13. Die Last der Welt


Als er erfuhr, was Tory Nichols zugestoßen war, dachte Daniel im ersten Moment, dass er träumen musste. Das hier konnte doch einfach nichts anderes als ein Alptraum sein, oder? Immerhin wurde Daniel in letzter Zeit von Alpträumen heimgesucht. Beinahe jede Nacht. Träumte er jetzt auch schon mit offenen Augen?

Die Wahrheit war natürlich, dass er diesen Moment erwartet hatte, seit Terry in sein Leben zurückgekehrt war. Als er von der Sache mit Stingray erfahren hatte, hatte er ihn für gekommen gehalten, und sich dann selbst eingeredet, dass alles in Wahrheit nicht so schlimm war, dass sie Glück gehabt hatten, weil Terrys Opfer ein erwachsener Mann war. Nachdem er herausgefunden hatte was hinter der ganzen Aktion steckte, nämlich, dass es Terrys Ziel gewesen war Kreese ins Gefängnis zu bringen, da hatte er sich beruhigt, hatte sich eingeredet, dass niemand anderer mehr auf diese Art und Weise zu Schaden kommen würde, zumindest nicht so schnell.

Immerhin tat Terry immer noch so als wäre er ein ehrlicher Mann, ein sauberer Geschäftsmann, ein Philanthrop. Cobra Kais Image sauber zu halten schien ihm wichtig zu sein, er hatte Kreese fallen lassen wie eine heiße Kartoffel. Daniel hatte wirklich gedacht, dass er nicht riskieren würde, dass noch ein Schüler von Cobra Kai verletzt werden würde. Den Image-Schaden würde er sich nicht leisten wollen. Daniel hatte sich mehr Sorgen um seine eigene Familie gemacht, um seine Schüler und die von Johnny. Kreese hatte davon phantasiert, dass Daniel und Johnny derjenige waren, die in Gefahr waren, er hatte prophezeit, dass Terrys Zorn sie treffen würde und diejenigen, die ihnen nahe standen. Daniels Sorge hatte Robby gegolten, seinen eigenen Kindern, aber niemals den Cobra Kai-Schülern, und sicherlich nicht Tory Nichols, immerhin war sie der Champion von Cobra Kai. Praktisch als einzige Schülerin diesem Dojo immer treu geblieben.

Und jetzt, jetzt wurde ihm klar, wie kurzsichtig er gedacht hatte, wie kurzsichtig Kreese gedacht hatte - Terry war ein unberechenbarer Verrückter! Natürlich würde er auf eine Art und Weise zuschlagen, die sie nicht kommen sahen!

Wie sich herausstellte, hatte er einen guten Grund sich an Tory Nichols zu vergreifen: Das Mädchen hatte um eine Anhörung beim All Valley Komitee gebeten und dort offenbar ihren eigenen Sieg aufgeben wollen. Es war offensichtlich, dass Silver das nicht hatte zulassen können!

Natürlich hatte sich Terry nicht selbst die Hände schmutzig gemacht, er hatte seinen neuen Helfershelfer Dugan die Drecksarbeit machen lassen. Julie gab sich selbst die Schuld an dem, was passiert war. Immerhin war Dugan ihr Intimfeind, und sie hatte sich mit Tory Nichols getroffen und mit ihr gesprochen, was offenbar bis zu Dugan durchgedrungen war. Julie sah in dem Überfall auf Tory eine Racheaktion gegen sie.

Aber Daniel wusste es besser. Er wusste es besser, weil niemand anderer als Mikes Barnes, Dennis und Snake die Zeugen des Überfalls von Dugan und Cobra Kai auf Tory Nichols geworden waren.

Davon erfuhr Daniel erst, als er gemeinsam mit Robby einen genaueren Bericht von Kenny Payne über die Geschehnisse erhielt. Nach allem, was zwischen Kenny und Anthony passiert war, war Kenny nicht gerade Daniels größter Fan, was nur zu verständlich war, aber der Junge war ernsthaft geschockt über Torys Schicksal und bereit allen, die es interessierte, alles genau zu erklären. Und so erfuhr Daniel, dass die drei „zufälligen Zeugen" des Zwischenfalls nach Kennys Beschreibung zu gehen niemand anderer als Barnes und seine Kohorten gewesen sein konnten, und dass Tory von den anderen Schülern offenbar schon zuvor überwacht worden war.

Barnes Anwesenheit war mehr als nur verdächtig. Seine Bereitschaft gegen Dugan auszusagen, nun, das war vermutlich wieder nur Teil von seiner und Terrys neuer Strategie um Daniel zu verwirren. Aber Daniel fiel auf deren Psychospielchen nicht mehr herein. Dass jemand vorgab nicht mit jemand anderen zusammenzuarbeiten war ja nicht neu, und er hatte Barnes Geschichte von wegen, dass der sich nur an Silver rächen wollte, von Anfang an bezweifelt. Und dass Silver und Barnes nun bereit waren Dugan zu opfern um ihre Geschichte glaubhafter zu machen, wunderte Daniel auch nicht. Immerhin hatte Terry ja auch Kreese geopfert, und an dem war ihm irgendwo in seinem kleinen schwarzen Herzen vielleicht einmal tatsächlich etwas gelegen (Daniel bezweifelte allerdings, dass Terry zu so etwas wie ehrlicher Zuneigung überhaupt fähig war). Dugan hingegen war für ihn mit Sicherheit nur ein weiterer Bauer, den er bereit war zu opfern um die Königin seines Gegners zu schlagen.

