17. Die letzte Lektion
Ab wann wurde Hilflosigkeit zu Trauer? Ab wann war Wut keine Wut mehr sondern Resignation? Daniel hatte gedacht, dass er die schlimmen Zeiten schon hinter sich hatte, dass seine schlimmsten Zeiten die als Teenager gewesen waren, oder davor als sein Vater gestorben war, oder zuletzt als Mister Miyagi gestorben war. Doch er hatte sich geirrt, die schlimmen Zeiten, die waren jetzt da.
Er würde es den Schülern sagen müssen – Demetri und Chris, Nathaniel und all den anderen, die sich für ihn entschieden hatten und nicht für Cobra Kai, und die nun ihr Dojo verlieren würden. Und er würde es Chozen sagen müssen, der extra aus Okinawa in die Staaten gekommen war, nur um Daniel auszuhelfen. Er würde zugeben müssen, dass Cobra Kai gewonnen hatte.
Natürlich könnte er sich ein Beispiel an Johnny nehmen und einfach im Park oder in einem alten Lagerhaus oder sonst wo ein neues Dojo aufbauen, aber es wäre nicht das Selbe. Manchmal wenn er in Miyagi-Do war, da war Mister Miyagi dort bei ihm, dann schien es ihm fast so als könnte er den alten Mann dort im Garten stehen sehen. Dann schien es ihm so als wäre er dort nicht alleine, als würde nicht er unterrichten, sondern sie beide gemeinsam.
Und das würde jetzt aufhören, so oder so, egal wie alles ausgehen würde, er würde das verlieren. Wozu sich falsche Hoffnungen machen und um etwas kämpfen, das nicht mehr zu retten war? Wozu mit Terry darum verhandeln? Was einmal zerstört wurde, konnte nachher nie wieder so sein wie es zuvor gewesen war, egal was man auch versuchte.
Vielleicht regte ihn der Verlust von Mister Miyagis Grundstück ja deswegen so auf, weil es sinnbildlich für das stand, was er empfand: Genauso wie dieses Grundstück war auch er verloren.
Er hatte den Mann verloren, der er immer hatte sein wollen, den Mann, den Mister Miyagi immer in ihn gesehen hatte. Von diesem Mann war nicht mehr viel übrig. Er suchte nach dem ausgeglichenen Mann, der über allem stand, was ihm passierte, der vergeben und vergessen konnte, und andere wichtiger nahm als sich selbst. Aber er fand ihn nicht. Alles, was er fand, war das Wissen, dass er niemals so sein würde.
Er war gerade dabei alles zu verlieren, das ihm von Mister Miyagi geblieben war, und das tat verdammt weh. Wenn er sich nicht auch noch solche Sorgen um Anthony machen würde, dann würde er sich vermutlich der Verzweiflung darüber hingeben, aber so … war er damit beschäftigt zu multitasken – er hatte mehr als nur eine Sorge, mehr als nur ein Problem.
Er wusste, dass er Amanda von Anthonys Problem erzählen musste, und dass sie gemeinsam eine Lösung finden mussten. Dass sie sich zumindest an Vanessa wenden mussten, wenn nicht sogar an jemand wirklich professionellen (schuldbewusst entschuldigte sich Daniel stumm bei Vanessa für diese Beschreibung). Aber zugleich fühlte er sich zu müde und besiegt um sich schon wieder dem nächsten Problem zu stellen, um schon wieder am nächsten Problem zu scheitern, das er nicht lösen könnte.
Selbst in den früheren schlimmen Zeiten war ihm alles so viel einfacher erschienen. Er hatte einfach nur ein Karate-Turnier gewinnen müssen um sein Leben in den Griff zu bekommen. Aber dieses Mal schien es keine schnelle Lösung zu geben, eigentlich sogar eher gar keine Lösung.
Es war als wäre er in einem Alptraum gefangen, aus dem es kein Erwachen gab. Seit dem surrealen Moment, als Kreese ihn versprochen hatte ihn mit Mister Miyagi wieder zu vereinen, schien eine Katastrophe auf die andere zu folgen, und es war kein Ende in Sicht. Selbst wenn Kreese Terry ausschalten würde, es würde trotzdem kein Ende nehmen, zumindest fühlte es sich im Moment so an.
Und Daniel hasste dieses Gefühl.
