Zusätzliche Warnings: Erw. von Gedanken an Abtreibung
11. Der Mann, der alles tun konnte
Der Duft der Freiheit war immer dann am Süßesten, wenn man noch frisch in Erinnerung hatte wie es sich anfühlte nicht frei zu sein. Kreese genoss den Duft der Freiheit dieses Mal besonders, weil er wusste, dass es zu bedeuten hatte, dass Terrys Versuch ihn zu Fall zu bringen gescheitert war. Stingray hatte seine Anschuldigungen zurückgezogen, und damit hatte Terry verloren.
Kreese konnte nicht anders, er musste das seinem ehemaligen Freund bei der ersten sich bietenden Gelegenheit aka kaum, dass er sein Handy zurück bekommen hatte, unter die Nase reiben. Nachdem das erledigt war, atmete er tief durch und überlegte sich seinen nächsten Schritt.
Terry wäre vermutlich gerade dabei in Panik zu geraten, was Kreese nur recht war, da ein panischer Terry dazu neigte Fehler zu begehen. Aber um sich an ihn zu rächen würde es etwas mehr als nur eine höfliche Drohung brauchen. Vor allem würde Kreese Verbündete brauchen. Daniel LaRusso war für seine Entlassung mitverantwortlich, dessen war sich Kreese ziemlich sicher. Zeit sich zu bedanken und herauszufinden wie die Dinge standen, ob Daniel bereit war sich von Kreese im Kampf gegen Terry Silver helfen zu lassen.
Im Miyagi-Do fand er allerdings keinen LaRusso vor, dafür aber …. „Johnny!"
„Kreese", stellte der blonde Mann fest und wirkte wenig begeistert, „Du bist also wieder draußen. Mir wurde gesagt, dass du im Gefängnis bist."
„Alles nur ein Missverständnis", betonte Kreese, „Ich bin vollkommen unschuldig, deswegen bin ich ja wieder draußen. Ich habe gehört, dass du verschwunden warst. Wo hast du gesteckt?"
„Mexico", meinte Johnny nur knapp, „Aber das ist im Moment nicht wichtig. Tory Nichols wurde überfallen, von deinen Schülern und einem neuen Cobra Kai-Lehrer." Das hörte sich verdächtig nach einem Vorwurf an.
„Ich weiß nichts von einem neuen Lehrer, und da ich mich in Haft befunden habe, kann ich nichts für das, was auch immer geschehen sein mag. Geht es Tory gut?" Kreese nahm an, dass es so sein musste; sie war ein taffes Mädel, und außerdem wäre Johnny nicht so ruhig, wenn ihr etwas Ernstes zugestoßen wäre. Trotzdem lösten diese Neuigkeiten vage Sorge in Kreese aus. So schlecht dieser Zwischenfall für Terry wäre, dass ausgerechnet Tory Nichols zwischen die Fronten seines Krieges gegen seinen ehemaligen Partner geriet, war ihm gar nicht recht.
„Ein paar gebrochene Knochen, Hämatome, das Übliche eben", meinte Johnny knapp, „Ich denke der Schock ist schlimmer als die Wunden. Wenn man von jemandem angegriffen wird, den man vertraut hat, dann bleibt das nicht ohne Folgen." Auch das klang nach einem Vorwurf.
Kreese beschloss nicht darauf einzugehen. „Ich habe keinen Einfluss auf das, was Terry den Schülern beibringt", erklärte er.
„So wie du keinen Einfluss darauf hattest, dass deine Schüler bei den LaRussos eingebrochen sind und die Kinder, die im Haus waren, angegriffen haben? Das wird langsam zu einem Muster. Es ist als ob Cobra Kai seine Schüler dazu erziehen würde kriminell zu werden", behauptete Johnny offensichtlich wütend, „Ist es das wofür Cobra Kai nun steht? Für Verbrechen und Gewalt? Ich habe das Dojo nicht zurückgebracht damit die Kinder das lernen. Ich wollte ihnen helfen, so wie mir geholfen wurde. Aber dann bist du gekommen und hast alles zerstört." Das war nun eindeutig ein Vorwurf.
Kreese seufzte. „Johnny", begann er, „Cobra Kai ist mir genauso wichtig wie dir. Ich wollte nie, dass es soweit kommt. Und genau deswegen ist es so wichtig, dass wir Cobra Kai von Terry Silver zurückbekommen und zu seiner alten Größe zurückführen. Terry ist derjenige, der die Geister der Kinder vergiftet. Sobald ich wieder das Sagen habe, werde ich alles wieder in Ordnung bringen."
