AN: Das Semester hat wieder angefangen und ich werde jetzt weniger Zeit haben zum Übersetzen, aber zwei Kapitel habe ich noch in Vorrat. Hier also Nummer 1, viel Spaß damit!
Dankeschön an meine Beta Anne, die mal wieder trotz Zeitproblemen rechtzeitig fertig war!
PS: Ich würde mich sehr über Reviews oder Empfehlungen freuen, die motivieren immer sehr!
Disclaimer: Harry Potter und seine Charaktere gehören JKR. Diese Geschichte gehört Jewels5. Dies ist eine genehmigte Übersetzung.
Vorher: Luke Harpers Bruder Logan ist vielleicht ein Todesser. Sirius findet heraus, dass sein Onkel am Sterben ist und ist sauer, dass Alphard es ihm nicht früher gesagt hat. Snape hat Marlene angegriffen, weil ihm befohlen wurde, Lily anzugreifen und er es (durch Magie) geschafft hat, seinen Co-Todesserlehrling Hester zu überzeugen, dass es Lily unter dem Cruciatusfluch war, nicht Marlene. James vermutet, dass Snape hinter dem Angriff steckt, obwohl Marlene, die unter dem Confunduszauber war, es bestreitet. Es gibt einen Zeitungsartikel über drei Auroren, die in einer Auseinandersetzung mit Todessern getötet wurde. Nach dem Hogsmeadebesuch geht Luke Harper zu Lily und bittet sie, mit ihm ins Dorf zu gehen und keine Fragen zu stellen - es geht um Leben und Tod. Sie folgt ihm zum verlassenen Laden der Harpers.
Kapitel 17 - „Die Harpers"
Oder
„Wach auf, kleine Susi"
Lily hatte sein Gesicht schon einmal gesehen. Sie waren schließlich gleichzeitig zur Schule gegangen, doch die unterschiedlichen Häuser und Stufen, in denen sie gewesen waren, hatten jegliche Interaktion verhindert. Außerdem hatte Luke Fotos und vor ein paar Monaten war eins in der Zeitung gewesen. Er hatte einen Kiefer wie Luke, aber seine Augen waren dunkler - fast schwarz.
Er hatte eine irgendwie runde Nase, ein unrasiertes Gesicht und fedrig schwarzes Haar. Lily hatte Logan Harpers Gesicht schon gesehen, aber es war jetzt irgendwie anders - obwohl das auch von dem Blut und dem Schmutz kommen konnte.
Logan saß angelehnt an das Sofa auf dem Boden des Zimmers nahe dem Feuer. Sein Gesicht war blutig, aber nur leicht, auf dem weißen Lumpen, den der Zauberer an seine nackte Brust hielt, war viel mehr Blut. Er sah hoch zu Lily, als sie und Luke den durch Feuer erleuchteten Raum betraten, aber da war keine Angst in seinen Augen, er beäugte Lily eher misstrauisch, als ob er den Lumpen, den er nutzlos zu seiner Wunde hielt, die weiter blutete, nicht bemerkte.
„Wer ist das?" fragte Logan und obwohl manche seiner Züge denen seines jüngeren Bruders vielleicht ähnelten, tat das seine Stimme nicht. Sie war harsch und heiser, wie es Lukes nie war.
„Sie kann dir helfen," war Lukes vage Antwort. Lily drehte sich bei diesen Worten zu ihrem Freund um.
„Was ist los mit ihm, was macht er hier und warum brauchst du mich?" fragte sie sehr schnell und ziemlich scharf.
„Kannst du ihr vertrauen?" wollte Logan wissen.
„Natürlich kann ich ihr vertrauen," sagte Luke, er zögerte, bevor er anfing, Lilys Fragen zu beantworten. „Lily - das… das ist mein Bruder Logan. Er… ist verletzt. Er verblutet… ich glaube, es ist eine Fluchwunde…"
„Natürlich ist es eine Fluchwunde," fuhr Logan ihn an.
„Ruhig," befahl Luke Logan. Wieder zu Lily sprechend fuhr er eindringlich fort: „Du musst für mich einen Trank machen, damit sein Blut gerinnt. Du bist tausend Mal besser als ich in Zaubertränke und…"
„Luke, er sollte nach St. Mungos," unterbrach Lily. Logan hustete.
„Du weißt, dass er das nicht tun kann," flehte Luke.
„Das Ministerium hat gesagt, dass er nicht unter Arrest steht. Sie wollen ihn nur befragen. Er sollte nach St. Mungos… es ist so viel sicherer."
„Ich kann nicht, Lily," sagte Luke. „Er wird nicht gehen und wenn er nicht aufhört zu bluten, dann wird er sterben."
Ein Blick auf den grimmig blickenden, aber geschwächten Logan sagte Lily, dass zumindest das wahr war. Was immer getan wurde, es musste schnell getan werden. Es gab keine Zeit zum Nachdenken, Optionen abwägen oder Risiken eingehen und sie konnte ihn nicht einfach sterben lassen.
„Ich habe nichts zum Arbeiten," murmelte Lily, die sich mit einer Hand durch ihr Haar fuhr. „Ich brauche eine Anleitung und einen Kessel und ein heißes Feuer und Zutaten und…"
„Ich habe alles," sagte Luke schnell. Er deutete zu der Büchertasche, die Lily vorher bemerkt hatte. „Ich habe fast die ganze Apotheke gekauft und da ist ein Zimmer, das du benutzen kannst." Er zeigte zu der Treppe und wollte ihr gerade den Weg zeigen, als Lily ihn stoppte.
„Ich muss einen Blick auf die Wunde werfen," sagte sie.
„Oh, natürlich."
Lily näherte sich dem verletzen Zauberer, der zusammenzuckte, als sie sich neben ihn auf den Holzboden kniete. „Wie heißt du eigentlich?" fragte Logan, als Lily den Lumpen entfernte.
„Lily," antwortete sie abgelenkt. Die Wunde war klein - gerade so groß wie ihr Ringfinger und doch blutete sie stark. „Wann hat das angefangen? Wie hast du sie bekommen?"
Logan antwortete nicht, also meldete sich Luke zu Wort: „Er hat sie etwa vor… beinahe 24 Stunden bekommen. Es hat aber erst heute Morgen zu bluten begonnen. Er hat sie bekommen, als…"
„Luke," schnitt sein älterer Bruder ihm das Wort ab.
„Sie muss es wissen," fuhr Luke ihn an.
„Nein, muss sie nicht."
„Doch, muss ich." fuhr Lily dazwischen. Als keiner der Brüder sprach, fügte sie ungeduldig hinzu: „Kannst du mir wenigstens sagen, ob es ein Zauber war oder du dich an irgendetwas geschnitten hast oder…?"
„Ein Zauber," murmelte Logan.
„Er hat einen Spruch gefunden, der das Bluten für fast den ganzen Nachmittag gestoppt hat," fügte Luke hinzu. „Aber es hat vor einer Stunde wieder begonnen und seit dem hat nichts mehr funktioniert."
„Lily wie?" fragte Luke, als Lily den Lumpen mit einem einfachen Spruch säuberte.
„Hmm?"
„Du hast gesagt, dein Name sei Lily. Lily und wie noch?"
Sie sah ihm in die Augen. „Evans."
„Evans? Wer ist deine Familie?"
„Niemand, den du kennst."
„Ein Schlammblut?" fragte Logan scharf.
„Logan!"
„Ich würde nicht mein Blut beleidigen," entgegnete Lily kraftvoll und fuhr ihre Untersuchung der Wunde fort. Logan sah Luke an.
„Ist egal. Ich will nicht, dass sie den Trank macht. Ich vertraue ihr nicht."
„Passt mir gut," fuhr Lily ihn an. Sie kam auf ihre Füße und ging auf die Tür zu, aber Luke stellte sich ihr in den Weg und sah flehend zwischen seinem Bruder und seiner Freundin hin und her.
„Logan, ich kann niemandem sonst trauen und wenn du mich dich nicht nach St. Mungos nehmen lässt, gibt es keinen anderen Weg."
„Du könntest den Trank machen…" begann Logan zu sagen, aber Luke schnitt ihn ab.
„Ich bin grottenschlecht in Zaubertränke - war es schon immer. Ich weiß, du traust Lily nicht, aber du kennst sie nicht. Sie ist ein Genie in Zaubertränke und sie würde niemanden verletzen. Vor allem niemanden, der mir wichtig ist." Hier sah er Lily bedeutungsvoll an. Logan fuhr fort, finster zu blicken, beschwerte sich aber nicht weiter. Lily seufzte tief.
„Gib mir schon das Buch."
Luke zog einen schweren Wälzer aus seiner Tasche, händigte ihn ihr und führte sie aus dem Raum. Er schloss die Tür hinter ihr und begann die Treppe hinunter zu laufen. „Es gibt da drin zwei Zaubertränke für Blutgerinnung, ich bin mir nicht sicher, welcher…"
„Du wirst den von Havershamp wollen," murmelte Lily, genauso sehr zu sich selbst, wie zu Luke. „Der von Warlock Bace ist schneller zu brauen, aber nicht so effektiv gegen Fluchwunden." Sie folgte Luke hinunter zum ersten Stock durch den ehemaligen Hauptverkaufsraum und in ein Hinterzimmer hinein. Ein Feuer brannte und ein Tisch, der von dutzend Trinkzutaten verdeckt wurde, stand bereit. Zusätzlich stand neben dem Feuer ein Stuhl und ein Kessel. „Ich brauche noch einen Kessel," sagte sie.
„Warum?"
„Zwei Teile des Tranks sollten separat gebraut und am Schluss zusammengefügt werden," erklärte sie. Luke zögerte. „Willst du, dass ich das tue oder nicht?" beharrte die Rothaarige und er nickte schnell.
„Richtig, ich suche dir einen."
„Danke."
Sie öffnete das Buch und überflog den Index. Als sie die richtige Seite gefunden hatte, betrachtete sie die Zutatenliste und ging zum Tisch hinüber. Luke sah ihr gespannt zu, als sie verschiedene Zutaten zu anderen Teilen des Tisches schob, vor sich hinmurmelnd und mit ihren Fingern die Portionen zählend. Nach ein paar Minuten war sie fertig, seufzte dann und drehte sich zu Luke um.
„Die Zutaten sind alle hier," sagte sie. „Ich kann es tun. Es sollte eine Stunde dauern. Dein Bruder hat einen Zauber verwendet, um die Blutung langsamer zu machen, also denke ich nicht, dass er in der Zeit verblutet, aber… stell sicher, dass er sich nicht so viel bewegt, ja?" Sie packte den Tisch und zog ihn etwas näher zum Kessel und zum Feuer.
„Richtig," Luke bewegte sich zur Tür, aber hielt an der Türschwelle an. „Lily, ich…"
„Der Kessel," erinnerte sie ihn.
„Richtig… richtig." Er ging und Lily setzte sich in den für sie bereitgestellten Stuhl. Sie schloss ihre Augen und fuhr mit einer Hand durch ihr Haar, mehrmals tief durchatmend. Dann öffnete sie ihre Augen und begann ihre Arbeit.
Es war anstrengend, den Trank zu brauen. Das Rezept war gespickt mit Details, nicht bloß, welche Zutaten hinzugefügt werden sollten, sondern auch die Hitze des Feuers und die Raumtemperatur. Folglich verbrachte Lily genauso viel Zeit damit, mit ihrem Zauberstab das Raumklima zu regulieren, wie sie für die Arbeit an dem Trank brauchte.
Das dauerte auch länger als sie dachte - der Kiefernsaft floss nur langsam und die Knieselfelle ließen die Flüssigkeit nicht die richtige Farbe annehmen, was bedeutete, dass sie sie mit ein wenig zerstobener Drachenklaue ergänzen musste. Lily nahm sich aber ihre Zeit; sich zu beeilen war der größte Fehler, den jemand beim Tränkebrauen begehen konnte und eine falsche Dosis könnte Logan Harper genauso gut töten wie retten. So kam es, dass fast eineinhalb Stunden vergingen, bis Lily den größeren der zwei Kessel über das Feuer schob, zwei Mal im Uhrzeigersinn rührte und sich dann aus dem Raum bewegte.
Ihre Beine und ihr Rücken waren ein bisschen steif von der unbequemen Haltung, die sich die letzten neunzig Minuten eingenommen hatte und ihre Augen brannten wegen dem schlechten Licht. Sie streckte sich und gähnte, als sie aus ihrem kleinen Raum in den Hauptflur hinaustrat und in einen anderen Nebenraum trat, wo, wie sie wusste, sich Luke hineinverbannt hatte.
Lily klopfte zweimal an den hölzernen Türrahmen. Luke döste in einem Stuhl, aber der Ravenclaw rührte sich nach dem Geräusch ihrer Faust auf den Rahmen. Seine unfokussierten Augen öffneten sich, landeten auf Lily und ließen ihn sich aufrichten.
„Lily…" Er räusperte sich. „Ist alles in Ordnung?"
Lily nickte und schritt in den Raum. „Der Trank ist auf dem Feuer, aber es wird noch zehn Minuten dauern."
„Oh. Okay."
Der Rotschopf setzte sich in einen Stuhl und sah ihren Freund intensiv an.
„Wie geht es ihm?" fragte sie, ihr Ton jetzt viel weicher, als das letzte Mal, dass sie gesprochen hatten. „Irgendwelche Veränderungen?"
Luke schüttelte seinen Kopf. „Er hat sich jetzt hingelegt. Ich denke, er hat starke Schmerzen."
„Wann hast du ihn gefunden?" wollte Lily wissen. „Oder hat er dich gefunden?"