Nein, Julie konnte denken was sie wollte, aber das alles hier trug eindeutig Terry Silvers Handschrift, und Daniel war auch nicht davon überzeugt, dass Terry schon fertig mit Tory war. Deswegen tat er alles, was er konnte, um für die Sicherheit des Mädchens zu sorgen. Selbst wenn er das Sicherheitspersonal des Krankenhauses bestechen musste um dafür zu sorgen, dass sie extra bewacht wurde und niemand, der nicht mit ihr verwandt war und das nachweisen konnte oder auf der Liste stand, die Daniel dem Krankenhaus gab, zu ihr vorgelassen wurde.

Amanda schien mehr um Torys emotionale Gesundheit besorgt zu sein, aber nachdem ausgerechnet Johnny Lawrence in Mexico offenbar seinen inneren Psychotherapeuten entdeckt hatte, überließ er den beiden und Julie diese Art der Fürsorge und konzentrierte sich darauf Torys nacktes Leben zu schützen. Und sich Sorgen zu machen, die den anderen gar nicht erst zu kommen schienen.

Julie machte sich wegen Dugan Sorgen, Amanda wegen Torys Familie, Robby machte sich um Kenny, der den Überfall mitangesehen hatte, Sorgen, aber Daniel war sich sicher, dass der Angriff auf Tory erst Terrys Eröffnungszug gewesen war. Das hier war erst der Anfang.

Kreese hatte mit seinen Warnungen recht gehabt, weswegen Daniel auch noch einmal zu Stingray ging und ihm alles erzählte, was geschehen war, woraufhin sich dieser endlich dazu aufraffte seine falsche Beschuldigung zurückzuziehen. Er hatte zu viel Angst vor Terry um mit dem Finger auf ihn zu zeigen, doch Daniel half ihm zur Belohnung dafür, dass er die Wahrheit offenbart hatte, trotzdem dabei unterzutauchen und sich vor Terrys Rache zu verstecken.

Nachdem Kreese wieder frei war, wollte er offenbar mit Daniel reden, doch keiner seiner Freunde oder Familie hieß eine mögliche Allianz mit Kreese gut.

„Sich mit dem Bösen zu verbünden um das Böse zu besiegen ist niemals eine gute Idee, Daniel-san", meinte Chozen.

„Nach allem, was mit Dugan passiert ist, und wenn man bedenkt wie wenig du Barnes traust, wieso solltest du dich dann mit dem Ex-Partner von Silver einlassen?", wollte Julie wissen.

„Denk daran, dass er eine Verfügung gegen mich erwirkt hat; er ist eine Schlange", meinte Amanda.

„Sensei Kreese ist kein guter Mann, Mister LaRusso", war Miguels ernsthafte Meinung zu diesem Thema.

„Hast du etwa vergessen, dass er versucht hat uns umzubringen?", meinte Johnny nur.

Sam hatte anders geartete Bedenken. „Du hast nicht gehört was er zu Johnny gesagt hat, Dad. Mister Miyagi würde jemanden, der so mit einem Menschen, den er vorgibt zu lieben, redet, niemals damit durchkommen lassen. Nicht wenn er wirklich so war wie du immer sagst. Wenn du mit ihm sprichst, mit ihm zusammen arbeitest, dann tolerierst du sein Verhalten und alles, was er früher getan hat und vielleicht noch tun wird", erklärte sie entschieden, „Willst du das wirklich?"

Daniel wollte das natürlich nicht.

Aber er musste Silver aufhalten, und auch wenn das genau das Argument des Bastards war, war es doch die reine Wahrheit: Niemand kannte Silver besser als Kreese.

„Manchmal muss man Menschen zweite Chancen einräumen. Ich habe das mit Chozen getan, und mit Johnny. Und du, du bist doch gerade dabei das mit Tory zu tun", argumentierte Daniel, „Und sie hat dir Dinge angetan, von denen du niemals dachtest, dass du sie ihr verzeihen kannst, oder? Du hattest ihretwegen Panikattacken, und trotzdem versuchst du ihr eine Chance zu geben."

Sam zeigte sich seit dem Überfall Tory Nichols gegenüber tatsächlich bemerkenswert verständnisvoll. Natürlich war Robby besorgt um seine Freundin, und Miguel war um seine Ex-Freundin besorgt, aber Sam schien nicht weniger besorgt zu sein, und ein Teil von Daniel verstand das sogar - er konnte den Moment nach dem Turnier 1984, als Kreese Johnny angegriffen und beinahe erwürgt hätte, nicht vergessen, und er konnte auch nicht vergessen wie dieser Moment alles geändert hatte.

Danach war ihm eine Entschuldigung nicht mehr wichtig gewesen. Danach hatte er Johnny alles verziehen, weil nichts mehr eine Rolle gespielt hatte, nicht verglichen damit. Und nun war Tory genau das Gleiche passiert, und sogar noch mehr.

Aber er wusste auch, dass seine Beziehung zu Johnny von Anfang an anders gewesen war als die von Sam zu Tory. Soweit er das verstanden hatte hatten sich die beiden Mädchen nie gemocht, und das aus Gründen, die Sam nicht benennen konnte. „Sie hasst mich, weil ich reich bin", hatte sie einmal nur schulterzuckend gemeint. Erst später war Eifersucht wegen eines Jungen ins Spiel gekommen. Daniel hingegen glaubte immer noch manchmal, dass, wenn Ali nicht zwischen ihnen gestanden wäre, er und Johnny in der High-School Freunde hätten sein können. Tory und Sam war diese Möglichkeit scheinbar niemals offen gestanden. Dass sich das nun änderte, nun das musste bedeuten, dass beide gelernt hatten ihre Feindin in einem jeweils anderen Licht zu sehen.

