Ginny sah hilfesuchend zu Iphistra, welche sich keinen Millimeter vom Fleck rührte. Sie konnte ihre beste Freundin nicht einfach so im Stich lassen! Es kam nicht oft vor, dass Iphistra Streit suchte, oder einem Lehrer widersprach, aber bis jetzt war sie auch noch nie in eine derartige Situation geraten. Sie vermutete stark, dass Professor Snape von Anfang an geplant hatte, mit dem praktischen Teil zu beginnen, und sich vorher willkürlich ein Opfer zu suchen.
Wieso will er uns nur immer so fertig machen?
Die anderen Schüler hatten sich bereits brav aus dem Staub gemacht, die Slytherins freuten sich auf das Spektakel was sich gleich abspielen würde, währenddessen die Gryffindors nicht Glauben konnten, wie man sich nur freiwillig so ins Unglück stürzen konnte.
„Professor Snape! Ich habe ebenfalls mit Ginny geflüstert, ich bin also genauso schuldig wie sie, nehmen Sie mich für Ihre Lektion!", dafür hatte Iphistra ihren ganzen Mut aufbringen müssen.
Sein Blick war immer noch auf Ginny gerichtet.
Hat er mich nicht gehört?
Ohne Vorwarnung richtete Snape seinen Zauberstab auf sie und Iphistra wurde ihr eigener Stab so heftig aus der Hand gerissen, dass ihre ganze rechte Hälfte beim Versuch ihn festzuhalten, zur Seite gezogen wurde uns sie nach hinten in ein paar Stühle krachte.
Ein paar geschockte Aufschreie waren von Astoria Greengrass, Ginny und hauptsächlich ein paar anderen Gryffindors zu hören.
Im ersten Moment wusste Iphistra nicht was gerade genau passiert war. Das hatte nichts damit zu tun, dass sie nicht wusste, dass dies eindeutig ein unausgesprochener Entwaffnungszauber war, den Snape ihnen nun zum ersten Mal demonstrieren wollte, nein, viel eher, dass er es gerade wirklich gewagt hatte, ihn ohne Vorwarnung und mit einer solchen Gewalt gegen sie zu verwenden. Grundsätzlich war Iphistra ein sehr friedfertiger Mensch, doch in ihr wurde gerade eine Seite geweckt, die unbedingt zeigen wollte, wie stark sie wirklich war.
Als sie sich aufrichtete, konnte sie das Grinsen von Miles Fletchley, Terence Gates und den restlichen Slytherins sehen. Einige applaudierten sogar. Die Gryffindors starrten derweil mit offenen Mündern und teilweise zornigen Blicken ihren Professor an.
Mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht wandte sich Snape seiner Klasse zu. „Ich hoffe Sie haben alle gut aufgepasst, denn das war gerade Ihre erste Lektion zum Thema unausgesprochene Zauber.", Snape versuchte nicht einmal das Vergnügen, welche ihm diese Vorführung bereitet hatte, vor seinen Schülern zu verbergen.
„Wie Sie sehen konnten, war Expelliarmus ohne Worte genauso stark, wie wenn ich den Zauber ausgesprochen hätte. Es kommt nicht auf den Spruch per se an, sondern wie groß die eigene Willens-…."
Er hatte Iphistra keine Beachtung mehr geschenkt, was sich als großer Fehler seinerseits herausstellte, denn er wurde jäh durch einen Angriff unterbrochen.
Snape reagierte blitzschnell, als ein ebenso stiller Zauber auf ihn zuschoss. Er konterte es mit einem lauten Protego, schoss seinerseits einen Stupor auf die nun hoch konzentrierte Iphistra, welche alleine mit ihrer Willenskraft eine goldene Barriere vor ihr errichtete, die nicht durchbrochen werden konnte.
Wenn er jemanden bloßstellen wollte, hätte er sich nicht Iphistra aussuchen dürfen. Sie hatte von Natur aus eine starke Begabung für Magie, im Gegensatz zu anderen Hogwartsschülern, schaffte sie jeden Zauber und Trank im Hand und Drehen. Sie musste sich nicht anstrengen oder vorher lernen, es kam einfach aus ihrem Innerem. Auch wenn Iphistra es nicht zugeben wollte, aber ihr Stammbaum hatte einen nicht ganz unerheblichen Einfluss darauf.
