AN: Danke wie immer an meine wundervolle Beta Anne und meine Schwester fürs Korrekturlesen!
Disclaimer: Harry Potter und seine Charaktere gehören JKR. Diese Geschichte gehört Jewels5. Dies ist eine genehmigte Übersetzung.
Kapitel 4 - „Eine Erkenntnis"
Oder
„One-Night-Stand"
Im Jahr 1976 machte Marlene Price zweimal mit dem gleichen Jungen Schluss.
Im Jahr 1976 sagte Adam McKinnon „Ich liebe dich." Zweimal.
Im Jahr 1976 verlobte sich Alice Griffiths, Carlotta Meloni bekam einen Freund, Sirius Black machte einen riesigen Fehler und Severus Snape mindestens zwei.
Im Jahr 1976 verliebte sich Donna Shacklebolt. Irgendwie.
Im Jahr 1976 heiratete Petunia Evans, Remus Lupin tötete beinahe jemanden, Alphard Black verließ Hogwarts, Frank Longbottom hatte eine Erkenntnis; Mary Macdonald hatte sie nicht und Peter Pettigrew gab einen sehr, sehr guten Ratschlag.
Im Jahr 1976 hörte James Potter auf zu rauchen.
Im Jahr 1976 verliebte sich Lily Evans.
Aber mehr dazu später.
(Eine Frau alleine)
Scheiße.
Scheiße, scheiße, scheiße.
Das wiederholte Donna Shacklebolt - laut und in ihrem Kopf - in ihren ersten wachen Minuten am 12. Januar. Als sie aus dem Bett kletterte, stolperte sie über die Schuhe, die sie irgendwie in der Nacht zuvor geschafft hatte auszuziehen („Verdammte Scheiße! Mein Zeh!"), sah auf ihren Wecker („Scheiße - ich bin zu spät! Ich muss heute zurück zur Schule! Habe ich gepackt? Scheiße!"), schnappte sich einen Umhang vom Boden („Wo zur Hölle ist mein verdammtes T-Shirt?") und stolperte in das anliegende Badezimmer („Heilige Scheiße, ist das hell hier!")
Jeder Teil ihres Körpers tat weh, als sie zum Waschbecken torkelte und den Wasserhahn aufdrehte. Sie ließ kaltes Wasser über ihre Hände fließen, während sie sich in dem Versuch, sich zu sammeln, über den Waschbeckenrand krümmte.
„Ich trinke nie wieder", krächzte die Hexe ihrem halbtoten Spiegelbild entgegen. „Ich werde Wodka nie wieder anschauen und ich werde nie wieder darüber nachdenken... nachdenken... nachdenken..." Aber sie beschloss, diesen Satz nicht zu beenden, sondern zur Toilette zu eilen, den Deckel hochzuklappen und ihren Mageninhalt in die Kloschüssel zu entleeren.
„Oh-Gott-ich-werde-Kingsley-töten", stöhnte sie ein paar Minuten später, während sie sich hochstemmte. Sie hatte den Wasserhahn nicht zugedreht und ließ jetzt wieder einmal Wasser über ihre Hände laufen. „Warum zur Hölle habe ich zugestimmt zu dieser blöden Party zu gehen? Warum zur Hölle habe ich zugestimmt, sechs Wodka- Shots zu trinken?" Sie spritzte sich Wasser ins Gesicht. „Warum zur Hölle habe ich..."
Donna blickte ihrem triefend nassen Spiegelbild in die Augen. Langsam begannen die Farbfetzen, ihre einzige Erinnerung an letzte Nacht, Gestalt anzunehmen. Langsam begann sie sich zu erinnern. Und da erkannte sie etwas.
„Oh, scheiße."
(Rückkehr und Reue)
Der Hogwartsexpress erreichte wie üblich den Bahnsteig in Hogsmeade gegen sieben Uhr. Lily war die gesamte Fahrt über bei Mary Macdonald und einer Handvoll von Marys Verehrern gewesen, da Donna mysteriöser Weise den ganzen Tag abwesend gewesen war.
„Vielleicht hat sie den Zug verpasst", schlug Mary vor, als die beiden Mädchen auf den Bahnsteig traten und in der Januarluft zitterten.
„Ich hoffe nicht", sagte Lily. „Obwohl ich schätze, dass sie immer noch nach Hogsmeade flohen könnte. Aber trotzdem.."
„Da ist Marlene", bemerkte Mary, die ihre Freundin auf der anderen Seite des Bahnsteigs entdeckt hatte. „Hey, Mar! Marlene!"
Die Blonde eilte hinüber und umarmte ihre zwei Freundinnen. „Ich habe euch vermisst!" verkündete sie mit klappernden Zähnen. „Frohes neues Jahr!"
„Frohes neues Jahr." sagte Mary. „Bist du gekommen um uns zu treffen? Das ist süß."
„Ich bin gekommen um Miles zu treffen."
„Hmm, du bist ja mal eine Freundin."
„K-k-können wir bitte aus dieser Kälte raus?" stotterte Lily, die ihre in Fäustlinge eingepackten Hände rieb.
„Ich stimme zu", stimmte Mary zu. „Komm schon, Mar."
„Ich warte auf Miles", erinnerte Marlene sie in einem Singsang. „Wo ist Donna?"
„Gute Frage", sagte Lily. „Wir haben sie nicht auf dem Gleis gesehen und sie ist nicht ins übliche Abteil gekommen. Wir haben so ziemlich den ganzen Wagen überprüft, aber wir konnten sie nicht finden."
„Wir vermuten, dass sie den Zug verpasst hat", informierte Mary ihre Freundin.
„Tja und wenn," sagte Marlene, „dann ist sie nicht hergefloht."
„Komisch", murmelte Lily. „Ich frage mich, ob..." Aber dann erblickte sie etwas, was sie wieder frei atmen ließ. „Oh, da ist sie! Donna! Hey, Donna!"
Donna stieg in der Tat aus dem Zug, mit einem missmutigen Gesichtsausdruck auf ihrem Gesicht. Sie nickte Lily zu und begann auf die Gruppe zuzugehen.
„Wo warst du heute?" fragte Mary. „Wir haben dich gesucht."
„Ich hab mich nicht so gut gefühlt," antwortete Donna. „Ich hab in einem leeren Abteil am Ende des Zugs geschlafen."
„Geht es dir gut?" fragte Lily besorgt. „Du siehst nicht gut aus. Du solltest dich ins Bett legen..."
„Mir geht's gut", sagte Donna kurz. Mary begann zu lachen.
„Ich weiß, was mit dir los ist - du warst letzte Nacht auf Charlie Plex' Party zum Ferienende, oder? Die sind immer alkohollastig! Du hast einen Kater."
„Oh, Don, du warst nicht wirklich auf Charlie Plex' Party, oder?" wollte Lily halblachend wissen. „Die sind so... für Fünftklässler."
„Wirklich?" sagte Marlene. „Ich denke, wir waren zu cool für die als Fünftklässler. Wir waren wahrscheinlich selbst als Drittklässler zu cool für die."
„Haut ab", fuhr Donna sie an und verschränkte die Arme (hauptsächlich wegen der Kälte) und sah niemandem in die Augen. „Kingsley hat mich gezwungen. Und es waren jede Menge Sechstklässler da... unter anderem Charlie Plex..."
„Es ist in Ordnung", tröstete Mary sie, „ich war mal auf einer Party der Plex Jungs gewesen. Da habe ich zum ersten Mal Feuerwhiskey getrunken. Oi - schaut, da ist Martin. Er hat mir ein schönes Weihnachtsgeschenk geschickt... ich sollte mich wirklich bedanken. Bis nachher im Schlafsaal. Und Don, ich will Details..." Mary ging und gleichzeitig näherte sich Miles Stimpson der Gruppe.
„Hi, Marlene", sagte er und schlang einen Arm um ihre Schultern.
„Hi Miles. Frohes neues Jahr!" Sie küssten sich - länger als sonst, wie es schien und Lily verlagerte nervös ihr Gewicht, während sie darauf wartete, dass die zwei fertig waren. Als das Paar sich voneinander löste, sah Marlene vage überrascht aus, aber lächelte trotzdem. „Was ist los?"
„Nichts ist los", sagte Miles. „Ich freue mich bloß, meine Freundin zu sehen."
„Tja, ich freue mich auch, dich zu sehen", sagte Marlene, sich an ihn kuschelnd. „Ey, rate mal, was: Donna war auf Charlie Plex' Party zum Ferienende."
Miles sah Donna mit erhobenen Augenbrauen an. „War sie das? Das ist interessant... hoffe, du hast nichts getan, was du bereuen könntest... diese Partys haben einen Ruf." Er zwinkerte. „Komm, Marly, es ist eisig - lass uns zum Schloss hochgehen."
Das Pärchen ging; als sie weg waren, klopfte Lily ihrer Freundin liebevoll auf die Schulter. „Mach dir nichts draus, Donna. Wir sollten deine Sachen suchen, damit du ins Bett kannst, ja?" Als Lily begann in Richtung der Gepäckhaufen zu gehen, blieb Donna jedoch stocksteif stehen. „Don, was ist los? Geht es dir gut?"
Donna sah ihre Freundin an, als ob sie aus einer Trance erwachte. „Lily, ich - ich bin mir nicht sicher, aber... ich glaube, ich habe mit Miles geschlafen."
(Dreiundzwanzig Stunden zuvor)
Donna ging zu ihrer Party. Sie kam zu spät, wie sie wusste, dass sie es sollte und das Mädchen an der Tür schien genügend überrascht sie zu sehen. Bis jetzt waren alle Erwartungen an den Abend erfüllt.
Im großen Hauptraum war es voll, laut durch plaudernde Schüler und drückend durch verschiedene, sich nicht ergänzende Gerüche. Eine Stunde: sie würde eine Stunde bleiben und dann nach Hause flohen, so schnell du „Zeitverschwendung" sagen konntest.
„Donna Shacklebolt," sagte eine Stimme verwundert, als die Hexe sich auf den Weg zu einem Tisch in der Ecke machte. Der Tisch hatte ihr Interesse größtenteils deshalb geweckt, da auf ihm eine große Schüssel Punsch stand, die - wenn man den Gerüchten über die Partys der Plex Jungs Glauben schenkte - jede Menge Alkoholgeschmack versprach. Donna drehte sich um um zu sehen, wer sie angesprochen hatte und entdeckte, dass der der Gastgeber selbst war - ein Ravenclaw in ihrem Jahrgang mit rotbraunen Haaren und Sommersprossen, der Charlie Plex hieß.
„Ja," stimmte sie zu, verärgert und doch seltsamerweise erfreut über sein verblüfftes Gesicht.
„Ich habe nicht erwartet, dich hier zu sehen," antwortete der Gastgeber, obwohl er nicht unzufrieden schien.
„Du hast mich eingeladen und ich habe dir eine Eule geschickt, dass ich komme," sagte sie verwirrt.
„Ich dachte, das wäre ein Witz."