„Das ist etwas Anderes", behauptete Sam, „Tory war nie so schlimm wie Kreese. Er war es, der alles, was dunkel in ihr ist, genährt hat, der ihre Wut genommen und in eine Waffe verwandelt hat. Ich weiß jetzt wie sich das anfühlt, wütend zu sein, meine ich. Ich wurde wütend, weil ich mich hilflos gefühlt habe. Und Tory ist es genauso gegangen, schon bevor wir uns kennengelernt haben. Julie hat mir geholfen das zu sehen. Und ich habe gesehen, dass sie sich verändert hat. Nach dem Turnier wollte sie mir aufhelfen, und sie wollte ihren Sieg abtreten, weil es ihr wichtiger war fair zu sein als zu gewinnen. Was genau hat dieser alte Mann gesagt oder getan, was sich damit vergleichen lässt? Er war eben erst hier und hat Johnny gesagt, dass seine Mutter ihn besser hätte abtreiben sollen! Zumindest hat er das gemeint, auch wenn er nicht so direkt gesagt hat. Willst du wirklich so jemandem eine zweite Chance geben?"

Nein, das wollte Daniel nicht. Aber vielleicht musste er das tun.

Seine Beziehung zu Johnny war gerade dabei sich zu verbessern, und ja, das war immer wieder mal der Fall, bevor es schlagartig wieder bergab ging, und er wollte ihre fragile Freundschaft nicht gefährden. Und Kreese in sein Leben zu lassen würde ihre Beziehung dauerhaft beschädigen, das wusste er, denn immerhin war Daniel derjenige gewesen, der Johnny wegen der Tatsache, dass dieser Kreese zurück in sein Leben ließ, lautstark verdammt hatte. Wenn er jetzt dasselbe tat, dann würde er wie ein Heuchler dastehen, und, schlimmer noch, Johnny würde denken, dass Daniels Kreuzzug gegen ihn und sein Cobra Kai in Wahrheit doch ihm gegolten haben musste und nicht der Idee von Cobra Kai.

Und auf diesen Gedanken wollte Daniel den anderen Mann wirklich nicht bringen, weil er erst langsam zu begreifen begann wie leicht sich Johnny Lawrence in toxische Gedanken dieser Art verrennen konnte, und deswegen noch nicht wusste wie er mit dieser Seite von Johnny umgehen sollte.

Also ja, er wollte es nicht, aber er befürchtete, dass ihm keine Wahl bleiben könnte, wenn sich die Dinge so weiter entwickelten wie bisher. Trotzdem versuchte er der Versuchung Kreese aufzusuchen zu widerstehen.

Bis Terry seinen nächsten Spielzug machte, und Carmen anrief um ihnen mitzuteilen, dass sie und Johnny von ihren Vermieter vor die Türe gesetzt worden waren. Da wurde ihm klar, dass ihm tatsächlich keine andere Wahl blieb als zu Kreese zu gehen, nicht wenn er gewinnen wollte, bevor es weitere Opfer gab.


Natürlich trug Carmens und Johnnys abrupte Obdachlosigkeit Terry Silvers Handschrift, auch wenn dieser seine Spuren so gut er konnte verwischt hatte. Offiziell konnte man die Kündigung ihrer Mietverträge nicht bis zu ihm zurückverfolgen, aber die Tatsache, dass keiner der anderen Mieter betroffen war, sprach eine eindeutige Sprache. Terry steckte dahinter und wollte, dass sie wussten, dass er dahinter steckte.

Da sie ohne Vorwarnung und ohne Grund vor die Türe gesetzt worden waren, brachte dieser Angriff auf sie für die Familien Diaz und Lawrence natürlich einiges an Probleme mit sich. Für Daniel und Amanda stellte es natürlich keine Frage dar, dass die Heimatlosen bis sich alles geklärt hätte bei ihnen unterkommen konnten, und so zogen alle drei Diazes sowie Johnny und Robby vorerst mit Sack und Pack bei den LaRussos ein.

Unterdessen war Amanda davon überzeugt, dass Carmen und Johnny rechtlich gesehen nicht einfach so vor die Türe gesetzt werden konnten, da sie ihre Miete immer rechtzeitig bezahlt hatten. (Nun zumindest Carmen hatte das, und Johnny in letzter Zeit, vermutlich zumindest…) Sie war überzeugt davon, dass sie die Wohnsituation mit Anwälten regeln könnten.

Daniel allerdings machte sich keine Hoffnungen. Terry wusste was er tun musste um seinen Willen durchzusetzen und hatte genug Geld dafür. Und selbst wenn sie vor Gericht Recht bekommen würden, es würde Wochen, vermutlich sogar Monate, dauern bis bei dieser ganzen Sache irgendetwas herauskommen würde. Und bis dahin hätte Silver schon wieder seinen nächsten Zug getan.

Daniel machte sich Sorgen um seinen Autoverkauf, sein Haus, Mister Miyagis Grundstück, ja selbst um die Wohnung seiner Mutter. Wer wusste schon wo Terry als nächstes zuschlagen würde?

