand sonst). Während sich Julie mit den Kindern unterhielt, bereitete er Sushi für seinen Gast zu und hörte mit einem Ohr zu wie Julie von ihrer Karriere erzählte.
„Was macht eine Stunt-Koordinatorin?", wollte Anthony von Julie wissen.
„Die ist für all die coolen Kampfszenen, die du in einem Film oder einer Serie siehst, verantwortlich. Für die Choreographie, die Sicherheit der Stunt-Leute und des Casts, für alles eben. Ich zeige den anderen Stunt-Leuten und den Schauspielern was sie tun sollen und bringe ihnen ein paar Tricks bei und passe auf, dass sich keiner dabei verletzt", erklärte ihm Julie.
„Das ist cool", befand Anthony, „Machst du selbst auch immer noch Stunts?"
„Ab und zu", erwiderte Julie.
„Das ist auch cool", war Anthonys Meinung.
Daniel versuchte nicht darüber bitter zu sein, dass der Junge seinen eigenen Beruf – keinen von beiden – noch nie als cool bezeichnet hatte.
„Was ist dein nächstes Projekt, Tante Julie?", wollte Sam wissen.
„Mir wurde eine Martial Arts Fernsehserie angeboten", erklärte Julie, „Ich hab ein paar Ideen, aber ich bin nicht sicher, ob ich das machen soll. Martial Arts Fans sind chronisch schwer zufrieden zu stellen. Wenn ich's versaue, dann bin ich ein Paria. Also bin ich unentschlossen."
„Ist das die neue Serie mit Michelle Yeoh?", wollte Sam wissen.
„Du weißt, dass ich dir das nicht sagen kann, Sam", gab Julie zurück.
„Das Sushi ist fertig." Daniel knallte ihr das Fischbrett vor die Nase.
Julie schenkte ihm ein unschuldiges Lächeln. „Danke, Daniel."
Sam sah ihren Vater irritiert an. „Alles in Ordnung, Dad?", wunderte sie sich.
„Mir geht es Bestens", knurrte Daniel.
„Woher kennst du Dad noch einmal, Julie?", wollte Anthony dann von seiner neuen Heldin wissen.
Also begann Julie zu erzählen wie sie Mister Miyagi kennenglernt hatte. Und wie immer, wenn die Sprache auf Mister Miyagi kam, konnte Daniel nicht lange ungehalten bleiben. Sein Herz wurde schwer und zugleich auch froh, und gegen seinen Willen hörte er zu und erinnerte sich an den Mann, den er immer noch so schmerzlich vermisste.
„… und dann ist er ohne zu klopfen hereingekommen, als ich dabei war mich umzuziehen. Ich weiß nicht wer erschrockener war, er oder ich. Und dann hat er gesagt: Mein Freund Daniel-san und ich sind immer in Zimmer von anderen gekommen ohne zu klopfen. Jungs einfacher, Mädchen schwerer. Das hat er dauernd behauptet, dass Jungs einfacher sind, meine ich", erzählte Julie.
„Das stimmt ja auch", merkte Amanda an.
„Ich würde nicht wollen, dass Dad in mein Zimmer kommt ohne zu klopfen", behauptete Anthony.
„Immerhin hat er sich bemüht", verteidigte Sam Mister Miyagis Ehre.
„Oh ja, das hat er. Ich habe euch noch nicht erzählt wie er mir ein Kleid für den Ball gekauft hat. Es war ein umwerfendes Kleid, in meiner Größe. Als ich ihn gefragt habe woher er meine Größe wusste, hat er nur gemurmelt: Das war schwerer Teil. Später habe ich erfahren, dass er einfach in ein Kleidungsgeschäft gegangen ist und versucht hat ein Kleid für mich zu kaufen und mich dabei der Verkäuferin vage beschrieben hat. Ich weiß bis jetzt nicht wie daraus ein Kleid in meiner Größe resultieren konnte", stimmte Julie ihr zu.
„Er hat sich immer bemüht", meinte Daniel voller Zuneigung, „Selbst wenn er etwas nicht verstehen konnte, hat er sein Bestes getan." Er verstummte als ihm klar wurde, dass ihn alle anstarrten. „Entschuldigt mich, ich muss kurz austreten", murmelte er und floh aus der Küche.
