Ganz gut

Sie hatte verschlafen.

Ihre Decken waren nicht mehr schön bis unter ihr Kinn gezogen, sondern lagen wahllos über ihre Beine verstreut. Ein Arm war über ihrem Kopf ausgestreckt, als würde sie sich im Schein der Wintersonne sonnen, während der andere auf ihrem Bauch ruhte und sie sich tiefer in ihr Kissen schmiegte. Da war dieses ungewohnte Stechen in Hermines Augen, als sie sie blinzelnd öffnete, dieses vage Gefühl, in Nüchternheit getaucht zu werden, obwohl sie Sekunden zuvor noch tief geschlafen hatte. Sie war schon lange nicht mehr damit aufgewacht, und als sie sich umdrehte, um sich in ihrem Zimmer umzusehen, stellte sie überrascht fest, dass es bereits von der Sonne erhellt wurde. Normalerweise wachte Hermine früh genug auf oder schlief überhaupt nicht und konnte beobachten, wie sich die ersten zarten und unsicheren Lichtstrahlen ihren Weg durch ihrer Schlafzimmer bahnten, wie sie zuerst die purpurnen Vorhänge fanden und sich dann eifrig streckten, um den Rest zu verschlingen.

Sie nahm sich eine Minute Zeit. Es war selten, dass sie in diesen Tagen Zeit für sich selbst hatte, also stahl sie sich einen Moment; Hermine streckte träge ihre Beine aus, wobei ihre Zehen das Bettgestell berührten, und bewegte ihre Arme und Finger. Ein langsamer Atemzug entwich ihren Lippen, und sie konnte die Reste von Jasmin auf ihrer Zunge schmecken.

Stirnrunzelnd zog sie ihre Glieder zurück und setzte sich auf. Die letzte Nacht war seltsam gewesen. Bei all ihren nächtlichen Streifzügen war sie noch nie jemandem begegnet – sie hatte es weder geplant noch erwartet. Schon gar nicht Malfoy. Und doch...

Hermine presste die Handballen so fest auf ihre Augen, dass ihr Schädel vor Protest schmerzte. Sie konnte das Bild von ihm nicht abschütteln, wie er allein an der Wand saß, wo selbst die Schatten Abstand hielten. Der Biss in seiner Stimme, den sie gespürt hatte, als würde er ihr mit der Kälte in die Haut schneiden.

Für sie bin ich nur der Sohn meines Vaters."

Ein leises, frustriertes Knurren entrang sich ihrer Kehle, und sie stieß ihre Decke von sich und stand auf.

Zurückzukommen, um ihr achtes Jahr zu beenden, war ein Segen und ein Fluch zugleich. Zugegeben, Hermine hätte das Angebot beinahe abgelehnt, und zweimal war sie kurz davor gewesen, McGonagall eine Eule zu schicken, um ihre Meinung zu ändern, nachdem sie zugesagt hatte. Die Tatsache, dass Harry und Ron nicht da waren, um sie zum Lachen zu bringen und sie davon abzuhalten, sich in der Bibliothek einzuschließen, war für sie schwer zu ertragen. Sieben Jahre lang hatte sie das Privileg ihrer Gesellschaft genossen, hatte mit ihnen gelebt, hatte mit ihnen das Bett geteilt, als sie auf der Flucht waren. Sie waren eine Familie, und sie hatten viel zusammen durchgestanden. So plötzlich zu Nichts zurückzukehren, war erschütternd.

Hermine spürte oft, wie sich die Einsamkeit als kaltes und taubes Gewicht in ihrer Brust manifestierte. Obwohl Ginny und Luna im siebten Jahr waren und auch Neville zurückgekehrt war, fühlte sie sich bei ihnen oft außen vor. Sie waren im letzten Jahr Freunde geworden, als sie Dumbledores Armee gegründet hatten, und ihr gemeinsamer Widerstand war wie ein goldener Faden, der sie aneinander band. Sie stellte fest, dass das bei allen so war.

Jede Person, die sie ansah, hatte eine Art Faden, der sie mit jemand anderem verband.

