Zusätzliche Warnings: Anzeichen bzw. Anfänge einer Essstörung


16. Dinge, die man nicht ändern kann


Johnny hatte damit gerechnet gehabt, dass Daniel wütend werden würde, wenn er ihm erzählen würde, dass er Terry Silver geholfen hatte, aber das war nicht der Fall. Daniel wirkte ein wenig überrascht, nahm die Nachricht aber ansonsten stoisch auf. Dann nickte er und meinte nur, dass er verstanden habe. Als er bemerkte, dass Johnny ihn besorgt musterte, fügte er dann nur hinzu: „Ich bin nicht wütend auf dich, Johnny. Wieso sollte ich wütend auf dich sein, nur weil du du selbst bist?"

Johnny lag auf der Zunge zu erwidern, dass Daniel in den letzten Jahren bei mehr als nur einer Gelegenheit wütend auf ihn geworden war, eben weil Johnny er selbst gewesen war, doch er hielt diese Worte zurück - immerhin wollte er sich nicht schon wieder streiten. Daniel musste sie aber von seinem Gesicht ablesen können, da er meinte: „Okay, du hast recht, aber ich hab's dir doch gesagt: Ich kann dich jetzt sehen." Dann legte er eine Hand auf Johnnys Schulter und meinte: „Komm, lass uns jetzt nach Hause gehen."

Offenbar war alles Vergeben und Vergessen. Und Zu Hause bedeutete jetzt bei den LaRussos.

Johnny nahm an, dass das etwas bedeuten sollte, aber er war zu müde um weiter darüber nachzudenken, und wollte eigentlich nur noch ins Bett fallen und ein paar Stunden durchschlafen, also dachte er nicht weiter darüber nach und hoffte, dass Daniel nicht nur so tat als ob er nicht wütend wäre sondern auch wirklich nicht wütend war, und beschloss dann erst nach ein wenig Schlaf darüber nachzudenken wie er Daniel ausreden konnte mit Kreese zu arbeiten, ohne sich dabei selbst zu sehr in den Mittelpunkt zu spielen.

Vielleicht war dieser Pakt ja auch gar nicht mehr aktuell. Vielleicht war er zu Daniel durchgedrungen, oder vielleicht hatte Terry Silvers Zusammenbruch Daniel zur Vernunft kommen lassen. Vielleicht würde alles besser aussehen, wenn er endlich geschlafen hätte.

Als er wieder aufwachte, fand er Robby, Miguel, Sam und Tory zusammen im Wohnzimmer vor. Das war ein ungewohnter Anblick, weil sie sich alle zu vertragen schienen.

Tory war vor kurzem aus dem Krankenhaus entlassen worden, und die LaRussos hätten sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Bruder am liebsten gleich auch noch bei sich einquartiert um sie zu beschützen, aber Tory hatte nichts davon hören wollen; sie war zu unabhängig für so einen Unsinn und war immer noch irritiert darüber, dass ihr auf einmal alle (sprich Sam) vergeben hatten. Deswegen hätte Johnny auch nicht damit gerechnet sie jetzt hier vorzufinden.

Tory ihrerseits wirkte auch etwas unangenehm berührt darüber ihn zu sehen, versteckte das aber ganz gut.

„Was treibt ihr so?", erkundigte sich Johnny bei der Gruppe.

Er war sich immer noch nicht ganz sicher wer gerade wen datete. Er war der Meinung, dass sich Miguel und Sam wieder versöhnt hatten und glücklich miteinander waren, und dass Robby mehr oder weniger mit Tory zusammen war, aber sicher war er sich dessen nicht. Teenager-Dramen waren seit seiner Jugend nur noch komplizierter geworden, und sie zu verstehen überforderte ihn sogar an guten Tagen. Im Grunde wollte er nur, dass alle glücklich waren, und welches Arrangement sie sich auch immer aussuchten um das zu erreichen war ihm eigentlich egal.

„Julie wollte mit uns einen Ausflug machen", erklärte Sam, „Du weißt schon, diese Art von Ausflug. Vermutlich will sie uns beibringen unseren Zorn und unsere Frustration loszulassen anstatt sie herauszulassen indem wir Windsurfen lernen oder dergleichen."

Johnny hatte manchmal das Gefühl, dass Julie von Mister Miyagi gelernt hatte wie man Probleme löste, während Daniel versuchte den alten Mann nachzuahmen um auf diese Weise Probleme zu lösen. Aber er würde sich hüten das laut auszusprechen. Jedem das was für ihn oder sie funktionierte.

„Na dann, viel Spaß", meinte er, „Und brecht euch nichts und vertragt euch."