Nachdem er die Bar verlassen hatte, war er ein wenig durch die Stadt geschlendert um seinen Kopf frei zu bekommen. Bevor er nach Hause konnte und sich den anderen stellen konnte, musste er sich wieder sammeln. Vielleicht hoffte ein Teil von ihm ja auch, dass Johnny es ihm ersparte die anderen ins Bild zu setzen und das an seiner Stelle für ihn tun würde. Dass sie alle, wenn er nach Hause käme, verstünden, dass sich die Achse seiner Welt verschoben hatte, und er es ihnen nicht erklären musste (immerhin war er schlecht im Erklären wie sie alle wussten).
Als er sich dann schließlich doch nach Hause traute, herrschte in der Tat eine ernste Stimmung vor. Alle hatten sich um den Esstisch herum versammelt und blickten ihn ernst an, als er herein kam. Vielleicht war es doch eher eine schlechte Idee gewesen Johnny vor ihm zu Hause ankommen zu lassen.
Amanda kam ihm entgegen, nahm in an der Hand, und meinte: „Kommt mit, wir müssen mit dir sprechen." Und dann führte sie ihn an den freien Platz am Esstisch. Daniel konnte die Blicke aller auf sich ruhen spüren.
„Ihr müsst nicht….", begann er, doch Amanda drückte seine Schulter und unterbrach ihn: „Doch wir müssen. Hör bitte zu." Und dann nahm sie ihrem Platz am Tisch sein.
Daniel blickte ein wenig unangenehm berührt von einem zu anderen. Was würde jetzt kommen?
Einen Moment lang herrschte Schweigen, doch dann räusperte sich Julie und verkündete: „Es kann schon mal vorkommen, dass man wütend wird und sich selbst irgendwann nicht mehr im Spiegel wiedererkennt. Ich sollte das wissen, immerhin ist mir genau das passiert. Aber das macht einem nicht automatisch zu einem schlechten Menschen. Als ich hergekommen bin, da hast du abgestritten wütend zu sein, und ich wusste, dass du nicht bereit warst dir selbst einzugestehen, dass du es bist. Aber jetzt, wo du es klar siehst, siehst du dafür nicht, dass das etwas ganz Normales ist. Du bist trotzdem immer noch du."
„Und dieser Mann, der du bist, der ist die die Liebe meines Lebens", ergriff nun Amanda das Wort, „Du magst nicht perfekt sein, und ja, in den letzten Jahren gab es Momente, in denen ich mir selbst nicht mehr sicher war, ob du überhaupt noch der Mann bist, den ich vor all den Jahren kennengelernt habe, aber du hast mir jedes Mal aufs Neue wieder bewiesen, dass dieser Mann immer noch da ist, dass du immer noch da bist."
„Du hast so ein großes Herz, Daniel", fuhr sie fort, „Du willst immer für andere da sein, und genau das ist oft dein Problem, dass du zu fokussiert darauf bist die Anderen zu retten und zu wenig auf dich selbst achtest. Kreese hat genau gewusst, dass das deine größte Schwäche ist, und das hat er ausgenutzt. Du hast so vielen Kindern mit deinem Dojo geholfen, hast ihnen dabei geholfen einen besseren Weg zu finden als den, den sie zuvor beschritten haben, und du hast ihnen allen vergeben, egal was sie getan haben. Das macht dich besonders, es macht dich zu dem Mann, der du bist."
Chozen erhob sich und sah Daniel an. „Als wir uns kennengelernt haben, war ich kein guter Mann, Daniel-san. Ich hatte vergessen was Ehre ist, sie an den falschen Orten mit den falschen Methoden gesucht. Ich war schrecklich zu dir, und habe Dinge getan, die nicht zu vergeben sind", sagte er, „Aber du hast mir vergeben, du hast mich in dein Haus gelassen, hast mir deine Schüler anvertraut, und mich in deine Familie aufgenommen. Das hätte die meisten Menschen nicht getan, Daniel-san."
„Als ich verloren war, da haben Sie mich aufgenommen, Mister L. Sie haben mir dabei geholfen mich selbst zu finden und waren für mich da, trotz allem, was ich falsch gemacht habe", sagte Robby, „Sie haben sich für mich Zeit genommen, sich um mich gekümmert, als ich dachte, dass sich niemand auf dieser Welt für mich interessiert. Sie sind mir bei meinem ersten Turnier beigestanden, damit ich nicht alleine kämpfen muss. Haben mir ein Dach über den Kopf angeboten, als ich keines mehr hatte. Und egal, was danach auch alles passiert sein mag, das werde ich nie vergessen. Ich werde nie vergessen, dass Sie an mich geglaubt haben, als nicht einmal ich selbst an mich geglaubt habe."