„Warum würde ich darüber Witze machen?" Ohne eine Antwort abzuwarten, fügte sie kurz hinzu: „Willst du, dass ich gehe? Das mache ich nur zu gerne, glaub mir." Sie wollte nicht unbedingt beichten, dass sie hier war, weil ihr Bruder glaubte, dass sie kein Sozialleben hatte, aber wenn es darauf ankäme, würde sie das tun.
„Nein", sagte Charlie. „Nein, bitte bleib. Bedien dich doch mit..." Er warf einen Blick auf den Tisch hinter ihr: „... Punsch."
„Das habe ich vor."
Donna bediente sich. Sie bediente sich dreimal direkt hintereinander, was dem Ravenclaw die Kinnlade herunterklappen ließ. „Hast du vor, ein bisschen langsamer zu machen?" fragte er. Ihn wütend anstarrend schüttelte Donna den Kopf. „Wenn das so ist, werde ich in einer Stunde wieder nach dir suchen."
Er begann zu gehen.
„Viel Glück damit," murmelte Donna, ihre Augen verdrehend, als sie einen weiteren „Punsch" herunterkippte.
Nur eine Stunde... sie musste bloß eine Stunde dableiben...
(Gegenwart: Familienangelegenheiten)
„Der Verräter kehrt zurück", bemerkte Sirius, als sich James auf sein Bett fallen ließ.
„Du bist nicht wirklich sauer, weil ich mich entschieden habe, über Weihnachten heimzugehen, oder?" fragte James augenrollend. „Ich weiß, dass wir gesagt haben, dass wir alle bleiben, aber..."
„Nö, wir hatten mehr Spaß ohne dich", versicherte Sirius ihm. „Du verdirbst Peter immer die Laune. Er hat mir gesagt, dass er froh war, dass du nicht geblieben bist."
„Lüg nicht, Padfoot", sagte Peter verteidigend. „Das habe ich nicht gesagt."
„Hat er", sagte Sirius lautlos.
„Andere Neuigkeiten", sagte Remus, der am Schreibtisch saß und durch die Zeitung blätterte. „Sirius hat drei verschiedene Räume und mindestens zwei Stühle in die Luft gejagt."
„Das ist ein fantastischer neuer Spruch, den ich gefunden habe, Prongs", führte Sirius enthusiastisch auf. „Und technisch gesehen, Moony, waren es nur zwei Räume. Zwei Räume und ein Besenschrank."
„Filchs Besenschrank", erzählte Peter James, der gebührend beeindruckt war.
„Die Decke ist immer noch angesengt," sagte Sirius stolz. „Ich zeig dir's später... ich habe überlegt, es mal mit seinem Schreibtisch zu versuchen."
„Tja, ihr hier hattet eine viel interessantere Zeit als ich", erklärte James. „Sobald du bei einer Person im Haus gewohnt hast, Padfoot, gewöhnen sie sich irgendwie daran, dass ab und zu Dinge explodieren oder verschwinden... ich hatte vergessen, wie langweilig meine Eltern sind."
„Ja", sagte Sirius. „Aber ich wette, es gab eine gute Ausbeute in diesem Jahr."
„Exzellent. Dad hat versucht, es wieder gutzumachen. Ratet, wer das neue Besenmodell von Nimbus hat..."
„Keine Scheiße", staunte Sirius sich aufrichtend. „Wirklich?"
James nickte. „Du kannst ihn gerne mal ausprobieren, wenn du versprichst, es nicht mit der Peitschenden Weide zu versuchen... ich will der erste sein, der das mit dem neuen Besen macht."
„Abgemacht." stimmte Sirius zu. Er zog eine Schachtel Zigaretten aus den Taschen seines Mantels. „Kippe?"
James schüttelte den Kopf, worauf Sirius mit den Achseln zuckte und sich eine Zigarette anzündete.
„Ich wünschte, du würdest nicht drinnen rauchen", murrte Remus und als Sirius begann, die Tat zu rechtfertigen, rollte sich James aus dem Bett und nahm die jetzt vergessene Zeitung.
„Habt ihr von diesen Schmugglern gehört?" wollte James wissen, obwohl ihm keiner zuhörte. „Sieht aus, als ob auch ein weiterer Auror angegriffen wurde. Wisst ihr, ich finde es seltsam, dass sie nicht getötet wurden."
„Tja, vielleicht, Moony, wenn du nicht so ein psychotischer Ordnungsfreak wärst..."
„Nur weil ich nicht überall auf dem Boden Asche will, heißt das nicht, dass ich ein psychotischer Ordnungsfreak bin."
„Aber das heißt, dass du psychotisch bist. Außerdem gibt es Hauselfen."
„Padfoot, das ist doch typisch du... wir haben die Pflicht, diesen Raum ordentlich zu halten."
„Tja, das haben wir verdammt noch mal vermasselt."
„Vielleicht habt ihr drei das, aber ich nicht... und ich bin nicht psychotisch!"
„Oh, ich hab euch Idioten vermisst", sagte James sarkastisch. Peter grinste, durchquerte den Raum und setzte sich neben James. „Die neue Liste von bekannten Todessern ist draußen", beobachtete der Anführer der Rumtreiber, der die Seite überflog. „Sardocius Rosier hat offiziell seine Unterstützung für Voldemort ausgesprochen... keine Überraschung. Vlad Ivonovna in Verbindung mit dem Meadowes-Mord... Weißt du, Pete, wenn ich im Ministerium wäre..." Er hielt inne.
„Was?" fragte Peter, der über James' Schulter auf die Zeitung sah. „Was ist los, Prongs?"
„Logan Harper", sagte James langsam. „Wir kennen einen Logan Harper, oder?"
„Ja... er ist ein paar Jahre älter als wir. Er ist Luke Harpers..."
„Älterer Bruder, richtig. Helles Haar, hat Quidditch gespielt, hat eine kurze Zeit lang Narcissa Black gedatet?"
„Wer hat Narcissa gedatet?" fragte Sirius aufhorchend.
„Logan Harper?"
„Oh", Sirius nickte. „Ja, das stimmt. Es ist aber seit längerer Zeit Schluss. Wartet - warum reden wir darüber?"
James reichte ihm die Zeitung. „Ratet, wer es auf die Liste der verdächtigten Todesser geschafft hat."
(Ein langes Abendessen)
„Wie zur Hölle meinst du das, dass du mit Miles geschlafen hast?" fuhr Lily Donna fast zwei Stunden später an, als die Mädchen endlich alleine waren. Das Abendessen war Lily noch nie so lange erschienen. Jetzt beenden sich die zwei Sechstklässler in einem verlassenen Korridor abseits vom Weg zum Schlafsaal; Lily hatte Donna beiseite gezogen um eine Erklärung zu bekommen, während die anderen weg waren.
„Ich bin mir nicht sicher," sagte Donna panisch. „Ich war letzte Nacht sehr, sehr betrunken... ich kann mich an nichts erinnern, außer an Teile und Stückchen und... ich bin mir ziemlich sicher, dass da eine Ziege auf der Party war. Warum in aller Welt wäre eine Ziege auf..."
„Donna, das ist nicht der richtige Zeitpunkt um goldig zu sein", unterbrach Lily. „Erzähl mir alles, woran du dich erinnern kannst. Jetzt."
Sich sammelnd durchforstete Donna ihre Erinnerungen nach etwas Konkretem. Sie erinnerte sich, in einem Raum gewesen zu sein - einem großen, überfüllten, lauten Raum... und Alkohol war definitiv im Spiel gewesen. „Miles war auf der Party," begann sie langsam. „Er war da... ich habe ein wenig mit ihm geredet... wir haben in dieser Ecke gesitzt... da war ein Kanadier und dann nicht mehr... und ich war... ich habe etwas über... Alte Runen gesagt."
„Du hast dich über Alte Runen unterhalten, als du stockbetrunken warst?"
„Anscheinend. Ja, ich habe... ich habe definitiv über Alte Runen geredet."
Lily verschränkte die Arme. „Und wie genau hat das dazu geführt, dass du den Freund deiner Freundin gevögelt hast?"
„Wenn ich das wüsste," murmelte Donna. „Ich weiß... ich weiß nur, dass ich Sex hatte. Sex hatte ich auf jeden Fall. Das weiß ich. Ich weiß nicht, wer es war... ich bin mir zu neunundneunzigundeinhalb Prozent sicher, dass die Person männlich war."
„Tja, dann kann es nicht so gut gewesen sein."
„Auch hier: wenn ich das wüsste. Aber... hast du gesehen, wie sich Miles am Bahnsteig verhalten hat? Als ob... als ob er etwas wüsste... so liebevoll zu Marlene und..."
„Er hat sich wie ein Arsch verhalten," stimmte Lily zu. „Aber er verhält sich immer wie ein Arsch. Scheiße, ich kann nicht glauben, dass du mit ihm geschlafen hast... und nicht bloß, weil er der Freund deiner Freundin ist; er ist bloß ein Werkzeug."
„Zuallererst," sagte Donna. „Marlene ist meine Zimmergenossin... sie ist nicht meine Freundin. Wir flechten uns nicht gegenseitig die Haare und klatschen über die süßen Jungs, die wir mögen und..."
„Donna," unterbrach Lily ungeduldig. „Sich so zu verhalten, als ob dir Marlene nichts bedeutet, wird das hier nicht rückgängig machen, okay? Du musst das in Ordnung bringen." Sie drehte sich auf dem Absatz um und lief in Richtung Schlafsaal.
Das in Ordnung bringen.
Wie zur Hölle sollte sie das tun?"
(Sechsundzwanzig Stunden zuvor)
„Shacklebolt?" fragte eine Stimme, aber zu dem Zeitpunkt waren da viele Stimmen und sie war sich nicht ganz sicher, von woher diese stammte. Donna sah sich um, wobei sie den Zauberer mit kanadischen Akzent an ihrem Ellbogen ignorierte; er war schon seit einer gefühlten Ewigkeit da und wurde langweilig.
„Miles Stimpson", Donna erkannte den Freund ihrer Zimmergenossin. „Was machst du hier?"
Der Ravenclaw schob sich durch mehrere Jungs, die Donna zu dem Zeitpunkt umgaben. „Was machst du'n hier?" schoss er zurück, amüsiert über ihre rote Augen (seine eigenen waren alles andere außer klar) und ihre entspannte Haltung im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das war äußerst un-donnahaft.
„Trinken," antwortete sie einfach. Sie nahm einen demonstrierenden Schluck von dem besagten Becher. Mehrere ihrer Begleiter fanden dies lustig - aber deren Augen wurden auch so langsam rot. „Viel."
„Das kann ich seh'n", sagte Miles. Er stolperte ebenfalls auf einen Platz auf dem Sofa.
„Du bist ein Arsch, weißt du", informierte Donna ihn.
„Du bist 'ne angsteinflößende Schlampe, " antwortete Miles. „Obwohl..." und er rückte dichter, „im Moment bist du nich' so angsteinflößend... und deine Freunde schein'n das gemerkt zu haben."
