20. Cobra Kai


„Ich verstehe, wenn es Ihnen schwer fällt darüber zu reden, Mister Lawrence, aber ich möchte, dass Sie wissen, dass Sie mir alles sagen können, und dass das hier ein sicheres Umfeld darstellt, in dem Sie über alles sagen können, was Sie sagen wollen."

Johnny nahm an, dass es einfacher war so etwas anzubieten als es tatsächlich zu tun. Es hatte ihm viel Überwindung gekostet sich dazu aufzuraffen zum „Irrenarzt" zu gehen, vor allem deswegen, weil er der Meinung war, dass nichts von dem, was ihm widerfahren war, einen ausreichenden Grund für so einen Besuch darstellte.

Er war nicht derjenige, der Hilfe brauchte, er hatte nicht durchgemacht was Robby durchgemacht hatte, oder was Daniel durchgemacht hatte. Dass er von Sid scheiße behandelt worden war, das wusste er bereits. Er musste damit keinen Frieden schließen. Und alles andere … ein Teil von ihm konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass er anderen, die dringender Hilfe brauchten als er, diese Hilfe wegnahm, wenn er sie in Anspruch nahm. Er konnte einfach nicht anders, er fühlte sich wie ein Betrüger, wie jemand, der es nicht verdient hatte, dass man ihm dabei half mit seinen Problemen klarzukommen.

Und weil er nicht wusste wie er anfangen sollte, fing er genau damit an; er fing damit an zu erklären warum er sich unwohl bei dem Gedanken fühlte eine Therapie zu machen. Er erklärte den wahren Grund dafür warum er sich so fühlte, den, der nichts mit Fragen von Männlichkeit oder Schwäche und Stärke zu tun hatte, sondern einfach nur damit sich anständig zu verhalten.

„Wenn man sich Hilfe holt, wenn es einem schlecht geht, Mister Lawrence, würdigt man damit nicht das Leid von anderen herab. Man nimmt ihnen nichts weg, das sie dringend brauchen. Es gibt verschiedene Formen von Leid und Schmerz, und es ist kein Wettbewerb. Andere wichtiger zu nehmen als sich selbst ist eine gute Sache, aber über die Bedürfnisse anderer auf sich selbst zu vergessen ist schlecht. Kann es sein, dass Sie der Meinung sind, dass Sie im Grunde anders als die anderen Menschen in ihrem Leben einfach keine Hilfe verdient haben? Dass Sie die Tatsache, dass andere dringender Hilfe brauchen als Sie, als Ausrede nehmen um das nicht laut aussprechen zu müssen?", wollte die Therapeutin von ihm wissen.

Johnny hätte ihr ja gerne gesagt, dass das vollkommener Unsinn war, aber … nun vielleicht war es das ja nicht. „Ich bin kein besonders wertvolles Mitglied der Gesellschaft, ich bin es nie gewesen", gab er zu, „Ich bin nicht mehr jung genug um irgendwo in mir noch Potential versteckt zu halten, das nur entdeckt werden muss. Ich trage nichts bei, nicht wirklich. Und wenn ich versuche anderen Menschen zu helfen, dann löse ich damit unwillkürlich Leid aus. Alles, was in den letzten Jahren passiert ist, ist passiert, weil ich beschlossen habe, Miguel Karate beizubringen. Mit dieser Entscheidung habe ich so viel Leid und Drama losgetreten. Wenn ich mich nicht eingemischt hätte, dann wäre alles vielleicht ganz anders gekommen. Also vielleicht, nur vielleicht, habe ich ja tatsächlich keine Hilfe verdient."

„Und warum haben Sie das getan, Mister Lawrence? Warum haben Sie beschlossen Miguel Karate beizubringen?", wollte die Therapeutin von ihm wissen.

Darüber hatte Johnny immer wieder mal nachgedacht. Miguel war derjenige, der ihn gebeten hatte, es ihm beizubringen, nachdem er gesehen hatte, wie Johnny seine Peiniger fertig gemacht hatte, doch Johnny hatte sich erst dazu bereit erklärt ihm zu helfen, nachdem er Daniel wieder getroffen hatte und dieser ihm erklärt hatte, dass es besser war, dass es Cobra Kai nicht mehr gab. Hatte er es also nur getan um Daniel eines auszuwischen? Hatte er es aus Loyalität gegenüber Kreese getan? Oder aus Ego-Gründen heraus? Hatte er gedacht, dass er so eigenhändig jedes einzelne Problem eines guten harmlosen Jungen lösen könnte?

„Ich habe es getan, weil Cobra Kai und Karate mir früher einmal das Leben gerettet haben, und ich dachte, dass ich, wenn ich Cobra Kai zurückbringe, wenn ich Miguel Karate beibringe, ihm vielleicht ebenfalls helfen kann. Ich wollte dafür sorgen, dass er etwas Gutes in seinem Leben hat", erwiderte Johnny, „Aber Karate löst keine Probleme."

Die Therapeutin nickte, als hätte er ihr gerade etwas bestätigt, das ihr schon zuvor klar gewesen war. „Nein, das tut es nicht. Aber, Mister Lawrence, bei Cobra Kai ging es niemals um Karate. Nicht für Sie. Sie haben es selbst gesagt: Sie wollten, dass Miguel etwas Positives erlebt, dass etwas Gutes in seinem Leben vorhanden ist. Sie wollten ihm helfen, nicht um Ihrer Selbst willen, sondern wegen ihm. Wieso sollte jemand, dem es so wichtig ist, einer anderen Person zu helfen, nicht ebenfalls Hilfe verdient haben? Denken Sie wirklich, dass Sie nichts beitragen, nur weil Ihre guten Intentionen manchmal zu unvorhergesehenen Ergebnissen führen? Jemand, der versucht Gutes zu tun, aber darin versagt, trägt um einiges mehr bei als jemand, der Böses tut und dem das auch noch gelingt. Und der Wert einer Person wird nicht daran gemessen wieviel sie beiträgt, der Wert einer Person besteht darin, dass sie existiert. Und jeder, der existiert, der hat es verdient, dass man ihm hilft. Und wer versucht das Leben von anderen besser zu machen, während er existiert, der ist nicht nur ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft, der ist ein außerordentliches Mitglied der Gesellschaft, um so mehr, wenn diese Person nicht einmal ihren eigenen Wert begreift", erklärte sie.

