18. Gesten
Diese Einladung zu Terry Silver Benefiz-Veranstaltung sorgte nicht gerade für überschäumende Freude im LaRusso-Haushalt. Niemand war besonders scharf darauf hinzugehen, und Daniel hielt es offenbar sogar für eine Falle.
Johnny seinerseits war sich nicht sicher was er davon halten sollte. Er hatte lange darüber nachgedacht was er mit Silvers Bemerkung, dass er ihm etwas schuldig war, anfangen sollte. Und war dann schließlich zu dem Schluss gekommen, dass er diese Schulden am besten einfach einfordern sollte. Nicht für sich selbst, sondern für die anderen. Carmen könnte so vielleicht ihr Appartement wieder bekommen, und Daniel das Miyagi-Do-Grundstück. Er könnte das einfach von Silver verlangen. Johnny war zwar immer noch der Meinung, dass er nichts Besonderes getan hatte und sich jeder so verhalten hätte wie er, und er hielt nichts von diesem ganzen Schulden-Kreislauf, dem Männer wie Sid und Kreese so anhingen, aber wenn er etwas tun konnte um die Leben von denjenigen, die durch seine Idee, Cobra Kai wiederzubeleben, zu Schaden gekommen waren, wieder in Ordnung zu bringen, dann wollte er es auch tun.
Wenn er Kreese nicht zurück in sein Leben gelassen hätte, dann hätte der Terry Silver nicht in ihrer aller Leben gebracht, und dann würde ihre Leben jetzt vollkommen anders aussehen. Und Kreese war zurück in sein Leben gekommen, weil er sein Dojo Cobra Kai genannt hatte. Wenn er es gleich Eagle Fang genannt hätte oder sich irgendeinen anderen Namen ausgesucht hätte, nun dann hätte sie alle jetzt viel weniger Probleme. Also war das Mindeste, was er tun konnte, zu versuchen die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.
Immerhin hatte es Silver angeboten, es war nicht so, dass er ihn dazu verprügeln musste; er musste ihn nur darum bitten die Dinge, die er angestellt hatte, wieder rückgängig zu machen. Und wenn der Mann ablehnte, dann war das eben so, aber Johnny hätte es zumindest versucht.
Bei ihrem letzten Gespräch im Krankenhaus hatte sich Silver beinahe so angehört als würde er Reue empfinden, also vielleicht wäre er vernünftigen Argumenten zugänglich. So schrecklich all das war, was in den 80ern vorgefallen war, und so schlimm alles war, was Silver in den letzten Monaten getan hatte, er schien kein absolutes Monster zu sein.
Johnny hatte noch nie wirklich versucht vernünftig mit dem Mann zu reden, und Daniel natürlich erst recht nicht. Vielleicht konnte es klappen. Im Krankenhaus zu landen, weil man mit Kokain vergiftet worden war, konnte einen Mann schon mal sein Leben überdenken lassen, zumindest nahm Johnny das an (nicht, dass er Erfahrung mit dieser Art von Problemen hatte).
Und vielleicht, nur vielleicht, stellte die Einladung zu diesem Benefiz einen Olivenzweig dar und keinen Köder. Vielleicht wollte Silver wirklich Frieden schließen.
Das würden sie aber nur erfahren, wenn sie hingingen.
Das war alles in allem natürlich eine gute Idee, aber sie ließ sich Daniel LaRusso nur schwer verkaufen. Was nicht besonders überraschend war, aber trotzdem schade. Johnny wollte nicht schon wieder streiten, er wollte, dass sie endlich nebeneinander anstatt gegeneinander standen. Schlimm genug, dass er nicht wirklich wusste, ob Daniel seinen Kontakt zu Kreese abgebrochen hatte oder nicht (er verdächtigte ihn genau das nicht getan zu haben), seine Idee sich mit Terry Silver versöhnen zu wollen sorgte nur für noch mehr Ärger.
„Auf keinen Fall! Ich kann nicht glauben, dass du das vorschlägst!" Daniel funkelte ihn offenbar erzürnt an. „Du bist doch derjenige, der zuletzt noch losgehen und ihn umbringen wollte! Und jetzt willst du dich versöhnen?!"
„Das war bevor ich ihn wiedergetroffen habe und er ins Krankenhaus gekommen ist", erwiderte Johnny unbeeindruckt, „Du hast ihn nicht gesehen…"
„Doch hab ich. Ich bin zu ihm gegangen und hab mit ihm geredet", informierte ihn Daniel.
