Anmerkung: Nach dem Erscheinen des ersten Trailers für die fünfte Staffel ist diese Fic jetzt offiziell ein Fix-It geworden.

Zusätzliche Warnings: Es gibt einen winzigen Spoiler für den neuen Trailer gegen Ende diesrer Fic. Außerdem gibt es hier Spoiler für Bryan Fullers „Hannibal"-Serie zu finden, wenn auch nur in sehr vager Form.


15. Den Vogel zertreten


Vor ein paar Jahren war Johnny mit einer Frau ausgegangen, die eine große Vertreterin der „gemeinsame Hobbies machen eine Beziehung besser"-Lehre gewesen war und ihn gezwungen hatte sich mit ihr alle Episoden ihrer Lieblingsserie anzusehen, die irgendwie auf eine Art und Weise, die Johnny niemals ganz klar gewesen war, mit dem „Schweigen der Lämmer" zusammenhing (wenn er diesen Film tatsächlich gesehen hätte, dann hätte er vielleicht zumindest dieses Zusammenhang durchschaut), und in der es neben grausamen Morden vor allem um Homoerotik, Kannibalismus, und endloses philosophisches Gedröhne um die Natur von Gut und Böse gegangen war.

Johnny hatte nie verstanden warum es der Kannibale und sein Profiler nicht einfach miteinander getrieben hatten, denn das hätte viele Tote verhindert und die Serie beendet (was ihm nur Recht gewesen wäre), aber er hatte es gewagt diese Frage genau einmal zu stellen und dann nie wieder und sich stattdessen meistens nur stumm durch die Serie gequält und versucht sich darauf zu trainieren immer dann einzuschlafen, wenn der Kannibale den Mund öffnete um mit einer seiner philosophischen Reden darüber, dass es okay war Menschen zu essen, anzufangen.

Ein Moment der Serie, den er allerdings nicht verschlafen hatte, und der ihn immer verfolgen würde, war die Behauptung der heißen blonden Psychiaterin des Kannibalen gewesen, dass es genauso natürlich war einen verwundeten Vogel, den man am Straßenrand fand, zerteten zu wollen wie ihn retten zu wollen.

Johnny hatte diese Behauptung damals vor allem krank gefunden. Schwäche vernichten zu wollen als natürliche Reaktion zu bezeichnen … nun, er hatte sich vielleicht auch deswegen so abgestoßen gefühlt, weil ihn diese ganze Sache an Kreese erinnert hatte und alles, was der Mann ihm beigebracht hatte. Vielleicht hatte er diese Szene deswegen nie vergessen.

Sie hatte ihn verfolgt - in seinen Träumen, wenn er wach war, bei seinen Alkoholexzessen… Irgendwie hatte er das alles auf sich selbst bezogen, darauf, dass er der verletzte und damit verletzliche Vogel war, und dass jemand kommen und seinem Elend ein Ende setzen sollte.

Aber erst, als er Terry Silver auf der Straße vor dem Haus der LaRussos zusammenbrechen sah, da wurde ihm klar, dass er diesen Moment in der Serie nicht richtig verstanden hatte. Die Szene sagte nichts über den verletzten Vogel aus, sie sagte etwas über die blonde Psychiaterin aus (die heiß aber gestört war, das war ihm allerdings schon lange vor dieser Szene klar gewesen).

Johnny hatte sich immer als der Mensch gesehen, der den verwundetem Vogel helfen wollte. Seine erste Reaktion war Mitleid, Empathie, wie auch immer man es nennen wollte, er wollte helfen. Aber als er Terry Silver am Boden liegen sah und ihm beim Phantasieren zuhörte, da kam ihm zum ersten Mal der Gedanke, dass er den verletzten Vogel nicht retten musste, er könnte ihn stattdessen auch zertreten - oder in diesem Fall einfach sterben lassen.

Niemand außer ihnen beiden war in diesem Moment anwesend, niemand würde es erfahren, wenn Johnny sich einfach zu viel Zeit damit lassen würde Hilfe zu holen. Wenn er einfach ein bisschen mehr wäre wie diese fiktive blonde Psychiaterin.

Silver sterben zu lassen war nicht sein erster Impuls, aber es war ein Gedanke, der ihm kam, und über den er einige Sekunden lang nachdachte.