Hannah Abbott war zurück nach Hogwarts gekommen, und es gab eine rote Schnur, die ihr Herz mit dem von Neville verband. Hermine war über sie gestolpert, wie sie sich an den Händen hielten, die Gesichter eng aneinandergeschmiegt, flüsternd, als wäre der Rest der Welt nicht da. Zuerst war es ihr schwergefallen, den Blick abzuwenden, so fasziniert und überrascht war sie von der schieren Unschuld dieser Szene gewesen. Dann hatte sie den Blick abgewandt und war weitergelaufen. Die verbliebenen Lehrer waren alle durch eine düstere, graue Linie verbunden, die ausfranste, und Hermine wusste, dass es die schreckliche Schuld war, dass sie viele ihrer Schüler überlebt hatten. Der Anblick von Colin Creeveys verstümmeltem Körper, der im Tod irgendwie kleiner aussah als im Leben, ging ihr öfter durch den Kopf, als sie zugeben wollte. Es traf sie, wenn sie es am wenigsten erwartete, wenn sie ein Buch las oder sich Notizen machte. Manchmal kam es Hermine so vor, als wäre sie die Einzige in der Schule, die Einzige auf der ganzen Welt, die überhaupt keinen Faden hatte.

Jetzt wusste sie, dass das nicht stimmte, denn auch Draco Malfoy hatte keinen Faden.

Sie war überrascht gewesen, ihn in Hogwarts zu sehen, trotz des Geflüsters, das im Zug von Abteil zu Abteil umhergegangen war. Als sie ankam, hatte sich ihr Herz zusammengezogen bei dem Gedanke, die Große Halle sehen zu müssen. Das letzte Mal, als sie dort gewesen war, ist sie voller Blut und Leichen gewesen und auch wenn das jetzt nicht mehr der Fall war, hatte es Hermine dazu veranlasst, sie zu meiden und stattdessen durch das Schloss zu wandern. Wie sich herausstellte, führten ihre Füße sie zu ihrem einzigen Trost, der vom Zorn der Welt unberührt geblieben war: die Bibliothek. Sie schlenderte durch die Gänge, strich mit den Fingern über die Buchrücken der Bücher, die sie auswendig gelernt hatte, und blieb stehen.

Der Schimmer seiner weißen Haare, die nicht mehr nach hinten gekämmt waren, sondern lose und zerzaust in seine Augen fielen, erregte als erstes ihre Aufmerksamkeit. Es war immer das, was den Leuten an ihm auffiel, vielleicht weil es so typisch für einen Malfoy war. Hermine hielt es immer für oberflächlich, sich auf sein Alabasterhaar zu konzentrieren, und obwohl sie zugeben konnte, dass seine Augen sie hin und wieder atemlos gemacht hatten (aus unappetitlicheren Gründen als nur, weil sie hübsch waren), war es das schiefe Lächeln, das sie suchte. Es war selten, und sie war nie der Grund dafür, aber das störte sie auch nicht. Sie fand es lediglich bizarr. Es fiel ihr auf, da man ihm den Anschein menschlicher Gefühle normal abtrotzte, und sie sehnte sich danach und verabscheute es zugleich, denn es machte es gleichzeitig schwerer und leichter, ihn zu hassen.

Und sie hasste ihn wirklich. Hermine erinnerte sich daran, wie sein Kiefer unter ihren Fingerknöcheln geknirscht hatte, an die mitreißende Wut ihrer Faust und an das brennende Gefühl der Abscheu, das sich in der dritten Klasse in ihrem Bauch ausgebreitet hatte. Sie hielt es für ungerecht, dass eine solche Schönheit und ein solcher Intellekt an den geistlosen Rassismus und die Überlegenheit verschwendet wurden, mit denen er als Kind gefüttert worden war.

Doch als sie ihn am 1. September zum ersten Mal seit der Schlacht von Hogwarts gesehen hatte, spürte sie, wie dieser Hass in ihr bröckelte, denn Draco Malfoy war nicht mehr der gleiche bissige, grinsende Junge, als den sie ihn in Erinnerung hatte.