Das brachte Johnny für einen Moment aus dem Konzept. Dann fuhr er fort: „Nun, ich weiß nicht was er zu dir gesagt hat, aber mir hat er gesagt, dass er mir dankbar ist und etwas schuldet, und dass er bereit ist seine Schulden zu bezahlen. Er hat auf mich niederschlagen gewirkt, fast reuevoll. Ich glaube, er hat es ehrlich gemeint, und wenn wir…"
„Terry Silver ist ein sehr guter Schauspieler, Johnny", widersprach Daniel heftig, „Ich habe damals 1985 Monate lang gedacht, dass er auf meiner Seite ist. Du kannst den Dingen, die er sagt, nicht trauen. Er tut nur so nett, er ist nicht. Dazu ist zu viel Finsternis in ihm."
Jetzt ging das wieder los.
Nachdem sie alle gesagt hatten, warum sie ihn für einen guten Menschen hielten, schien Daniel sich ein wenig beruhigt zu haben. Offenbar hatte ihm diese Geste geholfen über den Verlust von Mister Miyagis-Grundstück hinweg zu kommen. Aber Johnny hatte immer befürchtet, dass es nicht ausreichen würde um Daniel davon zu überzeugen, dass er auch tatsächlich ein guter Mann war, der eben nicht von seiner inneren Dunkelheit regiert wurde. Terry Silver schien in Daniels Augen nach wie vor eine Art Spiegelbild von ihm darzustellen oder umgekehrt. Aber vielleicht konnte Johnny das nutzen.
„Und was, wenn du dich irrst? Was, wenn dieser Bastard sich ändern kann? Was, wenn er nicht nur den guten Menschen spielt, sondern tatsächlich zu einem wird, wenn er bereit ist alles, was möglich ist, wiedergutzumachen. Würdest du nicht dabei sein wollen um das zu sehen?", wollte er deswegen wissen.
Dieser Vorschlag entlockte Daniel ein Stirnrunzeln. „Ich glaube nicht, dass das möglich ist, Johnny", behauptete er, „Manche Menschen sind einfach das, was sie sind. Terry ist nicht einer von diesen fehlgeleiteten guten Kerlen. In ihm steckt kein Herz aus Gold, das nur darauf wartet befreit zu werden. Er kann sich nicht ändern, er hat sich nicht geändert - das hat er bewiesen. Zur Genüge."
Johnny beschloss die Taktik zu wechseln. „Und obwohl du dieser Meinung bist, willst du ihn damit durchkommen lassen den guten Menschen zu spielen?", wollte er wissen, „Willst du nicht hingehen und ihn wissen lassen, dass du ihn siehst? Es alle anderen beweisen?"
Daniel musterte ihn verwirrt. „Ich dachte, du willst hingehen, weil du denkst, dass er es ehrlich meint? Und jetzt willst du, dass ich hingehen, weil ich weiß, dass er es nicht ehrlich meint?", wunderte er sich.
„Sieh es als eine Art Wette an. Wir gehen hin um herauszufinden wer von uns Recht hat. Terry Silver soll uns zeigen, ob er der Mann ist, den du in ihm siehst, oder der Mann, der ich hoffe, dass er ist", schlug Johnny vor, „Wir haben nichts zu verlieren. Wir wissen bereits, dass er ein Scheißkerl ist. Wenn das alles ist, was er ist, wird es uns nur erneut bestätigt. Und wenn er uns eine neue Böswilligkeit angetan hat, dann wird die uns so oder so treffen, egal ob wir auf dieser Benefiz-Veranstaltung sind oder nicht. Aber wenn wir dort sind, dann können wir mit ihm reden und herausfinden, was sein Endziel ist. Wäre es nicht gut zur Abwechslung einmal genau zu wissen was er plant?"
Daniel schien sich dessen nicht so sicher zu sein. Dann meinte er langsam: „Ich nehme an, du würdest alleine hingehen, wenn ich mich weigere?"
Johnny nickte. Seine Methode war schon immer die ehrliche gewesen, vor allem im Umgang mit Daniel LaRusso. „Ich will dich einfach an meiner Seite haben, Mann. Ich brauche jemanden, der mir den Rücken freihält, und wenn du es nicht tust, dann frage ich Chozen oder Julie, aber es wäre mir lieber, wenn du es bist."