Ginny wurde von Colin Creevey nach hinten gezogen, um nicht versehentlich Opfer eines Angriffes zu werden. Diese konnte nur wie der Rest der Gryffindors mit ungläubigem Blick dem Spektakel folgen. Iphistra wirkte aus ihrer Deckung heraus noch einen unausgesprochenen Lähmungszauber, und während Snape wie geplant diesen Köder schluckte, schoss sie nur eine Sekunde darauf den nächsten gedachten Expelliarmus. Snape wurde mit einer immensen Wucht nach hinten gegen die schwebende Tafel geworfen. Daraufhin herrschte Totenstille.
Iphistra hatte sich den Fakt zunutze gemacht, dass Professor Snape in keinster Weise damit gerechnet hatte, dass einer seiner Schüler diese Zauber bereits perfekt beherrschte. Wenn sie diesen Überraschungsvorteil nicht gehabt hätte, wäre sie diejenige, die besiegt auf dem Boden liegen würde, daran hatte sie keine Zweifel. Denn in Sachen Erfahrung, war ihr Snape weit voraus.
Jetzt wo das Adrenalin langsam wieder nach ließ, realisierte Iphistra was sie da eigentlich getan hatte, und wappnete sich auf das Donnerwetter.
Ihr Herz pochte vor Aufregung und sie zwang sich langsam ein und aus zu Atmen.
Snape lag auf der zerbrochenen Tafel, stand dann ganz langsam wieder auf und schritt gemächlich auf Iphistra zu. Seine Augen waren vor Zorn so dunkel, dass sie zwei schwarzen Löchern glichen, die sie zu verschlingen drohten.
„Miss Riddle", begann er mit seidenweicher Stimme, „wollen Sie wirklich so unbedingt meine Aufmerksamkeit, dass Sie mich schon attackieren müssen? Haben Sie deswegen heimlich so fleißig geübt, nur um mir zu gefallen?"
Die Stimmung der Slytherins entspannte sich bei diesem Satz so weit, dass ein paar schon wieder den Mut fanden, sie auszulachen.
Er war mittlerweile so nah bei Iphistra, dass sie ihren Kopf in den Nacken legen musste, um in seine Augen sehen zu können.
Wann war das letzte Mal, dass er mich überhaupt angesehen oder angesprochen hat? Sie konnte sich nicht daran erinnern.
Snape bleckte die Zähne. „Drei Wochen nachsitzen! Morgen in meinem Büro um 19 Uhr, ich will Sie heute nicht wiedersehen! Und 50 Punkte Abzug für Gryffindor, für schamloses Entwaffnen ihres Professors!"
Nachdem er sich Iphistras Gesicht noch etwas genähert hatte, flüsterte er so leise, dass ihn niemand außer ihr hören konnte: „Wenn ich mit Ihnen fertig bin, werden Sie sich wünschen, nie geboren worden zu sein."
Sie konnte seinen Atem auf ihrer Wange spüren und fing bei dem letzten Satz an zu zittern. Iphistra versuchte den Blickkontakt nicht abzubrechen, sie wollte ihm nicht die Genugtuung geben zu wissen, wie viel Angst er ihr wirklich machte. Als er letzten Endes weg sah blies Iphistra die Luft aus, die sie unbewusst angehalten hatte. Florence Attman, Anthony Williams und andere Gryffindors fingen leise an zu Murmeln. Der erste Schultag und bereits so im Punkteminus!
„Ruhe! Die Stunde ist zu Ende, machen Sie, dass Sie sofort aus meinen Augen verschwinden!", brüllte Snape nun zornig den Rest der Klasse an. Mit dem Schlenker seines Zauberstabes verschob er die Möbel ungeachtet dessen, ob er damit Schüler umwarf. Mit wehendem Umhang drehte er sich um, ohne Iphistra noch eines Blickes zu würdigen und verschwand hinter einer Tür, am anderen Ende des Raumes, welche nur für das Lehrpersonal zugänglich war.