Johnny zuckte mit den Schultern. Er nahm an, dass sich das alles einsichtig anhörte, und sie klüger war als er und es vermutlich besser wusste, aber er war nicht überzeugt davon, dass das alles wirklich so war. Sein ganzes Leben hatte er sich anhören müssen, dass er nichts wert war, und das irgendwann zu glauben begonnen, denn wenn sich alle darüber einig waren, dann musste es doch stimmen, nicht wahr?

Und nun wollte diese Frau ihm erzählen, dass das Gegenteil wahr war. Er hätte ihr gerne geglaubt, aber so einfach war das nicht für ihn. Hier zu sitzen und mit ihr zu reden war nicht einfach für ihn. Punkt. Und er war immer noch der Meinung, dass es andere gab, die wichtiger waren als er und an seiner Stelle hier sitzen sollten.

„Aber zumindest sind Sie hier, und Sie hören mir zu, und Sie reden mit mir", meinte die Therapeutin, „Das ist ein Anfang."

Ein Anfang. Nun man sagte immer, dass der Anfang das Schwierigste war, nicht wahr?

„Was hat Sie dazu bewegt trotz Ihrer Vorbehalten zu kommen?", wollte sie dann von ihm wissen.

Dieses Thema also, natürlich mussten sie früher oder später auf dieses Thema zu sprechen kommen.

„Sein Name ist John Kreese", begann er dann, „Er war mein Sensei in Cobra Kai, mein Lehrer. Er hat mir damals sehr geholfen, hat mir ein Leben gegeben. Dann hat er mich verraten, hat versucht mich umzubringen. Als er wieder in meinem Leben aufgetaucht ist, da hab ich ihn wieder hinein gelassen und damit ist alles zum Teufel gegangen. Und jetzt. .. Nun jetzt, bin ich mir nicht so sicher, was ich als nächstes tun soll…"

Die Therapeutin lehnte sich ihm entgegen. „Was genau wollen Sie denn tun?", wollte sie dann wissen.

Und genau das war die Frage, nicht wahr?


Cobra Kai. Daniel hatte sein Leben lang damit verbracht Angst davor zu haben. Und jetzt gehörte es ihm. Und er wusste nicht was er damit anfangen sollte, nicht wirklich. War Cobra Kai wie das Hakenkreuz oder war es etwas anderes? Konnte man es ändern, oder sollte er es einfach schließen? Offenbar wollten sowohl Terry als auch Kreese, dass er und Johnny entschieden was aus dem Dojo werden sollte. Aber Daniel wusste nicht wofür er sich entscheiden sollte.

Er stand alleine im wiedereröffneten ursprünglichen Cobra Kai-Dojo. Nur er und seine Geister waren hier. Als er diesen Ort betreten hatte, hatte er erwartet, dass es ihm mehr zusetzen würde als es tat. Doch nun da weder Terry noch Kreese hier waren, waren tatsächlich weder Terry noch Kreese hier. Es war ein leeres Dojo, mehr nicht.

„Mir war klar, dass ich dich hier finden würde, Daniel-san." Chozen trat in den Raum und stellte sich neben Daniel auf und folgte dessen Blick in einem der vielen Spiegel. „Was siehst du, wenn du in diesen Spiegel blickst?"

Daniel betrachtete ihre beiden Spiegelungen wie sie einträchtig nebeneinander standen. „Ich bin nicht sicher", gab er zu, „Das, was man im Spiegel sieht, ist selten das Problem. Die Welt hinter dem Spiegel ist es, die problematisch ist."

Chozen nickte. „Ich kehre nach Okinawa zurück", teilte er Daniel dann mit, „Dein Feind ist besiegt, du darfst wieder selbst unterrichten und bestimmst das weitere Schicksal von Cobra Kai. Du brauchst mich hier nicht mehr."

Daniel hatte angenommen, dass dieser Tag irgendwann kommen würde. Er hatte nur nicht damit gerechnet, dass er so schnell kommen würde. „Bist du enttäuscht, dass du umsonst hergekommen bist? Dass wir nicht dazu gekommen sind die Miyagi-Schriftrollen einzusetzen? Dass es keine große Karate-Endschlacht gab?", wollte er wissen.

Chozen musterte ihre Spiegelung. „Ich bin froh, dass wir nicht gezwungen waren unsere Feinde mit uralten Methoden umzubringen, von deren Umsetzung man sich niemals erholen kann. Kein Kampf ist einem Kampf immer vorzuziehen, das habe ich auf die harte Tour lernen müssen. Aber ich war nicht umsonst hier, Daniel-san. Ein Freund, ein Cousin, hat mich gebraucht, also bin ich gekommen um zu helfen so gut ich kann. Ich hoffe, ich war dir auch wirklich eine Hilfe", erwiderte er.

„Natürlich warst du das", entgegnete Daniel sofort. Er ließ seinen Blick durch das Dojo gleiten. „Ohne diesen Ort hier hätten wir uns niemals kennenglernt. Zu Beginn meines letzten Jahres auf der High School bin ich hier reingekommen und habe einen Sensei seine Schüler trainieren sehen. Und danach gab es kein Zurück mehr. In diesem Moment hat sich alles geändert."

Chozen blickte sich ebenfalls um. „Es gibt viele Methoden böse Geister auszutreiben. Man kann zum Beispiel einfach alles niederbrennen", schlug er dann vor.