Außerdem schien die Tatsache, dass sie ihre Wohnungen verloren hatten, Johnny schwer zu treffen. Daniel konnte nicht behaupten, dass ihn das überraschte. Seit die Sache mit Tory passiert war, hatte er befürchtet, dass Johnny früher oder später zusammenbrechen würde. Immerhin war Tory wegen Insubordination von ihrem Lehrer gewürgt worden – das musste einfach alte Erinnerungen bei dem blonden Mann wecken.

Doch Johnny war die meiste Zeit über erstaunlich gefasst geblieben. Ja, offensichtlich machte er sich Sorgen um Tory, aber er blieb ruhig, war den anderen eine Stütze, umsorgte das verletzte Mädchen genauso wie seinen eigenen Sohn, griff Daniel und Amanda sogar freiwillig als Babysitter und/oder Chauffeur unter die Arme.

Seine Begegnung mit Kreese schien erschüttert zu haben, doch Daniel gegenüber hatte er sie später nur mit: „Ich bin das gewohnt, LaRusso, du musst dir keine Sorgen machen" abgetan. Irgendwann war Daniel zu der Überzeugung gelangt, dass Johnny offenbar besser mit seinem vergangenen Trauma umgehen konnte als er, offenbar beeinträchtigte ihn seine Vergangenheit nicht zu stark, offenbar kam er zurecht.

Zumindest bis er vor die Türe gesetzt wurde.

So wie Daniel Johnny inzwischen kannte, war es nicht so sehr die Tatsache, dass er sein Zuhause verloren hatte, die ihm zusetzte, es war vielmehr die, dass Carmen, Miguel, und Robby ebenfalls heimatlos geworden waren. Vermutlich gab er sich die Schuld daran. Vielleicht war aber einfach auch nur der Zeitpunkt erreicht, an dem ihm alles zu viel wurde. In letzter Zeit waren die Tiefschläge geradezu so auf Johnny eingeprasselt, vielleicht war einfach nur der Zeitpunkt erreicht, an dem er keine weiteren mehr einstecken konnte.

Was auch immer der Fall war, Daniel war froh, dass Johnny erwachsen genug war zuzugeben, dass er sein Limit erreicht hatte. Dass er Daniel wissen ließ, dass er nicht mehr klar kam, und sich so an ihre Abmachung hielt. Das zeigte, dass Johnny ihm vertraute, dass sie beide seit ihrer Wiedervereinigung trotz all ihrer Rückschläge weit gekommen waren.

Es musste Johnny Lawrence einiges kosten ausgerechnet ihm gegenüber Schwäche zuzugeben. Und Daniel war froh, dass er es tat, wirklich, weil es bedeuten musste, dass sie endlich ein neues Kapitel aufschlugen, dass sie endlich ein echtes Team waren, wahre Partner.

Aber zugleich war es ein wenig beängstigend ausgerechnet Johnny Lawrence sagen zu hören, dass er nicht klar kam.

Ein Teil von Daniel hatte Johnny Lawrence immer als diesen unbesiegbaren Kerl gesehen, dessen harte Haut nichts durchdringen konnte, der vielleicht ein kindisches Wesen haben mochte, aber im Grunde nie wirklich verletzt werden konnte. An dem würgende Senseis, schwer verletzte Teenager, und dramatische Auseinandersetzungen körperlicher wie emotionaler Natur abprallten. Auf eine gewisse Weise hatte sich Daniel darauf verlassen, dass er sich immer darauf verlassen konnte, dass Johnny klar kommen würde. Dass er den Mann vielleicht schwer alkoholisiert, aber niemals besiegt vorfinden würde, egal was passierte.

Aber zu sehen, dass Johnny eben nicht so stark war wie er sich immer eingeredet hatte, das war nicht nur ein Wunschtraum, der wahr wurde, es war auch eine Art Alptraum. Bisher hatte er vor allem die Kinder beschützen müssen, und vielleicht Amanda (obwohl er im Grunde wusste, dass Amanda auf sich selbst aufpassen konnte, sie hatte einen verdammt harten rechten Haken drauf, wenn Kreese das wüsste, dann würde er sich glücklich schätzen, dass er nur mit einer Ohrfeige davon gekommen war). Aber jetzt wurde ihm klar, dass er auch auf Johnny aufpassen musste, weil Johnny auf eine Weise verletzlich war, die Amanda abging

Amanda hatte vielleicht eine Vergangenheit, die sie ihrem Mann vorenthalten hatte, aber sie war niemals so traumatisiert worden wie Daniel. Johnny jedoch, der war ebenfalls traumatisiert worden, und das hatte Daniel gelernt zu ignorieren und zu vergessen, aber jetzt, jetzt konnte er das nicht mehr tun. Jetzt musste er sich der Tatsache stellen, dass Johnny Lawrence auf der Liste von Terry Silvers potentiellen Opfern stand, und Terry ihm wirklich wehtun könnte, wenn er wollte. Und das wollte dieser eindeutig, warum sonst hätte er sich an Carmen und Miguel vergriffen?

Nein, der ganze Zwischenfall lud eine noch schwerere Last auf Daniels Schultern, und machte ihm nur noch deutlicher klar, dass Terry dabei war so richtig aufzudrehen, und dass er nicht mehr einfach weiter daneben stehen konnte. Dass er etwas tun musste.

Also traf er sich mit Kreese. Ihm war klar, dass Amanda strikt dagegen war, ihm war klar, dass Chozen und Julie schwere Bedenken angemeldet hatten, ihm war klar, dass Sam der Meinung war, dass Mister Miyagi von ihm erwarten würde besser zu sein als das, ihm war klar, dass Johnny nicht damit einverstanden wäre, trotzdem ging er hin. Ohne irgendjemand zu erzählen wohin er ging und was er dort wollte. Er kannte alle ihre Argumente, er wollte sie nicht noch einmal hören.