Daniel seufzte. „Ich glaube, dass du dich irrst, okay?", erwiderte er, „Ich glaube, dass wir einiges verlieren können, wenn wir hingehen. Aber eben genau deswegen, weil ich weiß wozu Terry Silver fähig ist, komme ich mit dir. Weil jemand auf dich aufpassen muss."
Johnny spürte über diese Formulierung Ärger in sich aufbrodeln, aber er hatte es selbst gesagt: Er wollte, dass Daniel ihm den Rücken freihielt. Und wenn sich Daniel einen Besuch auf dieser Benefiz-Veranstaltung nur so schönreden konnte, dann sollte er das eben tun. Hauptsache er kam mit. Johnny brauchte vielleicht keinen Aufpasser, aber er wollte und brauchte einen Freund an seiner Seite.
Also nickte er. „Dann ist es abgemacht", meinte er, „Wir gehen hin."
„Aber nur wir", betonte Daniel, „Amanda, Carmen, und die Kinder bleiben zu Hause. Wir bringen sie nicht in Gefahr."
Johnny hielt diese Sorge für übertrieben, er nickte aber. „Von mir aus. Aber wenn du schon denkst, dass es ein Hinterhalt ist und wir von Ninja-Affen oder dergleichen vor den Augen der Welt entführt werden, wenn wir hingehen, dann sollten wir vielleicht zumindest Chozen und Julie mitnehmen. Nur um sicher zu gehen", meinte er, „Wir sind mit Begleitung eingeladen worden, oder nicht?"
Daniel wirkte einen Moment lang so als ob er widersprechen wollte, doch dann gab er nach. „Na schön", erwiderte er, „Aber wir müssen dafür sorgen, dass ihnen nichts passiert."
Johnny fragte sich langsam was Daniel dachte, dass sie auf dieser Benefiz-Veranstaltung erwarten würde. Aber eigentlich wollte er das gar nicht wissen. Es würde ein langweiliger Abend mit einem kurzen Gespräch mit Terry Silver werden, mehr nicht.
Und wenn alles gut lief, dann würde dieser Abend Daniel dabei helfen zu sich selbst zurückzufinden. Und wenn nicht, nun dann würde dieser Johnny nachher vorhalten können, dass er recht gehabt hatte, was Silver anging. Das war alles. Johnny war überzeugt davon, dass dieser Abend nichts anderes für sie bereit halten würde.
Doch damit sollte er sich irren.
Daniel verband keine positiven Erinnerungen mit dem ursprünglichen Cobra Kai-Dojo. Für ihn würde es immer der Ort sein, an dem er beinahe zu Tode erschreckt worden war, nachdem er die Wahrheit über Terry Silver erfahren hatte.
Deswegen war er froh, dass die Benefiz-Veranstaltung von Cobra Kai nicht dort stattfand, sondern in einem neuen Standort - einem größeren Sportstudio, das Terry offenbar übernommen hatte und umgestalten hatte lassen. Die verschiedenen Trainingsräume waren nun alle in Dojo-Räumlichkeiten umgewandelt worden, verschiedene Kurse könnten in verschiedenen Hallen unterrichtet werden. Jeder Raum war mit Matten ausgepolstert worden, präsentierte Trainings-Dummies, Waffenregale und Boxsäcke, und wurde von Spiegeln umringt. Die Kobra war an allen Wänden zu sehen, zum Angriff bereit. Es sah nach Cobra Kai aus, das Einzige war nirgends zu sehen war waren Erinnerungen an John Kreese und das Cobra Kai Credo.
Kaum, dass Daniel den Raum betreten hatte, bereute er auch schon, dass er sich von Johnny dazu überreden hatte lassen mitzukommen. Er hatte das Gefühl, dass Mike Barnes, bereit ihn zu verprügeln, hinter jeder Ecke lauern konnte. Er hasst es hier.
Die Gäste drängten sich aneinander vorbei in Richtung der improvisieren Bühne im größten Saal. Auf dieser traten Bands auf. Survivor spielte in neu-alt gemischter Zusammensetzung „The Moment of Truth", und um alles noch schlimmer zu machen wurde REO Speedwagon für den nächsten Auftritt angekündigt.