Johnny schüttelte nur den Kopf. „Es hat wahrlich nicht lange gedauert, bis du darauf zu sprechen gekommen bist", stellte er fest, „Deine eigenen Fehler interessieren dich nicht einmal. Tun dir nicht leid. Oder vielleicht schon, aber du willst es nicht zugeben. Du bist nur hier um jemanden zu finden, der dumm genug ist, mit dir in deinen imaginären Krieg gegen Silver zu ziehen. Tory interessiert dich nicht, ich interessiere dich nicht, nicht einmal Cobra Kais Ruf interessiert dich. Dir geht es nur um Rache. Aber das kannst du vergessen. Keiner hier ist dumm genug darauf reinzufallen."
Kreese verzog keine Miene. „Es sollte dich aber interessieren", erwiderte er, „Terry hat vor dich in diesen Krieg hineinzuziehen, ob es dir gefällt oder nicht. Er weiß nämlich, dass du mich sehr wohl interessierst. Bevor er mich verhaften hat lassen, hat er klar gemacht, dass er vorhat auch dein Leben zu zerstören. Und vermutlich hat er Tory Nichols genau deswegen ausgewählt, weil er weiß, dass mich damit am Härtesten trifft. Glaub mir, wenn ich dir sage, dass Terry Silver ein sehr gefährlicher Mann ist. LaRusso kann dir das bestätigen. Er wird einsehen, dass wir uns verbünden müssen. Er hat sich bereits mit mir verbündetet, er hat dafür gesorgt, dass ich wieder frei bin. Und zwischen mir und LaRusso gibt es mehr böses Blut als zwischen uns beiden, Johnny. Also lass dieses Eagle Fang-Zeugs sein und komm nach Hause. Lass uns Cobra Kai retten und gemeinsam neu aufbauen, die Vergangenheit hinter uns lassen, das Dojo auf den richtigen Weg zurückführen."
Johnny lachte auf. „Ich kann mich daran erinnern, dass wir genau das vor nicht allzu langer Zeit versucht haben. Es hat damit geendet, dass unsere Schüler einen Karate-Kampf in der Schule ausgelöst haben, der Miguel beinahe das Leben gekostet hätte, und du mir das Dojo unter der Nase weggestohlen hast!", spuckte er, „Du willst nicht, dass wir beide irgendetwas zusammen tun. Du willst, dass ich mich dir wie ein braver Schüler unterordne und alles mache, was du willst. Meine eigenen Ideen sind dir gleich. Du warst doch derjenige, der diesen Silver in unser aller Leben gebracht hast. Und dass er dich hat einsperren lassen … Nun, wenn du ihn so ähnlich behandelt hast wie mich, dann kann ich ihm das nicht einmal verdenken! Es war ein Fehler dich zurück in mein Leben zu lassen. Ich dachte, dass es dieses Mal anders sein würde, aber nichts hat sich geändert. Sobald wir nicht einer Meinung sind, sobald ich irgendetwas anderes als ein Abbild von deinem Geist bin, da behandelst du mich als wäre ich dein Feind! Wenn du das mit jedem so machst, dann wundert es mich gar nicht, dass du keinen Partner halten kannst! Cobra Kai kann nicht überleben, wenn es immer nur John Kreeses Schule für Überleben am Schlachtfeld sein darf!"
Kreese fühlte Ärger in sich aufsteigen. „Und was ist mit dir, mein Junge? Deine Partnerschaft mit LaRusso hat wie lange gehalten? Ihr wart gemeinsam stärker, aber ihr habt es vorgezogen getrennt beim All Valley anzutreten, und als Ergebnis davon habt ihr verloren! Vielleicht bin nicht ich derjenige von uns beiden, der keinen Partner halten kann, vielleicht bist du es. Wie war das noch mit Robbys Mutter? Deiner großen Liebe Ali? Und jetzt bindest du dich an eine Frau, deren Sohn du förderst, weil du mit deinem eigenen nicht zurechtkommst. Was denkst du, wie lange das halten wird, bevor ihr klar wird, dass du einfach nicht dazu geschaffen bist zu anderen Menschen eine Beziehung aufzubauen? Ich habe das immer gewusst, Johnny. Ich habe immer gewusst wie du bist, aber es war mir egal. Ich habe dich mit all deinen Mängeln akzeptiert, ich habe über alles, was an dir falsch ist, hinweg gesehen und dich trotzdem aufgenommen! Und genau den gleichen Gefallen habe ich Terry getan. Und was hat es mir eingebracht? Einer von euch ist undankbarer als der andere! Ohne mich würdest heute vermutlich nicht mehr am Leben sein! Und wie dankst du mir all das? Denkst du wirklich, du wärst in der Lage jemand anderen zu finden, der dich akzeptiert wie du bist?!", donnerte er, „Natürlich ist Cobra Kai John Kreeses Schule fürs Überleben am Schlachtfeld, denn ich bin Cobra Kai! Ich und niemand sonst! Ich habe schon Leben gerettet, die nichts mehr wert waren, als deine Mutter noch damit beschäftigt war darüber nachzudenken, ob sie dich nicht besser gar nicht erst auf die Welt bringen sollte!"