Er ging hin, ließ Kreese wissen, dass er immer noch Zweifel hatte, und ließ dann zu, dass ihn der ältere Mann davon überzeugte sich gegen Terry Silver zu verbünden. Er ließ es zu, weil er sich überzeugen lassen wollte.

Im Grunde war es ganz einfach: Terry musste aufgehalten werden. Und wenn er seine Seele verkaufen musste um das zu erreichen, nun dann war das eben der Preis, den er zahlen musste. Er konnte damit leben. Das redete er sich zumindest ein. In Wahrheit musste er damit leben, ihm blieb keine andere Wahl. Silver musste aufgehalten werden, so schnell, allumfassend und konsequent wie möglich. Alles andere war zweitrangig.

Aber das änderte nichts daran, dass er sich nach seinem Treffen mit Kreese wie ein Dieb klammheimlich und still zurück in sein eigenes Haus schlich. Und dabei prompt erwischt wurde.

Im ersten Moment dachte er, dass die Person, die dramatisch das Licht einschaltete und so ihre Anwesenheit enthüllte, Amanda sein musste, doch nicht sie erwartete ihn mit vor der Brust verschränkten Armen und steinernen Gesichtsausdruck im Wohnzimmer, nein, es war Johnny.

„Du warst bei Kreese, nicht wahr?", meinte er vorwurfsvoll mit Grabesstimme.

„Himmel, Johnny, willst du mir einen Herzinfarkt verpassen? Erschreck mich doch nicht so!", empörte sich Daniel und versuchte mit der Absurdität der Situation klar zu kommen.

„Weich meiner Frage nicht aus!", forderte Johnny, „Wo warst du? Und versuch gar nicht erst zu lügen, Amanda hat mir deinen Terminkalender gegeben."

Daniel seufzte. „Du lässt es klingen als hätte ich etwas Verbotenes getan. Weder habe ich eine Affäre, noch habe ein Verbrechen begangen, reg dich ab", erwiderte er.

„Das will ich auch hoffen, weil ich Amanda sehr gerne habe und dich umbringen müsste, wenn du sie betrügst, ob es mir gefällt oder nicht. Und wenn du schon ein Verbrechen begehst, dann tust du das hoffentlich nicht alleine, sondern immer nur mir an deiner Seite wie bisher immer - oder hat sich das auf einmal geändert?", entgegnete Johnny unbeeindruckt, „Ich kann keinen Alkohol riechen, also fällt diese Möglichkeit auch aus. Also?"

Daniel verdrehte die Augen. Er wusste was für einen Erziehungsstil Johnny vertrat, und dafür, dass dieser Mann Robby und Miguel so ungefähr alles durchgehen ließ, war es äußerst bemerkenswert, dass er sich jetzt Daniel gegenüber wie ein strenger Vater aufführte.

„Na schön, ja ich habe Kreese getroffen", gab er zu, „Ich habe mich dazu entschieden. So einfach ist das."

Johnny nickte wissend. „So einfach, ja? Und du hast das heimlich hinter unser aller Rücken getan, weil es um Leben und Tod ging, nehme ich an", spottete er.

„Da ich weiß wie ihr alle zu dem Thema steht, habe ich euch nicht informiert", gab Daniel zurück, „Was mein gutes Recht ist. Ich muss dir nicht über alles, was ich tue und entscheide, Rechenschaft ablegen. Ich muss nicht einmal Amanda über alles, was ich tue, Rechenschaft ablegen. Aber ich hätte ihr davon erzählt. Wenn der passende Zeitpunkt gekommen wäre."

„Das ist Bullshit. Du wusstest, dass es falsch ist dich mich Kreese zu treffen, deswegen hast du es heimlich getan, und der passende Zeitpunkt um Amanda oder sonst jemanden davon zu erzählen wäre, wenn alles vorbei ist und dir niemand mehr ausreden kann es sein zu lassen", behauptete Johnny, „Du kannst so was nicht einfach auf eigene Faust tun! Wenn du schon das Gefühl hast etwas wirklich Dummes tun zu müssen, dann solltest du zumindest mir vorher davon erzählen!"

Daniel runzelte verärgert dir Stirn. „Oh wirklich? Weil du ja ein Oase der Mitteilsamkeit bist! Du sagst mir nie irgendetwas, Johnny! Und jetzt beschwerst du dich darüber, wenn ich dich genauso behandle?!", warf er dem blonden Mann vor.

„Ich habe dir gesagt, dass ich nicht mehr klar komme", rief ihm Johnny in Erinnerung.

„Oh ja, wie konnte ich das vergessen? Einmal in deinem Leben hast du dich mir anvertraut. Das ändert alles. .. Wann hattest du vor mir zu sagen, dass Silver dich verprügelt hat? Wir beschützen Tory rund um die Uhr, wissen, dass Silver Stingray angegriffen hat, können es aber nicht beweisen, und du … du verschweigst einfach was er mit dir gemacht hat?!", warf ihm Daniel verbittert vor, „Ist dir nicht in den Sinn gekommen, dass das eine wichtige Information wäre? Hast du das überhaupt irgendjemanden gesagt? Carmen? Miguel? Bobby Brown? Nein, ich wette du hast es nur deinem Coors-Bier erzählt…."