„Ich bin betrunken", informierte Donna ihn, während sie in ihren leeren Becher starrte. „Meine Lippen sind taub. Ich könnte mit ihnen immer noch jemanden töten." Mit einem eisigen Lächeln zu dem Kanadier: „Oder?" Aber bevor er antworten konnte, schloss sie ihre Augen und atmete aus: sie war betrunken, sie war umgeben von idiotischen Jungs, die hofften, diese Tatsache auszunutzen... jetzt war eine gute Zeit um abzuhauen. „In Ordnung. Alle raus. Jetzt." Es dauerte eine gute Minute sie zu überzeugen, aber als sie ihren Zauberstab zog und einen Teil des Teppichs vor ihr verbrannte, glaubten sie ihr.
Wieder alleine schloss Donna die Augen. Sie trank ihren Becher aus. Ich muss gehen, bevor ich etwas Dummes mache.
Als sie ihre Augen öffnete, bemerkte Donna jedoch, dass sie nicht wirklich alleine war. Miles, dessen Kopf im vagen Rhythmus des Lieds im Hintergrund wippte, war auf dem Sofa geblieben.
„Ich habe gesagt, raus", wiederholte sie. Er sah sie an, bewegte sich nicht - wahrscheinlich, weil er schon zu voll war, um sie zu verstehen. „Du bist so ein Arsch", wiederholte sie und blickte wieder in ihren leeren Becher.
„Warum?" wollte er schmollend wissen.
„Du bist alles, was ich an einem Kerl hasse... aufgeblasen, ein Arsch zu deiner Freundin..."
„Ich bin kein Arsch zu Marlene."
„Doch, bist du."
„Bin ich nich - und was kümmert's dich?"
Das traf Donna in einer seltsamen, unbeschreiblichen Art. „Es kümmert mich nicht", protestierte sie unbehaglich. „Ich hasse einfach Kerle, die denken, dass sie so toll sind, dass sie das Recht haben, auf ihrer Freundin rumzutrampeln. Es ist nicht speziell wegen Marlene, einfach... einfach, die Art, wie du bist, macht mich krank."
Miles runzelte die Stirn. „Was-meins-du?" lallte er. „Es is nicht wegen Marlene? Sie's doch deine Freundin, oder?" Er kicherte.
„Marlene ist nicht meine Freundin", fuhr Donna ihn an, die sich plötzlich erschreckend nüchtern fühlte. Sie packte den nächstbesten Becher und leerte seinen Inhalt. „Marlene ist meine Zimmergenossin."
„Marlene is nich' deine Freundin?" wiederholte der Ravenclaw ein wenig ungläubig. „Wer is dann deine Freundin?"
Donna hatte darauf eine Antwort. „Lily."
„Nur Lily?"
„Nur Lily."
„Blöd."
„Es ist nicht blöd. Ich will keine Freunde."
„Oh." Nach einer langen, alkoholgetränkten Stille fuhr Miles fort: „Also is Marly n-nich deine Freundin?"
„Nein", sagte Donna brüsk. Sie nahm und leerte einen weiteren Becher vom Tisch.
(Gegenwart: Ein kleiner Schritt)
„Du kannst das."
Alice Griffiths kämpfte in ihrer Magengrube mit den schlimmsten Gefühlen: als ob sie kurz davor war, sich komplett lächerlich zu machen. Sie war davor sich total zu blamieren und würde sehr bald die nächsten zwei Monate in ihrem Schlafsaal verbringen und versuchen über die Scham hinwegzukommen. Das war, wie sie dachte, wohin dies führen würde.
„Du kannst das", flüsterte sie wieder zu sich. Aber die Siebzehnjährige glaubte es nicht und das enttäuschte sie noch mehr. „Du willst Auror werden, um Gottes Willen. Du kannst das, Alice Geraldine Griffiths."
Und damit tat sie es.
Sie machte einen Schritt - ein Schritt unbedeutender Länge, bloß die Entfernung zwischen der untersten Stufe der marmornen Treppe und dem Steinboden der Eingangshalle. Aber sie ging die letzte Stufe hinunter und hielt nicht an. Sie ging mit erhobenem Kopf direkt durch den Raum und in die Große Halle.
Es fühlte sich gut an.
„Wahnsinn", staunte Donna Shacklebolt, als Alice ihr gegenüber Platz nahm. „Alice, du siehst... komplett anders aus."
Alice wusste es auch. Ihr Haar, normalerweise eine schmutzige blonde Farbe, das sonst in engen Locken zu ihren Schultern reichte, war jetzt perfekt glatt und fiel in ruhigen, flachsblonden Strömen über ihre Schulterblätter. Die Hexe trug zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit Makeup und es stand ihr gut: Maskara, Lidschatten, Lipgloss und Rouge. Ein bleicher Teint und ungezähmtes Haar gehörten jetzt der Vergangenheit an.
„Du siehst wundervoll aus", verbesserte die ebenfalls anwesende Lily Evans und schoss Donna einen bösen Blick zu. „Was ist passiert? Äh... nicht, dass du nicht schon immer wunderschön warst, weil das warst du, es ist bloß..."
„Ich weiß", unterbrach Alice. „Ich verstehe." Als sie lächelte, sah sie - ganz kurz - wie die alte Alice aus... die Alice vor der Trennung. „Ich beginne eine neue Phase", verkündete sie stolz.
Donna runzelte die Stirn. „Wird diese Phase sich dann außerhalb deines Schlafsaals abspielen?" Lily warf ihr einen bösen Blick zu. Alice hatte das Gefühl, als ob sie etwas unterbrochen hätte.
(Zwei Minuten zuvor: Marlenes Freundschaftsarmband)
„Du hast es ihr noch nicht gesagt?" wollte Lily wissen, als sie gegenüber von Donna am Frühstückstisch Platz nahm.
Donnas Augen wurden groß. „Es Marlene gesagt?" fragte sie wispernd. „Natürlich habe ich es Marlene noch nicht gesagt. Bist du vollkommen verrückt? Warum zur Hölle würde ich es Marlene erzählen?"
„Ich dachte, du würdest das in Ordnung bringen!"
„Was würde das in Ordnung bringen? Was würde das überhaupt bringen, abgesehen von meiner Verstümmelung?"
„Tja, vielleicht verdienst du es, verstümmelt zu werden," Lily goss sich ein wenig Kürbissaft ein. „Ich kann nicht glauben..."
„Guten Morgen," sagte eine Stimme. Eine Hexe stand hinter Lilys linker Schulter und als die Hexe am Gryffindortisch Platz nahm, war Lily kurzzeitig überzeugt, dass es jemand war, den sie noch nie gesehen hatte. Doch es war Alice Griffiths, aber es war Alice Griffiths, wie Lily sie noch nie gesehen hatte.
„Wahnsinn", staunte Donna. „Alice, du siehst... komplett anders aus."
„Du siehst wundervoll aus", sagte Lily. „Was ist passiert?" Als sie erkannte, wie sich das anhörte: „Äh... nicht, dass du nicht schon immer wunderschön warst, weil das warst du, es ist bloß..."
„Ich weiß. Ich verstehe. Ich beginne eine neue Phase, " informierte die Siebtklässlerin sie und nahm sich ein paar Räucherheringe.
Donna runzelte die Stirn. „Wird diese Phase sich dann außerhalb deines Schlafsaals abspielen?" Lily warf ihr einen bösen Blick zu.
„Du darfst heute nicht fies sein, Donna. Eigentlich bin ich mir nicht sicher, ob du überhaupt reden darfst, bis du gestanden hast."
„Was gestehen?" fragte Alice. Lily rutschte unruhig auf ihrem Stuhl herum.
„Gestehen, dass sie... mein... mein... Freundschaftsarmband... gestohlen hat."
„Dein Freundschaftsarmband?"
„Mein Freundschaftsarmband."
„Donna hat dein Freundschaftsarmband gestohlen?"
„Und damit geschlafen."
„Was?"
„Sie ist eingeschlafen, als sie es in den Ferien getragen hat und... hat es verloren. Mein Freundschaftsarmband."
„Oh." Alice runzelte die Stirn. „Von wem war es? Das Armband..."
„Weißt du, die Details sind unwichtig", sagte Lily zu ihren Rühreiern. „Das Wichtige ist, dass Donna etwas Falsches getan hat und sie es gestehen muss. Sie muss damit rauskommen und jedem Betroffenen zugeben, dass sie etwas Falsches getan hat und sie wird den Rest ihrer Schulzeit versuchen, eine bessere Freundin zu sein."
„Weißt du, Lily, " begann Donna durch zusammengebissene Zähne, „ich bin mit der Sache mit... dem Freundschaftsarmband zu dir gekommen, weil ich dachte, du wärst verständnisvoll. Ich dachte, du würdest meine Fehler nicht verurteilen und würdest versuchen mich in dieser schwierigen Zeit zu trösten."
„Schwachsinn. Natürlich verurteile ich dich."
Alice sah überrascht aus. „Das ist ein bisschen harsch, Lily. Es scheint ihr Leid zu tun."
„Danke, Alice."
„Es war das Freundschaftsarmband von jemand anderem", fuhr Lily sie an.
Verwirrt starrte die Siebtklässlerin zwischen den beiden Mädchen hin und her. „Ich bin verwirrt. Ist ,Freundschaftsarmband' ein Euphemismus für etwas?"
Bevor einer von ihnen antworten konnte, erschienen Mary und Marlene und setzten sich Alice gegenüber. „Guten Morgen", sagte Marlene fröhlich. Lily und Donna standen gleichzeitig aus.
„Ich habe noch Hausaufgaben", sagte Donna.
„Ich auch, " sagte Lily.
Die beiden gingen hastig, als Mary Alice ein Kompliment zu ihrem Aussehen machte.
„Freundschaftsarmband, Lily? Wirklich?"
„Miles Stimpson, Donna. Wirklich?"
(Die neue Alice)
Frank Longbottom hatte eine Date in der Bibliothek: ein Date mit einer zweiundsiebzigseitigen Lektüre, die er bis zur nächsten Kräuterkundestunde gelesen haben musste. Die Bibliothekarin wies ihm widerwillig die richtige Abteilung und während er die Regale nach dem benötigten Buch durchsuchte, gesellte sich jemand anderes zu dem Schulsprecher.
„Du meine Güte... Alice?"
Alice schien Frank nicht bemerkt zu haben, als sie in den Gang kam und sich auf ihre Zehen stellte um die Buchtitel auf einem hohen Regalbrett zu lesen und schien doch nicht überrascht, als er sie ansprach.
„Hi, Frank," sagte sie fröhlich genug.
Sie schien... größer.
Wenn das das richtige Wort war.
