12. Jeder hat sein Päckchen zu tragen
Einiger Zeit nach seiner Trennung von Ali hatte Jimmy, der normalerweise niemals die Geduld mit ihm verlor, Johnny wütend mit einem Golden Retriever verglichen. „Warum tust du dir das an, Mann? Egal, was sie sagt, egal was sie tut, du rennst immer wieder zur ihr. Du bist wie dieser verdammte Golden Retriever von meinem Onkel, der dem immer hinterher rennt, egal wie oft er von ihm getreten wird! Das ist nicht gesund, Johnny! Lass es endlich sein!"
Johnny hatte nichts auf diesen Vorwurf erwidert. Was hätte er auch sagen sollen? Dass er Ali so sehr liebte, dass er sie einfach nicht aufgeben konnte, egal wie mies sie ihn behandelte? Dass er jedes Mal aufs Neue hoffte, dass es dieses eine Mal anders laufen würde? Dass sie dieses eine Mal vielleicht doch nett zu ihm wäre?
Das würde doch verzweifelt klingen und traurig und … vielleicht würde Jimmy ihn dann mit anderen Augen sehen.
Jimmy ließ das Thema fallen, nachdem Johnny nicht gewillt zu sein schien darauf einzugehen, aber Johnny vergaß diesen Vergleich niemals, er vergaß ihn niemals, weil das irgendwie nicht nur für Ali galt.
Hatte er in Wahrheit nicht nie wirklich damit aufgehört zu hoffen, dass eines Tages ein Wunder geschehen würde, und er es Sid irgendwie Recht machen könnte? Wie viele Jahre hatte er darauf verwendet zu versuchen ihre Beziehung zu verbessern? Und Kreese … wieviel von sich selbst verbarg und versteckte er um es seinem Sensei recht zu machen? Wieso ließ er ihn nach all diesen Jahrzehnten zurück in sein Leben und war dann verwundert darüber, dass es dieses Mal nicht anders lief als beim ersten Mal? Wie oft hatte er versucht sich mit Shannon zu versöhnen, und wie oft war das gescheitert? Aber lernte er etwas daraus?
Er konnte nicht von Robby lassen, obwohl er wusste, dass der Junge ihn hasste, nahm jede Ablehnung aufs Neue hin, und auch wenn es Jahre brauchte am Ende startete er immer wieder einen neuen Versuch seinen Sohn näher zu kommen. Himmel, selbst Carmen … wie oft hatte sie ihm gesagt, dass er sich von ihr und Miguel fern halten sollte, wie oft ihm an allem die Schuld zugeschoben, und wie oft war er trotzdem zurückgekrochen gekommen und hatte gebettelt, dass sie ihm noch eine Chance geben sollte ihren Sohn auszubilden?
Vielleicht war Johnny einfach wirklich ein Golden Retriever in menschlicher Form. Diese Hunde galten als nicht besonders schlau, und das hörte sich dann wohl ziemlich nach ihm an, nicht wahr? Und er wollte einfach gemocht werden, er verrenkte sich soweit es möglich war, bettelte so lange und oft er konnte. Wenn er wollte, dass ihn jemand mochte, dann war er kein Alpha, nein, dann war er ein verdammter Omega, der anderen einfach nur mit traurigen Hunde-Augen ansah und darauf wartete, dass ihm vergeben wurde. Und das sogar in den Fällen, in denen er nicht derjenige war, der etwas falsch gemacht hatte.
Und manchmal klappte diese Taktik ja auch. Nachdem er und Carmen ernsthaft zusammen gekommen waren, hatte sie sich bei ihm entschuldigt für all die Dinge, die sie ihm früher an den Kopf geworfen hatte, und geschworen nie wieder so mit ihm zu reden, und das hatte sie auch nicht. Nachdem Miguel weggelaufen war, hatte sie ihm keine Sekunde lang die Schuld gegeben, sie waren jetzt ein Team, sie war für ihn da anstatt seine Schwäche gegen ihn verwenden - es hatte sich alles zum Guten gewendet. Genau wie mit Robby, nicht aufzugeben, da zu sein, und es immer wieder zu versuchen, hatte dabei geholfen, dass Robby sich an ihn wandte, als er Hilfe gebraucht hatte, und jetzt konnten sie von vorne anfangen, konnte endlich eine richtige Beziehung zueinander aufbauen.
Also ja, vielleicht war das Johnnys Art, aber sie war nicht nur schlecht. Sie erzielte Ergebnisse, zumindest dann, wenn die Person, der er hinterher lief, es wert war ihr hinterher zu laufen. Wenn es sich nicht um ein Arschloch wie Sid handelte.
Aber manchmal da fragte er sich trotzdem was mit ihm eigentlich nicht stimmte, warum er nicht wenigstens ein cooler Kampfhund sein konnte anstatt eines emotionalen Schleimers mit Schlappohren und goldenem Fell!
Daniel LaRusso war es einfach nicht wert ihm nachzurennen, und trotzdem schien Johnny nicht damit aufhören zu können. Es war ja nicht so, dass er keine anderen Freunde hätte (LaRusso war der ohne Freunde!), Johnny brauchte den anderen Mann nicht, oh nein, aber trotzdem schien er nicht von ihm lassen zu können, und alles, was ihm diese Beziehung einbrachte, waren Schmerzen.
LaRusso hatte noch nie die Klappe halten können (genau das hatte Johnny ja immer schon an ihm wahnsinnig gemacht!), aber seit er an jenem Tag im Autoverkauf wieder in Johnnys Leben getreten war, hatte er Johnny mit Worten und Taten tiefer verletzt als irgendjemand anders in seinem Leben, von Kreese einmal abgesehen. Und klar, manchmal entschuldigte er sich sofort, aber dann wieder gab es Momente, in denen er gar nicht zu bemerken schien welches Gefühl er Johnny vermittelte.