Wo sich die Luft um Harry und Ron erhitzte, war sich Hermine immer sicher, dass sie ein paar Grad kälter wurde, wenn Draco Malfoy einen Raum betrat. Es lag nicht so sehr daran, dass er ein kalter Mensch war, sondern vielmehr daran, dass seine Miene nie einen Funken Wärme ausstrahlte, und die ererbten, marmorartigen Züge seines Gesichts dafür sorgten, dass er eher wie eine Statue aussah als ein lebendiger Mensch. Seine geschmeidige Brust bewegte sich kaum, wenn er atmete, und seine Augen betrachteten alles mit einem Ausdruck von Langeweile und gefühlloser Grausamkeit. Er war unfassbar groß, größer als selbst Ron, mit blasser Haut, die nie errötete, und blonden Haaren, die sich nur dann von äußeren Einflüssen bewegen ließen, wenn der Wind sie durchwehte. Aber was den Leuten wirklich auffiel, waren seine Augen: zwei helle, eisige Gletscher, blauer als der Sommerhimmel, so blau, dass sie sogar die Sonne gefrieren lassen konnten. Was Hermine jedoch wirklich beeindruckte, war die Komplexität unter dem Granit, das Rauschen des Blutes unter der Blässe seiner Haut. Sie hatte ihn letzte Nacht gebrochen gesehen, und auf eine kranke, verdrehte Art wollte sie mehr sehen. Dadurch fühlte sie sich in ihrer eignen Zerrissenheit weniger allein.

Für mich bist du das nicht."

Sie wusste nicht, was sie dazu gebracht hatte, das zu sagen. Hermine wusste, dass sie ein Wimpel für verletzte Welpen und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten war, und obwohl Draco Malfoy nicht sofort wie eines dieser Dinge aussah, bedauerte sie die Worte nicht. Er musste sie hören, und um die Wahrheit zu sagen, hatte der Malfoy-Erbe in dem Moment aufgehört, Lucius Malfoys reinblütiger Sohn zu sein, als seine Tante Hermine an den Haaren gezogen und von Draco verlangt hatte, ihre Identität zu bestätigen, und er sich zu einer Lüge durchgerungen hatte, um ihnen ein paar kostbare Sekunden zu verschaffen. Die violetten Halbmonde unter seinen Augen und die Art, wie er seine Lippen zusammengepresst und geschürzt hatte, um nicht zu schreien oder sich zu übergeben, als das Wort ‚Schlammblut' in ihr Fleisch geritzt wurde, waren Beweis genug dafür, dass dieser Junge nicht derselbe war, den sie vor dem Krieg gekannt hatte.

Sie wusste nicht, wer er war.

Eine der wenigen Freiheiten, die sie als Achtklässlerin genoss, war der separate Raum, der im oberen Teil des Gryffindor-Mädchenschlafsaals eingerichtet worden war und ihr sowohl die von ihr geliebte Hauskameradschaft als auch die von ihr ersehnte Solidarität bot. Hermine holte ihre Uniform raus, die fein säuberlich in ihren Schubladen aufgestapelt war. Erst als sie sich im Spiegel betrachtete und seufzend auf das Vogelnest starrte, das ihr die Nacht beschert hatte, fiel ihr Blick auf die Uhr an der Wand und sie fluchte.

Sie hatte verschlafen.

Und verdammt, sie hatte gewaltig verschlafen.

Sie hatte alle ihre Unterrichtsstunden am Morgen verpasst. Hermine beeilte sich, sich anzuziehen und ihre Tasche für den Nachmittag zu packen, wobei sie es sein ließ, eine Bürste durch ihr Haar zu ziehen, denn wozu sollte das gut sein? Sie schulterte ihre Tasche und band ihre Locken in einen Dutt, zusammen um sie aus dem Gesicht zu halten und zu verhindern, dass sich Vögel darin einnisten, falls sie nach draußen gehen musste.

Zum Glück würde sie rechtzeitig zum Mittagessen kommen, und ihr Magen sehnte sich nach Essen. Sie warf einen kurzen Blick in den Spiegel, verließ das Zimmer und eilte die Treppe hinunter und aus dem Porträtloch hinaus. Das Äußere spielte kaum eine Rolle, wenn man in einem Krieg gekämpft hatte und elf Monate auf der Flucht war.

Obwohl sie erst seit zwei Wochen zurück war, spürte Hermine immer noch, wie sich ihre Füße etwas schneller bewegten, als sie an den Doppeltüren zur Großen Halle vorbeiging, und ihr Atem kam in kurzen Zügen, als sie das Geschnatter und Geklapper hörte, das durch den winzigen Schlitz im Holz drang. Sie hatte sich angewöhnt, ihre Mahlzeiten in der Küche zu essen, obwohl es dort unten viel ruhiger war, seit Dobby weg war. Das sollte nicht heißen, dass es an Hauselfen mangelte. Ganz im Gegenteil, denn McGonagall hatte allen Elfen, die den Todessern gedient hatten, einen Job angeboten. Hermine war immer noch gegen die veraltete Leibeigenschaft, akzeptierte aber, dass es ein Erfolg war, die Elfen mit Dankbarkeit und guten Manieren zu belohnen (was sie wahrscheinlich noch nie erlebt hatten, wenn man sich Lucius Malfoys Umgang mit Dobby vor Augen hält), auch wenn er noch so klein war.