„Wen hat er noch hier? Kommt auch noch Bon Jovi?", murmelte Daniel etwas verstimmt, woraufhin ihm Julie fröhlich den Rest des Programms aufzählte. Offenbar hatten sich vor allem Influencer aus der Gegend angekündigt, da fast keiner der Namen Daniel irgendetwas sagte, aber auch das hob seine Laune nicht. Ich hätte nicht herkommen sollen, irgendetwas Furchtbares wird passieren, das habe ich im Gefühl. Er war gerade erst dabei sich von den bisherigen Schlägen zu erholen, einen weiteren könnte er jetzt nicht ertragen.
Von den Gästen schien niemand besonders an Karate interessiert zu sein. Die hier gesammelten Spenden sollten ja auch für einen guten Zweck eingesetzt werden, Opfern degenerativer Nervenerkrankungen sollten die Einnahmen zu Gunsten kommen, deswegen ließ sich jeder, der etwas auf sich hielt, hier blicken.
Alle hier waren schick angezogen, Julie trug ein Kleid, und Daniel hatte mit Carmens Hilfe Johnny in einem dieses Mal nicht aus den 80ern stammenden Anzug gezwungen, während Amanda Chozen ausgestattet hatte. Daniel selbst trug einen seiner besseren Anzüge. Sie wirkten also so als würden sie hier hin passen, nur fühlte sich Daniel nicht so. Er fühlte sich nervös und leicht angepisst, was noch die harmloseren Gefühle waren, die er mit Terry Silver verband.
Eine Frau, die er nicht kannte, kam ihm entgegen geflogen. „Mister LaRusso! Es freut mich, dass Sie kommen konnten! Terrence hat erwähnt, dass er Sie erwartet", behauptete sie, und ihr Blick fiel auf Julie, „Ist das Ihre Frau?"
„Nein, das hier ist Julie Pierce, eine Freundin meiner Familie", erwiderte Daniel und brauchte einen Moment um zu realisieren, dass „Terrence" niemand anderer als Terry Silver sein konnte.
Die fremde Frau grinste Julie an.
„Wo ist Silver?", mischte sich Johnny an dieser Stelle mit seinem üblichen Takt ein, „Wir haben etwas mit ihm zu besprechen."
Die fremde Frau musterte Johnny einen Moment lang irritiert. „Und Sie müssen Mister Lawrence sein", vermutete sie dann, „Terrance hat erwähnt, dass Sie ihm das Leben gerettet haben."
„War nicht aufregend, er wäre schon nicht gestorben", murmelte Johnny unangenehm berührt, „Ich habe mich nur anständig verhalten."
Die fremde Frau warf einen Blick auf ihre teure Armbanduhr. „In wenigen Minuten sollte es eine Ansage geben", meinte sie und beantwortete damit wohl etwas verspätet Johnnys Frage. Daniel warf einen Blick auf die Bühne und sah dann auch schon Terry, mit Jackett, großzügig zugeknöpften Hemd und überraschender Weise kurzgeschnittenem Haar auf die Bühne kommen.
Terry nahm das Mikrofon an sich und bedankte sich bei allen Anwesenden für ihr Kommen und schwafelte irgendetwas davon wie wichtig es war anderen Menschen zu helfen, wenn man dazu in der Lage war. „Tatsächlich ist mir erst vor kurzem persönlich vor Augen geführt worden wie flüchtig das Leben sein kann. Und wie wichtig es ist anderen zu ermöglichen ein lebenswertes langes Leben führen zu können. Unsere Gesundheit ist wichtig, das vergessen wir oft. Wir denken oft, dass wir uns als schwach outen, wenn wir auf uns selbst achtgeben. Aber so sollte es nicht sein, Gesundheit ist wichtiger als Erfolg, und wir, die wir Erfolg haben, wir sind dafür verantwortlich anderen zu ermöglichen ebenfalls ein gesundes Leben zu führen. Und wer hier heute etwas spendet, der ermöglicht es der Wissenschaft die tückischsten Krankheiten, die wir kennen, näher zu erforschen und vielleicht endlich einen Weg zu finden diese zu heilen", erklärte er.
Daniel konnte spüren, dass Johnny ihm einen „Siehst du"-Blick zuwarf, doch alles, was er sah, war Terrys typisches Gutmensch-Gehabe. Das hier war alles Propaganda, nichts davon war authentisch. Doch alle anderen Anwesenden applaudierten lautstark. Sogar Julie und Chozen spendeten höflichen Applaus.