Vielleicht war es die Tatsache, dass diesen Mann alle anderen so toll fanden. Dass Robby ihn als Sensei und Vater vorgezogen hatte, dass sogar Miguel lieber von LaRusso als von ihm gelernt hatte, dass er es irgendwie geschafft hatte eine Frau wie Amanda abzubekommen und von seiner Tochter, die durch und durch okay war, verehrt wurde. Carmen schien ihn ehrlich zu mögen, und die meisten von Johnnys Schülern liefen zu seinem Dojo über. In letzter Zeit schien ihn sich sogar Kreese Johnny vorzuziehen.
Wenn er doch angeblich so toll war, nun dann musste Johnny derjenige sein, der sich irrte, oder? Und es gab Momente, in denen er sehen konnte, was alle anderen in Daniel LaRusso sahen, und ein Teil von dessen Kreis sein wollte. Aber die hielten nie, jedes Mal, wenn sie gut auskamen, passierte irgendetwas, das Johnny in Erinnerung rief, dass Daniel LaRusso und er nicht dazu bestimmt waren miteinander auszukommen.
Und zwar deswegen, weil LaRusso ihn niemals nicht hassen würde.
Im Grunde wusste er, dass er diesen Hass verdient hatte, aber es tat trotzdem weh. Sich immer wieder vor Augen zu halten, dass Daniel LaRusso ihn ansah und erkannte wie falsch und kaputt er doch war. Dass Daniel LaRusso nicht daran glaubte, dass Johnny jemals ein wertvoller Teil der Gesellschaft sein könnte, dass er sein Leben und seine Person jemals in Ordnung bringen könnte.
Aber so war es. Kurz nachdem er erfahren hatte, dass Daniel jemanden, der tatsächlich versucht hatte ihn umzubringen verzeihen und zu seinem Partner machen konnte, sagte Daniel es wortwörtlich: Er glaubte nicht daran, dass sich Menschen ändern konnte, im Kern blieben sie immer gleich. Daniel konnte einen mörderischen Japaner verzeihen, aber nicht Johnny. In seinen Augen wäre Johnny niemals ein guter Vater, ein guter Lehrer, oder auch nur ein guter Mann. Kein Wunder, dass er nicht von ihm lernen wollte, kein Wunder, dass er nicht sein Partner sein wollte.
Daniel hatte es ja nicht einmal für notwendig gehalten ihm von Kreese zu erzählen.
Sie würden niemals auf Augenhöhe sein, sie würden niemals Freunde sein, sie würden niemals Co-Senseis sein, oder einander auch nur dulden können. Jener Blick damals am Strand … nichts hatte sich geändert. Daniel LaRusso hatte Johnny schon damals für ein Stück Dreck gehalten, und das tat er immer noch. Er hielt ihn für die Art Mann, die einfach Urlaub nahm, wenn seine Lieben ihn brauchten. Er hielt ihn für die Art Mann, weil er ihn immer schon für die Art Mann gehalten hatte und immer dafür halten würde.
Und vor diesem Abend hatte Johnny zumindest immer gedacht zu wissen was er in LaRussos Augen alles falsch gemacht hatte, aber jetzt … jetzt war er ratlos. Hätte ich ihn zu einem Todesduell um Alis Hand herausfordern sollen? Würde er mich dann mit anderen Augen sehen?
Das war doch absurd. Ganz abgesehen davon, dass Ali sich das niemals hätte bieten lassen (weil es respektlos ihr gegenüber gewesen wäre!), Johnny hatte niemals einen anderen töten wollen. Er glaubte nicht, dass er dazu überhaupt in der Lage wäre. Selbst im Kampf gegen Kreese, als er Daniel die Erlaubnis gegeben hatte, war Daniel derjenige gewesen, der es hatte tun wollen, weil Johnny es niemals über sich gebracht hätte. Aber offenbar waren Kämpfe auf Leben und Tod etwas, das Daniel LaRusso ständig erlebte.
Nachdem der Abend im Restaurant in einer angespannten Atmosphäre zu Ende gegangen war, war Robby am Rückweg sehr still. Nachdem Johnny immer noch autolos war, und er keine zwei Teenager auf seinem Bike mitnehmen konnte, waren sie mit dem Uber-Taxi unterwegs, deswegen konnte Johnny nicht nachfragen, aber er spürte, dass sein Sohn bedrückt war, und Miguel schien es nicht viel besser zu gehen.
Nachdem er den Taxifahrer ausbezahlt hatte, scheuchte er seine Jungs in seine Wohnung. „Was macht ihr für Gesichter? Habt ihr euch schon wieder gestritten? Los raus damit!", wollte er dann von ihnen wissen. Wenn er eines aus der ganzen Mexico-Sache gelernt hatte, dann dass er die Jungs nichts in sich hineinfressen lassen durfte. Er musste zumindest versuchen dem allen auf den Grund zu gehen, bevor sich irgendwelche dummen Gedanken in ihren Köpfen festsetzen konnten.
Robby schwieg, Miguel warf ihm einen unsicheren Blick zu, und meinte dann: „Du willst dich doch nicht immer noch mit Sensei Toguchi schlagen, oder?"
Eigentlich wollte Johnny das schon. Soweit er wusste war ihr Duell immer noch geplant. Aber wenn er das zugab, dann würden sich die Jungs nur wieder Sorgen machen.
„Ist es das, was auch im Magen liegt? Das hier sind die Vereinigen Staaten von Amerika! Todesduelle sind hier illegal, ihr müsst nicht glauben, dass der mich umbringt oder so was", erwiderte er, „Manchmal müssen wilde Hunde eben knurren um sich Respekt zu verschaffen." Und Retriever mussten es zumindest versuchen, auch wenn sie dazu verdammt waren zu scheitern.
„Das klingt danach, als ob du kompliziert vermeiden willst Ja zu sagen, obwohl die Antwort Ja lautet!", warf Miguel ihm vor.
Johnny verfluchte die Tatsache, dass er nicht gerne log. Das würde alles viel einfacher machen. „Manchmal muss ein Mann tun, was ein Mann tun muss, Miguel", erwiderte er, „Habt Vertrauen in mich, ich werde schon gewinnen!"