Johnny warf ihm einen kalten Blick zu. „Ich versuche es, okay? Es nicht so einfach für mich. Ich wurde dazu erzogen still zu sein, alles zu schlucken, und niemals etwas zu sagen. Weil das andere belasten würde, weil es keiner hören wollte, weil es unmännlich ist - such es dir was aus. Aber du, du hattest nie ein Problem damit über alles zu plappern, was dir so auf der Seele brennt", erwiderte er, „Lügen und Geheimnisse sind nicht dein Ding. Du erwartest von uns, dass wir dir einfach glauben, dass Silver der Schwarze Mann ist, aber du sagst uns nicht warum du das denkst. Du sagst uns nicht was passiert ist."

„Ich habe dir gesagt was passiert ist!", brüllte ihn Daniel an, „Aber alles, was du zu sagen hattest, war, dass es Bullshit ist, dass ich nur im Finale vom All Valley antreten sollte!"

Johnny sah in einem Moment lang wortlos an. Dann nickte er. „Okay, ich bin ein Arschloch, das nicht zuhört. Was gibt es sonst noch Neues?", sagte er dann sanft, „Soweit ich mich erinnern kann, hat Silver dich ausgetrickst, damit du dich von ihm trainieren lässt, und dann enthüllt, dass derjenige, der dich bedrängt beim Turnier anzutreten, in Wahrheit mit ihm zusammen arbeitet. Und dann hat Mister Miyagi dich doch trainiert. Und ungefähr an der Stelle hast du aufgehört die Geschichte zu erzählen. Oh, und aus irgendwelchen Gründen dachtest du Kreese sei tot, und der hat auch mit drinnen gesteckt. Das war sicherlich traumatisierend für einen braven Jungen wie dich, das ist klar, aber du hast mir nicht erzählt was wirklich vorgefallen ist. Das hast du niemandem erzählt. Wie sollen wir verstehen warum du bereit bist dich mit dem Mann, den du bis vor kurzem noch für das Schlimmste im Valley gehalten hast, zu verbünden, wenn du nicht mit uns sprichst, Daniel? Wenn du es nicht mir sagen willst, dann sag es Amanda. Oder Julie. Oder Chozen. Oder deinem blöden Cousin, wenn es sein muss. Aber sag es irgendjemandem."

Daniel wandte sich ab, und er spürte wie ihm die Tränen kamen, als er ins Nichts starrte. „Wie soll ich das jemanden sagen, Johnny? Wie soll ich jemanden sagen, dass … er mir erzählt hat, dass Kreese sich umgebracht hat und es so aussehen hat lassen als wäre es meine Schuld? Oder dass Mike Barnes immer da war, mich gestalkt und verfolgt hat, gedroht hat meine Freundin Jessica zusammen mit seinen Freunden … zu … zu vergewaltigen – das war zumindest gemeint, auch wenn er das nicht so gesagt hat – dass er versucht hat Mister Miyagi zu ruinieren, unser Geschäft sabotiert hat, was sogar der Polizei egal war, und dann sogar …."

Er rang nach Worten, bevor er fortfuhr: „Wir haben diesen Bonsei, den Mister Miyagi früher gepflanzt hat, geholt, sind dafür auf einen Berg geklettert, und er hat … ich dachte, wir würden sterben. Er war bereit uns ertrinken zu lassen, und dann hat er gedroht uns in den Tod stürzen zu lassen, das Kletterseil durchzuschneiden, wenn ich nicht unterschreibe, nicht bereit bin beim Turnier anzutreten, und Mister Miyagis Bonsai wurde verletzt, und er war auch noch …. enttäuscht von mir, weil ich mein Leben und das von Jessica retten wollte und deswegen bereit war anzutreten. Und Silver, er hatte das alles in Auftrag gegeben, er hatte diesen Verrückten auf uns losgelassen und hat so getan als würde er mich retten, als wäre er mein Freund, mein Sensei, und ich habe ihm alles geglaubt."

„Ich wusste, dass Mister Miyagi nicht einverstanden wäre, also habe ich mich heimlich zu Silver geschlichen, mir heimlich Cobra Kai Methoden beibringen lassen. Ich wusste, dass sie falsch waren, aber ich … ich habe mich endlich nicht mehr hilflos gefühlt, ich habe mich stark gefühlt. Er hat mir beigebracht stark zu sein, und das hat sich gut angefühlt, und dafür hab ich mich geschämt, aber ich bin trotzdem immer wieder hingegangen. Und Mister Miyagi, er wusste, dass etwas nicht stimmt, und er war so traurig; er hat meine Wunden versorgt und es hingenommen. Und dann habe ich diesen Kerl die Nase gebrochen und das …"

Er schüttelte den Kopf. „Auf einmal hab ich mich im Spiegel nicht mehr wiedererkannt, und das war sein Ziel, verstehst du? Er wollte, dass ich zu jemand anderen werden, er wollte, dass ich werde wie er mich haben will anstatt so wie Mister Miyagi es gutheißen würde, und ich habe immer noch … Wie soll ich jemanden erklären, dass … ich ihm geglaubt habe, als er gesagt hat, dass er mir nur etwas beibringen will? Dass ich ihm geglaubt habe, als er gesagt hat, dass es wehtun muss? Dass ich es vollkommen in Ordnung fand blutend heim zu kommen? Dass ich ernsthaft geglaubt habe, dass er mich nur abhärtet, dass er mir niemals mit Absicht wehtun würde nur um mir Schmerzen zu bereiten?"