Ein Kloß hatte sich in seinen Hals gebildet. Er musste daran denken wie Mister Miyagi damals 1985 ohne nachzufragen seinen verletzten Fuß versorgt hatte. Nein, daran wollte er jetzt nicht denken.
Sie irren sich, sie irren sich alle. Ich bin der Einzige hier, der versteht was alles auf dem Spiel steht. Sie können es nicht verstehen. Und so soll es auch bleiben. Mister Miyagi hatte es damals nie vollkommen begriffen, aber das war auch besser so. Daniel wollte sich nicht ausmalen, was der alte Mann empfunden und durchlitten hätte, wenn er alles gewusst hätte…
Er konnte Julie nicht böse sein, sie meinte es gut, das wusste er. Sie war einfach nie … Sie hatte nie durchgemacht was er wegen Cobra Kai durchgemacht hatte, und sie war niemals Terry Silver begegnet. Und das würde sie auch nie, wenn er es verhindern konnte. Er würde sie überreden diesen neuen Job anzunehmen und so schnell wie möglich wieder loswerden, bevor Terry und seine Kohorten sie auch noch in ihre Spielchen hineinziehen konnten. Und sobald er sie wieder los wäre, könnte er sich endlich um Cobra Kai kümmern. Nicht deswegen, weil er nicht klar sehen konnte, sondern deswegen, weil es einfach sein musste.
Natürlich wollte Julie Chozen und die Schüler kennenlernen. Daniel nahm sie also mit ins Miyagi-Do, und sie stellte lachend fest, dass sich hier so gut wie nichts verändert hatte. „Weißt du, dass meine Großmutter hier die Pflanzen gehütet hat? War nur eine Ausrede um Urlaub zu machen, wenn du mich fragst", erzählte sie. Sie sagte nicht „Urlaub von mir", aber Daniel hörte es trotzdem.
Er wollte etwas Tröstliches sagen, doch er kam nicht dazu, weil Julie in diesem Augenblick Chozen erblickt hatte und auf ihn zueilte und ihn in ein Gespräch verwickelte. Daniel stellte fest, dass sie mit Chozen in einer Sprache sprach, die sich verdächtig nach Japanisch anhörte. „Ich … wusste nicht, dass du Japanisch sprichst, Julie", stellte Daniel fest.
„Ach nur ein paar Phrasen, ich habe ein wenig dazu gelernt wegen meinem Job. Eigentlich sollte ich es nicht tun, mit der Aussprache hapert es gewaltig, und mir wurde öfter nahe gelegt besser gar nichts zu sagen als die Sprache weiter zu verunstalten. Das war jetzt nur eine Begrüßungsformel, mehr nicht", tat Julie es ab.
„Pierce-san spricht sehr gut", behauptete Chozen.
Daniel verspürte mit einem Mal den Drang irgendetwas in der Art von „Julie ist verheiratet!" zu sagen, was zwar technisch gesehen nicht vollkommen wahr wäre, aber trotzdem seiner Meinung nach eine Information war, die er Chozen lieber sofort wissen lassen wollte. Warum war ihm nicht ganz klar. Chozen war nur höflich, zumindest nahm er das an, aber … trotzdem gefiel Daniel die Art und Weise wie er Julie ansah nicht.
Julie verneigte sich leicht. „Danke vielmals, Toguchi-san", meinte sie, „Daniel hat mir gesagt, dass Sie hier für ihn unterrichten? Darf ich teilnehmen?"
„Natürlich."
Daniel sah etwas verstimmt dabei zu wie Chozen der Klasse plus Julie ein paar neue Tricks zeigte. Offenbar wollte er vor Julie angeben, normalerweise machte er sich nicht so viel Mühe jemand anderen auf die Matte zu legen wie heute. Sein Opfer war der arme Demetri, der sich zwar seit seinen bescheidenen Anfängen gewaltig verbessert hatte, aber trotzdem wie ein wehrloser Dummy wirkte als Chozen an ihm seine spezielle Technik einen Gegner schnell zu überwältigen demonstrierte. Daniel war nicht besonders begeistert. Julie hingegen, nun die schien ihren Spaß zu haben.
Daniel warf Chozen immer wieder düstere Blicke zu, die dieser aber ignorierte, entweder absichtlich oder weil er sie nicht einmal bemerkte.
Nachdem die Stunde vorbei war, und Bert seine verbogene Brille beklagte, nachdem er auch ein Opfer von Chozens neuer Technik geworden war, tauchte noch jemand unvermittelt im Dojo auf.