„Aber warum müsst ihr euch überhaupt schlagen, wenn ihr doch auf derselben Seite steht?!", wollte Miguel wissen, „Ist es … wegen dem, was Mister LaRusso gesagt hat?"
Robby schien aus seiner Starre zu erwachen. „Du musst ihm nichts beweisen, Dad", erklärte er, und fügte mit ein wenig zitternder Stimme hinzu, „Wenn er nicht sehen will, dass Menschen sich ändern können, dass ihnen Dinge leid tun, und sie vielleicht einen verrotteten Kern haben, aber trotzdem gut sein wollen, dann ist das sein Problem, nicht deines."
Oh. Johnny hatte mal wieder nur an sich selbst gedacht, nicht wahr? Spontan umarmte er seinen Sohn. „Oh, Robby, nein. Daniel hat nicht von dir gesprochen", versicherte er dem Jungen, „Du bist nicht … da ist kein verrotteter Kern in dir, okay? Du bist ein guter Junge, das weiß er auch. Er war doch da, als du aus der Jugendhaft entlassen wurdest, wollte dich abholen. Er denkt nicht, dass du schlecht bist. Keiner hier denkt, dass du schlecht bist."
Robby vergrub sein Gesicht in Johnnys Brust. „Ich bin aber schlecht", murmelte er, „Er weiß es, deswegen hat er mich aufgegeben. So wie du mich aufgegeben hast. Und Mom. Und alle anderen auch."
„Nein, nein, dass ich ein schlechter Vater war, hat nichts mit dir zu tun. Robby, deine Mom liebt dich, ich liebe dich; keiner von uns hat dich jemals aufgegeben. Denkst du wir haben keine Dummheiten gemacht, als wir in deinem Alter waren? Du musst nicht versuchen gut zu sein, du bist schon gut, okay? Dass ich nicht da war, das war wegen allem, was mit mir nicht stimmt. Nicht wegen irgendetwas, das mit dir nicht stimmt. Alles stimmt mit dir, okay?", versicherte Johnny seinem Sohn.
„Aber ich hab Leute bestohlen. Und hab Miyagi-Do verraten. Und ich hab Miguel fast umgebracht", weinte Robby, „Ich bin schlecht, Dad. Und Mister L. weiß das. Er wollte mich gut machen, aber er ist gescheitert, und dann hat er aufgegeben…."
Ich bringe LaRusso um. Johnny drückte Robby fester an sich und atmete tief durch. LaRusso umzubringen würde nichts bringen, das wusste er, aber er wusste auch nicht wie er Robby helfen sollte. Carmen hatte recht, der Junge brauchte dringend professionelle Hilfe, aber wie sollte er die LaRussos um Geld dafür anbetteln, nachdem Daniel seinen Sohn in so einen Zustand versetzt hatte? Er versuchte Robby weiterhin zu trösten und fühlte sich dabei vollkommen hilflos.
Und dann tauchte Daniel LaRusso bei ihnen in der Wohnung auf, verwirrt und aufgelöst wirkend. Johnny hätte ihm am Liebsten auf der Stelle eine verpasst, doch Miguel schob sich dazwischen. „Ich hab ihn angerufen", gab er zu, „Mir ist nichts anderes eingefallen, und ich wollte helfen…"
Johnny funkelte LaRusso vielsagend an, woraufhin dieser nur nickte und sich dann an Robby wandte: „Robby, hi, ich … kann ich kurz mit dir reden?"
Robby löste sich von Johnnys Brustkorb und warf LaRusso einen trotzigen Blick zu.
Daniel schenkte ihm ein verkniffenes Lächeln. „Wir hatten keine Gelegenheit miteinander zu reden seit du aus Mexico zurück bist. Ich wollte dir nur sagen, dass ich zwar im Moment offiziell nicht unterrichten kann, du aber, sobald das alles gelöst ist, jederzeit willkommen bist dein Training bei mir wieder aufzunehmen", begann Daniel, „Das weißt du hoffentlich."
Robby schniefte. „Wieso? Sie wollen mich doch nicht mehr", meinte er, „Ich hab Sie enttäuscht, konnte mich nicht ändern, weil ich schlecht bin, tief drinnen."
„Nein, nein, Robby, damit habe ich doch nicht dich gemeint!", versicherte ihm Daniel, „Du bist ein guter Junge, das warst du immer und wirst du immer sein. Ich habe selbst nicht immer die besten Entscheidungen getroffen, als ich in deinem Alter war. Das spielt alles keine Rolle, ich bin trotzdem immer noch dein Sensei, werde es immer sein. Ich war immer stolz auf dich, Robby, und das bin ich jetzt auch. Ich bin stolz, dass du die Kraft gefunden hast Cobra Kai zu verlassen und zu deiner Familie zurückzukehren. Und dass du bis nach Mexcio gefahren bist um Miguel zu helfen. Du bist bei mir immer willkommen, Robby. Ich weiß, dass ich nicht immer so unterstützend war, wie ich es hätte sein sollen, aber ich habe nie aufgehört an dich zu glauben. Und das werde ich auch nie, versprochen."
Robby schüttelte den Kopf. „Aber ich hab ihnen beigebracht wie man Miyagi-Do schlagen kann", meinte er.
Daniel zuckte die Schultern. „Du hast weitergegeben was du gelernt hast", meinte er dazu, „Daran ist nichts falsch. Miyagi-Do ist nichts, was man einfach verlassen kann. Man gehört sein Leben lang dazu."
Robby schien sich langsam etwas zu beruhigen. Er nickte und schniefte noch einmal. „Okay", murmelte er und blickte auf einmal scheinbar verschüchtert zu Boden
Johnny klopfte ihm auf die Schulter. „Hey, ich muss was mit Sensei LaRusso besprechen. Könnt ihr Jungs uns ein paar Momente geben?", erkundigte er sich.
„Klar, ich muss Robby sowieso etwas auf Instagram zeigen", behauptete der treue stets hilfreiche Miguel. Robby nickte und wandte sich dem anderen Jungen zu, während Johnny Daniel LaRusso zur Seite nahm.