Johnnys Miene war wie erstarrt. Jedes Wort war ein Treffer gewesen, ein harter Treffer. Vielleicht hätte Kreese das alles nicht sagen sollen, aber Johnny hatte von seinem Hohen Ross heruntergeholt werden müssen. Offenbar hatte ihn Kreeses Gefangenschaft dazu veranlasst diesen als schwach anzusehen. Es war notwendig gewesen ihn daran zu erinnern, dass er nicht so mit John Kreese sprechen durfte.
„Raus hier! Verschwinden Sie von hier!" Immer wenn man dachte, dass kein LaRusso da war um einen das Leben schwer zu machen, wurde man eines Besseren belehrt. Samantha LaRusso tauchte mit blitzenden Augen hinter Johnny auf und wies Kreese die Türe. Offenbar erwartete sie von ihm das Grundstück zu verlassen.
„Wer denkst du, dass du bist, Kleine?", erwiderte Kreese ein wenig amüsiert.
„Nein, wer denken Sie, dass Sie sind?", hielt das Mädchen dagegen, „Sie denken, dass Sie einfach hierher kommen können und Johnny solche Dinge an den Kopf werfen können, und dann immer noch hier willkommen sind?! Er muss sich das nicht anhören! Sie haben kein Recht irgendetwas davon zu ihm zu sagen! Tory wurde verletzt, und Ihnen ist das vollkommen egal! So wie es Ihnen egal war, als sie versucht hat mich in der Schule umzubringen. Oder als sie und ihre Freunde mich bei mir Zuhause überfallen haben! Nichts davon ist für Sie schlimm, weil es passiert ist, es ist nur schlimm für Sie, weil es irgendetwas über Sie und Cobra Kai aussagen könnte! Und das tut es auch! Und wissen Sie was es aussagt? Es sagt aus, dass so jemand wie Sie nichts - aber auch absolut nichts - an irgendeinem Ort zu suchen hat, an dem Nariyoshi Miyagi einst gestanden ist. Verschwinden Sie also von hier, bevor ich die Polizei rufe!"
Kreese wollte glauben, dass sie nicht so weit gehen würde, doch er konnte sich darauf nicht verlassen. Und da er frisch aus der Haft entlassen worden war, wollte er nicht riskieren mit der Polizei zusammenzustoßen. „Also schön. Sag deinem Vater, dass ich da war", meinte er nur, und ging dann.
Er konnte spüren wie sich Johnnys und Mädchen LaRussos-Blicke in seinen Hinterkopf bohrten. Nein, er war nicht zu weit gegangen, er hatte das alles sagen müssen. Johnny durfte nicht vergessen wen er vor sich hatte. Er durfte nicht so respektlos sein und denken, dass er damit davon kommen würde.
Der Junge würde schon darüber hinwegkommen. Und LaRusso Senior würde sich davon nicht beeindrucken lassen. Immerhin wusste niemand besser als er wie wichtig es war Terry auszuschalten. Die Allianz war noch nicht vom Tisch, davon war Kreese überzeugt. Er musste Johnny nur ein wenig Zeit geben sich zu beruhigen, und dann würde sich schon alles finden.
Herauszufinden was eigentlich wirklich passiert war, war nicht so einfach. Er versuchte Tory Nichols im Krankenhaus zu besuchen, doch man wollte ihn nicht zu ihr lassen. Also ließ er ihr stattdessen Blumen und eine Genesungskarte zukommen.