Robby verdrehte die Augen. „Dad, du musst das nicht immer wieder betonen", beschwerte er sich, „Wir haben uns versöhnt. Wir kommen alle klar, okay?"

Miguel nickte zustimmend.

„Ich will nur, dass es auch so bleibt", beteuerte Johnny, immerhin wusste er selbst nur zu gut wie einfach die Vergangenheit und die eigenen Unsicherheiten neu aufgebaute Verbindungen wieder zerstören konnten.

Was ein gutes Stichwort war. Er sah sich suchend nach den erwachsenen LaRussos um, fand aber keine. „Wo steckt dein Dad?", wollte er von Sam wissen.

„Der ist mit Anthony unterwegs", erklärte Sam.

Gut, seinen Sohn wird er wohl kaum zu konspirativen Treffen mit Kreese mitnehmen.

„Meine Mom ist zusammen mit Miguels Mom und seiner Großmutter einkaufen", fuhr Sam fort, „Und Sensei Toguchi ist im Dojo, glaube ich."

Das bedeutete, dass es am meisten Sinn machen würde Chozen aufzusuchen. Johnny verabschiedete sich von den Kindern und machte sich auf den Weg zu Miyagi-Do, wo er Chozen meditierend vorfand. Johnny würde nie verstehen was diese Miyagis alle so toll daran fanden mit geschlossenen Augen herumzusitzen bis einem die Füße einschliefen, aber offenbar fanden sie es toll, also wartete er darauf, dass Chozen fertig wurde und ihn beachtete.

„Johnny." Chozen erhob sich und wirkte um einiges munterer als Johnny sich fühlte.

„Daniel ist hinter unseren Rücken zu Kreese gegangen, sie haben irgendeinen Pakt geschlossen", informierte ihn Johnny ohne Vorrede.

Chozen nickte als würde ihn diese Information nicht überraschen. „Ich bin davon ausgegangen, dass das früher oder später passieren würde", meinte er.

Johnny zog eine Grimasse. „Er sollte es besser wissen", erwiderte er.

„Ihr habt euch deswegen gestritten", stellte Chozen fest.

„Hat er dir das gesagt? Wir haben uns wieder versöhnt, aber das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass es ein Fehler ist. Er sollte besser als jeder andere wissen, dass Kreese nicht zu trauen ist", entgegnete Johnny, „Und seinen moralischen Prinzipien entspricht der Mann schon gar nicht."

„Das ist genau der Grund dafür, warum Daniel-san ihn benutzen will um Terry Silver zu vernichten", gab Chozen zurück, „Als du weg warst, hat Daniel-san mich gebeten herzukommen und ihm dabei zu helfen Cobra Kai zu vernichten. Ich sollte das Dojo leiten und ihm den Rücken freihalten. Doch in all den Wochen seitdem waren die einzigen Dinge, die er jemals gegen Cobra Kai unternommen hat, solche, die Opfern von ihnen geholfen haben. Er hat Kreese dabei geholfen freigelassen zu werden, hat Tory Nichols beschützt, aber das war auch schon wieder alles. Kannst du dich erinnern ihn seit dem du wieder hier bist jemals etwas tun gesehen zu haben, das Cobra Kai schadet?"

Johnny blinzelte und dachte darüber nach. „Nein, aber wir haben gemeinsam entschieden, dass wir zuerst den Kindern helfen wollen, dass die wichtiger sind als Cobra Kai zu zerstören. Das war unsere gemeinsame Entscheidung, weißt du noch?", entgegnete er.

„Ja, aber bevor wir die getroffen haben, während du in Mexico warst, was denkst du eigentlich, dass ich hier gemacht habe?", wollte Chozen wissen.

„Die Schüler unterrichtet?", vermutete Johnny, der nie darüber nachgedacht hat.

„Und was hat Daniel-san währenddessen gemacht?", wollte Chozen wissen.

Johnny zögerte.

Chozen fuhr fort: „Als ich hergekommen bin, dachte ich, dass etwas geschehen wird, doch nachdem wir uns dem Feind vorgestellt haben, war Daniel-san unfähig und unwillig anzugreifen. Jedes Mal, wenn ich es vorgeschlagen habe, hat er abgelehnt. Ja, er war abgelenkt durch Sorge um dich und den Besuch von Pierce-san, und dann von Mikes Barnes, den Angriff auf Tory Nichols und anderen Dingen, aber während er immer über seinen Plan Cobra Kai zu vernichten gesprochen hat und darüber, dass es notwendig ist Terry Silver aufzuhalten, hat er nie irgendetwas getan. Er wollte keine Gewalt anwenden und keine schmutzigen Tricks, und er wollte auch nicht, dass ich sie für ihn anwende. Und doch kann er nicht damit leben, dass dieser Mann und sein Dojo existieren. Also ist er zu der Person gegangen, die ihn von beiden befreien kann, und die er bereit ist zu opfern um zu bekommen, was er braucht. Ich bin hergekommen in der Annahme, dass ich mich opfern muss um Wiedergutmachung zu leisten, aber Daniel-san war nicht bereit dazu mich zu opfern. Niemals würde er Pierce-san oder dich, seinen engsten Freund, opfern. Doch John Kreese kann er opfern."