Er vergewisserte sich, dass die Jungs beschäftigt waren, bevor er leise meinte: „Hör mal, ich weiß zu schätzen, dass du alles stehen und liegen gelassen hast und hergekommen bist, aber du musst damit anfangen nachzudenken bevor du den Mund aufmachst. Nein, hör zu, wir haben beide Mist gebaut. Robby ist nicht … Wir haben uns beide darauf verlassen, dass Robby auf sich selbst aufpassen kann, weil er das immer getan hat. Aber wir hätten ihn niemals bei Kreese lassen dürfen. Er ist zu mir gekommen, weil er Hilfe braucht. Aber ich kann ihm nicht helfen, nicht so wie er es brauchen würde. Carmen hat vorgeschlagen, dass er professionelle Hilfe in Anspruch nehmen sollte. Und ich weiß, dass ich kein Recht habe…"
Daniel ließ ihn nicht einmal ausreden. „Das ist kein Thema, Johnny. Alles, was Robby braucht. Das war vorhin kein leeres Gerede. Ich weiß, dass er dein Sohn ist, aber er ist auch mir sehr wichtig. Wo immer Amanda und ich aushelfen können, helfen wir", unterbrach er ihn überzeugt, „Ich wollte nicht … Ich habe nicht nachgedacht. Ich wollte Silver Paroli bieten, und Amanda hat mir deswegen schon den Kopf gewaschen. Aber du hast Recht, ich muss endlich lernen zu bedenken was für Auswirkungen meine Worte auf andere haben anstatt mich immer nur nachher zu entschuldigen."
„Danke, Mann", erwiderte Johnny nur leise. Er fühlte sich seltsam befangen, weil er Daniel um Geld gebeten hatte, und war sich nicht sicher wie er jetzt weiter mit dem anderen Mann umgehen sollte. Daniel schien ebenfalls nichts mehr zu sagen zu wissen.
Sie wandten sich wieder den Jungs zu. Und zu seiner Überraschung fand er diese in einer engen Umarmung wieder. „Nein, ich habe es dir doch schon mal gesagt: Du musst dich dafür nicht entschuldigen", sagte Miguel gerade.
„Doch muss ich", erklärte Robby erstickt, „Ich weiß, dass ich es nie wieder gut machen kann, aber du musst wissen, dass ich…"
„Ich weiß", erwiderte Miguel nur, „Mir tut es auch leid. Alles."
Die beiden Jungen lösten sich voneinander und blickten etwas unangenehm berührt zu den Erwachsenen hinüber.
„Ich –ehm - sollte dann mal los, nach Yaya sehen", meinte Miguel und floh dann in seine Wohnung hinüber. Robby murmelte etwas davon, dass er in sein Zimmer gehen würde, und verschwand dann in das Zimmer, das Johnny ihm damals vor einer gefühlten Ewigkeit vor dem Kampf in der Schule hergerichtet hatte.
Vielleicht waren Kinder doch die weiseren Menschen.
„Sag mir einfach wo ich den Scheck hinschicken soll, wenn es soweit ist", brach Daniel schließlich das Schweigen, „Ich sollte jetzt zurück nach Hause…." Er machte sich daran zu gehen. Johnny begleitete ihn zur Wohnungstüre.
Dort angekommen meinte er leise: „Ich weiß, dass auch ich es nie wieder gut machen kann. Und auch mir tut es leid, Daniel. Es tut mir leid, dass ich nicht die Art Mensch sein kann, die deinen Ansprüchen genügt. Aber ich bin dankbar, dass du dich trotzdem für meinen Sohn einsetzt."
Daniel wirkte beinahe erschrocken, als er das hörte, und meinte: „Johnny, das ist nicht…"
Doch Johnny ließ ihm keine Chance auszureden, sondern schloss ihm einfach die Türe vor der Nase zu. Einen Moment lang wartete er ab, ob Daniel die Tür wieder eintreten würde, so wie es damals getan hatte, als Robby die betrunkene Sam hierher gebracht hatte und Daniel alleine den Gedanken daran, dass seine Tochter in Johnny Lawrences Wohnung war, nicht hatte ertragen können. Doch die Türe wurde nicht eingetreten. Stattdessen konnte er hören wie Daniel einfach ging.
Er hatte im Grunde ja auch nichts anderes erwartet, nicht wahr?
Über all das Drama mit Robby hatten offenbar alle auf das anstehende Duell mit Chozen vergessen. Johnny war ganz froh darüber, da er nicht vorhatte weiterhin über dieses Thema zu streiten. Es war nun mal eine Ehrensache. Das konnten und sollten die Jungs nicht verstehen können.
Bevor er ging, stellte Johnny sicher, dass Robby schlief, dann schlich er sich zu seiner Maschine, vorsichtig, falls ihm Carmen nach ihrer Rückkehr von der Nachtschicht über den Weg laufen sollte, was zum Glück nicht der Fall war, und fuhr zu Miyagi-Do.
Chozen Toguchi erwartete ihn dort bereits. Offenbar hatte auch ihn niemand von dem hier abbringen können. Gut so. Immerhin war es besser das alles früher anstatt später hinter sich zu bringen.
„Ich war mir nicht sicher, dass Sie kommen würden, Lawrence-san", meinte Toguchi.
„Ich bin noch nie vor einer Herausforderung weggelaufen", erwiderte Johnny, obwohl ihm in diesem Moment bitter klar wurde, dass er in seinen bisherigen Leben eigentlich nie etwas anderes getan hatte, also verbesserte er sich: „Ich hatte noch nie Angst davor mich zu prügeln."
„Keine Prügelei, ein Kampf", betonte Toguchi.
„Gegen einen guten Kampf hatte ich auch noch nie etwas einzuwenden", erklärte Johnny.
Sie zogen ihre Schuhe aus, gingen vor Daniels Im-Weg-steh-Steinen in Ausgangsposition, und verneigten sich voreinander. Und dann ging der Kampf los.