„Du hast immer auf mich aufgepasst, Dad", erklärte Sam, „Seit ich mich zurück erinnern kann, warst du immer da und hast mich beschützt, vor allem Leid der Welt, vor dem du mich irgendwie beschützen konntest. Und als du mich nicht mehr körperlich beschützen konntest, da hast du mir gezeigt wie ich meine Angst überwinden kann, wie ich stark sein kann. Du warst immer auf meiner Seite, selbst dann, wenn wir nicht einer Meinung waren, hast du mir immer den Rücken freigehalten. Das ist mehr als sich eine Tochter von ihrem Vater wünschen kann."
„Es hat mir viel bedeutet, dass du mir vorhin zugehört hast, Dad", erklärte Anthony, „Normalerweise versucht das niemand, aber du hast es versucht."
„Als wir obdachlos wurden, da hast du keinen Moment gezögert und uns sofort bei dir einziehen lassen", verkündete Carmen, „Du hast eine ganze Familie bei dir aufgenommen, und keine einzige Bedingung gestellt. Nur sehr wenige Menschen würden das tun, Daniel, das weiß ich aus bitterer Erfahrung."
„Und Sie haben Tory geholfen, ohne Fragen oder Bedingungen zu stellen, haben Sie alles getan um ein Mädchen zu beschützen, dass Ihre Tochter verletzt hat und in Ihr Haus eingebrochen ist, weil niemand anderer da war um zu helfen. Sie haben Eli verziehen; trotz allem, was er getan hat, gab es einen Platz für ihn in Miyagi-Do, und das hat ihm mehr bedeutet als Sie vielleicht erahnen können. Und Demetri, ich glaube Sie sind der einzige Erwachsene, den er überhaupt respektiert, Mister LaRusso, und Demteri ist der Meinung, dass Sie zu den besten Dingen zählen, die ihm jemals passiert sind", sagte Miguel, „Und ich weiß, dass ich Ihnen nicht immer Grund gegeben habe mir zu vertrauen, aber Sie haben mir trotzdem vertraut, und das werde ich nie vergessen."
„Ich habe in meinem Leben viele Männer kennengelernt, Daniel, aber du bist einer der besten, die ich jemals getroffen habe", meinte Julie, „Du warst immer freundlich zu mir, hast mich von Tag Eins an akzeptiert, nie wolltest du Mister Miyagi nur für dich haben, du warst bereit zu teilen. Und ich glaube, du weißt nicht wie besonders das ist."
Rosa sagte etwas über Daniels Kochkünste, was allen ein Lachen entlockte, sogar Daniel. „Pero en serio, has hecho más por mi familia de lo que crees. He conocido gente mala y usted, Señor LaRusso, no es uno de ellos", fügte sie dann noch hinzu.
Johnny warf ihm einen vielsagenden Blick zu. „Da hörst du es, LaRusso, es gibt hier eine Menge Menschen, die dich sehr gut kennen, und die nicht der Meinung sind, dass du bist wie Terry Silver. Und vielleicht solltest du auf sie hören. Denn von allen hier kenne ich dich am längsten, und ich muss sagen, dass du schon immer irgendwie blöd warst, also hör zur Abwechslung mal auf jemanden, der es besser weiß als du", schloss er.
Daniel bemerkte erst jetzt, dass ihm die Augen feucht geworden waren.
„Würde sich dein Mister Miyagi wirklich für jemanden schämen, der so viel Gutes in das Leben anderer gebracht hat?", wollte Johnny dann wissen, „Ich kannte ihn zwar nicht besonders gut, aber da er sogar mich gerettet hat, will ich mal behaupten, dass er ein sehr toleranter Mensch war, der niemandem seine Fehler vorgeworfen hat."
Jetzt wollten Daniel eindeutig die Tränen kommen.
„Und vergessen wir nicht, dass er nicht der Einzige war, der mich gerettet hat. Kreese war drauf und dran es zu Ende zu bringen, als du mich gerettet hast, und das weißt du auch", schloss Johnny, „Dunkle Gedanken machen keinen schlechten Menschen aus dir. Und niemand kann dir jemandem wegnehmen, der immer in deinem Herzen wohnt, nicht wenn du es nicht zulässt."