„Er hat mich gefunden," erklärte Luke. „Es war direkt, nachdem du gegangen bist… er hat meine Aufmerksamkeit draußen auf der Straße erlangt. Er hatte ein paar andere Verletzungen… nichts Schlimmes und ich konnte ihn richten. Das haben wir den Großteil des Nachmittags gemacht. Dann hat er wieder angefangen zu bluten und es hat nicht mehr aufgehört. Ich habe mich an einen Trank erinnert, von dem ich dachte, dass er vielleicht funktioniert, aber ich wusste, dass ich niemals in der Lage sein würde, ihn zu brauen…. Ich bin grottenschlecht in Zaubertränke. Du bist die einzige, die mir eingefallen ist, der ich vertrauen konnte… die nicht schreiend wegrennen würde und versuchen würde, ihn zu verpfeifen."
„Wenn er unschuldig ist, dann sollte er sich keine Sorgen machen müssen," sagte Lily verärgert.
„Das habe ich ihm auch gesagt," beharrte Luke. „Aber er sieht es nicht so, oder? Er glaubt immer, dass jeder hinter ihm her ist."
„Warum ist er zu dir gekommen? Warum nicht zu irgendjemand anderem in der Familie oder zu einem… einem seiner Freunde?" Die Bedeutung des letzten Wortes ging an Luke vorbei.
„Er will Mum nicht aufregen. Ich kann nicht sagen, warum er nicht zu seinen Freunden gegangen ist - er wollte nicht mal zu mir kommen. Er wollte für ein paar Tage im Laden übernachten, aber als er all die Hogwartsschüler in den Straßen gesehen hat, dachte er an mich."
„Und was wirst du tun?" fragte Lily.
„Ich weiß nicht… Er muss selbst eine Entscheidung fällen. Ich kann ihn nicht zwingen, sich zu stellen, oder? Er hat keine Straftat begangen - sie wollen ihn nur als Zeugen oder so. Wenn er wieder gesund ist, bleibt er wahrscheinlich für ein paar Tage und ich weiß nicht, wo er dann hinwill. Ich bezweifle, dass er es mir sagen wird." Lily saß eine Weile da, bis Luke fragte: „Was denkst du?"
Sie dachte an den Tagespropheten an diesem Morgen, daran, wo Logan vielleicht verwundet worden sein konnte, alles, was James Potter ihr in den Drei Besen gesagt hatte und die drei toten Auroren, deren Mörder auf der Flucht war. Es war viel zum Nachdenken. „Hat er dir gesagt, wie er die Wunden bekommen hat?"
Luke zögerte und schüttelte dann den Kopf. „Er gehört zu meiner Familie, Lily. Er ist mein Bruder. Ich konnte ihn doch nicht einfach im Stich lassen, oder?"
„Nein," stimmte Lily zu. „Natürlich nicht."
„Hör zu, ich bin wirklich dankbar für alles, was du tust," fuhr ihr Freund gegenwärtig fort. „Ich wusste, dass du mir helfen würdest und ich kann dir wirklich nicht genug danken."
„Tja… ich konnte… ich konnte ihn nicht einfach verbluten lassen…" (Selbst wenn er ein Todesser ist…) Luke sah aus, als ob er etwas hinzufügen wollte, aber Lily kam wieder auf ihre Füße und sagte: „Ich geh besser nach dem Trank schauen."
„Ich komme mit dir," versprach Luke und folgte ihr.
Die dicke, suppenhafte Flüssigkeit hatte gerade den richtigen Scharlachrotton, als Lily ins Zimmer kam. Sie rührte sie noch einmal durch und sah zu, wie der Trank dampfte. „Er ist fertig," sagte sie zu Luke, nahm eine Phiole vom Tisch und goss ein paar Kellen des Tranks hinein.
„Vielleicht," begann Luke, als sie das tat, „wäre es besser, wenn ich ihn ihm gebe." Auf Lilys unzufriedenen Gesichtsausdruck hin fügte er schnell hinzu: „Es tut mir leid, Lily, aber er vertraut mir und ich will, dass er das trinkt! Es wäre besser, wenn er keine weiteren Erinnerungsstützen hat, dass er…"
„Von einem Schlammblut gebraut wurde," schloss Lily wütend.
„Bitte, Lily, sag sowas nicht," bettelte Luke. „Bitte… bitte lass uns nicht über sowas reden! Denk nicht darüber nach! Er ist mein Bruder. Er ist nicht perfekt, aber er ist mein Bruder und du kannst ihm solche Sachen nicht ausreden. Lass… lass mich ihm einfach den Trank geben. Es wird einfacher sein."
„Denk nicht darüber nach?" fuhr die Rothaarige ihn an und gab ihm die Phiole. „Luke, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll."
„Worüber sprichst du?"
Sie war voll und ganz bereit, mit ihm darüber zu streiten… ihn anzuschreien in dem Versuch, den hartnäckigen Schleier, der die Augen ihres Freundes zu bedecken schien, zu heben und doch - in einem Moment außergewöhnlicher Selbstkontrolle - atmete Lily bloß aus, schloss ihre Augen und platzierte ihre Hände auf ihrer Hüfte, sich zur Beruhigung zwingend. „Nichts," atmete sie. „Ich rede über nichts. Du gibst das besser Logan. Ich bin in einer Minute oben… räum hier bloß noch auf."
„Danke," wiederholte Luke an der Tür. Lily nickte kurz.
Als sie den Raum oben ein paar Minuten später erreichte, war Luke noch immer dabei, Logan zu überzeugen, dass der Trank ihm helfen würde. Lily stand mit verschränkten Armen auf der Türschwelle, als sie die kleine Auseinandersetzung beobachtete. Luke hatte bei einer Sache Recht - der Zustand seines Bruders verschlechterte sich eindeutig. Der ältere Zauberer war nun angsterregend bleich und obwohl er seine Position am Boden hielt, hing er jetzt stärker am Sofa, als ob es all seine Energie aufbrauchte, den Kopf oben zu halten.
„Logan, bitte," flehte Luke ihn an. Logan Aufmerksamkeit hatte sich jetzt jedoch Lily zu gewendet, er beäugte sie mit der selben - wenn auch nachlassenden - unnachgiebigen Abneigung wie zuvor.
„Ich traue dir nicht," sagte er ruhig, die Ähnlichkeit der beiden Brüder verschwand immer mehr.
„Wenn ich dich töten wollte, hätte ich Luke ihn brauen lassen," antwortete Lily.
Logan schnaubte. „In Ordnung." Damit nahm er die Phiole aus Lukes Händen, schraubte sie auf und probierte einen Tropfen. Er zuckte zusammen. „Es ist abscheulich."
„Ich wusste nicht, dass das einen Unterschied macht," sagte Lily.
„Ich geh Tee holen," schob Luke angespannt ein, aber als er anfing, zur Tür zu gehen, rief Logan ihn zurück.
„Lass sie ihn holen." Er grinste Lily herausfordernd an, die Phiole noch immer zu seinen Lippen erhoben.
„Logan…"
„Nein, ist okay," unterbrach Lily. „Ich mach es. Wohin muss ich?"
„Die Küche ist da," Luke deutete zu einer der Wände und Lily ging ab. Als sie wiederkam, hatte Logan den Inhalt der Phiole geleert und sich auf ein Sofa bewegt. Sein Gesichtsausdruck zeigte unterdrückten Schmerz.
„Es funktioniert nicht, ich blute immer noch," fuhr er Lily an. Sie ließ die drei Tassen Tee mit ihrem Zauberstab schweben und verdrehte bloß die Augen.
„Warte noch ein, zwei Minuten."
Sie hatte Recht, ein paar Minuten vergingen und die Wunde hatte komplett aufgehört zu bluten. Kurz danach begann sie, sich zu schließen und etwas Farbe kehrte in das Gesicht des Zauberers zurück. Logan sah aber immer noch sehr krank aus und Luke riet seinem Bruder zu schlafen, woraufhin der ältere Harper seinen Kopf schüttelte und behauptete, es ginge ihm gut. Lily ließ die Teetasse neben Logan schweben. „Du kannst ihn trinken, wenn du willst. Es sollte den Trank nicht beeinträchtigen… wenn überhaupt, wird es helfen, etwas im System zu haben."
Logan nahm widerwillig den Tee, den er selbst in Auftrag gegeben hatte und nippte an ihm. Luke setzte sich neben das Feuer, aber Lily blieb stehen und trank ihren eigenen Tee bei der Tür. Logan trank seine Tasse schnell und sackte dann zur großen Überraschung seines Bruders in sich zusammen und schlief auf dem Sofakissen ein.
„Ist das normal?" fragte Luke Lily flüsternd, aus Angst den anderen aufzuwachen.
„Es ist normal, wenn du gerade eine Tasse Tee mit Schlaftrunk hinuntergekippt hast," sagte Lily ziemlich ruhig. Luke kam auf seine Füße.
„Was hast du getan?" fuhr er sie an, den Raum durchquerend. „Du hast ihn unter Drogen gesetzt?"
„Du musst deine Stimme nicht unten halten," fuhr Lily im selben gleichmäßigen Ton fort. „Er wird nicht aufwachen."
„Lily," bellte Luke. „Wer denkst du, das du bist? Du kannst nicht einfach… dafür war der andere Kessel, nicht? Circe, ich hatte genug Schwierigkeiten gehabt, ihn dazu zu bringen, dir überhaupt zu vertrauen? Was wird er jetzt denken, wo du…"
„So gern ich dir zuhören würde," unterbrach Lily, die ihren Tee absetzte, „es ist nicht genug Zeit. Er wird für ungefähr fünfzehn Minuten schlafen. Wenn es für dich ein zu großer Verrat ist, ihn zum Ministerium zu bringen, solltest du ihn bei St. Mungos absetzen. Sie werden sicherstellen, dass all seine Wunden geheilt sind und sie werden wissen, was von da an mit ihm zu tun ist."
„Wovon sprichst du?"
„Ich rede über die Tatsache, dass du jemanden auf deiner Couch schlafen hast, der vom Ministerium für Magie gesucht wird und du tun musst, was für alle das beste ist… auch für ihn. Ich habe den kalten, herzlosen Teil mit dem Schlaftrunk und dem Lügen gemacht… du kannst ihm sagen, dass ich diejenige war, die ihn nach St. Mungos appariert hat, wenn es dir dann besser geht, aber…"
„Ich verpfeife ihn nicht!" rief Luke fast. Sie hatte seine Stimme zuvor noch nie so laut gehört, aber Lily blieb entschlossen.
„Luke, ich weiß, er ist dein Bruder und ich weiß, dass du dich illoyal fühlst, aber das hier ist eine Sache von Richtig oder Falsch. Wenn er da involviert ist bei…"
„Er hat nichts falsch gemacht!"
Sie waren beide für einen Moment still, bevor Lily sagte: „Du lügst."
Luke starrte sie an. „Was?"
„Zuerst dachte ich, dass du getäuscht wurdest," fuhr der Rotschopf fort, ein bisschen überrascht von dem plötzlichen Ansturm der Erkenntnis, der sie erfasste. „Aber das ist es nicht, oder? Du hast mich angelogen. Du weißt genauso gut wie ich, wo er diese Wunden herhat."
„Du weiß nicht, von was du…"
„Ich weiß, von was ich spreche, Luke Harper. Ich bin nicht blöd, weißt du, auch wenn ich nur ein kleines Schlammblut bin. Er hat diese Wunden vor vierundzwanzig Stunden bekommen, hast du gesagt. Es muss eine gefährliche Auseinandersetzung gewesen sein, in der er da war… ich schätze nicht, dass es irgendwas mit den drei toten Auroren in der Zeitung zu tun hatte… die, die von Todessern zu genau der gleichen Zeit getötet wurden, in der dein Bruder verletzt wurde. Was für ein Zufall!"
„Das stimmt nicht!" sagte Luke. Er drehte sich von ihr weg und lief zur Feuerstelle. „Und ich verrate meinen eigenen Bruder nicht an das Ministerium!"
„Selbst, wenn er ein Mörder ist?"
„Er ist kein Mörder! Er hat diese Wunden nicht in einem Kampf mit Auroren bekommen… er ist kein Todesser! Es war… es war bloß eine blöde Prügelei mit ein paar Idioten in einem Pub. Es hatte nichts mit…"
„Du lügst!" wiederholte Lily ungläubig. „Warum lügst du mich an? Luke! Um Agrippas Willen, würdest du mich ansehen?"
Luke drehte sich wieder zu ihr. „Es war bloß eine Schlägerei mit ein paar Trotteln vor einem Pub."
Lily sah sein Gesicht für ein paar Minuten still an. Dann strich sie sich das Haar aus dem Gesicht und sagte: „Gut. Was auch immer. Ich gehe zurück zum Schloss, du kannst machen, was du willst…"
„Warte."
Sie hielt bei der Tür an. „Was?"
„Du kannst nicht zurück zum Schloss," sagte Luke. „Es ist nach neun Uhr… die Schutzzauber sind oben. Keiner kann rein oder raus."
„Tja, dann hämmer ich so lange an die Tore, bis sie mich reinlassen."
„Du bekommst Nachsitzen!"
„Ich denke, ich werd das überleben."
„Lily, warte…"
Sie wartete ungeduldig an der Tür und er schritt näher. „Ich brauche dich hier," sagte er. „Ich kann… ich kann nicht alleine mit Logan sein. Was, wenn er wieder anfängt zu bluten oder irgendetwas anderes mit ihm passiert? Ich weiß nicht, ob ich damit umgehen kann - ich brauche dich."
„Meine Freunde werden sich Sorgen machen und Filch weiß, dass wir eine Kutsche genommen haben," antwortete Lily, obwohl ihr Widerstand bröckelte. „Er wird wissen, dass wir nicht zurückgekommen sind."
„Nein, wird er nicht."
„Was?"
„Ich - ich habe ihn mit einem Confundus belegt. Es tut mir leid, Lily, aber ich war mir nicht sicher, wie lange es dauern würde…" Seine Stimme war wieder weich, Luke-hafter, aber die Veränderung, die ihn überkommen hatte, hatte ihn unwiderruflich in Lilys Kopf verändert. Sie hatte nie direkt gedacht, dass ihr Freund dumm war, aber vielleicht hatte sie nie damit gerechnet, dass er außerhalb seiner Bücher so clever sein konnte. Es musste, wie ihr klar wurde, mehr Gründe dafür geben, dass er in Ravenclaw war, als sie jemals gedacht hatte, aber sie war sich nicht sicher, ob sie es mochte. „Bitte, Blume, wir können es unseren Freunden am Morgen erklären, aber ich - ich brauche dich jetzt."