Terry hob seine Hand. „Es gibt viele tückische Krankheiten, die noch geheilt werden müssen. Wir stehen hier in einem meiner Cobra Kai-Dojos. Karate mag nicht nach etwas klingen, das die Welt verändern wird, aber auch Karate bietet Heilung. Das Valley ist bekannt für seine Liebe zum Kampfsport, und das Ziel von Cobra Kai war es immer den jungen Menschen zu helfen, die denken, dass sie sich nicht selbst helfen können."
„Als ich damals aus Vietnam zurückgekommen bin, habe ich mir geschworen, dass ich anderen helfe, indem ich ihnen beibringen sich selbst zu verteidigen", fuhr er fort, „Indem ich ihnen dabei helfe sich auf die Welt vorzubereiten. Dieses Ziel habe ich für einige Zeit aus den Augen verloren, doch jetzt habe ich den Punkt in meinem Leben erreicht, an dem ich wieder weiß warum ich das damals so dringend tun wollte. Ich wollte, dass sich niemals jemals hilflos fühlen muss. Ich wollte, dass jungen Menschen die Möglichkeit haben zu lernen, dass sie niemals hilflos sein müssen."
„Das ist Karate für mich: ein Weg seiner eigenen Hilflosigkeit zu entkommen", erklärte er, „Jeder Mensch ist stark. Doch die Gesellschaft und die Umstände lassen uns das manchmal vergessen. Cobra Kai ist dazu da unsere Jugend – und Menschen jeden Alters, die es brauchen – daran zu erinnern. Und weil ich nicht der Einzige bin, der sich diesem Ziel verschrieben hat, gebe ich heute bekannt, dass ich die Leitung von Cobra Kai gerne an meine Ehrengäste abgebe: Den bekanntesten Autohändler des Valleys, Daniel LaRusso, und den Mann, der Karate zurück ins öffentliche Bewusstsein gebracht hat, Sensei Johnny Lawrence."
Wie bitte?! Terry deutete in ihre Richtung, und es wurde applaudiert, und die Leute drehten sich zu Daniel um, der einfach nur vollkommen verdattert war und einen ebenso verwirrten Johnny anblickte. Die fremde Frau applaudierte ebenfalls höflich und deutete ihnen beiden in Richtung Bühne zu gehen. Was passiert hier gerade?
Daniel ertappte sich automatisch dabei wie sich seine Beine in Richtung Bühne bewegten, und Johnny folgte ihm. Daniel war sich nicht sicher was er tun würde, wenn er die Bühne und Terry erreichte, aber die Chancen, dass er dem älteren Mann einfach eine verpassen würde, standen momentan sehr gut. Mit steinerner Miene kletterte Daniel auf die Bühne.
Terry überließ ihn gar nicht erst die Initiative, sondern schüttelte seine Hand, kaum, dass er die Bühne betreten hatte, und zerrte Daniel dann mit zum Mikrophon. „Danny, Sensei Lawrence, und ich unterrichten sehr unterschiedliche Schulen von Karate und stehen für unterschiedliche Wege seine innere Stärke zu finden. Aber uns alle verbindet, dass wir das Beste für diejenigen wollen, die wir unterrichten. Dass wir uns dem, woran diese Welt krankt – ihrer Grausamkeit und Kälte, ihrer Härte – in den Weg stellen wollen", behauptete Terry, „Deswegen ist uns auch klar, dass wir zusammen stärker sind als alleine, dass wir alte Rivalität hinter uns lassen müssen und zusammen stehen müssen." Dann überließ er Daniel das Mikrophon.
Dieser war immer noch viel zu überrascht und verwirrt um zu begreifen was um ihn herum geschah. Er starrte auf das Mikrophon und überlegte was er sagen sollte.
Sollte er Terry Silver vor allen Anwesenden als den Menschen enttarnen, der er war?
Er öffnete seine Mund, doch noch bevor er etwas sagen konnte, hatte Johnny ihm das Mikro weggeschnappt und erklärte: „Nur mit Teamarbeit kann man einen gemeinsamen Feind besiegen. Zusammen können Sie alle ALS, MS, Parkinson und allen anderen Erkrankungen dieser Art den Kampf ansagen! Spenden Sie und retten Sie damit Leben. Danke vielmals. Und jetzt zum nächsten Aufritt!" Dann hängte er das Mikrophon zurück an seinen Platz und wandte sich an Terry. „Was zum Teufel soll das?", wollte er wissen. Damit stellte er genau die Frage, die auch Daniel auf der Zunge brannte.