„Johnny!"
Sam lief auf den blonden Mann zu. „Seid ihr alle zurück? Miguel hat sich nicht mehr bei mir gemeldet! Ich habe mir schon Sorgen gemacht!"
Daniel, dem alles davon neu war, runzelte die Stirn, und wandte sich Johnny Lawrence in all seiner Pracht zu, während der seine Tochter umarmte.
„Ja, sein Handy ist kaputt gegangen, und dann ist es spät geworden, und er und Robby haben den ganzen Tag durchgeschlafen. Ich hätte ja angerufen, aber ich war auch ziemlich fertig. Es war eine Busfahrt durch die Hölle - danke fürs Tickets besorgen, übrigens. Ich zahl dir natürlich alles zurück", erklärte der blonde Mann.
Sam hat die Bustickets bezahlt? Daniel begann sich zu fragen was sie ihm in letzter Zeit noch alles vorenthalten hatte.
Johnnys Blick fiel auf ihn. „Hallo, Daniel", meinte er dann sanft.
„Johnny", erwiderte Daniel nur und nickte dem blonden Mann zu, „Ich bin froh, dass ihr alle wohlbehalten wieder hier seid."
Diese Begrüßung schien Johnny zu beruhigen. „Ja, ich auch", meinte der nur, „Was hat sich hier so getan, während ich weg war?" Dann nickte er in Richtung Chozen und Julie. „Und wer sind diese Leute?"
Daniel wusste nicht wie er diese Frage beantworten sollte, und das auch noch vor allen anderen und ohne einen beruhigenden Drink in seiner Hand. „Das sind die anderen Vertreter von Miyagi-Do. Julie Pierce, eine andere Schülerin von Mister Miyagi, und Chozen Toguchi, der Miyagi-Karate in Okinawa unterrichtet, er ist mein Karate Cousin", stellte Daniel Johnny die beiden anderen Erwachsenen vor.
„Das muss wohl der berühmte Johnny Lawrence sein", stellte Julie fest.
Chozen verbeugte sich höflich. „Lawrence-san."
„Karate Cousin", erwiderte Johnny leicht verunsichert und nickte Julie zu, „Hi." Dann warf er Daniel einen fragenden Blick zu.
„Ehm, ich habe Chozen gebeten unsere Schüler an unserer Stelle zu unterrichten. Immerhin war im Deal, den wir mit Kreese gemacht haben, nur davon die Rede, dass wir beide nicht mehr unterrichten dürfen. Miyagi-Do kann so aber weiter bestehen. Und Julie ist hier, weil sie zufällig zu Besuch gekommen ist", erklärte dieser langsam.
„Und damit haben Kreese und der andere Kerl kein Problem?", versicherte sich Johnny.
„Wir haben es mit Terry geklärt", erwiderte Daniel, der nicht fand, dass das der geeignete Moment war, um Johnny die ganze Kreese-Situation zu erklären.
Johnny waren seine Zweifel anzusehen, aber er sagte nichts.
Julie meldete sich zu Wort. „Jetzt, wo wir alle hier versammelt sind, sollten wir das feiern. Miyagi Fang Party", meinte sie, „Lasst uns alle zusammen Essen gehen."
„Ich weiß nicht. Ich sollte nach den Jungs sehen, Carmen hat heute Nachtschicht, und…", begann Johnny verhalten, doch Julie unterbrach ihn freundlich. „Bring sie doch einfach mit. Amanda und die Kinder sollten auch kommen", schlug sie vor, „Sollen wir was reservieren? Daniel? Wo wollen wir Essen Gehen? Was ist dein Lieblingsrestaurant?"
Johnny wirkte überfallen, aber nicht abgeneigt, wenn auch ein wenig überfordert, und Daniel hatte das Gefühl in eine Falle zu tappen. Aber Sam schien begeistert von der Idee zu sein und nickte enthusiastisch, und Chozen war zu japanisch um irgendetwas dazu zu sagen, also gab er nach und nannte ein Restaurant, und sie machten sich eine Uhrzeit aus, und dann sagte Johnny seinen Schülern kurz Hallo, bevor er sich wieder absetzte um sich umzuziehen und Miguel und Robby einzusammeln.