„Hier gibt es keine bösen Geister mehr", erwiderte Daniel, „Komm, lass uns gehen. Ich will dich noch mal zum Essen einladen, bevor du gehst. Und Julie und Johnny werden sich ebenfalls noch verabschieden wollen."

„Ich würde es nicht wagen das Land zu verlassen ohne Abschied von Pierce-san und Johnny zu nehmen", versicherte ihm Chozen. Offenbar wusste er was gut für ihn war.

„Eine Sache wäre da noch … Mir ist aufgefallen, dass du … ich meine, es steht dir frei mich zu nennen wie du willst, aber mir ist aufgefallen, dass du Johnny nur noch Johnny nennst, und ich … nun, es würde mich sehr freuen, wenn du mich Daniel nennen würdest, Chozen. Einfach weil wir ja … auf gewisse Weise eine Familie sind, und ich finde, dass wir die Art Familie sein sollten, in der alle gleichgestellt sind", merkte Daniel dann noch an.

Chozen schien für einen Moment kaum merklich zu zögern. Dann erwiderte er: „Ich werde darüber nachdenken."


„Diese Anklage wegen Drogenbesitz ist lächerlich, Terry. Vor Gericht hält das niemals stand. Du musst dir keine Sorgen machen, alles wird wieder gut werden", hatte ihm sein Anwalt vom ersten Moment an versichert, „Alles, was wir tun müssen, ist zu kämpfen."

Doch Terry hatte festgesellt, dass er nicht kämpfen wollte. Nicht wirklich. Er hatte genug von all der Heuchelei, den Intrigen, und den Lügen, die sein Leben bestimmt hatten. Er hatte genug davon den Gutmenschen zu spielen um zu verdecken wer oder was er wirklich war. Jetzt, wo er endlich frei war, wo die Schulden der Vergangenheit endlich aus seinem Leben verschwunden waren, wo er den Käfig, in dem er so viele Jahrzehnte seines Lebens zugebracht hatte, endlich verlassen hatte, wollte er sich überlegen wie sein Leben von jetzt an aussehen sollte, und er stellte fest, dass er wollte, dass es anders aussah als bisher. Er wollte neu anfangen. Und er wollte zu dem Mann stehen, der er war.

Auf gewisse Weise waren die platzierten Drogen Johns letztes Geschenk an ihn gewesen. Ja, er hatte sich dessen, was ihm vorgeworfen wurde, nicht schuldig gemacht, aber er hatte andere Dinge getan, eine Menge anderer Dinge. Und mit denen war er bisher davon gekommen und würde er auch weiterhin damit davon kommen. Vermutlich sogar bis zu seinem Tod.

Aber um sie wirklich hinter sich lassen zu können, um wirklich neu anfangen zu können, musste er zumindest vor seinem eigenen Gewissen dafür bezahlen. Warum also nicht indem er sich für ein anderes Verbrechen schuldig bekannte?

Das Schlimmste, was ihm drohte, war ein Klaps auf die Finger, ein paar Jahre Haft vielleicht, eine Entzugsklinik vermutlich. Die besten Anwälte, die er kannte, arbeiteten für ihn. Ein Schuldspruch würde keine allzu großen Konsequenzen für ihn nach sich ziehen, aber vielleicht wäre er genau das, was er brauchte.

Sein Image wäre vielleicht dahin, aber zugleich wäre das genau die Art von Reiche Mann-Verbrechen, das niemanden besonders verschrecken oder überraschen würde. Er könnte sein Leben danach weiterführen wie er wollte, niemand würde erfahren was er wirklich getan hatte. Aber er könnte für sich selbst mit allem, was ihn belastete, abschließen, und danach wirklich neu anfangen, endlich wirklich ein neues Kapitel aufschlagen.

Zu behaupten, dass sein Anwalt nicht begeistert war, wäre eine Untertreibung. Aber er war immer noch Terry Silver, am Ende bekam er immer das, was er wollte.

Cheyenne war offenbar enttäuscht von ihm. „Aber das erklärt alles", meinte sie trocken, „Zumindest weiß ich jetzt was du mir sagen wolltest. Du hättest mir sagen können was los ist, dass du Hilfe brauchst. Ich hätte dir geholfen, Terrance. Es hätte nicht soweit kommen müssen." Was sie nicht sagte war, dass sie ihn nun, da sein Ruf beschmutzt war, nicht mehr gebrauchen konnte. Aber das musste sie auch nicht sagen. Das verstand sich von selbst. Er hatte niemals damit gerechnet, dass sie ihm bis zum bitteren Ende beistehen würde. Nicht etwa weil sie nicht der Typ dafür gewesen wäre, sondern weil das einfach nicht die Art ihrer gemeinsamen Beziehung gewesen war.

Man würde ihn brauchen um gegen John Kreese auszusagen, doch auf Grund seiner eigenen Anklagen wäre seine Aussage nicht besonders viel wert. Trotzdem könnte Terry sich an Kreese rächen, ihn endgültig vernichten, er könnte es, wenn er es wollte. Doch er stellte fest, dass er das nicht wollte. Also ließ er es sein.

Er hatte nicht damit gerechnet Daniel LaRusso jemals wiederzusehen. Dass dieser ihn freiwillig besuchen kam, nun, das war eine Überraschung, wenn auch eine willkommene.

Daniel blickte ihn an, als ob er ihn zum ersten Mal sehen würde. „Mir wurde gesagt, dass du dich schuldig bekennen willst", begann er, „Ich glaube, dass ich dich nie verstehen werde."

Terry konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Dann meinte er sanft: „Das ist auch gut so, Danny. Das zeigt, dass du zu anders tickst um jemals so tief zu fallen wie ich gefallen bin."

Daniel schüttelte nur seinen Kopf. „Denkst du wirklich, dass du Wiedergutmachung leisten kannst, indem du für Dinge, die du nicht getan hast, ins Gefängnis gehst?", wollte er dann wissen, „Für wen würde das etwas ändern?"