Dann verwarf er ihn wieder, und klingelte Sturm bei Daniels Nachbarn, die ihn trotz der späten Tageszeit durch die Sprechanlage antworteten und zustimmten die Rettung zu rufen. Unterdessen versuchte Johnny sein Bestes um Terry Silver am Leben zu halten. Zumindest sein Herz hielt er am Schlagen, über alles andere konnte er nicht besonders viel sagen, aber als die Sanitäter endlich eintrafen, berichtete Johnny ihnen, dass Silver offenbar Drogen genommen hatte. „Er hat verwirrtes Zeug geredet, aber ich glaube, er dachte, dass ihn jemand Kokain eingeflößt hat. Vielleicht ist es eine Überdosis? Betrunken könnte er auch sein, oder auf was anderem drauf", erklärte er, „In einem Moment war er noch … das blühende Leben, und dann hat er auf einmal Probleme beim Atmen gehabt."

Die Sanitäter untersuchten Silver und leuchteten ihm in die Augen. „Drogen dürften auf jeden Fall im Spiel sein", meinte der Sanitäter, der das getan hatte, „Ist er Ihr Vater, Sir?"

„Gott bewahre. Nein, sein Name ist Terry Silver, er besitzt ein Karate Dojo, genau wie ich bis vor kurzem zumindest, wir sind eher so was wie flüchtige Bekannte. Wir haben uns zufällig getroffen. Er könnte sich … überanstrengt haben", erwiderte Johnny, der nicht zugeben wollte, dass sie miteinander gekämpft hatten, aber wusste, dass dieses Detail vermutlich wichtig war.

Die Sanitäterin, die Silver gerade einen Schlauch in den Arm gesteckt hatte, musterte ihn misstrauisch. „Sie sehen auch etwas mitgenommen aus, Sir…", stellte sie fest.

„Na schön, wir haben uns geschlagen. Oder in seinem Fall getreten; der alte Mistkerl steht auf Kicks. Aber er hat angefangen, ich schwöre es! Ich bin nur die Straße entlang gegangen, und er hat mich angegriffen. Da war er vielleicht schon auf Droge, was weiß ich … Ist nicht so als ob ich einen Senioren verprügelt hätte, ich hab mehr abbekommen als er!", gab Johnny unumwunden zu, „Irgendwer von den feinen Pinkeln hier hat sicher eine Überwachungskamera, die alles gefilmt hat!"

„Das ist ein Thema für die Polizei, nicht für uns", meinte der andere Sanitäter, „Hat er einen Schlag gegen den Kopf bekommen?"

„Nein, es ist keine Gehirnerschütterung, das habe ich als Erstes überprüft", erwiderte Johnny, „Ich konnte kaum einen Treffer landen; der Mann mag alt sein, aber er ist besser als ich."

„Kommen Sie mit ins Krankenhaus, Sir?", erkundigte sich die Sanitäterin, die seine Beziehung zu Silver wohl missverstand.

Johnny hatte eigentlich gar keine Lust dazu, aber … nun er nahm an, dass es zumindest anständig wäre mitzukommen. War ja nicht so als ob es sonst jemand tun würde. Und wenn Silver wirklich starb, dann wäre es wohl zumindest ein bisschen Johnny Schuld, und wenn er jetzt mit käme, dann würde das besser aussehen als wenn er sich weigerte. Und dann könnte er gleich direkt bei der Polizei aussagen, wenn die auftauchte, und würde vielleicht nicht aufs Revier geschleppt wären.

Also nickte er und folgte den Sanitätern brav in den Krankenwagen, in den diese Terry Silver via Trage hineinluden. Sie wirkten nicht sonderlich besorgt, es schien zumindest keine akute Lebensgefahr zu bestehen.

„Wussten Sie, dass behauptet wird, dass es angeblich ein natürlicher Impuls ist Schwäche zu beenden, indem man denjenigen, der sie zeigt, umbringt? Ich würde einen verletzten Vogel niemals zertreten", meinte Johnny zu den Sanitätern.

„Deswegen haben so viele Menschen Angst vor Mäusen. Und wer sich mit Babys unwohl fühlt, der hat auch Angst vor deren Hilflosigkeit", behauptete die Sanitäterin, „Wenn wir jemanden oder etwas sehen, das uns hilf- und wehrlos erscheint, dann beunruhigt uns das. Wir wollen diesen Zustand beenden. Normalerweise indem wir helfen, uns kümmern. Deswegen haben Sie Atmung und Herzschlag kontrolliert und aufrecht erhalten, bis wir da waren. Aber wenn wir das nicht können, wenn wir nicht helfen können, nun dann ist uns diese Hilflosigkeit, diese Verletzlichkeit, noch unangenehmer als sowieso schon."

„Menschen, die Babys nicht halten wollen, haben Angst sie fallen zu lassen", hielt der andere Sanitäter dagegen.

„Ja, genau. Denn wenn sie das tun, dann stirbt das Baby, zumindest glauben sie das unbewusst, und das macht ihnen klar, dass das Baby vollkommen abhängig von ihnen ist", entgegnete seine Kollegin.