Er griff nach ihrer Hand, aber sie zog sie zurück und verschränkte ihre Arme. Ohne ein weiteres Wort durchquerte sie den Raum zu einem Holzstuhl in der Ecke und setzte sich. Luke ging wieder zurück zum Feuer.
(Zwischenspiel)
„Oh. Hi. Alice."
Der Klang ihres eigenen Namens ließ die Hexe von dem Turm von Büchern hoch schauen, der sie im Gemeinschaftsraum umgab. Sie war weniger froh, als sie sah, wer sie aus ihrer fieberhaften Lernsitzung spät in der Nacht gerissen hatte.
„Hi, Frank," antwortete sie genauso verlegen wie der Schulsprecher. Er kam gerade aus der Richtung der Schlafsäle in den Gemeinschaftsraum herein und schien überrascht seine Exfreundin zu sehen.
Das war nicht das erste Mal, dass die beiden seit der berüchtigten Trennung vor all diesen Monaten alleine gewesen waren, aber es war das erste Mal, dass überhaupt die Möglichkeit bestand, dass das Zusammentreffen länger als ein paar Sekunden dauern könnte. Die Tatsache, dass Frank überhaupt gesprochen hatte, zeigte, dass er sich nicht sofort umdrehen und weggehen wollte. Irgendeine Art von Unterhaltung wurde vermutlich erwartet. Alice schauderte es vor dem Gedanken.
„Was - äh… was machst du hier unten?" fragte er und kam näher.
„Bloß Hausaufgaben," antwortete Alice weich. „Konnte nicht schlafen."
„Oh. Ja. Ich auch nicht."
Während Alice immer noch die Jeans und den Pulli trug, die sie für den Hogsmeadebesuch vor unendlichen zwölf Stunden angezogen hatte, trug Frank seinen Pyjama - karierte Hosen und ein graues T-Shirt. Alice unterdrückte angestrengt vage Erinnerungen an Gespräche, die sie geführt hatten, während er das T-Shirt getragen hatte oder an das eine Mal, an dem sie Kürbissaft auf seine Hose geschüttet hatte oder die Stunden, die sie damit verbracht hatten, in ihren Pyjamas auf die Z.A.G.s zu ‚lernen'. Nostalgie führte zu nichts.
„Hör zu," begann Frank und er kam noch näher. „Kann ich - äh - kann ich eine Minute mit dir sprechen?"
Nein, in der Tat, Nostalgie führte zu nichts.
„Ich denke nicht," antwortete sie, gerade lauter als ein Wispern.
„Oh." Es überraschte ihn. „In Ordnung dann." Frank drehte sich um und stieg die Treppe zum Schlafsaal hoch, aber nicht, bevor er leise hinzufügte: „Gute Nacht, Alice."
Zu der immensen Erleichterung seines Bruders erkannte Logan nicht, dass seine zwanzig Minuten Tiefschlaf von außen herbeigeführt worden waren. Als er erwachte, schreckte er hoch, sah sich im Raum um und sah Lily still in einer Ecke sitzen und Luke das Feuer schüren.
„Muss wohl müder gewesen sein, als ich dachte," grunzte Logan; er zog einen Zauberstab aus seiner Umhangtasche und hielt ihn fest, sich auf dem Sofa aufrichtend, aber sich nicht von ihm bewegend.
„Du… du solltest wirklich schlafen," versuchte Luke ihn zu überreden (wiederholt alle zehn Minuten oder so), aber Logan war entschlossen, wachsam zu bleiben. Er stimmte etwas Essen zu, welches Luke von einem unbekannten Ort herbei beschwor. Als der Ravenclaw Lily etwas davon anbot, schüttelte sie nur den Kopf und rief das Zaubertränkebuch herbei, das sie unten gelassen hatte. Für einige Zeit saß die Hexe in ihrer Ecke, las das Buch und schenkte Luke keine Aufmerksamkeit, obwohl er ihr genauso oft ängstliche Blicke zu warf, wie er Logan empfahl zu schlafen. Schließlich wurde Luke zur Erleichterung seiner Freundin und seines Bruders doch vom Schlaf übermannt, etwa eine Viertelstunde vor Mitternacht.
Logan stand dann schließlich vom Sofa auf und ging wackelig durch den Raum zu Lily, während er seinen Umhang schloss, um das, was von der Wunde blieb, zu verdecken.
„Du bist seine Freundin, oder?" fragte der Zauberer verbittert. Lily sah von ihrem Buch hoch und nickte. Es wurde ihr plötzlich klar, dass sie hier absolut gar nicht sicher war. Logans Zauberstab, obwohl er entspannt an seiner Seite lang, war in seiner Hand und ihr eigener steckte in ihrem Stiefel. Sie ließ jedoch ihre Angst nicht auf ihrem Gesicht erscheinen - sie hielt ihren Ausdruck komplett neutral. „Er hat erwähnt, dass da ein Mädchen war, das letzte Mal, als wir gesprochen hatten," fuhr Logan fort. „Er hat nicht gesagt, dass sie ein Schlammblut ist… hat es gar nicht erwähnt. Hätte es wissen sollen, schätze ich… er war immer ziemlich dumm, wenn es darum ging, wie die Welt so läuft." Lily war sich nicht sicher, welche Antwort Logan erwartete, also gab sie ihm keine. „Hast du keine Angst vor mir?" fragte er schließlich.
„Nein," log Lily, aber als sie es sagte, wurde sie sicherer.
„Aber weißt du nicht, was ich bin?" Ein sardonisches Grinsen formte sich auf seinen Lippen.
Lily nickte. „Ich schätze, ich bin zu müde, um richtig verängstigt zu sein. Jedenfalls dachte ich, dass ihr alten reinblütigen Familien so viel Tara um Ehre macht."
„Und?"
„Also, ich habe gerade dein Leben gerettet."
Logans Grinsen wurde mürrisch. „Aber du hast Recht," sagte er nach einer Minute. „Ich werde dich nicht töten… du hast diesen Trank gemacht und das kommt dir dieses Mal etwas zu Gute."
„Wie großzügig."
Guter Godric, Lily, provozier ihn noch, warum nicht? Sie hatte keine Ahnung, wo diese gleichmütige Courage herkam - oder war es Dummheit? - , aber sie konnte sich nicht zurückhalten. Trotzdem, sie musste Glück gehabt haben oder so, denn Logan machte keinen Kommentar. Stattdessen schnipste er einmal mit dem Zauberstab und ließ einen Stuhl vom anderen Ende des Raums herfliegen und setzte sich.
„Ich weiß, dass ich nicht die Erste bin, die das sagt," bemerkte Lily trocken. „Aber du solltest wirklich schlafen." Logan grunzte bloß. Lily verdrehte ihre Augen und versuchte wieder zu ihrem Buch zurückzukehren.
„Wie ist es passiert?" unterbrach der Zauberer sie plötzlich. „Zwischen dir und meinem Bruder - wie ist das passiert?"
„Er hat mich gefragt, ob wir ausgehen wollen und ich hab Ja gesagt. Wir sind seit Juni zusammen."
„Hmpf. Luke weiß es besser. Idiot. Wusste er, dass du ein Schlammblut bist?"
„Ja." Sie hätte natürlich beleidigt sein sollen, aber die Tatsache, dass ihr Gesprächspartner mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit ein Mörder war, machte ihr mehr Sorgen als ein abfälliges Schimpfwort. „Siehst du, ich manipuliere und benutze ihn nicht."
„Ich habe ihn nicht manipuliert," fuhr Logan sie an. „Er ist mein Bruder. Er ist ein Harper. Es gibt so was wie Pflicht, weißt du. Ehre."
„Dein Bruder weiß das sicherlich," grummelte Lily. „Auch wenn er komplett missverstanden hat, was diese Dinge bedeuten."
„Wovon redest du?"
Lily kämpfte einen kurzen, aber schweren inneren Kampf und antwortete ihm dann: „Ich habe dich betäubt. Der Tee. Deshalb hast du geschlafen." Logans Augen wurden dunkel. „Ich wollte, dass Luke dich einliefert. Er hat sich geweigert."
„Ich sollte dich töten, weißt du," murmelte Logan.
„Aber du wirst es nicht tun."
„Nein?"
„Nein."
„Warum nicht?"
Jetzt grinste Lily. „Weil du dir nicht sicher bist, wie tief die Gefühle deines Bruders für mich sind."
Logan beobachtete sie für ein paar Sekunden und lachte dann spöttisch. „Mach mich nicht wütend, Mädchen. Charme und ein hübsches Gesicht entschuldigt kein schlechtes Blut."
„Gutes Blut entschuldigt keinen Mord," entgegnete die andere.
„Ich bin kein Mörder," sagte Logan locker. „Ich habe noch nie einen echten Zauberer getötet, außer in Selbstverteidigung."
„Ein echter Zauberer? Einen Reinblüter meinst du, schätze ich."
Logan nickte. „Und selbst die waren Verräter. Blutsverräter, die schlimmsten ihrer Sorte. Kein Respekt vor Magie… keine Liebe für das, was uns die bessere Spezies macht. Sie würden die magische Welt beschmutzen… weigern sich, fortzuschreiten, wie es das Schicksal für uns vorgesehen hat."
„Warum genau hasst ihr Muggelstämmige?" fragte Lily, mehr aus Neugier als aus Wut. „Warum fühlt ihr euch so bedroht von uns?"
„Ihr stellt eine Bedrohung für unsere gesamte Lebensart dar," antwortete Logan, als ob es offensichtlich wäre. „Ihr stellt eine Bedrohung für Magie selbst dar! Ihr tragt die Möglichkeit Muggel aus magischem Blut zu produzieren… eure Magie ist schwächer als die von Reinblütern, was weiter unsere Welt bedroht. Weitere Fortpflanzung mit eurer Art wird das Ende von Magie innerhalb von zehn Generationen bedeuten."
Lily hatte diese Sprüche schon gehört - vor allem in reinblütigen Propagandaartikeln und Büchern oder sonst vereinzelten Slytherins. „Es gibt ungefähr hundert Studien, die diese Statistik widerlegen," argumentierte sie. „Magische Eltern - selbst Muggelstämmige - bekommen mit einer viel höheren Wahrscheinlichkeit magische Kindern als Squibs."
„Schlammblut-liebende Propaganda," wehrte Logan ab.
„Woher weißt du, dass deine Information keine Reinheitsmanie-Propaganda ist?"
Der Zauberer starrte sie böse an. „Vorsicht, Schlammblut."
Beide waren für mehrere Minuten still, bis Lily ihr Buch schloss und fragte: „Was hast du mit Luke vor?"
Logan hob seine Augenbrauen. „Ich könnte dir die selbe Frage stellen."
„Ich meine, was willst du von ihm?" fuhr Lily fort. „Warum bist du zu ihm gekommen? Wirst du ihn in Ruhe lassen oder wirst du versuchen, ihn zu überreden… sich euch anzuschließen?"
„Ich würde das wohl kaum dir erzählen," war alles, was Logan sagte. Lily war bereit zu kämpfen.
„Er wird es nicht tun," sagte sie. „Wird er nicht."
Logan antwortete nicht. Gerade dann wies ein plötzliches Grunzgeräusch darauf hin, dass Luke aufwachte und er riss seinen Kopf von dem Sofakissen hoch, auf der er gelegen hatte. Logan stand förmlich von seinem Stuhl auf und begann zurück zur Couch zu gehen, gerade als Luke misstrauisch fragte, was sie in der Ecke machten.
„Nur plaudern, kleiner Bruder," antwortete Logan aalglatt. Lily fühlte sich krank.
Sie konnte sich nicht daran erinnern, eingeschlafen zu sein, aber kurz vor Sonnenaufgang öffnete Lily ihre Augen und realisierte, dass sie das getan haben musste. Sie setzte sich in ihrem ungemütlichen Holzstuhl auf und versuchte sich zu erinnern, zu welcher Uhrzeit sie ihrer Erschöpfung nachgegeben hatte, sie erinnerte sich daran, kurz nach vier Uhr dreißig auf ihre Uhr geschaut zu haben, es musste also gegen fünf Uhr gewesen sein…
Luke und Logan waren wach und sprachen leise beim erloschenen Feuer. Ein Fenster zeigte einen bleichen Himmel und Lilys Armbanduhr zeigte ihr, dass es genau eine Minute nach Mitternacht war. Während sie sich einen Moment nahm, um sich zu sammeln um sich an die verwirrenden und seltsamen Ereignisse von leichter Nacht zu erinnern, wischte sich Lily den Schlaf aus den Augen, richtete ihren Rock und zog ihre unordentlichen Haare in einen lockeren Zopf. Erst als sie hustete, ziemlich unsubtil, bemerkten die Harper Brüder, dass sie nicht mehr schlief.
„Lily!" sagte Luke, als ob ihm nicht klar gewesen war, dass sie immer noch bei ihnen war. Er räusperte sich und stand auf (Lily sah, wie Logan seine Augen verdrehte) und durchquerte den Raum. „Du - äh - bist eingeschlafen. Es ist fast sieben. Ich geh dir etwas zum Frühstück holen und dann kannst du hoch zum…"
„Es ist nach sieben," korrigierte Lily. Ihr Hals war steif - ihr ganzer Körper tat von den zwei Stunden Schlaf in diesem schrecklichen Stuhl weh. „Ich hol mir Frühstück im Schloss."
„Oh." Luke war auch sehr bleich und unter seinen braunen Augen waren dunkle Ringe von der hauptsächlich schlaflosen Nacht. „In Ordnung. Wenn du das willst."
„Kommst du mit?" fragte Lily heiser. Luke warf seinem Bruder einen Blick zu.