Frank war sich nicht ganz sicher. Tatsächlich war er nicht ganz sicher, dass das kein Traum war; Alice stand neben ihm - nicht die normale Ex-Freundin Alice, mit dunkelblonden Locken, bleicher Haut und der Angewohnheit, sich hinter Bücherschränke zu ducken, wenn sie ihn sah, aber jemand komplett anderes: Alice mit langen, seidig glatten, flachsfarbenen Haar, Farbe in ihren Wangen und einem Auftreten, dass zeigte, dass sie sich so viele Gedanken um Franks Anwesenheit im selben Bibliotheksgang machte, wie sie sich um die einer Fliege machen würde.
Träge auf verschiedene Buchrücken tippend entdeckte Alice schließlich das, was sie gesucht hatte; Frank war zu beschäftigt mit Verwirrtsein.
„Verdammtes Pech mit all dem Lesestoff, nicht?" sagte sie plauderhaft. „Tja, tschüss."
Und genauso unerwartet, wie Miss Griffiths erschienen war, war sie auch wieder verschwunden. Frank starrte die Stelle an, an der sie gestanden hatte. Dann fiel ihm etwas ein. „Warte. Sie hat gerade mein Buch genommen!"
(Sechsundvierzig Stunden zuvor)
„Nicht mal über meine Leiche", fuhr Donna ihn an, ihr Zauberstab war wieder gezogen, dieses Mal zeigte er auf die Stelle zwischen Miles Stimpsons Augen.
„Beruhig dich, Shack", murmelte er und zog seine Hand zurück.
„Ich werde nicht..." Während sie etwas über „verdammte Widerlinge" und „unerträgliche Dummheit" murmelte, kam Donna auf ihre Füße. Oh, warte, bis Marlene davon hörte...
Sie bewegte sich schwankend durch den gefüllten Raum und stieß wahrscheinlich gegen Leute, aber sie konnte sich nicht sicher sein. Ihr Kopf drehte sich, sodass Donna, als sie die Tür erreichte, nur noch zwei bewusste Gedanken hatte: Geh heim und ins Bett.
„Gehst du schon?"
Die Stimme erreichte Donna, gerade als sie die Tür erreichte und sie gehörte - wie sie einen Moment später herausfand - zu ihrem Gastgeber Charlie Plex. „Ja," sagte sie bestimmt, während sie sich fragte, warum er sich so zu drehen schien.
„Wie?"
„Durch die Tür."
„Wie kommst du heim?" stellte er leicht verärgert klar.
„Apparieren."
„Ist das legal?"
Donnas Augen verengten sich. „Ich bin siebzehn", informierte sie ihn.
„Das bin ich auch, aber ich kann nicht apparieren. Wir hatten bis jetzt noch keinen Unterricht in der Schule."
„Ich weiß, wie man appariert." Sie versuchte zu gehen.
„Du wirst dich zersplintern", sagte Charlie ihr. „Komm schon - du kannst durch die Bibliothek flohen."
Und die nüchterne, praktisch veranlagte Seite Donnas - deren Kontrolle untypischerweise nachließ - sagte ihr, dass das eine viel bessere Idee war. „In Ordnung." Sie begann ihrem Gastgeber durch den Raum zu folgen, stolpernd, aber sich aufrecht haltend. Ihre Augen wanderten kurz zu einem immer noch trinkenden Miles Stimpson.
„Marlene is nich deine Freundin? Wer is dann deine Freundin?" wiederholte seine ungläubige Stimme in ihrem Kopf. Ein seltsames, unbehagliches Gefühl überwältigte sogar den Alkohol in Donnas System. Wenn Marlene nicht ihre Freundin war, warum sollte dann diese fesselnde Schuld dafür fühlen, dass ihr Freund sie angemacht hatte? Wenn Marlene nicht ihre Freundin war, was machte das schon? Was machte das schon, wenn Miles sie anmachte?
... Oder sprach da der Alkohol?
(Gegenwart: Geheimnisse, Geheimnisse)
Es gab zwei Hauptgründe, weshalb Lily an diesem Abend spazieren ging und diese lauteten folgend: Donna Shacklebolt und Marlene Price. In dem Versuch jede mögliche Peinlichkeit zu vermeiden, ging Lily dem Schlafsaal ganz aus dem Weg und als sie ihre Hausaufgaben erledigt hatte, schlüpfte sie aus dem Gemeinschaftsraum und begann in die Richtung der Schülersprecherbüros zu laufen. Sie würden heute Nacht frei sein, vermutete sie und wenn sie von Filch oder jemand anderem erwischt wurde (es war noch nicht ganz Ausgangssperre, aber diese dickköpfigen Ministeriums-Nachzügler patrollierten noch immer), hatte sie die Ausrede, dass sie offizielle Vertrauensschülerdinge zu erledigen hatte. Das würde zumindest bei den Ministeriumstypen durchgehen.
Was Lily nicht erwartet hatte, war, dass als sie die Schülersprecherbüros erreichte, diese besetzt waren. Glücklicherweise erkannte sie das, bevor sie tatsächlich die Tür aufschob, als sie von drinnen Stimmen hörte. Eine gehörte Carlotta Meloni.
„Hör zu, Frank", sagte sie. „Ich werde mich nicht mehr hinhalten lassen, in Ordnung?"
„Carlotta, ich habe dich nicht hingehalten," antwortete eine andere Stimme - Franks - müde. „Ich war völlig ehrlich über was ich wollte und..."
„Bitte", spottete die Hexe. „Wie kannst du bitte auch nur annähernd ehrlich über das gewesen sein, was du mit mir willst? Du weißt doch nicht mal, was du willst."
„Tja, das werde ich nicht bestreiten."
„Also, die ganze Zeit warst du immer noch nur am... Nachdenken?" spottete Carlotta.
„Car, ich habe es dir schon mal gesagt, ich..."
„Komm, Frank", unterbrach sie müde. „Ich will das jetzt nicht machen. Ich bin müde und muss meditieren... obwohl ich nicht weiß, wie ich mich jetzt beruhigen soll. Ich werde morgen mit dir reden."
Das war die Verabschiedung, wie es Lily eine Sekunde später klar wurde. Sie drehte sich hektisch um und sprintete in die entgegengesetzte Richtung. Das war genau die Unterhaltung, bei der sie nicht beim Lauschen erwischt werden wollte... besonders nicht von Carlotta Meloni.
Lily duckte sich hinter die nächste Ecke, blickte währenddessen über ihre Schulter und sah Sirius Black dabei nicht, der dabei war in entgegengesetzter Richtung um die Ecke zu biegen. „Scheiße," fluchte er, als die zwei zusammenstießen und mit den Stirnen gegeneinander knallten.
„Heilige..." Lily zuckte zusammen und rieb sich die Stirn. „Sorry. Ich hab dich nicht gesehen." Sie bemerkte, gegen wen sie geknallt war. „Oh... Sirius. Wie geht's dir?" Professor Black war nicht aus ihren Gedanken und sie war äußerst neugierig, ob ihr Verteidigungslehrer seinem Neffen die Wahrheit über seine sich verschlechternde Gesundheit gesagt hatte.
„Mir geht's gut." Er war ebenfalls zusammengeschreckt. „Wo ist eigentlich das Feuer?"
Lily ging ein paar Schritte zurück und überprüfte den Korridor. „Ich schätze, das ist in die andere Richtung", überlegte sie stirnrunzelnd. „Tut mir leid - ich hätte besser aufpassen sollen."
„Nichts passiert", murmelte der Rumtreiber.
„Wohin geht's?" fragte Lily, als sie erkannte, dass die Uhrzeit ein wenig verdächtig für Sirius war um draußen unterwegs zu sein: zu spät für irgendwas Gewöhnliches und zu früh für Streiche.
„Würdest du mir glauben, wenn ich dir sage, dass ich in die Bibliothek gehe?" fragte er leicht grinsend.
„Nein", sagte Lily betont.
„Tja, es stimmt." Er zog ein kleines Taschenbuch aus seiner Umhangtasche. „Bevor du auf irgendwelche wilde Ideen über mich kommst, solltest du wissen, dass hier das James' Buch ist... ich habe drei Runden Pergament-in-den-Mülleimer-werfen hintereinander verloren und die Strafe war, dass ich den ganzen Weg zu diesem unheiligen Ort, der Bibliothek genannt wird, wandern muss."
„Pergament in den Mülleimer werden?"
„Es ist genau das, wonach es sich anhört."
„Ah."
„Wenn du mir das... mit der Bibliothek nicht glaubst, " fuhr Sirius fort und steckte das Buch wieder in seine Tasche, „kannst du gerne mitkommen. Mrs. Sevoy könnte vielleicht tatsächlich glauben, dass ich nicht zum Vandalieren da bin, wenn du dabei bist."
Lily hatte nichts Besseres zu tun und es war auf jeden Fall besser als die Aussicht auf unglaubliche Peinlichkeit mit Donna und Marlene. Zusätzlich bat sich ihr die Gelegenheit herauszufinden, ob Sirius bereits die Wahrheit über seinen Onkel wusste. Sie stimmte zu und die beiden gingen los.
„Und, gute Ferien gehabt?" fragte Sirius. „Schönes Weihnachtsfest?"
„Ja, hatte ich", sagte Lily. „Ein bisschen komisch am Rande, aber... im Allgemeinen nicht... schrecklich."
„Das ist Enthusiasmus," bemerkte Sirius trocken.
„Tja... es ist meine Schwester", versuchte der Rotschopf zu erklären. „Sie ist ein Muggel. Sie hält nichts davon, dass... ich so bin, wie ich bin."
„Oh. Ja, das verstehe ich."
„Ich schätze, das tust du, oder? Und dann noch ein bisschen besser."
„Und dann noch ein bisschen mehr", stimmte Sirius zu.
„Was ist mit dir?" fragte Lily. „Schöne Ferien?"
„Mhm, ja, es war gut. Auf jeden Fall besser als Weihnachten mit den Blacks zuhause."
„Kein Fan von Familientreffen, schätze ich?"
„Sieh es mal so: Das Weihnachtsessen ist ein bisschen so, wie man sich die Totenwache von einem Serienkiller vorstellt."
„Düster."
„Mit exzellenter Küche."
Lily lächelte. „Also hast du... äh... ein bisschen Zeit mit deinem Onkel verbracht?"
„Ja, ein bisschen." Er schien völlig ungerührt bei der Frage.
„Und - und ihm geht's gut?"
„Ja. Er hat mir sogar im Krankenflügel geholfen..."
Lily keuchte und fragte in einer Art, von der sie hoffte, dass sie subtil war: „Oh? Ihr wart im Krankenflügel, dann? Ihr zwei?"
„Er hat sich was für sein Kopfweh geholt, oder so, " antwortete Sirius achselzuckend. „Ich habe mich vor Filch versteckt. Der Mistkerl wird anscheinend gereizt, wenn du seinen Besenschrank in die Luft jagst."
„Ich habe davon gehört", sagte Lily. „Warum bin ich nicht überrascht, dass du dafür verantwortlich bist?"