Offenbar hatten Kyler Park und einige der neueren Schüler, die Kreese für Cobra Kai rekrutiert hatte um sein Team stärker zu machen, Tory Nichols verfolgt und überfallen, weil diese vorgehabt hatte dem All Valley-Komitee Video-Material von ihrem Finalkampf gegen Samantha LaRusso vorzulegen, das beweisen sollte, dass der Linien-Richter einen Fehler gemacht hatte. Kenny Payne war, als die Auseinandersetzung zwischen den Cobra Schülern physisch geworden war, erschrocken losgelaufen um die Polizei zu holen, und als er mit zwei Officers bei den kämpfenden Karate-Schülern auftauchte, war offenbar gerade ein erwachsener Mann, der bei Cobra Kai, unterrichtete, dabei gewesen Tory Nichols zu würgen.
Kreese bekam die ganze Geschichte aus Kenny Payne heraus, als er den Jungen bei sich zu Hause besuchte. Payne war zwar ein Liebling von Terry, aber offenbar hatte Terry den Schülern gegenüber keine „John hat es getan, darauf könnt ihr euch verlassen!"-Nummer abgezogen, da Payne bereit war mit ihm zu sprechen und ihn bereitwillig auf den neuesten Stand brachte.
„Das war verrückt!", plapperte der Junge drauf los, „Zuerst habe ich gedacht, dass dieser Dugan ein wirklich cooler Typ ist, ein Held, er war bei Desert Storm dabei und all was. Aber dann hat er uns gesagt, dass wir Tory beschatten sollen. Er hat es als Übung dargestellt, aber Kyler hat er gesagt, dass er ihm sagen soll, was Tory tut. Und dann hat Tory diese Frau getroffen, und wollte vorm All Valley aussagen und auf ihren Sieg verzichten. Und Mister Dugan hat behauptet, dass Sensei Silver damit nicht einverstanden ist. Aber Tory hat gesagt, dass das nicht wahr ist, und er kein Problem damit hat, dass sie das Video-Material vorlegt. Mister Dugan wollte sie überreden nicht auszusagen, aber sie wollte ihm nicht zuhören, und dann hat er uns befohlen ihr eine Lektion zu erteilen, weil man Verrat nicht zulassen kann, hat er gesagt, und davon geredet, dass sie mit dem Feind kollaborieren würde und Cobra Kai zu Fall bringen wollen würde und lauter so ein verrücktes Zeug!"
„Die Anderen haben das ernst genommen und haben sie angegriffen, und ich bin los um Hilfe zu holen, aber ich bin ein schwarzer Junge, Sensei! Es war nicht so einfach die Polizisten dazu zu überreden mit mir zu kommen, erst als ich denen meinen Cobra Kai-Ausweis gezeigt habe und Sensei Silver erwähnt habe, waren die bereit mir zuzuhören! Und als wir zurückgekommen sind, da war Mister Dugan dabei Tory zu erwürgen! Kyler und die anderen sind entsetzt daneben gestanden, haben gerufen, dass er aufhören soll, aber nichts getan! Die Polizisten haben ihre Waffen gezogen und allen befohlen still zu halten, aber Dugan hat nicht aufgehört Tory zu würgen, da haben sie ihn getastert, und dann haben sie alle verhaftet und einen Krankenwagen für Tory gerufen."
„Ich hab alles aussagen müssen und ein paar Zeugen – drei ältere unheimliche Männer, die in der Nähe rumgehangen sind – haben bestätigt, dass Tory einfach so angegriffen wurde, und dass Mister Dugan seinen Schülern befohlen hat sie umzubringen! Kyler und die Anderen wollten das aber natürlich nicht tun, also hat er es offenbar selbst versucht! Meine Mutter hat mir verboten zurück zu Cobra Kai zu gehen, aber wenn Sie jetzt wieder da sind, Sensei, dann überlegt sie es sich vielleicht wieder anders. Sensei Silver hätte diesen Mister Dugan nie einstellen dürfen, sagt sie, und wer Verrückte einstellt, dem kann man nicht vertrauen. Aber wenn Sie ihr sagen…"
„Deine Mutter hat recht", unterbrach Kreese Paynes Wort-Flut an dieser Stelle, „Cobra Kai ist momentan kein sicherer Ort. Sensei Silver hat gewisse … persönliche Probleme. Ich dachte, er hätte sie unter Kontrolle bekommen, aber scheinbar haben sie stattdessen ihn unter Kontrolle, wenn er wirklich bereit ist jemanden einzustellen, der so weit geht. Ich muss erst herausfinden wie schlimm es um Sensei Silver steht, und wen er noch eingestellt hat, der für Probleme sorgen könnte, und dann alles umstrukturieren, bevor ich wieder Schüler unterrichten kann. Ich werde mich bei euch melden, wenn es wieder sicher ist ins Dojo zu kommen, aber bis dahin solltest du dich fern halten. Wer weiß in welchem Zustand sich Sensei Silver befindet?"