„Ich komme bald nach," versprach er feierlich. Der Siebtklässler streckte eine Hand aus und nahm ihre Hand; seine war warm, ihre kalt und die Geste schockte Lily, vielleicht sogar noch mehr aufgrund der Ereignisse in den letzten zwölf Stunden, aber auch einfach, weil Luke nie sehr körperlich war… nie wirklich ein Händchenhalter, außer Lily machte den Anfang. „Wirst du es alleine hoch zum Schloss schaffen?"
„Ich werde es irgendwie hinkriegen," antwortete sie knapp.
„Du wirst wohl im Schloss etwas Schlaf nachholen wollen, schätze ich," fuhr Luke leise fort, wahrscheinlich so, dass Logan es nicht hören würde. „Aber kann ich dich zum Mittagessen sehen? Ich würde gern mit dir über… über letzte Nacht reden." Lily nickte. Sie ging zur Tür, aber Luke folgte ihr in den Flur. „Hör zu, Lily," sagte er und schloss die Tür hinter ihnen. „Ich - also… du wirst nicht… du wirst nicht über das hier reden, oder? Mit niemandem?"
Das war ein Thema, bei dem Lily noch unentschlossen war und jetzt war sie viel zu erschöpft um irgendeine Art von Entscheidung zu treffen. „Ich werde nichts sagen, bis wir geredet haben," sagte sie ihm unverbindlich. Ohne ein weiteres Wort ging Lily die Treppe hinunter und Luke ging wieder in den Raum zu seinem Bruder.
Die Sechstklässlerin war halb die Treppe hinunter, als ihr eine Idee kam. Sie hielt an und zog dann ihren Zauberstab heraus, richtete ihn auf ihre Schuhe und schwang ihn einmal. Als sie die Treppe hochstieg, machten ihre Bewegungen keine Geräusche auf dem Holzboden. Der Rotschopf schlich zurück zur Tür und hielt nur mit ganz leichten Schuldgefühlen ihr Ohr an die geschlossene Tür des Raums, den sie gerade verlassen hatte. Logans raue Stimme war zuerst hörbar.
„…kompletter Schwachsinn, Luke und du weißt es."
„Ich will nicht darüber reden," wischte Lukes verärgerte Stimme den Einwand beiseite. „Sie ist meine Freundin - es hat nichts mit dir zu tun. Mum und Dad scheinen nichts dagegen zu haben."
„Mum und Dad sind tattrige Idioten," fuhr Logan ihn an. „Sie meinen es vielleicht gut, aber sie sind uninformiert."
„Ich habe dir gesagt, ich will nicht über Lily reden," beharrte der jüngere Bruder und dann waren sie für fast eine Minute still. Dann brach Logans Stimme die Stille.
„Hast du über mein Angebot nachgedacht?" fragte er überraschend zögerlich.
„Nein," sagte Luke, „habe ich nicht."
„Du hast noch Monate Zeit," fuhr Logan fort. „Du musst jetzt nichts entscheiden. Aber es ist eine gute Möglichkeit und wir werden einen weiteren Zauberstab brauchen."
Luke sagte nichts für einige Zeit, aber als er sprach, war es zu einem ganz neuem Thema. „Ich denke, ich werde einen Tee aufsetzen - willst du auch einen?"
Lily wartete nicht auf Logans Antwort. Sie sprintete eine Sekunde später den Korridor hinunter, die Treppe erreichend, noch bevor Luke überhaupt die Tür geöffnet hatte. Die Hexe hielt nicht an, bis sie auf der matschigen Straße war und verlangsamte selbst dann nur zu einem schnellen Schritt. Die kalte Morgenluft biss ihre ausgesetzte Haut und sie zog ihren Mantel etwas enger um sich, als sie ging.
(Zwischenspiel II)
Ich bin am Verhungern.
Es war der erste bewusste Gedanken, den Severus Snape beim Aufwachen am Sonntag Morgen registrierte. Seine schwarzen Augen öffneten sich zu der Sicht des Schlafsaals der Slytherin Sechstklässler - Mulciber, Avery und Piper schliefen immer noch, aber Hester war nirgendwo zu sehen.
Hester.
In diesem Moment wurde ihm alles wieder klar - Marlene Price anzugreifen, das schlampige Aufräumen, das hohe Lob, das Hester ihm gegeben hatte, als er die Geschichte Mulciber und Avery erzählte und dann Severus Entscheidung, das Abendessen ausfallen zu lassen und im Schlafsaal zu bleiben… tja, das erklärte, warum er so verdammt hungrig war. Aber wo war Hester?
Er war beim Frühstück, wie Severus mehrere Minuten später lernte. Letzterer hatte sich in der Zwischenzeit gewaschen und angezogen und er wollte gerade selbst in die Große Halle ausrücken, als Hester den Schlafsaal betrat. Er grinste, als er Snape entdeckte und deutete ihm, ihm aus dem Schlafsaal zu folgen. Snape tat es, immer noch angespannt.
„Tja, du hast es geschafft," sagte Hester ihm, als sie auf der Treppe waren. „Dumbledore hat beim Frühstück eine Ankündigung gemacht. Es scheint, das Ministerium schickt heute Abend so einen Trottel - Pflichtveranstaltung natürlich - und sie werden etwas über die Gefahren von dunkler Magie quasseln… aber der Punkt ist…" Und das amüsierte Halblächeln auf Hesters Gesicht wurde zu einem teuflischen Grinsen. „Du bist außer Verdacht."
„Ich weiß nicht, warum du das sagst."
„Keiner weiß, dass du es warst," sagte Hester. „Ich weiß, dass du dachtest, dass es vielleicht jemand wissen könnte, aber das - das zeigt, dass der alte Narr Dumbledore von der Attacke weiß und er hat dich noch nicht herausgeworfen, oder? Jedenfalls weiß keiner, was los ist. Ich hab ein Gerücht gehört, dass es das Price Mädchen war, was angegriffen wurde." Er lachte darüber, aber Snape versuchte sich nicht einmal an einem schwachen Lächeln.
„Ich schätze, du wirst nun Lucius Malfoy schreiben," sagte er einfach.
„Ich habe es schon getan."
Snape ließ die Verwirrung über sein eigenes, knappes Entkommen oder Erleichterung über dasselbe nicht auf seinem Gesicht erscheinen. Stattdessen nickte er kurz Hester zu und sagte: „Dann haben wir uns nichts weiter zu sagen," bevor er an ihm vorbei und die Treppe hinunterschlüpfte.
„Wo warst du?" fragte die Stimme, die Lily gerade fast am allerwenigsten auf der ganzen Welt hören wollte. James Potters anschuldigender Ton traf sie unvorbereitet und sie öffnete die Augen, die sie unbewusst geschlossen hatte, um zu sehen, wie der Zauberer sich ihr in der Eingangshalle näherte. Die riesigen Tore schlossen sich hinter ihr und Lily suchte in ihrem erschöpften Gehirn mit Schlafentzug nach einer guten Ausrede.
Leider fiel ihr nur „Ich war spazieren."
„Wohin? Brasilien?"
Das traf Lily ebenfalls unvorbereitet. „Was?"
„Du warst den ganzen Morgen weg und du warst nicht auf dem Schulgelände," sagte James und er hörte sich wütend an.
„Doch, ich…" begann sie zu lügen, stoppte aber, als James ein gefaltetes Pergament aus der Tasche zog. Lily hob aufsässig ihre Augenbrauen.
„Die Karte," stellte James klar, obwohl Lily nur ein leeres Pergament sehen konnte. Sie blies sich eine Haarsträhne aus den Augen.
„Ja. Brasilien. Ich war in Brasilien. Ist das alles, oder gab es einen Grund dafür, warum du mich stalkst?"
„Du warst in Hogsmeade letzte Nacht, oder?" wollte James wissen. „Weißt du nicht, wie gefährlich das diese Tage ist? Und nachdem, was mit Marlene passiert ist! Du kannst nicht einfach…"
„Wirklich, Potter?" sprach sie über ihn hinweg, obwohl er weiter schimpfte. „Du hältst mir einen Vortrag über Sicherheit? Wann war die letzte Nacht, in der du nicht nachts nach Ausgangssperre hinausgeschlichen bist?"
Der Quidditchkapitän ignorierte das. „… Und dieser idiotische Freund von dir sollte auch verantwortlicher sein, wenn man beachtet…"
„Luke? Was hat Luke damit zu tun?"
James verdrehte die Augen. „Soll ich die Karte wieder rausziehen und erklären, wie sie funktioniert, Keks?"
„Warum," fuhr Lily ihn an und stieß ihn in die Brust, „spionierst du mir und meinem Freund nach?"
„Warum," entgegnete James, „seid du und dein Freund komplette Idioten? Agrippa! Wenn ihr euch schon eine Nacht um die Ohren schlagen wollt, könnt ihr das doch wenigstens im Schloss machen! Oder ist ihre Hoheit zu gut für eine Besenkammer?"
Lily lachte ungläubig. „Also erstens, ja, ich bin zu gut für eine Besenkammer! Igitt! Und zweitens, geht Ihre Hoheit jetzt ins Bett, wenn du mich entschuldigst…"
Sie versuchte um ihn herumzugehen, aber James stellte sich ihr in den Weg. „Nein, weißt du, was ich wirklich interessant finde?" fuhr er kühl fort. „Die Tatsache, dass du keine moralische Skrupel hattest, das Schloss zu verlassen um mit deinem Freund eine Nummer zu schieben, nur Stunden, nachdem eine deiner angeblich besten Freundinnen im Krankenflügel gelandet ist!"
Lily sah sich um, um sicherzugehen, dass niemand zuhörte, aber es war noch nicht acht Uhr und die meisten Schüler schliefen Sonntagmorgens aus. Sie waren die einzigen in der Eingangshalle. „Guter verdammter Gott, Potter, alles, was du sagst, geht dich immer weniger an! Jetzt beweg dich!"
„Nein!" Er stellte sich ihr wieder einmal in den Weg und Lily konnte nicht anders. Sie zückte ihren Zauberstab und stich ihn gegen seine Kehle.
„Beweg dich!"
„Oh, wirklich?" spottete der Zauberer. „Du wirst mich verhexen? Warum kann ich das so schlecht glauben?"
„GAH!" Lily schnipste ihren Zauberstab. „Silencio!"
James Potter war plötzlich uncharakterisch - wenn auch magisch - sprachlos, was ihn lange genug ablenkte, dass Lily um ihn herumschleppen konnte. Sie hatte die marmorne Treppe erreicht und war mehrere Stufen hoch, bis er seine Stimme wieder hergestellt und sie eingeholt hatte, vor sie hüpfend, was sie frustriert aufschreien ließ.
„Ich muss mir dir sprechen," sagte James. „Ich habe dich nicht gestalkt - ich wollte wirklich etwas mit dir besprechen und ich habe nach dir gesucht und habe dich nicht auf der Karte gesehen und dann dachte ich, dass vielleicht Harper wüsste, wo du bist und ich habe herumgeschaut und habe ihn auch nicht gesehen. Deshalb wusste ich es. Ich verbringe meine Morgen nicht damit, auf einen mit ‚Lily Evans' markierten Punkt zu starren, weißt du."
Lily atmete tief aus. „In Ordnung. Worüber musst du mit mir so dringend sprechen?"
„Es geht um Marlene."
„Geht es ihr gut?"
„Ja, sie wurde gerade aus der Krankenstation entlassen."
„Und…?"
„Ich denke, ich weiß, wer sie angegriffen hat," fuhr James fort und seine Stimme bebte in einer Weise, die schockierenderweise auf Besorgnis hinwies. „Ich hatte die Karte. Ich hatte erst ungefähr eine Stunde, nachdem sie angegriffen wurde, Zeit, nachzuschauen, aber… ich habe eine gute Vermutung."
„Warum hast du es dann nicht McGonagall oder Dumbledore gesagt?" fragte Lily.
„Tja," (James runzelte die Stirn), „ich habe keinen direkten Beweis. Ich bin mir nicht mal komplett sicher, dass ich Recht habe, obwohl ich nicht sehe, dass jemand anderes in der Lage hätte sein können.. tja, es scheint nicht wahrscheinlich, dass jemand anderes…"
„Wer ist es?" unterbrach Lily.
Ein Moment der Wahrheit. „Snape."
Das Interesse verschwand sofort von Lilys Gesicht, ihre Augenbrauen verschwanden praktisch in ihrem zerzausten Haar, als sie ihre Lippen sehr eng zusammenpresste. „Natürlich," sagte sie gegenwärtig. „Verdammt natürlich. Weil - wem mache ich etwas vor? Wen würdest du sonst je verdächtigen irgendetwas Falsches in diesem dummen Schloss getan zu haben, abgesehen von Severus Snape?!" Sie drängte sich an James auf der Treppe vorbei und eilte hoch, aber er folgte ihr.
„Würdest du mir einfach zuhören, Evans? Ich meine es ernst - ich erfinde das nicht! Er war in seinem Schlafsaal mit…"
Lily fuhr fort, als ob er nicht am Sprechen wäre: „Ein Hufflepuff-Viertklässler ist erkältet? Muss Snapes Schuld sein! Mrs. Norris verliert ihr Haar? Ich wette, Snape war's! Slughorn hat jede Menge Hausaufgaben aufgegeben? Rate, wessen Schuld das ist! Oh, es regnet draußen, ich wette…"
„Ich habe keine älteren Schüler in der ganzen Schule gesehen - außer Frank und selbst du wärst nicht blöd genug um zu denken…"
„… Alles bei dir - Snape, Snape, Snape! Und das schlimmste ist, er ist verdammt noch mal genauso! Potter, Potter, Potter! Immer Potter! Ich kann nicht mal das Wort ‚Quidditch' äußern, ohne etwas über den verdammten James Potter zu hören! Und nicht nur das…"
„Und warum war er dann nicht im Dorf mit all den anderen? Warum sollte er überhaupt im Schloss sein? Und…"
„Weil Gott bewahre, irgendjemand oder etwas anderes in der Welt Schuld für das Schlechte im Universum sein könnte…"
„…Er ist ein Slytherin. Er hat schon früher Muggelstämmige verhext. Er wäre schlau genug von hinten anzugreifen, also dass…"
„… ich schwöre, es ist, als ob ihr zwei verliebt wärt, oder so! Wenn das so ist, um Gottes Willen, erlöst uns alle von unseren Qualen und sucht euch endlich einen verdammten Besenschrank!"