Daniel und Julie Pierce waren diejenigen, die sie später fanden. Daniel blickte Johnny mit feuchten Augen und besiegter Miene an, während Julie Pierce zwischen ihnen beiden hin und her blickte und den Kopf schüttelte. „Habt ihr alles geklärt?", wollte sie wissen.
Johnny prostete ihr mit seinem Sake-Glas zu anstatt zu antworten. Zumindest hatte sein Gesicht dieses Mal nichts abbekommen.
Chozen Toguchi war ein guter Kämpfer, das musste man ihn lassen, und Johnny wusste nicht, ob er, wenn das hier ernst gemeint gewesen wäre, jetzt noch am Leben wäre. Dieser komische Lähmungs-Trick, den Daniel so liebte … Johnny war sich ziemlich sicher, dass er ihn von Chozen gelernt hatte.
„Warum musstest ihr ….", setzte Daniel an, doch dann schüttelte er nur den Kopf, „Ich wünschte, ihr hättet es nicht für nötig befunden…." Er wirkte wie ein enttäuschter Lehrer, mal wieder. Johnny fragte sich manchmal, ob es irgendwelche Erwartungen von Daniel an ihn gab, die er nicht enttäuschen würde.
„Entspann dich, LaRusso", meinte Johnny nur, „Es wurde keiner verletzt … Nun, es wurde keiner schwer verletzt. Wir sind jetzt Kumpel, aber keine Saufkumpanen, weil ich mir vorgenommen habe mich zu bessern und daher nicht mit einem Japaner trinken gehen kann, denn das wäre eine Verschlechterung anstatt eine Verbesserung. Ist nicht böse gemeint, ist so ein Kulturding, ihr geht trinken um euch zu betrinken, und das tu ich auch, aber ich sollte damit aufhören."
Chozen prostete ihm zu als würde er das genau verstehen. Und vielleicht tat er das ja auch.
Nachdem sie sich gegenseitig zu Fall gebracht hatten, waren sie einige Zeit lang frustriert und mit schmerzenden Gliedern liegen geblieben, und dann hatten sie damit begonnen sich zu unterhalten. Chozen war kein übler Kerl, man hatte ihn einfach ähnlich wie Johnny die falschen Ding beigebracht. Und an den Folgen davon hatte er noch heute zu knabbern.
„Mein Onkel war bereit mich wegen Feigheit zu verstoßen, hat sich von mir abgewandt. Um meine Ehre zurück zu erobern, wollte ich Daniel-san töten, doch ich wusste, dass er sich mir nicht freiwillig stellen würde, also habe ich Kumiko bedroht um zu bekommen, was ich wollte. Doch ich wurde gedemütigt, wurde besiegt. Und wurde verschont, das war das Schlimmste von allen. Ich konnte mit dem, was ich war, nicht leben, aber Daniel-san hat mich gezwungen damit leben zu lernen. Ich wollte nie wieder feig sein. Sie hätten mich nicht einen Feigling nennen dürfen, Lawrence-san. Das hat mich rot sehen lassen", hatte ihm Chozen erklärt, „Wer einmal seine Ehre verloren hat, der kann sie nie mehr zurückbekommen. Der kann nur alles versuchen um Wiedergutmachung zu leisten. Ich habe meine Ehre in dem Moment verspielt, als ich eine Geisel genommen habe. Die Feigheit davor, das war etwas, was jedem hätte passieren können, aber ich mir selbst nicht verzeihen konnte."
„Ich habe auch mal unehrenhaft gehandelt, und daraus gelernt. Auch wenn LaRusso anders denkt, glaube ich, dass sich jeder ändern kann. Aber Sie hat er mit dieser Behauptung sicherlich nicht gemeint. Ich meine, er hat Sie hergeholt und Ihnen sein Dojo anvertraut, das muss bedeuten, dass er mehr in Ihnen sieht als Sie in sich selbst sehen, Toguchi-san. Kann ich Chozen sagen? Das ist der einfachere Zungenbrecher", hatte Johnny erwidert.
„Nur wenn ich meine Zunge mit Johnny brechen darf", hatte Chozen dazu gemeint.
„Gerne doch, alle nennen mich so. Warum nennst du Daniel immer noch Daniel-san?", hatte Johnny dann wissen wollen.
„Weil ich nach allem, was damals 1985 vorgefallen ist, ihn nie wieder anders nennen kann", war die einfache Antwort darauf gewesen, und das hatte Johnny doch mehr als nur ein wenig zu denken gegeben. Offenbar waren er und Chozen sich ähnlicher als ihm klar gewesen war – sie beide versuchten erfolglos alles, was in ihrer Macht stand, um Daniel LaRussos Akzeptanz zu erreichen, obwohl sie beide wussten, dass sie genau die niemals erreichen würden.
LaRusso mochte vielleicht denken, dass Chozen sein Karate-Cousin war, aber eigentlich war er eher Johnnys Cousin. Sein Cousin aus der Reihe der ewigen 80er-Jahre-Karate-Loser.
Auf jeden Fall stellte sich heraus, dass „Daniel-san" eine Flasche Sake samt Gläsern im Miyagi-Do in einem Geheimversteck bereit hielt, oder vielleicht hatte sie auch Chozen selbst dort platziert, und der Rest war Geschichte, wie man so schön sagt.
Deswegen fanden Daniel und Julie Pierce die beiden Duellanten auch in seliger Eintracht (wenn auch ein wenig ramponiert) vor.
„Nun, zumindest vertragen sich jetzt alle", versuchte Julie Piere die Lage zu entspannen und warf Daniel einen eindeutigen Blick zu, „So ist es doch, oder etwa nicht?"
Johnny prostete ihr erneut zu.
Daniel seufzte. „Als ich das gestern gesagt habe, da habe ich Silver gemeint", behauptete er, „Nicht euch. Das wisst ihr doch, oder?"