Chozen verabschiedete sich ebenfalls um sich frisch zu machen, und Julie und Sam eilten schon voraus zum Auto. Daniel war weiterhin misstrauisch und halb überzeugt, dass dieses gemeinsame „Essen" in Wahrheit eine Intervention für ihn darstellen sollte. Der einzige Grund warum er sich nicht 100% sicher war, war der, dass Johnny Lawrence bei so etwas niemals mitmachen würde, weil er viel zu unorganisiert für Interventionen war.
Nun, es würde sich weisen. Er musste so oder so mit Johnny sprechen, und vielleicht war das seine Chance Julie klar zu machen, dass alles in bester Ordnung war und er ihrer Hilfe nicht bedurfte. Er musste nur den Eindruck erwecken als ob er und Chozen alles unter Kontrolle hätten. Und Johnnys chaotische Anwesenheit würde diesen Eindruck sicherlich verstärken. Also warum nicht gemeinsam Essen Gehen? Es könnte seine Siuation nur verbessern.
Das Essen war mehr Desaster als sich Daniel erhofft hatte. Anthony war die ganze Zeit über gelangweilt und starrte, weil er immer noch Konsolen Verbot hatte, die ganze Zeit über beleidigt vor sich hin, nachdem seine Frage nach Miguels „Drogenbaron-Vater" von Amanda wütend abgewürgt worden war. Unterdessen verstanden sich Miguel und Robby überraschend gut wie es schien, Robby schien zwar nach wie vor kein Interesse daran zu haben mit Daniel zu sprechen, aber er und Miguel saßen jeweils links und rechts von Sam, stritten sich nicht, und gingen zivilisiert miteinander und mit Daniels Tochter um, die kein einziges Mal nach ihren Abenteuern in Mexico fragte, sondern stattdessen munter von Chozen als neuen Lehrer, den anderen Miyagi-Do und Eagle Fang-Schülern, und sogar von Tory Nichols erzählte.
Die Probleme gingen los, als Johnny sich danach erkundigte wie sich Daniel und Chozen kennengelernt hatte, und Daniels kurze Antwort: „Wir haben uns getroffen, als ich damals mit Mister Miyagi nach Okinawa geflogen bin" irgendwie zu einer langen Geschichte inklusive einer Beschreibung des Todesduells wurde (weil Chozen offenbar nicht wusste, dass man dieses Detail besser nicht erwähnen sollte, wenn man über die Zeit damals sprach).
Amanda wurde blass, Julie gingen fast die Augen über, und Johnny war einen Moment lang sprachlos, was ja sonst so gut wie nie vorkam, und schien dann gleich dazu übergehen zu wollen Chozen seinerseits zu einem Todesduell herauszufordern, da er ja Johnny war.
„Ich dachte so etwas gibt es nur in Filmen, Todesduelle meine ich", begann der blonde Mann seine Herausforderung, woraufhin Chozen sich verpflichtet fühlte alles über seinen Onkel und Mister Miyagi, Ehre und Sonstiges zu erklären. Und prompt sein eigenes „unehrenhaftes Verhalten", inklusive Kumiko als Geisel, erwähnte, was wiederum Johnny mehr als nur ein wenig verärgerte.
„Soll das ein Witz sein, LaRusso?! Du lässt so jemanden unsere Schüler unterrichten? Und mir hast du das Leben schwer gemacht, weil ich Kreese zurück in mein Leben gelassen habe?!", empörte er sich.
Daniel versuchte Johnny nun zu versichern, dass Chozen sich geändert hatte, während Chozen sich in seiner Ehre angegriffen fühlte („Was meinen Sie mit So Jemanden, Lawrence-san?"), und wenige Momente später standen Chozen und Johnny kurz davor sich gleich hier und jetzt im Restaurant zu prügeln.
Julie und Amanda sahen zwischen den beiden Männern hin und her als wären sie Zeuge eines Tennis-Matches, und Daniel versuchte sich gleichzeitig bei Chozen für Johnnys Verhalten zu entschuldigen und Johnny zu versichern, dass Chozen ein guter Mann war, was ihm nicht wirklich gelang, denn alles, was er über Chozen und zu Chozen sagte, schien Johnny nur noch wütender zu machen.