Sirius grinste bloß, als sie die Bibliothek erreichten. Er gab das Buch Mrs. Sevoy, der Bibliothekarin, zurück und Lily entschied, dass er es nicht wissen konnte. Ihr war sehr unbehaglich, als er zurückkehrte.
„Zurück zum Gemeinschaftsraum?" wollte er wissen, als sie zur Treppe kamen.
„Nein", sagte Lily. „Nein - wir haben noch eine halbe Stunde bis zur Ausgangssperre. Ich denke, ich dreh noch eine kurze Runde im vierten Stock."
Sirius runzelte die Stirn. „Ich komme mit dir - es ist nicht sicher, hier zu dieser Uhrzeit herumzuwandern."
„Nein", antwortete Lily schnell. „Mach dir keine Sorgen um mich. Ich habe meinen Zauberstab und... und du musst wahrscheinlich zurück zu deinem Pergament-in-den-Mülleimer-Wettkampf."
„Bist du dir sicher?"
„Ich bin mir sicher."
„Sei vorsichtig."
„Deine Besorgnis ist rührend, aber unnötig."
„Glaub mir, Lily, " sagte der Rumtreiber mit verschränkten Armen, „die Sicherheit in diesen Schlossmauern ist nicht, wie alle immer behaupten. Es ist nicht sehr spaßig zu dieser Stunde in eine Gruppe von blöde Slytherins zu laufen."
„Ich bin ein großes Mädchen", sagte Lily ihm. „Aber danke."
Sirius nickte und begann zurück zum Gemeinschaftsraum zu laufen. Lily seufzte. Sie setzte sich auf die oberste Stufe und lehnte sich gegen das Geländer. Es war ein langer Tag gewesen und sie hasste nun offiziell Geheimnisse. Warum konnten die Leute nicht ehrlich miteinander sein? Und wenn sie logen, warum musste sie diejenige sein, die es immer zu wissen schien? Mit einem weiteren, langen, müden Seufzer schloss Lily die Augen.
Als sie sie wieder öffnete, waren die Fackeln im Korridor und an der Treppe entlang ausgegangen.
„Keks?"
James erkannte, nachdem der Spitzname seinen Lippen entkommen war, dass sie geschlafen hatte. Ihre grünen Augen, kaum sichtbar im trüben Licht von der einzigen Fackel am Ende des Korridors, flogen auf und sie sah verängstigt aus.
„Agrippas Willen... wo bin ich?" fragte die Rothaarige erschrocken von ihrer unerwarteten Umgebung; James war sich nicht sicher, ob sie ihn überhaupt gesehen oder seine Stimme erkannt hatte.
„Im vierten Stock," sagte er ihr.
„Oh." Lily sah ihn flüchtig an. „Potter. Was tust du hier?"
„Küche", log James halb, während er heimlich die Karte des Rumtreibers in seine Tasche steckte. „Was tust du hier?"
„Ich muss... ich muss eingenickt sein, " Lily rieb immer noch desorientiert ihre Augen. „Wie viel Uhr ist es?"
„Fast Mitternacht."
„Fast Mitternacht?" Sie kam auf ihre Füße, zunächst wackelig, sodass James einen Schritt nach vorn machte, bloß für den Fall. Es war nicht nötig, sie hielt sich am Geländer fest und bemerkte seine Bewegung nicht. „Ich muss gehen. Es ist nach Ausgangssperre. Du musst auch gehen..." Sie schien etwas zu bemerken. „Hey, du bist lange nach Ausgangssperre draußen. Ich bin eine Vertrauensschülerin, ich sollte..."
„Im Bett sein", schloss James für sie. Lily runzelte die Stirn.
„Na schön. Außerdem habe ich nicht so viel Lust einen offiziellen Bericht auszufüllen und was nicht. Ich schätze, du hast dieses Mal Glück." Ihr Gesichtsausdruck war eine Mischung aus vorgetäuschter Missbilligung und ehrlicher Belustigung. „Jedenfalls gehe ich jetzt zurück zum Schlafsaal."
James, der neben ihr auf dem Treppenabsatz stand, bewegte sich, zum Teil um ihren Aufstieg zu blockieren. „Du kannst jetzt nicht einfach hier rumwandern... es ist mitten in der Nacht."
„Ja, ich habe gehört, dass die Rüstungen zu dieser Uhrzeit ziemlich gemein sein können," sagte sie trocken; ihre Stimme, bemerkte er, war ein wenig rau vom Schlafen. „Danke für deine Besorgnis, ich habe meinen Zauberstab; ich werde klarkommen."
Sie ging die Treppe hoch. James wog seine Möglichkeiten ab und entschied, dass er längst nicht hungrig genug war um rechtfertigen zu können, Lily nicht zu folgen.
„Ich dachte, du gehst zur Küche."
„Nenn mich Prince Charming", sagte er kühl.
„Eher Graf Dracula, " antwortete Lily ohne Zögern. James grinste und war froh, dass die Augen seiner Begleiterin nicht auf ihn gerichtet waren.
Sie waren ein paar Sekunden still, während James sich fragte, wie viel es anrichten würde, wenn er sagte, was ihm auf der Zunge lag. „Also, Lathe ist weg", begann er vorsichtig.
Lily nickte. „Ja... Luke hat mir davon geschrieben. Seltsam, nicht?"
„Ja. Seltsam. Hör zu, Keks..." Warum sagten alle immer, dass er so gut mit Worten umgehen konnte? Das wollte James wissen. Natürlich konnte er das und er wusste es auch, aber gerade jetzt schien ihn die Formulierungen im Stich gelassen zu haben. „Du solltest vorsichtig sein."
„Vorsichtig? Wenn doch du so groß und stark hier bist um mich zu beschützen?" Sie warf ihm ein sarkastisches Lächeln zu.
„Ich meine nicht gerade jetzt." Sie erreichten den nächsten Stock und die Treppe war ganz am anderen Ende des Korridors. „Ich meine... es ist bloß... hast du gestern die Zeitung gelesen?"
Lilys Gesicht wurde steinhart im trüben Licht (das jetzt spärlich durch die Fenster sickerte, es warf einen blauen Ton auf ihr Gesicht) „Ich weiß, wovon du redest", sagte sie leise. „Und ich wünschte, du würdest es nicht."
„Luke Harpers Bruder ist ein Todesser", beharrte James. „Und viele in der Familie haben eine Geschichte von..."
„Das hat nichts mit mir zu tun."
„Wirklich?" fragte er höhnisch. „Also ist Luke Harper nicht dein fester Freund?"
„Es ist nicht falsch mit Luke Harper!"
„Och, komm schon, Keks, du kannst doch nicht einfach annehmen, dass er..."
„Ich nehme überhaupt nichts an." Sie hielt an und er ebenfalls. „Ich kenne Luke. Ich weiß, wie er ist. Du bist derjenige, der annimmt, dass er ein Todesser ist, weil seine Familie eine gewisse Geschichte hat.
„Ich sage nicht, dass er ein Todesser ist."
„Was sagst du dann?"
„Ich sage, dass..." Tja, na gut, das war mehr oder weniger das gewesen, was er sagen wollte. „Ich sage, dass du vorsichtig sein solltest."
Lily seufzte. „Dein bester Freund kommt aus einer Familie, die viel schlimmer ist als die der Harpers", sagte sie. „Du solltest diese Situation mehr als jeder andere verstehen."
Ihr Blick war weich geworden, als ob sie jetzt gerade nicht mehr mit ihm streiten wollte. Irgendwas daran ließ ihn ehrlich werden. „Ich traue ihm nicht."
Lily hob ihre Augenbrauen. „Ich schätze, dann ist es gut, dass ihr nicht zusammen seid." Sie dachte darüber nach. „Auch aus anderen Gründen." Und damit drehte sich Lily um und ging weiter durch den Korridor. James folgte ihr. Sie bogen um eine Ecke im Korridor, und sahen, dass sie nicht alleine waren.
Eine Gruppe von Schülern saßen ungefähr fünfzehn Meter weiter auf dem Boden, lachend und scherzend. Ihre Zauberstäbe waren gezogen um verschiedene protzige, aber gewöhnliche Zauber auszuführen - Funken, stille Feuerwerke... James erkannte eine Stimme, als sie gluckste: „Hat Avery dir erzählt, was mit ihm und dieser Hufflepuff-Schlampe passiert ist?"
Mulciber.
Der Rest der Besetzung war von hier an auch schnell zu erkennen: Avery saß neben ihm und der Junge mit den hellen Haaren, den James gerade so erkennen konnte, musste dieser Zabini-Typ sein. Das Mädchen war Colista Black - James sah, wie sie Kaugummi kaute und eine Strähne ihres dunklen Haares um ihren Zauberstab wickelte, als ob sie vollkommen gelangweilt wäre - und der Junge, der sich gerade mit grünen Funken vergnügte, war ein Kerl namens Hester. Snape glänzte mit Abwesenheit.
James' Augen verengten sich und er bewegte sich unbewusst nach vorne. Lilys kalte Hände umfassten sein Handgelenk, was ihn an ihre Anwesenheit erinnerte. „Nein", flüsterte sie. „Du kämpfst nicht." Und James erkannte, dass, obwohl er nicht direkt geplant hatte zu kämpfen, er jede Absicht dazu hatte.
„Warum nicht?"
„Wir sind in der Unterzahl."
„Ich könnte es mit ihnen aufnehmen."
„Sie haben nicht Falsches gemacht."
„Sie sind um die Zeit aus den Betten."
„Wie wir."
James seufzte. „Na gut." Er ließ sich von ihr zurückführen, aber als sie um die Ecke biegen wollte, konnte man hören, wie Mulciber seine Begleiter zum Schweigen brachte.
„Ist das Filch?" flüsterte Colista Blacks Stimme laut.
Lily zog wieder an James Handgelenk und er gab nach. Dann erleuchtete plötzlich ein weißes Licht den Korridor.
„Es ist nicht Filch," sagte Mulciber. „Es sind Evans und Potter."
Halb geblendet von dem Licht aus Mulcibers Zauberstab bewegte sich James Hand unauffällig zu der Tasche, in der sein eigener Zauberstab steckte. Dann verschwand das weiße Licht und die Fackeln im Korridor brannten.
„Evans und Potter," wiederholte Mulciber und ging auf sie zu. Die anderen Slytherins folgten ihm. „Die Schöne und das Biest, wenn ihr so wollt."
„Aber, aber, " sagte James, „ich würde Evans kein Biest nennen."
Lily starrte ihren Begleiter böse an. „Ich bin die einzige Verbündete, die du hier hast, Potter", erinnerte sie ihn trocken und sie hatte Recht.
„Kommt schon, Jungs", sagte Colista Black verärgert. „Das ist blöd. Lasst uns gehen, bevor Filch kommt und uns einen Monat lang Nachsitzen lässt."
„Sie hat Recht", stimmte Lily zu. Dann fügte der Rotschopf leise für James hinzu: „Denk an die Zahl fünfundsiebzig, Potter."
„Es würde zwei Sekunden dauern", bettelte er. „Komm schon."