Sie erreichten vor Wut kochend das Obere der Treppe. „Du hast nicht ein Wort gehört, das ich gesagt habe, oder?" wollte James wissen.
„Ich habe alles gehört, was du gesagt hast," konterte Lily. „Und dir ist schon klar, dass dein Beweis zur Verdächtigung von Snape die Tatsache ist, dass er eine Stunde nach dem Angriff ‚im Schloss' war, nicht? Denk darüber nach: er war an dem Ort, an dem er achtzig Prozent seines Jahres verbringt. Brillante Theorie, Potter - echt, wirklich inspirierend."
Sie schob sich wieder einmal an ihm vorbei, den Korridor hinunterlassend. James folgte ihr. „Du bist voreingenommen!" beschuldigte er sie.
„Genau wie du!"
„Aber ich habe Beweise."
„Nein, du hast eine Idee. Eine Idee ist kein Beweis. Ich habe die Idee, dass du vielleicht kurzzeitig von Sinnen warst, Marlene angegriffen hast und dann deinen Kopf irgendwo angeschlagen und alles vergessen hast." James öffnete seinen Mund um zu protestieren. „Du siehst… nur, weil man sich ein Szenario im großen Reich des Möglichen vorstellen, die Wörter zu einem halb kohärenten Satz zusammenfügen und ihn laut genug schreien kann, heißt das noch nicht, dass man einen Beweis hat."
„Tja, was hat er dann im Schloss gemacht?"
„Was hast du im Schloss gemacht?"
„Ich habe meinen Umhang geholt."
„Vielleicht war er auch einen Umhang holen! Vielleicht hatte er Kopfweh und hat sich hingelegt! Vielleicht wollte er nicht raus in die Kälte! Welches Motiv sollte Severus haben um Marlene anzugreifen?"
James verdrehte seine Augen.
„Oh," erkannte Lily. „ich meine, abgesehen davon, dass er anscheinend im Schloss herumrennt und verschiedene ruchlose Taten nur zum Spaß macht."
„Du denkst, ich mache Witze."
Lily hielt mit ihren Händen auf den Hüften an. „Hör zu, Potter, wenn du so überzeugt bist, dass Sev das getan hat, warum gehst du dann nicht zu McGonagall oder Dumbledore? Warum nervst du mich damit?"
James blickte finster. „Warum sollte ich dir das sagen? Du wirst bloß annehmen, dass Snape ein Heiliger ist und ich unter Wahnvorstellungen leide."
„Severus ist kein Heiliger, aber du leidest definitiv unter Wahnvorstellungen. Jetzt mach endlich oder lass mich bitte in Ruhe."
„Jemand hat eine scheiß Laune," beobachtete der andere.
„Tja, ich hab letzte Nacht wenig Schlaf bekommen," entgegnete Lily und erst, nachdem die Worte ihren Mund verlassen hatten, wurde ihr klar, wie sich das anhörte. Aus welchem Grund auch immer sah James extrem wütend aus und obwohl es ihr normalerweise auf eine geheime Art und Weise gefiel, ihm genauso auf die Nerven zu gehen, wie er auf ihre, bemerkte Lily, dass sie den seltsamen Drang hatte, für Klarheit zu sorgen. „Hör zu, es ist nicht so, wie du denkst," sagte sie, sich ihr Haar aus dem Gesicht schiebend. „Es… es ist kompliziert. Aber ich bin… ich meine, ich bin nicht aus dem Schloss geschlichen, um mich mit meinem Freund zu treffen. Ehrlich."
„Was schert es mich?" antwortete James eiskalt. Aber seine Gesichtszüge waren jetzt etwas weicher. „Okay, der Grund, warum ich mit dir über Snape reden wollte, war der, dass ich mich gefragt habe, ob du bemerkt hast, dass er… anders verhalten hat."
Das hatte sie. Er war die ganze Woche abweisend und missmutig gewesen… die ganze letzte Woche auch, aber Sev war immer ziemlich launisch gewesen, deshalb war ‚anders' eher eine subjektive Sache. „Ich weiß nicht. Nicht wirklich… ein bisschen mürrisch, aber nicht wirklich. Warum? Was würde das beweisen?"
„Er hat mich nicht verhext," sagte James. Lily hob ihre Augenbrauen und er erklärte: „Es war vor ein paar Wochen… Snape und ich hatten eine kleine Auseinandersetzung…"
„Womit du meinst, dass du ihn angegriffen hast."
James berichtigte sie nicht. „Glaub, was du willst, aber… er hatte eine Chance, mich zu verfluchen und er hat sie nicht genutzt. Er sah… seltsam aus. Anders. Ich kann es nicht erklären, aber irgendetwas war mit ihm."
„James," begann Lily langsam, als ob ihr Gesprächspartner ein dummer Sechsjähriger wäre, „liege ich richtig, wenn ich glaube, dass du denkst, dass Snape Marlene angegriffen hat, weil er dich nicht angegriffen hat?"
„Ich sage bloß, dass vielleicht sein seltsames Verhalten irgendwie mit Marlene zusammenhängt."
Lily runzelte die Stirn. „Ja, Potter, du hast definitiv Wahnvorstellungen." Sie begann zu gehen.
„Kannst du wenigstens mit ihm sprechen?" rief James ihr hinterher. Lily hielt an.
„Wie genau stellst du dir diese Unterhaltung vor? ‚Sag mal, Sev, du hast nicht zufällig Marlene Price - eine meiner besten Freundinnen auf der ganzen Welt - angegriffen, oder?'"
„Frag ihn einfach, warum er im Schloss war," sagte der Zauberer. „Wenn du ihn so gut kennst, wie du denkst, wirst du in der Lage sein, zu sagen, ob er lügt. Richtig?" Er ging wieder zu der marmornen Treppe und Lily seufzte.
„Oh, dank Merlin, du bist nicht tot!"
Mary schloss Lily in eine überraschend feste Umarmung (wenn man beachtete, dass die Brünette ungefähr 59 Pfund wog), die die Vertrauensschülerin mit einem Schulterklopfen und dem Versuch, sich zu entziehen, erwiderte. „Nein, noch nicht ganz tot," stimmte Lily zu. „Fast, aber noch nicht ganz."
„Wo warst du?" wollte Donna mit ihren Händen auf der Hüfte und blitzenden bernsteinfarbenen Augen wissen. „Du bist nicht zurück in den Schlafsaal gekommen… warst heute Morgen nicht hier… warst nicht beim Frühstück! Und nach dem, was mit Marlene passiert ist…. du hättest irgendwo mit abgeschnittenen Armen in einer Ecke der Schule liegen können und wir hätten nicht die geringste Ahnung gehabt!"
„Oh Donna, du sorgst dich!" gurrte Lily, die sich auf ihr Bett setzte.
„Tue ich nicht! Es ist bloß so, dass es höflich von dir gewesen wäre, uns wissen zu lassen…"
„Sie hat überall nach dir gesucht," schaltete sich Mary fröhlich ein.
„Sie hat eine Zweitklässlern bedroht," stimmte Shelley Mumps zu, die ebenfalls gerade im Schlafsaal war. „Tja, jetzt, wo gefunden bist, Lily, gehe ich runter zur Großen Halle. Tschau." Sie warf ihnen ein krummzähniges Lächeln zu und hüpfte aus dem Gemeinschaftsraum, als Lily sich zu ihren zwei Freundinnen umdrehte.
„Wie geht es Marlene? Ist sie aus dem Krankenflügel draußen?"
„Mhm, sie muss Dumbledore treffen," sagte Mary. „Wir haben ihr nicht gesagt, dass du fehlst, weil wir schätzen, dass sie genug Stress hat, aber du liebe Güte, Rotschopf, wo warst du?"
„Tja…" begann Lily unsicher, „ich war… bei Luke."
„Oh-mein-Gott-ihr-hattet-Sex!" keuchte Mary in einem Atemzug.
„Kein Wunder, dass du irgendwie grün aussiehst," sagte Donna.
„Wir hatten keinen Sex," berichtigte Lily ruhig. „Im Ernst, hatten wir nicht."
„Warum zur Hölle nicht?" fragte Mary. „Ich weiß, dass wenn ich einen Kerl, der so gut aussieht wie Harper, so lange daten würde wie du, wäre ich schon vor Jahren über ihn hergefallen."
„Wenn du einen Kerl, der halb so gut aussieht wie Harper, für dreißig Sekunden daten würdest, wärst du schon über ihn hergefallen," warf Donna ein.
Mary lächelte bloß. „Vorsichtig, Topf, der Deckel wird nicht gern schwarz genannt," zwitscherte sie und die beiden warfen sich einen Blick zu, den Lily nicht verstand, aber zu müde war zu hinterfragen.
„Tja," begann Donna, die sich zwang, von Mary wegzuschauen. „Wenn du es nicht mit Harper getan hast, wo wart ihr und was habt ihr gemacht?"
„War es nuttig?" fragte Mary.
„Überhaupt nicht," erwiderte Lily. „Es war… ich meine, ich kann nicht wirklich drüber reden. Luke hat gebeten, nichts zu sagen und ich habe zugestimmt. Es gab irgendwie eine… eine Krise - eine emotionale Krise, schätze ich - und Luke hat meine Hilfe gebraucht."
„Es hört sich nuttig an."
Donna blickte sie mürrisch an. „Nur du, Macdonald, kannst so etwas Banales hören wie ‚emotionale Krise' und es als etwas Nuttiges rein interpretieren."
„Es war nicht der Teil mit der emotionalen Krise," korrigierte Mary grinsend. „Es war der Teil mit ‚Luke hat meine Hilfe gebraucht', Süße."
„In Ordnung," unterbrach Lily. „Das ist genug. Ich lebe noch. Es tut mir leid, dass ich euch nicht gesagt habe, wo ich hin war, aber ich bin extrem müde und würde mich gern für ein paar Stunden hinlegen, wenn ihr also die Lautstärke vor dem Mittagessen unten halten könntet…"
„Wir haben in ein paar Minuten Apparierkurs, Rote," bemerkte Mary. „Willst du, dass ich ihnen sage, dass du krank bist?"
„Würdest du das tun?" fragte Lily und Mary nickte. Sie huschte hinaus, aber Donna blieb und drehte sich zu ihrer Freundin um, die gerade dabei war zu entscheiden, ob sie sich umziehen wollte oder nicht. „Bist du dir sicher, dass alles okay ist, Evans?"
Lily nickte. „Mir gehts gut, Donna." antwortete sie. „Wirklich, ich brauche etwas Schlaf."
„In Ordnung. Wenn du irgendetwas brauchst…"
„Suche ich Alice," schloss Lily lächelnd.
„Ich wusste, dass es einen Grund dafür gibt, warum wir befreundet sind."
Donna ging und Lily legte sich auf ihr Bett. Sie brauchte eine Dusche und obwohl der Gedanke an heißes Wasser sich gerade für sie nach Himmel anhörte, hatte die Vertrauensschülerin wenig Lust auf so viel Bewegung. Stattdessen trat sich Lily die Stiefel aus, griff eine Decke und zog sie über sich. Während sie ihren Kopf von Luke Harper und allem anderen leerte, schloss Lily ihre Augen und das sanfte Schnurren der Katze war das letzte Geräusch, das sie hörte, bevor sie einschlief.
(Zwischenspiel III)
„Äh… hi," sagte Adam unsicher. „Alles erledigt mit Dumbledore? Was hat er gesagt?"
Marlene zuckte mit den Achseln, während sie mit ihren Händen hinter dem Rücken und einem neutralen Gesichtsausdruck an dem Türrahmen zum Schlafsaal der Gryffindorjungs lehnte.
„Weißt du es nicht?" beharrte der andere, der nahe am Fenster saß, mit einem vergessenen Magazin in der Hand. „Warst du nicht da?"
„Ich weiß nicht," seufzte Marlene. „Dumbledore hat mich über alles ausgefragt, was gestern geschehen ist, dann hat er gesagt, dass er meiner Mum schreiben muss, obwohl ich ihn gebeten habe, es nicht zu tun und dann hat er gefragt, wie ich mich wegen der ganzen Sache fühle und ich habe gesagt, nicht gerade toll, aber er müsste sich keine Sorgen machen, dass ich vom Astronomieturm springe oder so… nichts gegen dich."
„Schon verstanden."
„Dann kam James Potter rein und Dumbledore hat ihm zehn Punkte gegeben und wir wurden wieder weggeschickt." Sie zuckte wieder mit den Schultern. „Nicht sehr interessant. Was tust du?"
„Lesen," sagte Adam und deutete vage auf das Magazin. „Hast du schon Frühstück gehabt? Oder Mittagessen? Ich schätze, es ist jetzt fast Mittagsessenzeit."
Marlene schüttelte ihren Kopf. „Ich habe keinen Hunger."
„Willst du reden?"
„Nicht wirklich. Ich habe eine bessere Idee."
„O-kay…" (Als ob er sich nicht sicher wäre, wohin das ging.)
Es wurde klar, warum Marlene bis jetzt ihre Hände hinter dem Rücken hatte; sie zog sie hervor und brachte eine braune Papiertüte zum Vorschein. Adam hob nachfragend eine Augenbraue und Marlene lächelte. Sie durchquerte den Raum und zog zwei Glasflaschen aus der Tüte.
„Was ist das ?" fragte er, als Marlene ihm eine reichte.
„Coca-Cola," sagte sie ihm; Adam beäugte die dunkle Flüssigkeit misstrauisch. „Wer hätte gedacht, dass James Potter so findig ist?"