Daniel wollte ihm so gerne glauben, dass es so einfach war, aber….
Er schüttelte seinen Kopf. Ja klar, dass sich dieser Daniel, den die anderen da beschrieben, nach einem tollen Kerl anhörte, aber das war nicht alles, das war nicht alles, was er war. Das alles stellte keine Absolution für ihn dar. Es war nicht anders als Terrys Versuche sich auf seiner Social Media gut darzustellen. Es änderte nicht was er tief in sich war. Es machte nur klar, dass er geliebt wurde.
Und das war … das war gut zu wissen. Das tut gut zu wissen. An diesem Morgen hatte er sich so alleine gefühlt, und jetzt, jetzt wurde ihm klar, dass er nicht alleine war. Nicht auf die Weise, auf die er gedacht hatte alleine zu sein.
Dieses Wissen löste vielleicht nichts, aber es half ihm trotzdem dabei sich besser zu fühlen. Es half ihm dabei freier zu atmen.
Amanda kam zu ihm herüber und umarmte ihn. „Wir alle hier sind für dich da, Daniel. Du musst da nicht alleine durch", versprach sie ihm, „Cobra Kai hat dich nicht besiegt, hörst du? Man ist erst besiegt, wenn man aufgibt. Und wir lassen nicht zu, dass du aufgibst."
Und vielleicht war es das, was den Unterschied ausmachte, den zwischen Hilflosigkeit und Trauer, und den zwischen Wut und Resignation. Den zwischen Sieg und Niederlage. Dass man niemals aufgab, egal wie verlockend es einem auch erscheinen mochte.
Vielleicht würde er niemals so sein können wie Mister Miyagi, vielleicht war etwas zu Dunkles in ihm um jemals so zu sein, aber solange er dem nicht nachgab, solange er es immer noch bekämpfte, so lange würde er nicht werden wie Terry. Solange er immer noch jemanden hatte, der ihn unterstützte, der an seiner Seite war, solange würde er weiter kämpfen können, auch ohne Mister Miyagi.
Und vielleicht war das die letzte Lektion, die er von seinem Sensei noch lernen konnte.
Nachdem Terry aus dem Krankenhaus entlassen worden war und nach Hause zurückkehrte, fühlte er sich zum ersten Mal seit John Kreese uneingeladen auf seiner Party aufgetaucht war wieder klar im Kopf. Er sah sie Dinge wieder deutlich vor sich und fühlte sich nicht mehr zerrissen. Alles, was außer Kontrolle geraten war, war deswegen außer Kontrolle geraten, weil er Kreese zurück in sein Leben gelassen hatte. Terry war dieser Fehler nun vollkommen klar, genauso wie ihm klar geworden war, dass seine Art den Fehler zu korrigieren genauso falsch gewesen war wie diesen überhaupt erst zu machen.
Er war bereit sich die 80er erneut zum Vorbild zu nehmen, doch dieses Mal auf die richtige Art und Weise.
Die Benefiz-Veranstaltung wäre genau der Neuanfang, den er brauchte. Er wollte sich darauf konzentrieren und darauf Wiedergutmachung zu leisten.
Nur, dass er sich, kaum, dass er nach Hause kam, damit auseinander setzen musste, dass er eine spezielle Lieferung zugestellt bekam.
Dennis und Snake erwarteten ihn in einer seiner zukünftigen Cobra Kai-Zweigstellen, einem bisher leerstehenden Lagerhaus. Sie waren verschnürt und verängstigt, und blickten ihn mit großen erschrockenen Augen an, kaum, dass er zur Türe herein kam.
Terry seufzte. Er hatte geahnt, was ihn erwarten würde, nachdem er den bis auf die Lieferadresse leeren Umschlag bei sich zu Hause vorgefunden hatte, aber die Früchte seiner Taten der letzten Zeit so direkt vor sich zu sehen war schon etwas anderes. Ich nehme an, ich habe mir das alles selbst zuzuschreiben. Ich hätte nicht wieder anfangen sollen zu trinken, und ich hätte nicht zulassen dürfen, dass es so schlimm wird.