„Aber niemand lässt ein Baby absichtlich fallen. Das tun nicht einmal Psychopathen. Das ist nicht das Selbe, Erin", beharrte der männliche Sanitäter.

„Man zertritt auch keine Vögel", warf Johnny ein.

„Manche tun das schon", behauptete Erin, „Weil sie den Anblick nicht ertragen können."

„Aber nicht den von Babys", wiederholte ihr Kollege.

Der Fahrer teilte ihnen mit, dass sie in wenigen Momenten im Krankenhaus eintreffen würden. Und Johnny wurde klar, dass er, sobald sich die Lage dort erst einmal geklärt hätte, derjenige sein würde, der Daniel LaRusso über alles, was sich zugetragen hatte, informieren musste. „Verdammt", murmelte er, „Ich nehme an, Vögel zu zertreten macht weniger Ärger als sie zu retten."

„Ja, aber wer das deswegen tut, der hört nicht auf seinen ersten Instinkt, sondern begeht ein kalkuliertes Verbrechen", erwiderte Erin, „Das Richtige zu tun ist immer richtig, auch wenn es Ärger mit sich bringt."

Das war für sie leicht zu sagen. Immerhin musste sie nicht mit den Konsequenzen dieser Nacht leben, Johnny aber schon.

Im Krankenhaus schienen aus irgendwelchen Gründen alle zu glauben, dass er Silvers Freund sein musste. Oder mit ihm zumindest Party gemacht haben musste. Nein, erklärte Johnny wiederholt, sie waren zuvor in keinem Nachtclub oder auf einer Privatparty gewesen. Nein, er wusste nicht wo Terry Silver lebte, aber vermutlich nicht in den Encino Hills. Nein, sie waren nicht zusammen gewesen, Johnny war bei den LaRussos gewesen, wo Silver vorher gewesen war, wusste er nicht. Nein, er wusste nicht wer Silver das Kokain eingeflößt hatte, und er nahm nur an, dass der Mann es nicht freiwillig genommen hatte, weil er das gesagt hatte, als er dabei gewesen war zusammenzubrechen. Nein, Silver hatte behauptet mehr als dreißig Jahre lang clean gewesen zu sein, Johnny wusste nicht, ob das der Wahrheit entsprach.

Nachdem er endlich keine Fragen mehr beantworten musste, musste er abwarten. Bis man ihm schließlich mitteilte, dass es keine Überdosis gewesen war, sondern Silver offenbar nur eine Panikattacke erlitten hatte. Aber ja, er war offenbar auf Koks. Aber er würde überleben. Johnny hätte alles richtig gemacht. Die Polizei hätte vielleicht noch ein paar Fragen an ihn, aber Mister Silver hatte bestätigt, dass Johnny vollkommen unschuldig war und von Silver unter Drogeneinfluss attackiert worden war. Johnny wäre ein Held.

Johnny fühlte sich nicht wie ein Held, sondern wie der Mann, der Daniel LaRusso erklären musste, dass er Terry Silver gerettet hatte. Als ob es nicht schon schlimm genug gewesen wäre was er zu Daniel gesagt hatte, bevor er aus dem Haus gestürmt war. Nicht, dass er alles nicht so empfunden hätte, aber er hätte das alles nie sagen dürfen. Nicht nachdem Daniel sich ihm geöffnet hatte.

Er mochte Silver gerettet haben, aber vielleicht hatte er das nur getan, weil er kurz zuvor auf den verwundeten Vogel getreten war anstatt ihm zu helfen. Und nun musste er erneut auf ihn steigen, als ob einmal nicht ausgereicht hätte.

Johnny seufzte und machte sich dann auf die Suche nach einem Telefon.

In dieser Serie hatten sie auch mal kleine nackte Vögel gegessen ohne sie vorher zu zerschneiden. Sie hatten sie einfach ganz heruntergeschluckt. Manchmal musste man das offenbar tun. Und jetzt war Johnny an der Reihe. „Knochen und alles andere auch", murmelte er, bevor er nach dem Hörer griff und die Nummer der LaRusso-Residenz wählte.


Nachdem er Johnnys ominösen Anruf erhalten hatte, konnte Daniel nicht anders als sich Sorgen zu machen. Zuvor hatte er gedacht, dass Johnny einfach nur wieder runter kommen musste, dass er davon gestürmt sein mochte, das aber keine weiteren ernsthaften Konsequenzen nach sich ziehen würde. Johnny würde sich beruhigen und zurück kommen, denn immerhin hatte er kein Dach mehr über den Kopf, und sein Sohn, seine Freundin, und sein Lieblingsschüler wohnten alle bei den LaRussos, und außerdem war er Johnny Lawrence - sein Leben und das von Daniel waren aneinander gebunden, ob es ihnen gefiel oder nicht.