„Was erklärt, was er vor einer halben Stunde so geheimnisvoll aus seinem Koffer geholt hat," sagte Adam langsam. „In Ordnung - was ist sonst noch in der Tüte?"
Marlenes Lächeln wurde breiter. Sie zog die viereckige Hülle einer Schallplatte heraus und händigte sie ihm aus. Der Titel - geschrieben in spinnenartigen, roten Buchstaben - trug die Worte „The Fresh Bloods" und ein paar gruselig aussehende koboldartige Kreaturen hüpften über das animierte Cover.
„Du hast meine Platte gefunden," sagte er, nahm sie und grinste.
„Du dachtest, ich hätte es vergessen, oder?" forderte die Blondine ihn heraus.
„Tja, es ist nicht so, als ob du nichts anderes in deinem Kopf hattest."
„Ich hab es nicht vergessen. Du hast mich gebeten, sie hoch zu bringen und ich habe gesagt, dass ich das tue. Konnte schließlich kein Versprechen brechen, oder? Rück rüber." Sie setzte sich neben ihn auf die Fensterbank. „Ich schätze, ich habe sie fallen lassen, als… du weißt schon… ich angegriffen wurde und dann muss sie jemand aufgehoben und sie zu den Fundsachen in Filchs Büro gebracht haben, weil ich versucht habe, sie her zu beschwören, aber… tja, um es kurz zu machen, habe ich vielleicht oder vielleicht auch nicht mit dem mehr als gruseligen Hausmeister unserer Schule geflirtet, also gefällt sie dir besser."
Adam lachte. „Oh Merlin, das ist ein Bild, das ich nie sehen wollte. Hier, halte das…" Sie nahm die Cola. Adam ging durch den Raum und legte die Platte auf, die ersten Töne erklangen und er kehrte zum Fensterplatz zurück. „Danke… für das Finden."
Marlene gab ihm wieder die Cola und stieß sie mit ihrer eigenen Flasche an. „Prost, McKinnon."
„Prost."
Es war ein paar Minuten nach zwölf Uhr Mittag, als Lily erwachte. Ihre Muskeln fühlten sich noch steifer an als zuvor und sie war sich plötzlich sehr bewusst, wie dringend sie sich waschen und ihre Zähne putzen musste. Das rosafarbene Hemd, das sie vor 28 Stunden angezogen hatte, kratzte und der Knopf ihres Rocks hatte wahrscheinlich einen Abdruck auf ihrem Bauch hinterlassen. Sie musste duschen, sich umziehen, spülen und es wiederholen. Jetzt.
Leider hatte sie keine Zeit dafür. Luke hatte versprochen sie zum Mittagessen zu treffen und das konnte jederzeit in der nächsten Stunde sein. Lily hatte tief und fest geschlafen, aber ihre Träume waren unruhig gewesen und sie wollte verzweifelt die dringend benötigte Unterhaltung führen, und das lieber früher als später. Anstatt sich also eine luxuriöse, heiße Dusche, gefolgt von einem Pulli und einer Tasse heißem Tee mit ihrem zerfledderten Exemplar von Idyllen des Königs zu gönnen, spritzte sich Lily etwas kaltes Wasser ins Gesicht, putzte sich die Zähne und suchte sich hastig ein Paar Jeans und einen ausgebeulten roten Pulli zum Anziehen.
Sie wusste nicht, wie ausgehungert sie war, bis sie die Große Halle erreichte und die verlockenden Gerüche, die von ihr ausgingen, auf sie einströmten. Es war dann gerade zwölf Uhr zwanzig - normalerweise der Höhepunkt der Mittagessensstoßzeit - aber die einzige ihrer guten Freunde am Gryffindortisch war im Moment Mary. Luke Harper konnte nirgends gesehen werden, deshalb setzte sich Lily neben Mary, darauf bedacht, ein achtsames Auge auf den Ravenclawtisch und den Eingang zu werfen.
Trotzdem, die Zeit verging und während Lily ungefähr sechs Portionen von allem aß (was ihr eine Nachfrage von Mary erntete: „Bist du dir sicher, dass du letzten Nacht keinen Sex hattest?") , war Luke bis ein Uhr immer noch nicht aufgetaucht.
„Bleibst du hier?" fragte Mary, während sie vom Tisch aufstand.
Lily nickte düster. „Bis später im Gemeinschaftsraum. Brauchst du noch Hilfe mit den Zaubertränkehausaufgaben?"
„Oh, immer."
„Ich komme dann etwas später am Nachmittag vorbei."
„Perfekt. Bis später, Liebes."
Um halb zwei war die große Halle fast leer und Luke war immer noch nicht aufgetaucht. Lily hatte sogar seine Ravenclaw-Freunde gefragt, ob sie ihn gesehen hatten, aber das hatte keiner. Sie versprachen alle, ihn in Richtung Bibliothek zu schicken, wenn sie Luke sehen sollten und Lily machte sich selbst auf den Weg dahin, aber erst, nachdem sie Mary und ein paar Zaubertränkebücher aus dem Gryffindorturm aufgesammelt hatte. Eine Stunde Hausaufgaben später war Luke immer noch nicht aufgetaucht und Lilys Frustration wuchs.
Mary ging, aber Lily lungerte in der Bibliothek herum, lieh sich eine Zeitung von einer Hufflepufffreundin und überflog die Seiten nach Informationen zu Logan Harper. Eine muggelstämmige Ministeriumsbeamte war verschwunden, aber der Bruder von Lilys Freund hatte es an diesem Tag nicht in den Tagespropheten geschafft. Das verärgerte sie noch mehr; in den letzten zwölf Stunden war ihr klar geworden, wie wenig sie eigentlich über Lukes Familie wusste und sie bemerkte, dass sie sich nach Informationen über die Harpers sehnte.
Dann kam ihr ein Gedanke. Die meisten reinblütigen Familien wussten ein bisschen etwas übereinander, oder? Hatte nicht James Potter erwähnt, dass er Mr. und Mrs. Harper getroffen hatte? Verschiedene wohlbekannte Namen wie Bones oder Potter oder Prewett tauchten in Unterhaltungen mit Donna auf, an seltenen Gelegenheiten erwähnte Miss Shacklebolt auch die alten Freunde ihrer verstorbenen Eltern. War es nicht möglich, dass Donna etwas über die Harper Linie wusste? Lily ging sofort los um sie zu suchen.
Leider konnte Donna nirgendwo gefunden werden. Lily hatte all die üblichen Plätze ihrer Freundin vergeblich abgesucht, sodass sie fast bereit war, aufzugeben, als sie Sirius Black entdeckte, der alleine am zugefrorenen See saß. Er hatte eine Zigarette in der Hand und kritzelte etwas auf ein Papier und Lily war inspiriert. Sie ging zügig auf ihn zu und hielt mehrere Schritte vor ihm an.
„Hi, Sirius."
Er sah von seinem Projekt hoch - ein Kreuzworträtsel, sah Lily jetzt - und war anscheinend überrascht von ihrer Gegenwart und ihrer Begrüßung. „Hey, Evans." In seinem Tonfall fehlte die typische Sirius Black-Fröhlichkeit. Trotzdem schien er einem Gespräch nicht total abgeneigt zu sein, da er fortfuhr: „Du bist also aufgetaucht. Wie geht es dir?"
„Mir ging es schon besser," gab Lily zu. „Was dagegen, wenn ich mich zu dir geselle?"
„In Ordnung," antwortete Sirius. „Aber du wirst dich auch auf eine andere Art zu mir gesellen müssen…" (Er deutete auf die Zigarette in seiner Hand) „ich rauche nicht gern mit Leuten, die das nicht tun."
Lily verschränkte ihre Arme. „Wirklich, Black?"
„Mhm."
„Na gut." Sie setzte sich auf eine andere Wurzel des großen kahlen Baums, der seinen Schatten über sie beide warf und nahm die Zigarette an, die ihr der Rumtreiber reichte. Er zündete sie mit seinem Zauberstab an und sie zog einmal daran.
„Das ist nicht deine erste Zigarette," beobachtete Sirius locker.
„Wie kommst du darauf?"
„Du hast nicht gehustet. Jeder hustet bei seiner ersten Zigarette."
Lily war erleichtert, so etwas wie ein Grinsen auf den Lippen ihres Begleiters zu sehen; er sah nicht richtig ohne es aus. „Ich hatte eine Phase," sagte sie vage.
„Eine Phase? Oi, ich mag dich direkt viel mehr. Wann war sie?"
„Was? Die Phase? Vor ein paar Sommern." Lily lachte über die Erinnerung. „Ja, ich war für einen ganzen Monat lang rebellisch und dann bemerkte ich, dass es gar nicht zu mir gepasst hat."
„Tattoos?"
„Leider nicht."
„Ah. Ich gefährde jetzt aber nicht deinen Entschluss bezüglich der Zigaretten, oder?"
„Ich war nie abhängig," merkte Lily vernünftig an. „Es war bloß ein Monat." Sirius kehrte zu seinem Kreuzworträtsel zurück, aber die Vertrauensschülerin war nicht beleidigt. „Ist dir nicht kalt, wenn du hier draußen so sitzt?"
Er zuckte die Achseln. „Ich hab ein paar intus."
Lily war sich nicht sicher, ob er Witze machte oder nicht, aber sie dachte eher nicht und etwas an seinem Verhalten machte ihr Sorgen. „Ist alles in Ordnung, Sirius?"
„Mit mir? Oh, ja, nie besser." Lily glaubte ihm nicht. „Gab es etwas, worüber du mit mir sprechen wolltest oder konntest du einfach nicht wegbleiben?"
„Es gab tatsächlich etwas," sagte der Rotschopf, als sie sich an ihr Vorhaben erinnerte. „Ich wollte dich fragen, ob du irgendwas über die Harpers weißt."
„Die Harpers? Deine Harpers?"
„Richtig. Luke Harpers Familie."
„Oh…" Sirius überlegte eine Minute. „Tja, ich schätze, ich weiß ein bisschen was. Die meisten Reinblutfamilien kennen sich irgendwie… ich weiß nicht - über wen willst du denn etwas wissen?"
„Einfach - was du mir sagen kannst." Sie nahm einen weiteren Zug.
Sirius zuckte die Achseln. „Sie sind nicht so eng mit meiner lieben Familie, wenn dir das was sagt. Mr. und Mrs. Harper sind ziemlich langweilige Typen… er ist groß, sie ist klein und sie sind beide fett geworden. Politisch sind sie ziemlich apathisch, schätze ich. Sie sind die Art Familie, die sich aus dem Blutkampf heraushält, indem sie sagt, dass sie „loyal zu ihrer Familie" sind, denke ich. Das hat eine Weile funktioniert, aber seit Neustem haben die Puristen angefangen, das als Ausweichmanöver zu interpretieren, weißt du? Wie, wenn eine Familie wirklich „Reinblüter"-Vertreter wäre, soll sie auch rauskommen und es sagen."
„Also würdest du sagen, dass die Harpers nicht so… extrem… wie deine Familie ist?" Lily hoffte, dass das nicht unsensibel war, aber Sirius zuckte wieder nur die Achseln.
„Ich schätze nicht. Es ist schwierig zu sagen - bei den meisten Familien gibt es Äste, die extrem sind und Äste, die moderat sind und Äste, die „Muggelliebende"-Fanatiker sind…" Er grinste ein bisschen. „Die Blacks sind eine der wenigen Ausnahmen, sollte ich hinzufügen - es gibt ein paar Nichtverrückte in unserer toujours pur Blutlinie, aber nicht genug, um als ein Ast zu gelten. Auf der anderen Seite sind die Harpers keine so alte Familie wie die Blacks oder die Potters oder die Malfoy. Sie sind gerade mal ein Jahrhundert alt, schätze ich. Aber wie ich gesagt habe, ist es schwer, ein generelles Urteil über die meisten Familien zu fällen. Zum Beispiel, wenn du diesen Logan Harper Typ nimmst… vielleicht ist er ein Todesser, vielleicht auch nicht, je nach dem, wie sich der Tagesprophet heute fühlt… obwohl ich schätze, dass du alles darüber weißt."
„Mmm," war Lilys unpräzise Antwort.
„Warum willst du das eigentlich wissen?" erkundigte sich Sirius, nach oben ausatmend. „Überlegst du dir, dich der Familie anzuschließen?"
„Hmmpf. Nicht wirklich."
„Gut."
Lily hob eine Augenbraue. „Gut?"
„Klar. Was siehst du eigentlich in diesem Kerl? Harper. Er scheint mir ein bisschen… hölzern."
„Sirius," tadelte die Hexe ihn aufziehend. „baggerst du mich an?"
Er grinste. „Indirekt vielleicht."
„Ich denke nicht, dass du weißt, was das Wort bedeutet, Sirius." Sie schüttelte ihren Kopf und Sirius Grinsen wurde breiter - es schien jetzt ehrlich und das ermutigte Lily.
„Was tust du eigentlich hier ganz alleine?" fragte sie.
„Das Kreuzworträtsel," antwortete er, als ob es offensichtlich wäre. „Das Kreuzworträtsel und die Nachrufe sind in diesen Tagen die einzigen Teile des Tagespropheten, die es sich zu lesen lohnt."
„Das stimmt nicht," verteidigte Lily. „Liest du Dorothea Greys Kolumne? Sie hat einen fantastischen Kommentar zu…." Sie brach ab. „Du hast mich aufgezogen, oder?"
„Oh, niemals."
„Wo sind die anderen?" blieb der Rotschopf hartnäckig, woraufhin Sirius die Achseln zuckte. „Es ist seltsam, dich ohne die anderen zu sehen…. wie, wenn man einen abgetrennten Arm sieht. Wenn das beleidigend ist, tut es mir leid."
„Beleidigend, aber deprimierenderweise akkurat."
„Warum bist du dann nicht bei ihnen?"
Aber Sirius antwortete nicht. Er kehrte einfach zu seinem Rätsel zurück. Lily seufzte, sie wollte ihm gerade sagen, dass sie ihn in Ruhe lassen würde, als der Rumtreiber unerwarteterweise sprach: „Dein Dad ist tot, richtig?"