„Für mich", erwiderte Terry schlicht, „Du musst dir keine Sorgen um mich machen, Danny. Ich werde zurechtkommen. Sag mir lieber was du mit Cobra Kai vorhast."

Daniel seufzte. Sein Blick schweifte in die Ferne. „Vermutlich hätte ich es einfach niederbrennen sollen", meinte er, „Aber es ist ein Markenname. Es bedeutet etwas in der Karate-Welt, und es bedeutet anderen Menschen etwas. Aber die Philosophie dahinter, die wird verschwinden. Kein Unsinn ala Keine Gnade mehr. Keine Quicksilver-Methode oder sonstiger kranker Scheiß. Jeder unserer Lehrer kann sein Ding machen, aber wir überprüfen was für ein Ding das ist. Keine Dugans mehr im neuen Cobra Kai."

Terry nickte. „Ja, das habe ich verabsäumt, nicht wahr? Traue deinen Angestellten, aber überprüfe immer wieder ob sie dein Vertrauen verdient haben. Ich weiß, dass du mir nicht glaubst - denn warum solltest du auch? - aber ich hatte nichts mit dem Überfall auf Miss Nichols zu tun, das war alles Dugan. Er ist nicht ganz richtig im Kopf, wenn du mich fragst."

Daniel lachte auf, als er das hörte. Und schien dann darüber beschämt zu sein. Schließlich meinte er leise: „Weißt du, ich hab mich immer gefragt …."

„Frag dich nicht", schnitt ihm Terry das Wort ab, „Kämpfe über einer Schlangengrube sprechen mich nicht frei. Vietnam mag viel zerstört haben, aber letztlich war ich es, der sich dazu entschieden hat als Antwort darauf die Welt in Brand setzen zu wollen. Es war meine Entscheidung einen Teenager und seinen alten Sensei zu quälen. Es war meine Entscheidung zu Kreese zurückzugehen, auch noch drei Jahrzehnte später. Ich war es, der meine Medikamente abgesetzt hat, der zu viel getrunken hat, und der so dringend alle Spuren von dem Mann, der ich einst war, vernichten wollte, dass ich bereit war Menschen heimatlos zu machen und gefährliche Männer anzuheuern. Ich war es, der dir weh tun wollte, einfach nur weil du mir nicht verzeihen konntest. Wage es nicht irgendetwas davon zu entschuldigen."

Daniel musterte ihn ernüchtert. „Ich denke aber, dass ich das tun muss. Weil du nicht bereit bist es für dich selbst zu tun", erwiderte er dann ruhig.

Was für ein guter Junge. Terry wusste warum er ihn immer gemocht hatte.

„Wir sollten uns nicht wiedersehen, Danny-Boy", meinte er ernst, „Du solltest ein Leben führen, das möglichst wenig mit meinem zu tun hat."

„Das habe ich dreißig Jahre lang versucht, Terry", lautete Daniels Antwort, „Aber letztlich hat es sich trotzdem nur um dich gedreht. Nicht nur du willst etwas ändern. Auch ich brauche einen neuen Ansatz. Denn eines ist mir inzwischen schmerzhaft klar geworden: Nur, weil man etwas ignoriert, heißt das nicht, dass es nicht trotzdem da ist."


Kreese hatte nicht vor auf das zu hören, was der ihm zugewiesene Anwalt ihm riet. Lieber wollte er lange ins Gefängnis gehen anstatt sich einer dieser psychologischen Beurteilungen zu unterziehen, die ihn entlasten würde. Wozu auch? Er wusste ja bereits was diese über ihn sagen würde – das Gleiche, was sie alle ihm seit Vietnam immer wieder hatten einreden wollen, nämlich dass etwas mit ihm nicht in Ordnung war.

Aber das stimmte nicht. Er war nur bereit zu tun was notwendig war, weil es sonst niemand anderer tun konnte. Das machte ihn nicht schlechter als andere, es machte ihn nur ehrlicher. Er versteckte sich nicht hinter Ausrede sowie Terry Silver das tat, nein, er war einfach nur er selbst, und er würde sich nicht dafür entschuldigen, nur um so mit einer geringeren Strafe davon zu kommen.

Dann hatte er eben einen Mann entführt; es war nun mal notwendig gewesen, und wenn das Gericht das nicht einsehen wollte, dann war das eben so, und er würde das hinnehmen wie er jeden Schicksalsschlag in seinem bisherigen Leben immer hingenommen hatte.

Bobby Brown wollte ihm einreden den Irren zu mimen und sich „Hilfe zu besorgen", aber Kreese hatte nicht vor sich weichkochen zu lassen. Er fing an zu bereuen, dass er seinen ehemaligen Schüler überhaupt jemals zurück in sein Leben gelassen hatte. Das hatte er hauptsächlich getan um so an Johnny heran zu kommen, aber Bobby war immer schon ein sehr anhänglicher Junge gewesen und schien sich jetzt einzubilden, dass er Kreeses Seele retten musste. Dabei wollte er aber seine Seele gar nicht retten!

„Ich brauche keine Unterstützung, ich brauche keine Besuche, ich brauche keine Ratschläge", erklärte er dem Pastor, doch der ließ einfach nicht locker.

Und dann saß auf einmal Johnny Lawrence als Besucher vor ihm. Kreese hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass er vorbei kommen würde. Seine Abschiedsworte hatten doch ziemlich nach endgültigem Abschied geklungen, als sie sich das letzte Mal gesehen hatten.

„Hat Bobby dich geschickt? Wechselt er jetzt die Taktik?", wollte Kreese als Erstes wissen.

„Es freut mich auch dich zu sehen", gab Johnny spitz zurück.

Kreese blickte ihn nur erwartungsvoll an.

Johnny seufzte. „Ich habe mich entschieden", verkündete er, „Ich habe lange darüber nachgedacht und mir Ratschläge eingeholt, aber letztlich war es meine Entscheidung, und ich habe mich dafür entschieden dich nicht einfach so aufzugeben und mich um mein eigenes Leben zu kümmern."