Daniel war also da gesessen, hatte bereut, dass er sich Johnny geöffnet hatte, denn immerhin hatte das nur zu einem neuen Streit geführt und zu nichts anderen, und darauf gehofft, dass die Gefahr, die Terry Silver für sein Leben darstellte, bald nicht mehr relevant sein würde. Und er hatte sich gefragt, ob es eine gute Idee gewesen war Kreese Geld zu geben. Wer wusste schon was der mit dem anstellen würde?

Aber er hatte versprochen seinen Beitrag zu dem „Wie werden wir Terry Silver los"-Plan zu leisten, und der war vor allem finanzieller Natur, zumindest wenn es nach Kreese ging. Der hatte ihm zwar versprochen sich an Daniels Regeln zu halten, aber wie konnte Daniel sich dessen sicher sein, wenn er nicht dabei war um das zu überprüfen? Johnny hatte es scheinbar doch geschafft Zweifel in Daniel zu wecken, so sehr sich dieser auch einreden wollte, dass das nicht der Fall war.

Und dann rief ihn Johnny auf einmal an und sagte ihm, dass er ins Krankenhaus kommen sollte, und Daniel konnte nicht anders als sich auszumalen wie Johnny aufgeregt wie er gewesen war nicht aufgepasst hatte und von einem Auto niedergefahren worden war.

Er überlegte, ob er Robby informieren sollte, da er aber nicht wusste was los war, beschloss er das erst einmal herauszufinden und Robby nicht unnötig aufzuregen, falls sich Johnnys Unfall als harmlos herausstellen sollte. Vielleicht war der Mann nur betrunken gegen einen Laternenpfahl gelaufen oder dergleichen.

Im Krankenhaus angekommen wirkte Johnny war so als hätte er eine Schlägerei hinter sich, schien aber ansonsten gesund zu sein. Und er wartete im Wartebereich auf Daniel, was bedeutete, dass er offenbar schon wieder entlassen worden war. Also gab es scheinbar wirklich keinen Grund zur Panik.

„Daniel." Johnny kam langsam auf ihn zu und wirkte so als würde er sich in seiner Haut nicht sonderlich wohl fühlen. Seine Schultern waren gesenkt, und er machte einen schuldbewussten Eindruck. Und dann, bevor Daniel nochfragen konnte was passierte war, blieb Johnny vor ihm stehen und erklärte: „Bevor du sauer wirst, und du wirst sauer werden, muss ich dir noch was sagen."

Daniel runzelte die Stirn, meinte aber nur: „Okay" und deutete dem anderen Mann fortzufahren.

„Das vorhin tut mir leid. Die Dinge, die ich gesagt habe, ich will, dass du zwei Dinge weißt: Erstens, ich habe jedes Wort ernst gemeint….", begann Johnny.

Okay, Daniel wusste nicht warum ihn das jetzt weh tat und überraschte, offenbar hatte er sich eine Entschuldigung erwartet und nicht was auch immer das hier werden sollte, aber es sollte ihn nicht überraschen, nicht wahr?

„… aber nur weil ich das alles so empfinde, bedeutet das nicht, dass es richtig von mir war das alles auch auszusprechen", fuhr Johnny fort, „Denn zweitens, muss ich mich bei dir entschuldigen. Du hast dich verletzlich gezeigt, und anstatt dich aufzuheben und gesund zu pflegen bin ich auf dich getreten, und das war nicht in Ordnung. Nur weil man Angst vor Mäusen hat, ist es nicht okay zu versuchen sie zu erschlagen."

Daniel blinzelte. „Was?"

„Du hast mir was sehr Persönliches und Schlimmes erzählt, und ich war so geschockt davon, dass ich falsch reagiert habe, und das tut mir leid", übersetzte Johnny.

Nun, das ergab jetzt zumindest Sinn.

„Ist schon in Ordnung", erwiderte Daniel, „Ich meine, ich hab mir nicht erwartet, dass du…" Was auch immer er sagen würde wäre eine Lüge, das wussten sie beide, vielleicht unterbrach Johnny ihn deswegen.

„Du hattest jedes Recht zu erwarten, dass ich nach so einem Geständnis für dich da bin. Aber stattdessen habe ich alle so gedreht, dass es um mich geht. Aber es ging nicht um mich. Es ging um dich, um dein Leid, deinen Schmerz. Der darf mich aufregen, aber deswegen ist es nicht mein Recht Silver zu verprügeln oder falsch von dir mich davon abzuhalten. Und es ist okay, wenn ich dir sage, dass ich es nicht gut finde, wie du mit all dem, was dir passiert ist, umgehst, aber es nicht okay, dass ich dir vorschreibe wie du stattdessen damit umzugehen hast", behauptete Johnny.