Winky begrüßte sie, sobald sie die Küche betrat, und die anderen Hauselfen blieben stehen und boten eifrig ihre Dienste an. Sie schienen es zu vermissen, einen Menschen persönlich zu bedienen, und es machte Hermine unangenehm froh zu wissen, dass sie ihnen den Übergang erleichterte und dafür sorgte, dass keine anderen Elfen im Alkohol versanken, wie Winky es getan hatte.

„Missus Hermine!", zwitscherte Winky, nahm ihre Hand und führte sie hinüber zu dem kleinen Tisch, den sie immer für sie gedeckt hatten. Dort stand bereits eine Tasse Tee. „Immer pünktlich, Miss. Was kann ich dem Fräulein heute bringen?"

„Nur das Übliche, bitte, Winky.", antwortete Hermine, nahm Platz und schenkte der Elfe ein müdes, aber dankbares Lächeln. „Danke."

„Aber natürlich, Fräulein! Winky wird es ihnen sofort bringen!"

Die Küche brachte sie immer wieder zum Staunen. Sie war gelb und warm, durchtränkt von dem flüchtigen Licht, das aus den kleinen Fenstern an der Decke fiel. Die Wände bestanden aus schiefen goldenen Ziegeln und waren hoch, vielleicht doppelt oder dreimal so groß wie Hermine selbst. In sie waren Kisten mit Lebensmitteln und Fässer mit Getränken eingelassen, und aus den Ritzen wuchsen kleine Kräuter- und Gemüsezweige in Hülle und Fülle. Es gab kleine Türen in der Größe eines Hauselfen, die zu anderen kleineren Küchen und zu dem Raum unter der Großen Halle führten, wo die Tische standen, auf denen das Essen serviert wurde. Es war gemütlich hier unten, und es roch immer nach frischem Brot und Ingwer. Sie würde fragen müssen, ob sie noch Jasmin hatten.

Sie bemerkte, dass die Tasse Tee vor ihr noch halb voll war, und ihre Hand berührte sie zögernd . Sie war noch warm.

„Da bist du ja."

Eine Stimme ließ sie aufschrecken, und Hermine sprang auf, um Ginny zu entdecken, die sie anstarrte. Die Rothaarige setzte sich auf den Stuhl gegenüber, und Winky quietschte, als sie Hermine die Suppe brachte und sich die Hände an ihrer Schürze abwischte, weil sie sich freute, einen weiteren Mund stopfen zu können.

„Hier ist Missus Hermines Suppe! Und Miss! Was kann Winky ihnen bringen?"

Ginny lächelte die Elfe an. „Das Gleiche, bitte. Wenn noch etwas übrig ist."

Winky richtete sich auf. „Ja, Miss! Hier gibt es immer etwas zu essen, Miss! Und wenn nicht, dann machen wir eben mehr!"

Ginnys Augen folgten ihr nach rechts, bis sie in einem der kleineren Räume verschwand, bevor sie sich wieder Hermine zuwandte.

„Du bist wirklich schwer zu finden.", sagte sie amüsiert zu ihr.

Hermine nahm einen Schluck von ihrer Suppe. „Das ist oft der Fall, wenn die betreffende Person nicht gefunden werden will."

Ginny nickte und begann mit einem Rosmarinzweig zu spielen, der sich in der Nähe ihres Kopfes ringelte. Sie sagte leise: „Neville hat gesagt, dass du heute Morgen nicht in Kräuterkunde warst. Und als ich Hannah gefragt habe, hat sie mir gesagt, dass du auch nicht in Zaubertränke warst."

„Ich habe verschlafen."

„Du hast verschlafen?", wiederholte Ginny mit leicht zusammengekniffenen Augen. Hermine nickte und brachte sich mit einem weiteren Löffel Suppe zum Schweigen. „Hermine, ich sage das, weil ich dich liebe, aber du siehst aus, als hättest du seit Wochen nicht mehr geschlafen."

Versuch es mal mit Monaten, wollte sie sagen, hielt es aber für klüger, den Mund zu halten.