Während die meisten schon hektisch aus dem Raum verschwunden waren, blieben Ginny, Colin und Anthony noch bei Iphistra, welche sich keinen Millimeter vom Fleck bewegt hatte. Sie begriff immer noch nicht, wie schnell die Situation so eskalieren konnte. Sie hatte schon einiges von ihrer Schwester, Ginnys Bruder Ron, Hermine und Harry gehört, auf die Snape es ganz besonders abgesehen hatte, aber in all den Jahren war sie immer verschont geblieben. Der Schreck saß ihr in allen Gliedern, als die Realisation über ihr hereinbrach, dass sie jetzt drei Wochen mit dem Professor verbringen musste, bei dem nur ein Satz gereicht hatte, um den Zauberstab gegen sie zu erheben.
„Alles in Ordnung bei dir Iphis? Das war ja gerade echt heftig.", Ginny kam auf Iphistra zu und umarmte sie.
Auch Anthony und Colin kamen näher.
„Ich muss zugeben am Anfang war ich wütend auf dich, weil du dich gegen Snape widersetzt hast, und wir alle wissen ja zu was genau das führt. Da muss man Zähne zubeißen und die Meinung für sich behalten, egal wie sehr er versucht zu provozieren. Aber als er dich dann einfach ohne Vorwarnung verhext hat, hast du mir nur noch leidgetan. So ein Arsch"
„Danke Anthony für deine aufmunternden Worte.", sagte Iphistra, die sich schon langsam wieder erholte.
Colin tapste von einem Fuß auf den anderen.
„Jetzt ist er wieder mal zu weit gegangen, und das schon am ersten Schultag! Wenn ich du wäre, würde ich mich bei Dumbledore beschweren."
„Das würde nichts bringen, weil ich ihn leider unüberlegt zurück angegriffen habe." Iphistra ärgerte sich über sich selbst. Colins Einfall wäre der sicherere Weg gewesen.
Ginny schüttelte den Kopf.
„Ich finde das hast du gut gemacht Iphis! Er hats nicht anders verdient! Der Mann braucht Kontra, man darf sich nicht alles gefallen lassen."
„Und die drei Wochen Nachsitzen waren komplett überzogen, so wütend habe ich ihn schon lange nicht mehr gesehen.", Anthonys Gesicht verzog sich bei dem Gedanken.
Iphistra nahm sich ihre Schulbücher in die Hand und sah zu den anderen, die ebenfalls bereit waren zu gehen.
„Und ihr seid mir gar nicht böse wegen den 50 Punkten?"
„Natürlich nicht! Ich bin froh, dass du mir geholfen hast, sonst hätte er mich als sein Versuchskaninchen benutzt!", sagte Ginny vehement.
„Naja nur am Anfang, aber ist doch klar, dass Snape uns mit dieser Aktion nur gegeneinander aufhetzen will. Wir müssen doch zusammenhalten!", stimmte auch Anthony bei und ging schon mal voraus auf den Gang.
„Schon komisch, dass er zuerst nur Ginny bestrafen wollte und dich komplett ignoriert, und als du dazwischen gegangen bist, sofort ausgerastet ist.", warf Colin ein, als sie zu viert Richtung großer Halle gingen.
„Das ist mir auch schon aufgefallen!", pflichtet Ginny ihm bei.
Iphistra sah stur gerade aus und ignorierte die anderen Schüler, die bereits hinter hervorgehaltenen Händen tuschelten und in ihre Richtung sahen. Das war natürlich wieder gefundenes Fressen. Die Slytherins hatten es anscheinend nicht mehr erwarten können, die Geschehnisse in ganz Hogwarts zu verbreiten. Eigentlich war sie so etwas aufgrund ihrer Familiengeschichte schon gewohnt, und bisher hatte es auch noch niemand gewagt, Iphistra direkt auf irgendeine der Gerüchte anzusprechen.