Johnny war entsetzt über das, was er da hörte. Auf vielen Ebenen, aber zuerst musste er sich auf die Hauptaussage konzentrieren. „Aber Daniel LaRusso opfert niemanden. Das ist nicht seine Art, das ist nicht Miyagi-Do!", erklärte er empört, „Wenn er das tut, dann … ist es noch viel schlimmer als ich dachte…"

„Man kann eine Entscheidung nicht für einen anderen Menschen treffen", erklärte Chozen, „Daniel-san kann nicht damit leben, dass Silver-san und Cobra Kai gewinnen. Aber er kann auch nicht alles verraten wofür sein Sensei eingestanden ist, also lässt er das jemanden für sich tun. Jemanden, den er genauso gerne vernichten will wie er Silver-san vernichten will."

Johnny hatte es selbst gesagt: Man konnte niemanden retten, der nicht gerettet werden wollte. In seiner Wut darüber, dass sich Daniel nicht retten lassen wollte, hatte er missverstanden warum sich dieser nicht von Johnny, Amanda, Julie oder sonst jemandem, den er vertrauen konnte, helfen lassen wollte. Aber Chozen hatte das von Anfang an durchschaut gehabt.

„Aber er ist Daniel. Wir können nicht zulassen, dass er diesen Fehler begeht. Okay, ich gebe zu, dass ich vor wenigen Stunden noch bereit dazu war es zuzulassen, dass ich bereit dazu war ihn aufzugeben, aber jetzt bin ich das nicht mehr. Bist du es? Sollten wir nicht zumindest versuchen Daniel vor sich selbst zu retten?", wollte Johnny wissen, „Natürlich ist es im Endeffekt seine Entscheidung, aber wenn wir daneben stehen, wenn wir nichts tun, machen wir uns dann nicht genauso schuldig als wenn wir ihn bei seiner Selbstzerstörung unterstützen würden?"

Was für eine Art Freund wären wir dann?, sagte Johnny nicht, aber es war das, was er dachte. Und auch wenn er die Hälfte der Zeit über der Meinung war, dass er und Daniel LaRusso einfach nicht dazu bestimmt waren Freunde zu sein, so wollte er doch verdammt sein, wenn am Ende vom Tag er derjenige wäre, dem man die Schuld an dieser Tatsache zuschieben konnte.

Vielleicht war es falsch für andere Rache nehmen zu wollen, und vielleicht war es falsch für andere Entscheidungen treffen zu wollen und ihre Probleme für sie lösen zu wollen, aber es war nicht falsch jemand anderen helfen zu wollen - davon war Johnny überzeugt. Es kam nur auf die Art und Weise an wie man es tat. Und manchmal (nun vermutlich meistens) waren Fäuste nicht die Lösung, manchmal war es einfach nur wichtig, dass man für jemand anderen da war.

Chozen musterte ihn nachdenklich, und Johnny konnte in seinen Augen erkennen, wann er seine Entscheidung traf.


Nach seiner Konfrontation mit Terry im Krankenhaus fühlte Daniel sich geschlagen und einsam. Er war unendlich müde und verletzt auf eine Art und Weise, auf die er schon lange nicht mehr verletzt worden war. Es war nur zu passend, dass Terry derjenige gewesen war, dem es erneut gelungen war ihn auf diese Weise zu verletzen.

Johnny schlief noch, Amanda wollte Zeit mit Carmen und Rosa verbringen, und die Teenager schienen eigene Pläne zu haben. Daniel beobachtete das muntere Treiben in seinem Haus und fühlte sich wie ein Fremder in einem Fremden Land. Alle wirkten so … unbeschwert, so fröhlich, so als ob die schrecklichen Dinge, die in den letzten Wochen, Monaten, und Jahren geschehen waren, bei ihnen überhaupt keine Spuren hinterlassen hätten. Doch sie wussten nicht was Daniel wusste, sie wussten nicht, was Terry Mister Miyagi untergeschoben hatte.