Das Gesicht ihrer Freundin war blass vor Sorge, und sie ließ das Kraut fallen, das sie um ihren Finger gewickelt hatte, um Hermines freie Hand zu nehmen. „Ist es –? Hast du Albträume?", fragte Ginny zaghaft. „Wenn ja, gibt es dafür Tränke. Ich weiß, dass Madam Pomfrey einen hat, der sehr gut wirkt –"

„Ich habe es versucht, Ginny.", gab Hermine zu, den Blick auf den Dampf gesenkt, der aus ihrer Schüssel aufstieg, die Stimme noch leiser. „Sie wirken bei mir nicht. Ich habe sie alle ausprobiert."

Ginny schluckte. „Es muss doch etwas geben –"

„Hier auch Suppe für die Missus!" Winky tauchte plötzlich auf und durch ihre Überraschung nahm Ginny ihre Hand von Hermines, um die Schüssel entgegenzunehmen.

„Danke, Winky. Du bist ein Schatz!"

Die Elfe strahlte, verbeugte sich und ging.

„Da ist nichts. Ich habe alles versucht.", versuchte Hermine die Unterhaltung zu beenden.

Ginny presste ihre Lippen zusammen, so dass sie eine Linie bildeten. Zwischen ihren Augenbrauen zeigte sich ein leichtes Stirnrunzeln. „Nun, vielleicht gibt es nichts, was dir beim Schlafen hilft, aber du kannst aufhören, dich vor uns zu verschließen. Wir sind für dich da, Mione. Luna, Neville und ich. Sogar Hannah macht sich Sorgen –"

„Ginny, hör zu. Ehrlich, es geht mir gut –"

„Ist es, weil Harry und Ron nicht hier sind?"

„Ich –" Hermine unterbrach sich. Natürlich vermisste sie sie. Wenn sie nicht an ihrer Seite oder in ihrer Nähe waren, fühlte sie sich, als würde ihr ein Finger oder eine Hand fehlen. Sie waren ein fester Bestandteil von ihr, wie jedes ihrer Gliedmaßen, wie die Haare auf ihrem Kopf oder ihr Herz oder ihre Lunge. „Nein. Ich meine, das macht die Sache sicher nicht einfacher... aber wir brauchen unsere eigene Art zu trauern. Wir müssen mit dem Leben weitermachen."

Ginnys Augen waren scharf, als Hermine ihnen endlich begegnete. Sie war immer scharfsinnig, kam direkt auf den Punkt und war bestrebt, die Dinge so einfach wie möglich zu machen. Hermine konnte sich nicht entscheiden, ob Einfachheit langweilig oder nur der einfachere Weg war.

„Und wie klappt das bei dir?"

Hermine schloss ihren Mund und hielt den Blickkontakt. Sie antwortete leichthin: „Ich glaube, ich komme langsam wieder in Schwung mit dem Lernen –"

Ginny lachte. „Es gibt noch andere Dinge im Leben als Lernen, Hermine. Wie sieht es mit allem anderen aus?"

Schließlich wandte sie den Blick ab, leckte sich über die Lippen, die plötzlich sehr trocken geworden waren, und aß noch mehr von ihrer Suppe. Sie fühlte sich nicht mehr sehr hungrig.

„Gut.", sagte Hermine achselzuckend. Die Suppe schmeckte wie Asche auf ihrer Zunge. „Ganz gut."

Sie fragte sich, ob man ein Wort so falsch verwenden konnte, dass es seine Definition änderte, damit es sich dem eigentlichem Sinn anpasste. Sicherlich, wenn man es oft genug aus dem Zusammenhang gerissen hat. In diesem Fall ging es Hermine überhaupt nicht gut. Und sie konnte beim besten Willen nicht verstehen, warum sie darauf bestand, ihrer besten Freundin ins Gesicht zu lügen, obwohl sie vor Draco Malfoy damit herausgeplatzt war. Vielleicht lag es daran, dass er genau wusste, wie es war, mitten durch die Hölle geschleift zu werden und keine andere Wahl zu haben, als weiterzumachen. Sie fragte sich oft, ob sie jemals wieder herauskommen würde. Das Bild des hellblauen Lichtbandes, das sich um Malfoys bleichen Knöchel gelegt hatte, tauchte vor ihrem geistigen Auge auf, und sie fragte sich, ob auch er jemals wieder herauskommen würde oder ob sie beide zusammen in der Hölle gefangen sein würden.


Ich versuche jeden Mittwoch ein neues Kapitel hochzuladen, nächstes kommt am 21.09.
Vielen Dank fürs Lesen und ich hoffe euch gefällt meine neue Übersetzung!