Danny hatte in einem Punkt recht gehabt: Wenn Terry nicht so einsam wäre, wenn er sich wirklich auf jemand anderen verlassen hätte, jemand anderem über den Weg getraut hätte, jemandem, der nicht John Kreese war, dann wäre es niemals soweit gekommen. Irgendjemand hätte ihn davon abgehalten die Dinge zu weit zu treiben, aber da niemand da gewesen war um das zu tun, war das hier wohl abzusehen gewesen.
Terry befreite die beiden Männer von ihren Knebeln.
„Es tut uns Leid, Mister Silver, bitte, es war alles Barnes' Idee!", jammerte Dennis sofort, „Wir hatten nichts damit zu tun!"
„Es war alles Barnes!", bestätigte Snake, „Wir sind unschuldig!"
Terry verdrehte die Augen. „Und das würdet ihr unter den gegeben Umständen nicht behaupten, wenn ihr schuldig wärt?", vermutete er mit voll Ironie triefender Stimme.
„Wir sind aber nicht schuldig!", beharrte Dennis, „Wir haben nur getan, was Barnes uns angeschafft hat. Wir wussten nicht was er plant. Nachdem wir rausgefunden haben, dass er Sie bestohlen hat, da war es schon zu spät! Wir hätten es nicht verhindern können!"
Snake nickte enthusiastisch. „Ja, ja, wir waren es nicht", bestätigte er, „Wir … wir könnten es gar nicht gewesen sein! Wir sind zu dumm dafür!"
Terry nickte. „Zumindest das ist wahr", stimmte er zu. Und das war es vermutlich auch - Dennis und Snake waren nicht gerade Genies, und es war anzunehmen, dass sie vor allem deswegen geflohen waren, weil sie Terrys Rache fürchteten, weil sie zugelassen hatten, dass Mike Barnes ihn herein legte, und nicht weil sie Barnes eben dabei geholfen hatten.
„Mir ist durchaus klar, dass Barnes hinter allem, was mir zugestoßen ist, steckt. Ihr beide seid zu phantasielos dafür. Deswegen habe ich überhaupt angeheuert. Weil ihr genau die Art von hirn- und morallosen Schlägern seid, die alles tut, was man ihnen anschafft. Aber wer weiß was Barnes euch angeschafft hat? Was ihr mir in seinem Auftrag angetan habt?", fuhr Terry fort, „Welche Flaschen ihr mit Koks versetzt habt, welches Geld ihr eingesteckt habt ohne zu tun, was ihr damit hättet tun sollen…."
Die beiden gefesselten Männer schüttelten heftig die Köpfe. „Nein, nein, Sir, wir sind doch viel zu feige für so was", behauptete Dennis.
„Vermutlich", räumte Terry ein, „Aber wer feige und dumm ist, der macht schon mal dumme Sachen…."
Beide Männer starrten ihn erschrocken an und schienen mit dem Schlimmsten zu rechnen.
„Ich dachte immer, dass ich, wenn ich neu anfangen will, den Mist von früher zuerst wegräumen muss", erklärte Terry, „Und ich will neu anfangen, versteht ihr? Ich will John Kreese, Vietnam, das Jahr 1985 - besonders das Jahr 1985 - und alles, was damit zusammenhängt, endlich hinter mir lassen. Und ihr beide, ihr seid eine sehr lebendige Erinnerung an alles, was in meinem Leben falsch gelaufen ist." Terry zückte ein Messer und präsentierte es seinen beiden Gefangenen.
Snake begann zu wimmern, und Dennis rief immer nur: „Nein, nein, nein!"
Terry schnitt die Fesseln der beiden durch, und trat dann einen Schritt zurück. „Aber mir ist klar geworden, dass man seine Vergangenheit nicht einfach auslöschen kann. Wenn man neu anfangen will, dann muss man eben genau das tun, dann muss man ein neues Kapitel aufschlagen anstatt die Seiten des vorhergehenden herauszureißen", schloss er, „Verschwindet. Ich will euch beide nie wieder sehen. Oder auch nur ein Wort von oder über euch hören."
Dennis sprang auf und warf sich auf die Knie. „Danke, Mister Silver, danke!", murmelte er.
Snake hatte sogar zu Weinen begonnen, schien aber die Stimmung etwas besser deuten zu können als sein Kumpane und zog diesen auf die Beine, und schob ihn dann vor sich her, während er aus dem Lagerhaus stolperte.