Die einzige Person, die an diesem Vormittag genauso belastet wirkte wie Daniel, war Anthony. Er verweigerte sein Frühstück und schien bemerkenswert uninteressiert an den Plänen der anderen Kinder mit Julie zu sein, was seltsam war, denn immerhin war er ihr zweitgrößter Fan hier, abgesehen von Sam. Und als Sam wissen wollte, ob er vorhätte mit an den Strand zum kommen, behauptete er, dass er etwas anders zu erledigen hätte.

Später fand Daniel seinen Sohn scheinbar schmollend in seinem Zimmer vor.

Ihm fiel wieder ein, was Johnny im Krankenhaus zu ihm gesagt hatte. Zwischen allem, was seit dem All Valley passiert war, zwischen Stingray und Tory, zwischen Mike Barnes und Terrys Aktivitäten da hatten Daniel und Amanda wirklich nicht sehr viel Zeit gefunden sich Anthony zu widmen.

„Und was hast du für andere Dinge vor?", erkundigte sich Daniel aus dem Eingang zu Anthonys Zimmer hinaus bei seinem Sohn.

„Nicht sinnlose Online-Spiele zu spielen, wie du es nennen würdest", gab Anthony passiv-aggressiv zurück, „Du musst mir also nicht schon wieder mein Tablet und mein Handy wegnehmen."

Daniel seufzte. Er wusste, dass das hier nicht nur Trotz war. Er konnte es hören, den Schmerz unter der Frustration in der Stimme des Jungen. Aber was sollte er tun? Einen Jugendlichen bedrohen damit der seinen Sohn in Ruhe ließ und nicht ab Herbst das Leben schwer machte?

„Vielleicht kann Robby mit Kenny reden. Wenn du dich noch einmal entschuldigst und ihm klar machst, dass du es ernst meinst, dann…", begann Daniel.

„Das ändert auch nichts", behauptete Anthony, „Wenn er es nicht ist, dann ist es ein anderer. Die können jetzt alle Karate, und ich nicht - und biete mir jetzt nicht schon wieder an es zu lernen, es interessiert mich einfach nicht! Warum versteht keiner, dass Karate nicht alle Probleme lösen kann?"

Eigentlich hatte Daniel nie gedacht, dass es Karate gewesen war, das seine Probleme gelöst hatte, er hatte immer gewusst, dass es in Wahrheit Mister Miyagi gewesen war. Aber es war viel einfacher ein Mister Miyagi für fremde Kinder zu sein als einen Vater für seinen eigenen Sohn darzustellen.

Es war nicht nur, dass Sam ihm ähnlicher war, nein, es ging tiefer als das.

Mister Miyagi war tief in sich gut gewesen, aber Daniel war das nicht, und genau das war der Grund, warum er niemals die Vaterfigur für auch nur irgendjemanden sein konnte, die Mister Miyagi für ihn gewesen war. Sam sah über seine Fehler hinweg, weil sie reif genug dazu war, aber Anthony … nun, das war eine andere Geschichte.

Aber er wollte es zumindest versuchen. Nur weil er tief in sich wie Terry Silver war, bedeutete das nicht, dass er nicht trotzdem versuchen konnte für seinen Sohn da zu sein. Vielleicht würde er scheitern, aber er konnte es zumindest versuchen.

„Ich habe nur gefragt, weil ich dachte, dass du vielleicht Lust hast den Tag mit mir zu verbringen, wenn du schon nicht an den Strand gehen willst um was auch immer mit Julie zu machen", meinte er dann, und er konnte sehen wie sich Anthonys verkniffene Miene in eine überraschte und interessierte verwandelte.

„Was hast du denn vor?", wollte Anthony wissen.

„Da ist dieser Wagen, den ich reparieren wollte. Ich wollte selbst Hand anlegen, es ist ein Oldtimer, sehr heikel. Ich weiß ja, dass du nicht für Autos interessierst, aber ich dachte, ich könnte einmal fragen. Du warst noch nie bei mir in der Arbeit, oder?", erwiderte Daniel.

„Ich dachte, du verkaufst Autos nur, ich wusste nicht, dass du noch selbst welche reparierst", gab Anthony zurück.

„Meistens mache ich das auch nicht, aber in speziellen Fällen schon. Autos waren meine erste Leidenschaft, weißt du? Noch vor Karate. Die erste Liebe vergeht nie vollkommen, schätze ich", meinte Daniel. Er nahm an, dass es besser war nicht zu erwähnen, dass er Miguel ein paar Mechaniker-Tricks gezeigt hatte. Aber bei dem Jungen hatte das zumindest funktioniert. Karate, Okinawa, und Autos - das waren Daniels einzige Wege Verbindungen zu heranwachsenden männlichen Wesen zu knüpfen. Zwei davon funktionierten bei Anthony nicht, das hier war sein letzter Trumpf, das wusste er, aber er hatte ihn noch nie gespielt, nicht auf diese Art und Weise.