Kenny Payne musterte ihn misstrauisch. „Wollen Sie damit sagen, dass Sensei Silver … krank ist?", wollte er dann wissen.
„Nun, du bist ja ein sehr kluger Junge, Payne, und weißt Dinge, also kann ich es dir gerade heraus sagen: Sensei Silver und ich waren gemeinsam in Vietnam, und da sind Terry sehr schlimme Dinge passiert, und um mit denen fertig zu werden hat er dann, als wir wieder zurück in den Staaten waren, viel getrunken und angefangen Drogen zu nehmen. Und ich fürchte, dass er damit jetzt wieder angefangen haben könnte. Das würde sein Verhalten in den letzten Wochen erklären", sagte Kreese.
Payne gingen fast die Augen über, als er das hörte. Aber er nickte ernst. „Ich verstehe. Wenn das wirklich so ist, dann müssen Sie Sensei Silver helfen", befand er.
„Ja, das muss ich. Aber bis er sich helfen lässt, ist er eventuell gefährlich für andere, deswegen…."
„… halte ich mich fern, ich habe verstanden." Payne nickte brav. „Ich werde Piper und den anderen Bescheid sagen, damit sie wissen was los ist."
„Das ist eine gute Idee. Wir dürfen nicht noch mehr Schüler gefährden. Was mit Tory passiert ist, ist schlimm genug", verkündete Kreese, „Und was Kyler Park und die Anderen angeht … Nun mit denen werde ich ein ernstes Wort reden müssen."
Terry würde mit vielem rechnen, aber vermutlich nicht damit, dass seine Schüler ihn für einen Junkie hielten. Das würde ihn unvorbereitet treffen, und wer war besser dazu geeignet diesen Schlag gegen ihn durchzuführen als der brave ernsthafte Kenny Payne, sein Lieblingsschüler?
Terry dachte immer, dass nur er etwas von psychologischer Kriegsführung verstand. Kreese würde ihn eines Besseren belehren.
Nachdem er Schritt Eins hinter sich gebracht hatte und endlich auch wirklich wusste, was mit Tory Nichols passiert war, war es an der Zeit Schritt Zwei einzuleiten. Da er sich nicht darauf verlassen würde, dass Johnny Lawrence und der LaRusso-Abkömmling Daniel ausrichten würden, dass er da gewesen war, beschloss er den Mann einfach selbst anzurufen. Doch er wurde auf die Voice-Mail umgeleitet. Also hinterließ er eine Nachricht: „Ich wollte mich für deine Hilfe bedanken, Daniel. Stingray hat sich allem Anschein nach dazu entschlossen die Wahrheit zu sagen. Damit bin ich wieder frei und bereit dazu gegen Terry vorzugehen. Wenn man bedenkt, was mit Tory passiert ist, dann sind wir uns wohl hoffentlich darüber einig, dass wir keine Zeit mehr vergeuden dürfen sondern sofort zuschlagen müssen. Melde dich bei mir, damit wir unser Vorgehen koordinieren können."
Das klang gut und überzeugend, fand er. Jetzt musste er nur noch darauf hoffen, dass Johnny und die LaRusso-Familie Daniel nicht ausreden würden sich mit ihm zu verbünden. Aber Kreese vertraute darauf, dass Daniel Terry nach allem, was vorgefallen war, dringend genug loswerden wollen würde um sogar einen Pakt mit dem Teufel einzugehen.
Aber bis es soweit war, dass er kontaktiert werden würde, musste Kreese sich erst einmal eine Unterkunft suchen. In seine Wohnung konnte er nicht zurück, er war sich ziemlich sicher, dass ihn dort die eine oder andere böse Überraschung erwarten würde - immerhin war Terry ein sehr kleinlicher Mensch - und er wollte es dem anderen Mann auch nicht zu einfach machen ihn zu finden. Aber das war ja nicht das erste Mal, dass er untertauchen wollte, nicht wahr? Er wusste wie man verschwand und was man tun musste um nicht gefunden zu werden.
Also tat er dann, was er tun musste, und schmiedete dabei weiterhin Rachepläne.
Als sich Daniel LaRusso schließlich doch mit ihm traf, geschah das nicht in Miyagi-Do oder LaRussos Autoverkauf, nein es geschah bei Nacht und Nebel in einer Seitengasse. Beinahe so als würden sie etwas Verbotenes tun. Daniel wirkte dabei auch die ganze Zeit über so als hätte er ein schlechtes Gewissen.