Kreese hob die Augenbrauen. „Ach?", brachte er hervor.

„Ja, ach. Siehst du nach allem, was war, wenn man bedenkt wie oft du mich umbringen wolltest oder beinahe umgebracht hättest oder sonst was in der Art, und wie oft du mich verraten und betrogen hast, hättest du es mehr als verdient, wenn ich mich nie wieder auch nur nach dir umdrehe. Aber ich glaube, dass du langsam aber sicher den Punkt in deinem Leben erreicht hast, an dem du dabei bist dich zu verändern, an dem du anderen die Chance lässt sie selbst zu sein anstatt nur kleine Kopien von John Kreese", erklärte Johnny, „Und das ist eine Verbesserung. Es mag eine späte, vielleicht zu späte, Entwicklung sein, aber ich sehe sie. Ich sehe, dass du dabei bist dich zu ändern, oder es zumindest versuchst, und weil ich dämlich bin und schon immer war, reicht das aus."

Kreese musterte ihn nachdenklich. „Ist das so?" Er konnte es nicht glauben, nicht wirklich, konnte dem allen nicht glauben.

„Aber es gibt eine Bedingung", fuhr Johnny dann fort.

Nun, das war ja klar gewesen, nicht wahr?

„Wenn du willst, dass ich Teil deines Lebens bin, und wenn du willst, dass ich zulasse, dass du Tory Nichols auch nur noch ein einziges Mal in deinem Leben zu sehen bekommst, dann musst du auf deinen Anwalt und Bobby hören, dann musst du dich einer psychologischen Beurteilung unterziehen und dir helfen lassen", erklärte Johnny hart, „Ich bin vielleicht blöd, aber so blöd, dass ich dich zurück in mein Leben lasse, wenn du das nicht tust, bin ich auch wieder nicht."

Kreese schnaubte. „Das ist Erpressung", stellte er fest, „Und wenn du denkst, dass ich mich reinlegen lasse, dann…"

„Es ist ganz einfach, Sensei", schnitt Johnny ihm das Wort ab, „Wenn du nicht den Rest deines Lebens alleine zubringen willst, dann wirst du dich in Behandlung begeben und all das nachholen, was du nach Vietnam hättest tun sollen. Es ist deine Wahl. Wenn ich dir in irgendeiner Form wichtig bin – und das behauptest du ja immer wieder – dann wirst du das tun, wenn nicht, nun dann weiß ich, dass du dich nicht genug ändern kannst um jemals die Bedürfnisse anderer wichtiger zu nehmen als dich selbst. Du entscheidest, niemand sonst. Aber wenn du dich gegen mich entscheidest, dann war's das. Und dieses Mal für immer."

Kreese starrte den blonden Mann düster an und versuchte festzustellen, ob dieser es ernst meinte, und das schien tatsächlich der Fall zu sein. Also lag es wirklich an ihm, also würde seine eigene Entscheidung seine Zukunft bestimmen, aber auf eine andere Weise als er bisher gedacht hatte.

John Kreese hat sein ganzes Leben lange gekämpft um zu gewinnen, und auf einmal hielt ihm jemand eine weiße Fahne hin, nach der er aber nur greifen konnte, wenn er sich den Bedingungen aller anderen unterwarf. Nach der Fahne zu greifen wäre kein Sieg, es würde bedeuten, dass er seine Waffen streckte.

Man verlangte von ihm, dass er sich ergab. Doch John Kreese hatte sich noch niemals zuvor in seinem Leben ergeben. War er dazu überhaupt in der Lage, oder wollte er lieber kämpfend untergehen und alleine sterben?

Da er noch nie Probleme damit gehabt hatte Entscheidungen zu treffen, traf er auch diese sehr schnell, und nahm alle damit einhergehenden Konsequenzen in Kauf.


„Es ist eine Skateboard-Meisterschaft, du würdest dich dort langweilen!"

„Das behauptest du, das weißt du doch gar nicht!"

„Dad, sag Miggy, dass er nicht mitkommen kann!"

„Nenn mich nicht so! Bei dir klingt das als wäre ich zwölf!"

Johnny blickte von seinem Laptop auf. „Jungs, vertragt euch", befahl er, „Lass ihn doch mitkommen und dich anfeuern. Was ist dein Problem damit?" Er warf Robby einen stirnrunzelnden Blick zu.

„Die Fahrt dauert drei Stunden! Wenn er mitkommt, lässt er mich nachher nicht schlafen, sondern jammert er mich die ganze Rückfahrt über an wie langweilig das alles für ihn doch war, wie beim letzten Mal!", erwiderte Robby als wäre das selbstverständlich.

„Nun, dann kannst du ihm wenigstens unter die Nase reiben, dass er derjenige war, der unbedingt mitkommen wollte", meinte Johnny nur schulterzuckend, „Er kann ja seine Freundin mitnehmen, dann ist er abgelenkt. Im Übrigen fände ich es nicht schlecht, wenn er mitkommt. Dann ist wenigstens jemand vor Ort, der dich zum Arzt schleppt, wenn du dich verletzt."

„Ich brauche keinen Baby-Sitter, ich bin 18!", behauptete Robby.

„Ich frag Sam, ob sie mitkommen will; das ist eine gute Idee, Johnny", meinte Miguel, „Hey, wir können ja auch Tory mitnehmen, dann kann sie nachher deine unweigerlichen blauen Flecken und Wunden gesund küssen…"

Robby verdrehte die Augen. „Von mir aus", gab er nach, „Aber ich will keine einzige Beschwerde nachher hören! Sonst nehme ich dich das nächste Mal wirklich nicht mehr mit!"