Daniel schwieg einen Moment. „Wow, Johnny, das ist … darüber hast du viel nachgedacht, was?", sagte er dann.

Johnny erkannte den Köder nicht einmal als solchen. „Ja, das habe ich wirklich", erwiderte er nur ernst, „Siehst du, wenn mir Robby oder Miguel so was erzählt hätten, dann hätte ich ganz anders reagiert, und das sollte nicht so sein. Ich hätte nicht an deiner Stelle wütend werden sollen und dann wütend auf dich werden sollen, weil du nicht von mir gerettet werden willst. Oder weil du denkst, dass du immer derjenige sein muss, der alle anderen rettest. Ich hätte nicht so reagieren sollen. Stattdessen hätte ich das hier tun sollen."

Und dann fand sich Daniel LaRusso auf einmal in einer kräftigen Umarmung von Johnny Lawrence wieder. „Es tut mir leid, LaRusso. Ich bin für dich da", erklärte ihm Johnny.

Daniel war vor Überraschung wie erstarrt.

Johnny löste sich wieder von ihm und kratzte sich am Kopf. „So, nachdem wir das geklärt haben … sollte ich dir jetzt sagen warum wir hier sind", meinte er, „Und versuch bitte zu verstehen, dass ich nur getan habe, was ich geglaubt habe tun zu müssen, okay? Ich konnte nicht anders handeln."

Und dann erzählte Johnny ihm von Terry Silver.


Terrys erster Gedanke, als er wieder zu sich kam, lautete: Ich bin nicht tot. Sein zweiter: Ich werde Barnes umbringen! Dann wurde ihm klar, dass er sich im Krankenhaus befand, und ihm wurden von diversen Ärzten sowie der Polizei Fragen gestellt, immer wieder neue Fragen.

Terry war immer noch ein wenig verwirrt und hoffte, dass er sich nicht selbst belasten würde, aber die gute Nachricht war, dass sich zwar Kokain in seinem Körper befand, er aber keine Überdosis erlitten hatte. Terry erklärte allen, die es wissen wollten, offen, dass er früher Kokain abhängig gewesen war, aber seit über 30 Jahren clean war, und dass er den Verdacht hatte, dass er vergiftet worden war, wenn auch vielleicht nicht mit Gift; nur zu gerne schilderte er die verdächtigen Symptome und die Beobachtungen anderer.

Er konnte nicht sagen, ob sie ihm glaubten. Aber im Moment war er vor allem froh noch am Leben zu sein.

Was er offenbar vor allem Johnny Lawrence zu verdanken hatte, der die Rettung gerufen und ihn ins Krankenhaus hatte bringen lassen. Und ihn scheinbar bisher nicht angezeigt hatte.

„Sie haben eine Panikattacke erlitten, Mister Silver", erklärte ihm die Ärztin, „Und als Sie eingeliefert wurden, konnte wir Drogeneinfluss und Vorhofflimmern feststellen. Ihr Herzrhythmus hat sich wieder normalisiert, wir wollen Sie zur Beobachtung hier behalten um zu sehen, ob das Flimmern wieder auftritt. Wie Sie vielleicht wissen kann immer wieder auftretendes Vorhofflimmern gefährlich sein und…."

„… das Risiko eines Schlaganfalls erhöhen, ja ich kenne die Rede", unterbrach Terry sie.

„Haben Sie eine Krankheitsgeschichte, von der wir wissen sollten?", erkundigte sich die Ärztin.

Terry zog es vor nicht zu antworten. „Auf jeden Fall habe ich nicht absichtlich Drogen genommen, obwohl ich unter Herzrhythmus Störungen leide, falls Sie darauf hinaus wollen", erwiderte er.

Diese Neuigkeiten beunruhigen ihn, und er wollte darüber nachdenken. Abgesehen von seinen psychischen Problemen und den exzessiven Drogen- und Alkoholmissbrauch in früheren Jahrzehnten war er bisher immer ein Beispiel von blühender Gesundheit gewesen. EKGs waren ein notwendiges Übel, aber er hatte sein Jahrzehnten nicht mehr unter Vorhofflimmern gelitten, zumindest nicht so, dass er oder seine Ärzte es jemals bemerkt hätten. Dass es nun zurückgekehrt war, beunruhigte ihn doch etwas. Und er war auch nicht froh über die Neuigkeiten, dass er offenbar vor allem deswegen zusammengebrochen war, weil er sich eingebildet hatte vergiftet worden zu sein.

Wenn er auf die letzten Stunden zurückblickte, die letzten Tage, dann wurde ihm klar, dass sein Leben vollkommen außer Kontrolle geraten war, und jeder Versuch seinerseits es wieder in den Griff zu kriegen alles irgendwie noch schlimmer gemacht hatte. Vermutlich sollte er in seinem Zusammenbruch ein Zeichen sehen. Sein Körper und sein Geist hatten sich gegen ihn gewandt. Er sollte Konsequenzen ziehen, nahm er an.