„Ich kann mir ja mal ansehen was du so machst", bot Anthony schließlich an.

Daniel zwang sich ihn anzulächeln. „Wunderbar, dann lass uns gleich zur Werkstatt losfahren", meinte er, „Es kann Stunden dauern." Er bot Anthony gar keine Gelegenheit mehr einen Rückzieher zu machen, sondern ging schon mal voraus zum Wagen. Vielleicht würde es etwas bewirken sich gemeinsam über eine Motorhaube zu beugen. Oder vielleicht würde es seinen Sohn zumindest dazu bringen ihn etwas weniger zu hassen.

Der gemeinsame Tag lief ganz gut. Anthony war nicht besonders scharf darauf sich schmutzig zu machen, aber er zeigte doch mehr Interesse an der Funktionsweise von Motoren als Daniel erwartet hätte. Vielleicht gefiel es ihm auch einfach nur Zeit mit seinem Vater zu verbringen, vielleicht wäre ihre Beziehung besser gelaufen, wenn sie das hier schon viel früher versucht hätten.

Im Lauf des Tages fiel Daniel auf, dass sein Sohn zwar immer wieder brav Wasser trank, er aber so gut wie nichts zu essen schien. Zuerst kein Frühstück und jetzt das?

Anthony stritt aber ab Bauchschmerzen zu haben, und als Louie mit einer Schachtel Donuts vorbei kam, warf er einen sehnsuchtsvollen Blick auf diese, nahm sich aber keinen. Stattdessen mopste er sich eine Banane aus der Gemeinschaftsobstkiste der Mechaniker.

Daniel nahm all das zur Kenntnis und fragte sich wie er das Thema am Besten anschneiden sollte. „Weißt du, Anthony, ein Mechaniker braucht Energie. Sollten wir nicht Pause machen und uns eine Pizza holen?", schlug er schließlich vor.

„Ich hab keinen Hunger, aber du kannst dir gerne eine für dich holen", erwiderte sein Sohn.

„Bist du sicher, dass dir nicht schlecht ist? Wir könnten nach Hause fahren, und du kannst dich hinlegen. Das hier können wir ein anderes Mal nachholen, du musst nicht…", begann Daniel, doch Anthony unterbrach ihn rüde: „Nein!"

Sie schwiegen sich eine Minute lang an.

„Ich will einfach nichts essen, okay?", behauptete Anthony dann.

„Anthony …. Jungen in deinem Alter müssen viel essen, das ist ganz normal", hielt Daniel dagegen, „Als ich so alt war wie du jetzt habe ich laut meiner Ma gefressen wir ein Scheunendrescher."

„Ich bin nicht du!", schnappte Anthony.

„Nichts zu essen löst nichts", erwiderte Daniel leicht verzweifelt.

„Doch! Es verhindert, dass ich wieder fett werde!", schleuderte ihm Anthony entgegen, „Ich bin kein Karate-Champion, okay? Ich bin schlecht in Sport! Und ich kann nicht wieder fett sein, besonders nicht jetzt, wo ich auf die High-School komme! Denkst du, es war einfach der seltsame Außenseiter ohne Freunde zu sein, der auch noch fett war? Was glaubst du warum ich mitgemacht habe, wenn die anderen Kenny Payne verspottet haben?! Weil sie dann nicht auf die Idee gekommen sind mich zu verspotten! Ich kann sie nicht davon abhalten mich LaPusso zu nennen, aber ich kann sie davon abhalten mich Fetty zu nennen! Wenn ich dünn bleibe, dann bleibt mir zumindest das!"

Daniel wusste nicht was er darauf sagen sollte, was er darauf überhaupt sagen konnte. Wie lange war er daneben gestanden und hatte den Schmerz seines Sohnes nicht mitbekommen? Er war nicht für Antony da gewesen, also hatte dieser seine Probleme selbst gelöst, und das auf die vollkommen falsche Art und Weise. Anthony war zum Mobber geworden um selbst nicht weiter gemobbt zu werden, und sein Babyspeck hatte ihn mehr belastet als er sich hatte anmerken lassen, und jetzt … jetzt war sein Sohn dabei sich selbst zu zerstören, einfach nur damit er nicht wieder gemobbt werden würde. Und es gab nichts, was Daniel tun konnte, um ihm zu helfen. Keine weisen Worte, die er sagen konnte, um alles besser zu machen.