„Wir sollten uns unterhalten", meinte Terry nur, und deutete ihnen mit ihm zu kommen. Daniel tauschte einen Blick mit Johnny aus, und dann folgte die beiden Männer Terry von der Bühne hinunter in einen kleinen Raum hinein, der an den größeren Saal anschloss und wohl so eine Art Büro darstellte.
Daniel zögerte einen Moment, bevor er den Raum betrat, doch immerhin hatte er Johnny an seiner Seite, Julie und Chozen waren ebenfalls hier und würden hoffentlich nach ihnen suchen, wenn sie ohne Vorwarnung verschwinden sollte, und nach dem Auftritt vorhin wusste jeder, wer hinter ihrem Verschwinden stecken würde, falls es wirklich so weit kam, also trat er doch ein.
Abgesehen von ihnen drei befand sich niemand anderer im Raum.
„Neue Frisur?", erkundigte sich Daniel schließlich, als er seine Stimme endlich wiederfand.
Terry fuhr sich durch mit den Fingern sein Haar. „Ich wollte ein neues Kapitel aufschlagen", meinte er.
Daniel schnaubte nur ungläubig.
Terry musterte ihn einen Moment lang. Dann wandte er sich Johnny zu. „Ich habe mit Ihrem Vermieter gesprochen. Ihre Wohnung und die der Familie Diaz wurden bisher nicht neu vermietet, es steht Ihnen frei dorthin zurückzukehren, es sollte keine weiteren Schwierigkeiten für Sie oder die Familie Ihres Schülers geben. Obwohl ich der Meinung bin, dass Sie vermutlich etwas Besseres finden könnten, ist mir auch klar, dass ich Ihre Vergebung nicht kaufen kann, also mache ich nur das wieder gut, was ich zerstört habe."
„Einfach so? Und wir tun so als wäre nichts passiert?", spottete Johnny.
„Mir ist klar, dass das keiner hier kann. Aber ich zahle meine Schulden, und das ist das Mindeste", erklärte Terry, „Sie können in dieses Drecksloch zurück, wenn Sie wollen."
Dann wandte er sich Daniel zu. Doch dieser ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. „Es gibt nichts, was du sagen oder tun kannst", betonte er, „um irgendetwas zu ändern, nicht nach dem, was du getan hast."
Terry drückte ihm Papiere in die Hand. „Mister Miyagis altes Grundstück. Ich habe es den neuen/alten Besitzern abgekauft. Damit gehört es jetzt ganz legal dir", behauptete er.
Daniel starrte auf die Papiere in seiner Hand. So einfach war das alles sicher nicht, daran konnte er nicht glauben. Wer wusste an welche Bedingungen das hier geknüpft war? Nein, er traute dieser Sache nicht, er traute Terry nicht.
„Und was sollte diese Sache mit Cobra Kai?", wollte er wissen, „Denkst du wirklich, dass wir das Dojo wollen würden? Wir sind nicht Cobra Kai, wir sind Miyagi-Do und Eagle Fang."
„Es ist nur ein Name, Daniel", erwiderte Terry milde.
„Nein, nein, es ist nicht nur ein Name, es ist eine Lebenseinstellung. Das hast du selbst gesagt. Cobra Kai hat mein Leben vernichtet und das von Johnny – mehrfach", entgegnete Daniel, „Es ist der Feind."
„Und das hier ist ein Friedensangebot", gab Terry zurück, „Ihr müsst es nicht annehmen, aber es ist eine Geste, Daniel. Ich versuche Wiedergutmachung zu leisten und unsere Rivalität zu den Akten zu legen."
„Du kannst dir nicht einfach so ein reines Gewissen erkaufen!", schleuderte ihm Daniel entgegen, „Denkst du wirklich, dass sich, wenn du uns alles, was du uns weggenommen hast, zurückgibst und uns zu Partnern machst, irgendetwas ändern würde? Dass das in irgendeiner Form die Dinge, die du getan hast, wiedergutmachen könnte? Kreese und du, ihr beide, ihr denkt, dass der Besitz von Cobra Kai das wäre worum es geht, aber das ist es nicht, und das reicht nicht als Wiedergutmachung. Was passiert ist, ist passiert, und daran kannst du nichts mehr ändern!"