„James."
Mulciber trat näher, sein Zauberstab in Erwartung gezückt. „Du bist in der Unterzahl, Gryffindor", sagte er.
„Das sehe ich nicht so", sagte James leicht.
„Nick, lass uns verschwinden", versuchte es Colista wieder, aber sie wurde abermals ignoriert.
„Komm schon, Black", fuhr Hester sie an. „Deshalb nehmen wir keine Mädchen mit. Die sind nur für eins gut..."
„Zieh Leine", fuhr Colista ihn an. „Nick."
Aber Mulciber hatte Gefallen an der Situation gefunden. Avery und Hester standen zu seiner Linken und Rechten und selbst Zabini schien zu einem Kampf bereit. James' Finger trommelten gegen seinen Zauberstab.
„Wisst ihr," begann Hester, ein bleicher, dünngesichtiger Sechstklässler, „ich bin geneigt, mich hier auf die Seite von James zu schlagen. In Bezug auf das Schlammblut meine ich..."
BÄNG!
Nun, James Potter wusste ganz sicher, dass er bedeutend schneller ziehen konnte als Nicolai Mulciber. Er wusste, dass er doppelt oder dreimal so schnell war wie der dickköpfige Avery und er wusste, dass wenn es darauf ankam, Hesters Fähigkeiten eher bei Gerissenheit und Betrügerei lagen als im Zaubern. Colista Black würde nicht angreifen, da war er sich sicher und auch Zabini nicht - jedenfalls nicht als Erster. Deshalb war der Gryffindor völlig überrascht, als ein Mordsknall den Korridor erbeben ließ, während er seinen Zauberstab erst dreiviertel gezogen hatte.
Ein blendendes gelbes Licht brachte ihn kurzzeitig aus dem Konzept und als es verblasste, verblieb ein dicker Nebel. Dann hob dieser sich. Sein Herz schlug sehr schnell. James blickte sich nach Lily um; er war nicht verletzt worden, was bedeuten musste, dass sie es war.
Aber sie war es nicht. Der Nebel klärte sich und die relativ zierliche Vertrauensschülerin stand mit gezogenem Zauberstab und einem Gesichtsausdruck von fester Entschlossenheit ein paar Schritte vor ihm. Die fünf Slytherins legen alle bewusstlos auf dem Boden des Korridors. James starrte sie an und ihm war klar, dass sein Gesicht wirklich völlige Ehrfurcht ausdrücken musste.
„Lily?" schaffte er zu sagen.
Lily seufzte und steckte ihren Zauberstab weg. „Sie werden in einer Minute wach sein," sagte sie geschäftsmäßig. „Ich habe den Zauber noch immer nicht gemeistert..." und sie hörte sich ein wenig enttäuscht von sich an. „Wir sollten gehen, bevor Filch da ist."
Als sie über Mulciber schritt, folgte James ihr. „Warte, Keks. Hier." Und von der Innentasche seines Umhangs zog James seinen wertvollsten Besitz hervor.
„Was ist das?" fragte die Rothaarige, als er den silbernen Stoff auseinander faltete.
„Ein Tarnumhang," sagte er ihr.
„Du hast einen Tarnumhang?"
„Ja."
Lilys grüne Augen wurden groß. „Ich denke nicht, dass ich mit dem Wissen nachts gut schlafen kann", sagte sie.
„Komm schon."
Er warf ihn über sie und sie sprachen nicht wieder, bis sie der Fetten Dame das Passwort gaben und den Gemeinschaftsraum betraten. James konnte nicht anders, als erleichtert zu sein.
„Danke für den Umhang", sagte Lily, als sie die Treppe hoch zu ihrem Schlafsaal ging.
James sah sie perplex an. „Hör zu, Keks, wie hast du...?"
„Das Problem der Slytherins ist, " unterbrach sie, „dass sie viel zu viel Zeit damit verbringen, Leute aufzuziehen und zu buchstabieren, was sie kurz davor sind zu tun, wenn sie denken, dass sie die Oberhand haben. Alles, was du tun musst, ist das unterbrechen."
„Aber dieser Zauber..."
„Ich bin nett", sagte sie ruhig. „Ich bin nett und optimistisch. Ich bin nicht schwach, James."
Wie Dampf hing sein Name in der Luft, als sie die Treppe hinaufstieg.
„Lily." Sie hielt auf dem Treppenabsatz an und er dachte, dass sie, gleichzeitig mit einem erwartungsvollen Ausdruck, ein wenig überrascht aussah - wahrscheinlich, weil er ihren Vornamen benutzt hatte. Irgendwie verzweifelt - das trübe Licht des Kamins ließ einen seltsamen Schatten gegen sie und ihr zerzaustes Haar fallen - wollte er es einfach sagen.
Aber er tat es nicht.
„Ich weiß, dass du nicht schwach bist."
Überrascht lächelte Lily ihn beinahe an.
Aber sie tat es nicht.
„Gute Nacht, Potter."
„Nacht, Keks."
(Tut mir leid)
Donna war bedrückt und sie war nicht oft bedrückt.
Sie saß in Arithmetik und grübelte über diese Tatsache ohne große Fortschritte zu einer Lösung zu machen. Ausnahmsweise war sie glücklich, dass Lily dieses Fach nicht gewählt hatte: gerade jetzt war Zeit alleine, genau das, was Donna Shacklebolt brauchte.
Sie hatte einen One-Night-Stand gehabt. Einen One-Night-Stand. Es hörte sich so... billig an. Gewöhnlich.
Natürlich, sie spuckte große Töne und sie war vor dem Ereignis kein unschuldiges Lamm gewesen, aber es war etwas komplett anderes, mit einem Jungen zusammen zu sein, wenn man von einem einzigen Glass Feuerwhiskey und dem Adrenalin eines siegreichen Quidditchspiels berauscht war, als mit dem Freund deiner - ähm - Zimmergenossin zusammen zu sein, wenn du so voll bist, dass du nicht an deinen zweiten Vornamen erinnern kannst. Ersteres konnte erklärt werden: sie war eine gesunde, junge Jugendliche; es war bloß natürlich, dass sie irgendwie Erleichterung suchte. Für Letzteres gab es keine Entschuldigung, dass ihr schlechtes Gewissen beruhigte.
Scheiße.
Donna war hin- und hergerissen zwischen Unglauben mit sich selbst und krankem, masochistischer Zufriedenheit, dass sie es zumindest so sehr versaut hatte, dass nicht mal Lily es in ein vergebendes Licht rücken konnte. Und das war deprimierend.
Professor Kelley ließ die Klasse zehn Minuten früher gehen und Donna flitzte dankbar aus dem Klassenraum. Sie ging alleine nach unten, fest entschlossen vor dem Abendessen ihren Kopf frei zu machen - Abendessen bedeutete, dass sie möglicherweise Marlene oder Miles entgegentreten musste, eine Situation, die sie die letzten zwei Tage vermieden hatte.
Sonntagnacht wurde langsam klarer. Es gab Teile - keine wichtigen, aber trotzdem - an die sie sich bereits komplett erinnern konnte. Wie sie mit einem Mädchen namens Linda redete, zu einem weiteren Glas Feuerwhiskey zustimmte, vielen Dank, wie Rowan Lewis ihr sagte, dass sie betrunken weniger angsteinflößend war und wie sie ihn umarmte und ihn informierte, dass sie nicht angsteinflößend sein wollte. Dieser kanadische Kerl...
Donna schauderte. Es war zum Kotzen.
Miles Stimpson und der Akt an sich blieben sehr trüb: sie waren in einem Raum und hatten geredet, wie sie Lily erzählt hatte. Sie hatten geplaudert - er hatte Marlene erwähnt. Sie hatten über Alte Runen geredet... eher geplappert. Und an das erinnerte sie sich sehr klar:
„Sag es nicht Marlene, in Ordnung?"
Scheiße.
Sie hatte mit Miles Stimpson geschlafen.
Und als ein neuer Anflug von Selbsthass sie überkam, schritt Donna in die Mädchentoilette. Die meisten der anderen Schüler waren noch immer im Unterricht, also war sie glücklicherweise alleine. Zumindest war sie das am Anfang.
„Was machst du da?" fragte eine Stimme - nervig, schrill und leider vertraut.
„Geh weg, Myrte", befahl Donna kalt. Einen Moment später erschien die Maulenden Myrte - ein dunkelhaariges, etwa vierzehnjähriges Mädchen mit Brille, die zufällig tot war - aus - oder besser durch - eine Toilettentür.
„Warum sollte ich?" fuhr der Geist sie an; sie war nie sehr gut mit Donna klargekommen. „Es ist meine Toilette. Ich habe bloß einen Raum in der ganzen Schule und du willst mich aus ihm rausjagen."
Donna blickte das Spiegelbild Myrtes böse an. „Wenn du ein wenig Verstand hättest, würdest du in einer Toilette der Jungs spuken."
„Du solltest wissen, dass ich das tue", entgegnete die andere. Sie überdachte diese Aussage eine Sekunde später und runzelte die Stirn. Donna bereitete dies eine Art grimme Befriedigung.
„Freak."
„Ich bin kein Freak", kreischte Myrte. „Was machst du eigentlich hier? Einfach so in den Spiegel starren. Das ist seltsam, weißt du."
„Sagt der Geist, der in Toiletten spukt."
Myrtes Lippen zitterten, aber eher aus Wut als aus Traurigkeit. „Du bist fies", beschuldigte sie Donna hasserfüllt.
Donna verschränkte ihre Arme und obwohl sie wusste, dass es wahr war, wollte sie es abstreiten. „Du bist diejenige, die angefangen hat."
„Habe ich nicht. Ich habe gefragt, was du machst und dann hast du mich ,Freak' genannt. Ohne Grund - o-ohne jeden Grund!" Jetzt schien sie kurz davor in Tränen auszubrechen und Donna dachte nicht, dass sie damit umgehen konnte.
„Bitte nicht", bettelte sie. „Es tut mir leid. Ich nehm's zurück. Du bist kein Freak. Es tut mir leid. Nur... wein nicht. Bitte."
„Du nimmst es nur zurück, damit ich nicht weine", schluchzte die Maulende Myrte. „Du bist fies."
Donna stöhnte. „Es tut mir leid. Gott. Ich... ich hab bloß einen schlechten Tag, okay? Ich hab's vermasselt."
Myrte hörte auf zu weinen. „Du hast was vermasselt?"
„Tja", begann die andere und beäugte ihre gespenstische Begleiterin mit einem ernsten Ausdruck. „Ich habe irgendwie... mit jemandem geschlafen, mit dem ich nicht hätte schlafen sollen."
Myrtes Augen wurden sehr, sehr groß. „Du hast was?"
„Deine Sicht aus den 1940ern ist sehr reizend," sagte Donna, die sich nicht danach anhörte. „Aber es ist 1976. Die Dinge haben sich verändert." Myrte stotterte etwas Unverständliches und Donna fuhr fort: „Jedenfalls ist das der Kern der Sache."