„Deswegen habe ich Professor Snape ja darauf angesprochen, ich hätte nie damit gerechnet, dass ich aus dieser Sache mit drei Wochen Nachsitzen wieder herauskommen würde. Ich weiß auch nicht wie ich mich morgen verhalten soll, wenn ich zu seinem Büro gehen muss."
Iphistra kaute nervös an ihren Fingernägeln, eine ungute Eigenschaft, die immer dann hervortrat, wenn sie Ablenkung von negativen Gedanken brauchte.
Ginny sah sie von der Seite aus mitleidig an.
„Du schaffst das schon, die Wochen werden nur so verfliegen, wie immer in Hogwarts. In Zukunft werden wir auch so unauffällig wie möglich in Verteidigung gegen die Dunklen Künste sein, um ihm ja keine Angriffsfläche mehr zu bieten."
Anthony legte Iphistra beruhigend seine Hand auf die Schulter.
„Da hilft kein Grübeln, die alte Fledermaus war einfach schlecht gelaunt und wollte wieder mal an uns Gryffindors seine Wut ablassen, dass hat nichts mit dir persönlich zu tun."
Da mussten sie alle lachen. Iphistra fühlte sich schon wieder etwas besser.
„Du warst einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.", warf auch Colin ein.
„Danke!", sie lächelte die anderen an, „Aber wo müssen wir jetzt eigentlich hin?"
Vor der großen Halle angekommen, blieben sie stehen und stellten sich im Kreis auf. Ginny kramte in ihren Büchern und Heften nach dem Stundenplan.
„Da ist er ja! Wir haben nur noch Geschichte der Zauberei, und dann sind wir für heute erlöst!"
„Der Tag war auch heute echt schon lang genug, es ist ja schon fast fünf Uhr! Da wird es schon Zeit fürs Abendessen."
„Du denkst auch nur ans Essen Iphis!", lachte Anthony.
„Nach dem Schrecken heute, habe ich mir das auch eindeutig verdient."
„Da der Miesepeter Snape die Stunde früher beendet hat, müssen wir uns Gott sei Dank nicht so hetzen.", sagte Ginny mit einem Augenrollen.
Es war gerade nicht so viel los wie normalerweise in Hogwarts, weil die meisten Schüler noch in ihren Klassenräumen saßen, worüber sich Iphistra gerade besonders freute. Sie würde sich noch früh genug dem Tumult stellen müssen, spätestens beim Abendessen war immer die Hölle los.
Die vier Freunde setzten sich trotzdem in Bewegung. Anthony und Colin gingen voraus die wandelnden Treppen in den hinauf, dicht gefolgt von Ginny und Iphistra, als ihnen plötzlich Lucius Malfoy entgegenkam.
„Was macht der denn hier?"
Iphistra konnte spüren, wie sich Ginny neben ihr versteifte. Seit dem Vorfall mit dem Tagebuch vor ein paar Jahren, verabscheute sie ihn regelrecht.
„Vielleicht ist er wegen Draco hier.", antwortete Iphistra.
„Er sollte in Askaban sein, nachdem was er Anfang Sommer im Ministerium abgezogen hat!"
Ginny sah aufgebracht zu ihrer Freundin.
Iphistra konnte ihre geballten Fäuste sehen.
Mr. Malfoy ging ohne die Schüler auch nur eines Blickes zu würdigen an ihnen vorbei, er wirkte hochmütig wie immer.
Als er außer Sichtweite war, sah Iphistra in Ginnys wütende Augen.
„Komm lass uns das vergessen, es reicht schon, wenn Snape uns Sorgen bereitet. Malfoy werden wir hier so schnell nicht mehr über den Weg laufen."
„Das will ich auch hoffen", war das letzte was Ginny sagte, bevor sie das Klassenzimmer erreichten.
Wie versprochen das zweite Kapitel, diesmal etwas länger. Im nächsten Kapitel trifft Iphistra dann endlich alleine auf Snape. Und Ginny wird Lucius Malfoy zu ihrem Leidwesen auch nicht zum letzten Mal gesehen haben. Ich hoffe es hat euch gefallen!