Daniel war offenbar schon lange bevor Cobra Kai in sein Leben zurückgekehrt war aus dem Gleichgewicht geraten gewesen. Er war so sehr auf sein Geschäft konzentriert gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, was um ihn herum geschah. Er war schon damals gewesen wie Terry, er hatte nur an sich selbst gedacht und den Schmerz anderer gegen sie verwendet, wenn er ihn überhaupt bemerkt hatte. Warum sonst hätte seine erste Reaktion auf die Wiederauferstehung von Cobra Kai daraus bestehen sollen die Miete des Dojos und all seiner Nachbarn erhöhen zu lassen?

Anthony funkelte ihn trotzig an und wandte sich dann ab, und Daniel wusste, dass er gerade dabei war zu versagen, dass das hier ein wirklich wichtiger Moment zwischen Vater und Sohn war, und er nicht das tat oder sagte, was er tun sollte. Anthony brauchte ihn, aber er, er wusste nicht was er tun sollte um zu helfen.

Aber manchmal konnte man eben nichts tun, manchmal konnte man die Probleme anderer nicht für sie lösen, das bedeutete aber nicht, dass man nicht für sie da sein konnte. Stattdessen hätte ich das hier tun sollen, klang ihm in den Ohren, und deswegen tat er das Einzige, was er tun konnte: Er umarmte seinen Sohn und presste ihn an sich.

„Es tut mir Leid, Anthony", erklärte er, „Ich war nicht für dich da, ich hab mir keine Mühe gegeben für dich da zu sein. Aber jetzt bin ich da, ich bin immer da, wenn du mich brauchst. Du musst nichts essen, wenn du nicht willst."

Anthony war einen Moment lang wie erstarrt in seinen Armen. „Ich hab nicht … ich hab keine Essestörung, aber ich kann nicht wieder dorthin zurück, ich kann nicht wieder dorthin zurück, Dad", murmelte er dann und schien den Tränen nahe zu sein.

„Ich weiß. Und wir finden eine Lösung, versprochen. Wenn du nicht auf die High-School gehen willst, dann musst du das nicht. Was immer du brauchst, mein Sohn, du musst es mir nur sagen. Aber bitte, du musst mir versprechen, dass du mit jemanden redest … Sei es Vanessa oder … vielleicht die Therapeutin, die wir für Robby ausgesucht haben. Okay, kannst du das für mich tun?"

Anthony hatte sich von ihm gelöst, und Daniel nahm sein Gesicht in die Hände und zwang den Jungen ihn anzusehen. „Kannst du das bitte für deinen Vater tun?", wiederholte er.

„Ich weiß nicht … ich bin nicht gestört … ich brauche das nicht … ich bin nicht…", Anthony riss sich los und wandte sich ab.

„Nein, natürlich bist du das nicht. Aber du bist unglücklich, Anthony. Und wenn man unglücklich ist, dann hilft es wenn man mit jemandem darüber redet", argumentierte Daniel, „Mit jemandem, der einen dafür nicht verurteilt. Wenn ich unglücklich war, dann konnte ich mich immer an Mister Miyagi wenden, und ich will nur, dass du auch jemanden hast, an den du dich wenden kannst, okay?"

„Ich denk darüber nach", murmelte sein Sohn schließlich.

„Gut, das ist gut", meinte Daniel langsam und wandte sich wieder dem Auto zu, „Kannst du mir die Zange reichen? Es wird Zeit, dass wir mit dem hier fertig werden, findest du nicht?" Er streckte Anthony seine offene Hand entgegen und wartete ab, dann spürte er die Zange in seiner Hand und warf einen vorsichtigen Blick auf seinen Sohn, der mit geröteten Augen neben ihm stand, aber zumindest nicht weggelaufen war.

Er wusste nicht was das hier war, ob es ein Schritt in die richtige Richtung war, oder das genaue Gegenteil davon, aber zumindest wusste er jetzt was los war. Zumindest sah er jetzt Dinge, die er zuvor nicht gesehen hatte. Zumindest waren seine Augen jetzt offen. Ihm mochte vielleicht nicht gefallen, was er sah, aber zumindest konnte er jetzt endlich sehen.


„Wissen Sie, ich hab mir eigentlich nie darüber Gedanken gemacht was ich dieser Welt hinterlasse, über mein Erbe, meine ich. Ich bin nie … ich bin eigentlich nie davon ausgegangen, dass ich jemals Kinder haben werde. Und das Erbe meiner Eltern an mich war ihre Firma. Und ich dachte immer … ich weiß auch nicht, dass es keine Rolle spielt was nach mir kommt, weil ich nicht mehr da sein werde um es mitzuerleben. Ein Teil von mir, der wollte die Welt besser machen, besser als sie vorher war. Vielleicht war in Wahrheit das mein Erbe, die Idee, dass ich die Welt besser zurücklassen wollte als ich sie vorgefunden habe. Zumindest im Kleinen wollte ich sie verbessern. Dafür sorgen, dass es andere leichter haben als ich." Terry unterbrach sich einen Moment lang und starrte ins Nichts. „Aber was ich nie wollte war, dass jemand das Selbe durchmachen muss wie ich."