„Wie geht es Tory?", begann Kreese das Gespräch.
„Sie ist auf dem Weg der Besserung. Niemand wird zu ihr gelassen, dafür sorgen wir. Silver gibt zwar vor nichts mit der ganzen Sache zu tun zu haben, aber…." Daniel zuckte die Schultern. Es war offensichtlich, dass er diese Behauptung nicht glaubte.
„Ihre Sicherheit geht natürlich vor", stimmte Kreese ihm zu. Dann merkte er an: „Ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass du dich gar nicht mehr melden wirst."
Daniel schien unangenehm berührt. „Na ja, es ist so, dass ich mir nicht sicher war, ob ich kommen soll", gab er zu, „Stingray dazu aufzufordern die Wahrheit zu sagen war eine Sache, aber eine Allianz mit dir, das ist etwas anderes. Amanda, Sam, Johnny … die sind alle nicht gerade begeistert von diesem Gedanken."
„Du bist aber trotzdem gekommen", stellte Kreese fest.
Daniel nickte. „Weil sie es nicht verstehen. Sie können es nicht verstehen, sie waren damals nicht dabei", erwiderte er, „Sie kennen Terry Silver nicht so wie ich ihn kenne. Sie begreifen nicht wie gefährlich er wirklich ist. Aber du tust das schon."
„Ja, das tue ich. Ich kenne Terry besser als jeder andere", bestätigte ihm Kreese, „Ich weiß wie kaputt er ist. Und ich gebe offen zu, dass ich das in der Vergangenheit das eine oder andere Mal ausgenutzt habe, aber jetzt liegen die Dinge anders. Er ist außer Kontrolle geraten. Ich habe unterschätzt wie beschädigt er wirklich ist."
„Er war immer schon ein kranker Bastard", meinte Daniel, „Genau wie du. Du willst dich in Wahrheit doch nur an ihm rächen, weil er sich gegen dich gewandt hat."
Kreese zuckte die Schultern. „Natürlich spielt das eine Rolle", gab er zu, „Aber es geht tiefer als das. Siehst du, wir haben uns so lange nicht mehr gesehen, und ich hatte vergessen wie Terry sein kann. Aber dann, als ich ihn zurück zu Cobra Kai geholt habe, da ist es mir klar geworden, dass ich mich an den Mann erinnert habe, der mir immer den Rücken freigehalten hat, auf den ich mich immer verlassen konnte, und darüber den Mann vergessen habe, dem es Freude macht anderen weh zu tun, der die ganze Welt niederbrennen will, weil sie ihm Unrecht getan hat. Terry wollte sich nicht an unseren Deal halten. Ich weiß nicht, ob Johnny es dir erzählt hat, aber er hat Johnny in eine Falle gelockt, verprügelt, und ihn mir dann als Geschenk präsentiert, als Beweis seiner Loyalität, er wollte … vermutlich wollte er, dass ich ihn töte. Und dann hat er Stingray ins Koma geprügelt und es mir angehängt. Hier geht es nicht mehr um irgendwelche Spielchen, das hier ist Krieg. Und Terry führt Krieg so wie ich ihn führe: Es läuft auf totale Vernichtung hinaus. Und ich denke nicht, dass du oder Johnny dazu in der Lage seid euch so jemandem alleine zu stellen. Und egal was du von mir halten magst, und egal was Johnny von mir halten mag, sein Wohl liegt mir am Herzen. Terry will ihn vernichten, und das kann ich nicht zulassen."
Daniel wirkte bekümmert. „Johnny hat mir nie erzählt, dass er von Silver überfallen wurde", meinte er vorsichtig.
„Du kennst doch Johnny. Kann den Mund nicht aufmachen, wenn es darauf ankommt, und speit einem alles entgegen, wenn es unangebracht ist", gab Kreese zurück, „Aber es ist passiert. Und das ist nur ein Vorgeschmack auf das, wozu Terry fähig ist, wenn er entfesselt ist. Und ohne jemanden, der ihm über die Schulter blickt und aufhält, ist er entfesselt."
„Du willst also behaupten, dass er 1985 noch zurückhaltend unterwegs war? Ist es das?" Daniel seufzte. „Selbst wenn das alles wahr ist … Ich kann mich nicht einfach mit dir verbünden. Ich kenne deine Methoden, ich habe sie oft genug am eigenen Leib gespürt…." Er schüttelte den Kopf. „Das wäre nicht richtig."