Doch wie genau sollten die aussehen?

Schließlich bat er darum Johnny Lawrence sehen zu dürfen. Immerhin hatte sich der Mann um ihn gekümmert, und das nachdem er ihn angegriffen hatte. Er musste das irgendwie honorieren. Lawrence wirkte nicht gerade begeistert darüber an sein Bett vorgelassen zu werden.

„Die denken wir sind Freunde", erklärte er Terry, als er hereinkam.

Terry nickte nur. Unter den gegeben Umständen war irgendwie klar. „Ich denke, dass Sie mir das Leben gerettet haben, Mister Lawrence", meinte er dann.

„So wie ich das verstanden habe, war es nichts Ernstes", wehrte Lawrence ab, „Wenn ich nichts getan hätte, dann wären die Dinge nicht anders ausgegangen."

„Das wissen wir nicht", widersprach Terry, „Es ist gut, dass ich hier bin. Ich wurde ohne mein Wissen unter Drogen gesetzt und hatte eine Panikattacke, die ganze Sache hätte ganz anders ausgehen können."

Lawrence nickte nur und wirkte nicht gerade froh. Vermutlich hätt er es vorgezogen, wenn Terry gestorben wäre. Terry erinnerte sich noch genau an die Vorwürfe, die ihm der andere Mann gemacht hatte.

„Ich nehme an, Sie bereuen es ein Monster wie mich gerettet zu haben", vermutete er, „Jemanden, den Sie so tief verachten, zu helfen, muss sich einfach falsch anfühlen."

Lawrence schüttelte den Kopf. „Du kapierst das nicht, es ist nie falsch jemanden zu helfen", erwiderte er, „Es ist nur, dass ich dir geholfen habe nachdem ich Daniel … nicht geholfen habe. Das ist das Problem."

Terry nahm an, dass das wohl ein Problem für jemanden wie Johnny Lawrence wäre. „Danny-Boy kommt zurecht. Er kommt immer zurecht", meinte er, „Er ist nicht so fragil wie man meinen könnte. Manche Menschen sehen vielleicht nicht nach viel aus, halten aber trotzdem eine Menge aus."

„Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass sie das nicht aushalten müssen sollten, nicht alleine", behauptete Lawrence, dann zuckte er die Schultern, „Was soll's. Ich muss ihm sagen was passiert ist, schätze ich. Da komm ich nicht drum rum."

Terry fragte sich wie Daniel wohl auf die Neuigkeiten, dass Terry im Krankenhaus war, es ihm aber trotzdem gut ging, reagieren würde. Würde er bereuen, dass es nicht anders ausgegangen war? Nachdem er erfuhr was Terry ihm angetan hatte mit Sicherheit.

Terry schloss einen Moment lang die Augen. Und wenn es wirklich zu Ende geht? Will ich dann, dass man sich so an mich erinnert? Als jemanden, der so etwas getan hat?

Aber dabei hatte er das alles doch nur angefangen, weil er sich hatte befreien wollen, weil er endlich aus seinem Käfig hatte entkommen wollen, und nun standen die Chancen gut, dass er stattdessen nun doch in diesem Käfig sterben würde.

Was für ein schauerlicher Gedanke.

„Auf jeden Fall bin ich Ihnen dankbar, Mister Lawrence. Ich weiß, dass wir beide nicht gerade Freunde sind, aber ich werde nicht vergessen was Sie heute für mich getan haben", versprach Terry, „Ich bin ein Mann, der seine Schulden zurück zahlt."

Lawrence zuckte die Schultern. „Wenn du mir wirklich dankbar bist, dann lässt du Daniel in Ruhe. Mir ist egal was mit mir passiert. Ich will nicht, dass Robby und Miguel und Carmen und die LaRussos diejenigen sind, die was abbekommen. Karate Krieg hin oder her, darum, wer das bessere Dojo hat, geht es doch schon lange nicht mehr", meinte er, „Wenn du es wirklich ernst meinen würdest, dann würdest du das auch einsehen und sein lassen." Lawrence nickte ihm noch einmal zu, und ließ Terry dann alleine zurück. Mit noch etwas mehr Stoff um darüber nachzudenken.

Stoff um darüber nachzudenken lieferte ihm auch die Polizei. Offenbar hatte seine Haushälterin alles gestanden – nämlich, dass sie sich von Mikes Barnes hatte bestechen lassen und Terrys Essen mit Kokain versetzt hatte. Die Polizei hatte auch Terrys Flaschen aus dem Dojo sichergestellt, nachdem es Hinweise auf bestochenes Reinigungspersonal aus den Cobra Kai-Reihen gegeben hatte, und wollte nun alles über Mike Barnes wissen.