Terry dachte über seine Worte nach. „Nein, das ist eine Lüge. Ich wollte, dass sie alle genauso leiden wie ich gelitten habe. Ich wollte, dass sie verstehen wie es ist, wenn sich alles und jeder gegen einen wendet, wie es ist, wenn die Welt einen verschlingen will", räumte er dann ein.

Er horchte in sich hinein. „Aber im Grunde wollte ich nie, dass jemand genau denselben Drang wie ich verspürt andere leiden zu lassen, obwohl das im Grunde allem widerspricht, was man sich ansonsten zum Ziel gesetzt hat. Das ist der wahre Grund warum ich nie Kinder wollte. Nicht weil ich dachte, dass ich niemals jemanden finden würde, mit dem ich sie haben könnte, sondern, weil ich nicht wollte, dass sie leiden wie ich gelitten habe - zerrissen zwischen dem, was sie sein wollen, und dem, was sie tief in ihrem Inneren sind", formulierte er dann.

Hörte sich das richtig an? Terry blickte sich in seinem leeren Krankenzimmer um. Niemand außer ihm war hier. Wenn er nicht einmal der Luft erklären konnte, was er sagen wollte, wie sollte er das dann einem lebenden Menschen erklären? Seine Therapie schien ihm so unendlich lange her zu sein, und damals war es ihm so viel leichter gefallen Dinge auszusprechen wie es schien, sich selbst zu begreifen war so einfach gewesen, zumindest war es ihm so erschienen.

Er vermisste seine Therapeutin.

„Mister Silver? Ich bin Dr. Stewart von der psychologischen Abteilung." Eine junge Frau, die Terry nicht kannte, und die unangenehm jung auf ihn wirkte, kam herein. „Sie haben um einen Termin gebeten?"

Terry musterte sie einen Moment lang. Was sollte er ihr nur sagen? Womit sollte er anfangen?

„Ich glaube, ich brauche dringend Hilfe", sagte er dann, denn das war der springende Punkt, „Und ich sollte Ihnen sagen, dass ich meine Medikamente abgesetzt habe…."


Wie sich herausstellte war Daniel LaRusso erstaunlich gut darin nicht gefunden zu werden, wenn er nicht gefunden werden wollte. Als Johnny schließlich zurück zum LaRusso-Heim kam, stellte er fest, dass Anthony anwesend war und sinnlosen Stumpfsinn im Fernsehen ansah (oder streamte, wie das die Jugend heutzutage wohl nannte), aber sein Vater war nicht aufzufinden.

Amanda, Carmen, Rosa, Julie und Sam kochten gemeinsam (sehr verdächtig und nicht sehr wake!), während Robby und Miguel mit einem gemeinsamen (!) Videospiel beschäftigt waren. Chozen beschloss sich in der Küche nützlich zu machen, während Johnny versuchte aus Anthony herauszubekommen, wo sein Vater abgeblieben sein könnte, doch der Junge gab vor nichts zu wissen.

Das war besorgniserregend. War Daniel schon wieder bei Kreese? Und warum war er der Einziger hier, dem das Sorgen zu machen schien? Nach etwas Jammerei, hielt ihm Amanda ihr Handy unter die Nase. „Bitte, ich habe einfach gefragt. Er ist in einer Bar, also nicht verschollen", erklärte sie, „Du kannst dich wieder beruhigen."

„Und was wenn er mit Kreese in der Bar ist?", hielt Johnny dagegen.

Amanda seufzte. „Wir machen uns alle Sorgen", behauptete sie, „Aber wir müssen Daniel seinen Freiraum lassen, ansonsten wird alles nur noch schlimmer. Wenn wir uns als vereinte Front präsentierten, dann wird er nachgeben."

Das hörte sich nach keinem Plan an, der Erfolg versprach. „Das ist vielleicht deine Methode, meine ist es nicht", erklärte Johnny, „Freiraum geben ist eine schlechte Erfindung des 21. Jahrhunderts. Das führt nur dazu, dass die Person, der man Raum gibt, auf dumme Gedanken kommt."

Amanda seufzte. „Du wirst ihn suchen und belagern, nicht wahr?", vermutete sie.

„Vollkommen richtig", erwiderte Johnny, „Du hast das nie erlebt, aber ich schon: Wenn Kreese erst einmal seine Krallen in dich geschlagen hat, dann verdreht er deine Gedanken solange, bis du nicht mehr klar denken kannst. Und die Chance dürfen wir ihm nicht lassen."