„Warum stellst du mich als jemanden hin, für den du dich entschuldigen musst?! Ich habe nie versucht dich umzubringen soweit ich mich erinnern kann, und fang jetzt ja nicht wieder mit der Behauptung an, dass ich dich von einer Klippe gestoßen hätte, denn es war ein verdammter Hügel, und ich wollte nicht, dass du stirbst, und ich habe niemals ein unschuldiges Mädchen als Geisel genommen oder mich während eines Unwetters wie ein Feigling versteckt anstatt Menschen zu retten!", blaffte Johnny ihn an, und das Wort Feigling reichte aus um Chozen dazu zu veranlassen japanische Schimpfworte auf Johnny einprasseln zu lassen.
Daraufhin versuchte Julie die Situation zu de-eskalieren, was aber auch nicht klappte („Baka kenne ich, ich weiß genau was das heißt!"- O-Ton, Johnny).
Und irgendwie endete das alles mit einer „Duell bei Morgengrauen"-Herausforderung.
„Das wird mir keiner glauben", behauptete Anthony, „Das ist so cool."
„Und ich hatte Angst, dass das in Mexico passieren könnte", meinte Robby resignierend, „Das ist dein neuer Lehrer, Sam?"
„Sensei, bitte, sei vernünftig!", versuchte Miguel Johnny zur Vernunft zu bringen.
„Sensei, Duelle sind in den Vereinigten Staaten verboten", argumentierte Sam unterdessen mit Chozen.
Amanda wirkte so als wäre sie bereit die Bar auszutrinken, während Julie irgendetwas darüber murmelte, dass hier mehr als nur eine Person an Wut-Problemen zu leiden schienen.
Daniel wünschte sich einfach nur, dass Mister Miyagi hier wäre. Dem wäre sicher etwas eingefallen um die Situation zu entschärfen, nein, mehr noch, vermutlich wäre sie unter ihm gar nicht erst entstanden! Und dabei wusste Johnny noch nicht einmal über die Kreese-Situation Bescheid!
Und gerade als Daniel dachte, dass das alles nicht mehr schlimmer werden konnte, erblickte er Terry Silver, der zusammen mit einem Mann, den er nicht kannte, ins Restaurant marschiert kam.
„Ist das … Ich glaub ich werd' nicht mehr. Das ist Dugan!", stellte Julie überrascht fest, und starrt den Mann neben Terry Silver an als hätte sie einen Geist gesehen.
Terry war ihre Gruppe offenbar aufgefallen, und er kam lächelnd zu ihrem Tisch herüber. „Mister Lawrence, Mister Keene, Mister Diaz, Sie sind alle zurück wie ich sehe", stellte er fest, „Wann können wir Sie zum Unterricht zurück erwarten, Mister Keene?"
Robby warf einen unsicheren Blick auf seinen Dad. „Ich glaube nicht, dass ich zurückkommen werde", meinte er vorsichtig.
Johnny starrte Terry Silver mit schlecht unterdrücktem Zorn an. „Ja, mein Sohn ist fertig mit Cobra Kai", zischte er, „Das können Sie Kreese gerne ausrichten: Dass alle meine Kinder fertig mit Cobra Kai sind, und keiner von uns zurückkommen wird."
Terry wirkte als hätte er ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk bekommen. „Oh, stimmt, Sie waren ja außer Landes. Dann wissen Sie noch gar nicht was geschehen ist: Dass der gute John verhaftet wurde, weil er Mister Stingray angegriffen und ins Koma geprügelt hat", bemerkte er.
„Was?!" Johnny erblasste und wirkte vollkommen verwirrt, bevor er Daniel einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Robby und Miguel starrten Daniel ebenfalls entsetzt an.
„Ich bin noch nicht dazu gekommen das zu erwähnen", verteidigte er sich.
„Wusstest du davon?!", wollte Miguel von Sam wissen.
„Was? Nein! Ich meine, nein, denkt ihr ich hätte euch das nicht gesagt, wenn ich es gewusst hätte?!", verteidigte sich Sam.
„Tory!", fiel Robby ein.
„Keine Sorge. Miss Nichols geht es gut. Genauso wie Mister Payne und allen anderen. Offenbar hat sich John nur an Stingray vergriffen. Was ein Glück für uns alle ist. Ich werde natürlich nicht zulassen, dass er noch einmal auch nur in die Nähe meiner Schüler kommt", betonte Terry.