Terry blickte ihnen kopfschüttelnd hinter her und steckte sein Messer dann wieder in seine Hosentasche. Damit hätte sich das erledigt, und es blieb noch einiges anderes zu tun.
Er kehrte nach Hause zurück und kontaktierte Cheyenne. Über seine Zeit im Krankenhaus verlor er nicht zu viele Worte, er versprach ihr, dass er ihr später alles erzählen würde, jetzt konzentrierte er sich erste einmal auf die Benefiz-Veranstaltung in Cobra Kai. Nachdem er diese fertig geplant hatte, wandte er sich den Dingen zu, die er in Bewegung gesetzt hatte. Wiedergutmachung war nicht immer einfach, aber er hoffte, dass sie trotzdem möglich war.
Als das Wegwerf-Handy in seiner Tasche auftauchte, da wusste er, was ihn erwarten würde.
„Mister Silver, Ihre Bestellung ist bereit. Service-Klasse B-2, wie gewünscht. Jetzt stellt sich die Frage wie Sie weiter verfahren wollen", säuselte die Stimme am anderen Ende der Leitung.
Ja, das war die Frage, nicht wahr? Terry hatte viel darüber nachgedacht. Was Mike Barnes ihm angetan hatte war unverzeihlich. Nicht, dass er ihn bestohlen und betrogen hatte, nein, er hatte ihn ohne sein Einverständnis Drogen verabreicht, das wog schwerer als alles andere.
Ein Teil von Terry wollte einfach Service-Klasse B in vollem Umfang zu verlangen. Ein Teil von ihm, der wollte Mikes Barnes nie wiedersehen müssen und wollte, dass der Mann für alles, was er getan hatte, bestraft werden würde und zwar endgültig. Mike Barnes sollte bekommen, was ihm zustand, was er verdient hatte.
Aber Terry wollte dieser Mann, dieser Mann, der sich das wünschte, nicht mehr sein. Er hatte dieser Mann noch niemals sein wollen. Und Barnes hatte ihn vorgewarnt, nicht wahr? Er hatte ihm, als er ihn damals angerufen hatte, gesagt was er dachte und fühlte. Und dann hatte er einfach nur das getan, was Terry selbst so oft getan hatte: Er hatte Rache genommen.
Wenn sich Terry nun seinerseits an ihn rächen würde, ihn einige Zeit lang gefangen halten und Angst machen würde, wie er es eigentlich geplant gehabt hatte, dann würde er das Gleiche tun, was Barnes getan hatte. Und dann würde es ewig so weitergehen, dann würde es ein ewiger Kreislauf ohne Ende werden, ein Kreislauf von Menschen, die sich gegenseitig schlimme Dinge antaten, weil sie sich dazu berechtigt fühlten.
Und mit solchen Kreisläufen hatte Terry Erfahrung, er wusste wozu sie führten: Sie führten dazu, dass er alleine und verlassen und vollkommen fertig in einer Therapie-Stunde saß und damit klar kommen musste, dass er sich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen konnte.
Und er hatte es ernst gemeint, er wollte neu anfangen, nur dieses Mal auf die richtige Art und Weise. „Entlassen Sie das Objekt aus Ihrer Obhut, tun Sie nichts weiter", erklärte er deswegen, „Übermitteln Sie keine Nachricht, nehmen Sie keine Veränderungen am Objekt vor. Entlassen Sie es einfach."
Die Person am anderen Ende der Leitung schwieg einen Moment lang. „Sind Sie sicher, dass Sie das wollen, Mister Silver? Es war nicht so einfach das Objekt zu beschaffen. Es wird uns vermutlich kein zweites Mal gelingen es an uns zu bringen, nun, da es neue Interessenten gibt. Wenn Sie besondere Pläne haben, dann ist das jetzt vermutlich Ihre einzige Chance", gab die Stimme dann zu bedenken.
Ja, die Polizei würde Mike Barnes vermutlich einvernehmen wollen, immerhin war sein Name mehrfach im Zusammenhang mit Terrys Spitalaufenthalt aufgetaucht. Und wer wusste schon was Barnes denen alles erzählen würde, wenn sie ihn finden würden?
Aber Terry Silver wollte nicht mehr die Art von Mann sein, die ihre Probleme löste, indem sie andere Leute schlimme Dinge tun ließ. „Ja, ich bin sicher", sagte er deswegen, „Das ist es, was ich möchte. Tun Sie es bitte einfach." Und dann legte er auf.