Terry erzählte ihnen, dass der Mann bis vor Kurzem für ihn gearbeitet hatte, aber seit einiger Zeit verschwunden war. Dass er Terry betrogen und bestohlen hatte erwähnte er nicht extra, aber er nahm an, dass die Polizei von alleine dahinter kommen würde.

Er war hin und her gerissen, einerseits hätte die Polizei gute Gründe nach Barnes zu fahnden, immerhin hatte der Mann Terry bestohlen und vergiftet, aber andererseits hatte er schon weniger legale Spezialisten nach dem Mann suchen lassen, und wenn sich diese beiden Gruppen nun gegenseitig in die Quere kommen würde … Terry hoffte nur, dass das alles letztlich nicht irgendwie auf ihn zurückfallen würde.

Aber ich bin das Opfer hier. Das muss jedem klar sein. Oder? Die Polizisten hatten auf ihn gewirkt als ob sie das Geständnis der Haushälterin überrascht hätte. Offenbar waren sie davon ausgegangen, dass Terry einer dieser Reichen, die nebenbei gerne mal koksten und dann darüber logen, war, und nun waren sie doch etwas besorgt.

Terry selbst war nicht besorgt, er war mehr verunsichert. Wer wusste schon wen Barnes noch bestochen hatte? Wen sollte er noch trauen? Früher hatte er sein Koks immer geschnupft, er wusste natürlich, dass man die Drogen auch oral einnehmen konnte, aber sie ins Essen gemischt zu bekommen und das nicht einmal zu bemerken … was hatte Terry alles noch nicht bemerkt?

Und dann war da die ärgerliche Tatsache, dass er seine Rache an Kreese nicht mehr durchziehen konnte wie er es geplant gehabt hatte, weil er Johnny Lawrence etwas schuldete und ihn daher nicht mehr einfach so vernichten konnte. Nur, dass Terrys geänderte Meinung in dieser Sache Kreese vermutlich nicht davon abhalten würde ihm wer-wusste-schon-was anzutun.

Vielleicht sollte er behaupten, dass er fürchtete, dass Barnes mit Kreese zusammenarbeitete und Polizeischutz anfordern? Aber das würde nur zu noch mehr Fragen führen, nicht wahr? Nach Fragen um Kreese und seiner Beziehung zu Terry und dem Zwischenfall mit Stingray. Es war sicherlich auch nur eine Frage der Zeit bis man ihn über Dugan und Tory Nichols im Zusammenhang mit Barnes befragen würde. Immerhin war Barnes offenbar einer der Zeugen des Überfalls gewesen.

Sollte ich mir einen Anwalt nehmen? Stecke ich bereits in Schwierigkeiten? Das war eine gute Frage, auf die Terry keine Antwort hatte.

Während er noch über seine Optionen nachgrübelte, stand auf einmal Daniel LaRusso mitten in seinem Krankenzimmer. Terry war sich einen Moment lang nicht sicher, ob er wirklich da war, oder er halluzinierte. „Nicht nur du weiß mit Geld umzugehen, Terry", meinte Daniel, was wohl bedeutete, dass er das Krankenhauspersonal bestochen hatte um zu Terry vorgelassen zu werden. Also war er real.

„Machst du dir Sorgen um mich, Danny-Boy?", erkundigte sich Terry, „Das musst du nicht. Ich werde durchkommen." Kein Grund das Vorhofflimmern oder Barnes Vergiftungsaktionen zu erwähnen.

Daniel blickte ihn mit brennenden Augen an. „Wie konntest du nur? Ich meine, ich wusste, dass du nur so getan hast als ob es dir egal wäre, dass es Miyagi-Do weiterhin gibt, aber das….", brach es aus ihm heraus, „Mister Miyagi hat für dieses Land gekämpft, er war ein Held, hat die Medal of Honor verliehen bekommen. Und …."

„… als Dank für seine Dienste hat er Land zugesprochen bekommen, das zu diesem Augenblick eigentlich jemand anderen gehört hat, der einfach enteignet wurde", fiel ihm Terry ins Wort, „Ich war genauso schockiert wie du, als ich das erfahren habe, Daniel. Aber ich konnte es nicht ruhen lassen. Nur weil jemand gut darin ist Leute umzubringen steht ihm nicht mehr zu als anderen. Diese arme Familie, die damals einfach so enteignet wurde, auf deren Hab und Gut jetzt Miyagi-Do steht. … Findest du nicht, dass die Nachfahren dieser bestohlenen Männer und Frauen Gerechtigkeit verdient haben? Also ich schon, deswegen habe ich diesen Fund gemeldet. Ich war ja nicht sicher, ob es nicht vielleicht doch mit rechten Dingen zugegangen ist, aber wenn die Behörden etwas daran zu beanstanden haben, dann ist dem wohl nicht so. Ich meine, seien wir ehrlich: Mister Miyagi ist tot, er braucht keinen Landbesitz mehr, und du … du bist reich genug. Der Verlust eines kleinen Grundstücks, das dir sowieso niemals vererbt werden hätte dürfen, weil es Mister Miyagi nie gehört hat, sollte für dich keine große Sache sein."