„Das weiß ich", behauptete Terry, „Ich weiß, dass das, was ich dir angetan habe, unverzeihlich ist! Was denkst du, warum ich mich niemals dafür entschuldigt habe? Weil es du mir das alles gar nicht verzeihen solltest! Und daran hat sich auch jetzt nichts geändert! Aber du könntest mir zumindest glauben, dass ich es ernst meine! Dass ich Frieden schließen will, denn das will ich!" Er funkelte Daniel herausfordernd an, als würde er von ihm erwarten, dass er ihn der Lüge bezichtigen würde.
Daniel fiel wieder ein, was Johnny alles darüber gesagt hatte, dass Terry sich vielleicht geändert hatte und vielleicht bereute. Terrys Blick war wütend und entschlossen, aber auch ein wenig verzweifelt, und Daniel spürte, dass er ihn dieses eine Mal nicht anlog, dass er es dieses eine Mal vermutlich tatsächlich ernst meinte. Aber…
„Vielleicht willst du das ja wirklich", räumte er ein, „Aber ich will es nicht!" Mit diesen Worten drückte er Terry die Papiere zurück in die Hände und stürmte aus dem kleinen Büro hinaus zurück in die Menge der Gäste.
Terry blickte Daniel einen Moment lang hinterher. Nun, das hier hätte besser laufen können. Er warf Johnny Lawrence einen fragenden Blick zu. Der angelte sich die Papiere aus Terry Hände und nahm sie an sich. „Ich werde mit Daniel reden", versprach der blonde Mann, „Aber ich kann nichts versprechen."
Terry nickte nur. „Ich weiß ja, dass der gute Daniel LaRusso verdammt stur sein kann", meinte er, „Ich hatte nur gehofft, dass … Ich weiß nicht, dass er zumindest bereit ist dem Frieden eine Chance zu geben."
„Ich glaube nicht, dass Daniel Krieg will", erwiderte Lawrence, „Ich denke nur, dass er nicht bereit zu einer Versöhnung ist. Aber einen Waffenstillstand wird er schon akzeptieren. Immerhin ist der Daniel. Er muss nur über seinen Schmerz hinaus sehen."
Vermutlich stimmte das. Allerdings … wenn Daniel recht hatte, wenn er genauso geworden war wie Terry, dann würde er dazu vielleicht nicht in der Lage sein.
Terry hatte es noch nie geschafft über schlimme Dinge hinwegzusehen, er hatte sich immer so sehr auf sie konzentriert, dass er nichts anderes mehr gesehen hatte. Er hatte Jahre damit verbracht die Welt für Vietnam zu bestrafen, er hatte Monate darauf verwendet einen Teenager und einen alten Mann zu bestrafen, nur weil diese den Mann, der ihm auf dieser Welt am Wichtigsten war, verletzt hatten. Vergeben war noch nie Terrys Stil gewesen, und Vergessen hatte er sogar noch weniger können. Und selbst jetzt noch, nach der langen Therapie, den Jahrzehnten der Abstinenz, und des scheinbar normalen gesunden Lebens, selbst jetzt noch hatte er feststellen müssen, dass er tief in sich immer noch der selbe Mann war - der Mann, der nicht in der Lage war zu vergeben oder zu vergessen.
Und ja, er versuchte es, er hatte Dennis und Snake und sogar Mike Barnes gehen lassen. Er versuchte über seinen eigenen Schatten zu springen, er versuchte zu akzeptieren, dass man die Vergangenheit nicht ändern konnte und stattdessen mit der Gegenwart klarkommen musste. Aber…
… trotzdem spürte er wie Ärger in ihm über die Tatsache, dass Daniel LaRusso immer noch nicht bereit war ihm zu verzeihen, aufstieg – Ärger und Wut und Frustration und Bedauern, weil … was wenn es tatsächlich wahr war, und er den jüngeren Mann so weit getrieben hatte? Was wenn wirklich er derjenige war, der aus diesem naiven freundlichen Jungen von einst einen verbitterten rachsüchtigen Mann gemacht hatte, der nicht bereit dazu war die Vergangenheit ruhen zu lassen und anderen zweite Chancen einzuräumen?
„Ich will wirklich, dass sich die Dinge ändern, Mister Lawrence. Ich weiß, dass Sie es waren, der Cobra Kai wiederbelebt hat, bevor John Kreese Ihnen das Dojo weggenommen hat. Wenn Sie es wiederhaben wollen, dann können Sie es haben. Sie müssen nicht in irgendwelchen leeren Lagerhallen oder Parks trainieren."