Vielleicht war das jetzt ein Fehler gewesen, aber vielleicht hatte Barnes die Botschaft auch verstanden, und vielleicht würde er die Gnade, die Terry ihm erwies, ebenfalls verstehen. Vielleicht würde er Gnade mit Gnade vergelten, und falls nicht … Nun, diese Leute waren professionell, Barnes mochte ihn beschuldigen, aber nachweisen würde Terry niemand etwas können, während das, was Barnes getan hatte, von Zeugen bestätigt werden konnte.
Nein, vor Mike Barnes musste er keine Angst haben, dieses Mal nicht. Wenn alles gut lief, dann wären sie beide jetzt fertig miteinander, wären quitt und hätten sich nichts mehr zu sagen. Wenn es schlecht lief, dann wäre Barnes derjenige, dem das alles mehr Schwierigkeiten einbringen würde als Terry, und damit konnte dieser ebenfalls leben.
Nein, er hatte das sichere Gefühl, dass dieses Kapitel erledigt war, dass die Dinge endlich besser werden würden, dass die Zukunft besser werden würde. Er könnte endlich umblättern, und das Kapitel, das nun vor ihm lag, nun dieses würde um einiges angenehmer laufen als die Kapitel, die er gerade hinter sich gebracht hatte.
Alles war vorbereitet, der Plan stand. Jetzt musste er ihn nur noch durchführen und hoffen, dass LaRusso nicht den Schwanz einziehen würde. Einige Zeit lang hatte es so ausgesehen, als ob er seine Rache nicht bekommen würde, als ob sein Feind entkommen würde. Doch Terry war wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden, war nach Hause zurückgekehrt, und schien sich überhaupt keine Gedanken um seine eigene Sicherheit zu machen.
Als er Johnny attackiert hatte, hatte Kreese befürchtet, dass Terry nun endgültig eskalieren würde, doch stattdessen war er, seit er entlassen worden war, verdächtig ruhig gewesen. Es hatte keine weiteren Angriffe mehr gegeben, weder körperliche noch auf andere Art und Weise.
Stattdessen hatte Terry vor allem Werbung für seinen neusten Versuch sich als guter Mensch darzustellen gemacht (als ob auch nur irgendjemand darauf hereinfallen würde). Als Geste des guten Willens hatte er sogar ganz Miyagi-Do und Eagle Fang auf seine Benezif-Veranstaltung eingeladen, als Ehrengäste. Natürlich war das alles nur Show, Kreese durchschaute es sofort, Daniel LaRusso würde es ebenfalls durchschauen, und sogar Johnny würde das tun. Niemand war dumm genug um auf Terry Silver hereinzufallen.
Doch was immer er plante, er würde damit nicht durchkommen. Stattdessen würde Terry auf seiner eigenen Benefiz-Veranstaltung eine böse Überraschung erwarten. Dafür würde Kreese schon sorgen.
Terry konnte sich gerne als großer Gönner aufspielen, aber das würde das letzte Mal sein. Er würde den Tag bereuen, an dem er sich gegen seinen Waffenbruder gewandt hatte. Allerdings nicht sehr lange.
Im Gegensatz zu Terry Silver war John Kreese jemand, der daran glaubte, dass es wichtig war Dinge zu Ende zu bringen. Sein Ziel war es zu gewinnen. Mit seinen Feinden zu spielen war nett, aber half nur, wenn es einem am Ende dabei half den Sieg zu erringen.
Und John Kreese würde den Sieg erringen, würde diesen Krieg gewinnen. Auf eine Art und Weise, die überaus passend wäre.
Unter anderen Umständen hätte Terry seinen Plan zu schätzen gewusst, das war ihm klar. Doch obwohl er bedauerte wie es enden musste, konnte er nach wie vor keine Skrupel in sich entdecken. Es musste enden, und es konnte nun mal nur einen Sieger geben, so einfach war das.
Daniel, Johnny, Tory Nichols und die anderen würden das eines Tages einsehen und ihm dankbar sein. Davon war er überzeugt. Aber bis es soweit war, nun bis dahin würde er die Drecksarbeit machen, aber genau so sollte es ja auch sein.
A/N: Und damit steuern wir direkt auf den Höhepunkt dieser Fic – die letzte Konfronation – zu.
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