Daniel starrte ihn an. „Du Scheißkerl", stellte er fest, „Er ist derjenige, der enteignet wurde. Er und seine Frau, seine schwangere Frau, die im Internierungslager gestorben ist, während er für das Land, das ihr das angetan hat, gekämpft hat! Sie wurden enteignet! Und nach dem Krieg hat er sein Land einfach zurückbekommen. Dass es zwischendurch an jemand anderen gegeben wurde, das ist die Enteignung!"

Terry musterte Daniel einen Moment lang. „Wenn das wirklich so sein sollte, Daniel, dann musst du dir ja um nichts Sorgen machen", meinte er dann.

Daniel atmete scharf ein. Dann lachte er bitter auf. „Weißt du, ich … ich habe wirklich gedacht, dass du nicht noch tiefer sinken kannst", sagte er dann, „Aber das … das ist selbst für dich eine neue Ebene. Johnny hatte solche Angst, dass ich es ihm übel nehmen würde, dass er dich gerettet hat, aber das hab ich nicht, denn wie könnte ich jemandem übel nehmen, dass er ein Leben rettet, selbst wenn es deines ist? Aber jetzt … jetzt wünsche ich mir, dass ich Chozen einfach erlaubt hätte dir mit einem Sai den Kopf abzuschneiden. Und das heißt wohl, dass du gewonnen hast, nicht wahr? Du wolltest immer, dass ich werde wie du: Gewissenlos und hart und erfüllt von einem unbändigen Hass auf alle, die mir meiner Meinung nach Unrecht tun. Gratulation, Terry. Ich wollte immer werden wie Mister Miyagi, aber stattdessen bin ich geworden wie du. Und vermutlich werde ich am Ende genauso einsam auf die Gnade Fremder und meiner Feinde angewiesen in einem Krankenhausbett enden. Ich hoffe, dass sie dich das nächste Mal einfach sterben lassen."

Und dann drehte Daniel LaRusso sich um und ging ohne ein einziges weiteres Wort.


A/N: Ich hatte eigentlich gehofft mit dieser Fic fertig zu sein, bevor das erste Material zur neuen Staffel erscheint, aber zumindest bis September wenn die neuen Folgen wirklich kommen bin ich locker fertig, denn es sollte nicht mehr viel kommen. Na ja, auf jeden Fall ist das hier bist dahin scheinbar das AU darüber, was passiert wäre, SPOILER1 wenn Johnny Robby gesagt hätte, warum sie nach Mexico fahren. SPOILER ENDE

Hannibal" ist in Wahrheit eigentlich meine Lieblingsfernsehserie, aber Johnnys Fall wäre sie nicht. Obwohl ich jetzt glaube, dass es wahrscheinlich eine ganz witzige Spin-Off Fanfiction wäre Johnny diverse Fernsehserien und Filme von nach 1990 reviewen zu lassen.

Wikipedia hat mir mitgeteilt, dass man Kokain auch oral einnnehmen kann. Da waren bilder von Bällchen, in denen das Pulver drinnen gesammelt zu sein schein, zumindest nehme ich das an. Ich gehe jetzt mal davon aus, dass man es auch so ins Essen oder Trinken mischen kann, und die Wirkung dann einfach weniger stark ist als wenn man es gesammelt zu sich nimmt, aber ich habe keine Ahnung und das nachzugoogeln würde mir diverse Tracker auf den Hals hetzen, die denken ich wäre drogensüchtig, also behaupte ich jetzt einfach mal, dass es im Universum von Cobra Kai so ist.

Was diese Enteidugungsgeschichten angeht, falls ihr es nicht wisst: Die Japaner, die damals in den 40ern interniert wurden haben niemals Reperationen oder dergleicheb bekommen. Ich weiß nicht, ob sie enteignet wurden, aber da bei uns während und nach dem Krieg diverse Menschen inklusive meiner Familie einfach mal so enteignet wurden und dieses Land teilweise nicht zurückbekommen haben, nehme ich einfach mal an, dass das in den USA nicht anders war. Dass das Jahrzehnte später für Papierchaos sorgt ist nur klar.

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