„Ähm… ja." Sirius fuhr fort, Buchstaben in die kleinen Kästen seines Kreuzworträtsels zu kratzen und fuhr nicht fort, sodass Lily, die Asche von ihrer Zigarette abklopfte, ihn aufforderte: „Gibt es denn einen Grund, warum du fragst?"
„Ich weiß nicht…" Er hatte aufgehört zu schreiben und zwang sich, seine Augen auf das Papier gerichtet zu lassen. „Es muss seltsam gewesen sein, oder? Dass jemand einfach so stirbt? Ich meine - wusstest du lange davor, dass es passieren würde?"
„Nicht wirklich," sagte Lily sanft. Sie redete nicht oft darüber. Das letzte Mal, dass sie es überhaupt besprochen hatte, war vor all diesen Monaten mit James gewesen. Es war lustig - er hatte damals auch geraucht. Es kam Lily in den Sinn, dass sie James schon länger nicht mehr mit seinen Zigaretten gesehen hatte… „Ich meine, sie haben herausgefunden, dass er krank war, während ich hier war. Die Ärzte - sie sind so was wie Muggelheiler, weißt du - sie sagten, er hätte noch… sechs Monate oder so, aber Mum hat mir das nicht gesagt. Das war… schrecklich." Sie erinnerte sich daran, wie sie alles herausgefunden hatte - der Blick auf dem Gesicht ihrer Schwester, als ob es ihre, Lilys, Schuld wäre, dass sie nicht gewusst hatte, wie wenig Zeit sie noch hatten. „Aber ich bin Weihnachten heimgekommen und es war ziemlich klar, dass sich Dads Zustand schneller verschlechterte, als angenommen. Mum sagte mir, wie viel Zeit wir haben sollten. Ich hatte bloß ein paar Wochen mit ihm, bis… tja, ich meine - er starb in der ersten Januarwoche."
„Sieh, das verstehe ich nicht," platzte es wütend aus Sirius heraus. „Warum würden sie es dir nicht sagen? Dachten sie, es wäre besser, wenn er einfach - bäm, plötzlich tot umfällt?"
Lily sah ihn vorsichtig an und er sah ihr kurz in die Augen. Sie tauschten einen Blick, der alles sagte: Lily wusste, dass Sirius von seinem Onkel wusste und Sirius wusste, dass Lily… tja, dass Lily nicht mehr über ihren Vater sprach. „Ich denke," begann sie, „dass sie nicht wollten, dass ich das mit mir herumschleppe, die Tatsache, dass er stirbt. Sie wollten es mir sagen… Sie wollten mir genug Zeit geben zu trauern, bevor es passierte, aber sie… sie wollten mich nicht so belasten… gerade, weil es nichts gab, was ich dagegen hätte tun können."
Sirius war für eine lange Zeit still, das Papier mit etwas anstarrend, das Lily für vorgetäuschte Konzentration hielt, bis er den Mund öffnete: „Stolpern, dehnen und Wackeln - elf Buchstaben."
Es dauerte einen Moment, bis sie erkannte, dass er über das Kreuzworträtsel sprach. Lily dachte darüber nach. „Verhexungen. Wackel-, Stolper- und Dehnungsverhexungen." Sie kam auf ihre Füße. „Ich sollte gehen, aber danke für die Info über die Harpers."
„Kein Problem." Er zögerte. „Und… danke für die Kreuzworträtselantwort."
„Richtig. Kein Problem."
Um vier Uhr war Lily mehr besorgt als verärgert. Es musste einen Grund dafür geben, dass Luke so spät war… sein bester Freund in Ravenclaw bestand darauf, dass er Luke den ganzen Tag noch nicht gesehen hatte (erklärte es aber sorglos damit, dass sich ihre Pfade einfach noch nicht gekreuzt hatten) und erneuerte sein Versprechen, ihn zur Bibliothek zu schicken, sollte er den vermissten Zauberer entdecken. Also kehrte Lily zur Bibliothek zurück und versuchte ungefähr eine halbe Stunde lang an ihren Hausaufgaben zu arbeiten (es waren wirklich viele), bis Severus Snape auftauchte.
„Sev!" rief Lily ihn, was ihr einen bösen Blick von der Bibliothekarin Ms. Sevoy erntete. Trotzdem hatte sie ihr Ziel erreicht, die Aufmerksamkeit ihres Slytherinfreundes zu bekommen und er ging zu dem Tisch hinüber, an dem sie saß.
„Arbeitest du an dem Aufsatz für Dunkle Künste?" fragte er.
Lily schüttelte den Kopf. „Tue nur so. Ich kann mich nicht konzentrieren. Setzt du dich zu mir?"
Snape sah sich in der Bibliothek um, aber nur ein paar streberhafte Ravenclaws verbrachten ihren Sonntagnachmittag hier und er setzte sich. Lily bemerkte, aber kommentierte es nicht; sie erinnerte sich jedoch an James Potters Bitte von diesem Morgen.
„Hast du von diesem Vortrag heute Abend gehört?" fragte sie ihn in einer, wie sie hoffte, lockeren Stimme. „So ein Ministeriumstyp kommt um uns etwas über die Folgen schwarzer Magie zu erzählen."
„Ja, hab ich gehört," antwortete Snape unverbindlich, bevor er sarkastisch hinzufügte: „Das wird spaßig."
Lily grinste. „Wir können immer noch schwänzen und hoch zu diesem miesepetrigen Porträt der Hexe im vierten Stock gehen wie früher. Erinnerst du dich? Wir haben sie mit Knuts beworfen, bis sie so wütend war, dass sie gedroht hat, unsere Familien zu verfluchen."
Etwas wie ein Lächeln flackerte über Snapes dünne Lippen. „Ja, ich erinnere mich."
„Außer du willst lieber hingehen," zog Lily ihn auf. „Ich weiß nicht. Könnte bildend sein. Du könntest vielleicht etwas lernen."
„Mhm."
In Ordnung, er musste das mit Absicht tun. Snape war selten gesprächig, aber einer Unterhaltung wie dieser widerstand er selten. Außer…
Lily sah sich in der Bibliothek um, aber nein, es waren definitiv keine Slytherins in der Nähe. Sie runzelte die Stirn und seufzte tief, während Snapes Augen auf der Seite eines Buchs blieben. „So, was hast du in Hogsmeade gestern gemacht?" fragte sie, während sie am Ärmel ihres Pullis zog. „Irgendwas Interessantes?"
Snape zuckte die Schultern. „Nicht wirklich. Ich habe ein neues Buch gekauft und bin früh zurück um es zu lesen."
Lily hätte ihn umarmen können. Sie war sich nicht sicher, wann es angefangen hatte, aber sie erkannte jetzt, dass sie tatsächlich begonnen hatte, manchen von James' Verdächtigungen Glauben zu schenken und die Präsentation einer logischen Alternativerklärung - präsentiert ohne Gefühl oder Falschheit erleichterte sie mehr, als sie hätte zugeben wollen.
Sie ging ihm nicht ins Dorf nach, obwohl sie sich ein dutzend Mal dazu entschloss. Zweimal war sie auf dem halben Weg zur Eingangshalle, bis sie anhielt und umkehrte.
Lily aß um halb sechs Abendbrot und Luke Harper blieb abwesend. Sie kaute auf ihrer Lippe, beobachtete den Ravenclawtisch, wippte mit ihrem Fuß, nervte ihre Freunde mit ihrer Untätigkeit, still zu sitzen und die ganze Zeit, kein Luke. Aber sie ging ihn nicht ins Dorf suchen, denn aus welchem Grund auch immer, dachte Lily nicht - nein, fühlte sie nicht - dass er wirklich in Gefahr war.
Intellektuell verstand sie, dass er das vielleicht war, aber sie glaubte es ehrlich nicht. Es gab einen Grund, weshalb er nicht ins Schloss zurückgekehrt war und sie wusste nicht, was er war, aber sie mochte ihn nicht.
„Lily…"
Donna riss sie aus ihren unglücklichen Gedanken.
„Kommst du?"
Der Rotschopf nickte und folgte ihren Freundinnen in die Große Halle, aus der die Tische entfernt worden waren um von Dutzend Bänken in zwei Blöcken ersetzt zu werden, die von anderen Schülern halb besetzt waren. Es sah aus wie in einer Kirche.
Lilys Armbanduhr zeigte die Uhrzeit 18:52 an und die Hexe oder der Zauberer vom Ministerium - die Person, die den klassischen Vortrag halten würde um Schülern von der Verwendung schwarzer Magie abzuraten oder so - würde in ein paar Minuten beginnen. Schüler strömten hinein, verärgert von der Vorstellung, ihre verstreichenden Stunden des Wochenendes mit einem Pflichtvortrag zu verbringen. Lily konnte es ihnen nachfühlen: nicht nur war dies der letzte Ort, an dem sie gerade sein wollte, sondern McGonagall hatte sie auch noch als Vertrauensschülerin damit beauftragt, sicherzustellen, dass die Gryffindors im Gemeinschaftsraum und in den Schlafsäalen ihren Weg nach unten finden würden. Remus, ihr Vertrauensschülerpartner, hätte da sein sollen um zu helfen, aber er war wieder zuhause um seine Mum zu besuchen. Die anderen drei Rumtreiber, bemerkte Lily, waren ebenfalls abwesend, aber sie fühlte sich nicht verpflichtet, das Schloss nach ihnen abzusuchen; sie würden auftauchen, wenn sie es wollten und wenn nicht, war es nicht ihre Pflicht, ihr Babysitter zu spielen.
Und so rutschte Lily in ihre Bank mit Mary und Donna, gerade genug Platz lassend, dass ein oder zwei Personen zwischen sie und das Ende der Bank passten. Sie lehnte sich zurück, verschränkte ihre Arme und wartete darauf, dass das Ding begann.
Schließlich schritt ein plumper, o-beiniger Zauberer zum Ende der Halle, wo der Tisch der Lehrerschaft normalerweise stand, der jetzt aber durch ein einfaches Podium ausgetauscht worden war. Er klopfte sich gerade mit dem Zauberstab gegen den Hals - zweifellos um seine Stimme zu verstärken - als der leere Platz zu Lilys Linken plötzlich nicht mehr leer war.
Luke war da.
„Wo zur Hölle warst du?" fragte Lily, gerade als der Zauberer anfing zu sprechen.
„Ich bin so froh, heute Abend mit Ihnen allen zu sprechen…"
„Im Dorf," murmelte Luke, sodass nur Lily es hören konnte. Er ließ seine Augen jedoch auf dem Sprecher und das frustrierte die Hexe nur noch mehr.
„Ist alles okay?"
„Alles ist in Ordnung," sagte Luke.
„Ich dachte, er hätte vielleicht wieder angefangen zu bluten oder…"
„Nein, es geht ihm gut."
Lily wartete auf eine längere Erklärung, aber als keine kam, drängte sie: „Warum bist du nicht zurück gekommen? Du warst derjenige, der gesagt hat, dass wir uns zur Mittagszeit treffen. Es wäre nett gewesen zu wissen, dass es dir gut geht…"
„Es tut mir leid, Lily," unterbrach der Zauberer scharf. „Ich wollte mehr Zeit mit… ihm verbringen. Wir haben den Nachmittag mit Reden verbracht, das ist alles."
Lilys Wut war jetzt angestachelt. „Warum hast du keine Eule geschickt?"
„Wir… ich… ich war beschäftigt. Es tut mir leid." Er sprach dieses Mal weicher, aber Lily war nicht so leicht besänftigt. Sie beobachtete sein Profil genau und versuchte es zu lesen.
„Du weißt, dass ich verstehe, dass du mit ihm reden willst," begann sie. „Aber das waren Stunden. Es ist nicht typisch für dich, einfach zu vergessen zu schreiben." Luke sagte nichts. Lily richtete ihre Augen wieder auf den Sprecher.
„Flüche sollten nur zur Verteidigung genutzt werden und hier in Hogwarts niemals außerhalb des Klassenraumkontexts…"
„Wir werden eine volle Unterhaltung über das hier haben," fuhr Lily gegenwärtig fort, immer noch nach vorne blickend. „Die Tatsache, dass ich den Ort eines flüchtigen Straftäters kenne - von dessen Schuld ich ziemlich überzeugt bin - verträgt sich nicht gut mit meinem Gewissen."
Luke schüttelte den Kopf. „Das tust du nicht."
„Was?" Lily drehte sich wieder zu ihm, aber er starrte nach vorne.
„Du kennst nicht den Ort eines flüchtigen Straftäters. Er ist vor einer Stunde gegangen."
„Ich dachte, er bleibt ein paar Tage."
Luke zuckte bloß die Achseln. Dann war Lily plötzlich alles sehr klar.
„Er hatte nie geplant, ein paar Tage zu bleiben, oder?" fragte sie ein bisschen lauter. Luke warf ihr einen „Bitte sei still!"-Blick zu und obwohl sie ein oder zwei Dezibel leiser sprach, war ihre Stimme wutentbrannt. „Er hat die ganze Zeit geplant zu gehen. Deshalb musste ich über Nacht bleiben… deshalb hast du mich gebeten, nichts zu sagen, bis du zurückkommst…. weil du nicht zurückgekommen wärst, bis er weg war! Stimmt das nicht?"
„Lily," begann Luke wackelig. „Du musste verstehen - ich habe dir vertraut. Wirklich. Aber es war nicht meine Sicherheit, die in Gefahr war. Ich würde dir mein Leben anvertrauen, aber…"
„Aber nicht das deines Bruders," unterbrach sie, unfähig, Luke noch länger anzusehen. „Du hast mich hereingelegt und du hast mich manipuliert."