„Das ist - das ist... das ist... Schlampe."
„Ich bin keine Schlampe", fuhr Donna sie an. „Gott, ich hätte es besser wissen sollen, als mich einem verdammten Gespenst anzuvertrauen."
Myrte begann zu heulen. Sie stürzte sich wieder in ihre Lieblingskabine, was einen mächtigen Platscher verursachte, der Donna die Augen verdrehen ließ. Sie verließ hastig die Toiletten, nicht entspannter oder weniger selbsthassend als zuvor.
„Donna!"
Und da war sie - die Person, die Donna in diesem Moment am wenigsten sehen wollte. Sie drehte sich um und eilte in die entgegengesetzte Richtung.
„Donna! Hey, Shacklebolt!" (Als ob er dachte, dass sie ihn einfach nicht gesehen hätte). Miles Stimpson holte sie ein. „Ich habe nach dir gesucht."
„Hast du nicht Unterricht?" fuhr ihn die Hexe an, entschlossen, ihm nicht in die Augen zu sehen.
„Wir sind früher rausgelassen worden," antwortete der Ravenclaw. „Hey, ich wollte mit dir reden. Wegen Charlie Plex' Party..."
„Ich will nicht darüber reden."
„In Ordnung, aber... hör zu, ich weiß nicht, was ich dir in der Nacht erzählt habe... ich meine, ich war ziemlich betrunken und ich kann mich an vieles nicht erinnern, aber..."
„Halt die Klappe, Miles." (Sie konnte es nicht ertragen, es zu hören.)
„Bitte, sag einfach nur Marlene nicht, dass ich da war."
Donna erstarrte. „Marlene nicht sagen, dass du da warst? Bist du verrückt geworden?"
„Ich... naja... hör zu," fing Miles an. „Ich weiß, dass ihr zwei nicht wirklich befreundet seid..."
„Was lässt dich das sagen?" unterbrach Donna, die sich zu ihrer ganzen - ziemlich großen - Größe aufrichtete.
„Du... du... Shack, das hast du mir gesagt."
„Was?"
„...Und du bist immer irgendwie so ein Miststück zu ihr, also..."
„Bitte?"
„Ich meine nur - hör zu, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist," beharrte Miles unbehaglich, „bitte erzähl ihr nicht von mir und Carlotta."
Donna blinzelte.
„Du und Carlotta?"
„Dass wir geknutscht haben."
Donna blinzelte wieder - mehrere Male hintereinander. „Du und Carlotta? Du und Carlotta haben geknutscht?"
„Richtig... du weißt schon… nach der Sache."
„Der Sache?"
„Der Sache."
„Welcher Sache?"
„Du weißt schon. DerSache."
„Stimpson," warnte Donna ihn.
„Du weißt schon," fuhr er in einem Unterton fort. „Ich bin nicht stolz darauf - ich war voll und ich - du weißt schon... hab ein bisschen dein Bein betatscht. Und dann hast du gedroht, mich zu verhexen und gesagt ,nicht mal über meine Leiche' und dann war da... weißt du nicht mehr?"
Donna kaute auf ihrer Lippe. „Du hast Carlotta geküsst."
„Ja."
„Und ich habe dich mich nicht antatschen lassen?"
„Du erinnerst dich nicht. Scheiße."
„Ich erinnere mich doch," sagte die Gryffindor kalt, wieder zu sich kommend. „Ich erinnere mich auch, dass du auf der Party warst und Marlene gesagt hast, dass du es nicht warst, also wenn du nicht zu Marlene hinmarschierst und ihr sagst, was du getan hast, werde ich es."
Donna war noch nie so stolz auf sich gewesen, aber sie wusste nicht warum.
„Du bist ein Miststück," murmelte Miles davon zockelnd.
Für einen Moment - einen kurzen Moment - erlaubte sich Donna, erleichtert zu sein. Aber dann erkannte sie etwas anderes - sie hatte nicht falsch gelegen. Sie hatte Sex gehabt. Sex war auf jeden Fall passiert. Und nun hatte sie keine Ahnung, wer der Kerl war... es könnte jeder sein. Sie würde es vielleicht nie herausfinden und während das vielleicht eine gute Sache war, war es auch... leicht eklig. Sie würde es vielleicht nie herausfinden...
„Shacklebolt."
Donna drehte sich um, als sie ihren Nachnamen hörte. Ein großer Zauberer aus Ravenclaw mit rötlich braunem Haar, braunen Augen und leichten Sommersprossen stand da mit einem wissenden Lächeln.
„Charlie Plex", sagte sie.
„Du erinnerst dich an mich." Er hörte sich zufrieden an.
„Wir gehen zur selben Schule", erinnerte ihn Donna kalt. Sie hatte gerade keine Lust auf Plauderei.
„Nennen sie es heutzutage so?" fragte er. Donna rückte mit Verwirrung auf ihrem Gesicht die Büchertasche höher auf ihre Schulter. „Was?" Charlie Plex lehnte sich näher und flüsterte: „Erinnerst du dich nicht an mich, Shacklebolt?"
Und dann tat sie es.
(Zweiundsiebzig Stunden zuvor)
„Sag es nicht Marlene", sagte Miles, der sich zu ihr lehnte.
„Was nicht Marlene sagen?"
Dann bemerkte Donna die Hand auf ihrem Bein. „Nicht mal über meine Leiche, du Ekel!"
„Beruhig dich, Shack..."
„Ich werde nicht... verdammter Widerling... unerträgliche Dummheit... Trottel... dass er... verdammter Sack!"
Sie erreichte die Tür.
„Gehst du schon?"
„Ja..."
„Ich appariere."
„Du wirst zersplintern," sagte Charlie ihr. „Komm schon - du kannst auch durch die Bibliothek flohen."
„In Ordnung."
„Also, hier ist es..." Die beiden erreichten, was anscheinend die Bibliothek war. „Brauchst du Hilfe?" fragte der irritierend nüchterne Charlie.
„Nein." Stille. „Möglicherweise."
„Komm." Sie bewegtem sich in die ungefähre Richtung des Kamins. „Du bist so betrunken", beobachtete Charlie, der sich anscheinend darüber amüsierte. Donna betrachtete in der Zwischenzeit das Flohpulver, als ob sie so etwas noch nie zuvor gesehen hätte.
„Verpiss dich", fuhr sie ihn an. Sie sah zu ihm hoch. „Weißt du, was ich hasse?"
„Hufflepuffs?" schlug Charlie vor.
„Nein. Ja. Aber auch andere Dinge."
„Wie was?"
„Wie..." Aber sie standen sehr nah und alles wurde verschwommener und verschwommener, während die Sekunden erhitzt und laut vorbeiglitten. „Wie..." versuchte Donna noch einmal, aber ohne Erfolg.
„Wie was?"
„Wie..." Sie packte seinen Umhang vorne und küsste ihn hart auf den Mund. Es war... unscharf.
Als sie auseinanderbrachen, kribbelte es kurz unter Donnas Schulterblätter, was Schmerz gewesen sein konnte, wenn sie nicht vollkommen betäubt gewesen wäre. Ihr Rücken war fest gegen den Kaminsims gepresst; sie atmeten beide schwer.
„Ich habe eine Freundin", murmelte Charlie und in den zukünftigen Monaten würde es Donna nie richtig klar werden, ob diese Worte ihrem betrunkenen Gehirn irgendwas bedeutet hatten oder nicht.
Sie verdrehte ihre bernsteinfarbenen Augen: „Scheiß drauf." Und sie packte sein Hemd.
(Gegenwart)
„Es warst du", staunte Donna. „Du warst der Kerl!"
„Kannst... kannst du dich nicht erinnern?" Und Charlie Plex Selbstbewusstsein ließ für nur einen Moment nach. Donna begann zu lachen.
„Ja, ich erinnere mich," sagte sie, „Oh mein Gott, du hast keine Ahnung, wie froh ich bin, dass du es warst, Plex."
„...O-kay?"
„Ich meine du", fuhr Donna fort. „Wenn du es warst, war es bloß ein One-Night-Stand. Es war... es war nicht. Ich kann buchstäblich vergessen, dass das passiert ist. Gott sei Dank."
Charlies Gesicht verzerrte sich in eine Art höhnische Grimasse. „Das hat Klasse, Shacklebolt."
Donna blitzte ihn an. „Sagt der Kerl, der eine Freundin hat und trotzdem mit einem sturzbetrunkenen Mädel schläft."
Der Ravenclaw kam einen Schritt näher und für einen Sekundenbruchteil fühlte sich Donna, als ob sie wieder zurück in dieser erhitzten, kreisenden, verschwommenen, ohrenbetäubend stillen Bibliothek war. Mit einem oder zwei Kurzen intus hätte sie ihn vielleicht wieder geküsst. „Du bist nicht gerade unschuldig daran", flüsterte Charlie. Er zwinkerte, nahm einen Schritt zurück und verzog sich. Donna nahm tief Luft.
(Wollen)
Vergraben unter einem Stapel Bücher, der ungefähr der chinesischen Mauer entsprach und mit dem Wissen, dass bei dieser Hausaufgabenseuche kein Ende in Sicht war, stieß Frank Longbottom einen tiefen Seufzer aus. Der Kummer der Siebtklässler war in der Tat groß. Ganz oben auf der Liste stand, wie Frank erkannte, als er vergeblich versuchte, sich auf die blanke Schriftrolle zu konzentrieren, die Tatsache, dass selbst die Bibliothek keinen ablenkungsfreien Platz für einen unglücklichen, hausaufgabenbeladenen Schüler bot.
Es war diese blöde Erstklässlerin.
Sie war nicht absichtlich lästig, das wusste Frank, aber die bedauernswerte Elfjährige hatte die letzte halbe Stunde damit verbracht, durch Regalreihen zu stolpern, die Habseligkeiten anderer Schüler umzustoßen und im Allgemeinen einfach Krach zu machen. Mrs. Sevoy hatte ihr bereits zwei Warnungen gegeben, aber während sich die Bibliothekarin im Hinterzimmer Tee machte, hatte die Erstklässlerin laut den Inhalt ihrer Büchertasche ausgeschüttet, bevor sie sich ahnungslos bei allen Lernenden erkundigte, wo die Zaubertränke-Abteilung war.
„Würde es mich zur schlechten Person machen, wenn ich sie verhexe?" murmelte Adam McKinnon, der sich den Tisch mit Frank Longbottom teilte.
„Nicht, wenn ich es zuerst mache, " antwortete Frank, als die Erstklässlerin - nachdem ihr die Richtung von einem verärgerten Hufflepuff erklärt wurde - zur Zaubertränke-Abteilung flitzte. „Du hast so Glück, dass du kein Siebtklässler bist, McKinnon."
„Nicht wirklich", beklagte sich Adam. „Ich meine, ich hab all die Arbeit plus die ganze Arbeit, die ich im nächsten Jahr noch vor mir habe."