Dann verschwanden die beiden Jungen immer noch streitend in ihre Zimmer um ihre jeweiligen Freundinnen anzurufen. Johnny blickte ihnen kopfschüttelnd hinterher. Seit die Jungs beschlossen hatten, dass sie sich jetzt mochten – damals auf jener langen Busfahrt zurück aus Mexiko - waren sie unzertrennlich geworden, was seine Vor- und Nachteile hatte. Miguel schien begeistert davon zu sein einen „großen Bruder" zu haben, was Robby zugleich schmeichelte und nervte, und obwohl sich die beiden Jungs inzwischen nicht mehr um Johnny, Mädchen, oder Karate stritten, bedeutete das nicht, dass sie sich nicht mehr stritten, es war nur eher eine Art harmloses Dauerstreiten geworden, das Johnny beinahe nostalgisch an die Zeit, als sie noch nicht miteinander klar gekommen waren, zurückdenken ließ.

„Guten Morgen, Schatz." Carmen küsste ihn auf die Wange und blickte über seine Schulter auf seinen Laptop. „Hast du es schon wieder geschafft, dass er sich aufhängt? Du solltest Miggy einen Blick darauf werfen lassen. Oder Robby", riet sie ihm.

„Die sind vollauf miteinander beschäftigt, außerdem will ich nicht schon wieder als technischer Idiot dastehen. Auch die Geduld unserer Jungs ist begrenzt", erwiderte Johnny, „Dabei wollte ich nur Julies neuen Film fernstreamen. Ich weiß nicht was ich jetzt schon wieder falsch gemacht habe…."

„Versuch einen Neustart und einen Virenscan", riet ihm Carmen, „Ich muss los. Kommst du nicht zu spät zum Unterricht?"

Johnny warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Die Vormittagsklasse beginnt erst um Elf. Aber ich wollte deiner Mom noch dabei helfen ihren neuen Fernseher zu installieren. Die Frau weiß wenigstens an welche Wand sie ihn hängen will und besitzt nur Räume mit einer Türe", erwiderte er und klappte den Laptop zu, „Ich fand diese Idee mit den Ninja-Aliens sowieso immer schon blöd. Aber Chozen schwört dass es ein Meisterwerk ist."

Carmen angelte sich ihren Schlüssel aus der Schlüsselschüssel. „Der findet alles, was Julie tut, großartig, wie du weißt. Vielleicht sollten wir versuchen die beiden zu verkuppeln", erwiderte sie.

„Ich weiß nicht. Ich glaube, Julie hat da so ein On- and Off-Ding mit ihrem High-School-Liebsten laufen. Wenn wir uns da einmischen, könnte es Ärger geben", wandte Johnny ein, „Übrigens Julie … Dugans Berufung wurde abgelehnt."

Carmen nickte. „Das ist gut so", meinte sie hart, „Je weiter weg er von Tory und den anderen Schüler ist, desto besser. Er kann ruhig noch länger eingesperrt bleiben."

Johnny war ihrer Meinung, sagte aber nichts dazu. Das hätte möglicherweise zu verwandten Themen und anderen Urteilen geführt, und Carmens Meinung dazu stimmte nicht immer mit seiner eigenen überein.

Er blickte ihr hinterher, als sie die Türe schloss, und sah sich dann kurz in der neuen Wohnung um. Gewöhnt hatte er sich immer noch nicht daran, dass er jetzt besser lebte als in den Jahrzehnten davor. Cobra Kai brachte Geld ein und zwar endlich richtig. Sie hatten sich eine größere Wohnung leisten können, Rosa ermöglichen können ebenfalls umzuziehen und eine eigene Wohnung zu beziehen, und Shannon dabei geholfen ebenfalls etwas in einer besseren Gegend zu finden.

Karate-Franchising hatte offenbar seine Vorteile. Und wie sich zeigte, gab es mehr als genug normale Karate-Lehrer dort draußen, die sich gerne durch den Markenamen unter die Arme greifen ließen. Die mussten nicht mehr tun als das Cobra Kai-Logo auf ihr Dojo malen lassen, einen kleinen Anteil an Cobra Kai abgeben, und zulassen, dass sie genauer überprüft wurden, und dann durften sie unterrichten was und wie sie wollten und sogar ihren alten Dojo-Namen behalten. Cobra Kai war inzwischen eine große Karate-Familie bestehend aus Vertretern der unterschiedlichsten Schulen und Richtungen. Johnny hatte sich sogar breitschlagen lassen diese lauwarmen modernen Show-Karate-Lehrer aufzunehmen, die mehr tanzten als kämpften. Jedem das seine. Wenn es so etwas wie ein neues Cobra Kai-Motto gab, dann war es wohl das.

Er nahm seinen eigenen Schlüssel und erinnerte sich dann daran, dass er sein smartes Handy mitnehmen sollte, weil sich sonst wieder alle darüber beschweren würden, dass er es nicht dabei hatte. Nach einigen Minuten des Suchens fand er es und wurde gleich von einer Nachricht von Ali begrüßt. „Ich liebe die neuen Bilder. Ich bin so stolz auf dich, Johnny. Ich hab zufällig Susan getroffen, und sie war beeindruckt, dass du das tust, was du liebst, und damit so viel Erfolg hast. XO Ali"

Was bedeutet XO? Nun, auch egal. Kopfschüttelnd steckte Johnny das Handy ein und hielt dann einen Moment lang inne. Ja, es war wahr. Er tat tatsächlich das, was er liebte, und hatte damit auch Erfolg. Und nicht nur das, auch sein Privatleben lief gut. Sein Sohn lebte bei ihm und hasste ihn nicht mehr, es lief gut zwischen ihm und Carmen, er verstand sich gut mit seiner Ex, und schien seine Freunde nicht mehr am laufenden Band zu enttäuschen. Und sein letzter Kontakt mit Sid, der unweigerlich dazu führte, dass er sich wie ein wertloses Stück Scheiße fühlte, war auch schon wieder lange her.

Erstaunlicherweise war er glücklich. Vor ein paar Jahren hätte er nicht gedacht, dass er das überhaupt jemals sein könnte. Seit dem hatte sich viel geändert.