Chozen leerte sein Glas. „Es spielt keine Rolle. Wie Johnny richtig gesagt hat, du hast diejenigen um dich versammelt, denen du vertraust", stellte er fest, „Das muss reichen."
Daniel wirkte als wäre er mit seiner Geduld am Ende. „Ja, das muss es. Immerhin wolltest du mich umbringen, Chozen. Wir können beide so tun als wäre es nicht passiert, aber das ändert nichts daran, dass es passiert ist. Ich kann das nicht so einfach vergessen. Aber ich kann es vergeben. Und ich habe dir vergeben. Aber wenn du bei der ersten Beleidigung deiner Ehre die Person, die dafür verantwortlich ist, zu einem Todesduell herausforderst…"
„Nur, Duell, LaRusso. Der Sensenmann stand nicht zur Debatte", warf Johnny ein.
„ … und dich dann betrinkst, dann habe ich wohl ein Recht dazu an meiner Entscheidung dich um Hilfe zu bitten zu zweifeln", schloss Daniel, „Denn vielleicht hast du deine Wut nicht hinter dir gelassen, egal was du behauptest."
„Und was ist mit deiner Wut, Daniel-san?", hielt Chozen dagegen, „Terry Silver muss nur atmen und schon siehst du nichts mehr außer ihm."
LaRusso wirkte so als würde er das abstreiten wollen.
Julie räusperte sich. „Zumindest war das am letzten Abend so", meinte sie.
Daniel warf ihr einen Blick zu, der eindeutig „Verräter" sagte. „So wie du diesen Paul Dugan als die größte Gefahr im Raum angesehen hast und so getan hast als ob Silver das Opfer hier wäre?", gab er zurück.
„Du kennst Paul Dugan nicht, Daniel. Du weißt nicht was er getan hat. Er wurde unehrenhaft entlassen, weil er seinen Rekruten befohlen hat … jemanden umzubringen, nur weil der sich gegen ihn gestellt hat", belehrte ihn Julie, „Und als das keiner tun wollte, nun da musste Mister Miyagi einschreiten. Wenn er das nicht getan hätte … Nun wer weiß wie die Dinge dann heute liegen würden." Sie schluckte. „Er ist gefährlich. Und nicht auf eine offensichtliche Art und Weise."
„Das sage ich über Silver, und keiner von euch nimmt mich ernst", widersprach Daniel.
Johnny rappelte sich mühsam auf und kam gerade so auf die Beine. „Auszeit, Auszeit", verkündete er, „Einigen wir uns darauf, dass jeder hier seine alles andere als positiven Erfahrungen mit unverantwortlichen Erwachsenen gemacht hat. Das hier ist kein Wettstreit. Wir haben allen Narben davon getragen. Sie sehen vielleicht nicht gleich aus, aber das heißt nicht, dass sie nicht da sind. Oder dass wir nicht alle verdammt schlecht darin sind mit ihnen umzugehen."
Daraufhin schwiegen alle. Johnny hoffte, dass das bedeutete, dass er zur Abwechslung einmal etwas richtig gemacht hatte.
„Johnny hat recht", meinte Julie „Mister Miyagi würde sagen, dass wir lernen müssen einander zuzuhören. Wir alle hier sehen ein, dass du denkst Terry Silver sei ein gefährlicher Mann, Daniel. Aber du musst auch einsehen, dass wir alle der Meinung sind, dass du dich seit er in dein Leben zurückgekehrt ist, nicht mehr wie du selbst verhältst. Wir machen uns Sorgen um dich."
„Das müsst ihr nicht", behauptete Daniel, „Ihr müsst euch um die Kinder Sorgen machen. Die sind es, die vor Silver beschützt werden müssen. Kreese behauptet, dass Silver der Schlimmere von ihnen beiden ist. Und ich würde ihm bei dieser Einschätzung zustimmen. Wir müssen zusammen arbeiten um Silver loszuwerden." Er deutete auf Johnny und Chozen. „So was können wir uns nicht leisten."
„Ich bin auch der Meinung, dass die Kinder unsere Priorität sein sollten", sagte Johnny, „Aber den alten Mann loszuwerden ist nicht das, worauf es ankommt. Der Schaden ist bereits angerichtet. Wir haben ihn angerichtet, Daniel. Ich finde, dass es wichtiger ist dafür zu sorgen, dass sie nicht enden wie wir. Dass sie die Hilfe bekommen, die wir nie bekommen haben."
„Ich habe schon gesagt, dass ich für Robbys Therapie aufkomme, Johnny", rief ihm Daniel in Erinnerung.
„Und das ist sehr großzügig von dir. Aber was ist mit deiner eigenen Familie? Was ist mit Sam? Sie hat verloren, denkt es sei ihre Schuld, dass wir nicht mehr unterrichten können. Das setzt ihr zu. Und schon davor war sie aus dem Tritt geraten. Deine Tochter ist ein wütendes Mädchen, Daniel. Genau wie Tory. Ich meine, die ist wirklich wütend. Und die anderen Schüler in Cobra Kai, und Miyagi-Do, und ja auch meine Eagle Fang-Schüler … Kreese hat die Köpfe von vielen von denen mit seinen Unsinn vollgestopft, und wir haben unsere Rivalität auf sie übertragen. Was wir jetzt tun müssen ist dafür zu sorgen, dass alles nicht noch mehr eskaliert. Sie den Unterschied zwischen der Matte und der Realität lehren", hielt Johnny dagegen, „Das ist es, was deine Freunde, wenn sie schon da sind, tun sollten. Unsere Fehler bei den Kindern wieder gut machen."
„Warum willst du das nicht selbst tun, Johnny?", wollte Chozen wissen.
„Weil es keiner glauben würde, wenn es von mir kommt. Wann lerne ich schon aus meinen Fehlern? Nein, erzähl ihnen von Ehre und Balance und alles andere, was Miyagi-Do so lehrt. Und Julie kann vielleicht mit den Mädchen sprechen, immerhin ist sie auch eines", meinte Johnny, „Außerdem muss ich Ordnung in meinem eigenen Haus schaffen, bevor ich jemand anderen helfen kann. Und in meinem eigenen Kopf."