„Guter Punkt", Die Erstklässlerin versuchte jetzt geräuschvoll ein Buch von einem hohen Regalbrett zu nehmen. „Guter Merlin, das kann doch nicht ihr Ernst sein?"
„Versuch - versuch einfach es zu ignorieren", riet ihm Adam wenig hilfreich. Der Sechstklässler öffnete sein eigenes Buch und begann mit großer Anstrengung die aufgegebenen Seiten zu lesen. Frank hob seine Feder wieder einmal und begann die Einleitung seines Aufsatzes zu schreiben. Als die Tinte auf das blanke, höhnische Pergament tropfte, fühlte er sich so uninspiriert wie noch nie.
Der mächtige Krach, der jeden in der Bibliothek zusammenzucken ließ, half seiner Muse nicht.
„Um Merlins Willen!" kreischte jemand, als die schwierige Erstklässlerin auftauchte und sich laut entschuldigte.
„Es tut mir leid!" beharrte die junge Hexe und ein Bücherhaufen auf dem Boden sagte ihnen, dass sie anscheinend ein ganzes Regalbrett Bücher nach unten gerissen hatte. „Wirklich, ich habe nur nach oben gefasst und..."
„Das interessiert niemanden!" rief eine Siebtklässlerin aus Ravenclaw, Marissa, die zufälligerweise Schulsprecherin war. Marissa war von ihrem eigenen Tisch aufgestanden und war rot vor Wut. „Um Agrippas Willen, seit du hier reingekommen bist, hast du nichts anderes als Lärm gemacht und jeden hier drin verärgert! Das hier ist der einzige Ort, an dem man in dieser Schule wirklich lernen kann und du hast es verdammt noch mal ruiniert, du blöde, nutzlose, lärmende Göre!"
Nachdem sie ihre Sachen aufgesammelt hatte, stürmte Marissa aus der Bibliothek, gefolgt von mehreren ihrer Freunde und dann von mehreren, verlegen wirkenden anderen. Adam sah Frank an. „Um fair zu sein", sagte Letzterer, „Marissa hatte eine richtig schlechte Woche."
„Sie hat Recht", murmelte jemand an einem Tisch in der Nähe. „Verdammter Erstie."
„Kannst du nicht einfach die Bücher holen und gehen?" fragte eine Viertklässlerin die Erstklässlerin, die noch immer bleich von dem Geschrei der Schulsprecherin war. „Leute versuchen hier zu arbeiten."
„Aber ich habe nichts gefunden..."
„Weißt du, wie viel Verwandlungshausaufgaben McGonagall diese Woche aufgegeben hat?" wollte ein anderer Junge wissen. „Und in meinem Gemeinschaftsraum ist es so laut, ich kriege dort nichts erledigt."
„Ja, ich auch."
„Ich auch."
Plötzlich schienen alle die Erstklässlerin erwartungsvoll anzusehen. Sie wurde rot und kaute auf ihrer Lippe, während ihr Blick auf die Bücher fiel, die verstreut auf dem Boden lagen. „Ich-ich schätze", begann sie zu murmeln. „Ich k-k-komme später wieder und..."
„Alles zurück an die Arbeit," sagte eine neue Stimme. „Ich regel das, in Ordnung? Ich mein's ernst." Alice Griffiths erschien hinter einem Stapel Bücher in der Ecke - sie hatte so viele Hausaufgaben wie Frank, er wusste das ganz sicher, da sie fast alle Kurse zusammen hatten. „Wie heißt du denn?" fuhr Alice mit gedämpfter Stimme fort.
Aber die junge Hexe war kurz vor einem hysterischen Anfall. „Es-es-es tut mir s-so leid... ich wollte nicht - wollte nicht... ich gehe n-n-normalerweise nicht in die Bibliothek und..."
Ein paar Leute stöhnten.
„Geht zurück an die Arbeit!" wiederholte Alice. Ihre Hände zitterten (das taten sie immer, wenn sie wütend war), aber ihre Stimme war eben, als sie flüsterte (Frank lauschte angestrengt und konnte es gerade so hören): „Liebes, wie heißt du?"
„Caydence."
„Caydence, welche Bücher brauchst du?"
„Ich habe eine Liste", murmelte Caydence mit Tränen in den Augen. Sie reichte Alice ein Pergamentzettel, die ihn las, auf ihrer Lippe kaute und dann - ihren Zauberstab hebend - ein paar Wörter flüsterte. Plötzlich flogen vier oder fünf Bücher von verschiedenen Regalen in der Bibliothek und landeten in einem ordentlichen Stapel vor Alice. Die Siebtklässlerin nahm sie und reichte sie Caydence, bevor sie wieder ihren Zauberstab schwang. Die Bücher auf dem Boden flogen wieder auf ihr richtiges Regal.
Alice steckte ihren Zauberstab wieder in ihre Umhängetasche und steckte eine Strähne ihres blonden Haares hinter ihre Ohren. „Danke", wisperte Caydence. „Ich gehe dann... einfach."
„Warte," sagte Alice. Sie zögerte und sagte dann: „Du weißt nicht, wie du mit diesen Büchern arbeitest, oder?"
„Naja, ich werde es h-h-herausfinden..."
„An meinem Tisch ist Platz," unterbrach Alice seufzend. „Komm schon - ich helfe dir. Aber du musst flüstern und... vielleicht solltest du nicht so viel herumlaufen, ja?"
Die Erstklässlerin lächelte ein dünnes Lächeln. „Ja, in Ordnung", krächzte sie und folgte Alice zu ihrem Tisch.
„Frank?" fragte Adam fast eine Minute später, als der Sechstklässler von seinem Buch aufsah und entdeckte, dass sein Freund so schaute, als ob er einen Werwolf gesehen hätte.
„W-was?" Frank schien wieder zu sich zu kommen. „Ich - ähm - was hast du gesagt?"
„Ich habe nichts gesagt," sagte Adam verwirrt. „Alles okay, Kumpel?"
Nein, es war nicht alles klar. Er war so verwirrt wie noch nie in seinem Leben - so hin- und hergerissen zwischen der Ruhe und dem Grauen, die Selbsterkenntnis mit sich brachte. Verdammt.
„Nein." sagte Frank, Adam mit großen Augen anblickend. Er schüttelte seinen Kopf. „Es ist nicht alles okay."
„W-w-was ist passiert?" fragte Adam. „Sind es die Hausaufgaben?"
Es waren nicht die Hausaufgaben. Es war nicht die Woche voll anstrengender Schulsprecher-Pflichten oder dass seine Mutter geschrieben hatte, dass ihr Bruder wieder im Krankenhaus war. Es war nicht das Stechen im Bauch, dass er jedes Mal fühlte, wenn jemand Carlotta Melonis nannte oder dass sie ihn so kokett informiert hatte, dass sie auf Charlie Plex' Weihnachtsparty jemanden „getroffen" hatte. Es waren nicht die Hausaufgaben.
Es war die Tatsache, dass Alice Griffiths vollkommen perfekt war.
Es war die Tatsache, dass Alice Griffiths vollkommen perfekt war und zum ersten Mal seit Monaten war es ihm klar. Wenn Carlotta in diesem Moment hier gewesen wäre, hätte Frank ihre Fragen beantworten können - er hätte ihr alles erklären können, was sie wissen wollte, seit diese Sache begonnen hatte. Zum ersten Mal seit einer sehr, sehr langen Zeit wusste Frank Longbottom genau, was er wollte.
Alice Geraldine Griffiths war vollkommen perfekt.
Und er hatte keine Chance bei ihr.
(Lehren)
„Lily!" kreischte Donna fast, als sie mit nichts als Freude im Gesicht in den Schlafsaal platze. Lily, die gerade erst selbst gekommen war um ihre Bücher abzustellen, bevor sie zum Abendessen runterging, drehte sich verwirrt um.
„Donna! Ist alles okay?" fragte der Rotschopf besorgt über die manische Begrüßung ihrer Freundin.
„Ich habe nicht mit ihm geschlafen;" sagte Donna sehr schnell.
„Was?"
„Ich habe nicht mit Miles geschlafen - ich habe das bloß gedacht. Er hat mich angetatscht - ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ihm nein gesagt habe. Er hat mit..." Donna erkannte plötzlich die Ironie: „Er hat anscheinend mit Carlotta Meloni rumgemacht, aber... davon weiß ich nichts. Sag's nicht Marlene. Der Punkt ist, ich hab falsch gelegen. Ich hab nicht mit Miles gevögelt. Es war Charlie Plex. Ich..."
Aus Donnas Geschichte von Nach-Weihnachts-Angelegenheiten konnte man viele Lehren ziehen. In den folgenden Jahren, hätte sie wissend von exzessivem Trinken abraten können. Sie hätte vor den Gefahren warnen können, denen man ausgesetzt ist, wenn man zu zwielichtigen Partys geht, gerade alleine; sie hätte vor den vielen möglichen Desastern warnen können, die von sexuellem Kontakt mit einem namenlosen, gesichtslosen Jemand kommen. Sie hätte vor den Klischees warnen können, die durch solches Verhalten entstehen oder der Gefahr, in welches man sein eigenes Leben bringt. Man konnte sehr viele Lehren aus Donnas Katastrophen ziehen und in diesem Moment - zwei Tage nach ihrem pikanten Zusammentreffen mit einem gewissen Charlie Plex - zog Donna eine weitere Lehre.
Immer das Badezimmer überprüfen.
„Sag's nicht Marlene?" zitierte eine leise, irgendwie raue und komplett ungläubige Stimme, die von genau diesem Raum kam. Marlene erschien in der Tür zwischen Waschsaal und dem Schlafsaal und ihr Gesichtsausdruck - als ob ihr jemand gerade in den Magen geboxt hätte - sagte Lily und Donna, dass sie jedes Wort gehört hatte.
„Marlene", begann Letztere, ohne zu wissen, was sie sagen sollte. Ohne sie anzusehen, drängte sich Marlene vorbei, verließ den Schlafsaal und knallte die Tür hinter sich zu. Donna sah hilflos zu Lily.
Scheiße.
(Frohes neues Jahr)
Im Jahr 1976 würde Marlene vergeben und vergessen. Beinahe.
Im Jahr 1976 würde Adam aufgeben. Beinahe.
Im Jahr 1976 würde Alice etwas Spontanes tun, Carlotta würde ihre beste Freundin verlieren, Sirius würde wieder von vorne lernen zu fliegen und Severus würde die eine Sache verlieren, die er jemals gewinnen wollte.
Im Jahr 1976 würde Donna eine schlechte Entscheidung treffen. Erneut.
Im Jahr 1976 würde Remus Lupin alleine aufwachen, Frank Longbottom würde ein Buch kaufen, Mary Macdonald würde Eindruck schinden und Peter Pettigrew würde den Glauben verlieren.
Im Jahr 1976 würde Lily Evans James Potter küssen. Oder war es anders herum?
Aber mehr davon (sehr, sehr viel) später.