„Na schön, aber wenn es wieder schief geht und ihr euch schon wieder streitet, dann sag nicht ich hätte dich nicht vorgewarnt", meinte Amanda.

„Und denk daran, der größere Mann zu sein", rief ihm Carmen noch hinterher, als er schon fast zur Türe draußen war.

Doch Johnny brauchte keine Ratschläge, langsam aber sicher entwickelte er sich zum Experten beim Thema Daniel LaRusso, er kam zurecht.

Daniel saß alleine an der Bar. Falls Kreese hier gewesen war, war er schon wieder weg. Johnny erlaubte sich aber noch nicht erleichtert zu sein, als er neben dem anderen Mann Platz nahm. Daniel schien nicht überrascht zu sein ihn zu sehen, sondern starrte nachdenklich in seinen Drink.

„Du hast Recht, weißt du? Mister Miyagi war der einzige Held, den ich jemals gekannt habe, er war mein Held. Und ich wollte immer so werden wie er", eröffnete Daniel das Gespräch ohne Vorgeplänkel, „Aber stattdessen … stattdessen bist du geworden wie er. Und ich … er würde sich so für mich schämen."

Johnny stutzte einen Moment lang, bevor er nachfragte: „Wie viele Drinks hattest du schon, Mann?"

„Nein, es ist wahr. Du hilfst anderen. Während ich das nicht kann. Egal, was ich versuche, irgendwie mache ich es in Wahrheit nur schlimmer. Das ist weil da etwas Dunkles in mir ist, etwas Böses", gab Daniel zurück, „Und das vergiftet alles. Ich wollte nie die Art Mensch sein, die so ist, aber … ich wünschte er wäre gestorben. Ich gönne ihm alles Schreckliche, was ihm passiert."

Johnny musste nicht nachfragen wen er damit meinte. „Das ist doch nur verständlich, nach allem, was er dir angetan hat", erklärte er.

„Es ist nicht deswegen. Es ist wegen Mister Miyagi", erwiderte Daniel, „Sein Grundstück, auf dem Miyagi-Do steht … Es wird untersucht, ob der wahre Besitzer nach dem 2. Weltkrieg enteignet wurde und Mister Miyagi mir alles unrechtmäßig vererbt hat."

Johnny brauchte ein paar Sekunden um das verdauen. „Das ist der größte Bullshit, den ich je gehört habe", urteilte er dann.

„Natürlich ist es das. Mister Miyagi war derjenige, den sie enteignet haben, und er hatte noch Glück, dass er seinen Grund und Boden zurückbekommen hat." Daniel nippte an seinem Drink. „Trotzdem werde ich verlieren. Ich werde ihn verlieren. … Ich weiß, dass es dumm ist. Dass er nicht wirklich dort ist. Dass es keine Rolle spielen sollte, aber … trotzdem fühlt es sich so an. Es fühlt sich so an als würde ich ihn noch einmal verlieren."

„Aber das wirst du nicht", entgegnete Johnny und stand auf, „Ich regle das. Silver schuldet mir was, das hat er selbst gesagt und behauptet ein Mann zu sein, der seine Schulden bezahlt. Wenn er es dir zurückkaufen muss damit du das Dojo behalten kannst, dann wird er es eben tun. Ich werde ihn schon dazu bringen!"

Daniel lachte leise. „Aber ich will nicht, dass er mir das, was er versucht hat mir wegzunehmen, zurück gibt", entgegnete er, „Ich will keine Wiedergutmachung von ihm. Ich will ihm weh tun. Ich will Rache." Er leerte sein Glas. „Ich bin genauso geworden wie er." Er stand auf und legte einen viel zu großen Schein auf die Theke. „Und genau das ist ja das Problem." Dann ging er einfach und schien sich nicht groß darum zu scheren, ob Johnny ihm folgte oder nicht.

Dieser starrte dem kleineren Mann einen Moment lang ungläubig hinterher.

Es ist sogar noch schlimmer als ich dachte. Nun, auch gut, dann war es eben eine größere Herausforderung als er erwartet hatte, aber das bedeutete nicht, dass er deswegen aufgeben würde. Er war nicht der Meinung, dass er dem alten Mister Miyagi auf irgendeiner Art und Weise ähnelte. Aber Daniel LaRusso würde er trotzdem retten.

Einfach deswegen weil es sein musste.


A/N: Ja, Kreese ist schon recht lange verschwunden, nicht wahr? Das kann nichts Gutes bedeuten. Aber was er so treibt, werdet ihr bald erfahren (oder mehr oder weniger bald, mal sehen).

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