Daniel trug schon wieder diesen ewig-enttäuschten besiegten Gesichtsausdruck. „Johnny…", setzte er an.
„Ja, ich weiß. Ich lasse dich im Stich, enttäusche dich schon wieder, schon klar. Es ist aber nun mal so", kam ihm Johnny zuvor, „Leg dich mit Silver und Julies alter Nemesis an, wenn du willst. Aber dabei kann ich dir nicht helfen. Nicht jetzt."
Und es war nicht einmal der Alkohol, der aus ihm sprach. Er hatte sich im Morgengrauen weggeschlichen um ein Karate-Duell über beleidigte Ehre und gekränkte Gefühle auszutragen, mit jemandem, der nicht bösartig war, sondern einfach nur sein eigenes Päckchen zu tragen hatte, und das wenige Stunden nachdem er seinen Sohn hatte erklären müssen, dass er keinen verrotteten Kern in sich trug. Er konnte so einfach nicht weiter machen.
Daniel wandte seinen Blick ab. „Von mir aus", meinte er dann, „Konzentrieren wir uns aufs Feuer löschen, wenn ihr alle der Meinung seid, dass das Priorität haben sollte. Aber lasst euch eines gesagt sein: Terry Silver ist jemand, der sehr gerne neue Feuer legt."
LaRusso-Vorhersagen waren scheinbar Prophezeiungen. Nachdem Julie mit Sam geredet hatte, wollte sie mit Tory reden, und sie schien damit sogar Erfolg zu haben, aber dann wurde Tory überfallen und beinahe umgebracht, und das scheinbar deswegen, weil sie ihren unfair erlangten Sieg hatte abgeben wollen. Als Dank dafür war sie von einem Erwachsenen gewürgt worden.
Natürlich löste diese Neuigkeit einiges bei Johnny aus, um es vorsichtig zu formulieren. Er glaubte selbst zu ersticken als er die Nachricht hörte. Und dann … dann dachte er an Kreese, den er absichtlich nicht im Gefängnis besucht hatte, obwohl Bobby ihm deswegen ins Gewissen geredet hatte. Und dann fiel ihm ein, dass Robby und Tory ja eine Art Paar waren, und er fühlte sich noch schlechter, und dann wurde ihm klar, dass das Alles seine Schuld war, nicht wahr? Er hatte Julie dazu aufgefordert mit Tory zu reden, und deren Ex-Nemesis hatte daraufhin Tory überfallen, und sie wären niemals in diese Lage geraten, wenn er nicht zugelassen hätte, dass Kreese ihm Cobra Kai stahl, und wenn er Tory besser unterrichtet hätte, dann hätte sie Cobra Kai verlassen und sich so wie die anderen Eagle Fang angeschlossen, und wenn er Sam besser trainiert hätte, dann hätte sie gewonnen, und dann wäre nichts von all dem passiert, und …. Egal was er tat, er war dazu verdammt alles noch schlimmer anstatt besser zu machen.
Robby war derjenige, der die Nachricht überbracht hatte, da Kenny Payne alles miterlebt und ihn informiert hatte. Johnny schob die Gefühle, die in ihm aufwallten, zur Seite und war für Robby da, umarmten seinen Sohn, fuhr mit ihm ins Krankenhaus, informierte LaRusso. Er spielte den verantwortungsvollen Erwachsenen.
Zunächst wollten sie sie gar nicht zu Tory lassen, da sie keine Verwandten waren. Es war erst LaRussos Brieftasche, die dafür sorgte, dass sie sie sehen konnten. Robby, Sam, Amanda und Julie drängten sich um Torys Bett und übertrumpften einander im Mutterhennen-Modus. Tory wirkte trotz den Umständen irritiert und warf Johnny und Miguel einen etwas überforderten Blick zu, was Johnny dazu veranlasste dafür zu sorgen, dass sie etwas Luft zum Atmen erhielt.
Er kannte diesen Blick, es war der Blick von jemand, der es nicht gewohnt war umsorgt zu werden. So hatte Robby ihn angesehen, nachdem er ihn und Miguel in Mexico umarmt hatte.
Tory machte sich offenbar vor allem Sorgen um ihre Familie. Amanda bot sich sofort an nach Torys Mutter und ihren Bruder zu sehen und war dann auch schon verschwunden. Julie wollte zur Polizei gehen und über Dugan aussagen. Daniel kehrte mit Anthony im Schlepptau zurück und informierte alle Anwesenden, dass er für „Schutz" vor Silver und seinen Leuten gesorgt hätte - Johnny wollte nicht wissen was genau er dem Krankenhaus-Personal erzählt hatte.
Johnny schickte Daniel mit den Kindern in die Cafeteria um Tory ein wenig Ruhe zu gönnen, und nahm den Platz neben ihrem Bett ein wie eine Art stumme Wache. Tory tat einige Zeit lang so als würde sie schlafen. Dann lugte sie durch halb geöffnete Augenlider in seine Richtung.
„Warum sind alle so nett zu mir?", wollte sie krächzend wissen, „Ich bin nicht … Misses LaRusso hat versucht nett zu mir zu sein, ja, aber die anderen … Sam müsste mich hassen. Ich… Warum sind Sie hier, Sensei?"
„So was passiert eben, wenn man von seinem Lehrer beinahe erwürgt wird", erwiderte Johnny ruhig, „Als ich in deinem Alter war, da ist mir auch was Schlimmes passiert, und auf einmal waren alle nett zu mir, sogar LaRusso und sein Sensei, obwohl wir uns damals nicht besonders gut verstanden haben. So was kommt vor."
Tory schloss die Augen. „Ich wollte das Richtige tun", erklärte sie.
„Ja, ich weiß", erwiderte Johnny, „Aber manchmal muss man einen Preis dafür zahlen, wenn man das Richtige tut."