Lag es an der Therapie, oder an den geänderten Umständen? Wer konnte das schon sagen? Was aber auch bemerkenswert war, war, dass er das hier alles vermutlich nicht erreicht hätte, wenn er nicht auf die Idee gekommen wäre Cobra Kai wiederzubeleben. „Sieh einer an", stellte er überrascht fest, „Wer hätte das gedacht…." All die Katastrophen, die diese Idee mit sich gebracht hatte, und doch …

Sein Handy machte ein schrilles Geräusch, was ihn daran erinnerte, dass er seine Eagles zu unterrichten hatte, na ja, die alte Ladies und die Mütter, die unter der Woche am Vormittag Karate-Unterricht nahmen, aber die waren auch Eagles - ihre Reißzähne waren sogar um einiges gefährlicher als die seiner jugendlichen Schüler. Und er sollte besser zusehen, dass er nicht zu spät kam.

„Vergesst nicht abzusperren!", rief er seinen Jungs noch zu, und dann war er auch schon wieder weg, unterwegs zu seinem neuesten Eagle-Mobile.


„Ich fahre mit Miguel, Robby, und Tory zur diesjährigen Skateboard-Meisterschaft", verkündete Sam an diesem Morgen. Sie fragte nicht mehr um Erlaubnis, nein, sie kündigte ihre Pläne inzwischen einfach an, aber Daniel hatte gelernt das hinzunehmen und sich damit arrangiert.

Seine Tochter war inzwischen beinahe erwachsen. Es war an der Zeit, dass er lernte ihr zu vertrauen. Und abgesehen davon war Miguel ein guter Junge. Und Robby würde dabei sein, und Tory ebenfalls, es sollte also nicht allzu viel passieren.

„Komm nicht schwanger zurück", meinte Anthony nur dazu.

Sam streckte ihm die Zunge heraus.

Daniel beschloss diese Bemerkung einfach zu überhören. Manchmal da war es besser gewisse Dinge nicht zu hören um nicht zu viel über etwas nachdenken zu müssen.

„Was hast du heute vor, Anthony?", erkundigte sich Daniel stattdessen bei seinem Sohn.

„Ich wollte mich später mit Kenny treffen", erklärte dieser, „Wir wollten zusammen ein wenig zocken."

„Aber nicht zu lange, legt zwischendurch ein paar Pausen ein und geht an die frische Luft. Es ist ein herrlicher Tag", merkte Amanda an, die in diesem Moment in die Küche kam, Daniel einen Guten Morgen-Kuss gab und ihren Frühstücksteller von ihm entgegen nahm, fertig angerichtet mit den Pancakes darauf.

„Jeder Tag ist ein herrlicher Tag in Kalifornien, Mom", maulte Anthony, „Aber von mir aus. Wir werden uns bemühen."

Amanda nickte zufrieden. „Wie sehen deine Pläne aus, Daniel?", wollte sie dann von ihrem Mann wissen.

Daniel warf einen kurzen Blick auf die Uhrzeit. „Miyagi-Do beginnt um Zwölf, später hab ich dann noch Zeit im Autohaus vorbei zu kommen", meinte er.

Amanda nickte zufrieden. Sie war immer darauf bedacht, dass er beide Seiten seines Berufslebens aufeinander abstimmte, damit er sich nicht wieder im Karate verlor, aber auch damit er nicht nur seinen Autoverkauf im Kopf hatte.

Es gab inzwischen andere Lehrer, die Miyagi-Karate unterrichteten. Eli und Demetri hielten unterstützt von Moon in diesem Sommer Klassen auf Mister Miyagis-Grundstück ab, und Chozen war wieder einmal zu Besuch gekommen und hatte ein paar Klassen übernommen (und war ein sehr beliebter Lehrer hier im Valley), aber Daniel versuchte trotzdem immer wieder selbst ebenfalls zu unterrichten. Er vermisstes es, wenn er es nicht tat, und es half ihm dabei sich Mister Miyagi näher zu fühlen.

Erst vor einigen Wochen hatte Amanda zu ihm gemeint: „Du wirkst glücklicher als früher." Und er wusste, dass sie mit früher nicht die Tage nach der Wiederauferstehung von Cobra Kai meinte, er wirkte glücklicher als in jenen Tagen nach Mister Miyagis Tod, als er sich nur noch auf seinen Autoverkauf und die Clubtreffen der Reichen konzentriert hatte.

Die Wahrheit war, dass er sich auch glücklicher fühlte. Ausgeglichener. Sam wurde erwachsen, und das machte ihm zu schaffen, aber nicht so sehr wie früher. Anthony ging es gut, er hatte es geschafft sich mit Kenny auszusöhnen und den Beginn der High-School zu überstehen, er aß regelmäßig und hatte ein wenig von seiner alten Aufsässigkeit zurückbekommen, was aber wie Vanessa betonte ein gutes Zeichen war. Mister Miyagi schien immer bei Daniel zu sein, wenn dieser Miyagi-Do besuchte. Am Zaun prangte das Cobra Kai-Symbol neben dem Miyagi-Do Zeichen, aber Daniel sah darin jetzt keine Bedrohung mehr, er sah darin ein Zeichen von Zusammengehörigkeit.

Die Vergangenheit, die er früher in sich begraben gehabt hatte, anstatt sich ihr zu stellen, verfolgte ihn nicht mehr. Er hatte seinen Frieden mit ihr geschlossen. Es war kein einfacher Prozess gewesen, aber er hatte es geschafft. Sich den schlimmsten Zeiten seines Lebens zu stellen, hatte ihm dabei geholfen sie hinter sich zu lassen.

Seine Balance, zum ersten Mal seit Mister Miyagi gestorben war, hatte er das Gefühl sie wirklich wiedergefunden zu haben. Und er wusste, dass ihm das vermutlich nicht gelungen wäre, wenn alles, das ihn belastete, nicht auf Grund der Umstände aus ihm heraus gebrochen wäre. Auf den Zusammenbruch war die Heilung gefolgt.