Kreese konnte aber spüren, dass der Widerstand des anderen Mannes zu bröckeln begonnen hatte, er musste nur an der richtigen Stelle zuschlagen, dann hätte er gewonnen.
„Ja, ja ich weiß … Mister Miyagi wäre enttäuscht von dir, wenn du alles, was er dich gelehrt hat, verrätst, nur um einen Feind zu vernichten. Du denkst, dass du selbst deinen Anblick im Spiegel nicht mehr ertragen könntest, wenn du dich auf mein Niveau herablässt. Ich kenne dieses Argument. Weiß du wie oft ich das gehört habe? Und genau ist ja das Schöne an der Sache: All diese Dinge, die dir an mir missfallen, von denen du denkst, dass Mister Miyagi sie dir niemals verzeihen könnte, du musst sie gar nicht tun. Ich werde sie für dich tun. Genau deswegen wurden Sonderkommandos erfunden, die Specials Forces sind dafür da, dass sie die Arbeit machen, die allen anderen zu dreckig ist. Damals in Vietnam wurden Menschen wie Terry und ich für genau diese Arbeit ausgewählt, weil unseren Vorgesetzten klar war, dass wir dazu in der Lage sind alles zu tun, was notwendig ist um zu siegen", argumentierte er, „Um Terry zu besiegen musst du dich nicht schmutzig machen, Daniel. Du musst mir nur freie Hand lassen und ein wenig unter die Arme greifen, finanziell vor allem. Und dich mir nicht in den Weg stellen."
Daniel wirkte immer noch hin und hergerissen. „Sich mit jemanden wie dir zu verbünden ist fast genauso schlimm wie all diese Dinge selbst zu tun", behauptete er, „Die Menschen, mit denen man sich umgibt, sagen einiges über einen selbst aus. Das, was falsch ist, gutzuheißen, ist genauso falsch wie falsche Dinge selbst zu tun."
Kreese schüttelte den Kopf. Natürlich hätte der alte Mann LaRusso das eingebläut.
„Das ist Unsinn, Daniel, und das weißt du auch. Siehst du, genau das war immer dein Problem, dass du denkst jeder muss gut und heilig sein. Was denkst du, warum Johnny dir davon gelaufen ist? Weil er weiß, dass er deinen Ansprüchen niemals gerecht werden kann! Andere zu akzeptieren, obwohl sie anders sind, das ist wahre Charakterstärke. Jeder hat seine eigenen Stärken und Schwächen, und jeder hat seinen eigenen Weg. Ich habe auch sehr lange gebraucht das einzusehen. Dass es nicht falsch ist, wenn jemand andere Werte vertritt als man selbst", erwiderte er, „Es gibt so etwas wie Schwarz und Weiß nicht. Und am Ende kommt es nicht darauf an wie jemand das Ziel erreicht, sondern nur darauf, dass dieses Ziel erreicht wird. Meine Methoden müssen dir nicht gefallen, aber wir haben das selbe Endziel – das Valley und uns alle von Silver zu befreien. Und um das zu schaffen da brauchst du mich und meine Methoden, und das weißt du auch. Du kannst ihn nicht alleine vernichten. Darin liegt keine Schande. Menschen wie Terry, die sind nicht einfach zu besiegen, die kann nur jemand besiegen, der ist wie ich. Und das bist du nicht, aber das ist nicht dein Fehler, genauso wenig wie es meiner ist, dass ich nicht bin wie du."
„Es geht hier nicht darum zu akzeptieren, dass jemand anders ist als man selbst", beharrte Daniel, „Schwarz und Weiß mag es nicht geben, aber Richtig und Falsch gibt es. Und das Ziel heiligt eben nicht immer die Mittel."
„Nicht immer, aber manchmal schon", erwiderte Kreese prompt, „Natürlich gibt es Grenzen. Aber manchmal muss man sich fragen was einem wichtiger ist: die eigene Moral oder das Wohl aller. Wer das Allgemeinwohl über seine eigene Person stellen kann, der ist ein wahrer Held. Und wer das Allgemeinwohl über die gesellschaftlich anerkannten Normen und Grenzen stellt, der ist ein Soldat. Ich bin kein Held, war das nie. Ich bin ein Soldat. Aber wenn du mit mir arbeitest, dann kannst du ein Held sein."
Daniel schüttelte den Kopf. „Das ist zu einfach gedacht", behauptete er.