„Er hat so nett getan, so aufrichtig, so besorgt. Ich wollte ihm glauben, ich wollte glauben, dass ich ihm wichtig bin. Und dann, dann stand Kreese vor mir wie ein Geist, und Barnes war da, und ich dachte immer noch, dass alles ein Missverständnis sein muss. Dass er mir das nicht antun könnte. Und beim All Valley da, da er hat er Barnes gecoacht, und Barnes … Barnes hat absichtlich Punkte verloren damit der Kampf so lange wie möglich geht, und dann beim Plötzlichen Tod da … und da wusste ich, dass er ihm gesagt hat, dass er mir so weh wie möglich tun soll."

„Und ich weiß, dass Kreese sein Freund war, aber ich dachte wirklich ich würde ihm etwas bedeuten, ich dachte wirklich es wäre echt. Er hat mir gesagt, dass er mir hilft, dass er mir nicht wehtut, sondern mir beibringt stark zu sein. Und ich habe ihm geglaubt, und dann hat er mir erklärt, dass das alles eine Lüge war. Dann hat er mir gezeigt, dass es ihm immer nur darum gegangen ist mir Schmerzen zu bereiten, dass es immer sein Ziel war mich zu quälen. Und trotzdem habe ich Jahre gewartet, darauf gehofft, dass er irgendwann kommt um sich zu entschuldigen, dass es mir erklärt, dass alles wirklich nur ein Missverständnis war. Ich hätte ihm vergeben, ich wollte ihm vergeben."

„Aber dann ist er nach über dreißig Jahren aufgetaucht, und seine Entschuldigung war nicht ernst gemeint. Und er macht genau da weiter, wo er aufgehört hat, spielt immer noch mit mir. Ich war 18 Jahre, Johnny, und er hat zu mir gesagt: Ich habe dich von Anfang an dazu gebracht Dinge zu tun, die du nicht tun wolltest. Und das hat er jetzt schon wieder geschafft, denn, ja, er hat recht, es steckt mehr als genug Cobra Kai in mir, weil ich zu Kreese gegangen bin und zugestimmt habe ihm dabei zu helfen Terry zu vernichten, weil ich nicht zulassen kann, dass er so etwas mit irgendjemand anderen ebenfalls tut. Ich kann nicht zulassen, dass er noch jemanden weh tut." Er drehte sich langsam zu Johnny um. „Wie soll ich das jemanden sagen, Johnny?"

Einen Moment lang war er sich nicht sicher, ob er all diese Dinge überhaupt gesagt hatte. Oder ob er sie sich nur eingebildet hatte. Doch dann konnte er es in Johnnys Augen sehen.

Und stürzte sich auf den anderen Mann und klammerte sich an ihm fest, bevor der losgehen und Terry Silver umbringen konnte. „Nein, Johnny, nein, warte. Bitte, tu jetzt nichts Dummes", bettelte er, „Das ist über dreißig Jahre her. Er hat mich nicht auf diese Weise angefasst. Ich weiß, es hat so geklungen, aber…."

„Das ist mir gleich. Denkst du wirklich das hätte er tun müssen um diese Sache krank zu machen?!", gab Johnny mühsam beherrscht zurück, „Lass mich los damit ich…."

„Damit du dich noch einmal von ihm verprügeln lassen kannst?!", schleuderte Daniel ihm verzweifelt entgegen, weil ihm kein anderer Weg einfiel um ihn aufzuhalten, „Ich musste dich schon vor Kreese retten! Terry Silver ist um einiges gefährlicher als John Kreese es jemals sein könnte! Willst du mich wirklich dazu zwingen mich ihm zu stellen nur um deinen Arsch zu retten?!"

Johnny riss sich los und funkelte Daniel empört an. „Das ist es also, was ich für dich bin? Eine Last?! Daniel LaRusso trägt die Last der Welt auf den Schultern; er muss das Valley vor Cobra Kai retten, denn nur er ist dazu in der Lage!", stellte er bitter fest, „Ich meine, ich wollte doch immer wissen was so falsch an mir ist, dass du es nicht erträgst mich anzusehen, und jetzt weiß ich es, nicht wahr? Die Hälfte der Zeit über siehst du ihn, und wenn du das nicht tust, dann siehst du mich und denkst, dass ich so sein muss wie er und Kreese, und dann erinnerst du dich daran, dass ich das nicht bin, weil ich im Gegensatz zu ihnen unfähig bin!"

„Nein, nein, Johnny, bitte, ich will nur nicht, dass dir etwas passiert", widersprach Daniel heftig, „Es geht nicht darum, dass du unfähig wärst. Silver war bei den Special Forces, er ist …"

„… gefährlich, das sagtest du schon. Und du ziehst den Mann, der neben ihm gestanden ist, als er dir das alles angetan hat, mit als Verbündeten vor, weil der nicht so … fragil ist wie ich es bin", schnaubte Johnny, „Denn ich bin ja derjenige, der gerettet werden muss, den du retten musst. Ich darf dich nie retten, weil das nicht in dein Weltbild passt."

„Johnny…", jammerte Daniel.