Aber auch daraus hatte er gelernt. Er würde nie mehr Dinge in sich vergraben, er würde sich ihnen von nun an stellen, direkt und mutig, so wie Mister Miyagi ihm das beigebracht hatte.

Also ja, er hatte dazu gelernt, hatte Dinge über sich selbst erfahren, sie überwunden und mit ihnen Frieden geschlossen. Und sich weiterentwickelt. Mister Miyagi wäre zufrieden mit ihm, zumindest hoffte er das. Er versuchte immer noch täglich sein Bestes zu tun um den alten Mann stolz zu machen. Vor allem aber versuchte er so zu leben wie er es von sich selbst erwartete, und vielleicht war es einfach das, was ihn glücklicher machte.

Er sammelte die geleerten Teller seiner Familie ein und machte sich an den Abwasch. Diesen sollte er besser noch erledigen, bevor er losfuhr. Immerhin wollte er nicht, dass sich zu viel Unerledigtes stapelte, wenn er eine Chance hatte zeitgerecht damit fertig zu werden.


Tony war der neueste Angestellte von LaRussos Autoverkauf soweit er wusste. Er hatte sein Glück gar nicht fassen können, als ihm klar geworden war, dass er tatsächlich mit dem Daniel LaRusso arbeiten würde. Sein Boss war zugleich auch sein persönlicher Held, aber natürlich war er viel zu schüchtern um das zuzugeben. Genauso wie er zu schüchtern war um den Daniel LaRusso um Karateunterricht zu bitten.

Am Anfang hatten Anoush und Louie ihm das Leben nicht gerade leicht gemacht, doch inzwischen hatte er sich ganz gut eingewöhnt. Auch wenn er sich gelegentlich immer noch selbst daran erinnern musste, dass er nicht träumte sondern tatsächlich für und mit Daniel LaRusso arbeitete.

So wie etwa gerade jetzt. Vor wenigen Minuten hatte ein blonder Mann den Autoverkauf betreten, der nun auch schon von Mister LaRusso persönlich begrüßt wurde, der auf den Mann zueilte und ihn herzhaft umarmte.

Tony versuchte nicht zu auffällig zu den beiden Männern hinüber zu blicken, da er einen ziemlich genauen Verdacht hatte um wen es sich bei dem Neuankömmling handelte, aber genau deswegen musste er trotzdem immer wieder zu den beiden hinüber sehen.

Mister LaRusso und der blonde Mann sprachen leise miteinander, und dann winkte Mister LaRusso Tony tatsächlich zu sich hinüber. Tony huschte zu den beiden hinüber und versuchte dabei seinen inneren Fanboy unter Kontrolle zu bringen.

„Johnny, das hier ist unser neuester Angestellter Tony Massa", erklärte Mister LaRusso, als Tony die beiden Männer erreicht hatten, „Tony, ich möchte dir jemanden vorstellen: Das hier ist Johnny Lawrence."

Das wusste Tony natürlich, aber er versuchte den Coolen zu spielen, deswegen fragte er unbefangen: „Ach, das ist also der, mit dem Sie …."

„Ja genau", bestätigte Mister LaRusso, „Der Mann, mit dem ich das Karate-Dojo betreibe. Johnny und ich kennen uns schon ewig, er ist mein bester Freund."

Auch das wusste Tony natürlich. Er schüttelte immer noch etwas betäubt Johnny Lawrences Hand. Und dann sprudelte es aber doch aus ihm heraus: „Sie sind zweimaliger All Valley Champion, nicht wahr? Mister L. spricht sehr oft von Ihnen. Ist es wahr, dass Sie einmal in eine Schlangengrube gesprungen sind um jemandem das Leben zu retten?"

Johnny Lawrence warf Daniel LaRusso einen vielsagenden Blick zu. Dann erwiderte er nur: „Also, ich weiß ja nicht was Daniel über mich erzählt, aber in dieser Grube waren keine Schlangen, und ich bin auch nicht hineingesprungen, aber zumindest das mit dem zweimaligen Champion stimmt. Ich nehme an, du willst Karate-Geschichten hören, ja? Du weißt, dass Cobra Kai jeden unterrichtet, der interessiert ist? Frag nur unseren Freund Stingray danach…."

Und Tony hörte seinem Idol mit glänzenden Augen zu und fragte sich, ob er jemals zu so einem beeindruckenden Mann werden würde wie Johnny Lawrence und Daniel LaRusso.


Fin.


A/N: Das war's. Das war diese Fic.

Ich habe absichtlich offen gelassen wie sich Kreese entscheidet und welche Rolle Terry in Daniels weiteren Leben spielt und ob sie sich nur kurz ausgesprochen haben oder weiterhin Kontakt gehalten haben, weil mir durchaus klar ist, dass jeder seine eigene Meinung zum Thema wie man mit jemanden umgehen sollte, der getan hat, was diese beide getan haben. Es kann sich also jeder so richten wie er will, obwohl ich natürlich schon eine eigene Meinung dazu habe, was nach den jeweils letzten Szenen mit den beiden passiert ist.

Die letzte Szene dieser Fic hatte ich mehr oder weniger immer schon so geplant, nachdem ich entschieden hatte eine tatsächliche Fic über die ersten vier Kapitel hinaus aus dem hier zu machen. Ich wollte zurück zum Anfang der Serie und diesen Moment der Wiedervereinigung richtig stellen, wenn man so will.

Ich hoffe euch hat diese Fic gefallen. Mit schlappen 175 Word-Seiten ist sie viel viel länger geworden als ich jemals geplant hatte und trotzdem wohl irgendwie nicht lang genug, aber ich denke ich habe alles untergebracht was ich unterbringen wollte.

Abschließende Reviews würden mich sehr freuen.