Offenbar wollte er es Kreese nicht leicht machen. „Gib einfach zu, dass du alleine nicht mit Terry Silver fertig wirst", wechselte er die Taktik, „Und gesteh dir ein, dass du um alle vor ihm zu retten bereit bist mit mir zu arbeiten. Weil es die einzige Möglichkeit ist, die du hast. Du wärst nicht gekommen, wenn du das tief in deinem Inneren nicht schon wissen würdest."
Daniel schwieg einen Moment. „Es muss mir aber nicht gefallen", meinte er dann.
„Denkst du mir gefällt was ich tue? Ich tue es einfach trotzdem", gab Kreese zurück, „Weil es notwendig ist. Und für dich ist eine Allianz mit mir notwendig."
Daniel schien ihm endlich zustimmen zu wollen. „Aber wenn wir das tun, dann zu meinen Bedingungen. Ich kann dir unter die Arme greifen, wie du es nennst, und dich Silver erledigen lassen, aber ich kann nicht daneben stehen, wenn du zu weit gehst. Du musst mir schwören, dass du dich an gewisse Spielregeln hältst", sagte er dann.
Kreese beschloss sich einsichtig zu geben. „Natürlich", meinte er, „Du bist der Kopf dieser Operation, wenn du es unbedingt sein möchtest. Ich wollte dir ersparen für alles die Verantwortung übernehmen zu müssen, aber wenn du darauf bestehst…"
„Das tue ich", behauptete Daniel, „Du musst mir sagen was du planst und tust, und du darfst nicht versuchen ihn zu töten. Das ist kein Scherz. Ich weiß, dass du bereit warst mich umzubringen, du hast es mir direkt ins Gesicht gesagt, und ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass du es ernst meinst, aber das darf nicht noch einmal passieren: Wir sind keine Tiere, wir sind Menschen. Terry muss aufgehalten werden, aber du darfst nicht zu weit gehen."
Kreese nickte. „Einverstanden", erklärte er, „Wenn das die Regeln sind, dann sind sie es eben. Aber du musst mir eines versprechen, nämlich, dass du tatsächlich mit allem leben kannst, was ich tue. Mit allem, was du mich tun lässt. Es gibt Menschen, die das nicht können, und wenn du einer davon bist, dann sag es mir lieber gleich, und wir blasen das hier ab und jeder geht seiner Wege…."
„Ich kann damit leben. Ich bin hier oder? Ich bin bereit dir zu vertrauen, trotz allem, was zwischen uns war", sagte Daniel entschlossen.
Kreese erkannte das harte Funkeln in seinen Augen. Das gleiche Funkeln wie damals, als er bereit gewesen war ihn zu töten.
Ja, LaRusso würde einen brauchbaren Verbündeten abgeben. Erst jetzt sah Kreese klar was er niemals zuvor erkannt hatte: Johnny war der Weiche und LaRusso der Harte von den Beiden. Bisher hatte er immer gedacht, dass es anders herum sein musste, dass LaRusso noch viel weicher sein musste als Johnny. Aber jetzt wurde ihm klar, dass das ein Irrtum gewesen war. Immer schon. Wenn ich das damals in den 80ern gewusst hätte, ich hätte alles anders gemacht….
Kreese hielt dem jüngeren Mann seine Hand entgegen. Daniel starrte die Hand einen Moment lang zögerlich an. Dann griff er aber doch nach dieser und schüttelte sie.
„Dann haben wir einen Deal", meinte Kreese.
„Ja", bestätigte Daniel, „den haben wir."
Das wäre einer. Ein Sieg. Eine gewonnene Schlacht.
Jetzt musste Kreese nur noch den Krieg gewinnen. Und dazu musste er Terry Silver vernichten. Er horchte in sich hinein, ob er Bedauern über diese Aussicht verspürte. Er fand keines, nicht einmal den Hauch davon, den er erwartet hätte. Gut so. Auch wenn man die Art Mensch war, die alles tun konnte, fiel es einem doch um einiges leichter alles zu tun, wenn man dafür nicht mit seinem Gewissen ringen musste. Terry hatte verdient, was er bekommen würde. Was es leichter machen würde ihn zu erledigen.
Der Duft der Freiheit würde bald dem süßen Duft der Rache weichen. Und Kreese konnte es kaum erwarten.
A/N: Und damit beginnt die große Schlacht Kreese gegen Silver. Und alle anderen sind mitten drin, oh nein!
Im nächsten Kapitel wenden wir uns zunächst wieder Johnny zu (und erfahren ob er und Chozen sich duelliert haben und ob er immer noch ein Dach über den Kopf hat).
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