„Weißt du, ich dachte, dass es an mir liegen muss. Aber der Grund warum wir nicht klar kommen bin nicht ich, du bist es", fuhr Johnny fort, „;Mister Miyagi war der einzige echte Held, den du jemals gekannt hast, und dann ist er gestorben, und daraufhin hast du beschlossen, dass nur du ihm nachfolgen kannst. Dass nur du alle anderen retten kannst. Und solange du das denkst, solange können wir beide einfach nicht eine gemeinsame Basis finden. Der Schmerz und das Leid anderer ist für dich nur eine Ausrede um deinen eigenen ignorieren zu können. Und wenn du deinen offenbarst, dann nicht weil du willst, dass dir jemand anderer hilft, sondern nur damit du deinen Heldenkomplex damit rechtfertigen kannst."

Daniel wollte protestieren, doch Johnny war noch nicht fertig.

„Ich hab wirklich gedacht, dass du all das niemanden sagen wolltest, damit wir dich nicht anders sehen", fuhr er fort, "aber in Wahrheit wolltest du es niemanden sagen, damit niemand auf die Idee kommt dir helfen zu wollen. Cobra Kai ist wirklich in deinem Kopf, Mann, denn das ist genau die Art von Bullshit, die Kreese versucht hat uns beizubringen: Dass jeder, der sich nicht selbst retten kann, ein Schwächling ist." Er schüttelte angewidert den Kopf. „Dieser Kerl hat es erfolgreich geschafft dir einzureden, dass man sich auf niemand anderen verlassen kann als auf sich selbst. Aber wenn du denkst, dass du John Kreese benutzen kannst, dann irrst du dich. Dieser Mann lässt sich nicht benutzen, er benutzt andere. Du magst denken, dass du die Kontrolle hast, aber in Wahrheit hat er sie. Das musste ich auf die schmerzhafte Art lernen. Und ich hatte gehofft, dass du aus meinen Fehlern gelernt hast, aber offenbar ist dem nicht so. Im Grunde bin ich ganz froh, dass du mich aufgehalten hast. Siehst du, die Sache ist die: Man kann jemanden, der nicht gerettet werden will, nicht retten. Das weiß ich, weil ich selbst sehr lange Zeit die Person war, die nicht gerettet werden wollte."

„Johnny…"

„Leb wohl, Mann." Johnny ließ ihn einfach stehen, und verschwand nicht nur aus dem Wohnzimmer, sondern auch aus dem Haus.

Daniel wusste, dass er ihn aufhalten könnte, dass er nur das Richtige sagen müsste, und dann alles wieder in Ordnung kommen würde. Aber er tat es nicht. Er tat es nicht, weil er bereute sich Johnny anvertraut zu haben, und zwar deswegen weil dieser Recht hatte: Er wollte nicht von dem anderen Mann gerettet werden, er wollte ihn retten und alle anderen ebenfalls, und er wollte es alleine tun. Er wollte Kreese benutzen, weil Kreese das aushalten würde. Und weil er sich nicht besonders um Kreese scherte.

Aus dem Kampf gegen Silver würde keiner unbeschädigt hervorgehen, und Johnny Lawrence war letztlich wirklich zu fragil, als dass Daniel riskieren wollte ihn diesen Kampf auszusetzen. Er war zu Kreese gegangen um Johnny zu beschützen, er konnte sich jetzt stattdessen nicht einfach von diesem beschützen lassen. Er konnte nicht zulassen, dass Johnny, Amanda, Chozen, und Julie seinen Kampf für ihn auskämpften oder gar die Kinder. Nein, er musste es selbst sein. Er musste es sein, weil er sich selbst beweisen musste, dass er stärker war als Terry Silver und die Erinnerung an das Jahr 1985.

Und das würde er auch tun. Er würde es schnell tun, und danach würde er sich bei Johnny, der sich bis dahin beruhigt hätte und schlecht wegen seinem Ausbruch fühlen würde, entschuldigen, und sie könnten endlich alles, was Cobra Kai ihnen angetan hatte, hinter sich lassen und von vorne anfangen. Wenn es soweit war, dann würde Johnny einsehen, dass Daniel einfach nicht anders hatte handeln können; sie alle würden das einsehen.

Und dann würde endlich alles gut werden.


A/N: Scheinbar habe ich nach dem letzten Kapitel gelogen, aber ich kann nichts dafür, Daniel und Johnny haben sich einfach wieder zerstritten, obwohl sie doch so viele Fortschritte gemacht hatten….

Aber ich schätze Daniel musste es bereuen das erste Mal alles offen gelegt zu haben und gleich wieder in alte Muster zurückfallen und Johnny ist immer noch Johnny und kein erleuchteter Buddha. Und fühlt sich wenige Minuten nach dieser Szene gleich wieder wie der schlechteste Mensch der Welt, weil er nicht gut mit Daniels Geständnis umgehen konnte. (Aber er ist trotzdem immer noch gegen einen Pakt mit Kreese!)

Übrigens wollte ich Daniel Geständnis nicht absichtlich zweideutig schreiben, aber nachdem ich fertig war, war offensichtlich wie es geklungen haben muss, was eines der prinzipiellen Probleme von KK3 ist, besonders wenn man weiß, dass die Macher bewusst und mit voller Absicht all diese zweideutigen Dinge eingebaut haben (Wer genau hielt das für eine gute Idee und warum?!). Aber nein, wie im Canon ist nichts dergleichen passiert; mit Terry ist viel nicht in Ordnung, aber das würde er nicht tun, danke vielmals. Und wie Johnny hier richtig gesagt hat, eine missbräuchliche und/oder toxische Beziehung muss keine sexuelle Beziehung sein um in diese Kategorie zu fallen.

Auf jeden Fall kehren wir um nächsten Kapitel zu Terry zurück und dem geht es schlecht(er). Aber ist das für irgendjemanden gut?

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