Lawrence schüttelte den Kopf. „Cobra Kai … ich kann nicht. Ich meine, ich habe Cobra Kai zurückgebracht, weil es mich damals gerettet hat. Weil ich dachte, dass es eine schöne Geste wäre es zu benutzen um Miguel zu helfen und anderen Kindern wie ihm. Aber Sie haben es selbst gesagt, es ist nur ein Name. Für Daniel ist es aber mehr als das. Mich mag Cobra Kai gerettet haben, aber ihn hat es zerstört, oder das zumindest versucht. Ich kann keinen Namen verwenden, der ihn so sehr verletzt. Das wäre als würde ich damit gutheißen, was 1985 passiert ist", erwiderte er.
„Cobra Kai kann sich ändern, es kann zu etwas anderem werden", betonte Terry, „Sie können es ändern, Daniel kann es ändern. Wir können alle zusammen verschiedene Stile unterrichten, verschiedene Schulen vertreten. Da wir alle das selbe Ziel haben, können wir alle an einem Strang ziehen."
Lawrences Blick schien abzuschweifen, als würde er in der Ferne irgendetwas beobachten, das nur er sehen konnte. „Ich werde es ihm ausrichten, aber ich glaube nicht, dass das jemals geschehen wird", meinte er, „Es gibt Dinge, über die man nicht hinwegsehen kann, Gräben, die zu weit sind, als dass man eine Brücke darüber bauen könnte. Manche Wunden sind einfach zu tief." Dann nickte er Terry noch einmal zu und verließ ebenfalls das Büro.
Terry blickte auch ihm nachdenklich hinterher. Zumindest hatte er es versucht.
Wiedergutmachung war ein Prozess, das wusste er, er hatte das alles schon einmal hinter sich gebracht, Wunden heilten nicht von Heute auf Morgen, manche Dinge brauchten eben Zeit. Er musste Geduld aufbringen. Er konnte von niemandem verlangen ihm zu verzeihen, was er sich selbst nicht verzeihen konnte.
Er musste eben einfach weitermachen und hoffen, dass die Heilung irgendwann beginnen würde. Er hatte den ersten Schritt gemacht, allen anderen musste er Zeit geben.
Er setzte sein Öffentlichkeitsgesicht auf und ging zurück zu seinen Gästen. Cheyenne erwartete ihn und würde wissen wollen wie es gelaufen war. Und außerdem gab es noch ein paar Überraschungen mehr, die er anzukündigen hatte.
Seine Abwesenheit schien niemanden aufgefallen zu sein. Er blickte sich um und sah viele reiche Bekannte und Freunde von Cheyenne herumstehen und miteinander plaudern, während die Bühne von einer ihm vollkommen unbekannten jungen Person in Beschlag genommen wurde, deren Anwesenheit alleine beim jüngeren Anteil der Neureichen hier eine Begeisterungswelle auslöste. Er erkannte Johnny Lawrence, der Julie Pierce und Chozen Toguchi erreicht hatte und mit ihnen ein paar Worte wechselte. Von Daniel gab es keine Spur. War er gegangen?
Terry suchte nach Cheyenne und informierte sie darüber, dass er kurz die Toiletten aufsuchen würde. Er fühlte sich erhitzt und nervös, was sich auch auf seine Blase auswirkte. Auf dem Weg zur Toilette blickte er sich nach Daniel um, ohne den anderen Mann zu finden.
An seinem Ziel angekommen, erledigte er sein Geschäft, danach wusch er sich kurz das Gesicht und betrachtete sich im Spiegel. Ein alter Mann, der mehr bereute als er erreicht hatte, blickte ihm entgegen. Er mochte diesen Anblick nicht besonders, also trocknete er sich die Hände ab und wollte sich auf den Rückweg zur Party machen.
Doch er hatte die Toilette noch nicht verlassen, als er auf einmal spürte wie ihn etwas Spitzes am Rücken berührte, und ihm eine Stimme, die er sehr gut kannte, in sein Ohr hauchte: „Hallo, Twig."
A/N: Ja, Kreese lauert anderen auf der Toilette auf, weil er genau der Typ Mann ist, der kein Problem darin sehen würde, wenn es um Krieg geht.
Diese Fic sollte wenn also so läuft wie geplant noch zwei weitere Kapitel in Anspruch nehmen.
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