Die Cafeteria-Gang kehrte zurück. Robby, Miguel und Sam belagerten Tory, während Anthony einen Pudding in der Hand hielt und diesen ansah als ob er nicht wüsste, ob er ihn essen sollte oder nicht. Dann warf er ihn ungeöffnet in den Mistkübel neben Torys Bett. Niemand anderer schien es zu bemerken, aber Johnny hatte es bemerkt. Anthony fing seinen Blick auf, aber keiner von beiden sagte etwas.
Johnny entschuldigte sich und wollte sich auf die Suche nach der Toilette machen. Daniel folgte ihm unaufgefordert. „Rede mit deinem Sohn, LaRusso, ich glaube, er hat Probleme. Könnte damit zu tun haben, dass die Probleme aller anderen wichtiger genommen werden", sagte Johnny, hauptsächlich um den anderen Mann loszuwerden.
Aber Daniel schluckte den Köder nicht. „Wie geht es dir, Johnny?", wollte er stattdessen wissen.
„Ich bin nicht derjenige, der beinahe gestorben ist", lautete Johnnys einzige Antwort. Und das war ja auch wahr.
„Johnny…."
„Wenn du mich aufs Klos verfolgst, dann werden die Leute zu reden beginnen", versuchte Johnny ihn abzuwimmeln.
„Du irrst dich, weißt du? Es ist nicht, dass du meinen Ansprüchen nicht genügst. Himmel, du bist nicht einmal unter meinen Top 3 Peinigern von Früher. Und ich wollte immer, schon damals, nur, dass wir beide Freunde sind. Aber manchmal, wenn ich dich ansehe, dann sehe ich nicht dich. Dann ist alles, was ich sehen kann, Cobra Kai. Es ist nicht deine Schuld, Johnny, es ist meine. Aber jetzt gerade, jetzt sehe ich dich. Kommst du klar? Du musst mir sagen, wenn du nicht klar kommst, Johnny", erklärte ihm Daniel zu seiner Überraschung.
Johnny ließ diese Worte einige Momente lang einsinken. „Ich weiß nur, dass Robby mich jetzt braucht, dass ich jetzt für ihn und Miguel und Sam und Tory stark sein muss. Also muss ich klar kommen. Aber .. ich werde dir sagen, wenn das nicht mehr der Fall sein sollte", sagte er dann. Was mehr war als er jemals zuvor jemand anderem versprochen hatte, aber vielleicht auch deswegen weil ihn niemals jemand, auf den er sein eigenes Päckchen abladen konnte, danach gefragt hatte.
„Mehr will ich gar nicht", versicherte ihm Daniel und kehrte dann in Torys Zimmer zurück.
Johnny sah ihm einen Augenblick lang nachdenklich hinterher. Dann suchte er die Toilette auf.
Johnny wollte wirklich stark sein, wollte klar kommen, wollte zur Abwechslung einmal derjenige sein, auf den sich andere verlassen konnten. Sie wechselten sich mit Schüler-Betreuung und Tory-Wache ab, Chozen leitete Miyagi-Do während sich die anderen um alles kümmerten, was anfiel. Daniel hatte Johnny ein neues Auto vor die Wohnung gestellt, ohne das groß zu kommentieren. Johnny nahm den Wagen schweigend an, und versuchte sich dankbar und nützlich zu zeigen. Und dann, als er Sam von Miyagi-Do abholen und ins Krankenhaus zu Tory fahren wollte, tauchte Kreese auf.
Offenbar war er wieder frei.
Johnny wusste nicht, was er sich erwartet hatte, doch schon etwas mehr als kam. Kreese schien sich herzlich wenig für Torys Schicksal zu interessieren. Also machte Johnny den Fehler ihm die Meinung zu sagen. Und musste kurz darauf von Sam LaRusso verteidigt werden, weil er offenbar immer noch nicht in der Lage war sich verbal selbst zu verteidigen. Nicht, wenn die andere Person Recht hatte zumindest.
„Johnny, ist alles in Ordnung?", wollte Sam wissen, nachdem Kreese wieder weg war.
Johnny wünschte sich, dass der LaRusso-Clan aufhören würde ihn das zu fragen. Er konnte sich nicht leisten, dass nicht alles in Ordnung war. Er beschwor sich durchzuhalten. Immerhin ging es hier nicht um ihn. Es ging um Tory und um Robby, um Miguel und Sam. Sogar um Julie und Daniel. Aber nicht um ihn.
Das dachte er zumindest, bis Carmen und eine aufgelöste Rosa ihn zu Hause erwarteten und ihm mitteilten, dass sie alle ab sofort obdachlos waren. Einen Moment lang dachte er, er müsste träumen. Carmen fragte ihn etwas, aber er verstand ihre Frage auf einmal nicht mehr. Welche Sprache sie auch immer sprach, es war nicht seine.
Als er wieder verstand was sie sagte, da konnte er hören wie sie mit Amanda telefonierte. „Nein, nur wir und Johnny. Miggy und Robby sind im Krankenhaus bei Tory. Nein, nein, das können wir nicht annehmen. Ich glaube, Johnny steht unter Schock. Nein, Amanda, ich glaube nicht, dass…"
Johnny zupfte an Carmens Ärmel. „Warte einen Moment-" Carmen wandte sich ihm zu. „Ja, Schatz? Was gibt es?", wollte sie von ihm wissen.
„Sag Amanda, dass sie Daniel sagen soll, dass es soweit ist", erklärte Johnny ihr mühsam, „Ich komme nicht mehr klar."
A/N: In den Johnny-Kapiteln wird in dieser Fic bisher die ganze Arbeit geleistet, wenn es darum geht, dass die Dinge besser werden. Und dann wenden wir uns den anderen Charakteren zu und alles wird wieder unangenehm….
Aber vielleicht ist es dieses Mal ja anders. Na ja, auf jeden Fall war das alles vor Daniels Treffen mit Kreese und jetzt wisst ihr vielleicht auch warum der sich doch dazu durchgerungen hat einen Pakt mit dem Teufel zu schließen, aber mehr zu dieser Entscheidung gibt es im nächsten Kapitel.
Reviews?