„Lass die Heuchelei", fuhr ihn Daniel an, „Wir beide wissen, dass es nicht Kreese war, der Stingray so zugerichtet hat. Wenn du denkst, dass dieser lächerliche Versuch hier einen Keil zwischen uns zu treiben Erfolg haben wird, dann irrst du dich. Wir wissen alle wer der Feind ist."
Terry lächelte nur milde. „Ich nehme an, John hat versucht sich herauszureden? Behauptet ich hätte ihm das alles untergeschoben? Und diese Ausrede hast du ihm abgekauft? Mister Lawrence kennt sein Temperament doch aus erster Hand, vielleicht solltest du ihn fragen was er denkt, bevor du John Kreese so leicht glaubst", gab er zu bedenken.
Daniel schüttelte nur den Kopf. „Du wirst damit nicht durchkommen. Die Wahrheit wird ans Licht kommen", prophezeite er.
„Julie Pierce", meinte der Mann neben Terry nun und starrte Julie an.
„Paul Dugan", erwiderte Julie, „Was machen Sie hier?"
„Ich unterrichte nun Selbstverteidigung in Mister Silvers Dojo", erklärte der Mann – Dugan – ruhig.
Julie hob eine Augenbraue und wandte sich dann direkt an Silver. „Sie wissen, dass dieser Mann unehrenhaft entlassen wurde und warum?", versicherte sie sich.
„Ich glaube an Zweite Chancen", erwiderte Terry freundlich, „Paul hat mir geschworen, dass er sich geändert hat, und ich habe meine Bedingungen sehr klar gemacht. Ich würde meine Schüler niemals gefährden, das kann ich Ihnen versichern, Miss … Pierce, nicht wahr? Menschen ändern sich, die Welt hat sich seit damals weitergedreht. Auch wenn gewisse Menschen das nicht einsehen wollen, ich bin nicht so blind."
Daniel lachte bitter. „Ach bitte, niemand ändert sich wirklich jemals", gab er zurück, „Man ist was man ist, tief im Inneren. Der Kern, der bleibt immer gleich."
Amanda zischte warnend seinen Namen, und Julie hatte ihren Blick von Dugan abgewandt und schien nun ihn anzusehen, doch Daniel konnte es nicht riskieren seinen Blick von Silver abzuwenden.
Der lächelte nur wieder. „Damit hast du vermutlich Recht. Vielleicht sollte ich lieber sagen, dass ich weiß, dass das, was Menschen tun, nicht zwingend etwas darüber aussagt wer Sie sind", erwiderte er, „Jeder kann Fehler machen. Mister Dugan hat aus seinen Fehlern gelernt."
„Ich hoffe für Sie, dass Sie damit recht haben, Mister Silver", sagte Julie.
Dugan warf Julie einen vernichtenden Blick zu und meinte dann zu Terry: „Unser Tisch wartet."
Terry nickte Daniel und den Rest seiner Gesellschaft gespielt freundlich zu. „Überlegen Sie es sich noch einmal, Mister Keene. Cobra Kai stirbt nie. Ehemalige Mitglieder sind bei uns immer willkommen. Mister Diaz, Mister Lawrence. Daniel." Er nickte einem nach dem anderen zu. „Es wäre doch schade, wenn man so viel Potential verkommen lässt. Ladies, Toguchi-san, LaRusso Junior, habt noch einen schönen Abend." Dann zogen er und Dugan sich endlich zurück.
Daniel atmete erleichtert auf und wandte sich den Anderen zu. Und stellte fest, dass ihn diverse steinerne Mienen über den Tisch hinweg anstarrten, Anthony verwirrt wirkte, Miguel besorgt zwischen Robby und Johnny hin und her blickte, und Julie schnell nach der Dessert-Karte griff und sich erkundigte: „Hat jemand Lust auf Nachtisch?"
Unüberraschenderweise hatte an diesem Abend aber niemand Lust auf einen Nachtisch.
A/N: Um es mit den Worten eines gewissen Showrunners zu sagen: All diese Karate-Champions versammeln sich … In dieser Fic aber scheinbar vor allem um sich zu streiten.
Aber keine Sorge, manchmal muss es erst schlimmer werden, bevor es besser werden kann. Johnny hat ja auch seine Familie in Ordnung gebracht, also kann es doch nicht so schwer die Miyagi-Fang-Familie in Ordnung zu bringen … Hoffentlich.
Da ich nicht denke, dass ich das nächste Kapitel vor Ostern posten werde:
Frohe Ostern!
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