„Ich habe dich nicht manipuliert," verteidigte sich der andere. „Und zu hereingelegt, wie würdest du die Aktion nennen, die du mit dem Schlaftrunk abgezogen hast?" Aber Lily ignorierte ihn jetzt. „Lily, es gab Dinge, über die wir reden mussten… mein Dad, er ist krank und Lo- mein Bruder und ich hatten nicht mal eine Chance…"
„Das ist mir egal," fuhr Lily ihn an. „Ich hätte all dem letzte Nacht zugehört und hätte das Geheimnis bewahrt, bis wir eine Chance gehabt hätten, darüber zu sprechen, wenn du mich gebeten hättest. Aber du hast mich angelogen. Du hast mich angelogen. Die Sache, die ich immer an dir bewundert habe, war, dass es keine… Täuschung bei dir gab. Du warst geradeheraus und ehrlich und süß und wahrhaftig…"
„Ich bin die selbe Person," flehte Luke. „Ich sage dir jetzt alles, oder? Lily, ich liebe dich und ich würde nie etwas tun um dich zu verletzen. Ich wollte dir den Gewissenskampf ersparen. Ich wollte dich beschützen."
„Nein, das wolltest du nicht."
„Wenn ihr doch seht, wie jemand einen anderen Schüler verflucht, ist es sehr wichtig, dass ihr mit jemandem darüber spricht."
„Du hast überhaupt nicht über meine Sicherheit nachgedacht," fuhr Lily in einem wütenden Flüsterton fort. „Wenn dir mein Gewissen oder meine Sicherheit auch nur ein Funken Wert gewesen wären, hättest du mich nicht gefragt, das zu tun, was du mich gefragt hast und du wärst nicht eingeschlafen und hättest damit nicht deine muggelstämmige Freundin alleine in einem Raum mit deinem Todesserbruder gelassen!" Hier drehte sie sich zur Seite um in seine braunen Augen zu schauen, die sich vor Überraschung und Grauen weiteten, als ob ihm gerade erst einfiel, wie irgendwas davon überhaupt Lily betreffen könnte.
„Blume, ich… ich wollte nicht… ich kann nicht…"
„Ich kann auf mich selbst aufpassen, Luke," antwortete sie kalt. „Du musst mich nicht beschützen. Aber es wäre nett gewesen, wenn du es zumindest versucht hättest."
Luke war still.
„Fast die Hälfte der Häftlinge auf Azkaban haben die Benutzung eines ‚Unverzeihlichen Fluches' in ihren Akten…"
„Ich liebe dich wirklich, Lily," wisperte er schließlich, eine Hand ausstreckend und ihren Oberarm berührend - der einzige Teil, der gerade verfügbar war, da ihre Arme entschlossen verschränkt waren. Sie sah ihn nicht an. Nie, seit er zum ersten Mal diese drei Worte im September zu ihr gesagt hatte, hatte Lily die Aufrichtigkeit, mit der Luke sie sprach, bezweifelt - oder überhaupt hinterfragt oder daran überlegt… Jetzt tat sie es.
Und noch nie war sie weniger in Versuchung gewesen, sie zurück zu sagen.
(Abgang)
Marlene stand hinten. Sie hatte nicht geplant überhaupt zu kommen, aber es gab im verlassenen Gemeinschaftsraum sonst nichts zu tun und so schlüpfte sie hinein, als der beleibte Zauberer, der gesandt worden war um mit den Schülern von Hogwarts zu sprechen, bereits seine Ansprache, die sicherlich aufschlussreich werden würde, begonnen hatte, obwohl Marlene nur halb zuhörte.
Trotzdem war sie nicht die letzte Person, die reinkam. Alice Griffiths stahl sich durch die leicht geöffneten Tore der Großen Halle nur ein paar Minuten, nachdem Marlene selbst reingekommen war; die ältere Hexe stellte sich sofort zu Marlene an die Wand.
„Habe ich etwas verpasst?" flüsterte die Siebtklässlerin sarkastisch.
„Bin gerade erst selbst gekommen. Ich denke, er redet darüber, wie sehr wir alle nicht nach Azkaban gehen wollen. Anscheinend ist es doch nicht so der perfekte Urlaubsort, wie wir alle dachten."
„Tja, da fallen meine Sommerpläne wohl ins Wasser," antwortete Alice und Marlene unterdrückte ein Lachen.
„Ich habe überlegt, ob ich schwänzen soll oder nicht," fuhr die jüngere Hexe leise fort. „Was ist deine Entschuldigung für's Zuspätkommen?"
„Hausaufgaben," seufzte Alice. „Es sind die verdammten UTZe. Ich bin mir sicher, dass ich durch jede einzelne Prüfung durchfallen werde und ich kann mich immer noch nicht konzentrieren. Ich brauche Ewigkeiten, bis ich eine einzige Aufgabe erledigt habe… und all die Recherche! Es macht mich verrückt."
„Tja, es ist gut zu wissen, dass ich mich darauf freuen kann," grummelte Marlene.
Alice nickte und beide Hexen waren für einige Zeit still.
„Wenn ihr euch fragt, ob es angemessen ist, einen bestimmten Zauber zu benutzen, fragt euch - verletzt er jemanden anderen? Gefährde ich jemand anderen? Gefährde ich mich selbst?"
„Also, Frank hat letzte Nacht versucht, mit mir zu sprechen," murmelte Alice gegenwärtig.
„Wirklich? Was ist passiert?"
„Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht reden will." Die Siebtklässlerin zuckte mit den Schultern. „Was irgendwie stimmte, schätze ich. Ich weiß nicht."
„Du weißt nicht? Warum nicht?"
Alice dachte über die Frage nach. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich gerade ihn vermisse oder ob ich die Idee von ihm vermisse. Es scheint aber alles so kleinlich, weißt du, und ich will nicht mehr Drama in meinem Leben. Ich will mich auf die Schule konzentrieren und darauf, ins Aurorenprogramm zu kommen und Dinge, die wichtig sind."
„Jungs sind wichtig," sagte Marlene. „Sie sind nicht so wichtig, wie manche Leute glauben, aber sie sind auch wichtiger, wie andere Leute denken."
„Jungs ja," murmelte Alice. „Frank nein." Sie hielt inne. „Denkst du, ich sollte mit ihm sprechen, wenn er es wieder versucht?"
Marlene zuckte bloß mit den Schultern. „Ich weiß nicht - was ist das Schlimmste, was passieren könnte?"
Alice lächelte schwach. „Ich schätze, du hast Recht. Ich denke, ich setz mich mal - kommst du mit?"
„Ich denke nicht," sagte die andere. „Ich überlege noch, früher zu gehen."
„Bücher mit Inhalten zu schwarzer Magie sollten nur zur Recherche genutzt werden. Schreiben, kein Zauberstabwedeln…"
Marlene sah zu, wie Alice auf einen Platz ein paar Reihen vor ihr schlüpfte und als sie das tat, bemerkte die Sechstklässlerin einen Kopf ungekämmtes Haar, das ihre Aufmerksamkeit fing. Der Zauberer saß in der zweitletzten Reihe und war einer der wenigen in dieser Reihe, so dass der Platz zu seiner Linken und zu seiner Rechten frei war. Marlene schritt sofort vor und setzte sich zwischen den Zauberer und das Ende der Bank.
Severus Snape sah überrascht auf. Jedoch sagte er nichts und richtete seinen Blick schnell wieder zum Ministeriumszauberer.
„Ich weiß, dass du es warst," sagte Marlene. Sie fühlte, wie sich Snape neben ihr anspannte. „Du hast dein Gesicht aus meinen Erinnerungen gelöscht," fuhr sie in einem Unterton fort, „aber ich habe deine Stimme erkannt."
Schließlich: „Was tun wir dann hier genau?" Er sprach ziemlich ruhig.
„Ich werde es nicht Dumbledore oder der Lehrerschaft sagen," fuhr Marlene fort, ihre Augen nach vorne gerichtet. „Aber ich wollte, dass du weißt, dass ich es weiß."
Snape sah sie an. „Warum wirst du es nicht erzählen?"
Marlene hob ihre Augenbrauen, als ob die Antwort offensichtlich wäre. „Erinnerst du dich nicht an das, was du zu mir gesagt hast?" Auf das Flackern der Wiedererkennung in Snapes schwarzen Augen hin, dachte sie, dass er das tat.
„Lily!" Marlene hörte, wie der Name ihrer Freundin im stillen Flur gerufen wurde und drehte sich instinktiv um.
Zuerst dachte sie, sie wäre in den Bauch geboxt worden und ohne sich eines Falls bewusst zu sein, war sie plötzlich auf dem Boden. Sofort war jedoch jeder bewusste Gedanke durch den Schmerz blockiert, der durch jeden Nerv ihres Körpers pumpte. In ihren Ohren dröhnte es und alles schien so laut, aber sie war sich nicht sicher, ob sie schrie oder ob ihre Stimme überhaupt noch funktionierte. Sie würgte bloß nach Luft.
Ihr Augen waren Schlitze, aber sie sah, wie zwei Zauberer näher kamen - einer mit ausgestrecktem Zauberstabarm und der andere wie verrückt kichernd. Es war Severus Snape und dieser Freund von ihm - Hester oder so. Snape war derjenige mit dem Zauberstab.
Es ging weiter. Schmerz, Schmerz, Schmerz, der ihr Blut verbrannte und gegen ihre Knochen presste, bis sie sicherlich kurz vor dem Zerbrechen waren und… dann hörte es auf. Für ein paar Sekunden tat ihr ganzer Körper weh und sie fing gerade an, sich zu erinnern, wie es sich anfühlte, nicht diesen brennenden Schmerz zu erleben, als sie ein Zischen, „Crucio!", hörte und es wieder von vorne anfing.
Sie wusste, dass sie dieses Mal nicht schrie - die Luft fehlte ihr - sie würgte und krümmte sich und Oh Gott, lass es aufhören. Alles, damit es aufhörte.
Dann zog sich noch einmal der Schmerz zurück, langsamer dieses Mal und weniger bemerkbar, aber sie war vorbereitet und - mit stechenden Tränen - keuchte Marlene: „Warum tust du das?"
Der Hester Junge lachte. „Wir haben die arme Evans zum Weinen gebracht!"
Marlene hatte kaum registriert, dass Hester sie als die falsche Person angesprochen hatte. Snape war in der Zwischenzeit näher geschritten, hatte sich runtergebeugt und gemurmelt: „Es ist für sie, weißt du." Dann stach er den Zauberstab gegen ihre Schläfe und es begann erneut.
Marlene berührte ihre Stirn sanft. Sie konnte immer noch eine unsichtbare Narbe fühlen, wo sein Zauberstab sie getroffen hatte - wie der Schmerz von dem Punkt aus durch ihren Körper geflossen war, wie sie die Hand ausstrecken und ihn greifen wollte… ihn wegschieben wollte, irgendwas, aber zu hilflos gewesen war um ihre Gliedmaßen zu kontrollieren, ihre Stimme…
Sie hielt inne. Snape sah sie an, zweifellos an einem ähnlichen Ort in seinem Kopf (nur auf der anderen Seite), aber er schien auf eine Art Erklärung zu warten.
„Du hast gesagt, du hast es für sie getan," flüsterte Marlene. „Der Junge bei dir - Hester… richtig? Er hat mich Evans genannt. Du hast Lily gerufen, als du das erste Mal…" Sie fuhr den Gedanken nicht fort, aus Angst, er könnte einen weiteren Ansturm ungebetener Erinnerungen auslösen. „Er dachte, ich sei Lily… ich weiß nicht, wie oder warum und es ist mir egal, aber… das ist es, oder?" Snape stimmte weder zu, noch bestritt er es, also schätze sie, dass sie richtig geraten hatte. „Es macht keinen Sinn, dass du und Lily Freunde seid," fuhr Marlene wackelig fort. „Ich schätze, deine Kumpels in Slytherin sind nicht scharf darauf, da sie muggelstämmig und eine Gryffindor ist und alles. Ich schätze, sie würden vielleicht wollen, dass du deine Loyalität beweist."
„Das erklärt nicht, warum du es nicht erzählt," bemerkte Snape kalt. Sein Unwissen gefiel ihm sichtlich nicht.
„Weil," und jetzt war da ein scharfer Unterton in ihrer Stimme, „wenn herauskäme, dass du mich angegriffen hättest, deine Leute mitkriegen würden, dass Lily nicht angegriffen wurde. Ich denke, einmal wollen wir dasselbe. Du möchtest Lily beschützen und ich will auch nicht, dass ihr etwas zu stößt. Aber sie ist nicht sicher, wenn sie mit dir befreundet ist, oder? Also hier ist es - solange, wie Lily nichts passiert, passiert dir nichts. Ich werde mich nie daran erinnern, wer mich angegriffen hat und alles wird ruhig. Aber du - und deine Freunde - bleiben weg. Verstanden?"
Wieder blitzte etwas in Snapes Augen auf, als ob er gerade erkannt hatte, was das war. Erpressung. „Was soll mich davon abhalten, sicherzugehen, dass du es nicht erzählt? Deine Erinnerung zu löschen oder…"
„Du weißt nicht, wem ich es sonst erzählt habe," sagte Marlene. „Ich habe es nicht McGonagall oder Dumbledore gesagt, aber das heißt nicht, dass ich es keinem anderen Schüler erzählt habe. Vielleicht habe ich das nicht. Vielleicht habe ich alles komplett für mich behalten oder vielleicht habe ich jemanden gesagt, ein Auge auf die Dinge zu werden, sollte ich anfangen, Erinnerungslücken zu haben oder meine Meinung zu ändern, bezüglich, wer mich angegriffen hat." Sie schob ihren Unterkiefer entschlossen nach vorne. „Es sollte nicht schwierig für dich sein - es ist etwas, was wir beide wollen."
„Unverzeihliche Flüche im Allgemeinen führen zu einem selbstzerstörerischen, unproduktiven Lebensstil…"
Langsam nickte Snape. „Lily passiert nichts." stimmte er zu.
„Gut." Sie stand auf und ging zu dem Platz neben Alice.
„So, als junge Hexen und Zauberer heute," dröhnte der Zauberer weiter, „müsst ihr euch fragen, ‚Ist das wirklich die Entscheidung, die ich machen will?'"
